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Das Tal der Furcht.  Arthur Conan Doyle
Kapitel 5. Die dunkle Stunde
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Wenn es noch eines Umstandes bedurft hätte, um Jack McMurdos Beliebtheit bei seinen Kameraden zu steigern, dann wäre das sein Arrest und seine Entlassung gewesen. Daß ein Mann noch am gleichen Abend, nachdem er der Loge beigetreten war, etwas getan hatte, was ihn vor den Richter brachte, bedeutete einen neuen Rekord in den Annalen dieser verbrecherischen Vereinigung. Er hatte schon den Ruf gehabt, ein fröhlicher Gesellschafter zu sein, ein vergnügter Zechbruder und bei allem ein Mann mit viel Temperament, der nicht einmal eine Beleidigung vom allgewaltigen Boß eingesteckt hätte. Aber außerdem gewannen seine Kameraden nun den Eindruck, daß es unter ihnen kein Gehirn gab, das so schnell dabei war, einen blutrünstigen Plan zu ersinnen, keine Hand, die tüchtiger gewesen wäre, diesen auch auszuführen. »Er ist der Junge, der die sauberste Arbeit liefern wird«, sagten die Älteren einer zum anderen und sahen der Zeit entgegen, wo sie ihn für eine Arbeit einsetzen konnten.

McGinty hatte schon genug willige Werkzeuge, aber er erkannte, daß dies ein überaus tüchtiges war. Er kam sich vor wie ein Mann, der einen wilden Bluthund mühsam an der Kette hielt. Es gab Straßenköter, die die Kleinarbeit erledigten. Aber eines Tages würde er diesen Kampfhund von der Kette lassen. Ein paar Mitgliedern der Loge, Ted Baldwin unter ihnen, gefiel der steile Aufstieg des Fremden nicht, und sie haßten ihn deswegen, aber sie gingen ihm aus dem Weg, denn er war ebenso rasch bereit loszuschlagen wie zu lachen.

Aber wenn er auch bei seinen Kameraden an Beliebtheit gewann, gab es doch andere Menschen — und sogar solche, die ihm mehr am Herzen lagen —, bei denen er sie verlor. Ettie Shafters Vater wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben und wollte ihm auch nicht erlauben, das Haus zu betreten. Ettie selbst war zu sehr verliebt in ihn, um ihn ganz und gar aufzugeben, und doch warnte ihr eigener Verstand sie vor der Ehe mit einem Mann, den man für einen Verbrecher hielt.Eines Morgens hatte sie sich nach einer schlaflosen Nacht entschlossen, ihn zu besuchen, möglicherweise das letzte Mal, um noch einmal einen ernsthaften Versuch zu machen, ihn den schlechten Einflüssen zu entziehen, unter die er immer wieder zu geraten schien. Sie ging zu seiner Wohnung, worum er sie oft gebeten hatte, und begab sich in das Zimmer, das er als Wohnzimmer benutzte. Er saß mit dem Rücken zu ihr am Tisch und hatte einen Brief vor sich liegen. Plötzlich packte sie die mädchenhafte Lust, ihn zu necken. Sie war schließlich erst neunzehn. Er hatte sie nicht hereinkommen hören, und so ging sie auf Zehenspitzen und legte leicht ihre Hand auf seine Schulter.

Wenn sie ihn hatte erschrecken wollen, so war ihr ein voller Erfolg beschieden, aber nur um den Preis des eigenen Erschrek-kens. Mit einem Tigersprung hatte er sich herumgeschwungen, und seine rechte Hand griff nach ihrem Hals. Im gleichen Augenblick knüllte er mit der anderen Hand das Papier zusammen, das vor ihm gelegen hatte. Einen Augenblick starrte er sie an. Dann traten Staunen und Freude an die Stelle des wilden Zornes, der seine Gesichtszüge eben noch verzerrt hatte — eine Wildheit, vor der sie entsetzt zurückzuckte, wie vor etwas, das sie in ihrem behüteten Leben noch nie erlebt hatte.

