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Die Bruce-Partington-Pläne.  Arthur Conan Doyle
Buch. Die Bruce-Partington-Pläne
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In der dritten Novemberwoche des Jahres 1895 hatte sich dichter, gelber Nebel auf London gesenkt. Von Montag bis Donnerstag war es nicht einmal möglich, aus unserm Fenster in der Baker Street die Umrisse der gegenüberliegenden Häuser wahrzunehmen. Den ersten Tag verbrachte Holmes damit, ein neues Inhaltsverzeichnis für sein großes Nachschlagewerk anzulegen.

Den zweiten und dritten Tag beschäftigte er sich geduldig mit einem neuen Hobby, der Musik des Mittelalters. Aber als wir am vierten Tag vom Frühstückstisch aufstanden und die dicke, schmierige, braune Suppe immer noch an unserm Fenster in Schwaden vorbeiziehen sahen, die sich in öligen Tropfen auf der Fensterscheibe absetzte, da konnte seine aktive, ungeduldige Natur es nicht länger ertragen. Er lief in einem Fieber unterdrückter Energie im Zimmer auf und ab, biß sich auf die Fingernägel, trommelte auf den Möbeln herum und tobte und schimpfte über die Untätigkeit.

»Nichts Interessantes in der Zeitung, Watson?« fragte er schließlich.

Es war mir klar, daß Holmes mit »Etwas Interessantes« auf jeden Fall etwas Kriminelles meinte. Es gab Nachrichten über eine Revolution, einen möglichen Krieg, einen drohenden Regierungswechsel, aber diese Dinge lagen nicht im Interessenbereich meines Gefährten. Die Nachrichten über Verbrechen waren jedoch langweilig. Holmes stöhnte und nahm seine ruhelose Wanderung wieder auf.

»Die Londoner Verbrecher sind einfaltslose Pinsel«, sagte er in dem quengeligen Ton eines Jägers, der vergeblich auf Wild wartet. »Schauen Sie aus dem Fenster, Watson. Sehen Sie, wie man die Gestalten auf der Straße nur einen winzigen Augenblick vage wahrnimmt, und wie sie dann wieder vom Nebel verschluckt werden? Ein Dieb oder Mörder könnte in ganz London sein Unwesen treiben wie der Tiger im Dschungel, er würde ungesehen bleiben, bis er das Opfer in der Falle hat. Niemand außer dem Opfer würde ihn wahrnehmen. «

»Ah, ich hab' da was«, sagte ich, »zahlreiche kleinere Diebstähle sind geschehen.«

Holmes schnaubte wütend.

»Diese große, düstere Bühne ist für etwas Besseres geschaffen«, sagte er. »Die Gesellschaft kann nur froh sein, daß ich kein Verbrecher bin.«

»Das kann sie bestimmt«, stimmte ich aus vollem Herzen zu. »Nehmen Sie bloß einmal an, ich sei Brooks oder Woodhouse oder einer der fünfzig Leute, die guten Grund haben, mir nach dem Leben zu trachten. Wie lange würde ich überleben, wenn ich mein eigener Gegner wäre? Ein Hilferuf oder eine falsche Verabredung und schon wäre alles erledigt. Wie gut, daß sie in Italien, wo so viele Morde geschehen, keinen Nebel haben! Bei Gott, da kommt doch endlich etwas, was die endlose Monotonie einmal durchbricht!«

Es war das Mädchen mit einem Telegramm. Holmes riß es auf und brach in Gelächter aus.

»Na, was kommt als nächstes?« rief er. »Brüderchen Mycroft kommt vorbei.«

»Warum auch nicht?« fragte ich.

»Darum nicht, weil es grad' so ist, als wenn man einer Straßenbahn auf einem Feldweg begegnet.

Mycroft zieht seine Kreise und verläßt seine vorgezeichneten Bahnen nie. Seine Pall Mall-Wohnung, der Diogenes Club, Whitehall, das ist seine Gegend. Einmal, nur ein einziges Mal, ist er hier gewesen. Was mag ihn wohl aus der Bahn geworfen haben, daß er zu uns kommt?« »Gibt er keinen Grund an?«

Holmes reichte mir das Telegramm seines Bruders.

»Muß dich wegen Cadogan West sprechen. Besuche dich umgehend. Mycroft.«

»Cadogan West? Den Namen habe ich doch gehört.«

»Mir sagt es nichts. Aber daß Mycroft aus seinem gewohnten Lebensrhythmus ausbrechen sollte! Eher würde doch ein Planet seine Bahn verlassen. Wissen Sie übrigens, was Mycroft beruflich macht?«

Ich erinnerte mich vage an eine Erklärung aus der Zeit, als wir den Fall des griechischen Dolmetschers untersuchten.

»Sie sagten mir einmal, daß er einen kleinen Posten bei der Regierung hat. «

Holmes schmunzelte.

»Damals wußte ich es selbst nicht besser. Man muß sehr diskret sein, wenn es um Staatsangelegenheiten geht. Sie haben aber recht, er arbeitet bei der Regierung. Sie würden sogar recht haben, wenn Sie behaupten, daß er in gewisser Weise manchmal selbst die britische Regierung ist.«

»Mein lieber Holmes!«

»Ich habe mir gedacht, daß Sie das überraschen würde. Mycroft bezieht vierhundertfünfzig Pfund im Jahr, bleibt an untergeordneter Stelle, hat keine Ambitionen, will keinerlei Titel noch Ehren annehmen und ist die Person, auf die man im ganzen Land am allerwenigsten ve rzichten kann. «

»Aber wieso denn?«

»Nun ja, seine Position ist einmalig. Er hat sich diesen Posten selbst geschaffen. Etwas wie ihn und seine Stellung hat es vorher nie gegeben und wird es auch nie wieder geben. Er hat ein Gehirn, wie es geordneter und sauberer nicht arbeiten könnte, mit der größten Kapazität, Fakten zu sammeln, die man sich nur denken kann, wirklich einmalig und unvergleichlich.

Die gleiche große Kraft, die ich eingesetzt habe, um das Verbrechen aufzudecken, benutzt er für seine besonderen Aufgaben. Er hat Einsicht in die Beschlüsse aller Ressorts und ist die Hauptverteilungsstelle - die Stelle, in der geklärt und geordnet wird und die dann schließlich zu den Resultaten führt. Alle anderen Beamten sind Spezialisten, aber seine Spezialität beruht auf seiner Allwissenheit. Er ist auf jedem Gebiet beschlagen. Nehmen wir einmal an, ein Minister benötigt Informationen zu einer Frage, die zum Beispiel die Marine, Indien, Kanada und die Währungsverschiedenheit betrifft. Dann holt er sich den Rat der verschiedensten Abteilungen ein. Aber nur Mycroft kann auf der Stelle sagen, welcher Faktor auf welche Weise auf einen anderen Faktoren einwirkt. Sie haben ihn zunächst als Abkürzungsweg benutzt, als eine bequeme Gelegenheit. Nun hat er sich selbst zu einer Notwendigkeit gemacht, auf die niemand mehr verzichten kann. In seinem großen Gehirn hat alles sein Fach, und er kann es von einem Augenblick auf den anderen abrufen. Wieder und wieder hat sein Wort die Politik entscheidend bestimmt. Er lebt darin. Er denkt an nichts anderes, außer wenn ich einmal zu ihm komme und ihn bei einem meiner kleinen Probleme um Rat frage. Das ist dann für ihn eine kleine intellektuelle Übung, die ihm zur Entspannung dient. Aber heute steigt der Jupiter von seinem Olymp herab. Was um alles in der Welt hat das zu bedeuten? Wer ist Cadogan West? Und was hat er mit Mycroft zu tun?«

»Ich hab's«, rief ich und stürzte mich auf den Zeitungsstapel auf dem Sofa. »Ja, ja, hier ist es, ganz klar. Cadogan West war der junge Mann, der am Dienstag morgen tot auf dem Gelände der Untergrundbahn gefunden worden ist.«

Holmes setzte sich aufrecht hin und führte die Pfeife zum Mund.

»Dann ist die Sache ernst, Watson. Ein Tod, der meinen Bruder dazu bringt, seine Gewohnheiten zu ändern, kann kein gewöhnlicher sein. Was um alles in der Welt kann er damit zu tun haben? So weit ich mich erinnern kann, ist der Fall strukturlos. Der junge Mann ist ansche inend aus dem Zug gefallen und dabei zu Tode gekommen. Er wurde nicht ausgeraubt, und es gab keinen Grund, eine Gewalttat anzunehmen. War es nicht so?«

»Es hat eine Untersuchung gegeben«, sagte ich, »und eine Menge neuer Fakten sind dabei herausgekommen. Wenn man es näher betrachtet, ist es sicherlich ein seltsamer Fall. «

»Wenn man von der Wirkung ausgeht, die er auf meinen Bruder hat, so würde ich meinen, es ist ein höchst außergewöhnlicher Fall.« Er machte es sich in seinem Sessel bequem. »Nun Watson, wollen wir uns die Fakten ansehen.«

»Der Name des Mannes ist Arthur Cadogan West. Er war siebenundzwanzig Jahre alt, unve rheiratet und Angestellter im Woolwich Arsenal. «

»Regierungsangestellter. Eine Verbindung zu Bruder Mycroft! «

»Er hat Woolwich Montag abend plötzlich verlassen. Zuletzt gesehen wurde er von seiner Braut, Miß Violet Westbury, die er im Nebel etwa um 7.30 Uhr abrupt verlassen hat. Sie ha tten sich nicht gestritten und ein Motiv für seine Handlungsweise konnte sie nicht angeben.

