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Das Tal der Furcht.  Arthur Conan Doyle
Kapitel 5. Die Personen des Dramas
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»Haben Sie im Arbeitszimmer schon alles gesehen?« fragte White Mason, als wir ins Haus zurückkehrten.

»Für den Augenblick genügt's«, sagte der Inspektor, und Holmes nickte.

»Wollen wir dann vielleicht die Aussagen einiger Leute aus dem Haus hören? Wir könnten das Eßzimmer benutzen, Ames, Bitte, kommen Sie gleich selbst als erster herein und erzählen Sie uns, was Sie wissen.«

Des Butlers Bericht war einfach und klar, und wir waren von seiner Aufrichtigkeit überzeugt. Er hatte seine Stellung vor fünf Jahren angetreten, als Mr. Douglas sich in Birlstone niederließ, Soweit er wußte, war Mr. Douglas ein reicher Mann, der sein Geld in Amerika gemacht hatte. Er war ein freundlicher und rücksichtsvoller Arbeitgeber - vielleicht nicht ganz das, was Ames vorher gewohnt war, aber man kann nicht alles haben. Er hatte nie Zeichen der Besorgnis bei Mr.

Douglas bemerkt, im Gegenteil: Er war der furchtloseste Mensch, den er je gekannt hatte. Das Hochziehen der Zugbrücke jeden Abend hatte er angeordnet, weil das die alte Tradition des Hauses war, denn er liebte es, die alten Bräuche lebendig zu erhalten.

Mr. Douglas fuhr selten nach London und verließ überhaupt kaum das Dorf. Aber am Tag vor dem Verbrechen war er in Tunbridge Wells zum Einkaufen gewesen. Er, Ames, hatte an diesem Abend eine gewisse Unruhe an seinem Herrn bemerkt. Er schien ungeduldig und reizbar, was man bei ihm nicht gewohnt war. Der Butler war an jenem Abend noch nicht zu Bett gegangen, sondern hielt sich in der Geschirrkammer im hinteren Teil des Hauses auf, um das Silber wegzuschließen, als er die Glocke Sturm läuten hörte. Einen Schuß hatte er nicht gehört, aber das war auch kaum möglich, denn Wäsche- und Geschirrkammer sowie die Küchenräume befanden sich im hinteren Teil des Hauses, und ein langer Gang und mehrere geschlossene Türen lagen zwischen dem Küchentrakt und dem vorderen Teil des Hauses.

Die Haushälterin war auf Grund des stürmischen Klingeins ebenfalls aus ihrem Zimmer herausgekommen, und sie waren gemeinsam nach vorne gegangen.

Als sie den Treppenaufgang erreicht hatten, kam auch Mrs. Douglas gerade die Treppe herunter. Nein, sie war nicht in Eile, und es sah auch nicht so aus, als sei sie besonders aufgeregt gewesen. Gerade als sie die unterste Stufe der Treppe erreicht hatte, kam Mr. Barker aus dem Arbeitszimmer herausgestürzt. Er hielt Mrs. Douglas auf und bat sie, wieder hinaufzugehen.

»Um Gottes willen, gehen Sie zurück auf Ihr Zimmer!« rief er. »Der arme Jack ist tot! Sie können nichts tun. Um Gottes willen, gehen Sie wieder hinauf!«

Nach einigem Zureden kehrte Mrs. Douglas auf der Treppe um. Sie hatte weder geschluchzt noch geweint. Kein Aufschrei kam von ihren Lippen. Mrs. Allen, die Haushälterin, brachte sie die Treppe hinauf und blieb bei ihr im Schlafzimmer. Ames war dann mit Mr. Barker in das Arbeitszimmer gegangen, wo sie alles genauso vorfanden, wie es später die Polizei gesehen hatte.Die Kerze war aus, aber die Lampe brannte. Sie hatten aus dem Fenster geblickt, aber es war stockdunkle Nacht und nichts zu sehen oder zu hören. Dann waren sie hinaus in die Halle geeilt, wo Ames die Winde drehte, die die Zugbrücke hinunterläßt. Mr. Barker war dann losgelaufen, um die Polizei zu benachrichtigen.

