Read synchronized with  English  Spanisch  Italian  Czech  Russian 
Der sterbende Detektiv.  Arthur Conan Doyle
Buch. Der sterbende Detektiv
< Prev. Chapter  |  Next Chapter >
Font: 

Mrs. Hudson, Sherlock Holmes' Wirtin, hatte eine Menge zu erdulden. Die Wohnung im ersten Stock wurde nicht nur zu jeder Tages- und Nachtzeit von Scharen undurchsichtiger und'., unerwünschter Charaktere heimgesucht, sondern ihr seltsamer Mieter legte so exzentrische Züge an den Tag und führte ein so unregelmäßiges Leben, daß er oft genug zum Prüfstein für ihre Geduld wurde. Seine unglaubliche Unordnung, die Gewohnheit, zu den unmöglichsten Stunden Geige zu spielen, seine gelegentlichen Revolverübungen innerhalb der Wohnung, seine unverständlichen und oftmals stinkenden physikalischen Experimente; und die Atmosphäre von Gewalt und Gefahr, die ihn umgab, machten ihn zu dem schlimmsten Mieter von ganz London. Andererseits bezahlte er eine königliche Miete. Ich möchte wetten, daß man für den Mietpreis, den Sherlock Holmes damals zahlte, als ich mit ihm zusammenlebte, das ganze Haus hätte kaufen können.

Die Wirtin hatte jedoch den größten Respekt vor ihm. Nie wagte sie es, sich einzumischen, wie schockierend er sich auch; immer benahm. Sie mochte ihn gerne, denn er hatte eine sanfte Art und war im Umgang mit Frauen sehr höflich. Zwar mißtraute er Frauen und lehnte sie ab, war aber immer ein ritterlicher Gegner. Ich wußte, wie echt ihre Gefühle für ihn waren, und so hörte ich ihr auch aufmerksam zu, als sie eines Tages, im zweiten Jahr meiner Ehe, zu mir kam und mir berichtete, wie schlecht es meinem armen Freund ging.

»Er wird sterben, Dr. Watson«, sagte sie. »Seit drei Tagen 1 geht es ihm immer schlechter und schlechter, und ich glaube kaum, daß er es noch einen Tag macht. Er wollte aber nicht, daß ich einen Arzt hole. Heute morgen war sein Gesicht bloß noch Haut und Knochen. Als er mich mit seinen großen, fiebrigen Augen ansah, konnte ich es kaum ertragen. >Ob Sie es erlauben, Mr. Holmes, oder nicht, ich hole noch in dieser Stunde einen Arzt!< sagte ich. >Aber dann bitte Dr. Watson<, sagte er. Ich habe, keine Zeit verschwendet und bin sogleich zu Ihnen gekommen, Sir. Ich hoffe bloß, daß Sie ihn noch lebend vorfinden.«

Ich war erschüttert, denn ich hatte keine Ahnung gehabt, daß Holmes krank war. Unnötig zu erwähnen, daß ich mir eiligst meinen Mantel anzog und den Hut aufsetzte. Während der Fahrt zur Baker Street bat ich sie, mir Einzelheiten zu erzählen.

»Da gibt es wenig zu erzählen, Sir. Er hat unten in Rotherhithe, in einer kleinen Gasse nahe am Fluß, an einem Fall gearbeitet. Von dort hat er die Krankheit mitgebracht. Am Mittwochnachmittag hat er sich ins Bett gelegt und seither ist er nicht wieder aufgestanden. In diesen drei Tagen hat er weder etwas gegessen noch getrunken.«

»Guter Gott, warum haben Sie keinen Arzt gerufen?«

»Er wollte es nicht erlauben, Sir. Sie wissen, welch starken Willen er hat. Ich habe nicht gewagt, ihm zu widersprechen. Aber nun lebt er nicht mehr lange, das werden Sie selbst feststellen, sobald Sie ihn zu Gesicht bekommen.«

Sein Anblick war wirklich mitleiderregend. In dem trüben Licht des nebligen Novembertages wirkte das Krankenzimmer schon düster und bedrückend genug. Aber das schmale, eingefa llene Gesicht, das mich vom Bett her anblickte, ließ mir das Herz erzittern. Seine Augen glänzten fiebrig, die Wangen waren von hektischer Röte überzogen und die Lippen dunkel verkrustet. Unaufhörlich zuckten die dünnen Hände auf der Bettdecke. Seine Stimme war krächzend und kaum wiederzuerkennen. Als ich ins Zimmer trat, lag er apathisch da, aber mein Kommen brachte ein kleines Lächeln in sein Gesicht.

»Na, Watson, nun scheinen die bösen Tage zu kommen«, sagte er mit schwacher Stimme, doch etwas von seiner alten, sorglosen Art schwang immer noch in der Stimme mit.

»Mein lieber Freund!« rief ich und eilte auf ihn zu. »Zurück! Gehen Sie zurück und halten Sie Abstand!« krächzte er in jenem scharfen Befehlston, den ich nur aus kritischen Augenblicken von ihm kannte. »Wenn Sie näher kommen, Watson, muß ich Sie bitten, das Haus zu verlassen.«

»Aber warum denn?«

»Weil ich es so wünsche. Genügt das nicht?«

Ja, Mrs. Hudson hatte recht, er war so herrisch und eigenwillig wie eh und je. Es war allerdings ein Jammer, seinen Zustand der Erschöpfung mitansehen zu müssen.

»Ich möchte Ihnen doch bloß helfen!« rief ich.

»Richtig. Sie helfen mir am besten, wenn Sie tun, was ich Ihnen sage. «

»Aber gewiß, Holmes.«

Seine Strenge milderte sich ein wenig.

»Sie sind nicht böse?« fragte er, nach Luft ringend.

