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Das Tal der Furcht.  Arthur Conan Doyle
Kapitel 6. Dämmerlicht
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Die drei Detektive hatten so viele Details zu erörtern, daß ich mich allein in unser bescheidenes Quartier im Dorfgasthof zurückbegab. Zuvor machte ich noch einen Spaziergang durch den merkwürdigen, im alten Stil angelegten Garten beim Hause. Seine äußere Grenze bildeten Reihen alter Taxusbäume, die zu seltsamen Formen gestutzt waren. Im Innern war ein herrlicher Rasen mit einer alten Sonnenuhr in der Mitte. Von dem Garten ging eine tröstliche und beruhigende Wirkung aus, die meinen angegriffenen Nerven wohltat. In dieser Atmosphäre tiefen Friedens konnte man die hinge-streckte, blutbesudelte Leiche beinahe vergessen oder sich doch innerlich so weit davon distanzieren, daß einem das alles nur noch wie ein böser Traum erschien. Und doch, als ich so umherschlenderte und mich abzulenken versuchte, geschah etwas Seltsames, das mich wieder an die Tragödie gemahnte und bei mir einen unangenehmen Eindruck hinterließ.

Ich habe gesagt, daß kunstvoll gestutzte Taxusbäume den Garten einrahmten. An seinem äußersten Ende, das vom Haus am weitesten entfernt war, bildeten sie eine dichte, geschlossene Hecke. Auf der anderen Seite der Hecke, für die Augen eines jeden verborgen, der aus der Richtung des Hauses kam, befand sich eine Steinbank. Als ich mich dieser Stelle näherte, hörte ich Stimmen: Eine tiefe Männerstimme, die eine Bemerkung machte, und als Antwort das helle, perlende Gelächter einer Frau.

Einen Augenblick später war ich um die Hecke herum und erblickte Mrs. Douglas und Barker, bevor sie mich bemerken konnten. Ihr Betragen versetzte mir einen Schock. Im Eßzimmer war sie gefaßt und zurückhaltend gewesen. Jetzt war alle gespielte Trauer verschwunden. Ihre Augen strahlten vor Lebensfreude, und ihr Gesicht bebte noch vor Vergnügen über die Bemerkung ihres Begleiters. Er saß vornübergebeugt, die Hände gefaltet und die Unterarme auf die Knie gestützt, und auf seinem kühnen, edlen Gesicht lag ebenfalls ein Lächeln. Einen Augenblick später, als ich in ihr Blickfeld trat — aber es war eben doch einen Augenblick zu spät—, hatten sie ihre ernsten, traurigen Masken wieder aufgesetzt.

Sie wechselten rasch einige Worte, und dann erhob sich Barker und kam auf mich zu.

»Entschuldigen Sie, Sir«, sagte er höflich, »aber sind Sie nicht Dr. Watson?«

Ich verbeugte mich kühl und knapp, um zu zeigen, welchen Eindruck ihr Verhalten soeben auf mich gemacht hatte.

»Wir dachten es uns schon, daß Sie es sein müßten, denn Ihre Freundschaft mit Mr. Sherlock Holmes ist ja allgemein bekannt. Möchten Sie nicht einen Augenblick herüberkommen und mit Mrs. Douglas sprechen?«

Ich folgte ihm mit undurchdringlichem Gesicht. Ganz deutlich stand mir jetzt wieder die am Boden liegende Gestalt des Ermordeten vor Augen. Und hier saßen schon wenige Stunden nach der Tragödie seine Frau und sein bester Freund zusammen und lachten miteinander hinter einem Busch in dem Garten, der ihm gehört hatte. Zurückhaltend begrüßte ich die Dame. Im Eßzimmer hatte mir ihr Schmerz ins Herz geschnitten. Nun begegnete ich ihren sprechenden Augen mit kühlem Mißtrauen.

»Ich fürchte, Sie halten mich für hart und herzlos«, sagte sie.

Ich zuckte die Achseln. »Das geht mich nichts an«, sagte ich.