Das nächste, was man von ihm hörte, war dann, als seine Leiche von einem Bahnarbeiter namens Mason außerhalb der Aldgate Untergrundstation entdeckt wurde.«

»Wann? «

»Die Leiche wurde am Dienstagmorgen um sechs entdeckt. Sie lag neben den Geleisen, noch nahe am Bahnhof, an der Stelle, wo die Bahn aus dem Tunnel herauskommt. Er hatte eine schwere Kopfverletzung, die dadurch verursacht worden sein kann, daß er aus dem Zug gefa llen ist. Die Leiche kann nur per Bahn an diese Stelle gekommen sein. Wenn sie von einer der Nachbarstraßen dort hingebracht worden wäre, hätte sie durch die Absperrungen im Bahnhof hindurch müssen, wo ja ständig ein Kontrolleur steht. Dieser Punkt scheint absolut sicher.«

»Sehr gut, der Fall sieht klar aus. Ein Mann, tot oder lebendig, fällt entweder aus dem Zug oder wird gewaltsam hinausgeworfen. Soviel ist mir klar. Weiter.«

»Die Züge, die auf der Linie verkehren, neben der die Leiche gefunden worden ist, gehen von Westen nach Osten, einige verkehren nur im Stadtbereich, andere kommen von Willesden und anderen Vororten. Es kann als gewiß angenommen werden, daß dieser junge Mann, als er zu Tode kam, zu später Stunde in dieser Richtung fuhr. Aber an welcher Station er zustieg, ist nicht mehr festzustellen. «

»Seine Fahrkarte müßte das doch zeigen.«

»Er hatte keine Fahrkarte in der Tasche.«

»Keine Fahrkarte! Liebe Zeit, Watson, das ist seltsam. Meiner Erfahrung nach ist es unmöglich, auf den Bahnsteig zu gelangen, ohne eine Fahrkarte vorzuweisen. Nehmen wir an, daß der junge Mann eine Fahrkarte hatte. Ist sie ihm entwendet worden, um damit zu verschleiern, an welcher Station er zugestiegen war? Das ist möglich. Oder hat er sie im Abteil verloren?

Das ist ebenfalls möglich. Aber dieser Punkt erregt meine Neugier. Sagten Sie, daß er nicht ausgeraubt worden ist?«

»Anscheinend nicht. Eine Liste von dem, was er bei sich trug, ist hier aufgeführt. Sein Portemonnaie enthielt zwei Pfund und fünfzehn Schillinge. Er trug ein Scheckbuch der Woolwich Zweigstelle der Capital und Counties Bank bei sich. Dadurch wurde seine Identität festgestellt.

Ebenfalls zwei Theaterkarten für das Woolwich Theater für den gleichen Abend. Und außerdem eine Mappe mit technischen Papieren. «

Holmes tat einen befriedigten Ausruf.

»Da haben wir es endlich, Watson! Die britische Regierung und Woolwich, Arsenal, technische Papiere und Bruder Mycroft: Die Kette ist komplett. Aber hier kommt er ja auch schon, wenn mich nicht alles täuscht. Er kann jetzt für sich selber reden.«

Einen Augenblick später wurde die große, stattliche Gestalt von Mycroft Holmes in unser Wohnzimmer komplimentiert. Schwer und massiv gebaut, schätzte man ihn von seiner Figur her eher als träge und unbeweglich ein. Aber auf diesem schwerfälligen Körper saß ein imposanter Kopf mit so wachen, tiefliegenden, stahlgrauen Augen, mit so festen Lippen und einem so feinen Ausdrucksspiel, daß man nach dem ersten Blick den gewaltigen Körper vergaß und nur noch den dominanten Geist in Erinnerung behielt.

Ihm auf den Fersen folgte unser alter Freund Lestrade von Scotland Yard, dürr und asketisch.

Der ernste Ausdruck in beiden Gesichtern kündigte ein gewichtiges Problem an. Der Detektiv schüttelte ohne Worte unsere Hände. Mycroft Holmes quälte sich aus seinem Mantel heraus und ließ sich in einen Sessel fallen.

»Eine sehr ärgerliche Geschichte, Sherlock«, sagte er. »Ich hasse es, meine Gewohnheiten ändern zu müssen. Wie es im Augenblick aussieht, hätte ich wirklich mein Büro nicht verlassen dürfen. Es ist eine echte Krise. Noch niemals habe ich den Premierminister so aufgebracht gesehen. Und die Admiralität ist ein einziger umgestülpter Bienenkorb, worin man aufgeregt umhersaust. Hast du alles über den Fall gelesen?«

»Das haben wir gerade getan. Welcher Art waren die technischen Papiere?«

»Ah ja, darum geht's, das ist das Wesentliche! Glücklicherweise ist noch nichts bekannt geworden.

Die Presse würde sich wie wild darauf stürzen, wenn sie Wind davon bekäme. Die Papiere, die der unglückliche Junge bei sich trug, waren die Pläne des Bruce-Partington Unterseebootes.«

Der Ernst, mit dem Mycroft Holmes sprach, ließ uns die Bedeutung der Papiere erkennen.

Sherlock Holmes und ich schauten ihn erwartungsvoll an.

»Du hast doch sicherlich von dem Plan gehört. Alle Welt weiß schließlich davon.«

»Nur dem Namen nach.«

»Die Bedeutung der Pläne kann gar nicht überschätzt werden. Noch nie ist ein Regierungsgeheimnis eifersüchtiger gehütet worden. Du darfst es mir glauben, daß ein Seekrieg im Umkreis der Bruce-Partington-Operation unmöglich wird. Vor zwei Jahren wurde eine größere Summe durch den Haushalt geschmuggelt und angelegt, um das Monopol für diese Erfindung zu bekommen. Jede Anstrengung wurde gemacht, die Sache geheimzuhalten. Diese Pläne sind sehr kompliziert, beinhalten mehr als dreißig Patente, jedes einzelne davon für das Ganze notwendig. Aufbewahrt wurden sie in einem riesigen Safe in einem vertraulichen Büro, das sich neben dem Arsenal befindet. Es hat einbruchsichere Türen und Fenster. Niemand kann sich vorstellen, wie diese Papiere den Safe verlassen haben können. Und wenn der Chefkonstrukteur der Marine in sie Einblick nehmen wollte, dann mußte selbst er sich zu dem Zweck nach Woolwich begeben. Und doch finden wir sie in der Tasche eines jungen Clerks, mitten im Herzen von London. Vom offiziellen Standpunkt der Dinge ist das schlicht unfaßlich.«

»Aber ihr habt sie doch jetzt wieder.«

»Nein, Sherlock, das ist ja gerade das Schlimme. Wir haben sie nicht. Zehn Blätter wurden in Woolwich weggenommen. Sieben davon waren in Cadoga n Wests Tasche. Die drei allerwichtigsten sind fortgestohlen, verschwunden. Sherlock, du mußt alles hinwerfen, was du gerade tust. Kümmere dich mal nicht um deine üblichen kleinen Puzzles. Du mußt ein wichtiges, internationales Problem lösen. Warum hat Cadogan West die Papiere genommen? Wo sind die fehlenden? Wie kam seine Leiche dahin, wo man sie fand? Wie kann diese Geschichte wieder in Ordnung gebracht werden? Finde eine Antwort auf diese Fragen. «

»Warum willst du es nicht selber lösen, Mycroft? Du kannst ebenso weit sehen wie ich. «

»Schon möglich, Sherlock. Aber es geht darum, Details zu bekommen. Bring mir alle Einze lheiten, und ich will dir von meinem Sessel aus eine ausgezeichnete Expertenmeinung zukommen lassen. Aber hierhin und dorthin laufen, einen Eisenbahner ins Kreuzverhör nehmen, auf dem Bauch liegen und das Vergrößerungsglas vor den Augen haben, das ist nicht mein Metier. Nein, du bist der Mann, der den Fall aufklären kann. Wenn es dir Spaß macht, wirst du deinen Namen in der nächsten Ehrenliste finden ---«

Mein Freund lächelte und schüttelte seinen Kopf. »Ich spiele das Spiel um des Spielens willen «, sagte er. »Aber das Problem hat einige interessante Seiten, und es wird mir Spaß machen, mich damit zu befassen. Hast du nicht noch mehr Fakten?«

»Ich habe die wichtigsten auf diesem Blatt notiert, zusammen mit ein paar Adressen, die dir nützlich sein können. Die offizielle Aufsicht über die Papiere hat der berühmte Regierungsexperte, Sir James Walter, dessen Auszeichnungen und Titel allein zwei Zeilen in einem Nachschlagewerk benötigen. Er ist im Dienst grau geworden, ein Gentleman, bevorzugter Gast in den vornehmsten Häusern und darüber hinaus ein Mann, dessen Patriotismus über jeden Verdacht erhaben ist. Ich kann hinzufügen, daß die Papiere ganz bestimmt während der Arbeitsstunden am Montag an ihrem Platz waren. Sir James hat das Büro um drei Uhr verlassen, um nach London zu fahren. Den Schlüssel hat er mitgenommen. An dem betreffenden Abend, als sich der Zwischenfall ereignete, befand er sich im Haus von Admiral Sinclair am Barclay Square.«

»Ist das nachgeprüft worden?«

»Ja, sein Bruder, Colonel Valentine Walter, hat seine Abfahrt von Woolwich bestätigt und Admiral Sinclair seine Ankunft in London. So ist Sir James kein eigentlicher Faktor in diesem Problem. «

»Wer hat außerdem noch einen Schlüssel?«

»Der Seniorclerk und technische Zeichner, Mr. Sidney Johnson. Er ist vierzig Jahre alt, ve rheiratet und hat fünf Kinder. Er ist ein schweigsamer, finsterer Mann, aber hat ausgezeichnete Zeugnisse und im öffentlichen Dienst einen guten Leumund. Er ist bei den Kollegen unbeliebt, aber arbeitet hart. Nach eigenen Angaben, allerdings nur bestätigt von seiner Frau, war er nach Dienstschluß den ganzen Montag Abend zu Hause, und sein Schlüssel war immer an der Uhrkette, wo er ständig hängt. «

»Erzähl uns etwas von Cadogan West.«

»Er ist zehn Jahre im Regierungsdienst und hat gute Arbeit geleistet. Man kann ihm nachsagen, daß er ein bißchen hitzköpfig und impulsiv ist, aber anständig und ehrlich. Wir haben nichts gegen ihn vorliegen. Im Office war er Sidney Johnson direkt unterstellt. Seine Pflichten brachten ihn in täglichen Kontakt mit den Plänen. Sonst durfte niemand mit ihnen umgehen. «

»Wer hat abends die Pläne eingeschlossen?«

»Mr. Sidney Johnson, der Seniorclerk.«

»Nun, dann dürfte ja völlig klar sein, wer sie fortgenommen hat. Sie wurden doch beim Juniorclerk Cadogan West gefunden. Das ist doch entscheidend, nicht?«

»Ja, Sherlock, es scheint so. Aber es bleibt so vieles ungeklärt. Zunächst, warum hat er sie mitgenommen?«

