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Das Tal der Furcht.  Arthur Conan Doyle
Kapitel 2. Der Meister vom Stuhl
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McMurdo war ein Mann, der rasch überall bekannt wurde. Innerhalb einer Woche war er im Hause der Shafters gewiß die wichtigste Person geworden. Es waren zwar noch ein Dutzend andere Gäste da, aber das waren ehrliche Werkmeister oder ganz normale Büroangestellte und Verkäufer von einem ganz ändern Schlag als der junge Ire. Wenn sie am Abend alle beisammen waren, spielte McMurdo die große Geige. Seine Spaße waren die besten, seine Unterhaltung die glänzendste und seine Lieder die schönsten.

Er war der geborene Gesellschafter, zog wie ein Magnet alle an und verbreitete um sich Fröhlichkeit und gute Laune.

Und doch führte er sich von Zeit zu Zeit so auf wie in dem Eisenbahnabteil. Plötzlich überkam ihn ein fürchterlicher Jähzorn, der allen, die mit ihm zu tun hatten, Respekt und selbst Furcht einflößte. Für Recht und Ordnung und alles, was damit zusammenhing, hatte er nur erbitterte Verachtung übrig, was manche gut fanden und manche Mitbewohner erschreckte.

Gleich von Anfang an machte er es durch seine offene Bewunderung klar, daß die Tochter des Hauses vom ersten Augenblick an, da er sie in ihrer Schönheit und Anmut sah, sein Herz gewonnen hatte. Er war kein schüchterner Freier, der sich im Hintergrund hielt. Am zweiten Tag gestand er ihr, daß er sie liebte, und von da an wiederholte er in völliger Unbekümmertheit seine Liebeserklärung, ohne sich im geringsten entmutigen zu lassen, mochte sie auch noch so abweisend sein.

»Ist da ein anderer?« konnte er rufen. »Na, wer immer das ist, der hat Pech gehabt! Der soll sich bloß vorsehen! Soll ich mein Lebensglück etwa an jemand anderen verlieren? Ettie, Sie dürfen nein sagen, soviel Sie wollen. Der Tag kommt schon noch, wo Sie ja sagen, und ich bin jung genug, um zu warten.«

Mit seiner glatten irischen Zunge und seiner gefälligen, schmeichelnden Art war er ein gefährlicher Bewerber. Außerdem umgaben ihn der Schimmer des Abenteuerlichen und ein dunkles Geheimnis, das erst das Interesse einer Frau weckt und dann bald ihre Liebe. Er konnte von den lieblichen Tälern der Grafschaft Monaghan reden, woher er kam, von der fernen Insel, die um so schöner wirkte, wenn man sie sich in dieser düsteren Umgebung von Schmutz und Schnee vorstellte.

Ferner kannte er das Leben in den Städten des Nordens, er kannte Detroit und die Holzfällerlager von Michigan und schließlich Chicago, wo er in einem Sägewerk gearbeitet hatte. Und dann kam die Andeutung einer Liebesgeschichte. Man hatte das Gefühl, daß er in jener großen Stadt merkwürdige Dinge erlebt hatte, so seltsam und intim, daß er nicht darüber sprechen mochte. Er sprach andeutungsweise von plötzlicher Abreise, dem Abbrechen alter Verbindungen und von Flucht in eine fremde Welt, die in diesem trübsinnigen Tal endete. Und Ettie hörte zu, ihre dunklen Augen leuchteten in Sympathie und Mitleid - beides Gefühle, die sich schnell in Liebe verwandeln können.

McMurdo hatte vorübergehend Arbeit als Buchhalter gefunden, denn er war ein recht gebildeter Mann.

Dadurch war er den größten Teil des Tages außer Hause, und so hatte er bisher noch keine Gelegenheit gefunden, das Oberhaupt der Loge aufzusuchen. An dieses Versäumnis wurde er jedoch erinnert, als ihn eines Abends Mike Scanlan besuchte, der Mitbruder, den er in der Eisenbahn getroffen hatte. Scanlan, der kleine, schwarzäugige, nervöse Mann mit dem spitzen Gesicht schien froh zu sein, ihn wiederzusehen.

Nach einem oder zwei Gläsern Whisky breitete er den Grund seines Besuches vor ihm aus.

»Hör mal, McMurdo«, sagte er, »da ich mich an deine Adresse erinnerte, war ich so frei, hereinzuschauen. Ich bin nämlich überrascht, daß du dich bei dem Meister vom Stuhl noch nicht gemeldet hast. Warum warst du noch nicht bei Boß McGinty?«

»Nun, ich mußte erst mal Arbeit finden. Ich hatte ziemlich viel zu tun.«

»Für ihn müßtest du Zeit haben, und wenn du sonst noch so wenig Zeit hast. Guter Gott, Mann! Du bist schön dumm gewesen, daß du nicht gleich am ersten Tag nach deiner Ankunft ins Logenhaus gegangen bist und dich dort hast einschreiben lassen! Wenn du ihn verärgerst — nun, das solltest du vermeiden.

Mehr will ich dazu nicht sagen!«

McMurdo zeigte sich ein wenig überrascht. »Ich bin schon über zwei Jahre Mitglied der Loge, aber daß Logenpflichten so eilig wären, davon habe ich noch nichts gehört.«

»Vielleicht nicht in Chicago.«

»Nun, es ist doch die gleiche Bruderschaft hier.«

»Wirklich?«

Scanlan sah ihn lange und fest an. Es war etwas Unheilvolles in seinem Blick.