Das war im wesentlichen die Aussage des Butlers. Die Aussage der Haushälterin, Mrs. Allen, war eine Bestätigung dessen, was ihr Kollege bereits gesagt hatte. Ihr Zimmer war dem Vorderteil des Hauses ein gutes Stück näher als die Geschirrkammer, in der Ames noch zu tun hatte. Sie wollte gerade zu Bett gehen, als das laute Läuten der Glocke ihre Aufmerksamkeit erregte. Sie war etwas schwerhörig.

Vielleicht hatte sie deshalb den Schuß nicht gehört. Außerdem war das Arbeitszimmer auch ziemlich weit entfernt. Sie erinnerte sich, ein Geräusch gehört zu haben, und sie glaubte, es sei das Zuschlagen einer Tür gewesen. Das war aber viel früher, wenigstens eine halbe Stunde vor dem Läuten der Glocke. Als Mr.

Ames zu den vorderen Räumen eilte, schloß sie sich ihm an. Sie sah Mr. Barker sehr bleich und aufgeregt aus dem Arbeitszimmer kommen. Er hielt Mrs. Douglas auf, die gerade die Treppe herunterkam. Er bat sie inständig, zurück auf ihr Zimmer zu gehen, und sie antwortete ihm auch, aber was sie sagte, war nicht zu verstehen.

»Bringen Sie sie hinauf! Bleiben Sie bei ihr!« hatte er zu Mrs. Allen gesagt.

Sie hatte sie deshalb in ihr Schlafzimmer gebracht und versucht, sie zu beruhigen. Sie war sehr aufgeregt und zitterte am ganzen Leibe, aber machte keinen neuen Versuch, nach unten zu gehen. Sie saß in ihrem Morgenmantel am Feuer und hatte das Gesicht in den Händen vergraben. Mrs. Allen blieb den größten Teil der Nacht bei ihr. Vom Rest der Dienerschaft konnte sie sagen, daß sie alle zu Bett gegangen waren und erst das Kommen der Polizei sie aufgescheucht hatte. Sie schliefen alle am äußersten Ende des Hauses und konnten unmöglich etwas gehört haben.

Soweit die Haushälterin, die auch beim Kreuzverhör dem nichts hinzufügen konnte, außer Ausdrücke des Klagens, Staunens und Nichtverstehens.

Nach Mrs. Allen wurde Cecil Barker als nächster Zeuge vernommen. Was die Ereignisse der letzten Nacht betraf, hatte er dem, was er bereits der Polizei gesagt hatte, wenig mehr hinzuzufügen. Persönlich war er überzeugt, daß der Mörder durch das Fenster entkommen war. Der Blutfleck war seiner Meinung nach ein direktes Indiz dafür. Außerdem war ja die Brücke hochgezogen, und einen anderen Fluchtweg gab es nicht. Er konnte sich auch nicht erklären, was aus dem Mörder geworden war oder weshalb er sein Fahrrad nicht mitgenommen hatte, falls es wirklich das seine war. Er konnte unmöglich im Burggraben ertrunken sein, denn an keiner Stelle war das Wasser tiefer als ein Meter.

Er hatte sich eine ganz bestimmte Theorie über den Mord gebildet. Douglas war ein zurückhaltender Mann, und es gab Kapitel in seinem Leben, über die er niemals sprach. Als sehr junger Mann war er von Irland nach Amerika ausgewandert. Er war recht wohlhabend geworden, und Barker hatte ihn zuerst in Kalifornien getroffen. Dort waren sie Partner geworden und betrieben recht erfolgreich eine Mine an einem Ort, der sich Benito Canon nannte. Alles lief sehr gut, bis Douglas plötzlich seinen Anteil verkaufte und sich auf den Weg nach England machte. Damals war er Witwer. Barker hatte später seinen Anteil ebenfalls zu Geld gemacht, um sich in London niederzulassen. So waren sie wieder dicht beieinander und erneuerten ihre Freundschaft.