»Du bist es!« sagte er und fuhr sich über die Stirn. »Du kommst mich besuchen, mein Herz, und mir fällt nichts besseres ein, als dich erwürgen zu wollen! Komm, mein Liebling«, under breitete die Arme aus, »laß es mich wieder gutmachen.«

Aber sie hatte sich noch nicht wieder erholt von dem plötzlichen Ausdruck schuldiger Angst, den sie im Gesicht des Mannes gelesen hatte. All ihre frauliche Eingebung sagte ihr, daß das nicht nur das Zusammenfahren eines erschrockenen Mannes gewesen war. Schuld war es — Schuld und Angst.

»Was ist in dich gefahren, Jack«, rief sie. »Warum hattest du solche Angst vor mir? O Jack, wenn dein Gewissen rein wäre, hättest du mich nicht so wie eben ansehen brauchen!«

»Sicherlich habe ich an ganz andere Dinge gedacht, und als du so lautlos auf deinen Feenfüßen hereinkamst...«

»Nein, nein, es war mehr als das, Jack.« Ein plötzlicher Argwohn ergriff sie. »Bitte, laß mich den Brief lesen.«

»Nein, Ettie, das kann ich nicht.«

Ihr Verdacht wurde zur Gewißheit. »Du schreibst einer anderen Frau«, rief sie. »Ich weiß es! Warum solltest du ihn sonst vor mir verstecken? Ist es eine Frau, der du gerade schriebst? Wie soll ich wissen, daß du kein verheirateter Mann bist - du, ein Fremder, den keiner kennt?«

»Ich bin nicht verheiratet, Ettie. Sieh mich an. Ich schwöre es dir! Du bist die einzige Frau für mich auf dieser Erde. Ich schwöre es dir beim Kreuze unseres Herrn!«

Er war bleich und sprach mit solch leidenschaftlichem Ernst, daß sie nicht anders konnte, als ihm zu glauben.

»Gut denn«, rief sie, »warum willst du mir dann den Brief nicht zeigen?«

»Ich will es dir sagen, Acushla«, sagte er. »Ich habe einen Eid geschworen, ihn niemandem zu zeigen, und so wie ich mein Wort dir gegenüber nicht brechen würde, so halte ich auch anderen gegenüber mein Versprechen. Es ist ein Geschäftsbrief und betrifft die Loge, Angelegenheiten, die ich sogar vor dir geheim halten muß. Aber wenn ich vorhin erschrak, als deine Hand mich berührte - stell dir vor, es hätte ja auch die Hand eines Detektivs sein können!«

Sie fühlte, daß er die Wahrheit sagte. Er nahm sie in seine Arme und küßte Angst und Zweifel fort.

»Setz dich her zu mir. Es ist ein unwürdiger Thron für eine solche Königin, aber es ist der beste, den dein armer Liebhaber finden kann. Eines Tages schafft er dir einen besseren herbei, glaube mir. Nun ist dein Herz wieder leichter, nicht wahr?«

»Wie kann es jemals leicht sein, Jack, wenn ich doch weiß, daß du ein Verbrecher unter Verbrechern bist.

Muß ich nicht immer Angst davor haben, daß man mir eines Tages sagt, daß du wegen Mordes vor Gericht stehst? >Mr. McMurdo, der Scowrer<, hat dich gestern einer unserer Gäste genannt. Es ging mir durchs Herz wie ein Messer!«

»Harte Worte brechen keine Knochen.«

»Aber sie waren wahr.«

»Na gut, mein Liebling. Es ist nicht so schlimm, wie du es dir ausmalst. Wir wollen nur zu unserem Recht kommen.«Ettie schlang die Arme um den Hals ihres Liebsten.

»Gib es auf, Jack! Um meinetwillen, um Gottes willen, gib es auf! Ich wollte dich darum bitten, deswegen bin ich hergekommen. O Jack, sieh her, ich bitte dich auf Knien. Ich knie vor dir und flehe dich an, gib es auf!«

Er hob sie auf, ihren Kopf gegen seine Brust gelehnt, und streichelte sie beruhigend.