Armer Teufel, wie konnte ich böse auf ihn sein, wenn ich ihn in einem solchen Zustand vor mir liegen sah?

»Es ist zu Ihrem eigenen Besten, Watson«, krächzte er. »Zu meinem Besten?«

»Ich weiß, was mit mir los ist. Es ist eine Kuli-Krankheit aus Sumatra. Eine Sache, von der die Holländer mehr wissen als wir, obgleich sie auch nicht viel weiter damit gekommen sind.

Eines ist jedoch gewiß, die Krankheit ist tödlich, und sie ist schrecklich ansteckend. «

Er sprach in fiebriger Hektik. Die langen Hände zuckten, als er mich hinwegzuscheuchen suchte.

»Ansteckend bei Berührung, Watson, das ist es, bei Berührung. Halten Sie sich ein bißchen fern, dann ist alles in Ordnung. «

»Gott im Himmel, Holmes! Glauben Sie, daß eine solche Überlegung mich auch nur einen Augenblick abhält? Bei einem Fremden habe ich keine Angst vor der Ansteckung. Glauben Sie, daß ich mich abhalten lasse, meine Pflicht einem alten Freund gegenüber zu tun?«

Wieder ging ich einen Schritt näher, aber er hielt mich mit einem wütenden Blick von sich fern.

»Wenn Sie dort stehen bleiben, will ich gerne mit Ihnen reden. Wenn nicht, müssen Sie gehen.«

Ich habe einen solchen Respekt vor den außergewöhnlichen Qualitäten Sherlock Holmes', daß ich mich seinen Wünschen immer gefügt habe, selbst dann, wenn ich sie nicht verstehen konnte. Aber jetzt war mein beruflicher Instinkt erwacht. Sollte er mir auf jedem anderen Gebiet überlegen sein, hier im Krankenzimmer war ich der Arzt.

»Holmes«, sagte ich, »Sie sind nicht mehr Sie selber. Ein kranker Mann ist wie ein Kind, und so muß man auch mit ihm umgehen. Ob Sie es wollen oder nicht, ich werde Sie jetzt untersuchen und behandeln.«

Er bedachte mich mit giftigen Blicken.

»Wenn ich einen Doktor haben muß, ob ich will oder nicht, dann lassen Sie wenigstens einen kommen, dem ich vertrauen kann«, sagte er.

»Haben Sie kein Vertrauen zu mir?«

»In Ihre Freundschaft gewiß. Aber Tatsachen sind Tatsachen, Watson. Schließlich sind Sie nur praktischer Arzt und haben beschränkte Erfahrungen und mittelmäßige Qualifikationen.

Es ist mir peinlich, so etwas zu sagen, aber Sie lassen mir keine andere Wahl. «

Ich war tief verletzt.

»Eine solche Bemerkung ist Ihrer unwürdig, Holmes. Sie zeigt ganz deutlich, wie schlecht es mit Ihren Nerven steht. Aber wenn Sie kein Vertrauen zu mir haben, dann will ich Ihnen me ine Dienste nicht aufdrängen. Ich werde Sir Jasper Meek oder Penrose Fisher holen oder irgendeinen andern der besten Ärzte in London. Aber jemanden müssen Sie an sich heranlassen, das ist mein letztes Wort. Wenn Sie denken, daß ich hier stehe und zusehe, ohne selbst zu helfen oder einen anderen Arzt zu holen, dann haben Sie sich in mir getäuscht.«

»Sie meinen es so gut, Watson«, sagte der Kranke mit einer Stimme, die zwischen Weinen und Stöhnen lag. »Soll ich Ihnen Ihre eigene Unwissenheit vor Augen führen? Was wissen Sie denn vom Tapanuli-Fieber? Was wissen Sie von dem schwarzen Formosa-Verfall?«

»Ich habe weder von dem einen noch von dem anderen je gehört. «

»Es gibt im Osten viele problematische Krankheiten und viele merkwürdige pathologische Möglichkeiten, die uns unbekannt sind, Watson.« Er pausierte hinter jedem Satz und versuc hte mühsam, seine Kräfte zu sammeln. »Durch meine letzten Forschungen, die einen kriminalmedizinischen Aspekt hatten, habe ich viele neue Einsichten gewonnen. Dort habe ich mir auch diese Krankheit aufgelesen. Sie können nichts für mich tun. « »Das mag durchaus sein.

Aber zufällig weiß ich, daß Dr. Ainstree, die größte Kapazität auf dem Gebiete der Tropenmedizin, gerade in London ist. Alles Wehren nützt nichts, Holmes, ich gehe hin und hole ihn.« Resolut wandte ich mich zur Tür.

Niemals in meinem Leben habe ich einen schlimmeren Schock erlebt! In einem einzigen Augenblick war der sterbende Mann mit einem mächtigen Tigersatz aus dem Bett heraus und an mir vorbei. Ich hörte das scharfe Knacken, mit dem der Schlüssel herumgedreht wurde. Im nächsten Augenblick stolperte er ins Bett zurück, völlig erschöpft und schweratmend nach dieser Eskapade.

»Sie werden mir den Schlüssel nicht mit Gewalt entreißen, Watson. Ich hab' Sie, mein Freund. Hier sind Sie nun mal, und hier bleiben Sie auch, bis ich es mir anders überlege. Aber ich werde nett zu Ihnen sein. « (All dies stoßweise und unter schrecklichem Ringen nach Luft hervorgestoßen.) »Sie meinen es so gut mit mir. Natürlich weiß ich das sehr wohl. Sie sollen Ihren Willen haben. Aber gönnen Sie mir eine Atempause, bis ich wieder ein bißchen zu Kräften gekommen bin. Nicht jetzt, Watson, nicht jetzt. Es ist jetzt vier Uhr. Um sechs dürfen Sie gehen. «

»Das ist wirklich nicht gescheit, Holmes.«

»Bloß zwei Stunden, Watson. Ich verspreche Ihnen, daß Sie um sechs gehen dürfen. Sind Sie einverstanden?«

»Da habe ich wohl keine andere Wahl.«

»Absolut keine, Watson. Danke. Ich brauche keine Hilfe, ich richte mein Bettzeug alleine.