»Vielleicht werden Sie mir eines Tages Gerechtigkeit widerfahren lassen, wenn Sie erst verstehen...«

»Es ist doch überhaupt nicht nötig, daß Dr. Watson versteht«, fiel Barker rasch ein. »Wie er soeben gesagt hat, ist dies alles doch nicht seine Angelegenheit.«

»Ganz recht«, sagte ich, »und deshalb wollen Sie mich jetzt bitte entschuldigen.«

»Einen Augenblick, Dr. Watson«, rief die Frau mit flehender Stimme. »Ich habe eine Frage, die nur Sie mir beantworten können und die für mich von größter Wichtigkeit ist. Sie kennen Mr. Holmes und seine Beziehungen zur Polizei besser als jeder andere. Angenommen, es würde ihm etwas vertraulich mitgeteilt, ist er dann unbedingt genötigt, das der Polizei weiterzugeben?«

»Ja, das ist es, was wir gerne wüßten«, ließ Barker sich wieder vernehmen. »Arbeitet er selbständig oder gehört er ganz und gar zu ihnen?«

»Ich weiß wirklich nicht, warum ich Ihnen darüber Auskunft geben sollte.«

»Ich bitte Sie — ich flehe Sie an, Dr. Watson. Ich versichere Ihnen, daß Sie uns — daß Sie mir damit einen großen Dienst erweisen, wenn Sie uns helfen, in diesem Punkt klar zu sehen.«

In ihrer Stimme lag solche Aufrichtigkeit, daß ich einen Augenblick lang ihr frivoles Verhalten vergaß und nur bestrebt war, ihr den Gefallen zu tun.

»Mr. Holmes ist unabhängig bei seinen Untersuchungen«, sagte ich. »Er ist sein eigener Herr und läßt sich nur von seinem eigenen Urteil leiten. Gleichzeitig aber verhält er sich loyal den Beamten gegenüber, die am gleichen Fall arbeiten, und würde ihnen nichts verheimlichen, was dazu hilft, einen Verbrecher der Gerechtigkeit zu übergeben. Mehr kann ich nicht sagen und möchte Sie bitten, sich an Mr. Holmes selbst zu wenden, wenn Sie noch mehr wissen wollen.«

Damit zog ich meinen Hut und ging meiner Wege. Sie blieben hinter der schützenden Hecke sitzen. Als ich am anderen Ende der Hecke noch einmal zurückblickte, sah ich, wie sie immer noch sehr ernst miteinander sprachen, und da sie mir nachsahen, war mir klar, daß unsere Unterredung der Gegenstand ihrer Erörterung war.

»Ich möchte keine vertraulichen Mitteilungen von ihnen«, sagte Holmes, als ich ihm berichtete, was sich zugetragen hatte. Er hatte den ganzen Tag im Herrenhaus verbracht, wo er sich mit seinen beiden Kollegen beraten hatte, und kehrte gegen fünf Uhr mit einem gewaltigen Appetit auf einen >High Tea< zurück, den ich vorsorglich schon für ihn bestellt hatte. »Keine vertraulichen Mitteilungen, Watson, denn die können höchst unangenehm werden, wenn es zu einer Verhaftung wegen gemeinsam geplanten Mordes kommt.«

»Meinen Sie, daß es dazu kommt?«

Er war in bester Stimmung. »Mein lieber Watson, wenn ich das vierte Ei vertilgt habe, werde ich in der Lage sein, Ihnen die ganze Situation klarzulegen. Ich sage nicht, daß wir sie schon ausgelotet hätten — weit davon entfernt—, aber wenn wir erst die verschwundene Hantel gefunden haben...«

»Die Hantel?«

»Du meine Güte, Watson, ist es möglich, daß es noch nicht bis zu Ihnen gedrungen ist, daß der ganze Fall an der verschwundenen Hantel hängt? Nun, nun, Sie brauchen nicht gleich so niedergeschlagen zu sein, denn ganz unter uns, ich glaube nicht, daß Inspektor Mac oder der ausgezeichnete hiesige Praktiker die überwältigende Bedeutung dieses Umstandes erkannt haben. Eine Hantel, Watson! Stellen Sie sich einen Sportler mit nur einer Hantel vor! Malen Sie sich aus, wie ungleichmäßig die Muskeln ausgebildet werden, und die drohende Gefahr einer Rückgratverkrümmung! Gräßlich, Watson, einfach gräßlich!«

Er saß da, hatte den Mund voller Toastbrot, und seine Augen blitzten übermütig, als er mich in meiner Begriffsstutzigkeit betrachtete. Der bloße Anblick seines ausgezeichneten Appetits war für mich ein Zeichen, daß er seines Erfolges sicher war. Denn ich erinnere mich noch sehr deutlich an Zeiten, wo er an Essen auch nicht einen Gedanken verschwenden konnte, während er tage- und nächtelang um die Lösung eines Problems rang und sein schmales, kühnes Gesicht bei der völligen geistigen Konzentration immer schmaler wurde. Endlich war er mit dem Essen fertig, setzte sich in die Kaminecke des alten Dorfgasthofs, zündete seine Pfeife an und begann über den Fall zu sprechen, langsam und nicht sehr konzentriert, eher wie einer, der laut denkt, als wie jemand, der eine wohlbedachte Aussage macht.