Douglas habe immer auf ihn den Eindruck gemacht, als fühle er sich bedroht, und er, Barker habe schon einen gewissen Zusammenhang gesehen zwischen seiner plötzlichen Abreise aus Kalifornien, dem Sichniederlassen an einem so stillen Ort in England und dieser Gefahr. Er sei zu der Annahme gelangt, daß irgendeine Geheimgesellschaft, eine unerbittliche Organisation, Douglas auf den Fersen war und nicht eher Ruhe gab, bis sie ihn umgebracht hatte. Douglas selbst habe ihn durch ein paar Bemerkungen auf diesen Gedanken gebracht, obwohl er ihm natürlich nicht verraten habe, um was für eine Gesellschaft es sichhandelte und warum er in Ungnade gefallen sei. Barker konnte deshalb auch nur annehmen, daß die Inschrift auf der Karte mit dieser Geheimgesellschaft zusammenhing.

»Wie lange waren Sie mit Douglas in Kalifornien zusammen?« fragte Inspektor MacDonald.

»Fünf Jahre.«

»Er war Junggeselle, sagten Sie?«

»Witwer.«

»Haben Sie je gehört, woher seine erste Frau stammte?«

»Nein, ich erinnere mich nur, daß er sagte, sie sei deutscher Herkunft gewesen. Und ich habe ihr Bild gesehen. Sie war eine sehr schöne Frau. Sie starb an Typhus, ein Jahr bevor ich ihm begegnet bin.«

»Können Sie seine Vergangenheit mit einem bestimmten Ort in Amerika in Verbindung bringen?«

»Ich habe ihn von Chicago reden hören. Er kannte diese Stadt gut und hat dort auch gearbeitet. Auch von den Kohlen- und Eisendistrikten hat er gesprochen. Er muß seinerzeit ziemlich viel herumgekommen sein.«

»Hat er sich für Politik interessiert? Hatte diese Geheimgesellschaft vielleicht etwas mit Politik zu tun?«

»Nein, Politik interessierte ihn überhaupt nicht.«

»Sie haben keinen Grund anzunehmen, daß es eine kriminelle Vereinigung war?«

»Im Gegenteil, ich habe nie im Leben einen gradlinigeren Menschen getroffen.«

»War irgend etwas auffällig an seiner Lebensweise in Kalifornien?«

»Am liebsten lebte und arbeitete er auf unserer Mine in den Bergen. Er mied die Gesellschaft anderer Menschen, so gut er konnte. Darum habe ich auch von Anfang an geglaubt, daß jemand hinter ihm her war. Als er dann so plötzlich aufbrach und nach Europa ging, hatte ich verläßlichen Grund zu dieser Annahme. Er muß eine Warnung erhalten haben. Etwa eine Woche nach seiner Abreise kam nämlich ein halbes Dutzend Männer und fragte nach ihm.«

»Was waren das für Männer?«

»Nun, es war ein ziemlich hartgesottener Haufen. Sie kamen herauf zur Mine und wollten wissen, wo er war. Ich sagte ihnen, er sei nach Europa gegangen und ich hätte keine Ahnung, wo er zu finden sei. Sie hatten nichts Gutes im Sinn, das war deutlich zu merken.«

»Waren diese Männer Amerikaner? Aus Kalifornien?«

»Na, ich weiß nicht, ob sie aus Kalifornien waren, aber Amerikaner waren es bestimmt. Goldgräber waren es nicht. Ich weiß nicht, was sie waren, ich war jedenfalls herzlich froh, als sie endlich wieder verschwanden.«

»Das war vor sechs Jahren?«

»Eher sieben.«

»Und Sie waren fünf Jahre zusammen in Kalifornien, so daß diese Geschichte mindestens elf Jahre zurückliegt?«