Bitte, kommen Sie nicht näher. Nun, Watson, ich muß noch eine Einschränkung machen. Sie werden Hilfe holen, gut, Aber Sie holen nicht den Doktor Ihrer Wahl, sondern den, den ich mir wünsche. «

»Aber gern. «

»Die ersten vernünftigen Worte von Ihnen, seit Sie ins Zimmer gekommen sind, Watson. Sie finden dort drüben ein paar Bücher. Ich bin erschöpft. Ich fühle mich wie eine ausgelaufene Batterie. Um sechs, Watson, nehmen wir die Konversation wieder auf. «

Aber das Schicksal wollte es, daß wir das Gespräch sehr viel früher wieder aufnehmen sollten und dabei unter Umständen, die mir einen neuen Schock versetzten, der kaum geringer war als der, den er mir eben durch seinen Sprung zur Türe bereitet hatte. Ich hatte ein paar Minuten gestanden und die schweigende Gestalt im Bett betrachtet. Sein Gesicht war nahezu von der Bettdecke verhüllt. Er schien zu schlafen. Ich konnte mich jedoch nicht auf eine Lektüre konzentrieren. So ging ich langsam im Zimmer umher und sah mir die Bilder der berühmten Verbrecher an, die die Wände zierten. Auf meiner ziellosen Wanderung gelangte ich schließlich zum Kamin. Auf dem Kaminsims lagen bunt durcheinander eine Ansammlung von Pfe ifen, Tabaksbeuteln, Spritzen, Federmessern, Patronenhülsen und anderes. Dazwischen stand eine kleine, schwarzweiße Elfenbeindose mit einem Schraubdeckel. Ein hübsches kleines Ding. Schon hatte ich meine Hand ausgestreckt, um es näher zu betrachten, als -- Es war ein schrecklicher Schrei, den er ausstieß, ein Gebrüll, das man unten auf der Straße gehört hat. Mir wurde kalt, und die Haare standen mir zu Berge. Ganz benommen drehte ich mich nach ihm um. Mit wutverzerrtem Gesicht starrte er mich an. Wie gelähmt stand ich da, die kleine Dose in meiner Hand.

»Stellen Sie sie sofort hin, Watson, sofort, sage ich!« Ganz überwältigt von dem Schock stellte ich die kleine Dose wieder auf den Kaminsims zurück. Sein Kopf sank auf das Kissen zurück und er tat einen tiefen, erleichterten Seufzer. »Ich hasse es, wenn jemand meine Sachen befingert, Watson. Sie wissen, daß ich das nicht ausstehen kann. Sie fallen mir unerträglich auf die Nerven. Sie, hin Arzt! - Es reicht, um einen Patienten ins Irrenhaus zu treiben. Mann, setzen Sie sich endlich und gönnen Sie mir meine Ruhe. «

Dieser Zwischenfall berührte mich recht unangenehm. Seine Aggressivität und die nutzlose Aufregung im Verein mit seinen brutalen verbalen Äußerungen standen völlig im Gegensatz zu seiner normalen freundlichen und gütigen Art. Das volle Ausmaß der Veränderung in seinem Geist stand mir erschreckend vor Augen. Der körperliche Verfall war schlimm, aber daß sein edler Geist derartig gelitten hatte, war ein unerträglicher Gedanke. Ich setzte mich still und traurig hin und wartete, daß die Zeit verging. Er schien die Uhr genau wie ich im Auge zu haben,, denn es war noch nicht ganz sechs, als er mit derselben fiebrigen Art wie vorher zu reden begann.

»Nun, Watson, haben Sie etwas Geld in der Tasche?«

»Ja.«

»Etwas Silber?«

»Ja, reichlich.«

»Wie viele Halbkronenstücke?«

»Fünf.«

»Ach, zu wenig! Zu wenig! Das ist ja wirklich blöd, Watson! Nun, Sie können sie immerhin in Ihre Uhrentasche stecken und den Rest Ihres Geldes in die linke Hosentasche. Danke. Auf diese Weise sind Sie besser im Gleichgewicht.«

Die Krankheit hatte ihm den Verstand geraubt. Er erschauerte und brachte schon wieder Geräusche zwischen Husten und Schluchzen hervor.

»Jetzt müssen Sie das Gas anzünden, Watson. Aber Sie müssen gut achtgeben, es darf keinen Augenblick höher als auf halber Flamme stehen. Danke, das haben Sie gut gemacht. So, jetzt müssen Sie nur noch die Rolläden herunterlassen. Watson! Dort liegt eine Zuckerzange. Bitte heben Sie das kleine Kästchen mit der Zange an und stellen Sie es zwischen die Papie re dort.

Gut! Jetzt können Sie gehen und Mr. Culverton Smith holen, Lower Burke Street 13.«

Um die Wahrheit zu sagen, mein Verlangen, einen Arzt zu rufen, hatte inzwischen nachgelassen, denn der arme Holmes phantasierte derartig, daß es gefährlich war, ihn alleine zu lassen.

Jetzt bestand er jedoch so hartnäckig darauf, diese Person zu sehen, wie er es vorhin vehement abgelehnt hatte, jemanden um sich zu haben.

»Den Namen habe ich noch nie gehört«, sagte ich.