»Ich nehme an, daß sie von Wert sind?«

»Er hätte leicht mehrere Tausend herausschlagen können. «

»Kannst du mir noch ein anderes mögliches Motiv nennen, weshalb er sie nach London mitgenommen hat, außer dem, sie zu verkaufen?«

»Nein, ich wüßte keins.«

»Dann müssen wir dies als Arbeitshypothese annehmen. Der junge West hat die Papiere an sich genommen. Nun, dies konnte er nur bewerkstelligen, wenn er einen Nachschlüssel besaß ... «

»Mehrere Nachschlüssel. Denn er mußte außerdem das Gebäude aufschließen und den Büroraum dazu.«

»Dann hatte er eben mehrere Nachschlüssel. Er brachte die Papiere nach London, um das Geheimnis zu verkaufen. Sicherlich hatte er vor, die Pläne selbst wieder zurück in den Safe zu bringen, damit sie am nächsten Morgen nicht vermißt würden. Während er diesen Verrat unternimmt, trifft ihn in London sein Ende. «

»Wie?«

»Nehmen wir an, daß er auf dem Heimweg nach Woolwich getötet und aus dem Abteil geworfen wurde. «

»Die Station Aldgate, wo seine Leiche gefunden wurde, befindet sich aber nicht auf seiner Route nach Woolwich. Er hätte in London Bridge umsteigen müssen. «

»Man könnte sich viele Möglichkeiten ausdenken, weshalb er über London Bridge hinausgefahren ist. Zum Beispiel kann jemand im Abteil gewesen sein, mit dem er ein interessantes Gespräch geführt hat. Vielleicht hat dann dieses Gespräch zu der Gewalttat geführt, die ihn das Leben gekostet hat. Vielleicht hat er versucht, das Abteil zu verlassen und ist dabei aus dem Zug gefallen. Der andere schloß die Tür. Es war dicker Nebel. Nichts war zu sehen. «

»Nach allem, was wir bisher wissen, ist dies die beste Erklärung. Und doch Sherlock, überleg doch, wie viel du unberücksichtigt läßt. Nur um des Argumentes willen wollen wir einmal annehmen, daß der junge Cadogan West entschlossen war, die Papiere nach London zu bringen.

Er würde sich doch sicherlich mit dem fremden Agenten verabredet und seinen Abend freigehalten haben. Statt dessen hatte er zwei Karten für das Theater in der Tasche, war mit seiner Braut auf dem Weg dorthin und verschwand plötzlich im Nebel. «

»Täuschungsmanöver«, sagte Lestrade, der dem Gespräch mit einiger Ungeduld gefolgt war.

»Ein sehr einfaches sogar. Das ist mein erster Einwand. Mein zweiter Einwand: Wollen wir doch annehmen, daß er nach London kam und den fremden Agenten traf. Er muß die Papiere vor dem Morgen zurückbringen, sonst wird er entdeckt. Er hat zehn mitgenommen. Nur sieben waren in seiner Tasche. Was ist aus den anderen dreien geworden? Er wird sie kaum freiwillig zurückgelassen haben. Aber was war der Preis für seinen Verrat? Man müßte doch erwarten, eine große Summe Geldes in seiner Tasche zu finden. «

»Mir erscheint das alles ganz einfach«, sagte Lestrade. »Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie alles gelaufen ist. Er nahm die Papiere, um sie zu verkaufen. Er sah den Agenten. Sie konnten sich über den Preis nicht einigen. Er machte sich wieder auf den Heimweg, aber der Agent fuhr mit ihm. Im Zug brachte er ihn um, nahm sich die wichtigsten Papiere heraus und warf die Leiche aus dem Zug. Das würde doch alles decken, oder?« »Warum hatte er keine Fahrkarte?«

»Die Fahrkarte würde verraten, welche Station der Wohnung des Agenten am nächsten liegt.

Daher nahm er sie aus der Tasche des Ermordeten. «

»Gut, Lestrade, sehr gut«, sagte Holmes. »Ihre Theorie hält zusammen. Aber wenn sie wahr ist, dann ist der Fall zu Ende. Auf der einen Seite der Tod des Verräters. Auf der anderen Seite sind dann die Pläne für das Bruce-Partington-Unterseeboot längst auf dem Kontinent. Was gibt es dann noch für uns zu tun? «

»Zu handeln, Sherlock, zu handeln«, rief Mycroft und sprang auf. »Mein ganzer Instinkt richtet sich gegen diese Theorie. Gebrauche deine Kräfte! Geh hin zu der Szene des Verbrechens.

Besuch die Leute, die mit der Sache zu tun haben! Laß nichts unversucht! In deiner ganzen Karriere hast du noch keine solche Chance gehabt, deinem Volk zu dienen.«

»Gut denn«, sagte Holmes mit einem Achselzucken. »Kommen Sie, Watson! Und Sie sollten auch mitkommen, Lestrade, wenn Sie Zeit haben, uns eine oder zwei Stunden zu begleiten.

Wir wollen unsere Untersuchung mit einem Besuch am Aldgate Bahnhof beginnen. Auf Wiedersehen, Mycroft. Heute abend wirst du meinen Bericht bekommen, aber laß dich im voraus warnen, daß ich vielleicht nicht viel zu berichten habe.«

Eine Stunde später standen Holmes, Lestrade und ich an dem Punkt der Untergrundbahn, wo der Zug aus dem Tunnel austritt, kurz vor dem Bahnhof Aldgate. Ein höflicher alter Herr mit rotem Gesicht war als Repräsentant der Eisenbahngesellschaft anwesend.

»An dieser Stelle lag die Leiche des jungen Mannes«, sagte er und wies auf einen etwa einen Meter entfernten Punkt. » Er kann nicht von oben herabgefallen sein, denn Sie sehen ja selbst, daß hier lauter glatte Wände sind. Deshalb kann er nur aus dem Zug gefallen sein. Und dieser Zug muß, soweit wir das feststellen können, am Montag um Mitternacht hier vorbeigefahren sein.«

»Sind die Abteile nach Spuren von Gewalt untersucht worden? «

»Es gibt keine Spur von Gewalt, und die Fahrkarte ist auch nicht gefunden worden.«

»Und auch kein Anzeichen dafür, daß eine Tür während der Fahrt offen war?«

» Nein. «

»Wir haben heute morgen eine neue Zeugenaussage bekommen«, sagte Lestrade. »Ein Fahrgast, der in einem normalen Metropolitan-Zug an Aldgate vorbeigefahren ist, hat gerade bevor der Zug in den Bahnhof eingefahren ist, einen heftigen Aufschlag gehört, so als wäre ein Körper auf die Schienen gefallen. Es herrschte jedoch dichter Nebel, und er konnte nichts sehen.

Er hat sich aber an die genaue Zeit erinnert. Was ist los, Mr. Holmes?«

Mein Freund stand mit einem Ausdruck gespannter Aufmerksamkeit da und starrte auf die Stelle, wo die Eisenbahnschienen aus dem Tunnel heraustraten. Aldgate ist ein Knotenpunkt und es gab ein ganzes Netz von Weichen. Seine kühnen, fragenden Augen waren wie erstarrt.

Ich sah, wie sich in seinem scharfgeschnittenen, wachen Gesicht die Lippen zusammenpreßten, sah, wie die Nasenflügel bebten und die schweren buschigen Augenbrauen sich zusammenzogen - Zeichen, die ich so gut kannte. »Weichen«, murmelte er »die Weichen«

»Was ist damit? Was meinen Sie?«

»Ich könnte mir denken, daß es in diesem System eine ganze Reihe von Weichen gibt?«

»Nein, es gibt nur wenige.«

»Und auch die Kurve. Weichen und eine Kurve. Mein Gott, wenn es nur so wäre.«

»Was ist denn, Mr. Holmes, haben Sie einen Anhaltspunkt?«

»Eine Idee, einen Hinweis, mehr nicht. Aber der Fall wird bestimmt interessant. Einmalig, einfach einmalig. Und dennoch, warum nicht? Ich sehe keine Blutspuren auf den Schienen.«

»Es gibt auch kaum Spuren von Blut.«

»Aber der Mann hatte doch eine beträchtliche Wunde?«

»Der Schädel war eingedrückt, aber äußerlich war er wenig verletzt. «

»Aber etwas Blut müßte man doch wohl erwarten. Gibt es eine Möglichkeit, den Zug zu examinieren und mit dem Fahrgast zu reden, der den Aufprall im Nebel gehört haben will?«

»Ich fürchte, das ist nicht möglich, Mr. Holmes. Der Zug ist inzwischen ganz anders wieder zusammengestellt.«

»Mr. Holmes, ich kann Ihnen versichern, daß jeder Wagen sorgfältig durchsucht worden ist.

Ich habe selbst dafür gesorgt«, sagte Lestrade.

Eine ganz offensichtliche Schwäche meines Freundes ist die, daß er ungeduldig mit Leuten ist, die weniger intelligent als er reagieren.

»Schon möglich«, sagte er und drehte sich fort. »Wie die Dinge stehen, wollte ich auch gar nicht die Abteile untersuchen. Watson, wir haben hier getan, was wir konnten. Mr. Lestrade, wir brauchen Sie nicht weiter aufzuhalten. Ich glaube, unsere Untersuchung wird jetzt in Woolwich weitergeführt werden müssen. «

In London Bridge schickte Sherlock Holmes seinem Bruder ein Telegramm, das er mir zu lesen gab, bevor er es absandte. Es lautete folgendermaßen.

»Sehe Licht in der Dunkelheit, kann aber auch ein Irrlicht sein. Sende mir bitte durch Boten in die Baker Street eine vollständige Liste aller fremden Spione und internationalen Agenten, die in England bekannt sind, mit vollständiger Adresse. Sherlock.«

»Das sollte uns weiterhelfen, Watson«, sagte er, als wir unsere Plätze im Zug nach Woolwich einnahmen. »Wir müssen Bruder Mycroft wirklich dankbar sein, daß er uns zu einem, wie mir scheint, sehr interessanten Fall verholfen hat.«

Sein kühnes Gesicht trug noch immer den Ausdruck einer intensiven, nervösen Energie. Für mich war es ein Hinweis darauf, daß neue und vielversprechende Prospekte sich ihm eröffnet hatten, denen er jetzt in Gedanken nachging. Ich vergleiche ihn manchmal mit einem Jagdhund, der mit hängenden Ohren und schleifendem Schwanz in seinem Käfig herumschleicht.

