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Das Tal der Furcht.  Arthur Conan Doyle
Kapitel 2. Sherlock Holmes hält eine Vorlesung
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Dies war einer der dramatischen Augenblicke, für die mein Freund lebte. Es wäre eine Übertreibung zu behaupten, daß er nach dieser Mitteilung erschüttert oder auch bloß erregt gewesen sei. Man fand bei ihm gewiß nicht die geringste Neigung zur Grausamkeit, aber er war so an Aufregungen gewöhnt, daß er gewissermaßen abgehärtet war und ihn nichts mehr erschüttern konnte. Trotzdem war seine Aufnahmebereitschaft außergewöhnlich groß, auch wenn sich seine Gefühle nicht regten. Doch von dem Schaudern, das mich bei dieser knappen Erklärung erfaßt hatte, war da keine Spur. Sein Gesicht zeigte vielmehr die ruhig interessierte, gelassene Miene eines Chemikers, der zusieht, wie sich ein Kristall in einer übersättigten Lösung formt.

»Erstaunlich«, sagte er, »wirklich erstaunlich!«

»Sie sehen nicht sehr überrascht aus!«

»Interessiert, Mr. Mac, aber kaum überrascht. Warum sollte ich überrascht sein? Ich erhalte eine anonyme Nachricht von einer Stelle, die nach meinem Wissen nicht unterschätzt werden darf. Man warnt mich, daß einer gewissen Person Gefahr droht. Eine Stunde später erfahre ich, daß diese gefährliche Situation tatsächlich eingetreten und die Person tot ist. Ich bin interessiert, aber das überrascht mich nicht, wie Sie sehen.«

Mit wenigen Worten teilte er dem Inspektor alles Wissenswerte über den Brief und seine Entschlüsselung mit. MacDonald saß da, das Kinn in die Hände gestützt, und seine gewaltigen sandfarbenen Augenbrauen zogen sich zu einem gelben Buschwerk zusammen.

»Ich wollte heute nach Birlstone fahren«, sagte er. »Ich war gekommen, Sie zu fragen, ob Sie Lust haben mitzukommen - Sie und Ihr Freund natürlich. Aber aus allem, was Sie sagen, entnehme ich, daß wir jetzt in London vielleicht mehr erreichen können.«

»Das glaube ich nicht«, sagte Holmes.

»Zum Kuckuck, Mr. Holmes!« rief der Inspektor. »Morgen oder übermorgen werden die Zeitungen voll sein vom Rätsel des Birlstone-Mordes. Aber wo ist da ein Rätsel, wenn es in London einen Mann gibt, der das Verbrechen voraussagt, bevor es noch geschehen ist? Wir brauchen uns nur diesen Mann zu greifen, und alles andere ergibt sich.«

»Zweifellos, Mr. Mac. Aber wie wollen Sie diesen sogenannten Porlock zu fassen kriegen? Haben Sie eine Idee?«

MacDonald drehte den Brief um, den Holmes ihm gegeben hatte. »In Camberwell aufgegeben — das nützt uns nicht viel. Der Name, sagen Sie, ist angenommen. Da haben wir wirklich nichtviel Anhaltspunkte. Sagten Sie nicht, Sie hätten ihm Geld geschickt?«

»Zweimal.«

»Und wie?«

»Geldscheine in einem Briefkuvert nach Camberwell, postlagernd. «

»Hat es Sie nie interessiert, wer der Empfänger Ihres Geldes war?«

»Nein.«

Der Inspektor sah überrascht und auch ein bißchen schockiert aus. »Warum nicht?«

»Weil ich immer halte, was ich verspreche. Ich hatte ihm versprochen, als er mir zum erstenmal schrieb, daß ich nicht versuchen würde, ihn aufzuspüren.«

»Und Sie glauben, da steckt jemand hinter den Kulissen?«

»Ich weiß, daß da jemand hinter den Kulissen steckt.«

»Dieser Professor, den Sie erwähnt haben?«

»Ganz recht.«

Inspektor MacDonald lächelte, und seine Augenlider zuckten leicht, als er mir einen Blick zuwarf. »Ich will Ihnen nicht verhehlen, Mr. Holmes, daß wir in der C.I.D. der Meinung sind, daß dieser Professor für Sie eine fixe Idee ist. Ich habe selbst Nachforschungen angestellt. Er scheint ein recht ehrenwerter Mann zu sein, und dazu ein begabter Wissenschaftler.«

»Es freut mich, daß Sie seine Begabung erkannt haben.«

»O Mann, das kann man doch gar nicht übersehen. Nachdem ich gehört hatte, was Sie von ihm denken, kümmerte ich mich um die Sache und suchte ihn auf. Ich habe mich mit ihm über Mond- und Sonnenfinsternis unterhalten. Wie das Gespräch gerade darauf gekommen ist, kann ich nicht mehr sagen.