»Eine Lüge, Watson - eine faustdicke, unverschämte Lüge -trat uns gleich an der Türschwelle entgegen!

Das ist unser Ausgangspunkt. Die ganze Geschichte, die uns Barker erzählt hat, ist eine Lüge. Aber Barkers Geschichte wird von Mrs. Douglas gestützt. Deshalb lügt auch sie. Sie lügen alle beide und sind sich einig. So, jetzt haben wir ganz klar folgendes Problem: Warum lügen sie, und was ist die Wahrheit, die sie mit solcher Mühe zu verbergen suchen? Wir wollen doch einmal versuchen, Watson, ob wir beide nicht hinter diese Lüge kommen und die Wahrheit rekonstruieren können.

Woher weiß ich, daß sie lügen? Weil alles eine ungeschickte Erfindung ist, die einfach nicht wahr sein kann. Überlegen Sie doch einmal! So wie man uns die Geschichte erzählt hat, hatte der Mörder, nachdem er den Mord ausgeführt hatte, weniger als eine Minute Zeit, den Ring, der unter einem anderen Ring saß, vom Finger des Toten zu ziehen, den anderen Ring wieder aufzustecken — was er sicherlich nicht getan hätte — und diese seltsame Karte neben sein Opfer zu legen. Das ist offensichtlich unmöglich, sage ich.

Sie können jetzt vorbringen, Watson — aber, mein Lieber, ich traue Ihrem Urteil soviel zu, daß Sie das nicht tun werden—, der Ring könnte fortgekommen sein, noch ehe er getötet wurde. Die Tatsache, daß die Kerze nur eine kleine Weile gebrannt hat, zeigt, daß da keine längere Unterhaltung stattfand. War Douglas, nach allem, was wir über seinen furchtlosen Charakter gehört haben, ein Mann, der ohne weiteres seinen Ehering hergibt? Oder können wir uns vorstellen, daß er ihn überhaupt herausrückte?

Nein, nein, Watson, der Mörder war eine ganze Weile mit dem Toten allein, und zwar bei brennender Kerze. Dessen bin ich mir ganz sicher.

Die Todesursache war augenscheinlich der Gewehrschuß. Daher muß der Schuß eine ganze Weile eher abgefeuert worden sein, als man uns erzählt hat. Da es aber in solchen Sachen keinen Irrtum geben kann, haben wir es darum hier mit einer Komplizenschaft von zwei Leuten zu tun, die den Schuß gehört haben, nämlich Barker und Mrs. Douglas. Wenn ich, um allem die Krone aufzusetzen, dann auch noch beweisen kann, daß der Blutfleck auf der Fensterbank von Barker selbst dort absichtlich angebracht worden ist, um die Polizei auf eine falsche Fährte zu bringen, dann geben Sie sicherlich zu, daß der Fall nicht gut für ihn aussieht.

Nun müssen wir uns fragen, zu welchem Zeitpunkt der Mord wirklich geschah. Bis um halb elf Uhr war die Dienerschaft noch im Haus beschäftigt; so konnte es gewiß nicht vor diesem Zeitpunkt sein. Um Viertel vor elf hatten sie sich alle auf ihre Zimmer zurückgezogen, mit Ausnahme von Ames, der in der Geschirrkammer war. Ich habe einige Versuche unternommen, nachdem Sie uns heute nachmittag verlassen hatten, und habe herausgefunden, daß kein Geräusch, das MacDonald im Arbeitszimmer macht, in der Geschirrkammer zu hören ist, wenn dazwischen alle Türen geschlossen sind.

Mit dem Zimmer der Haushälterin verhält es sich dagegen etwas anders. Das Zimmer liegt nicht so weit den Korridor hinunter, und von dort konnte ich undeutlich seine Stimme hören, wenn er sehr laut wurde.