»Oder etwa nicht?«

»In einem Monat reden wir weiter darüber. Ich habe gehört, du hattest im Zug, nachdem ich ausgestiegen war, einen Wortwechsel mit den Polizisten.«

»Woher weißt du das?«

»Oh, so was spricht sich 'rum — hier spricht sich alles 'rum, ob es dir nun schadet oder nützt.«

»Nun ja, ich habe den Hunden gesagt, was ich von ihnen halte.«

»Bei Gott, du bist ein Mann nach McGintys Herzen!«

»Wieso, mag er die Polizei auch nicht?«

Scanlan brach in lautes Lachen aus. »Geh und besuch ihn, mein Junge«, sagte er, als er aufstand, um zu gehen. »Nicht die Polizei, sondern dich wird er nicht mögen, wenn du nicht den Rat eines Freundes annimmst und sofort zu ihm gehst.«

Es ergab sich so, daß McMurdo an diesem Abend ein noch dringlicheres Gespräch hatte, das ihn in die gleiche Richtung drängte. Es kann sein, daß seine Aufmerksamkeiten Ettie gegenüber offenkundiger geworden waren als zuvor oder daß diese allmählich auch seinem etwas langsamen deutschen Wirt auffielen. Was auch immer der Grund war, der Besitzer des Gästehauses bat den jungen Mann in sein Privatkontor.

»Es scheint mir, Mister«, sagte er, »daß Sie ein Auge auf meine Ettie geworfen haben. Stimmt das, oder irre ich mich?«

»Ja, es stimmt«, antwortete der junge Mann.

»Na ja, dann wollte ich Ihnen bloß sagen, daß das keinen Zweck hat. Jemand anders ist Ihnen zuvorgekommen.«

»Das hat sie mir auch erzählt.«

»Na, Sie dürfen glauben, daß sie Ihnen die Wahrheit gesagt hat. Hat sie Ihnen auch erzählt, wer es ist?«

»Nein, ich habe sie gefragt, aber sie wollte es mir nicht sagen.«

»Das dachte ich mir. Das kleine Ding! Vielleicht wollte sie Ihnen keine Angst machen!«

»Angst machen!« McMurdo fuhr hoch und sein Jähzorn flammte augenblicklich auf.

»Ach ja, mein Freund. Sie brauchen sich nicht zu schämen, wenn Sie Angst vor ihm haben. Es ist Teddy Baldwin.«

»Wer zum Teufel ist das?«

»Er ist der Anführer der Scowrer.«

»Scowrer! Von denen hab' ich doch schon gehört. Man hört von Scowrer hier und von Scowrer dort und immer im Flüsterton. Wovor habt ihr alle Angst? Wer sind die Scowrer?«

Der Besitzer des Gästehauses senkte unwillkürlich seine Stimme, wie es jedermann tat, wenn die Rede auf diese schreckliche Gesellschaft kam. »Die Scowrer«, sagte er, »sind die Bruderschaft der Freimaurer!«

Der junge Mann starrte ihn an. »Wieso, ich bin doch selbst Mitglied dieser Bruderschaft.«

»Sie! Ich würde Sie niemals in mein Haus aufgenommen haben, wenn ich das gewußt hätte, — auch nicht, wenn Sie mir hundert Dollar pro Woche gezahlt hätten!«

»Was ist denn verkehrt an der Bruderschaft? Sie sind für Wohltätigkeit und Verbrüderung unter den Menschen. So steht es in den Statuten.«

»Das mag woanders auch so sein, hier nicht.«

»Um was geht es denn hier?«

»Eine Mordgesellschaft, das ist es.«

McMurdo lachte ungläubig. »Wie wollen Sie denn das beweisen?« fragte er.

»Beweisen? Sind nicht fünfzig Morde Beweis genug? Was ist mit Milman und Van Shorst? Und was mit der Familie Nicholson und dem alten Mr. Hyam und dem kleinen Billy James und den anderen?

Beweisen! Gibt es einen einzigen Mann in diesem Tal oder eine einzige Frau, die es nicht wissen?«

»Hören Sie mal!« sagte McMurdo ernsthaft. »Ich möchte, daß Sie das zurücknehmen, was Sie eben gesagt haben, oder es beweisen. Etwas müssen Sie tun, bevor ich das Zimmer verlasse. Versetzen Sie sich in meine Lage. Ich komme als Fremder hierher in diese Stadt. Ich gehöre einer Bruderschaft an, von der ich weiß, daß sie in aller Unschuld den besten Absichten dient. Sie finden sie weit und breit in den Vereinigten Staaten, und nirgends ruht ein Makel auf ihr. Und jetzt, wo ich gerade vorhabe, mich dem hiesigen Zweig anzuschließen, kommen Sie und sagen mir, daß es eine Mordgesellschaft ist, die sich Scowrer nennt. Ich glaube, Sie müssen sich jetzt entweder entschuldigen oder mir wenigstens eine Erklärung geben, Mr. Shafter.«

»Ich kann nur wiederholen, was alle Welt weiß, Mister. Die Bosse der einen sind die Bosse der anderen.