Jedenfalls holte er eine Lampe und den Globus und machte mir innerhalb von Minuten alles klar. Er hat mir auch ein Buch geliehen, aber ich will gern zugeben, daß es meine Kapazität etwas übersteigt, obgleich ich in Aberdeen eigentlich eine gute Schulbildung genossen habe. Mit seinem schmalen Gesicht, den grauen Haaren und seiner feierlichen Redeweise hätte er einen großartigen Pfarrer abgegeben. Als er mir beim Abschied die Hand auf die Schulter legte, war das wie der Segen eines Vaters, ehe man in die kalte, grausame Welt hinaus muß.«

Holmes lachte in sich hinein und rieb sich die Hände. »Großartig!« rief er. »Einfach großartig! Sagen Sie mir, lieber Freund MacDonald, hat diese rührende Begegnung im Arbeitszimmer des Professors stattgefunden?«

»Ganz recht.«

»Ein schönes Zimmer, nicht wahr?«

»Sehr schön - wirklich geschmackvoll, Mr. Holmes.«

»Sie saßen vor seinem Schreibtisch?«

»Genauso war's.«

»Die Sonne schien Ihnen ins Gesicht, während sein Gesicht im Schatten lag.«

»Nun, es war Abend, aber die Lampe schien mir etwas unangenehm ins Gesicht.«

»Das hab' ich mir gedacht. Haben Sie über dem Kopf des Professors das Bild bemerkt?«

»Mir entgeht selten etwas, Mr. Holmes. Vielleicht habe ich das von Ihnen gelernt. Ja, ich habe es gesehen: Eine junge Frau, die den Kopf auf die Hände stützt und einen verstohlen von der Seite anblickt.«

»Es ist ein Gemälde von Jean Baptiste Greuze.«

Der Inspektor tat so, als ob das Eindruck auf ihn machte.

»Jean Baptiste Greuze«, fuhr Holmes fort, preßte die Fingerspitzen gegeneinander und lehnte sich gemütlich in seinem Sessel zurück, »war ein französischer Künstler, dessen Blütezeit zwischen 1760 und 1800 lag. Ich meine damit natürlich seine Schaffenszeit, in der seine Werke entstanden sind. Die moderne Kritik hat die hohe Meinung, die seine Zeitgenossen von ihm hatten, mehr als bestätigt.«

Die Augen des Inspektors verrieten Ungeduld. »Sollten wir nicht lieber...«, sagte er.

»Das tun wir ja auch!« unterbrach ihn Holmes. »Alles, was ich sage, hat eine direkte und wichtige Beziehung zu dem, was Sie das Birlstone-Rätsel nennen. In gewissem Sinn geht es sogar um den Kern des Geheimnisses.«

MacDonald zeigte ein schwaches Lächeln und sah mich hilfe-suchend an. »Ihre Gedanken gehen ein bißchen zu rasch für mich, Mr. Holmes. Sie haben ein oder zwei Glieder in der Kette ausgelassen, und ich kann im Moment den Graben nicht überspringen. Was um alles in der Welt hat ein toter Maler mit der Birlstone-Affäre zu tun?«

»Alles Wissen kann einem Detektiv nützlich sein«, bemerkte Holmes, »sogar die banale Tatsache, daß im Januar 1865 ein Bild von Greuze, genannt >La Jeune Fille ä l'Agneau<, einen Preis von einer Million zweihunderttausend französischer Franken erbracht hat — das sind mehr als vierzigtausend Pfund. Das war auf der Portalis-Auktion. Vielleicht sagt Ihnen das etwas.«

Es war klar, daß dies ihm schon etwas sagte. Jetzt sah der Inspektor ehrlich interessiert aus.

»Ich darf Sie daran erinnern«, fuhr Holmes fort, »daß man das Gehalt eines Professors aus mehreren zuverlässigen Nachschlagewerken feststellen kann. Es beläuft sich auf siebenhundert Pfund im Jahr.«

»Aber wie konnte er dann so ein Bild...» »Eben. Wie konnte er...«

»Das ist ja wirklich bemerkenswert«, sagte der Inspektor gedankenvoll. »Reden Sie weiter, Mr. Holmes.

