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Es war zu der Zeit, als die Schreckensherrschaft ihren Höhepunkt erreicht hatte. McMurdo, der inzwischen zum Inneren Diakon emporgestiegen war und jede Aussicht hatte, eines Tages McGintys Nachfolge als Logenmeister anzutreten, war so unentbehrlich für seine Kameraden geworden, daß nichts mehr ohne seine Hilfe und seinen Rat getan wurde. Je beliebter er bei den Freimaurern wurde, um so finsterer blickten die Leute von Vermissa auf ihn, wenn er sich auf der Straße sehen ließ. Trotz des Terrors faßten die Bürger Mut, sich gegen die Unterdrücker zusammenzutun. Das Gerücht von geheimen Treffen in den Büros des >Herald< und das Verteilen von Feuerwaffen unter die gesetzestreuen Bürger hatte die Loge erreicht. Aber McGinty und seine Leute ließen sich durch solche Nachrichten nicht erschüttern. Sie waren zahlreich, resolut und bewaffnet. Ihre Gegner waren verstreut und machtlos. Es würde alles enden, wie es in der Vergangenheit geendet hatte, in ziellosem Gerde und in bedeutungslosen Verhaftungen. So sagten McGinty, McMurdo und all die mutigeren Geister.

Es war an einem Samstagabend im Mai. Samstag war immer der Abend der Loge, und McMurdo wollte gerade seine Wohnung verlassen, um sich dorthin zu begeben, als Morris zu Besuch kam. Seine Stirn war in Sorgenfalten gelegt und sein freundliches Gesicht verzerrt und verstört.

»Kann ich frei mit Ihnen reden, McMurdo?«

»Sicher.«

»Ich kann nicht vergessen, daß ich Ihnen einmal mein Herz ausschütten durfte und Sie es für sich behalten haben, selbst, als der Boß Sie danach gefragt hat.«

»Was konnte ich denn sonst tun, da Sie sich mir anvertrauten? Es war ja nicht so, daß ich Ihnen zugestimmt hätte.«

»Das weiß ich gut, aber Sie sind der einzige, mit dem ich reden kann und wo ich sicher bin. Ich trage ein Geheimnis hier«, er legte seine Hand auf die Brust, »und es würgt mich fast ab. Ichwünschte, daß jemand anders und nicht gerade ich es tragen müßte. Wenn ich es preisgebe, bedeutet es Mord, das ist sicher, tue ich es nicht, so ist es das Ende für uns alle! Gott möge mir helfen, aber das bringt mich geradewegs um den Verstand!«

McMurdo sah den Mann ernsthaft an. Er zitterte an allen Gliedern. Er goß Whisky in ein Glas und reichte es ihm. »Das ist Medizin für Ihresgleichen«, sagte er. »Nun reden Sie schon.«

Morris trank, und sein weißes Gesicht nahm ein wenig Farbe an. »Ich kann es Ihnen in einem einzigen Satz sagen«, sagte er. »Ein Detektiv ist uns auf der Spur.«

McMurdo betrachtete ihn erstaunt. »Aber Mann, sind Sie verrückt?« sagte er. »Ist nicht der ganze Ort voll von Detektiven und Polizei, und was haben die uns je anhaben können?«

»Nein, nein, es ist kein Mann aus der Gegend. Wie Sie schon sagten, die hier kennen wir, und sie können uns wenig tun. Aber haben Sie mal von Pinkerton gehört?«

»Ich habe von Leuten dieses Namens mal etwas gelesen.«

»Na, Sie dürfen sich von mir sagen lassen, daß man es gar nicht merkt, wenn sie einem auf der Fährte sind. Es sind ja keine Beamten, denen es gleichgültig ist, ob sie Erfolg haben oder nicht. Es ist ein todernstes Geschäftsunternehmen, das eisern entschlossen ist, Erfolge zu erzielen, und nicht nachläßt, bis es sein Ziel erreicht hat. Wenn sich ein Pinkerton-Mann erst mal hier engagiert, sind wir alle verloren.«

»Dann müssen wir ihn umlegen.«

»Ah, das ist wohl der erste Gedanke, der Ihnen kommt! So wird es also die Loge erfahren. Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß die Sache mit Mord enden wird?«

»Sicher. Was ist schon Mord? Passiert es nicht oft genug in dieser Gegend?«

»Das tut es, ganz gewiß. Aber ich habe keine Lust, auf den Mann zu zeigen, der umgebracht werden soll.