Wenn Sie den einen beleidigen, kommt der andere und schlägt Sie. Das ist hier schon oft so gewesen.«

»Das ist einfach Klatsch. Ich will Beweise!« sagte McMurdo.

»Wenn Sie lange genug hier leben, werden Sie Ihre Beweise schon kriegen. Aber dabei vergesse ich, daß Sie selbst einer von ihnen sind. Sie werden bald auch nicht besser als die anderen sein. Jedenfalls werden Sie sich eine andere Unterkunft suchen müssen, Mister. Ich kann Sie nicht hierbehalten. Es ist schon schlimm genug, daß einer dieser Leute hierherkommt und meiner Ettie den Hof macht und ich es nicht wagen kann, ihn zurückzuweisen. Aber daß ich noch einen von ihnen hier haben sollte, der sich hier einlogiert? Nein, Sie werden auch nicht eine Nacht hier noch schlafen.«

McMurdo sah sich also aus seiner bequemen Unterkunft wie auch aus der Nähe des Mädchens, das er liebte, vertrieben. An demselben Abend fand er sie allein im Wohnzimmer und schüttete ihr sein Herz aus.

»Sicher, Ihr Vater will mich hier heraushaben«, sagte er. »Ich würde mir ja nichts daraus machen, wenn es bloß um das Zimmer ginge. Die Tatsache ist aber, Ettie: Obwohl ich Sie erst eine Woche kenne, sind Sie wie der Lebensatem für mich. Ich kann ohne Sie nicht mehr leben.«

»Oh, seien Sie still, Mr. McMurdo, sprechen Sie nicht so!« sagte das Mädchen. »Ich habe Ihnen doch gesagt, daß Sie zu spät kommen. Es gibt doch einen anderen, und wenn ich auch nicht versprochen habe, ihn zu heiraten, so kann ich mich doch keinem anderen versprechen.«

»Nehmen wir einmal an, daß ich der erste gewesen wäre. Hätte ich dann eine Chance gehabt?«

Das Mädchen verbarg das Gesicht in den Händen. »Wären Sie doch nur der erste gewesen!« schluchzte es.

McMurdo war im gleichen Augenblick vor ihr auf den Knien.

»Um Gottes willen, laß uns dabei bleiben, Ettie!« rief er. »Willst du mein und dein Leben zerstören nur wegen dieses Versprechens? Folg deinem Herzen, Acushla (das irische Kosewort für Liebling). Das ist ein besserer Leitstern als das Versprechen, das du gegeben hast!«

Er hatte Etties weiße Hand zwischen seine kräftigen braunen Hände genommen.

»Sag, daß du mein bist, und wir werden alles andere gemeinsam durchstehen.«

»Aber doch nicht hier!«

»Doch, hier!«

»O nein, Jack!« Seine Arme waren jetzt um sie geschlungen. »Hier würde es nicht gehen. Könntest du mich nicht woanders hinbringen?«

Einen Augenblick kämpfte es in McMurdos Gesicht, aber dann wurde es hart wie Granit. »Nein, hier«, sagte er. »Ich halte dich fest und schütze dich gegen die ganze Welt, Ettie, grad hier, wo wir sind!«

»Warum können wir nicht zusammen fortgehen?«

»Nein, Ettie, ich kann nicht fortgehen.«

»Aber warum nicht?«

»Ich könnte nie wieder aufblicken, wenn ich das Gefühl hätte, irgendwo vertrieben worden zu sein. Und außerdem, was brauchen wir uns zu fürchten? Sind wir nicht freie Menschen in einem freien Lande?

Wenn du mich liebst und ich dich liebe, wer sollte es dann wagen, uns auseinanderzubringen?«

»Das weißt du noch nicht, Jack. Du bist erst kurze Zeit hier. Du kennst diesen Baldwin nicht. Und du kennst McGinty und die Scowrer nicht.«

»Nein, ich kenne sie nicht, aber ich habe keine Angst vor ihnen, und ich glaube nicht an sie«, sagte McMurdo. »Ich habe unter harten Männern gelebt, mein Schatz, und statt daß ich mich fürchtete, kam es so, daß sie sich schließlich vor mir zu fürchten hatten. - Immer war das so, Ettie. Es ist doch verrückt!

Wenn diese Männer, wie dein Vater sagt, in diesem Tal ein Verbrechen nach dem anderen begangen haben und jedermann sie beim Namen kennt, wie kommt es dann, daß sie nicht vor Gericht gebracht werden? Kannst du mir das erklären, Ettie?«

»Weil niemals ein Zeuge gegen sie auftreten würde. Wenn jemand das täte, dann hätte er keinen Monat mehr zu leben. Auch haben sie immer einen von ihren Leuten bei der Hand, der beschwört, daß der Angeschuldigte meilenweit vom Tatort entfernt war, als das Verbrechen begangen wurde. Aber Jack, du mußt doch ganz sicherlich von all dem gelesen haben. Ich dachte immer, jede Zeitung in den Vereinigten Staaten schreibt davon.«

»Nun, es stimmt schon, ich habe einiges über sie gelesen, aber ich habe gedacht, es sei nicht wahr.