Ich höre Ihnen gerne zu. Das ist ja hochinteressant!«

Holmes lächelte. Ehrliche Bewunderung tat ihm immer gut — wie jedem echten Künstler.

»Und was ist mit Birlstone?« fragte er.

»Wir haben noch Zeit«, sagte der Inspektor und schaute auf seine Uhr. »Ich habe eine Droschke vor der Tür, und wir brauchen keine zwanzig Minuten zum Victoria-Bahnhof. Aber um noch einmal auf das Bild zurückzukommen: Ich glaube, Sie erzählten mir einmal, Mr. Holmes, Sie hätten Professor Moriarty noch nie gesehen.«

»Habe ich auch nicht.«

»Aber woher wissen Sie dann in seinem Arbeitszimmer so gut Bescheid?«

»Oh, das ist etwas anderes. Ich bin dreimal in diesem Zimmer gewesen. Zweimal habe ich unter falschem Vorwand auf ihn gewartet und das Haus wieder verlassen, bevor er kam. Und einmal — na ja, das kann ich einem Kriminalbeamten kaum erzählen. Als ich das letzte Mal bei ihm war, nahm ich mir die Freiheit heraus, ein wenig in seinen Papieren zu stöbern - mit einem recht unerwarteten Ergebnis übrigens.«

»Sie fanden etwas Kompromittierendes?«

»Absolut nichts. Das war es gerade, was mich so wunderte. Doch Sie verstehen jetzt, warum ich Sie auf das Bild hinweise. Es zeigt, daß er ein sehr wohlhabender Mann ist. Wie kam er zu diesen irdischen Gütern? Er ist unverheiratet. Sein jüngerer Bruder ist Stationsvorsteher im Westen Englands. Sein Lehrstuhl bringt ihm siebenhundert im Jahr. Aber er besitzt einen Greuze.«

»Und?«

»Nun, die Schlußfolgerung ist doch klar.«

»Sie meinen, daß er ein großes Einkommen hat und daß er auf illegale Weise dazu kommt?«

»Bestimmt. Natürlich habe ich noch andere Gründe, das anzunehmen. Dutzende von feinen Fäden führen, wenn auch kaum sichtbar, zum Inneren des Netzes, wo die giftige Spinne regungslos lauert. Ich habe den Greuze nur erwähnt, weil der die Sache mehr in den Blickwinkel Ihrer eigenen Beobachtungen bringt.«

»Also, Mr. Holmes, ich gestehe, was Sie da sagen, ist wirklich interessant. Es ist mehr als interessant — es ist einzigartig. Aber können Sie es mir bitte noch ein bißchen deutlicher machen. Handelt es sich um Fälschung, Falschmünzerei oder Einbrüche? Woher kommt das Geld?«

»Haben Sie je von Jonathan Wild gehört oder gelesen?«

»Nun, der Name kommt mir bekannt vor. Taucht er nicht in einem Roman auf? Ich muß sagen, ich halte nicht viel von Detektiven in Romanen. Sie tun die unwahrscheinlichsten Dinge und lassen den Leser nie dahinterkommen, wie sie es anstellen. Bei denen ist immer alles Eingebung — keine solide Arbeit.«

»Jonathan Wild war kein Detektiv, und er kommt in keinem Roman vor. Er war ein Meister des Verbrechens und lebte im vorigen Jahrhundert — um 1750 herum.«

»Dann nützt er mir gar nichts, ich bin ein Mann der Praxis.«

Mr. Mac, das Praktischste, was Sie je im Leben tun könnten, wäre, daß Sie sich drei Monate lang einschließen und täglich zwölf Stunden die Jahrbücher des Verbrechens lesen. Alles ist schon einmal dagewesen — selbst Professor Moriarty. Jonathan Wild war die unsichtbare Kraft der Londoner Verbrecherwelt, der er seine Intelligenz und sein Organisationstalent für fünfzehn Prozent Provision zur Verfügung stellte. Das alte Rad dreht sich, und die gleiche Speiche kommt wieder hoch. Es ist alles schon einmal dagewesen und wird auch wiederkommen. Ich kann Ihnen ein oder zwei Stückchen von Moriarty erzählen, die Sie interessieren werden.«

»Ich bin ganz Ohr.«

»Ich weiß zufällig, wer das erste Glied in der Kette dieses Napoleons der Unterwelt ist — eine Kette, an der Hunderte von verkrachten Existenzen hängen: Schläger, Taschendiebe, Erpresser und Falschspieler, und außerdem jede andere Art und Schattierung des Verbrechens. Sein Stabschef ist Oberst Sebastian Moran, ein über jeden Verdacht erhabener Mann, ebenso unangreifbar und vom Gesetz geschützt wie er selbst. Was meinen Sie, was er ihm zahlt?«