»Das ist schon möglich, mein guter Watson. Es wird Sie sicherlich überraschen, wenn ich Ihnen sage, daß der Mann, der sich am besten mit dieser Krankheit auskennt, kein Arzt ist, sondern ein Pflanzer. Mr. Culverton Smith ist ein wohlbekannter Mann in Sumatra. Zur Zeit hält er sich aber in London auf. Die Krankheit ist auf seiner Plantage ausgebrochen, weit entfernt von jeder medizinischen Hilfe. Er mußte selbst die Symptome studieren, und das hatte weitreichende Konsequenzen. Er ist ein sehr methodischer Mensch. Nach sechs Uhr befindet er sich immer in seinem Arbeitszimmer. Deshalb wollte ich nicht, daß Sie früher zu ihm gehen.

Sie werden ihn jetzt in seinem Zimmer antreffen. Gehen Sie zu ihm. Bitten Sie ihn herzukommen.

Bitten Sie ihn, uns an seinen reichen Erfahrungen im Umgang mit dieser Krankheit teilnehmen zu lassen. Er wird uns bestimmt helfen, denn die Erforschung dieser Krankheit ist sein liebstes Hobby.«

Ich habe Holmes' Bemerkungen als einheitliches Ganzes wiedergegeben und es erst gar nicht versucht, die Unterbrechungen, dieses Ringen nach Atem, das Sichverkrampfen der Hände, das die Schmerzen anzeigte, die er litt, wiederzugeben. In den paar Stunden, in denen ich bei ihm gewesen war, hatte sich sein Zustand verschlimmert. Die hektischen Fieberflecken waren größer und intensiver geworden, und die Augen glänzten noch fiebriger in den dunklen Hö hlen.

Kalter Schweiß perlte auf seinen Brauen. Etwas von seiner lebendigen, galanten Sprechweise hatte er sich jedoch bewahren können. Bis zu seinem letzten Atemzug würde er der Meister bleiben.

»Sie müssen ihm genau den Zustand schildern, in dem ich mich befand, als Sie mich verließen «, sagte er. »Sie werden ihm sagen, was Sie selber sehen, einen todkranken Mann, einen Sterbenden, der im Fieberwahn redet. Wirklich, ich kann mir nicht vorstellen, warum das ganze Bett des Ozeans keine solide Masse von Austern ist, die Viecher scheinen unerhört fruchtbar zu sein. Ah, mein Geist wandert ab! Komisch, wie das Gehirn das Gehirn unter Kontrolle hat! Was habe ich doch noch gesagt, Watson? «

»Sie haben mir Anweisungen für Mr. Culverton Smith gegeben.«

»Ah ja, nun weiß ich es wieder. Mein Leben hängt davon ab. Bitten Sie ihn, Watson, flehen Sie ihn an. Er mag mich nicht sonderlich gern, wissen Sie. Sein Neffe, Watson - ich hatte so einen bestimmten Verdacht, und ich habe es ihn merken lassen. Der Junge ist schrecklich gestorben.

Er hat etwas gegen mich. Sie werden ihm gut zureden, Watson. Bitten Sie ihn, flehen Sie ihn an, bringen Sie ihn auf jeden Fall her. Er kann mich retten - nur er!«

»Ich werde ihn in einer Droschke herbringen, und wenn ich ihn eigenhändig hinuntertragen und hineinsetzen müßte. «

»Nein, so nicht, Watson. Sie müssen es anders machen. Sie müssen ihn überreden. Und dann kehren Sie vor ihm zu mir zurück. Suchen Sie eine Entschuldigung, daß Sie nicht mit ihm fahren können. Vergessen Sie das nicht, Watson. Lassen Sie mich nicht im Stich. Sie haben mich nie im Stich gelassen. Watson, wir haben unseren Teil getan. Soll denn die Welt von Austern überrannt werden? Nein, nein, schrecklich! Sie werden ihm alles sagen, was ich Ihnen aufgetragen habe. «

Ich ging fort, während er, ein Mensch von größten Geistesgaben, wie ein Kind plapperte. Er hatte mir den Schlüssel gegeben, und ich kam auf die glückliche Idee, ihn einzustecken, für den Fall, daß er sich selbst einschließen sollte. Mrs. Hudson wartete zitternd und weinend im Flur. Hinter mir, als ich aus der Wohnung ging, hörte ich Holmes' hohe, dünne Stimme in einer Fieberphantasie einen Singsang beginnen. Als ich auf der Straße nach einem Cab pfiff, kam ein Mann durch den Nebel zu mir. »Wie geht es Mr. Holmes, Sir? «

Es war ein alter Bekannter, Inspektor Morton von Scotland Yard, der in zivilen Tweed gekleidet war.

»Er ist sehr krank«, sagte ich.

Er sah mich merkwürdig von der Seite an. Wenn es nicht zu teuflisch gewesen wäre, hätte mir die Idee kommen können, daß ein kleines Lächeln über sein Gesicht huschte.

»Ich habe davon gehört«, sagte er.

Ein Wagen kam heran, und ich ließ ihn stehen.

Lower Burke Street lag auf der Grenze zwischen Notting Hill und Kensington und war eine ruhige Straße mit einer Reihe sehr schöner Häuser. Das Haus, vor dem mein Kutscher hielt, vermittelte den Eindruck von wohlhabender und bescheidener Respektabilität. Es hatte altmodische Eisengitter, eine massive Haustür und glänzende Messingtürknöpfe. Über alles wachte ein ernster Butler, der, eingerahmt in rosagefärbtes Licht, an der Tür erschien.

»Ja, Mr. Culverton Smith ist zu Hause. Dr. Watson? Sehr wohl, Sir, ich werde Ihre Karte hinaufbringen.«

Mein schlichter Name und Titel schienen keinen Eindruck auf Mr. Culverton Smith zu machen.