Der Knall eines Gewehrschusses ist in gewissem Maße gedämpft, wenn er aus so kurzer Entfernung abgegeben wird wie zweifellos in diesem Fall. Aber auch wenn er nicht sehr laut war, müßte er in der Stille der Nacht leicht in Mrs. Aliens Zimmer zu hören gewesen sein. Wie sie uns selbst sagte, ist sie ein wenig schwerhörig, aber nichtsdestoweniger erwähnte sie bei ihrer Aussage, daß sie etwa eine halbe Stunde, bevor der Alarm gegeben wurde, eine Tür habe zuschlagen hören. Eine halbe Stunde vor dem Alarm muß etwa Viertel vor elf gewesen sein. Für mich gibt es da gar keinen Zweifel, daß das kein Türenschlagen, sondern der Gewehrschuß war, was sie gehört hat, und dies der wirkliche Zeitpunkt des Mordes ist.

Wenn das so ist, dann müssen wir jetzt feststellen, was Barker und Mrs. Douglas - angenommen, sie sind nicht die eigentlichen Mörder - von Viertel vor elf, als der Knall des Schusses sie herunterbrachte, bis Viertel nach elf, als sie läuteten, um die Dienstboten zusammenzutrommeln, getan haben können. Was haben sie getan und warum haben sie nicht sofort Alarm geschlagen? Das ist die Frage, der wir gegenüberstehen, und wenn wir darauf eine Antwort haben, sind wir der Lösung des Problems schon ein gutes Stück nähergekommen.«

»Ich bin auch davon überzeugt«, sagte ich, »daß es zwischen diesen beiden ein Einverständnis gibt. Sie muß ein herzloses Gechöpf sein, wenn sie wenige Stunden nach der Ermordung ihres Mannes über einen Scherz lachen kann.«

»Genau das meine ich auch. Als Ehefrau steht sie nicht gerade glänzend da, nicht einmal im Lichte ihres eigenen Berichts von dem, was geschehen ist. Ich bin kein begeisterter Verehrer des weiblichen Geschlechts, Watson, wie Sie wissen, aber meine Lebenserfahrung hat mich gelehrt, daß es wenige Ehefrauen gibt, die für ihren Mann noch etwas empfinden und sich durch das Wort eines ändern davon abhalten lassen, die Leiches ihres Mannes wenigstens zu sehen. Wenn ich je heiraten sollte, Watson, dann möchte ich doch hoffen, daß meine Frau so viel Gefühl noch für mich hat, daß nicht eine Haushälterin sie wegführen kann, wenn meine Leiche nur ein paar Meter von ihr entfernt liegt. Das war schlechte Bühnenregie, denn selbst dem kaltschnäuzigsten Kriminalbeamten muß das Fehlen der üblichen weiblichen Gefühlsausbrüche auffallen. Wenn auch sonst gar nichts zu finden gewesen wäre, dieser Umstand allein hätte genügt, mich an ein vorher arrangiertes Komplott glauben zu lassen.«

»Dann sind Sie der festen Meinung, daß Mr. Barker und Mrs.Douglas des Mordes schuldig sind?«»Sie haben immer eine entsetzlich direkte Art zu fragen«, sagte Holmes und schüttelte die Pfeife drohend in meine Richtung. »Sie schießen Ihre Fragen wie Kugeln auf mich ab. Wenn Sie es so sehen, daß Barker und Mrs. Douglas die Wahrheit übet den Mord wissen und zusammenhalten, um dieses Wissen zu verheimlichen, dann kann ich Ihnen mit gutem Gewissen die Antwort darauf geben: Ich bin ganz sicher, daß sie das tun. Aber wenn Sie in ihnen die Mörder vermuten, so kann ich darauf nicht so eindeutig antworten. Lassen Sie uns für einen Augenblick die Schwierigkeiten betrachten, die da im Wege stehen.

Wir wollen einmal annehmen, daß dieses Paar durch die Bande schuldiger Liebe verbunden ist und beschlossen hat, den Mann, der zwischen ihnen steht, zu beseitigen. Dies ist eine bloße Annahme, denn eine direkte Umfrage bei der Dienerschaft und anderen konnte diesen Verdacht nicht bestätigen. Im Gegenteil, sehr vieles spricht dafür, daß die Douglas einander seht gern hatten.«

»Das kann sicherlich nicht wahr sein«, sagte ich und dachte an das schöne, lächelnde Gesicht im Garten.