Vielleicht haben diese Männer Gründe dafür, daß sie so etwas tun. Vielleicht hat man ihnen Unrecht getan. Und sie haben keine andere Möglichkeit, als sich selber zu helfen.«

»Oh, Jack, laß mich dich nicht so reden hören! So redet er - der andere, auch immer!«

»Baldwin? Er redet auch so?«

»Und darum ist er mir so zuwider. Oh, Jack, jetzt kann ich dir die Wahrheit sagen. Er ist mir von ganzem Herzen zuwider, aber ich habe auch Angst vor ihm. Ich habe Angst um mich und um meinen Vater. Ich weiß, was für eine große Sorge ich ihm aufladen würde, wenn ich ihm sagte, was ich wirklich empfinde.

Und darum habe ich ihn mit halben Versprechen hingehalten. Das war in Wirklichkeit unsere einzige Hoffnung. Aber wenn du mit mir fliehen könntest, Jack, dann könnten wir Vater mitnehmen und weit entfernt von der Macht böser Menschen leben.«

Wieder kämpfte es in McMurdos Gesicht, und wieder wurde es zu Granit. »Nichts Böses soll dir geschehen, Ettie — und deinem Vater auch nicht. Und wenn wir von bösen Menschen reden, dann wirst du finden, daß ich der Schlimmste von allen bin, wenn wir es richtig betrachten.«

»Nein, Jack, dir vertraue ich immer.«

McMurdo lachte bitter. »Guter Gott, wie wenig du von mir weißt! Mein Liebling, deine unschuldige Seele kann sich nicht einmal vorstellen, was in meiner vor sich geht. Aber nanu, haben wir Besuch?«

Die Tür wurde plötzlich geöffnet, und ein junger Bursche kam hereinspaziert wie einer, der sich als Herr des Hauses fühlt. Es war ein hübscher, flotter junger Mann von ungefähr gleichem Alter und gleicher Statur wie McMurdo selbst. Unter seinem breitkrempigen, schwarzen Filzhut, den abzusetzen er sich nicht die Mühe nahm, sah ein hübsches Gesicht mit wilden, herrischen Augen und einer wie ein Habichtschnabel gebogenen Nase wütend auf das Paar, das in der Ecke beim Ofen saß.

Ettie war vor Schreck und Verwirrung aufgesprungen. »Fein, daß Sie vorbeikommen, Mr. Baldwin«, sagte sie. »Sie kommen früher, als ich dachte. Kommen Sie und setzen Sie sich.«

Baldwin stand da, die Hände an den Hüften und sah McMurdo an. »Wer ist das?« fragte er kurz.»Das ist ein Bekannter von mir, Mr. Baldwin, ein neuer Gastim Haus. Mr. McMurdo, darf ich Ihnen Mr. Baldwin vorstellen?«

Die jungen Herren nickten einander kühl zu.

»Vielleicht hat Miss Ettie Ihnen erzählt, wie es zwischen uns steht?« sagte Baldwin.

»Ich habe nichts von einer Verbindung zwischen Ihnen gehört.«

»Haben Sie das nicht? Nun gut, dann wissen Sie es jetzt. Lassen Sie sich von mir gesagt sein, daß diese junge Frau mir gehört. Finden Sie nicht, daß es ein herrlicher Abend ist, um draußen einen Spaziergang zu machen?«

»O vielen Dank, aber dazu habe ich keine Lust.«

»Keine Lust haben Sie?« Die wilden Augen des Mannes funkelten vor Zorn. »Vielleicht haben Sie Lust auf einen Kampf?«

»Das habe ich!« rief McMurdo und sprang auf. »Ich wüßte gar nicht, was ich lieber täte.«

»Um Himmels willen, Jack! Oh, um Himmels willen!« rief die arme erschrockene Ettie. »O Jack, er wird dir etwas antun!«

»Ohhh, er heißt Jack!« sagte Baldwin mit einem Fluch. »Soweit bist du schon mit ihm gediehen, was?«

»O Ted, nimm Verstand an! Sei ein bißchen nett. O Ted, wenn du mich überhaupt liebst, dann sei ein bißchen nett und vergib!«

»Weißt du, Ettie, wenn du uns jetzt alleine ließest, werden wir die Sache schon regeln«, sagte McMurdo ruhig. »Oder vielleicht will Mr. Baldwin auch ein Stück mit mir die Straße hinunterkommen? Es ist ein schöner Abend, und hinter dem nächsten Block ist ein freier Platz.«

»Mit Ihnen komme ich schon klar, ohne mir die Hände schmutzig zu machen«, sagte sein Feind. »Sie werden sich noch wünschen, daß Sie niemals Ihren Fuß in dieses Haus gesetzt hätten, ehe ich mit Ihnen fertig bin.«

»Keine bessere Zeit als jetzt!« rief McMurdo.

»Ich suche mir die Zeit aus, Mister. Die Wahl der Zeit können Sie mir überlassen. Schauen Sie her!« Er rollte plötzlich seinen Ärmel hoch, und ein seltsames Zeichen, das dort eingebrannt zu sein schien, kam zum Vorschein. Es war ein Kreis, in dem sich ein Dreieck befand. »Wissen Sie, was das bedeutet?«

»Ich weiß es nicht, aber es interessiert mich auch nicht.«

»Nun, Sie werden es kennenlernen, das verspreche ich Ihnen. Und Sie werden nicht viel älter sein, bevor Sie es wissen. Vielleicht kann Miss Ettie Ihnen ein bißchen mehr davon erzählen. Und nun zu dir, Ettie.