»Das ist richtig.«

»Das muß aber eine sehr bittere Fehde sein, die mit einem solchen Ernst über einen so langen Zeitraum fortgeführt wird. Der Anlaß kann keine Kleinigkeit gewesen sein!«

»Ich glaube, das hat sein ganzes Leben überschattet. Es ging ihm nie ganz aus dem Sinn.«

»Aber wenn ein Mensch sich in Gefahr weiß und noch dazu weiß, was ihn bedroht, glauben Sie nicht, daß er sich um Schutz an die Polizei wendet?«

»Vielleicht war da eine Gefahr, vor der ihn niemand schützen konnte. Da ist noch etwas, das Sie wissen sollten: Er war immer bewaffnet. Den Revolver hatte er ständig in der Tasche. Aber gestern abend, wie das Pech es wollte, war er im Morgenmantel und hatte die Waffe im Schlafzimmer gelassen. Er fühlte sich wohl sicher, nehme ich an, sobald die Brücke hochgezogen war.«

»Ich hätte gern diese Daten noch etwas genauer«, sagte MacDonald. »Es ist beinah sieben Jahre her, daß Douglas Kalifornien verlassen hat. Sie folgten ihm das Jahr darauf, ja?«

»So ist es.«

»Und er war etwa fünf Jahre verheiratet. Sie müssen etwa zum Zeitpunkt seiner Heirat zurückgekehrt sein.«

»Kurz vorher. Ich war sein Brautführer und Trauzeuge.«»Haben Sie Mrs. Douglas vor ihrer Hochzeit gekannt?«

»Nein, das habe ich nicht. Ich war zehn Jahre nicht mehr in England gewesen.«

»Aber seither haben Sie sie ziemlich häufig gesehen?«

Barker sah den Detektiv streng und durchdringend an.

»Ich habe ihn seither häufig gesehen«, antwortete er. »Wenn ich sie gesehen habe, dann geschah das darum, weil man einen Mann nicht besuchen kann, ohne seine Frau zu sehen. Wenn Sie sich etwa einbilden, daß das eine Beziehung...«

»Ich bilde mir gar nichts ein, Mr.Barker. Ich bin genötigt, Ermittlungen anzustellen, die mit dem Fall zu tun haben. Aber beleidigen will ich niemanden.«

»Manche Ermittlungen sind beleidigend«, antwortete Barker ärgerlich.

»Wir sind nur an Tatsachen interessiert. Es ist in Ihrem und in aller Interesse, daß sie aufgeklärt werden.

War Mr. Douglas ganz und gar einverstanden mit Ihrer Freundschaft zu seiner Frau ?«

Barker wurde blasser. Seine großen, starken Hände ballten sich krampfhaft. »Sie haben kein Recht, solche Fragen zu stellen!« rief er.

»Ich muß meine Frage wiederholen.«

»Nun, dann verweigere ich die Antwort.«

»Sie können die Antwort verweigern, aber Sie müssen sich darüber im klaren sein, daß Ihre Verweigerung schon eine Antwort ist, denn Sie würden die Antwort nicht verweigern, wenn Sie nichts zu verbergen hätten.«

Barker stand einen Augenblick mit zornigem Gesicht da. Die schwarzen Brauen waren in scharfem Nachdenken zusammengezogen. Dann sah er auf und lächelte.