Wie anders ist das Bild dieses Hundes, wenn er auf eine heiße Spur gestoßen ist, dann glänzen die stumpfen Augen und die Muskeln sind angespannt. Ein ähnlicher Wechsel war seit dem Morgen mit Holmes vor sich gegangen. Er unterschied sich total von der schlaffen, müden Gestalt, die im mausgrauen Morgenmantel noch vor ein paar Stunden so ruhelos in unserm vom Nebel umwallten Zimmer herumgelaufen war.

»Es gibt Material, mit dem wir arbeiten können, und es gibt einen Horizont, einen Bereich, in den es hineingehört«, sagte er. »Ich war dumm, daß ich die Möglichkeiten nicht gleich ve rstanden habe.«

»Für mich ist auch jetzt noch alles unverständlich genug.«

»Das Ende ist mir auch noch dunkel und verschleiert, aber mir ist eine Idee gekommen, an der entlang wir arbeiten können. Der Mann ist woanders zu Tode gekommen und seine Leiche war auf dem Dach des Wagens. «

»Auf dem Dach!«

»Toll, nicht wahr? Aber bedenken Sie die Fakten. Kann es denn Zufall sein, daß er ausgerechnet dort gefunden wird, wo der Zug schlingert und schüttelt, wenn er um die Ecke kommt und über die Weichen muß? Ist das nicht genau die Stelle, an der jeder Gegenstand, der sich auf dem Dach eines Zuges befinden würde, herunterfallen müßte? Die Weichen haben keine rlei Einfluß auf das, was im Wagen geschieht. Entweder ist die Le iche vom Wagendach des Zuges heruntergefallen, oder es hat sich ein sehr merkwürdiger Zufall begeben. Und dann denken Sie an das Blut. Natürlich konnte kein Blut auf den Schienen gefunden werden, wenn der Körper woanders ausgeblutet ist. Jede der Tatsachen spricht für sich. Zusammen ergeben sie eine geballte Macht.«

»Ja, und die Fahrkarte kommt hinzu!« rief ich.

»Richtig. Wir konnten uns das Nichtvorhandensein der Fahrkarte nicht erklären. Mit dieser Theorie können wir es erklären. Alles paßt zusammen.«

»Nehmen wir an, es war so, dann müssen wir doch immer noch der Frage nachgehen, wie er zu Tode gekommen ist. Es wird nämlich nicht einfacher, sondern schwieriger. «

»Vielleicht«, sagte Holmes gedankenvoll, »vielleicht«. Er fiel in schweigendes Nachdenken, das so lange anhielt, bis wir langsam in den Bahnhof von Woolwich einfuhren. Dort rief er nach einem Wagen und zog Mycrofts Zettel aus der Tasche.

»Wir haben heute Nachmittag eine richtige kleine Besuchsrunde zu machen«, sagte er. »Ich denke, daß Sir Walter James als erster unsere Aufmerksamkeit verdient. «

Das Haus des berühmten Beamten war eine schöne Villa, deren Rasen sich bis hinunter zur Themse erstreckte. Als wir dort ankamen, hob sich der Nebel ein wenig, und ein dünner, wässriger Sonnenschein brach durch. Auf unser Klingeln hin öffnete ein Butler.

»Sir James, Sir!« sagte er mit sehr ernstem Gesicht. »Sir James ist heute morgen gestorben.«

»Gott im Himmel!« rief Sherlock Holmes erstaunt. »Woran ist er gestorben?«

»Vielleicht kommen Sie herein, Sir, und sprechen mit seinem Bruder, Colonel Valentine?«

»Ja, das werden wir tun.«

Wir wurden in ein schwachbeleuchtetes Wohnzimmer hineinkomplimentiert, wo wir einen Augenblick später von einem sehr großen, bärtigen, gutaussehenden Mann um die Fünfzig empfangen wurden, dem jüngeren Bruder des verstorbenen Wissenschaftlers. Seine wilden Augen, die Flecken an den Wangen und das unfrisierte Haar sprachen von dem plötzlichen Schlag, der die Familie getroffen hatte. Er sprach so leise, daß wir ihn kaum verstehen konnten.

»Es ist entsetzlich«, sagte er. »Mein Bruder, Sir James, war, was seine Ehre anbelangte, sehr empfindlich. So hat er diesen Skandal nicht überstanden. Es hat ihm das Herz gebrochen. Er war immer so stolz auf die Tüchtigkeit seiner Abteilung. Und nun dieser niederschmetternde Schlag!«

»Wir hatten gehofft, daß er uns ein paar Hinweise zur Aufklärung dieser unangenehmen Sache geben könnte.«

»Ich versichere Ihnen, daß er vor dem gleichen unentwirrbaren Rätsel stand, wie wir alle. Er hat seine Aussage vor der Polizei gemacht. Mehr hätte er auch Ihnen nicht sagen können. Natürlich glaubte er, daß Cadogan West schuldig ist, aber der Rest war ihm unbegreiflich.«

»Und Sie können auch kein neues Licht in die Affaire bringen?«

»Ich weiß auch nicht mehr, außer dem, was ich gelesen und gehört habe. Ich möchte nicht unhöflich werden, Mr. Holmes, aber Sie verstehen sicherlich, daß wir im Augenblick nicht gerne gestört sein möchten. Ich bitte Sie deshalb, dieses Interview schnell zu Ende zu bringen. «

»Das ist nun wirklich eine unerwartete Entwicklung«, sagte mein Freund, als wir unseren Wagen wieder bestiegen hatten. »Ich frage mich nur, ob dieser Tod natürlich war oder ob der arme Kerl sich selbst umgebracht hat! Wenn wir letzteres annehmen, könnte es ein Zeichen von Selbstanklage sein. Ob er vielleicht seine Pflichten vernachlässigt hat? Diese Frage müssen wir der Zukunft überlassen. Wir wollen jetzt zu den Cadogan Wests gehen. «

Ein kleines, aber gut in Ordnung gehaltenes Haus am Rande der Stadt war das Heim der Mutter des jungen Mannes. Die alte Frau war von dem Schock ihres Verlustes zu sehr erschüttert, als daß sie uns hätte nützen können. Aber an ihrer Seite war eine blasse junge Frau, die sich selbst als Violet Westbury vorstellte, die Verlobte des Toten, die ihn in jener Schicksalsnacht zuletzt gesehen hatte.

»Ich kann es mir nicht erklären, Mr. Holmes«, sagte sie. »Ich habe seit dieser Tragödie noch kein Auge zugetan. Ich denke, denke und denke Tag und Nacht und kann es nicht verstehen.

Was hat das alles zu bedeuten? Arthur war ein so aufrechter, ehrlicher und patriotischer Mann. Er würde sich eher seine Hand haben abschlagen lassen, bevor er die ihm anvertrauten Staatsgeheimnisse verkaufte. Es ist absurd, undenkbar für jeden, der ihn gekannt hat. «

»Aber die Tatsachen, Miß Westbury?«

»Ja, ja, ich gebe ja zu, daß ich mir die auch nicht erklären kann. «

»War er in Geldschwierigkeiten?«

»Nein, für sich hat er immer wenig gebraucht, und er hat ja auch gut verdient. Er hat ein paar Hundert erspart. Wir wollten zu Neujahr heiraten.«

»Keine Anzeichen von nervöser Erregt heit? Kommen Sie, Miß Westbury, seien Sie vollkommen ehrlich zu uns.«

Das schnelle Auge meines Gefährten hatte einen Wechsel in ihrem Benehmen wahrgeno mmen.

Sie wurde rot und zögerte. »Ja«, sagte sie schließlich, »ich hatte das Gefühl, daß ihn etwas bedrückte.«

»Schon länger?«

»Eigentlich nur die letzte Woche. Er war in sich gekehrt und nachdenklich. Einmal habe ich versucht, seine Sorgen aus ihm herauszulocken. Er gab zu, daß er sich sorgte und daß es mit seinem Dienstleben zu tun hatte. >Es ist zu ernst, ich darf mit niemandem darüber reden, nicht einmal mit dir, sagte er, und mehr konnte ich nicht aus ihm herausbekommen.«

Holmes sah ernst aus.

»Erzählen Sie weiter, Miß West. Auch wenn es so aussieht, als ginge es gegen ihn, erzählen Sie trotzdem weiter. Wir können jetzt noch nicht sagen, wohin es führen wird.«

»Ich habe aber weiter nichts zu erzählen. Ein- oder zweimal habe ich geglaubt, daß er nahe daran war, mir etwas anzuvertrauen. Eines Abends hat er auch von der großen Bedeutung der geheimen Papiere gesprochen, und ich meine auch, daß er sagte, daß fremde Spione wohl eine große Summe Geldes zahlen würden, wenn sie sie in die Hände bekommen könnten. «

Mein Freund wurde noch ernster. »Noch etwas?«

»Er sagte, wir seien in solchen Sachen viel zu leichtsinnig, es sei zu leicht für einen Verräter, die Pläne weiterzugeben.«

»Hat er erst in der letzten Zeit solche Bemerkungen gemacht?«

»Ja, in der allerletzten Zeit.«

»Erzählen Sie uns jetzt von dem letzten Abend.«

»Wir wollten ins Theater gehen. Der Nebel war so dicht, daß es nutzlos gewesen wäre, einen Wagen zu nehmen. Wir gingen zu Fuß, und unser Weg führte uns dicht an seiner Arbeitsstelle vorbei. Plötzlich schoß er fort, in den Nebel hinein.«

»Ohne ein Wort?«

»Er tat einen Ausruf. Das war alles. Ich habe gewartet, aber er kam nicht zurück. Dann bin ich nach Hause gegangen. Am nächsten Morgen, als die Büros geöffnet wurden, kamen sie, um sich nach ihm zu erkundigen. Um zwölf Uhr etwa hörten wir dann die schreckliche Nachricht.

Oh, Mr. Holmes, wenn Sie bloß seine Ehre retten könnten! Sie hat ihm soviel bedeutet!«

Holmes schüttelte traurig seinen Kopf.

»Kommen Sie, Watson «, sagte er, »unser Weg führt woanders hin. Wir müssen jetzt in das Büro gehen, aus dem die Papiere gestohlen wurden. «

»Der Verdacht stand schwarz genug gegen den jungen Mann, aber unsere Untersuchungen lassen ihn noch verdächtiger erscheinen«, bemerkte er, als die Droschke langsam davonrumpelte.