Durch die halboffene Tür hörte ich eine hohe, irritierte Stimme.

»Wer ist dieser Mensch? Was will er? Liebe Zeit, Staples, wie oft habe ich Ihnen gesagt, daß ich während meiner Studien nicht gestört werden möchte!«

Besänftigende Worte des Butlers folgten.

»Nun, ich will ihn nicht sehen, Staples. Es geht nicht, daß ich meine Arbeit ständig unterbrechen muß. Ich bin nicht zu Hause. Sagen Sie ihm das. Sagen Sie, daß er morgen kommen soll, wenn er mich wirklich belästigen muß. «

Wieder das sanfte Gemurmel.

»Gut, geben Sie ihm meine Botschaft. Er kann morgen kommen, oder er kann wegbleiben.

Bei meiner Arbeit lasse ich mich nicht stören. «

Ich dachte an Holmes, der sich in seinem Krankenbett wälzte und vielleicht die Minuten zählte, bis ich ihn zu ihm brachte. Es war keine Zeit, um sich viel ums Zeremoniell zu kümmern.

Sein Leben hing von meinem Handeln ab. Bevor der entschuldigende Butler seine Botschaft übermitteln konnte, war ich an ihm vorbei in das Zimmer getreten.

Mit einem schrillen, wütenden Aufschrei erhob sich ein Mann aus seinem Sessel am Kamin.

Ich sah ein großes, gelbes Gesicht, grob und fett, mit einem schweren Doppelkinn und zwei trüben, grauen Augen, die mich unter den buschigen sandfarbenen Brauen böse anstarrten.

Auf dem großen, kahlen Kopf saß ein kleines, samtenes Käppchen, kokett auf eine Seite gerückt.

Der Schädel war von enormer Größe - und doch, als ich auf ihn herniederblickte, nahm ich mit Erstaunen wahr, daß die Gestalt klein und gebrechlich war. In den Schultern und im Rücken war er verwachsen wie jemand, der in der Kindheit Rachitis gehabt hat.

»Was soll das?« schrie er mit hoher, kreischender Stimme. »Was bedeutet dieses Eindringen?

Habe ich Ihnen nicht sagen lassen, daß Sie morgen wiederkommen können?«

»Es tut mir leid«, sagte ich, »aber die Angelegenheit kann nicht aufgeschoben werden. Mr.

Sherlock Holmes ... «

Der Name meines Freundes hatte eine seltsame Wirkung auf den kleinen Mann. In einem einzigen Augenblick war der Ausdruck von Ärger aus seinem Gesicht verschwunden. Die Züge wurden gespannt und aufmerksam.

»Sie kommen von Holmes?« fragte er. »Ja, ich komme geradewegs von ihm.« »Was ist mit Holmes. Geht es ihm gut? «

»Er ist todkrank. Darum bin ich zu Ihnen gekommen.«

Der Mann wies mir eine n Stuhl an und machte es sich in seinem eigenen wieder bequem. Wie er sich zu seinem Stuhl umdrehte, erhaschte ich im Spiegel auf dem Kaminsims einen Blick in sein Gesicht. Ich hätte schwören mögen, daß der Mann böse und häßlich lächelte. Doch ich sagte mir, daß es nur eine nervöse Verzerrung gewesen sein konnte, die ich zufällig gesehen hatte, denn gleich darauf kehrte er mir sein Gesicht zu, in dem echte Anteilnahme und Sorge zu lesen war.

»Das zu hören tut mir sehr leid«, sagte er. »Ich kenne Mr. Holmes zwar nur flüchtig, wir ha tten geschäftlich miteinander zu tun, aber ich respektiere ihn. Er hat außergewöhnliche Talente und einen starken Charakter. Wie er Amateur auf dem Gebiet der Kriminalität ist, bin ich Amateur beim Erforschen tropischer Krankheiten. Bei ihm ist es der Verbrecher, bei mir die Mikrobe. Dort sind meine Gefängnisse«, fuhr er fort und zeigte auf eine Reihe von Flaschen und Glasgefäßen, die auf dem Seitentisch standen. »Zwischen diesen Gelatinekulturen sitzen ein paar der schlimmsten Übeltäter der Welt ihre Zeit ab.«

»Mr. Holmes hat von Ihrem Spezialwissen gehört und er wünscht, daß Sie ihn besuchen. Er hat eine hohe Meinung von Ihnen und meinte, es gäbe nur einen Mann, der ihm helfen kann. «

Der kleine Mann zuckte zusammen. Sein Käppchen fiel auf den Boden.

»Warum?« fragte er. »Wie kommt Mr. Holmes auf die Idee, daß ich ihm in seiner Krankheit helfen kann?«

»Weil er professionell im Hafen zu tun hatte und dabei in Kontakt mit chinesischen Arbeitern gekommen ist.«

Mr. Culverton Smith läche lte angenehm und hob sein Käppchen wieder auf.

»Oh, so war das - war es so?« sagte er. »Sicherlich ist es nicht so schlimm, wie Sie es sich vorstellen. Wie lange ist er schon krank?«

»Etwa drei Tage.«

»Delirium?«

»Teilweise.«

»Aber, aber, das klingt ja wirklich ernst. Es wäre unmenschlich, wenn ich seiner Bitte nicht folgen würde. Dabei hasse ich nichts mehr, als meine Arbeit zu unterbrechen, Dr. Watson.

Aber dieser Fall ist wirklich eine Ausnahme. Ich werde Sie auf der Stelle begleiten.«

Ich erinnerte mich an Sherlock Holmes' Auftrag.

»Ich habe noch einen anderen Patienten zu besuchen«, sagte ich.