»Na ja, meine Herren, ich nehme an, daß Sie hier schließlich nichts weiter als Ihre Pflicht tun, und ich habe nicht das Recht, Ihnen dabei im Wege zu stehen. Ich möchte Sie nur bitten, Mrs. Douglas nicht mit solchen Fragen zu quälen, denn sie hat jetzt gerade genug zu verkraften. Ich muß Ihnen erzählen, daß der arme Douglas nur einen Fehler hatte, und das war seine Eifersucht. Er hat mich sehr gern gehabt—uns verband eine echte Freundschaft. Und er liebte seine Frau. Er hatte es gern, wenn ich hier war, und lud mich immer wieder ein. Und doch, wenn seine Frau und ich miteinander sprachen, wenn nur ein bißchen Freundlichkeit und Sympathie zwischen uns herrschte, konnte ihn plötzlich die Eifersucht packen. Von einem Augenblick zum anderen drehte er durch und sagte die wildesten Dinge. Mehr als einmal habe ich mir geschworen, aus diesem Grunde nicht wiederzukommen. Aber er konnte dann solche reuevollen, bittenden Briefe schreiben, daß ich einfach wiederkommen mußte. Doch Sie dürfen es mir auf Ehre und Gewissen glauben, meine Herren, daß kein Mann je eine liebevollere und treuere Frau haben konnte und, wenn ich das noch sagen darf, auch keinen treueren Freund als mich!«

Er hatte das mit viel Gefühl und Leidenschaft ausgesprochen, und doch konnte Inspektor MacDonald das Thema noch nicht ganz fallenlassen.

»Ist Ihnen bekannt«, fragte er, »daß man dem Toten den Ehering vom Finger gezogen hat?«

»Es sieht so aus«, sagte Barker.

»Was wollen Sie mit >sieht so aus< sagen? Sie wissen, daß das Tatsache ist.«

Der Mann schien verwirrt und unentschlossen. »Wenn ich sagte >sieht so aus<, meinte ich damit, daß er sich den Ring auch selbst abgezogen haben kann.«

»Die einfache Tatsache, daß der Ring fehlt - wer auch immer ihn abgezogen hat—, muß doch jedermann auf den Gedanken bringen, daß die Ehe und die Tragödie miteinander zu tun haben. «

Barker zuckte die breiten Schultern. »Ich kann nicht behaupten, daß ich wüßte, was es bedeutet«, antwortete er. »Aber wenn Sie damit andeuten wollen, daß es einen Schatten auf die Ehre der Dame wirft...« — seine Augen blitzten einen Moment lang auf, dann bekam er seine Gefühle wieder in den Griff und sagte ruhiger: »... nun, dann sind Sie auf dem Holzweg!«

»Ich hätte keine weiteren Fragen im Moment«, sagte MacDonald kühl.

»Da ist noch eine Kleinigkeit«, bemerkte Sherlock Holmes.»Als Sie das Zimmer betraten, brannte doch nur die Kerze auf dem Tisch, nicht wahr?«

»Ja, das stimmt.«

»Bei diesem Licht haben Sie gesehen, daß etwas Furchtbares geschehen ist?«

»Richtig.«

»Sie haben sofort geklingelt, um Hilfe herbeizuholen?«

»Ja.«

»Und es kam auch rasch jemand?«

»Innerhalb einer Minute etwa.«

»Und doch war die Kerze aus und die Lampe angezündet, als die anderen kamen. Das scheint mir recht bemerkenswert.«

Wieder zögerte Barker ein wenig mit der Antwort. »Ich wüßte nicht, was daran bemerkenswert sein soll, Mr. Holmes«, antwortete er nach einer Pause. »Die Kerze gab nur ein schwaches Licht. Mein erster Gedanke war, für besseres Licht zu sorgen. Die Lampe stand auf dem Tisch, und so zündete ich sie an.«

»Und Sie bliesen die Kerze aus?«

»Ja.«

Holmes hatte keine weiteren Fragen mehr. Barker verließ das Zimmer, nachdem er jeden von uns, wie mir schien, mit ziemlich herausforderndem Blick angesehen hatte.

Inspektor MacDonald hatte Mrs. Douglas ausrichten lassen, er werde sie in ihrem Zimmer aufsuchen, aber sie hatte geantwortet, sie wolle im Eßzimmer mit uns sprechen. Sie trat ein, eine große, schöne Frau von etwa dreißig Jahren, bemerkenswert zurückhaltend und selbstbeherrscht, ganz anders als die tragische, verzweifelte Gestalt, die ich mir vorgestellt hatte. Es ist wahr, ihr Gesicht war müde und blaß wie bei jedem Menschen, der einen großen Schock erlitten hat, aber sie wirkte gelassen, und ihre schön geformte Hand, die auf der Tischkante ruhte, zitterte so wenig wie meine eigene. Am meisten beeindruckten mich aber ihre traurigen Augen, die mit einem seltsam fragenden Ausdruck von einem zum ändern wanderten.