»Seine kommende Heirat gab ihm das Tatmotiv. Natürlich brauchte er Geld. Die Idee war in seinem Kopf, seit er davon geredet hat. Beinahe hätte er aus dem Mädchen eine Komplizin des Verrates gemacht, indem er ihr von seinen Plänen erzählte. Es ist alles ziemlich schlimm.«

»Aber Holmes, hat Charakter nicht auch etwas zu bedeuten? Und dann, warum sollte er das Mädchen mitten auf der Straße stehen lassen, um ein schweres Verbrechen zu begehen?«

»Richtig! Es gibt auch Einwände dagegen, aber es wird schwer sein, seine Unschuld zu beweisen.«

Mr. Sidney Johnson, der Seniorangestellte, begrüßte uns in seinem Büro und brachte uns jenen Respekt entgegen, den die Karte meines Gefährten immer hervorrief. Er war ein dünner, bebrillter Mann mittleren Alters. Seine Wangen waren eingefallen und seine Hand zuckte in einem nervösen Tick.

»Es ist schlimm, Mr. Holmes, sehr schlimm! Haben Sie schon vom Tod unseres Chefs gehört?«

»Wir kommen gerade aus seinem Haus.«

»Das Büro ist ein einziges Chaos. Der Chef tot, Cadogan West tot, unsere Papiere gestohlen.

Und doch, als wir Montag abend abschlossen, waren wir noch das tüchtigste Büro, das für die Regierung arbeitet. Guter Gott, es ist entsetzlich, daran zu denken, daß ausgerechnet West eine solche Tat begangen haben soll!«

»Sie glauben an seine Schuld?«

»Ich kann es mir nicht anders vorstellen. Und doch habe ich ihm vertraut, wie ich mir selbst vertraue.«

»Wann wurde das Büro am Montag geschlossen?«

»Um fünf Uhr.«

»Haben Sie selbst abgeschlossen?«

»Ich bin immer der letzte, der es verläßt.«

»Wo befanden sich die Pläne?«

»Im Safe. Ich habe sie selbst dort hineingelegt.«

»Gibt es keinen Nachtwächter für dieses Gebäude?«

»Das ja. Aber er hat noch auf andere Abteilungen aufzupassen. Er ist ein alter Soldat und sehr vertrauenswürdig. Er hat an dem Abend nichts gesehen. Aber der Nebel war natürlich auch sehr dicht. «

»Nehmen Sie einmal an, Cadogan West wollte nach Büroschluß in das Gebäude eindringen, würde er dann nicht drei Schlüssel benötigen, bevor er an die Papiere herankonnte?«

»Ja, das stimmt. Den Schlüssel für die äußere Tür, den Büroschlüssel und den Schlüssel zum Safe.«

»Nur Sir James Walter und Sie hatten diese Schlüssel?«

»Ich habe keinen Schlüssel für die Türen, nur für den Safe.«

»War Sir James ein Mensch, der ordentlich war in seinen Gewohnheiten?«

»Ja, ich glaube, das war er. Ich weiß, daß sich die drei Schlüssel bei ihm immer am gleichen Schlüsselring befanden. Ich habe sie dort oft gesehen. «

»Und dieses Schlüsselbund hat er mit nach London genommen?«

»Ja, das sagte er jedenfalls hinterher.«

»Und Sie haben Ihren Schlüssel niemals aus der Hand gegeben?«

»Niemals«.

»Dann muß West der Schuldige sein, er muß Nachschlüssel besessen haben. Und doch wurde keiner bei seiner Leiche gefunden! Noch eine Sache: Wenn ein Angestellter Ihres Büros auf die Idee käme, diese Pläne zu verkaufen, hätte er sie nicht einfacher kopieren können, statt die Originalpapiere mitgehen zu lassen?«

»Um diese Papiere gut zu kopieren, ist ein enormes technisches Verständnis nötig.«

»Aber ich nehme an, über dieses technische Wissen verfügten sowohl Sir James, als auch Sie selber, als auch West.«

»Sicher hatten wir das. Aber ich bitte Sie, mich nicht in die Sache hineinzuziehen, Mr. Ho lmes.

Was nützt die ganze Spekulation. Die Originalpapiere wurden schließlich bei West gefunden.«

»Gut. Aber es ist doch wirklich seltsam, daß er es riskieren sollte, die Originalpapiere mitzunehmen, wenn er ein sicheres Spiel spielen konnte, indem er sie kopierte, und das würde seinen Zwecken doch auch gedient haben?«

»Merkwürdig ist das schon. Aber er tat es dennoch.«

»Die Untersuchung in diesem Fall enthüllte noch etwas Unerklärliches. Drei der Papiere fe hlen immer noch. Wie ich es verstehe, sind das die wichtigsten. «

»Ja, Sir, das stimmt.«

»Wollen Sie damit sagen, daß jemand, der diese Papiere in seinen Besitz gebracht hat, das Bruce-Partington-U-Boot konstruieren könnte, ohne die sieben anderen Dokumente?«

»Mein Bericht an die Admiralität lautete dahingehend. Aber heute habe ich mir die Zeichnungen noch einmal angesehen. Nun bin ich mir nicht mehr so ganz sicher. Die doppelten Ventile mit den automatisch verschließbaren Schotten sind auf den zu-rückgegebenen Papieren ve rzeichnet.

Wenn die Ausländer diese Details nicht selbst erfunden haben, können sie das Boot nicht konstruieren. Möglicherweise können sie diese Schwierigkeiten natürlich schnell überwinden.«

»Aber die drei fehlenden Papiere sind auf jeden Fall die wichtigsten?«

»Ganz gewiß. «

»Wenn Sie erlauben, möchte ich mich nun gerne ein wenig umsehen. Sonst hätte ich dann keine Fragen mehr. «

Er sah sich das Schloß des Safes an, das Türschloß, und schließlich die eisernen Barren vor den Fenstern. Erst als wir auf den Rasen hinauskamen, wurde sein Interesse plötzlich wach.

Vor dem Fenster stand ein Lorbeerbusch. Mehrere Zweige waren heruntergebogen und zum Teil abgebrochen. Er betrachtete sie sorgfältig durch sein Vergrößerungsglas und danach sah er sich einige undeutliche Spuren auf dem Boden an. Schließlich bat er den Hauptangestellten, die eisernen Schotten vorzulegen. Er wies mich darauf hin, daß sie nicht richtig schlossen und daß jeder von außen zusehen konnte, was drinnen vorging.

»Die Spuren sind nach drei Tagen Verspätung verdorben. Sie können alles oder auch nichts bedeuten. Also, Watson, ich glaube nicht, daß Woolwich uns noch weiterhelfen kann. Wir haben heute nur eine kleine Ernte eingebracht. Mal sehen, ob wir in London mehr Glück haben.«

Und doch konnten wir, bevor wir den Bahnhof Woolwich verließen, unserer Ernte noch eine Garbe hinzufügen. Der Angestellte im Fahrkartenbüro konnte uns mit Sicherheit sagen, daß er Cadogan West, den er vom Ansehen her gut kannte, am Montagabend gesehen hatte und daß er den 8.15 Uhr Zug nach London Bridge genommen hatte. Er war alleine und hatte sich ein einfaches Billett dritter Klasse genommen. Dem Angestellten war sein aufgeregtes und nervöses Verhalten aufgefallen. Er war so zittrig gewesen, daß er kaum das Wechselgeld richtig einstecken konnte. Der Angestellte hatte ihm dabei noch geholfen. Ein Vergleich mit dem Fahrplan zeigte uns, daß dieser 8.15 Uhr-Zug der erste war, den West nehmen konnte, nachdem er seine Braut um 7.30 Uhr auf der Straße hatte stehen lassen.

»Wir wollen die Sache einmal rekonstruieren, Watson«, sagte Holmes, nachdem er eine halbe Stunde geschwiegen hatte. »Ich weiß nicht, ob wir in unserer gemeinsamen Arbeit jemals einen Fall hatten, der so schwierig in den Griff zu bekommen war. Nach jeder kleinen Hürde, die wir genommen haben, bauen sich gleich wieder neue Barrieren auf. Und doch haben wir auch ganz achtbare Erfolge erzielt.

Unsere Nachforschungen in Woolwich haben in der Hauptsache immer stärker den jungen West belastet, aber die Anzeichen am Fenster tragen zu einer günstigeren Hypothese für ihn bei. Lassen Sie uns zum Beispiel einmal annehmen, daß sich ein fremder Agent an ihn herangemacht hat. Vielleicht ist er zum Schweigen gezwungen worden. Aber in seinen Gedanken beschäftigte ihn die Angelegenheit so sehr, daß er seiner Braut gegenüber Andeutungen machte. Sehr gut. Wir wollen nun annehmen, daß er mit seiner Braut auf dem Weg zum Theater ist und plötzlich im Nebel den gleichen Agenten sieht, der auf das Büro zugeht. Er war ein hitzköpfiger junger Mann, schnell in seinen Entschlüssen. Es ging hier darum, seine Pflicht zu erfüllen. Er folgte dem Mann, kam zu dem Fenster, sah, wie die Dokumente entwendet wurden und verfolgte den Dieb. Auf diese Weise kommen wir auch über die Schwierigkeit hinweg, daß niemand die Originalpapiere mitnehmen würde, der fähig wäre, Kopien herzustellen.

Dieser Außenseiter mußte die Originale nehmen. So weit paßt alles zusammen.«

»Was ist der nächste Schritt?«

»Da geraten wir in Schwierigkeiten. Man könnte sich doch vorstellen, daß der junge West unter diesen Umständen den Dieb am Kragen packt und Alarm schlägt. Warum hat er das nicht getan? Könnte das ein höherer Vorgesetzter gewesen sein, der die Papier an sich nahm? Das würde Wests Benehmen erklären. Oder der Dieb ist im Nebel verschwunden, ohne daß West ihn kriegen konnte, so daß er sich sogleich auf den Weg nach London machte, um stracks sich zu seiner Wohnung zu begeben und ihm dort die Papiere abzujagen. Dabei müssen wir aber voraussetzen, daß er wußte, wohin sich der Dieb wenden würde. Er muß es sehr eilig gehabt haben, denn das Mädchen stand im Nebel, und er unternahm nichts, um sich mit ihr in Verbindung zu setzen. Hier wird unsere Spur kalt, und wir haben eine klaffende Lücke zwischen beiden Hypothesen und der Leiche Wests, die mit sieben Dokumenten in der Tasche auf dem Dach der Untergrundbahn liegt. Wenn ich meinem Instinkt folge, so möchte ich jetzt vom anderen Ende her arbeiten. Wenn wir von Mycroft die Liste mit den Adressen haben, sind wir vielleicht imstande, unseren Mann herauszufinden, und können zwei Spuren verfolgen anstatt einer. «

In der Baker Street erwartete uns tatsächlich eine Nachricht. Holmes überflog den Brief und schob ihn zu mir herüber.