Du wirst auf den Knien zu mir zurückkommen - hörst du das, Mädchen? —, auf den Knien! — Und dann sag' ich dir, wie die Strafe sein wird. Ihr habt gesät und bei Gott, ich werde darauf achten, daß ihr auch erntet!«

Er sah sie beide in wildem Zorn an. Dann drehte er sich auf dem Absatz um, und einen Augenblick später hatte er die Tür hinter sich zugeschlagen.

Eine Zeitlang standen McMurdo und das Mädchen schweigend da. Dann schlang sie die Arme um ihn.

»O Jack, wie tapfer du warst! Aber es nützt uns nichts, du mußt fliehen. Heute nacht, Jack, noch heute nacht! Das ist die einzige Hoffnung. Er will dir ans Leben. Ich hab' es in seinen furchtbaren Augen gelesen. Was für eine Chance hättest du gegen ein Dutzend von ihnen, mit Boß McGinty und der großen Macht der Loge dahinter?«

McMurdo machte sich aus ihren Armen frei, küßte sie sanft und schob sie auf ihren Stuhl zurück.

»Komm, Acushla! Komm! Hab keine Angst um mich. Ich bin selbst ein Freimaurer. Ich habe das gerade deinem Vater gesagt. Vielleicht bin ich nicht besser als die anderen, also mach mal keinen Heiligen aus mir. Vielleicht haßt du mich nun auch, nachdem ich dir das von mir gesagt habe?«

»Dich hassen, Jack? Nie im Leben könnte ich das. Ich weiß wohl, daß es harmlos ist, woanders ein Freimaurer zu sein. Warum sollte ich deswegen schlecht von dir denken? Aber wenn du schon ein Freimaurer bist, Jack, warum solltest du nicht hingehen und dich mit Boß McGinty anfreunden? Oh, geh schnell! Sei du der erste, oder die Hunde werden dir auf der Spur sein.«

»Das habe ich auch gerade gedacht«, sagte McMurdo. »Ich gehe jetzt und bringe die Sache in Ordnung.

Du kannst deinem Vater sagen, daß ich diese Nacht noch hier schlafe und mir morgen ein anderes Quartier suche.«

Die Bar von McGintys Saloon war wie üblich voll, denn es war der beliebteste Tummelplatz aller rauheren Elemente der Stadt. Der Mann war beliebt, denn er gab sich stets grob jovial, was bei ihm eine Maske war und viel von dem, was dahinterlag, verbarg. Aber abgesehen von dieser Beliebtheit war die Angst vor ihm, die man in der ganzen Stadt und bis hinter die Berge und in dem ganzen 30 km langen Tal empfand, Grund genug, um seine Bar zu füllen, denn niemand konnte es sich leisten, auf sein Wohlwollen zu verzichten.

Neben dieser geheimen Macht, die er, wie man allgemein annahm, mitleidlos ausübte, hatte er ein hohes offizielles Amt inne als Stadtrat und Beauftragter für den Straßenbau. In diese Ämter hatten ihn Schurken und Gauner gewählt, die dafür Hilfe von ihm erwarteten. Abgaben und Steuern waren enorm, die öffentlichen Arbeiten wurden unbeschreiblich vernachlässigt, Abrechnungen wurden von bestochenen Rechnungsprüfern gutgeheißen, und die anständigen Bürger wurden durch Terror dazu getrieben, sich öffentlich erpressen zu lassen und den Mund zu halten, damit ihnen nichts Schlimmeres passierte.

So ging es zu, Jahr für Jahr, und Boß McGintys Brillantnadeln wurden immer größer, die goldenen Ketten über seiner immer prächtigeren Weste immer gewichtiger, und seine Bar wurde immer länger und länger, bis sie fast die ganze Seite des Marktplatzes einzunehmen drohte.

McMurdo drückte die Schwingtür des Saloons auf und drängte sich durch die Menge der herumstehenden Männer. Die Luft war vom Tabaksqualm und Alkoholgeruch geschwängert. Der Raum war strahlend hell erleuchtet, und die schwer vergoldeten Spiegel an der Wand warfen das Licht vielfach zurück. Mehrere Barkeeper in Hemdsärmeln standen hinter der Bar und waren sehr beschäftigt, Getränke für die Gäste zu mischen, die die breite, messingbeschlagene Theke umsäumten.

Am äußeren Ende der Bar lehnte, eine Zigarre steil im Munde, ein großer, starker, gewichtiger Mann, der niemand anders als der berüchtigte McGinty selbst sein konnte. Er war ein schwarzbärtiger Riese, bärtig bis zu den Wangenknochen und mit einer Mähne von rabenschwarzem Haar, das ihm auf den Kragen fiel, Seine Gesichtsfarbe war bräunlich wie die eines Italieners, und seine Augen waren von einem seltsam toten Schwarz, das ihm in Verbindung mit einem leichten Schielen ein besonders bösartiges Aussehen verlieh.