»Haben Sie etwas herausgefunden?« fragte sie.

Bildete ich es mir nur ein oder schwang da wirklich eher ein Unterton von Angst als von Hoffnung in der Frage?

»Wir haben alle notwendigen Schritte unternommen, Mrs. Douglas«, sagte der Inspektor. »Sie dürfen ganz beruhigt sein.«

»Scheuen Sie keine Kosten«, sagte sie mit gleichmäßig tonloser Stimme. »Es ist mein innigster Wunsch, daß alles nur Menschenmögliche getan wird und nichts unversucht bleibt.«

»Vielleicht können Sie uns etwas sagen, das Licht in die Sache bringt.«

»Ich fürchte nein, aber ich stehe Ihnen natürlich mit allem, was ich weiß, zur Verfügung.«

»Wir haben von Mr. Cecil Barker gehört, daß Sie nicht gesehen haben... daß Sie nicht in dem Zimmer waren, wo sich die Tragödie abgespielt hat.«

»Nein, er hielt mich an der Treppe auf und bat mich, umzukehren und zurück auf mein Zimmer zu gehen.«

»Ja, ganz recht. Sie hatten den Schuß gehört und waren daraufhin sofort hinuntergegangen.«

»Ich habe nur noch meinen Morgenmantel übergezogen und bin dann hinuntergegangen.«

»Wieviel Zeit verging zwischen dem Augenblick, als Sie den Schuß hörten, und dem Moment, als Sie von Mr. Barker an der Treppe aufgehalten wurden?«

»Das können ein paar Minuten gewesen sein. Es ist so schwer, in solchen Augenblicken auf die Zeit zu achten. Er bat mich sehr dringend, nicht weiterzugehen. Er versicherte mir, daß ich nichts tun könne.

Dann hat mich Mrs. Allen, die Haushälterin, wieder hinaufgebracht. Es war alles wie ein schrecklicher Traum.«

»Können Sie uns ungefähr sagen, wie lange Ihr Mann unten gewesen war, bis der Schuß fiel?«

»Nein, das kann ich nicht sagen. Er ging nämlich von seinem Ankleideraum aus hinunter, und ich habe ihn nicht fortgehen hören. Er machte jeden Abend die Runde durch das Haus, denn er war immer etwas besorgt, daß Feuer ausbrechen könnte. Feuer ist auch das einzige, was er meines Wissens fürchtete. Sonst war er überhaupt nicht ängstlich.«

»Das ist gerade der Punkt, zu dem ich kommen wollte, Mrs. Douglas. Sie haben Ihren Mann in England kennengelernt, nicht wahr?«»Ja, wir sind jetzt fünf Jahre verheiratet.«

»Hat er jemals davon gesprochen, daß in Amerika Dinge geschehen sind, die ihn hier in Gefahr bringen konnten?«

Mrs. Douglas dachte ernsthaft nach, bevor sie antwortete: »Ja«, sagte sie schließlich, »ich habe immer gefühlt, daß er in Gefahr war. Er wollte nicht darüber sprechen. Nicht weil er kein Vertrauen zu mir hatte — zwischen uns herrschte vollkommene Liebe und schönstes Vertrauen—, aber er wollte jede Beunruhigung von mir fernhalten. Er fürchtete, ich würde mir Sorgen machen, wenn ich es wüßte, und so schwieg er.«