Ich werde nie wieder ruhig schlafen. Und doch ist es unser eigener Hals, um den es jetzt geht. Was, in Gottes Namen, soll ich bloß tun?«

Er rutschte hin und her in der Qual seiner Unentschlossenheit. Auf McMurdo hatten seine Worte tiefen Eindruck gemacht. Es war ihm anzumerken, daß er die Ansicht des anderen über die Gefahr und die Notwendigkeit, sie abzuwenden, teilte. Er packte Morris an der Schulter und schüttelte ihn.

»Schauen Sie her, Mann«, rief er, und seine Stimme kreischte fast vor Erregung. »Sie erreichen gar nichts, wenn Sie herumschluchzen wie ein altes Weib bei der Totenwache. Reden wir über die Tatsachen.

Wer ist dieser Mann? Und wo ist er? Wie haben Sie von ihm gehört? Warum sind Sie zu mir gekommen?«

»Ich bin zu Ihnen gekommen, weil Sie der einzige sind, der mir raten kann. Ich habe Ihnen gesagt, daß ich im Osten einen Laden hatte, bevor ich hierher gekommen bin. Ich habe dort gute Freunde zurückgelassen, und einer von ihnen ist beim Telegrafendienst. Hier ist ein Brief, den ich gestern von ihm bekommen habe. Es ist dieser Teil hier oben auf der Seite. Sie können es selber lesen.«

McMurdo las »Was machen die Scowrer in deiner Gegend? Wir lesen viel von ihnen in der Zeitung.

Unter uns gesagt erwarte ich, bald Neuigkeiten von Ihnen zu hören. Fünf große Unternehmen und zwei Eisenbahngesellschaften haben die Sache jetzt in Angriff genommen. Sie meinen es ernst, und du kannst wetten, daß sie ihr Ziel erreichen. Sie scheuen keine Kosten. Pinkerton hat die Sache in ihrem Auftrag übernommen und setzt seinen tüchtigsten Mann ein, Birdy Edward. Dem Treiben muß endlich ein Riegel vorgeschoben werden.«

»Und jetzt lesen Sie die Nachschrift.«

»Natürlich ist das, was ich dir mitteile, streng vertraulich, da ich es durch meinen Dienst erfahren habe.

Man hat täglich meterweise mit seltsam chiffrierten Nachrichten zu tun, deren Bedeutung man oft nicht entschlüsseln kann.«

McMurdo saß eine Weile schweigend da, den Brief in der schlaffen Hand. Der Nebel hatte sich einen Augenblick lang gelichtet, und der Abgrund lag vor ihm.

»Weiß irgend jemand davon?« fragte er.

»Ich habe es niemandem sonst erzählt.«

»Aber dieser Mann, Ihr Freund, kennt der noch mehr Leute, denen er dergleichen schreiben könnte?«

»Nun ja, es kann gut sein, daß er den einen oder anderen hier kennt.«»Logenbrüder?«

»Das ist gut möglich.«

»Ich frage deshalb, weil es möglich wäre, daß er diesen Birdy Edwards in einem anderen Brief näher beschreibt — dann könnten wir ihm nämlich auf die Spur kommen.«

»Möglich ist es schon. Aber ich glaube nicht, daß er ihn kennt. Er erzählt mir in seinem Brief ja nur ein paar Neuigkeiten, die er in seiner Dienststelle erfahren hat. Wie sollte er dazu kommen, diesen Pinkerton- Mann zu kennen?«

McMurdo fuhr zusammen.

»Mein Gott!« schrie er. »Ich hab's! Was für ein Esel war ich, daß ich nicht daran gedacht habe. Herr des Himmels! Aber wir haben Glück! Wir werden ihn unschädlich machen, bevor er uns etwas antun kann.