»Na, wenigstens haben sie diesen Eindruck hinterlassen, Doch nehmen wir einfach einmal an, daß Barker und Mrs. Douglas ganz bemerkenswert kluge Menschen sind, die es fertigbringen, über ihr Verhältnis jedermann zu täuschen, während sie den Komplott schmieden, den Ehemann umzubringen. Zufällig war er ja ein Mann, der bedroht war.«

»Dafür haben wir aber nur das Wort dieser beiden.«

Holmes sah gedankenvoll drein. »Watson, ich glaube, Sie bilden sich eine Theorie, die darauf fußt, das alles, was sie sagen, von Anfang an falsch ist. Wenn wir Ihrer Vermutung folgen, gab es niemals eine Bedrohung aus dem Hinterhalt oder eine Geheimgesellschaft oder das Tal der Furcht oder den Boss Mac - wie hieß er noch? — oder irgend etwas dergleichen. Das ist eine schöne Verallgemeinerung, die alles zusammenfegt und — hinaus damit! Lassen Sie uns einmal sehen, wohin das führt. Sie erfinden diese Geschichte, um eine Erklärung für den Mord zu haben, Dann spielen sie das Spiel weiter, indem sie das Fahrrad im Garten verstecken als Beweis dafür, daß ein Außenstehender im Spiel war. Der Fleck auf der Fensterbank verweist in die gleiche Richtung, genau wie die Karte auf der Leiche, die ebenfalls im Haus geschrieben sein kann. Das alles, Watson, paßt in Ihre Hypothese. Aber nun kommen wir zu den häßlichen, kantigen Teilen, die unnachgiebig sind und nicht ins Bild passen wollen. Warum mußte es, bei all den Waffen, die es gibt, ein abgesägtes Gewehr sein, dazu ein amerikanisches? Wie konnten sie sicher sein, daß der Schuß niemanden herbeirief? Es ist nichts als ein Glücksfall, daß Mrs. Allen nicht aufstand und nachsah, warum da eine Tür zugeschlagen worden war. Warum sollte Ihr schuldiges Paar all dies tun, Watson?«

»Ich gebe zu, daß ich das nicht erklären kann.«

»Und dann, wenn eine Frau und ihr Lieberhaber planen, den Ehemann zu ermorden, würden sie dann gleich die Visitenkarte ihrer Schuld daneben legen, indem sie ganz unnötigerweise nach seinem Tod den Ehering abziehen? Erscheint Ihnen das alles realistisch, Watson?«

»Nein, allerdings nicht.«

»Und noch eines: Wäre es Ihnen sinnvoll vorgekommen, das Fahrrad draußen zu verstecken, wenn schon der dämlichste Detektiv sofort sieht, daß es sich um eine falsche Fährte handelt, weil nämlich das Fahrrad das Allernotwendigste ist, was der Mörder für seine Flucht braucht?«

»Dafür kann ich auch keine Erklärung finden.«

»Und doch sollte es keine Kette von Ereignissen geben, für die der menschliche Verstand keine Erklärung hat. Nur als kleine geistige Übung, ohne daß ich behaupte, daß es wahr sein müßte, lassen Sie mich einmal einen möglichen Gedankengang aufzeichnen. Ich gebe zu, es ist reine Phantasie, aber wie oft ist nicht die Phantasie die Mutter der Wahrheit?

Wir wollen einmal annehmen, daß es im Leben dieses Douglas ein peinliches Geheimnis gab, eine wirklich schlimme Sache, deren er sich schämen mußte. Dies führt dazu, daß er von jemandem, sagen wir einem Rächer, der von außen kommt, ermordet wird. Der Rächer nimmt aus einem bestimmten Grund, für den ich, das muß ich zugeben, immer noch keine Erklärung habe, dem Toten den Ehering vom Finger.

Der Ring kann ein kompromittierendes Datum aufweisen, das auf die erste Ehe des Toten zurückgeht, und er kann aus einem solchen Grund abgezogen worden sein.

Bevor es diesem Rächer gelingt wegzukommen, haben Barker und die Frau das Zimmer erreicht. Der Mörder überzeugt sie, daß jeglicher Versuch, ihn festzunehmen, zu öffentlichem Aufsehen und einem häßlichen Skandal führen würde. Sie lassen sich von ihm überreden und lassen ihn entkommen. Zu diesem Zweck haben sie wahrscheinlich die Brücke heruntergelassen -das kann nämlich ziemlich geräuschlos geschehen — und sie danach wieder hoch gezogen. Er flüchtet und glaubt aus irgendeinem Grund, daß er zu Fuß sicherer vorankommt, als mit dem Fahrrad. Er läßt deshalb sein Rad an einer Stelle zurück, wo man es nicht finden wird, bevor er nicht sicher fort ist. - Soweit halten wir uns noch in den Grenzen des Möglichen, nicht wahr?«

»Nun, möglich ist das sicherlich«, sagte ich mit einiger Reserve.