»Mein Schatz, ganz sicherlich weißt du nicht, worum du bittest. Wie könnte ich es aufgeben, wenn es doch bedeutete, daß ich meinen Schwur bräche und meine Kameraden im Stich ließe. Wenn du wüßtest, wie die Dinge wirklich stehen, würdest du mich niemals darum bitten. Du glaubst doch nicht etwa, daß die Loge einen Mann freigibt, der all ihre Geheimnisse kennt?«

»Daran habe ich auch schon gedacht, Jack. Ich habe einen Plan. Vater hat etwas Geld gespart. Er ist diese Stadt leid, wo die Angst vor diesen Leuten ständig unser Leben verdunkelt. Er ist bereit fortzugehen. Wir könnten zusammen nach Philadelphia oder New York fliehen, wo wir vor ihnen sicher wären.«

McMurdo lachte. »Die Loge hat einen langen Arm. Glaubst du, sie könnte uns nicht auch in Philadelphia oder New York erreichen?«

»Gut, dann eben weiter, in den Westen, oder nach England, oder nach Deutschland, woher Vater kommt — irgendwohin, bloß heraus aus dem Tal der Furcht!«

McMurdo dachte an den alten Bruder Morris. »Das ist jetzt das zweite Mal, daß ich jemanden dieses Tal so nennen höre«, sagte er. »Seine Schatten scheinen einige von euch wirklich schwer zu drücken.«

»Sie verdunkeln jeden Augenblick unseres Lebens. Glaubst du etwa, daß Ted Baldwin uns je vergeben hat? Wenn er nicht Angst vor dir hätte, was meinst du, was mit uns geschehen würde? Wenn du bloß mal den Ausdruck in seinen dunklen, hungrigen Augen sehen könntest, wenn er mich ansieht.«

»Bei Gott, ich würde ihm besseres Benehmen beibringen, wenn ich ihn dabei erwischte. Aber sieh einmal her, mein kleines Mädchen. Ich kann nicht weg von hier. Begreif das bitte ein für allemal. Aber wenn du mir Zeit läßt, meine eigenen Wege zu finden, will ich nach einem Ausweg suchen, um ehrenhaft aus allem herauszukommen.«

»Da, wo du drinsteckst, gibt es keine Ehre.«

»Na ja, das kommt ganz auf den Standpunkt des Betrachters an. Aber wenn du mir sechs Monate zubilligst, dann will ich es wohl bewerkstelligen, daß ich den Ort verlassen kann, ohne mich schämen zu müssen, anderen ins Gesicht zu sehen.«

Das Mädchen lachte vor Freude. »Sechs Monate!« rief sie. »Ist das ein Versprechen?«

»Nun ja, es können auch sieben oder acht werden. Aber spätestens in einem Jahr lassen wir das Tal hinter uns.«

Das war alles, was Ettie erreichen konnte, aber es war schon etwas. Es gab nun ein Licht in der Ferne, das die Düsternis der unmittelbaren Zukunft erhellte. Sie kehrte mit leichterem Herzen nach Hause zurück.

Ihr war froher zumute denn je, seit Jack McMurdo in ihr Leben getreten war.

McMurdo hatte gedacht, daß er als Mitglied der Loge von allen Vorgängen erfahren würde, fand aber bald heraus, daß die Organisation weiter verzweigt und komplizierter war als eine gewöhnliche Loge.

Sogar Boß McGinty wußte viele Dinge nicht, denn es gab da einen Vorgesetzten, den man >County- Delegierten< nannte und der in Hobson's Patch wohnte, einer Stadt etwas weiter unten an der Eisenbahnlinie. Er hatte Macht über mehrere Logen, die er auf eine plötzliche und willkürliche Art ausübte. McMurdo hatte ihn nur einmal gesehen: ein Mann, der wie eine verschlagene, kleine, grauhaarige Ratte wirkte, mit schleichendem Schritt und einem Seitenblick voller Bösartigkeit. Evans Pott war sein Name, und selbst der große Boß von Vermissa war ihm gegenüber voller Abneigung und einer Angst, wie sie der riesige Danton gegenüber dem schmächtigen, aber gefährlichen Robespierre gefühlt haben muß.

Eines Tages erhielt Scanlan, der mit McMurdo die Wohnung teilte, einen Brief von McGinty, dem ein Brief von Evans Pott beigefügt war. Dieser ließ ihn wissen, daß er ihm zwei gute Männer schicke, Lawler und Andrew, die Weisung hätten, in der Nachbarschaft einen Auftrag zu erledigen, und es sei im Interesse der Sache am besten, wenn niemand Einzelheiten erfahre.Der Logenmeister solle für Quartier und Verpflegung sorgen, bis die Zeit zum Handeln käme. McGinty hatte angemerkt, daß es unmöglich sei, die Anwesenheit der Männer geheimzuhalten, wenn sie im Logenhaus wohnten, und es darum gut wäre, wenn McMurdo und Scanlan sie ein paar Tage in ihrem Quartier unterbrächten.