»Wir haben viele kleine Fische, aber nur wenige würden sich an eine so große Affaire wagen.

Die einzigen Männer, die in Frage kommen, wären Adolph Meyer, Great George Street 13, Westminster; Louis La Rothiere, Campden Mansion, Notting Hill; und Hugo Oberstein, Caulfield Gardens 13, Kensington. Von Letzterem wissen wir, daß er Montag in der Stadt war, nun aber abgereist ist. Freue mich, zu hören, daß du schon etwas klarer siehst. Das Kabinett erwartet deinen endgültigen Bericht mit großer Spannung. Eindringliche Vorstellungen haben uns von höchster Stelle erreicht. Die ganze Staatsmacht ist hinter dir, falls du sie benötigen solltest.

Mycroft. «

»Ich fürchte«, sagte Holmes lächelnd, »daß sämtliche Pferde der Königin und all ihre Männer in dieser Angelegenheit nicht he lfen können. « Er hatte einen großen Londoner Stadtplan ausgebreitet und beugte sich eifrig darüber. »Gut, gut!« sagte er schließlich mit einem befriedigten Seufzer, »ein wenig günstiger sieht es jetzt doch schon aus. Also, Watson, schließlich und endlich glaube ich doch wieder daran, daß wir diesen Fall noch klären werden. « In einem plötzlichen Ausbruch von Heiterkeit klopfte er mir auf die Schulter. »Ich gehe jetzt aus. Ich will nur das Terrain erkunden. Ohne meinen getreuen Freund und Biographen neben mir werde ich nichts Ernsthaftes unternehmen. Bleiben Sie hier. Wahrscheinlich werde ich in ein oder zwei Stunden wieder zu Hause sein. Wenn Ihnen die Zeit lang wird, nehmen Sie Papier und Feder und beginnen Sie Ihre Geschichte, wie wir zusammen den Staat gerettet haben. «

Etwas von seiner Freude war auch auf mich übergegangen, denn ich wußte sehr wohl, daß er sich einer so fröhlichen Stimmung nicht hingeben würde, wenn er keinen triftigen Grund dafür gehabt hätte. Einen langen Novemberabend verbrachte ich mit dem ungeduldigen Warten auf sein Heimkommen. Schließlich, kurz nach neun Uhr, kam ein Bote mit einer Nachricht:

»Ich speise im Goldinis Restaurant, Gloucester Road, Kensington. Bitte kommen Sie gleich.

Bringen Sie eine Brechstange, eine dunkle Laterne, einen Meißel und einen Revolver mit. S.

H. « Für einen respektablen Bürger war das ein hübsches Sortiment an Werkzeugen, das ich durch die trüben, nebligen Straßen trug. Ich hatte alles diskret in meinem Mantel verstaut und fuhr direkt zu der angegebenen Adresse. Und dort saß mein Freund an einem kleinen, runden Tisch eines italienischen Restaurants in der Nähe der Tür.

»Haben Sie schon etwas zum Abendbrot gehabt? Dann trinken Sie einen Kaffee und Curacao mit mir. Probieren Sie mal die Zigarren, die man hier anbietet.. Sie sind weniger schlecht, als man vermuten möchte. Haben Sie die Werkzeuge?«

»Ja, ich habe sie hier in meinem Mantel.«

»Ausgezeichnet. Dann will ich Ihnen kurz erzählen, was ich inzwischen erreicht habe, und gleich ein paar Hinweise auf unsere nächste Tätigkeit anfügen. Es ist Ihnen doch inzwischen klar, Watson, daß man die Leiche des jungen Mannes auf das Dach des Zuges gelegt hat. Mir wurde das in dem Augenblick klar, als ich feststellte, daß die Leiche nur vom Dach des Zuges, nicht aber aus dem Abteil gefallen sein kann.«

»Hätte man sie nicht von einer Brücke herunterwerfen können? «

»Ich meine, daß das unmöglich ist. Wenn Sie sich die Dächer der Wagen ansehen, werden Sie feststellen, daß sie etwas abgerundet sind, und es kein Geländer um das Dach herum gibt.

Darum können wir mit Bestimmtheit sagen, daß man den jungen Cadogan West dorthin gelegt hat. «

»Aber wie könnte man ihn dorthin gebracht haben?«

»Das war die Frage, die wir zu beantworten hatten. Es gibt aber nur eine mögliche Weise.

Machen Sie sich bitte klar, daß die Untergrundbahn an einigen Stellen im West End aus dem Tunnel heraustritt und überirdisch verläuft. Ich habe mich dunkel daran erinnert, daß, wenn ich selber mit der Untergrundbahn fuhr, ich gelegentlich gerade über meinem Kopf Fenster wahrgenommen habe. Nun stellen Sie sich vor, daß der Zug gerade vor solch einem Fenster hält. Kann man da nicht ohne Schwierigkeiten die Leiche auf das Dach des Zuges legen?«

»Das scheint mir aber höchst unwahrscheinlich.«

»Wir müssen hier auf das alte Axiom zurückgreifen, daß das, was übrigbleibt, wenn alle anderen Möglichkeiten auszuschließen sind, die Wahrheit sein muß, so unwahrscheinlich sie auch aussieht. In diesem Fall lassen uns alle anderen Möglichkeiten im Stich. Als ich herausfand, daß einer der wichtigsten internationalen Spione, der gerade London verlassen hat, in einem Reihenhaus lebte, das direkt an die Untergrundbahn angrenzt, war ich so glücklich, daß Sie über meine plötzlichen Frivolitäten etwas erstaunt waren. «

»Oh, das war es also!«

»Ja, das war es. Mr. Hugo Oberstein, Caulfield Gardens Nr. 13 war mein Zielobjekt gewo rden.

Ich habe meine Untersuchungen im Bahnhof Gloucester Road begonnen, wo ein sehr hilfreicher Beamter mit mir die Strecke abgelaufen ist, so daß ich mich nicht nur davon überzeugen konnte, daß die Fenster der Rückseite von Caulfield Gardens auf die Bahnlinie hinausgehen, sondern, was eigentlich noch wichtiger ist, feststellte, daß die Züge der Untergrundbahn häufig ein paar Minuten genau an dieser Stelle stillstehen müssen, um die Schnellzüge der Eisen-bahn vorbeizulassen.«

»Großartig, Holmes! Sie haben es!«

»So weit, Watson, so weit. Wir kommen voran, aber wir sind noch weit von unserm Ziel entfernt.

Nun ja, ich habe die Rückseite der Caulfield Gardens gesehen. Danach habe ich die Vorderseite besucht und mich überzeugt, daß der Vogel tatsächlich ausgeflogen ist. Es ist ein größeres Haus, die oberen Stockwerke sind, soweit ich feststellen konnte, unmöbliert. Oberstein lebte dort mit einem einzigen Diener, der sicherlich sein Konspirant ist und sein vo lles Vertrauen genießt. Wir dürfen nicht vergessen, daß Oberstein auf den Kontinent gereist ist, um seine Beute weiterzugeben. Geflohen ist er nicht, denn er hat ja keinen Grund, sich vor einem Haftbefehl zu fürchten. Der Gedanke, daß inzwischen ein Privatdetektiv eine Haussuchung vornehmen könnte, ist ihm sicherlich gar nicht gekommen. Aber trotzdem ist das genau das, was wir tun werden. «

»Können wir keinen Haftbefehl erwirken und die Sache damit legalisieren?«

»Kaum. Wir haben zu wenig Beweise.«

»Was hoffen Sie denn zu finden?«

»Wir wissen nicht, was für eine Korrespondenz man dort findet. «

»Mir gefällt es überhaupt nicht, Holmes.«

»Mein lieber Watson, Sie sollen auf der Straße Wache halten, während ich den kriminellen Teil übernehme. Wir können uns jetzt nicht mit Kleinigkeiten aufhalten. Denken Sie an Mycrofts Nachricht, an die Admiralität, das Kabinett und jene hochgestellt Persönlichkeit, die auf Nachricht wartet. Wir können gar nicht anders, wir müssen handeln.«

Als Antwort darauf stand ich vom Tisch auf. »Sie haben recht, Holmes, wir müssen handeln.«

Er sprang auf und schüttelte meine Hand.

»Ich wußte doch, daß Sie zum guten Schluß nicht kneifen würden«, sagte er, und einen Moment erblickte ich in seinen Augen etwas, das Zärtlichkeit sehr nahe kam, was ich noch nie bei ihm erlebt habe. Im nächsten Augenblick war er wieder ganz er selber, praktisch und rundherum tüchtig.

»Es ist fast eine halbe Meile zu gehen, aber wir haben es nicht eilig. Wir wollen laufen«, sagte er. »Lassen Sie keines Ihrer Werkzeuge hinfallen, darum muß ich bitten. Wenn Sie als ve rdächtiger Charakter verhaftet würden, würde uns das unnötige Scherereien bereiten. «

Caulfield Gardens war eine dieser Straßen mit einer Reihe niedriger, mit Säulen und Säulenhallen versehener Häuser, wie sie so hervorragend die mittlere viktorianische Epoche im West End von London hervorgebracht hat. Im Nachbarhaus schien eine Kinderparty stattzufinden, denn das vergnügte Stimmengewirr junger Menschen und das Geklimper eines Klaviers drang durch den stillen Abend. Der Nebel hing immer noch schwer über der Stadt und bot uns seinen freundlichen Schutz an, indem er uns einhüllte. Holmes hatte seine Laterne angezündet und leuchtete die massive Tür ab.

»Hiermit fertig zu werden, dürfte schwierig sein«, sagte er. »Denn sie ist sicherlich verschlossen und wird auch noch verriegelt sein. Probieren wir es lieber vom Souterrain aus. Dort unten ist ein wunderschöner Bogengang, grad' für den Fall, daß ein übereifriger Polizist vorbeikommen und sich einmischen sollte. Reichen Sie mir mal Ihre Hand, Watson, ich tu das gle iche auch für Sie. «

Eine Minute später waren wir vor der Kellertür. Kaum hatten wir den dunklen Schatten erreicht, als wir auch schon den Schritt eines Polizisten im Nebel über uns hörten. Sobald sich sein rhythmischer Schritt entfernt hatte, machte sich Holmes an der unteren Tür an die Arbeit.