»Wie konnten Sie dann überhaupt davon wissen?«

Mrs. Douglas' Gesicht leuchtete in einem kurzen Lächeln auf. »Kann ein Mann ständig ein Geheimnis mit sich herumtragen, ohne daß eine Frau es merkt? Ich habe es durch viele Kleinigkeiten erfahren. Er wollte über einige Episoden seines Lebens in Amerika nicht sprechen. Dann merkte ich es an der Vorsicht, die er ständig walten ließ. Ich merkte es durch gewisse Andeutungen, die er ab und zu fallenließ. Ich merkte es an der Art, wie er unerwartete Fremde ansah. Ich war ganz sicher, daß er machtvolle Feinde hatte und glaubte, daß sie ihm auf den Fersen seien, so daß er ständig vor ihnen auf der Hut sein mußte. Ich war mir jahrelang dessen so bewußt, daß ich ständig in Panik geriet, wenn er später als erwartet nach Hause kam.«

»Darf ich fragen«, sagte Holmes, »was das für Andeutungen waren, die Sie aufmerksam machten?«

»>Das Tal der Furcht<«, antwortete die Dame. »Das war ein Ausdruck, den er benutzte, wenn ich in ihn drang. >Ich bin im Tal der Furcht gewesen. Ich bin auch jetzt noch nicht heraus.< «

»>Kommen wir denn nie aus dem Tal der Furcht heraus?«« habe ich ihn gefragt, wenn er ernster als gewöhnlich schien. >Manch-mal glaube ich nicht mehr daran, daß wir es noch einmal schaffen<, hat er dann geantwortet.«

»Sie haben ihn doch sicher gefragt, was er mit dem >Tal der Furcht< meinte?«

»Das habe ich getan, aber sein Gesicht wurde jedesmal sehr ernst, und er hat den Kopf geschüttelt. >Es ist schlimm genug, daß einer von uns in seinem Schatten gewesen ist<, sagte er. >Gebe Gott, daß sein Schatten nie auf dich fällt!< Er hat von einem wirklichen Tal gesprochen, in dem er gelebt hat und wo ihm Furchtbares widerfahren ist, dessen bin ich ganz sicher. Aber mehr kann ich Ihnen nicht sagen.«

»Und er hat nie Namen genannt?«

»Doch. Vor drei Jahren hatte er einen Jagdunfall und redete im Fieber. Ich erinnere mich, daß es ein bestimmter Name war, der beständig über seine Lippen kam. Mit Zorn und Schrecken sprach er ihn aus.

McGinty war der Name. Meister vom Stuhl McGinty. Ich habe ihn gefragt, als es ihm wieder besser ging, wer dieser Meister vom Stuhl McGinty sei und wessen Meister er wäre. >Niemals mein Meister!< antwortete er und lachte. Und mehr konnte ich aus ihm nicht herausbekommen. Aber da muß ein Zusammenhang sein zwischen dem Meister vom Stuhl McGinty und dem Tal der Furcht.«

»Da ist noch ein anderer Punkt«, sagte Inspektor MacDonald. »Sie lernten Mr. Douglas in einer Pension in London kennen und verlobten sich dort mit ihm, nicht wahr? War an der Hochzeit irgend etwas Besonderes? Gab es großen Aufwand oder Heimlichkeit oder irgend etwas Mysteriöses?«

»Es gab Aufwand, und es war märchenhaft romantisch. So ist es doch immer, wenn man heiratet. Aber da war gar nichts Mysteriöses.«

»Hatte er einen Rivalen?«

»Nein, ich war ganz frei.«

»Sie haben sicher gehört, daß man ihm seinen Ehering weggenommen hat. Bringt Sie das auf einen Gedanken? Nehmen wir einmal an, daß ein Feind aus seinem alten Leben ihn hier aufspürte und das Verbrechen begangen hat. Was für einen Grund konnte er haben, ihm den Ehering wegzunehmen?«

Ich hätte schwören können, daß einen Augenblick lang die winzige Andeutung eines Lächelns über das Gesicht der Frau huschte.