»Auch gut. Dann werde ich alleine zu ihm gehen. Irgendwo habe ich doch Mr. Holmes' Adresse notiert. Sie können sich darauf verlassen, daß ich spätestens in einer halben Stunde bei ihm sein werde. «

Recht beklommen kehrte ich zu Holmes ins Krankenzimmer zurück. Ich war darauf gefaßt, daß das Schlimmste in meiner Abwesenheit geschehen wäre. Zu meiner großen Erleichterung ging es ihm aber inzwischen ein wenig besser. Zwar sah er so elend wie vorher aus, aber das Delirium hatte ihn verlassen. Er sprach mit schwacher Stimme, aber doch war wieder etwas von seiner alten Frische und Klarheit spürbar.

»Nun, haben Sie ihn gesehen, Watson?«

»Ja, er kommt.«

»Ausgezeichnet, ausgezeichnet! Sie sind mein bester Kurier.«

»Er wollte mit mir zusammen hierher fahren.«

»Das wäre nicht gut gewesen. Das wäre einfach unmöglich gewesen. Hat er gefragt, was mir fehlt? «

»Ich habe ihm von den Chinesen im East End erzählt.«

»Ausgezeichnet! Gut, Watson, Sie haben getan, was ein guter Freund tun kann. Sie dürfen nun von der Szene verschwinden.«

»Ich möchte hier warten und seine Meinung hören, Ho lmes.«

»Natürlich, das sollen Sie auch. Aber ich habe das Gefühl, daß er seine Meinung viel ehrlicher sagt, wenn er glaubt, er sei mit mir alleine. Hinter meinem Bett ist gerade genug Platz für Sie.«

»Mein lieber Holmes!«

»Ich fürchte, es gibt keine Alternative, Watson. Dieses Zimmer bietet nicht viele Verstecke

an. Das ist auch gerade gut so, weil es sonst Mißtrauen erregen könnte. Aber dort ist Platz genug für Sie, Watson. Ich denke mir, so läßt es sich machen.« Plötzlich setzte er sich aufrecht hin. Ein Ausdruck gespannter Aufmerksamkeit kam in sein Gesicht. »Ich höre Räder, Watson.

Schnell, Mann, wenn Sie etwas für mich übrig haben! Und rühren Sie sich nicht, was immer auch passiert - was immer auch passiert! Hören Sie? Sprechen Sie nicht! Schnell, bewegen Sie sich! Und lauschen Sie mit beiden Ohren.« Dann verließ ihn plötzlich wieder die Kraft.

Sein kräftiger, befehlssicherer Ton verfiel zu dem langsamen, vagen Gemurmel eines Mannes, der halb im Delirium war.

Von meinem Versteck aus, in das ich so schnell hineinkomplimentiert worden war, hörte ich Schritte auf der Treppe. Die Schlafzimmertür wurde geöffnet und schloß sich wieder. Dann folgte zu meiner Überraschung ein langes Schweigen, unterbrochen nur von dem heftigen, schweren Atmen des kranken Mannes. Ich stellte mir vor, wie der Besucher neben dem Krankenbett stand und auf den Leidenden herabsah. Endlich brach der Bann.

»Holmes!« rief er in einer Lautstärke, als wollte er ihn aus dem Schlaf wecken. »Holmes!

Können Sie mich nicht hören, Holmes?« Ein Rascheln war zu hören, als wenn er den Kranken grob an der Schulter schüttelte.

»Sind Sie es, Mr. Smith?« flüsterte Holmes. »Ich habe kaum zu hoffen gewagt, daß Sie kommen würden.«

Der andere lachte.

»Das kann ich mir vorstellen«, sagte er. »Und doch, sehen Sie selbst, ich bin hier. Feurige Kohlen auf Ihr Haupt, Holmes, feurige Kohlen!«

»Es ist sehr gütig von Ihnen - sehr nobel. Ich bewundere Ihr Spezialwissen.«

Unser Besucher kicherte.

»Wirklich? Sie haben Glück, denn Sie sind der einzige Mann in London, der mich bewundert.

Wissen Sie, was mit Ihnen los ist? «

»Das gleiche«, sagte Holmes.

»Ah, Sie erkennen die Symptome?«

»Nur zu gut.«

»Nun, ich wäre an Ihrer Stelle nicht zu überrascht, Holmes. Es würde mich nicht wundern, wenn es das gleiche wäre. Schlechte Aussichten. Der arme Victor war am vierten Tag tot. - Der starke, gesunde junge Kerl! Es war gewiß so, wie Sie sagten: Es muß schon ein seltsamer Zufall gewesen sein, sich mitten in London eine seltene asiatische Krankheit zu holen - dazu noch eine Krankheit, der ich ein Spezialstudium gewidmet habe. Selt samer Zufall, Holmes!

Sehr tüchtig von Ihnen, daß Sie das gemerkt haben - aber sehr unfreundlich, zu behaupten, daß es sich hier um Ursache und Wirkung handelt.«

»Ich habe gewußt, daß Sie es getan haben.«

»Oh, wußten Sie es, ja? Gut, aber beweisen können Sie es nicht, oder? Aber was denken Sie sich eigentlich, erst verbreiten Sie schlimme Geschichten über mich und dann, wenn es Sie selber erwischt, kommen Sie zu mir um Hilfe gekrochen? Was für ein Spiel ist das, he?«

Ich hörte das mühsame, hart Atmen des Kranken. »Geben Sie mir Wasser, bitte«, stöhnte er.

»Sie sind ziemlich bald am Ende, Freund, aber ich will nicht, daß Sie gehen, bevor ich mit Ihnen etwas besprochen habe. Darum gebe ich Ihnen Wasser. Da! Verplempern Sie es nicht.