Ich sah ihm zu, wie er sich gebückt anstrengte. Plötzlich flog die Tür mit einem scharfen Knarrton auf. Wir sprangen beide in den dunklen Gang hinein und schlossen die Kellertür hinter uns. Holmes führte mich eine gewundene, teppichlose Treppe hinauf. Seine kleine Laterne beleuchtete ein niedriges Fenster.

»Da wären wir, Watson, dies muß es sein.« Er öffnete es, und als er das tat, hörten wir ein schwaches, rhythmisches Geräusch wie ein Pochen, das ständig stärker wurde, bis mit lautem Gefauche die Bahn dicht unter unserm Fenster vorbei in die Dunkelheit raste. Holmes leuc htete mit seiner Lampe das Fensterbrett ab. Von den vorüberfahrenden Zügen war es dicht mit Ruß belegt, aber die schwarze Oberfläche war verschmiert und an einigen Stellen abgerieben.

»Sie können sehen, wo sie die Leiche angelehnt haben. Hallo, Watson, was ist das? Das ist ganz gewiß ein Blutfleck. « Er zeigte auf leichte Farbflecke entlang des Fensterrahmens.

»Hier auf den Steinen der Treppe auch. Was wir hier sehen, ist beweiskräftig genug. Wir wo llen doch einmal warten, bis ein Zug anhält. «

Wir brauchten nicht lange zu warten. Auch der nächste Zug kam fauchend aus dem Tunnel heraus, aber dann verlangsamte er sein Tempo, dann knirschten die Bremsen und er hielt direkt unter uns an. Das Dach des Wagens war kaum einen Meter von uns entfernt. Holmes schloß sachte das Fenster.

»Wir hatten also recht«, sagte er, »finden Sie nicht auch, Watson? «

»Ein Meisterwerk, Sie haben sich selbst übertroffen.«

»Hier stimme ich nicht mit Ihnen überein. Von dem Augenblick an, als mir die Idee von der Leiche auf dem Dach des Zuges kam, was ja nicht so abstrus war, ergab sich der Re st eigentlich von selbst. Wenn es nicht um einen so ernsten Hintergrund ginge, wäre die Affaire bis zu diesem Punkt eigentlich unbedeutend. Unsere Schwierigkeiten liegen aber noch vor uns. Doch vielleicht finden wir hier ja etwas, was uns weiterhilft.«

Wir waren die Küchentreppe emporgestiegen und betraten eine Suite von Räumen im ersten Stockwerk. Eines war das Eßzimmer, bestückt mit solidem Mobiliar, wo wir allerdings nichts Interessantes fanden. Das zweite war ein Schlafzimmer, das auch nichts hergab. Das Zimmer, das noch übrigblieb, war vielversprechend, und mein Freund machte sich daran, es systematisch zu durchsuchen. Überall lagen Bücher und Papiere herum, es war offenbar als Arbeitszimmer benutzt worden. Schnell und methodisch durchsuchte Holmes Schublade um Schublade und Schrank um Schrank, aber kein Schimmer von Erfolg erhellte sein strenges Gesicht.

Nach einer Stunde war er noch nicht weiter, als er am Anfang gewesen war.

»Der schlaue Fuchs hat seine Spur verwischt«, sagte er. »Er hat nichts hinterlassen, das ihn überführen könnte. Seine gefährliche Korrespondenz hat er entweder vernichtet oder er bewahrt sie woanders auf. Dies ist unsere letzte Chance. «

Es war ein kleiner Blechkasten, wie man ihn für Bargeld verwendet, der auf dem Schreibtisch stand. Holmes öffnete ihn mit seinem Meißel. Einige Papierrollen lagen darin, mit Zahlen und Berechnungen vollgeschrieben, ohne einen Hinweis darauf, was sie zu bedeuten hatten. Die wiederkehrenden Wörter »Wasserdruck« und »Druck auf den Quadratzentimeter« deuteten einen möglichen Zusammenhang mit dem Unterseeboot an. Holmes warf sie ungeduldig zur Seite. Schließlich blieb nur noch ein Briefumschlag übrig mit ein paar kleinen Zeitungsausschnitten darin. Er schüttete sie auf den Tisch, und sofort sah ich an seinem Gesicht, daß er wieder Hoffnung gefaßt hatte.

»Was ist das, Watson? Eh? Was ist das? Beweise einer Serie von Botschaften im Anzeigenteil der Zeitung. Die Kummerspalte aus dem >Daily Telegraph<, wenn ich Druck und Papier richtig beurteile. Rechte obere Ecke einer Seite. Kein Datum. Aber Botschaften ordnen sich selbst. Dies muß die erste sein:

>Hätte gerne früher von Ihnen gehört. Bedingungen in Ordnung. Schreiben Sie ausführlich an die auf der Karte angegebene Adresse.

Pierrot< Nächste Botschaft:

>Zu schwierig für Gebrauchsanweisung. Brauche vollständigen Bericht. Stoff erwartet Sie bei Warenlieferung.

Pierrot< Dann kommt:

>Angelegenheit eilt. Muß Angebot zurückziehen, falls Vertrag nicht erfüllt wird. Verabredung per Brief. Bestätigung durch Anzeige.

Pierrot< Schließlich:

>Montag Abend nach neun. Zweimal klopfen. Nur wir zwei. Seien Sie nicht so mißtrauisch.

Barzahlung bei Warenlieferung. Pierrot< Da haben wir alles ziemlich vollständig beisammen, Watson. Wenn wir nur den Mann am anderen Ende zu fassen kriegten!« Er saß gedankenve rloren da und trommelte mit den Fingern auf dem Tisch. Schließlich sprang er auf.

»Na ja, vielleicht ist es ja doch alles nicht so schwierig. Hier ist nichts mehr zu tun. Watson.

Ich glaube, wir sollten zum Büro des >Daily Telegraph< hinüberfahren, um unsere Tagesarbeit abzurunden. «

Am nächsten Tag nach dem Frühstück stellten Mycroft Holmes und Lestrade sich ein, mit denen wir uns verabredet hatten. Sherlock Holmes beichtete ihnen von der Unternehmung des gestrigen Tages. Der Berufspolizist schüttelte seinen Kopf, als wir unseren Einbruch berichteten.

»Bei der Polizei können wir nicht so gewaltsam vorgehen, Mr. Holmes«, sagte er. »Kein Wunder, daß Sie Resultate erzielen, die den unseren überlegen sind. Aber eines Tages werden Sie einmal zu weit gehen und dann sind Sie und Ihr Freund in Schwierigkeiten. «

»Für England, Heim und Schönheit, was, Watson? Märtyrer auf dem Altar unseres Landes.

Aber was hälst du davon, Mycroft?«

»Ausgezeichnet, Sherlock! Wirklich bewundernswert! Aber welchen Gebrauch willst du davon machen?«

Holmes griff nach dem > Daily Telegraph<, der auf dem Tisch lag.

»Hast du Pierrots Anzeige heute gelesen?«

»Was? Schon wieder eine?«

»Ja, hier ist sie:

>Heute Abend. Gleiche Stunde. Gleicher Ort. Zweimal klopfen. Unerhört wichtig. Ihre Sicherheit steht auf dem Spiel.

Pierrot< »Mein Gott«, rief Lestrade, »wenn er darauf eingeht, dann haben wir ihn!«

»Das war auch meine Idee, als ich die Anzeige aufgab. Wenn ihr beide es euch einrichten könntet, heute Abend gegen acht Uhr mit uns nach Caulfield Gardens zu gehen, dann kommen wir möglicherweise der Lösung ein kleines Stück näher.«

Eine der hervorstechendsten Charaktereigenschaften bei Sherlock Holmes war seine Gabe, bei Bedarf sein Gehirn abzuschalten und die Gedanken auf leichtere Themen zu lenken, wenn er den Eindruck hatte, daß er mit seiner Arbeit nicht weiterkam. Ich erinnere mich noch genau, daß er diesen ganzen erinnerungswürdigen Tag mit einer Monographie über die mehrstimmigen Motetten des Lassus beschäftigt war, die zu schreiben er unternommen hatte. Ich kann viel schwerer abschalten und daher erschien mir der Tag nicht enden zu wollen. Die große politische Bedeutung unseres Falles, die erwartungsvolle Spannung an höchster Stelle, das Experiment selber, das noch vo r uns lag, das alles zerrte an meinen Nerven. Ich fühlte mich erleichtert, als wir uns endlich nach einem kleinen Abendessen auf den Weg machten. Wir hatten uns mit Mycroft Holmes und Lestrade außerhalb des Gloucester Road Station verabredet.

Die Kellertür von Obersteins Haus hatten wir am Abend vorher offen gelassen, und ich mußte auf diesem Weg ins Haus hinein und die Haustür öffnen, denn Mycroft Holmes lehnte es rigoros und indigniert ab, über das Geländer zu klettern. Um neun Uhr saßen wir alle im Arbeitszimmer und warteten geduldig auf unseren Mann.

Eine Stunde verging und wieder eine. Als es elf Uhr schlug, klangen die gemessenen Glockenschläge der nahen Kirchturmuhr wie der Grabgesang all unserer Hoffnungen. Lestrade und Mycroft rutschten auf ihren Stühlen herum und sahen jede Minute mindestens zweimal auf ihre Uhr. Holmes saß ruhig und gelassen da, seine Augenlider halb geschlossen, aber die Sinne wach und aufmerksam. Plötzlich hob er den Kopf.

»Er kommt«, sagte er.