»Nun, lassen Sie hören!«

»Sechstausend pro Jahr. Sehen Sie, das zahlt man für Intelligenz — amerikanisches Geschäftsprinzip. Ich habe dieses Detail rein zufällig erfahren. Das ist mehr, als der Premierminister bekommt. Das macht Ihnen ungefähr klar, auf welcher Basis Moriarty arbeitet und wie hoch sein Gewinn ist. Und noch etwas:

Ich habe mich in der letzten Zeit bemüht, ein paar von Moriartys Schecks ausfindig zu machen — ganz gewöhnliche und unschuldige kleine Schecks, mit denen er seine Haushaltsrechnungen begleicht. Sie waren auf sechs verschiedene Banken ausgestellt. Macht Ihnen das Eindruck?«

»Merkwürdig, gewiß. Aber was schließen Sie daraus?«

»Daß er keinen Klatsch über sein Vermögen will. Kein einziger Mensch soll wissen, wieviel er hat. Er hat gewiß an die zwanzig Bankkonten, und der Hauptteil seines Vermögens befindet sich höchstwahrscheinlich im Ausland, bei der Deutschen Bank oder der Credit Lyonnais. Wenn Sie einmal ein oder zwei Jahre Zeit übrig haben, empfehle ich Ihnen, Professor Moriarty zu studieren.«

Inspektor MacDonald zeigte sich mehr und mehr beeindruckt, je länger das Gespräch sich hinzog. Er hatte alles andere vergessen. Nun aber brachte ihn sein praktischer schottischer Verstand zu dem zurück, was als Nächstes zu tun war.

»Wie dem auch sei, er kann warten«, sagte er. »Sie haben uns mit Ihren interessanten Ausführungen auf Seitenwege gebracht, Mr. Holmes. Was für uns im Augenblick aber wirklich Wert hat, ist Ihre Bemerkung, daß es eine Verbindung zwischen dem Professor und dem Verbrechen gibt. Das entnehmen Sie der Warnung, die Sie von Porlock erhalten haben. Können wir für unsere nächsten praktischen Schritte noch etwas weiterkommen?«

»Wir können uns eine Theorie über das Tatmotiv bilden. Es ist, wie Sie am Anfang bemerkt haben, ein unerklärlicher Mord oder zumindest einer, für den wir keine Erklärung haben. Wenn wir jetzt einmal voraussetzen, daß der Urheber des Verbrechens die Person ist, die wir im Verdacht haben, so könnte es zwei verschiedene Motive geben. Zuallererst muß ich Ihnen sagen, daß Moriarty auf eiserne Disziplin bei seinen Leuten hält. Es gibt eigentlich nur eine Strafe: den Tod. Nun lassen Sie uns einmal annehmen, daß der Ermordete, dessen herannahendes Geschick einem der nächsten Untergebenen des Erzverbrechers schon vorher bekannt war — daß dieser Douglas also den Chef auf irgendeine Weise verraten hatte. Die Strafe folgte auf dem Fuße und mußte allen bekanntgemacht werden — wenn auch bloß, um ihnen gehörige Todesfurcht einzujagen.«

»Nun, das wäre eine Erklärung, Mr. Holmes.«

»Die andere Möglichkeit wäre, daß Moriarty im üblichen Rahmen seiner Geschäfte den Mord organisiert hat. Ist der Tote beraubt worden?«

»Ich habe nichts davon gehört.«

»Wenn es so wäre, würde das natürlich gegen die erste Hypothese und zugunsten der zweiten sprechen.

Es kann sein, daß Moriarty den Mord auf Grund der Zusage eines Beuteanteils veranlaßt hat oder daß man ihm eine bestimmte Summe für die Ausführung bezahlt hat. Wir haben also zwei Möglichkeiten.