Alles andere an dem Mann, seine hochgewachsene Gestalt, seine angenehmen Gesichtszüge und seine freimütige Haltung, paßten gut zusammen mit dem jovialen Mann-zu-Mann-Gehabe, das er an den Tag legte. Seht hier, würde man sagen, ein gerader, ehrlicher Mann mit einem guten Herzen, wie grob auch immer seine Sprache sein mag. Nur wenn sich diese dunklen, toten Augen starr und gnadenlos auf jemand richteten, geschah es, daß der Betreffende zurückschreckte und das Gefühl hatte, etwas abgrundtief Böses zu erblicken, dem er Auge in Auge gegenüberstand, mit einer Stärke, einem Mut und einer Verschlagenheit dahinter, die ihm unendliche Möglichkeiten gaben und ihn deshalb noch tausendmal tödlicher machten.

Nachdem er sich diesen Mann gut angesehen hatte, bahnte sich McMurdo mit den Ellenbogen in seiner üblichen, sorglosen Art einen Weg durch die Menge und drängte sich durch die kleine Schar von Höflingen, die sich um den großen Boß scharten und über seine kleinsten Witze markerschütternd lachten. Die kühnen grauen Augen des jungen Fremden begegneten furchtlos durch die Brillengläser hindurch dem tödlich-schwarzen Blick, der sich ihm zuwandte. Scharf wurde er gemustert.

»Na, junger Mann, ich kann mich nicht erinnern, Ihr Gesicht hier schon einmal gesehen zu haben.«

»Ich bin neu hier, Mr. McGinty.«

»Sie sind nicht so neu, daß Sie einen Gentleman nicht mit seinem richtigen Titel anreden können.«

»Mr. McGinty ist Councillor, Stadtrat, junger Mann«, sagte eine Stimme aus der Gruppe.

»Es tut mir leid, Councillor. Die Sitten an diesem Ort sind mir noch fremd. Man hat mir geraten, Sie aufzusuchen.«

»Schön. Da bin ich. Und was halten Sie von mir?«

»Nun, es ist noch früh am Tag. Wenn Ihr Herz so groß ist wie Ihr Körper und Ihre Seele so gut wie Ihr Gesicht, was könnte ich dann noch Besseres verlangen«, sagte McMurdo.»Mein Gott, wenn einer eine irische Zunge im Munde führt, dann sind Sie es«, rief der Saloonbesitzer und schien nicht ganz sicher, ob er auf diesen vorlauten Gast eingehen oder auf seine Würde bedacht sein sollte.

»So, mein Äußeres findet also Gnade vor Ihren Augen?«

»Aber sicher.«

»Und jemand hat Ihnen empfohlen, mich aufzusuchen?«

»Ja, so ist es.«

»Und wer hat Ihnen das gesagt?«

»Bruder Scanlan von Loge 341, Vermissa. Ich trinke auf Ihre Gesundheit und auf bessere Bekanntschaft.«

Er hob das Glas, das man ihm eingegossen hatte, zu den Lippen und spreizte den kleinen Finger ab, während er es austrank.

McGinty, der ihn aufmerksam beobachtet hatte, zog die ducken, schwarzen Brauen hoch.

»Oh, so ist das also!« sagte er. »Da muß ich Sie mir noch ein bißchen näher ansehen, Mister...«

»McMurdo.«

»Ein bißchen näher, Mr. McMurdo, denn hierzulande vertrauen wir den Leuten nicht so schnell und glauben auch nicht alles. Kommen Sie einen Augenblick mit mir hinter die Bar.«

Da war ein kleiner Raum, mit Fässern gefüllt. McGinty verschloß die Tür sorgfältig und setzte sich auf eines der Fässer, kaute gedankenvoll an seiner Zigarre und musterte den Besucher mit seinen beunruhigenden Augen. Ein paar Minuten lang saß er in vollständigem Schweigen da. McMurdo ertrug diese Musterung gutwillig, eine Hand in der Jackentasche, mit der anderen zwirbelte er seinen braunen Schnurrbart. Plötzlich bückte sich McGinty und zog einen böse aussehenden Revolver hervor.

»Sieh her, Kerl«, sagte er. »Wenn du glaubst, du könntest uns veralbern, ist dein Spiel bald aus.«

»Das ist ein seltsamer Willkommensgruß, den der Meister vom Stuhl einer Freimaurerloge einem fremden Bruder entbietet«, sagte McMurdo mit einiger Würde.

»Ja, gewiß, aber erst müssen Sie sich als Bruder erweisen«, sagte McGinty, »und Gott helfe Ihnen, wenn Sie es nicht können. Wo wurden Sie aufgenommen?«

»Loge 29, Chicago.«

»Wann ?«

»24. Juni 1872.«

»Wie heißt der Meister vom Stuhl?«

»James H. Scott.«

»Wer leitet Ihren Bezirk?«

»Bartholomew Wilson.«

»Hm, zungenfertig genug sind Sie ja. Was machen Sie hier?«

»Arbeiten, genau wie Sie, bloß schlechter bezahlt.«

»Sie haben Ihre Antworten immer recht schnell bei der Hand.«

»Ja, im Reden war ich schon immer schnell.«

»Sind Sie auch so schnell, wenn's ums Handeln geht?«

»Die Leute, die mich am besten kennen, sagen das von mir.«

»Nun, das probieren wir vielleicht schneller aus, als Sie denken. Haben Sie schon etwas über die Loge hier gehört?«

»Ich habe gehört, es erfordert einen ganzen Mann, um hier ein Bruder zu sein.«

»Damit haben Sie recht, Mr. McMurdo. Warum haben Sie Chicago verlassen?«

»Sie können mich hängen, wenn ich Ihnen das sage!«

McGinty machte die Augen auf. Diese Art von Antworten war er nicht gewöhnt, und sie amüsierten ihn.