Hören Sie, Morris, wollen Sie mir die Sache überlassen?«

»Sicherlich, wenn Sie sie mir abnehmen wollen.«

»Das tue ich. Sie dürfen ganz ruhig im Hintergrund bleiben und mir alles überlassen. Nicht einmal ihr Name braucht erwähnt zu werden. Ich werde so tun, als hätte ich selbst den Brief bekommen. Sind Sie damit zufrieden?«

»Ich werde tun, was Sie mir sagen.«

»Dann vergessen Sie, was wir hier geredet haben, und halten Sie den Mund. Ich werde jetzt in die Loge gehen. Der alte Pinkerton wird sich noch wundern.«

»Sie wollen den Mann doch nicht umbringen?«

»Je weniger Sie wissen, mein Freund Morris, desto leichter wird Ihr Gewissen sein, und desto besser schlafen Sie. Fragen Sie nichts, und Sie werden sehen, daß diese Angelegenheit sich von selbst erledigt.

Ich kümmere mich schon darum.«

Morris schüttelte traurig den Kopf, als er sich verabschiedete. »Ich habe das Gefühl, als klebe sein Blut an meinen Händen«, stöhnte er.

»Selbstverteidigung ist kein Mord«, sagte McMurdo und lächelte grimmig. »Er oder wir. Dieser Mann würde uns vernichten, wenn wir ihn zu lange im Tal ließen. Ja, Bruder Morris, wir sollten Sie zum Logenmeister wählen, denn Sie haben der Loge einen großen Dienst erwiesen.«

Und doch bewies er durch seine Handlungsweise, daß er die neue Störung ernster nahm, als er durch Worte zeigte. Vielleicht lag es an seinem schuldigen Gewissen, vielleicht war es der Ruf der Pinkerton- Organisation oder vielleicht auch nur die Tatsache, daß große, reiche Unternehmen es sich zur Aufgabe gemacht hatten, die Scowrer auszurotten — was immer auch der Grund war, seine Handlungsweise war die eines Mannes, der sich auf das Schlimmste gefaßt macht. Jedes Stück Papier, das ihn verraten konnte, wurde vernichtet, bevor er das Haus verließ. Danach seufzte er befriedigt auf, denn er fühlte sich jetzt sicherer. Und doch schien die drohende Gefahr ihn immer noch zu bedrücken, denn auf seinem Weg zur Loge hielt er am Haus des alten Shafter an. Das Haus war ihm zwar verboten, aber als er ans Fenster klopfte, kam Ettie zu ihm hinaus. Kein irischer Kobold tanzte mehr in den Augen ihres Liebsten. In seinem ernsten Gesicht las sie Gefahr.

»Es ist etwas passiert!« rief sie. »O Jack, du bist in Gefahr!«

»Es ist nicht so schlimm, mein Schatz. Und doch ist es wohl ganz weise, wenn wir uns gut vorbereiten.«

»Uns vorbereiten?«

»Ich habe dir versprochen, daß ich eines Tages von hier fortgehen würde. Ich glaube, die Zeit ist jetzt da.

Ich habe heute abend schlechte Nachrichten erhalten. Es kommen Schwierigkeiten auf uns zu.«

»Die Polizei?«

»Nun, ein Pinkerton. Aber sicherlich weißt du weder, was das ist, Acushla, noch was das für mich bedeuten kann. Ich stecke tief in dieser Sache drin, und möglicherweise muß ich einmal schnell weg. Du sagtest, daß du mit mir gehen würdest, wenn ich ginge.«

»O Jack, es wäre deine Rettung!«

»In gewissen Dingen bin ich ein ehrlicher Mensch, Ettie. Ich möchte dir kein Haar auf deinem hübschen Kopf gekrümmt sehen, nicht um alles in der Welt, auch möchte ich dich keinen Zentimeter von deinem goldenen Thron über den Wolken herunterziehen, auf dem ich dich ständig sehe. Willst du mir vertrauen?«

Ohne ein Wort zu sagen, legte sie ihre Hand in die seine.