So ist es gut. Können Sie verstehen, was ich sage?«

Holmes stöhnte.

»Tun Sie für mich, was Sie können. Lassen Sie Vergangenes vergeben sein«, flüsterte er. »Ich werde alles vergessen, das schwöre ich. Heilen Sie mich nur, dann vergesse ich alles.« »Was vergessen?«

»Den Tod von Victor Savage. Sie haben es eben selber zugegeben. Ich werde es vergessen. «

»Sie können es vergessen oder sich daran erinnern, wie Sie möchten. Schließlich sind Sie nicht im Zeugenstand. Ein ganz anders gearteter Kasten wartet auf Sie, mein guter Holmes, das kann ich Ihnen versichern. Mir macht es nichts aus, wenn Sie wissen, wie mein Neffe gestorben ist. Wir reden nicht von ihm. Wir reden von Ihnen. «

»Ja, ja.«

»Der Mann, der mich gerufen hat - ich habe seinen Namen vergessen - sagte, Sie hätten sich unten im Hafen bei den Seeleuten angesteckt!«

»Das einzige, was mir dazu einfiel.«

»Sie sind stolz auf Ihr Gehirn, Mr. Holmes, nicht wahr? Sie denken, daß Sie ziemlich klug sind, was? Sie haben aber jemand getroffen, der noch ein bißchen klüger ist. Nun denken Sie einmal zurück, Holmes. Können Sie sich nicht vorstellen, daß Sie sich woanders angesteckt haben könnten?«

»Ich kann nicht denken. Ich kann überhaupt nicht mehr denken. Um Himmels willen, helfen Sie mir!«

»Ja, ich werde Ihnen helfen. Ich will Ihnen helfen zu verstehe n, wo Sie sind und wie Sie dort hingelangt sind. Das sollen Sie wissen, bevor Sie sterben.«

»Schmerzen. Geben Sie mir etwas gegen die Schmerzen.«

»Schmerzen? Ja, die Kulis quietschten auch, wenn's auf das Ende zuging. Kommt krampfa rtig, nehme ich an?«

»Ja, wie ein Krampf.«

»Na ja, Sie können jedenfalls hören, was ich zu sagen habe. Jetzt hören Sie mal zu! Können Sie sich an etwas Unübliches erinnern zu dem Zeitpunkt, als die Symptome zuerst auftraten?«

»Nein, nichts.«

»Denken Sie nach.«

»Kann nicht mehr denken.«

»Gut, dann helfe ich Ihnen. Kam etwas mit der Post?«

»Post?«

»Eine kleine Dose zum Beispiel?«

»Vor mir verschwimmt alles - es geht zu Ende!«

»Hören Sie, Holmes!« Wieder dieses Geräusch, als ob er den Sterbenden wachrüttelte. Ich hielt es kaum noch in meinem stillen Versteck aus. »Sie müssen mich hören. Sie sollen mich hören. Erinnern Sie sich nicht mehr an eine Dose, eine elfenbeinerne Dose? Sie kam am Mittwoch. Sie haben sie geöffnet. Erinnern Sie sich?«

»Ja, ich erinnere mich. Es war eine harte Sprungfeder drin. Irgendeine Art von Scherz. «

»Es war kein Scherz, und es ging auf Ihre Kosten, wie Sie merken werden. Sie wollten es nicht anders haben. Wer hat Sie darum gebeten, mir in die Quere zu kommen? Wenn Sie mich in Ruhe gelassen hätten, hätte ich Ihnen auch nichts getan.«

»Ich erinnere mich«, stöhnte Holmes. »Die Feder! Mein Finger blutete. Die Dose - da auf dem Tisch. «

»Ja tatsächlich, da steht sie, mein Gott! Und wird wohl besser dieses Zimmer in meiner Tasche verlassen. Fort ist damit Ihr letztes Beweisstück. Aber die Wahrheit wissen Sie nun, Mr.

Holmes, und Sie können sterben in dem Wissen, daß ich Sie umgebracht habe. Sie wußten zuviel vom Schicksal Victor Savages, so habe ich auch Ihnen Ihr Teil zukommen lassen. Sie sind Ihrem Ende sehr nahe, Holmes. Ich werde hier sitzen und zusehen, wie Sie sterben.«

Holmes' Stimme war zu einem fast unhörbaren Flüstern geworden.

»Was soll ich?« sagte Smith. »Das Gas hochdrehen? Ah ja, die Schatten senken sich, nicht wahr? Ja, ich werde es aufdrehen, damit ich Sie besser sehen kann.« Er ging durch das Zimmer, und das Licht wurde plötzlich heller. »Noch ein kleiner Dienst, mein Freund, den ich für Sie tun kann?«

»Ein Streichholz und eine Zigarette.«

Ich verschluckte mich beinahe in freudigem Schreck. Er sprach mit seiner natürlichen Stimme - ein bißchen schwach vielleicht, aber es war doch genau die Stimme, die ich so gut kannte.

Eine lange Pause entstand. Ich fühlte, daß Culverton Smith in schweigender Verwunderung dastand und auf meinen Gefährten blickte.

»Was bedeutet das alles?« hörte ich ihn schließlich krächzend fragen.

»Der beste Weg für einen erfolgreichen Schauspieler ist, wirklich in der Rolle zu leben«, sagte Holmes. »Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich in den letzten drei Tagen weder etwas gegessen noch getrunken habe, bis Sie mir freundlicherweise ein Glas Wasser gereicht haben. Aber am meisten habe ich den Tabak vermißt. Ah, da liegen ja Zigaretten!« Ich hörte, wie er ein Streichholz anriß. »Das tut gut! Hallo! Hallo! Höre ich den Schritt eines Freundes?«

Vor der Tür waren Schritte zu hören, die Tür öffnete sich, und Inspektor Morton trat ein.