»Warum wollen Sie es mir nicht sagen?«

»Weil ein Bruder den anderen nicht anlügt.«

»Dann ist es wohl zu schlimm, die Wahrheit zu sagen?«

»So können Sie es ausdrücken.«

»Sehen Sie, Mister, Sie können nicht von mir, als Meister vom Stuhl erwarten, daß ich einen Mann zur Loge zulasse, für dessen Vergangenheit ich nicht geradestehen kann.«

McMurdo sah verwundert drein. Dann zog er einen abgegriffenen Zeitungsausschnitt aus der Tasche.

»Sie würden einen Logenbruder nicht verpfeifen?« fragte er.

»Ihr Gesicht kann gleich mit meiner Faust Bekanntschaft schließen, wenn Sie noch einmal so etwas sagen!« rief McGinty aufgebracht.

»Sie haben recht, Councillor!« sagte McMurdo bescheiden.»Ich sollte mich entschuldigen. Ich habe gedankenlos gesprochen. Gut, ich weiß, daß ich in Ihren Händen sicher bin. Sehen Sie sich diesen Ausschnitt an.«

McGinty überflog den Bericht von der Erschießung eines gewissen Jonas Pinto im >Lake Saloon< in Chicago in der Neujahrswoche 1874.

»Ihr Werk?« fragte er und gab das Papier zurück. McMurdo nickte.

»Warum haben Sie ihn erschossen?«

»Ich half Uncle Sam, Dollars zu machen. Kann sein, daß meine nicht ganz so gut und golden waren wie seine, aber sie sahen genauso gut aus und waren in der Herstellung billiger. Dieser Pinto half mir, die Dinger reinzuschieben...«

»Was half er?«

»Nun, er half, die gefälschten Dollars in den Verkehr zu bringen. Er sagte, er wolle halbe-halbe machen.

Kann sein, daß er wirklich halbpart mit mir machen wollte. Ich hab's nicht abgewartet. Ich hab ihn umgelegt und mich ins Kohlengebiet abgesetzt.«

»Und warum ins Kohlengebiet?«

»Weil ich in der Zeitung gelesen habe, daß man hier nicht allzu viele Fragen stellt.«

McGinty lachte. »Sie waren also erst ein Falschmünzer und dann ein Mörder, und dann kamen Sie hierher, weil Sie dachten, Sie wären hier willkommen.«

»So ungefähr ist die Sache«, antwortete McMurdo. »Na, ich glaube, du wirst es noch weit bringen. Sag mal, kannst du diese Dollars noch machen?«

McMurdo nahm ein halbes Dutzend aus der Tasche. »Die sind nie durch die Münze in Philadelphia gegangen«, sagte er.

»Was du nicht sagst!« McGinty hielt sie in seiner gewaltigen Hand, die haarig wie die eines Gorillas war, gegen das Licht. »Ich kann keinen Unterschied sehen. Gott, ich glaube, einen oder zwei schlimme Burschen könnten wir hier wohl noch gebrauchen, Freund McMurdo, denn es gibt Zeiten, wo jeder seinen Teil tun muß. Wir kleben bald platt an der Wand, wenn wir die nicht zurückschieben, die uns drängen.«

»Nun, meinen Teil will ich wohl gerne tun und mit den anderen Jungs das Zurückschieben schon besorgen.«

»Du scheinst gute Nerven zu haben. Du hast nicht einmal gezuckt, als ich mit dem Revolver auf dich losging.«

»Ich war's auch nicht, der in Gefahr war.«

»Wer denn?«

»Das waren Sie, Councillor.« McMurdo zog eine entsicherte Pistole aus der Seitentasche seiner Jacke.

»Ich hatte die ganze Zeit den Finger am Abzug. Wahrscheinlich wäre ich Ihnen zuvorgekommen.«

»Bei Gott!« McGinty wurde erst rot vor Ärger, dann brach er in schallendes Gelächter aus. »Das muß ich schon sagen, einen solchen Teufelskerl haben wir seit Jahren nicht mehr hier gehabt. Ich denke, die Loge wird bald stolz auf dich sein... Nun, was zum Teufel willst du? Kann ich nicht mal fünf Minuten mit einem Gentleman allein und in Ruhe reden? Muß immer einer reinplatzen und uns stören?«

Der Barmixer stand verlegen da. »Es tut mir leid, Councillor, aber es ist Ted Baldwin. Er sagt, er müsse auf der Stelle mit Ihnen reden.«

Diese Ankündigung war unnötig, denn das grausame Gesicht eben dieses Mannes sah dem Kellner schon über die Schulter. Er stieß ihn hinaus und schloß die Tür hinter ihm.

»So«, sagte er mit einem wütenden Blick auf McMurdo, »Sie sind als erster hier. Ich muß ein Wort mit Ihnen über diesen Mann reden, Councillor.«

»Dann sagen Sie es hier und jetzt vor meinen Ohren«, rief McMurdo.

»Ich sag es zu der Zeit, die mir paßt, und in der Art, die mir gefällt.«

»Na, na«, sagte McGinty und stand von seinem Faß auf. »So geht das aber nicht. Wir haben einen neuen Bruder hier, Baldwin, und es geht nicht, daß wir ihn auf diese Art begrüßen. Geben Sie ihm die Hand und vertragen Sie sich.«

»Niemals!« schrie Baldwin wild.