Aber welche von beiden es nun ist, oder ob es vielleicht noch eine dritte Möglichkeit gibt, in Birlstone müssen wir die Lösungsuchen. Ich kenne unseren Mann zu gut, um anzunehmen, daß er hier eine Spur zurückgelassen hat, die uns zu ihm führen könnte.«

»Dann auf nach Birlstone!« rief MacDonald und sprang von seinem Stuhl hoch. »Liebe Zeit, es ist später, als ich dachte! Meine Herren, können Sie in fünf Minuten fertig sein? Mehr Zeit haben wir leider nicht.«

»Das reicht uns beiden«, rief Holmes, während er aufsprang und seinen Hausmantel mit dem Jackett vertauschte. »Auf dem Weg zum Bahnhof, Mr. Mac, müssen Sie mir noch alles erzählen, was Sie über den Fall wissen.«

>Alles über den Fall< erwies sich als enttäuschend wenig — und doch war es genug, um uns zu überzeugen, daß der Fall die größte Aufmerksamkeit eines Fachmanns verdiente. Holmes strahlte und rieb sich die schmalen Hände, als er die wenigen, aber bemerkenswerten Einzelheiten hörte. Eine lange Reihe unfruchtbarer Wochen lag hinter uns, und hier war nun endlich ein würdiges Objekt für seine ungewöhnlichen Fähigkeiten, die wie alle besonderen Begabungen für ihren Besitzer nur schwer zu ertragen sind, wenn sie nicht genutzt werden können. Dem Gehirn geht es wie dem Rasiermesser — es wird stumpf und rostet bei Nichtgebrauch.

Sherlock Holmes' Augen glänzten, seine bleichen Wangen röteten sich, das kühne Gesicht schien von innen heraus zu leuchten wie immer, wenn der Ruf zur Arbeit ihn erreichte. Er saß nach vorn gebeugt auf seinem Sitz in der Droschke und hörte aufmerksam MacDonald zu, der kurz das Problem skizzierte, das uns in Sussex erwartete. Der Inspektor erklärte uns, daß er selbst auch nicht mehr in Händen habe als eine hingekritzelte Nachricht, die man dem Milchzug nach London mitgegeben hatte und die ihn in den frühen Morgenstunden erreichte. White Mason, der Beamte am Ort, war ein persönlicher Freund von ihm und hatte MacDonald sehr viel schneller benachrichtigt, als es allgemein üblich ist, wenn man draußen in der Provinz die Hilfe von Scotland Yard benötigt. Meistens ist die Spur längst kalt, bis man die Experten aus der Hauptstadt endlich bittet, sich einzuschalten.

»Lieber Inspektor MacDonald«, lautete der Brief, den er uns vorlas, »die offizielle Anforderung Ihrer Hilfe befindet sich in einem besonderen Umschlag. Dies ist hier nur für Sie persönlich. Telegrafieren Sie, mit welchem Zug Sie in Birlstone eintreffen, und ich werde Sie von der Bahn abholen. Falls ich nicht selbst kommen kann, schicke ich jemanden. Dieser Fall ist ein dicker Hund. Lassen Sie alles stehen und liegen und kommen Sie sofort her. Wenn es Ihnen möglich ist, Mr. Holmes mitzubringen, tun Sie das bitte, denn der Fall hier scheint ganz nach seinem Geschmack zu sein. Die Sache sieht beinahe bühnenreif aus, und wir kommen uns vor, als befänden wir uns mitten in einem Theaterstück, wenn nicht in der Mitte ein Toter läge. Ich sage Ihnen: ein dicker Hund!«

»Ihr Freund scheint kein Dummkopf zu sein«, bemerkte Holmes.

»Da haben Sie recht, Sir, White Mason ist ein Mann, der ins Leben paßt.«

»Nun, haben Sie noch etwas?«

»Nur, daß er uns weitere Einzelheiten mitteilen wird, wenn wir angekommen sind.«

»Woher wissen Sie dann von Mr. Douglas und der Tatsache, daß er auf grauenhafte Weise umgebracht worden ist?«

»Das war in dem beigefügten offiziellen Bericht. Es stand da auch nicht >grauenhaft<, das ist kein amtlicher Ausdruck. Aber der Name John Douglas war angegeben, ferner hieß es, daß er Kopfverletzungen durch eine Schrotladung erhalten habe. Die Stunde, in der Alarm geschlagen wurde, war auch erwähnt: kurz vor Mitternacht. Hinzugefügt war noch, daß es sich zweifellos um Mord handelte, aber der Täter flüchtig sei, und daß der Fall einige recht verblüffende und ungewöhnliche Besonderheiten aufweise. Das ist aber absolut alles, was wir im Augenblick haben, Mr. Holmes.«

»Dann wollen wir die Sache erst einmal ruhen lassen, wenn Sie erlauben, Mr. Mac. Die Versuchung, auf Grund unvollständiger Angaben voreilige Theorien aufzustellen, ist der Fluch unseres Berufes. Im Augenblick kann ich nur zwei Dinge sehen, die gewiß sind: ein großes Gehirn in London und einen toten Mannin Sussex. Daß eine Verbindung zwischen beiden besteht, das müssen wir erst herausfinden.«