»Alles in Ordnung, und hier ist Ihr Mann«, sagte Holmes. Der Polizist sprach die übliche Warnung aus.

»Ich verhafte Sie wegen Mordes an Victor Savage«, schloß er. »Und vergessen Sie den ve rsuchten Mord an Sherlock Holmes«

»Nicht«, bemerkte mein Freund trocken. »Um dem Kranken Mühe zu ersparen, Inspektor, war Mr. Culverton Smith so freundlich, Ihnen das Signal zu geben. Er hat das Gas hochgedreht.

Übrigens hat Ihr Gefangener in seiner rechten Manteltasche eine kleine elfenbeinerne Dose, die sollten Sie ihm lieber abnehmen. Danke. Ich würde vorsichtig damit umgehen, wenn ich an Ihrer Stelle wäre. Legen Sie sie dorthin. Sie wird eine Rolle beim Gerichtsverfahren spielen. «

Plötzlich hörte ich schlurfende, eilende Füße, gefolgt von scharfem, metallenem Klicken und einem Schmerzensschrei. »Sie tun sich bloß weh«, sagte der Inspektor. »Halten Sie doch still, Mann!« Die Handschellen schnappten zu.

»Schöne Falle!« schimpfte die schnarrende Stimme. »Das wird Sie ins Gefängnis bringen, Holmes, nicht mich. Er hat mich gebeten herzukommen, um ihn zu heilen. Er hat mir leid getan, und ich bin gekommen. Und jetzt wird er wohl vorgeben, ich hätte ihm etwas gestanden, was seinen blödsinnigen Verdacht stützen kann. Aber er hat sich alles ausgedacht. Sie können lügen, so viel Sie wollen, Holmes - Ihr Wort ist so gut wie meines.«

»Gott im Himmel!« rief Holmes. »Ich habe ihn total vergessen. Mein lieber Watson, ich muß mich tausendmal entschuldigen. Zu denken, daß ich Sie übersehen habe! Ich brauche Ihnen Mr. Culverton Smith nicht mehr vorzustellen, denn Sie haben sich ja am frühen Abend getroffen.

Haben Sie nicht eine Droschke unten? Ich werde Ihnen folgen, wenn ich angezogen bin, denn ich kann auf der Polizeistation sicher von einigem Nutzen sein. Ich habe es niemals nötiger gehabt«, sagte Holmes, als er sich mit einem Glas Weißwein und etwas Zwieback erfrischte, während er sich anzog. »Aber Sie wissen ja, daß meine Lebensgewohnheiten nicht sehr regelmäßig sind. So ist mir vermutlich das Fasten leichter gefallen als den meisten Menschen.

Es war einfach notwendig, daß Mrs. Hudson den Eindruck einer wirklich schweren Krankheit bekam, denn sie sollte ja Sie herbeiholen und Sie wiederum ihn. Sie sind nicht mehr gekränkt, Watson? Mein Lieber, Sie haben so viele Talente, aber verstellen können Sie sich nicht. Wenn Sie mein Geheimnis geteilt hätten, hätten Sie es niemals geschafft, Smith zu überzeugen, daß seine Anwesenheit notwendig ist. Und das war der Hauptpunkt in dem ga nzen Spiel. Ich kannte seine bösartige Natur. Es war ganz klar, daß er kommen und sein Werk betrachten würde.«

»Aber Ihr Aussehen, Holmes, Ihr gespenstisches Gesicht?«

»Drei Tage Fasten bessert die Schönheit nicht sonderlich auf, und den Rest habe ich mit Schwamm und Wasser schon wieder beseitigt. Mit Vaseline auf der Stirn, Belladonna in den Augen, Rouge auf den Wangenknochen und einer Kruste von Bienenwachs um die Lippen kann man ganz zufriedenstellende Ergebnisse erzielen. Krank spielen ist eine Sache, über die ich vielleicht einmal eine Monographie schreiben werde. Gelegentliches Geschwafel über halbe Kronen oder Austern und andere merkwürdige Dinge produziert einen herrlichen Effekt von Delirium.«

»Aber warum wollten Sie mich nicht an sich heranlassen, wenn Sie doch keinen Infekt ha tten?«

»Können Sie das noch fragen, mein lieber Watson? Meinen Sie wirklich, ich hätte keinen Respekt vor Ihrem medizinischen Können? Sie hätten sofort gemerkt, daß Puls und Temperatur völlig normal waren. Auf zwei Meter Abstand konnte ich Sie täuschen. Wenn mir das nicht gelungen wäre, wie hätte ich dann Smith herkriegen sollen? Nein, Watson, das Kästchen erschien mir von Anfang an verdächtig, ich wollte es nicht berühren. Wenn Sie es aber von der Seite betrachten, können sie die scharfe Feder wahrnehmen, die wie der Zahn einer Schlange herausschnellt, wenn man das Kästchen öffnet. Ich möchte behaupten, daß der arme Savage, der zwischen dem Monster und seinem Erbe stand, auf diese Weise den Tod gefunden hat.

Wie Sie wissen, bekomme ich die verschiedenste Post. Ich bin immer auf der Hut, besonders wenn mich Päckchen mit obskuren Absendern erreichen. Es war mir klar, daß ich eine Beichte aus ihm herauslocken konnte, wenn ich ihn in dem Glauben wiegte, er habe Erfolg gehabt.

Und diese Aufgabe habe ich wie ein Berufsschauspieler durchgeführt. Danke, Watson. Jetzt dürfen Sie mir in den Mantel helfen. Ich denke, wenn wir auf der Polizeistation fertig sind, könnte uns etwas Nahrhaftes von Simpson nichts schaden. «

< Prev. Chapter  |  Next Chapter >