»Ich habe ihm schon vorgeschlagen, mit mir zu kämpfen, für den Fall, daß ich ihn beleidigt haben sollte«, sagte McMurdo.»Ich kämpfe mit den Fäusten oder, wenn ihm das nicht paßt, auf jede andere Art, die er wählt und will. Nun überlasse ich es Ihnen, Councillor, Recht über uns zu sprechen, wie der Meister des Stuhles es tun sollte.«

»Worum handelt es sich denn?«

»Um eine junge Frau, die frei ist, ihre eigene Wahl zu treffen.«

»Ist sie das?« rief Baldwin.

»Zwischen zwei Logenbrüdern möchte ich schon sagen, daß sie das ist«, sagte der Boß.

»Oh, so regeln Sie das, wie?«

»Ja, so regele ich das, Ted Baldwin«, sagte McGinty und starrte ihn böse an. »War es das, worüber Sie mit mir diskutieren wollten?«

»Wollen Sie sich mit jemandem überwerfen, der treu fünf Jahre lang zu Ihnen gestanden hat, wegen eines Mannes, den Sie nie im Leben gesehen haben? Sie sind nicht Meister vom Stuhl auf Lebenszeit und mein Gott, wenn es das nächste Mal zu Wahlen kommt...«

Der Councillor sprang wie ein Tiger auf ihn los. Seine Hand schloß sich um die Kehle des anderen, und er warf ihn über eines der Fässer. In seiner Wut hätte er das Leben aus ihm herausgepreßt, hätte McMurdo nicht eingegriffen.

»Sachte, Councillor! Um Himmels willen sachte!« schrie er und zog ihn zurück.

McGinty lockerte seinen Griff, und Baldwin, der keuchte und nach Luft rang und an allen Gliedern zitterte wie jemand, der gerade dem Tod ins Gesicht gesehen hat, saß auf dem Faß, über das er geworfen worden war.

»Sie haben das schon längst verdient, Baldwin — nun haben Sie's bekommen!« rief McGinty, und seine gewaltige Brust hob und senkte sich. »Vielleicht denken Sie, Sie könnten mein Nachfolger werden, wenn ich als Meister vom Stuhl abgewählt werde. Das soll die Loge entscheiden. Aber solange ich der Boß hier bin, widerspricht mir keiner.«

»Ich habe gar nichts gegen Sie«, sagte Baldwin und faßte sich an den Hals.«

»Wunderbar«, rief der andere und fiel von einem Augenblick auf den andern in seine gespielte Jovialität zurück, »dann sind wir ja wieder gute Freunde, und die Sache ist erledigt.«

Er nahm eine Flasche Champagner von einem Regal herunter und drehte den Korken heraus.

»Seht her«, fuhr er fort, als er drei Gläser füllte, »jetzt wollen wir den Versöhnungstoast der Loge trinken.

Danach, das wißt ihr, darf's kein böses Blut mehr zwischen uns geben. Also dann, die linke Hand an den Adamsapfel meines Halses. Und ich frage Sie, Ted Baldwin: Was ist das Ärgernis, Sir?«

»Dunkle Wolken sind am Himmel«, antwortete Baldwin.

»Aber sie werden sich für immer aufhellen.«

»Und das schwöre ich!«

Die Männer leerten ihre Gläser, und die gleiche Zeremonie wiederholte sich zwischen McMurdo und Baldwin.

»Also!« rief McGinty und rieb sich die Hände. »Damit hätten wir den Zwist aus der Welt geschafft! Und wenn es noch weitergeht, dann wird sich die Loge damit befassen, und die hat hierzulande eine schwere Hand, Bruder Baldwin weiß das. Und Sie, Bruder McMurdo, werden das auch schnell merken, wenn Sie uns herausfordern sollten!«

»Das werde ich mir sehr gut überlegen, ehe ich das tue«, sagte McMurdo. Er hielt Baldwin seine Hand hin. »Ich bin schnell dabei, mich zu streiten, aber es ist auch ebenso schnell vergeben. Ich bin eben ein heißblütiger Ire. Für mich ist es erledigt, und ich trage nichts nach.«

Baldwin mußte die dargebotene Hand nehmen, denn die fürchterlichen Augen des Bosses waren auf ihn gerichtet. Aber das beleidigte Gesicht zeigte, wie wenig Eindruck die Worte des ändern auf ihn gemacht hatten.

McGinty klopfte beiden auf die Schultern. »Also, diese Mädchen, diese Mädchen!« rief er. »Daß immer dieselben Unterröcke zwischen zwei meiner Jungs kommen müssen! Das ist des Teufels eigenes Spielchen. Na ja, schließlich muß das Mädchen, das in den Unterröcken steckt, die Sache selbst regeln, das gehört nicht in den Bereich der Rechtsprechung des Logenmeisters -und dem Himmel sei Dank dafür!

Wir haben schon ohne Weibergeschichten genug zu tun. Sie gehören künftig zur Loge 341,Bruder McMurdo. Wir haben hier unsere eigenen Methoden, und die sind anders als in Chicago. Samstag abend treffen wir uns, und dann werden wir Sie endgültig in Vermissa Valley aufnehmen.