»Gut, höre, was ich dir zu sagen habe, und tue bitte, was ich anordne, denn das ist tatsächlich die einzige Möglichkeit für uns. Es wird in diesen Tagen einiges passieren, das fühle ich in allen Gliedern. Da wird mancher von uns für sich selber sorgen müssen. Ich bin jedenfalls einer davon. Wenn ich gehe, ob bei Tag oder bei Nacht, mußt du mitkommen!«

»Ich würde dir folgen, Jack!«

»Nein, nein, du mußt mit mir kommen. Wenn dieses Tal sich hinter mir schließt, dann kann ich niemals zurückkehren. Wie könnte ich dich also zurücklassen, während ich mich vor der Polizei verstecke, ohne eine Möglichkeit, dich zu benachrichtigen? Du mußt ganz einfach mit mir kommen. Ich kenne eine gute Frau in dem Ort, wo ich herkomme. Bei der will ich dich lassen, bis wir heiraten können. Wirst du mitkommen?«

»Ja, Jack, ich werde mitkommen.«

»Gott segne dich dafür, daß du mir vertraust. Der Teufel soll mich holen, wenn ich dich je enttäuschen sollte. Nun paß auf, Ettie: Wenn es soweit ist, bekommst du eine kurze Nachricht, und du mußt alles stehen- und liegenlassen und sofort zum Bahnhof gehen und im Warteraum bleiben, bis ich komme.«

»Tag oder Nacht, ich komme auf dein Wort, Jack.«

Mit etwas leichterem Herzen, weil er seine Flucht nun eingeleitet hatte, ging McMurdo zur Loge. Sie

hatten sich schon versammelt und durch komplizierte Zeichen und Gegenzeichen gelangte er durch die äußere und innere Wache. Ein beifälliges Gemurmel begrüßte ihn, als er eintrat. Der lange Raum war überfüllt, und durch die Wolken von Tabakrauch sah er die unordentliche schwarze Mähne des Logenmeisters, die grausame, bedrohliche Gestalt von Baldwin, das Geiergesicht von Harraway, dem Sekretär, und ein Dutzend mehr, die die Führer der Loge waren. Er freute sich innerlich, daß sie alle da waren, um über seine Nachricht zu beraten.

»Ich bin wirklich froh, daß du da bist, Bruder!« rief der Vorsitzende. »Wir haben gerade eine Angelegenheit, die das Urteil eines Salomon erfordert.«

»Es geht um Lander und Egan«, erklärte sein Nachbar, als er Platz nahm. »Sie beanspruchen beide das Kopfgeld, das die Loge für die Erschießung des alten Crabbe drüben in Styletown ausgesetzt hat. Wer soll nun entscheiden, wer den tödlichen Schuß abgefeuert hat?«

McMurdo stand von seinem Platz auf und hob die Hand. Der Ausdruck seines Gesichtes erregte die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer. Es herrschte erwartungsvolle Stille.

»Sehr würdiger Meister vom Stuhl«, sagte er mit feierlicher Stimme, »ich stelle einen Dringlichkeitsantrag!«

»Bruder McMurdo stellt einen Dringlichkeitsantrag.« sagte McGinty, »Das ist ein Antrag, der nach den Regeln dieser Loge Vorrang hat. Nun, Bruder, wir hören dir zu!«

McMurdo nahm den Brief aus der Tasche.

»Sehr würdiger Meister vom Stuhl und liebe Brüder«, sagte er, »ich habe heute eine schlimme Nachricht.

Aber es ist besser, daß sie bekannt ist und diskutiert werden kann, als daß der Schlag, der uns alle vernichten kann, unvermutet und ohne Warnung auf uns fällt. Ich habe erfahren, daß die mächtigsten und reichsten Unternehmen in diesem Staat sich zu unserer Vernichtung zusammengetan haben und daß in diesem Augenblick ein Pinkerton-Detektiv, Birdy Edwards, hier im Tal am Werk ist, Material gegen uns zu sammeln, das vielen von uns den Strick um den Hals legen und jedermann in diesem Zimmer ins Zuchthaus schicken kann. Das ist die Situation, die wir diskutieren sollten und um deretwillen ich einen Dringlichkeitsantrag gestellt habe.«

Im Zimmer herrschte Totenstille. Sie wurde vom Vorsitzenden unterbrochen.

»Was hast du für Beweise, Bruder McMurdo?«, fragte er.

»Sie sind in diesem Brief, der in meine Hände gelangt ist«, sagte McMurdo. Er las den Absatz laut vor.

»Es ist für mich eine Ehrensache, daß ich keine weiteren Informationen über diesen Brief geben oder ihn euch überlassen darf, aber ich versichere euch, daß weiter nichts drinsteht, was von Interesse für die Loge sein könnte. Ich lege euch den Fall so dar, wie er mir in diesem Brief geschildert wird.«

»Herr Vorsitzender, ich möchte dazu sagen«, sagte einer derälteren Brüder, »daß ich von Birdy Edwards gehört habe. Er hat den Ruf, der beste Mann im Pinkerton-Dienst zu sein.«

»Weiß jemand, wie er aussieht?«, fragte McGinty.