Leise Schritte waren draußen vorübergegangen. Nun kamen sie zurück. Wir hörten ein scha rrendes Geräusch, dann zwei scharfe Schläge mit dem Klopfer. Holmes stand auf und nickte uns zu. Wir sollten sitzen bleiben. Die niedrigeingestellte Gasflamme in der Eingangshalle verbreitete nur ein sehr dämmriges Licht. Er öffnete die äußere Tür und eine dunkle Gestalt huschte an ihm vorbei herein. Er schloß die Tür wieder und verriegelte sie. »Hier hinein!«

hörten wir ihn sagen, und einen Augenblick später stand der Mann vor uns. Holmes war ihm auf den Fersen gefolgt. Mit einem erschreckten Schrei wollte der Mann sich umdrehen, aber Holmes hatte ihn schon am Kragen gepackt und zog ihn ins Zimmer herein. Bevor unser Gefangener sich wieder gefaßt hatte, war die Tür schon verschlossen. Der Mann starrte um sich, schwankte und fiel besinnungslos auf den Boden. Dabei rollte ihm der breitkrempige Hut vom Kopf, der Schal rutschte vom Gesicht und gab den Blick auf den hellen Bart und die weichen, feinen Züge von Colonel Valentine Walter frei.

Holmes pfiff überrascht.

»Diesmal dürfen Sie mich als einen Esel bezeichnen, Watson«, sagte er. »Dies war durchaus nicht der Vogel, den ich erwartet habe.«

»Wer ist er?« fragte Mycroft hochinteressiert.

»Der jüngere Bruder des verstorbenen Sir James Walter, dem Leiter des Unterseeboot- Ressorts. Ja, ja, ich sehe, wie die Karten gefallen sind. Er kommt zu sich. Ich denke, ihr könnt es mir überlassen, ihn zu befragen.«

Wir hatten den ohnmächtigen Mann auf das Sofa gebettet. Nun setzte sich unser Gefangener auf und sah sich mit schreckverzerrtem Gesicht in der Runde um. Er strich mit der Hand über die Stirn wie einer, der meint, seinen eigenen Sinnen nicht trauen zu können.

»Was soll das?« fragte er. »Ich bin hier, um Mr. Oberstein zu besuchen.«

»Wir wissen alles, Colonel Walter«, sagte Holmes. »Wie ein englischer Gentleman sich allerdings so benehmen kann, das begreife ich nicht. Aber Ihre gesamte Korrespondenz und Verbindung mit Oberstein ist uns bekannt. Auch wie der junge West zu Tode gekommen ist, wissen wir inzwischen. Ich möchte Ihnen raten, wenigstens ein kleines Zeichen von Reue zu ze igen und ein Geständnis abzulegen, denn es gibt immer noch ein paar ungeklärte Details, die nur Sie uns mitteilen können.«

Der Mann stöhnte und schlug die Hände vor das Gesicht. Wir warteten. Aber er schwieg.

»Ich kann Ihnen versichern«, sagte Holmes, »daß die wesentlichen Dinge bekannt sind. Wir wissen, daß Sie Geld brauchten, daß Sie von den Schlüsseln, die im Besitz Ihres Bruders waren, einen Abdruck genommen haben, und daß Sie einen Briefwechsel mit Oberstein geführt haben, der Ihre Briefe durch die Anzeigenspalte im >Daily Telegraph< beantwortete. Wir wissen, daß Sie am Montag im Schutze des Nebels in das Büro gegangen sind. Der junge Cadogan West hat Sie gesehen und verfolgt, weil er, berechtigte Gründe hatte, Sie zu verdächt igen.

Er sah Ihren Diebstahl, konnte aber keinen Alarm schlagen, weil es ja möglich gewesen wäre, daß Sie einen Auftrag hatten, die Papiere zu Ihrem Bruder nach London zu bringen. Als guter Bürger ließ er all seine privaten Interessen im Stich und folgte Ihnen im Nebel. Er blieb Ihnen auf den Fersen, bis Sie dieses Haus erreicht hatten. Hier griff er ein, und dann, Colonel Walter, haben Sie neben dem Verrat noch einen schrecklichen Mord auf Ihr Gewissen geladen.«

»Das habe ich nicht getan! Das war ich nicht! Gott ist mein Zeuge, daß ich das nicht getan habe!« rief unser elender Gefangener verzweifelt.

»Dann erzählen Sie uns, wie Cadogan West zu Tode kam, bevor Sie ihn auf das Dach der Untergrundbahn gelegt haben.«

»Das will ich tun. Ich schwöre Ihnen, daß ich das tun will. Ich gestehe meine Schuld ein. Ich gebe es zu. Es ist, wie Sie sagen. Ich hatte Schulden an der Börse. Sie waren fällig. Ich brauchte dringend Geld. Oberstein bot mir fünftausend Pfund an. Das hätte mich vor dem Ruin gerettet. Aber was den Mord betrifft, bin ich so unschuldig wie Sie. «

»Was ist denn geschehen?«

»Er hatte schon vorher Verdacht geschöpft. Und er folgte mir, wie Sie beschrieben haben. Ich habe es aber nicht gemerkt, bis ich hier vor der Tür stand. Es war dicker Nebel, und man konnte keine zwei Meter weit sehen. Ich hatte zweimal geklopft, und Oberstein war an die Tür gekommen. Der junge Mann kam gelaufen und wollte wissen, was ich mit den Papieren zu tun gedachte. Oberstein hatte einen kurzen Schlagstock. Er trägt ihn immer bei sich. West drängte sich hinter uns in das Haus. Da schlug Oberstein zu. Dieser Schlag hat ihn umgebracht.

Er war nach fünf Minuten tot. Da lag er in der Halle, und wir wußten nicht, was wir tun sollten. Dann hatte Oberstein die Idee mit den Zügen, die unter seinem Fenster halten.

Aber erst sah er sich die Papiere an, die ich ihm mitgebracht hatte. Er sagte, daß drei von ihnen wichtig seien und daß er sie behalten würde. >Sie können sie nicht behalten<, sagte ich.

>Es wird ein entsetzliches Theater in Woolwich geben, wenn ich sie nicht zurückbringe.< >Ich muß sie behalten<, sagte er, >denn sie sind so technisch, daß ich in dieser kurzen Zeit keine Kopie anfertigen kann.< >Ich muß aber heute Abend alle Papiere wieder mitnehmen<, sagte ich. Er dachte ein bißchen nach, und dann rief er, jetzt wüßte er es, wie man es machen könnte. >Die drei werde ich behalten<, sagte er. >Die anderen werden wir in die Tasche des jungen Mannes stopfen. Wenn er gefunden wird, wird man ihm die Geschichte anlasten.< Ich sah keine andere Alternative und so gab ich nach. Wir warteten eine halbe Stunde an dem Fenster, bis ein Zug hielt. Der Nebel war so dick, daß wir nichts sehen konnten, und wir ha tten Schwierigkeiten, Wests Leiche auf den Wagen hinunterzulassen. Das war das Ende der Angelegenheit, soweit sie mich betrifft.«

»Und Ihr Bruder?«

»Er sagte nichts. Aber er hatte mich schon einmal vorher mit den Schlüsseln erwischt. Ich glaube, er hatte einen Verdacht. Ich konnte es in seinen Augen lesen, daß er mich verdächtigte.

Wie Sie wissen, hat er seinen Kopf nie wieder erhoben. «

Im Zimmer war es sehr still. Schließlich wurde das Schweigen von Mycroft Holmes gebrochen.

»Können Sie nichts zur Wiedergutmachung beitragen? Es würde Ihr Gewissen erleichtern und vielleicht auch Ihre Strafe mildern.«

»Was kann ich denn tun?«

»Wo befindet sich Oberstein mit den Dokumenten? « »Das weiß ich nicht.«

»Hat er Ihnen keine Adresse gegeben?«

»Er sagte, daß Briefe zum Hotel du Louvre in Paris ihn immer irgendwann erreichen würden.«

»Dann können Sie tatsächlich etwas wiedergutmachen«, sagte Sherlock Holmes.

»Ich will alles tun, was ich kann. Ich bin dem Mann kein Entgegenkommen schuldig. Er war mein Ruin und mein Untergang. «

»Hier ist Papier und ein Federhalter. Setzen Sie sich an den Schreibtisch und schreiben Sie, was ich Ihnen diktiere. Schreiben Sie den Brief an die angegebene Adresse. Das ist in Ordnung.

Nun zum Brief:

Sehr geehrter Herr!

Ich beziehe mich auf unsere Transaktion. Sie werden es sicherlich bemerkt haben, daß ein wichtiges Detail fehlt. Ich besitze eine Zeichnung, die die Sache komplett macht. Dies hat einige extra Schwierigkeiten bereitet, und ich muß Sie daher um einen weiteren Vorschuß von fünfhundert Pfund bitten. Ich werde sie der Post nicht anvertrauen, noch werde ich etwas anderes als Gold oder Noten dafür annehmen. Ich würde gerne zu Ihnen auf den Kontinent kommen, aber es wäre zu auffällig, wenn ich das Land jetzt verließe. Darum möchte ich Sie bitten, mich im Raucherzimmer des Charing Cross Hotels am Samstagmittag zu treffen. Bitte denken Sie daran: Ich nehme nur englische Pfundnoten oder Gold.

So, das wird's bringen. Es würde mich doch sehr wundern, wenn wir unseren Mann auf diese Weise nicht kriegen sollten. «

Und so war es auch. Eine Sache für die Geschichtsschreibung für die geheime Geschichte einer Nation, die oft so viel interessanter ist als die öffentliche Chronik. Oberstein, gierig, den Coup seines Lebens zu machen, ging uns in die Falle und wanderte fünfzehn Jahre in ein britisches Gefä ngnis. In seinem Koffer wurden die wertvollen Bruce-Partington-Pläne gefunden, die er bei allen seefahrenden Nationen Europas zu verauktionieren versucht hatte.

Colonel Walter starb nach zwei Jahren seiner Haftstrafe im Gefängnis. Holmes kehrte erfrischt an seine Monographie über die mehrstimmigen Motetten von Lassus zurück, die inzwischen als Privatdruck erschienen und, wie Experten sagen, das allerbeste zu diesem Thema sind. Ein paar Wochen später erfuhr ich beiläufig, daß mein Freund ein paar Tage in Windsor verbracht hatte. Von dorther kehrte er mit einer wunderschönen Krawattennadel mit einem herrlichen Smaragd heim. Als ich ihn fragte, ob er sie sich gekauft hätte, antwortete er mir, daß es ein Geschenk von einer gewissen hochgestellten Dame sei, in deren Interesse er das Glück hatte, einen kleinen Auftrag auszuführen. Mehr sagte er nicht. Aber ich kann mir den edlen Namen dieser Dame sehr gut denken, und ganz gewiß wird diese kostbare Nadel meinen Freund immer wieder an das Abenteuer mit den Bruce-Partington-Plänen erinnern.

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