»Wir müssen uns klarmachen, Watson, daß es sich bei den Geschehnissen ganz gewiß um etwas Außergewöhnliches handelt. Kehren wir nun zu unserem angenommenen Fall zurück, Das Paar - es muß nicht unbedingt ein schuldiges Paar sein -merkt, nachdem der Mörder weg ist, daß es sich selbst in eine Lage gebracht hat, in der sehr schwer zu beweisen sein wird, daß es weder die Tat begangen noch dazu Vorschub geleistet hat, Schnell und ziemlich ungeschickt versucht es, mit der Situation fertig zu werden.

Mit Barkers blutverschmierten Hausschuhen wird der Abdruck auf der Fensterbank angebracht, damit es so aussieht, als sei der Bösewicht auf diesem Wege entkommen. Es ist ganz klar, daß sie beide den Schuß gehört haben müssen, und so schlagen sie Alarm, wie man es von ihnen erwartet hätte. Aber das geschah eine gute halbe Stunde nach der Tat.«

»Und wie gedenken Sie das alles zu beweisen?«

»Nun ja, wenn es jemanden von außen gibt, dann kann man ihn verfolgen und festnehmen. Das wäre der allerwirksamste Beweis. Wenn nicht - nun, die Mittel der Wissenschaft sind noch lange nicht erschöpft.

Ich glaube, ein Abend allein im Arbeitszimmer würde mir schon weiterhelfen.«

»Einen Abend allein!«

»Ich habe vor, gleich dort hinzugehen. Ich habe alles mit dem schätzenswerten Ames besprochen, der Barker keineswegs vollkommen traut. Ich werde mich in dem Zimmer aufhalten und sehen, ob die Atmosphäre mir einen Einfall schenkt. Ich glaube an den genius loci. Sie lächeln, Freund Watson. Nun, wir werden sehen. Nebenbei gesagt, Sie haben doch Ihren Regenschirm mitgebracht, nicht wahr?«

»Hier ist er.«

»Gut, ich leihe ihn mir aus, wenn ich darf.«

»Gewiß - aber er ist eine schlechte Waffe! Wenn Gefahr im Verzug ist...«

»Nichts zu befürchten, mein lieber Watson, sonst würde ich wirklich um Ihre Hilfe bitten. Aber ich nehme den Regenschirm mit. Im Augenblick warte ich nur noch auf die Rückkehr unserer Kollegen aus Tunbridge Wells, wo sie gerade versuchen, den Besitzer des Fahrrades ausfindig zu machen.«

Die Nacht war schon hereingebrochen, als Inspektor MacDo-nald und White Mason von ihrem Ausflug

zurückkehrten. Sie waren bei bester Laune und hatten von einem großen Fortschritt in unserer Untersuchung zu berichten.

»Mann, ich gebe zu, daß ich meine Zweifel hatte, ob jemand von außen im Spiel war«, sagte MacDonald, »aber das ist nun vorbei. Das Fahrrad ist identifiziert, und wir haben eine Beschreibung von unserem Mann. So, damit wären wir einen großen Schritt vorangekommen.«

»Das klingt für mich wie der Anfang vom Ende«, sagte Holmes. »Ich gratuliere Ihnen von ganzem Herzen.«

»Nun, ich bin von der Tatsache ausgegangen, daß Mr. Douglas verstört schien, als er tags zuvor aus Tunbridge Wells zurückkam. Es mußte ihm also in Tunbridge Wells bewußt geworden sein, daß ihm Gefahr drohte. Darum war mir klar: Wenn ein Mann mit dem Fahrrad herkam, so konnte er vermutlich nur aus Tunbridge Wells kommen. Wir haben das Fahrrad also mitgenommen und in den Hotels vorgezeigt. Der Wirt vom »Adler« erkannte es sofort und sagte aus, daß es einem Mann namens Hargrave gehöre, der sich zwei Tage vorher dort ein Zimmergenommen habe. Das Fahrrad und eine kleine Reisetasche waren sein ganzer Besitz. Er hatte sich als Londoner in die Anmeldeliste eingetragen, aber keine Adresse hinterlassen. Die Reisetasche stammte aus London, und ihr Inhalt war englischer Herkunft, aber der Mann war zweifellos Amerikaner.«

»Gut, gut«, sagte Holmes heiter. »Sie haben da gewiß ein solides Stück Arbeit geleistet, während ich hier herumgesessen und mit meinem Freund Theorien ausgesponnen habe! Da sieht man wieder, daß man praktisch sein sollte, Mr. Mac.«

»Ja, darauf kommt es an, Mr. Holmes«, sagte der Inspektor befriedigt.