»Ja«, sagte McMurdo, »ich kenne ihn.«

Ein Murmeln des Erstaunens ging durch die Versammlung. »Ich glaube, wir haben ihn in der Hand«, fuhr er mit triumphierendem Lächeln fort. »Wenn wir schnell und weise handeln, können wir kurzen Prozeß mit ihm machen. Wenn ich euer Vertrauen und eure Hilfe habe, gibt es wenig, wovor wir Angst zu haben brauchen.«

»Was haben wir überhaupt zu fürchten? Was kann er von unseren Angelegenheiten wissen?«

»Das könnten Sie sagen, wenn alle so standhaft wären wie Sie, Councillor. Aber dieser Mann hat die Millionen der Kapitalisten im Rücken. Wäre es nicht möglich, daß ein paar schwächere Brüder in der Loge sind, die gekauft werden könnten? Er wird an unsere Geheimnisse herankommen — vielleicht kennt er sie schon. Da gibt es nur eine sichere Kur.«

»Daß er niemals wieder dieses Tal verläßt«, sagte Baldwin.

McMurdo nickte. »Gut gesagt, Bruder Baldwin«, sagte er. »Du und ich, wir haben unsere Auseinandersetzungen gehabt. Aber was du eben gesagt hast, dem kann ich nur zustimmen.«

»Wo ist er? Wie sollen wir ihn erkennen?«

»Sehr würdiger Meister vom Stuhl«, sagte McMurdo ernst, »diese Angelegenheit ist zu delikat, um vor der ganzen Loge ausdiskutiert zu werden. Gott behüte, daß ich jemandes Integrität anzweifeln möchte.

Aber wenn auch nur ein Wort des Klatsches diesem Mann zu Ohren kommt, haben wir die Chance, ihn zu kriegen, vertan. Ich möchte die Loge bitten, ein vertrauenswürdiges Komitee zu bilden, zu dem Sie selbst, Herr Vorsitzender, wenn ich das vorschlagen darf, und Bruder Baldwin hier und noch fünf andere gehören. Dann will ich frei heraus sagen, was getan werden sollte.«

Der Vorschlag wurde sofort angenommen. Das Komitee wurde gewählt. Neben dem Vorsitzenden und Baldwin gehörten ihm der geiergesichtige Sekretär Harraway, Tiger Cormac, der brutale junge Mörder Carter, der Schatzmeister und die Brüder Willaby an. Alle waren sie furchtlose und verwegene Männer, die vor nichts zurückschreckten.

Das übliche Saufgelage der Loge verlief diesmal in bedrückter Stimmung, denn mancher sah zum erstenmal die Wolke des rächenden Gesetzes an dem heiteren Himmel aufsteigen, unter dem sie so lange gelebt hatten. Der Schrecken, den sie anderen so reichlich zugefügt hatten, war so sehr Teil ihres normalen Lebens geworden, daß der Gedanke an eine Vergeltung immer ferner gerückt und beinahe verdrängt worden war. Um so mehr schien sie jetzt zu erschüttern, daß sich das Blatt plötzlich wenden könnte. Sie brachen früh auf und ließen ihre Führer zur Beratung zurück.

»Nun, McMurdo!«, sagte McGinty, als sie allein waren. Die sieben Männer saßen wie eingefroren auf ihren Stühlen.

»Ich habe vorhin gesagt, daß ich Birdy Edwards kenne«, erklärte McMurdo. »Ich brauche wohl nicht extra zu sagen, daß er nicht unter diesem Namen hier ist. Er ist ein tapferer Mann, aber kein Verrückter.

Er läuft hier unter dem Namen Steve Wilson herum und wohnt in Hobson's Patch.«

»Woher weißt du das?«

»Weil ich zufällig mit ihm ins Gespräch gekommen bin. Ich habe mir damals nichts dabei gedacht, und ich hätte auch keinen weiteren Gedanken daran verschwendet, wenn nicht dieser Brief gewesen wäre.