»Das kann ich wirklich nicht sagen«, antwortete sie. »Das ist wirklich seltsam.«

»Gut, wir wollen Sie jetzt nicht länger aufhalten. Es tut uns leid, daß wir so lange Ihre Zeit in Anspruch nehmen mußten«,sagte der Inspektor. »Es wird sicher noch ein paar Fragen geben, aber wir können uns ja zu gegebener Zeit an Sie wenden.«

Sie erhob sich, und wieder nahm ich den raschen, fragenden Blick wahr, mit dem sie uns musterte, als wollte sie sagen: >Was für einen Eindruck hat meine Aussage auf euch gemacht?< Man konnte diese Frage geradezu hören. Dann rauschte sie mit einer leichten Verbeugung aus dem Zimmer.

»Sie ist eine sehr schöne Frau — eine sehr schöne Frau«, sagte MacDonald gedankenvoll, als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte. »Dieser Barker ist bestimmt ziemlich oft hier gewesen. Er ist ein Mann, den Frauen attraktiv finden. Er gibt zu, daß der Tote eifersüchtig war, und selber wußte er möglicherweise gut genug den Grund zu seiner Eifersucht. Und dann der Ehering. Man kann das nicht übersehen. Ein Mensch, der einen Ehering vom Finger eines Toten zieht — was sagen Sie dazu, Mr. Holmes?«

Mein Freund hatte den Kopf in die Hände gestützt und saß tief in Gedanken versunken da. Er stand auf und klingelte.

»Ames«, sagte er, als der Butler eintrat, »wo ist Mr. Cecil Barker jetzt?« »Ich werde nachsehen, Sir.«

Er kam einen Augenblick später zurück und sagte, Mr. Barker sei im Garten.

»Ames, können Sie sich daran erinnern, was Mr. Barker an den Füßen trug, als Sie letzte Nacht zusammen in das Arbeitszimmer gingen?«

»Ja, Mr. Holmes, ein paar leichte Hauspantoffeln. Ich habe ihm seine Stiefel gebracht, bevor er zur Polizei ging.« »Wo sind die Pantoffeln jetzt?«

»Sie befinden sich immer noch unter dem Stuhl in der Halle.« »Sehr gut, Ames. Es ist natürlich sehr wichtig für uns herauszufinden, welche Spuren von Mr. Barkers Schuhen stammen und welche von außen kommen.«

»Ja, Sir. Ich darf noch hinzufügen, daß die Pantoffeln mit Blut beschmiert sind, so wie meine eigenen auch.«

»Das ist ganz natürlich, wenn man bedenkt, in welchem Zustand sich das Zimmer befand. Sehr gut, Ames. Wir klingeln, wenn wir Sie brauchen.«

Ein paar Minuten später waren wir wieder im Arbeitszimmer. Wie Ames schon gesagt hatte, waren beide Sohlen dunkel von Blut.

»Seltsam!« murmelte Holmes, als er im Licht des Fensters stand und sie eingehend betrachtete. »Wirklich seltsam!«

Mit einer schnellen, katzengleichen Bewegung beugte er sich nieder und plazierte den Pantoffel auf den blutigen Abdruck auf der Fensterbank. Er paßte genau hinein. Schweigend lächelte er seinen Kollegen zu.

Vor Erregung verfiel der Inspektor wieder in den unverfälschten, harten Akzent seiner Heimat.

»Mann!« schrie er. »Da gibt es überhaupt keinen Zweifel! Barker hat den Abdruck auf dem Fensterbrett selbst fabriziert. Er ist ein gutes Stück breiter als jeder Stiefelabdruck. Sie sagten doch, es handele sich um einen Spreizfuß, und hier ist die Erklärung. Aber was soll der Trick, Mr. Holmes — was soll der Trick?«

»Ja, was soll der Trick?« wiederholte mein Freund gedankenvoll.

White Mason lachte in sich hinein und rieb sich zufrieden die Hände.

»Ich hab's ja gesagt, es ist ein dicker Hund!« rief er. »Und genau das ist es auch!«