»Aber das kann ja alles in Ihre Theorien passen«, bemerkte ich.

»Das kann, braucht aber nicht. Aber lassen Sie uns den Rest hören, Mr. Mac. War da nichts zu finden, was den Mann identifizierte?«

»So wenig, daß es aussieht, als habe er alles getan, um sich vor einer Identifizierung zu schützen. Es gab weder Papiere noch Briefe, und seine Kleidung war nicht gezeichnet. Eine Straßenkarte der Grafschaft mit eingezeichneten Radfahrwegen lag auf seinem Nachttisch. Er hat das Hotel gestern morgen nach dem Frühstück mit seinem Fahrrad verlassen, und seitdem hat man nichts wieder von ihm gehört, bis wir kamen und nachfragten.«

»Das ist es, was mich wundert, Mr. Holmes«, sagte White Mason. »Wenn dieser Mann nicht wollte, daß er auffällt und eine große Suchaktion seinetwegen eingeleitet wird, warum ist er dann nicht ins Hotel zurückgekehrt, um sich dort als harmloser Tourist weiter aufzuhalten. So wie es jetzt steht, muß er doch wissen, daß der Hotelbesitzer der Polizei Anzeige erstattet und daß sein Verschwinden mit dem Mord in Verbindung gebracht wird.«

»Das sollte man annehmen. Dennoch kann man ihm unkluges Verhalten nicht nachsagen, da er bis jetzt ja noch nicht verhaftet worden ist. Aber seine Beschreibung - was ist damit?«

MacDonald zog sein Notizbuch zu Rate. »Hier haben wir sie, soweit man sie uns geben konnte. Es sieht nicht so aus, als hätten sie sich ihn besonders gut angesehen. Trotzdem waren sich der Portier, der Mann von der Rezeption und das Zimmermädchen einig, daß damit alle wichtigen Punkte abgedeckt sind. Er war ungefähr 1,70 m groß, um die fünfzig Jahre alt, Haar leicht angegraut, ebenso der Schnurrbart, hatte eine gebogene Nase und ein Gesicht, das alle als wild und abstoßend beschrieben.«

»Nun, das könnte die Beschreibung von Mr. Douglas persönlich sein«, sagte Holmes. »Er ist eben fünfzig, hat angegrautes Haar und ebensolchen Schnurrbart und ungefähr dieselbe Größe. Haben Sie noch etwas herausbekommen?«

»Er trug einen dunkelgrauen Anzug aus schwerem Tuch, einen kurzen gelben Mantel und eine weiche Mütze.«

»Und was ist mit dem Gewehr?«

»Es war 60 cm lang. In seine Reisetasche hätte es bequem hineingepaßt. Ebenso hätte er es ohne Mühe unter seinem Mantel tragen können.«

»Und inwiefern meinen Sie, daß all das zur Aufklärung des Falles beiträgt?«

»Nun, Mr. Holmes«, sagte MacDonald, »wenn wir unseren Mann erst haben — und Sie dürfen sicher sein, daß ich seine Beschreibung, sobald ich sie hatte, telegrafisch weitergegeben habe-, werden wir das besser beurteilen können. Aber selbst wenn wir von der augenblicklichen Lage ausgehen, sind wir ein gutes Stück vorangekommen. Wir wissen, daß ein Amerikaner, der sich Hargrave nannte, vor zwei Tagen mit Fahrrad und Reisetasche nach Tunbridge Wells gekommen ist. In der Reisetasche befand sich ein abgesägtes Gewehr, er kam also mit dem festen Vorsatz, ein Verbrechen zu begehen. Gestern morgen schwang er sich aufs Rad und fuhr hierher, das Gewehr unter dem Mantel verborgen. Soweit wir wissen, sah ihn niemand ankommen, aber er mußte nicht unbedingt durch das Dorf radeln, um zum Parkeingang zu gelangen, und auf der Straße sind viele Radfahrer. Wahrscheinlich versteckte er sein Rad gleich im Gebüsch, wo man es gefunden hat, und möglicherweise hielt er sich dort selbst versteckt, lag auf der Lauer, den Blick auf das Haus gerichtet, und wartete darauf, daß Mr. Douglas herauskäme. Im Hause ist das Gewehr eine ungewöhnliche Waffe, aber seine Absicht war, es draußen zu verwenden, und dahat es seine unbestreitbaren Vorzüge, denn man würde damit nicht vorbeischießen, und Schüsse hört man in einer Gegend Englands, wo viel gejagt wird, so häufig, daß sich niemand darum kümmern würde.«

»Das ist alles sehr klar und einleuchtend«, sagte Holmes.