Aber jetzt bin ich sicher, daß er dieser Mann ist. Ich habe ihn im Abteil getroffen, als ich letzten Mittwoch diese Strecke gefahren bin. Wenn wir es jemals mit einem harten Brocken zu tun hatten, dann ist er es. Er sagte, er sei Reporter. Ich hab's für einen Augenblick auch geglaubt. Er wollte alles wissen, über die Scowrer und das, was er ihre >Gewalttaten< nannte. Für eine New Yorker Zeitung, wie er sagte.

Er hat mich alles mögliche gefragt, aber ihr könnt Gift darauf nehmen, daß er von mir nichts gehört hat.

>Ich würde dafür zahlen, sogar gut zahlen<, sagte er, >wenn ich Material bekommen könnte, das meinem Schriftleiter gefällt.< Ich hab' ihm einiges erzählt, was ihm auch wohl gefallen hat, und dafür drückte er mir eine Zwanzig-Dollar-Note in die Hand. >Sie würden zehnmal mehr kriegen<, sagte er >wenn Sie mir liefern, was ich haben möchte.<«

»Was hast du ihm denn erzählt?«

»Alles mögliche, was ich mir ausgedacht habe.«

»Wie bist du darauf gekommen, daß er kein Zeitungsmann ist?«

»Das will ich euch erzählen. Er stieg in Hobson's Patch aus und ich ebenfalls. Zufällig ging ich ins Telegraphenbüro, als er es gerade verließ. >Sehen Sie sich das an<, sagte der Beamte, >für so etwas sollte man doppelte Gebühr nehmen.< >Das glaube ich auch.< sagte ich. Er hatte das Formblatt mit etwas beschrieben, das auch Chinesisch hätte sein können, so wenig konnten wir daraus klug werden. >Und jeden Tag feuert er ein solches Blatt ab<, sagte der Mann am Schalter. >Ja<, sagte ich, >es sind Spezialnachrichten für seine Zeitung, und er hat Angst, daß jemand sie ihm klauen könnte.< Das war's, was ich damals dachte und der Beamte am Schalter dachte das auch, aber jetzt sehe ich das natürlich anders.«

»Bei Gott! Ich glaube, du hast recht«, sagte McGinty. »Aber was können wir denn deiner Meinung nach tun?«

»Warum nicht gleich hingehen und ihn fertigmachen?« schlug einer vor.

»Ah ja, je schneller, desto besser.«

»Ich würde noch in dieser Minute losgehen, wenn ich wüßte, wo er zu finden ist«, sagte McMurdo. »Er ist in Hobson's Patch, aber ich weiß nicht, in welchem Haus. Aber wenn ihr meinen Rat annehmen wollt, hätte ich da einen Plan.«

»Und der wäre?«

»Ich werde morgen früh hingehen. Durch den Telegraphenmann werde ich ihn schon finden, denn ich nehme an, daß der seine Adresse hat. Nun, danach werde ich ihm sagen, daß ich selbst Freimaurer bin. Ich biete ihm das Geheimnis der Loge für einen bestimmten Preis an. Ich wette, daß er anbeißt. Ich sage ihm, daß ich die Papiere in meiner Wohnung habe und daß mein Leben nicht mehr viel wert ist, wenn ich ihn kommen lasse und Leute ihn sehen könnten. Er wird das einsehen, denn das kapiert jeder. Ich laß' ihn um zehn Uhr abends kommen, dann soll er alles sehen. Und das wird ihn ganz sicher herbringen.«

»Und dann?«

»Den Rest könnt ihr selber planen. Das Haus der Witwe McNamara ist ein einsames Haus. Sie ist treu wie Gold und taub wie ein Laternenpfahl. Es sind Scanlan und ich im Haus. Wenn ich seine Zusage habe, daß er kommt, würde ich es euch wissen lassen - dann kommt ihr alle sieben um neun Uhr zu mir. Wir lassen ihn herein. Wenn er je lebend herauskommt, na ja, dann kann er von Birdy Edwards' Glück bis an das Ende seiner Tage erzählen!«

»Wenn ich mich nicht irre, wird es bei den Pinkertons bald eine freie Stelle geben. — Lassen wir es dabei, McMurdo. Um neun sind wir bei dir. Wenn du erst mal die Tür hinter ihm geschlossen hast, kannst du den Rest getrost uns überlassen.«