»Nun, Mr. Douglas erschien nicht auf der Bildfläche. Was sollte er tun? Er ließ sein Fahrrad liegen und schlich sich im Dämmerlicht zum Haus. Er fand die Zugbrücke herabgelassen und niemand in ihrer Nähe.

Da nutzte er seine Chance. Zweifellos hatte er eine Entschuldigung bereit, falls er jemanden treffen sollte.

Aber er traf niemanden. Er huschte in das erste beste Zimmer, das er sah, und versteckte sich hinter den Vorhängen. Von dort konnte er beobachten, wie die Zugbrücke hochgezogen wurde, und er wußte nun, daß sein einziger Fluchtweg durch den Burggraben ging. Er wartete bis Viertel nach elf, bis Mr. Douglas auf seiner üblichen abendlichen Runde in das Zimmer kam. Er erschoß ihn und floh. Es war ihm klar, daß die Leute im Hotel sein Fahrrad beschreiben konnten und dies ein Hinweis auf ihn sein würde. Deshalb ließ er es dort im Gebüsch liegen und gelangte auf eine andere Weise nach London oder zu einem sicheren Versteck, für das er vorgesorgt hatte. Wie finden Sie das, Mr. Holmes?«

»Nun, Mr. Mac, soweit ist das alles ja sehr schön und klar. Das ist also bei Ihnen das Ende der Geschichte. Bei mir geht die Geschichte so zu Ende, daß das Verbrechen eine halbe Stunde früher als berichtet begangen wurde, daß Mrs. Douglas und Barker sich verabredet haben, irgend etwas vor uns zu verbergen, daß sie dem Mörder zur Flucht verhalfen — oder wenigstens in das Zimmer gelangten, bevor er fliehen konnte — und daß sie den Beweis für seine Flucht durch das Fenster selbst fabriziert haben, während es ziemlich wahrscheinlich ist, daß sie ihn über die Zugbrücke haben entkommen lassen. So sehe ich es.«

Die beiden Detektive schüttelten die Köpfe.

»Na, Mr. Holmes, wenn das wahr ist, dann stolpern wir von einem Rätsel in das andere«, sagte der Inspektor aus London.

»Und in mancher Hinsicht in ein schwierigeres«, fügte White Mason hinzu. »Die Dame ist noch nie in ihrem Leben in Amerika gewesen. Wie konnte sie Verbindung zu einem amerikanischen Gewaltverbrecher haben, der sie veranlaßte, ihn zu decken?«

»Ich gebe alle diese Schwierigkeiten gern zu«, sagte Holmes. »Ich beabsichtige, mich heute nacht ein wenig auf eigene Faust umzusehen. Es wäre immerhin möglich, daß sich da etwas ergibt, was uns weiterhilft.«

»Können wir Ihnen dabei helfen, Mr. Holmes?«

»Nein, nein! Dunkelheit und Dr. Watsons Regenschirm — das ist alles, was ich brauche. Und Ames, der treue Ames, wird schon ein Auge zudrücken. Alle meine Gedankengänge führen mich immer wieder zu der einen Grundfrage zurück: Warum sollte ein sportlicher Mann, der seinen Körper in Form halten will, mit einem so unnatürlichen Instrument wie einer einzelnen Hantel trainieren?«

Es war schon spät in der Nacht, als Holmes von seinem einsamen Unternehmen zurückkam. Wir schliefen gemeinsam in einem Doppelzimmer, das beste, was uns der kleine Dorfgasthof hatte anbieten können. Ich hatte schon geschlafen, wurde durch seinen Eintritt halbwach und fuhr aus meinen Träumen hoch.

»Na, Holmes«, murmelte ich, »haben Sie was gefunden?«

Er stand schweigend neben mir, die Kerze in der Hand. Dann beugte sich die große, magere Gestalt zu mir herab. »Hören Sie, Watson«, flüsterte er. »Würden Sie sich fürchten, mit einem Verrückten im gleichen Zimmer zu schlafen, einem Mann mit Gehirnerweichung, einem Idioten, der nicht mehr Herr seines Verstandes ist?«

»Nicht im geringsten«, antwortete ich erstaunt.

»Ah, da habe ich aber Glück«, antwortete er und sprach in dieser Nacht kein weiteres Wort.