Noch am gleichen Abend trafen die beiden Männer ein. Jeder trug sein Köfferchen in der Hand. Lawler, ein älterer Mann, klug, gewitzt, schweigsam und selbstbewußt, war in einen alten schwarzen Gehrock gekleidet, der ihm zusammen mit einem weichen Filzhut und seinem zottigen, graumelierten Bart das Aussehen eines Wanderpredigers gab. Sein Begleiter Andrew war gerade dem Knabenalter entwachsen, hatte ein offenes, heiteres Gesicht und die leichte Art eines Menschen, der Ferien macht und entschlossen ist, jede Minute davon zu genießen. Beide Männer waren Alkoholgegner, tranken keinen Tropfen und benahmen sich auch sonst wie mustergültige Freimaurer, mit der einen schlichten Ausnahme, daß sie Killer waren, die sich oft genug als tüchtige Instrumente dieser Mördergesellschaft erwiesen hatten.

Lawler hatte schon vierzehn Aufträge dieser Art ausgeführt und Andrew drei.

Wie McMurdo herausfand, konnte man sich durchaus mit ihnen über ihre vergangenen Taten unterhalten, deren sie sich mit halbverschämtem Stolz erinnerten wie Männer, die der Gemeinschaft gute und selbstlose Dienste erwiesen haben. Über die bevorstehende Aufgabe schwiegen sie sich jedoch aus.

»Sie haben uns gewählt, weil weder der Junge noch ich trinken«, erklärte Lawler, »sie können sich darauf verlassen, daß wir nicht mehr sagen, als wir dürfen. Nehmt uns das nicht übel, aber wir müssen uns an die Befehle des County-Delegierten halten.«

»Aber gewiß sitzen wir doch alle in einem Boot « sagte Scanlan, McMurdos Kamerad, als sie beim Abendbrot saßen.

»Das stimmt, und wir reden bis zum Morgen davon, wie wir Charlie Williams oder Simon Bird gekillt haben, oder über jede andere Arbeit aus der Vergangenheit. Aber bis wir eine Arbeit nicht erledigt haben, reden wir nicht darüber.«

»Es gibt hier ein halbes Dutzend Leute«, sagte McMurdo mit einem Fluch, »mit denen ich noch ein Hühnchen zu rupfen hätte. Ich nehme an, daß es nicht zufällig Jack Knoy von Ironhill ist, hinter dem ihr her seid? Dem gönne ich schon lange, daß er kriegt, was er verdient hat.«

»Nein, der ist es noch nicht.«

»Oder Hermann Strauß?«

»Nein, der auch nicht.«

»Nun, wenn ihr es uns nicht sagen wollt, können wir euch nicht zwingen, aber ich hätte es schon gerne gewußt.«

Lawler lächelte und schüttelte den Kopf. Er ließ sich nicht ausfragen.

Trotz der Verschwiegenheit ihrer Gäste waren Scanlan und McMurdo fest entschlossen, an dem teilzunehmen, was sie »den Spaß« nannten. Als McMurdo sie zu einer sehr frühen Morgenstunde die Treppe herunterschleichen hörte, weckte er Scanlan, und die zwei fuhren eilig in ihre Kleider. Als sie angezogen waren, bemerkten sie, daß die anderen bereits draußen waren, die Tür aber hinter sich offengelassen hatten. Es war noch finster, aber sie konnten die beiden Männer im Licht der Straßenlaternen erkennen und sahen, wie sie in einiger Entfernung die Straße hinuntergingen. Sie folgten ihnen vorsichtig und stapften geräuschlos durch den tiefen Schnee.

Ihr Haus befand sich nahe am Rande der Stadt, und bald gelangten sie an eine Kreuzung, die außerhalb des Stadtgebietes lag. Hier warteten drei Männer, mit denen Lawler und Andrews eine kurze, eifrige Unterhaltung führten. Dann gingen sie alle zusammen weiter. Es war klar, daß dies ein besonderer Job war, zu dem mehr Leute gebraucht wurden. An einer Kreuzung zweigten mehrere Wege ab, die zu verschiedenen Zechen führten. Die Fremden schlugen den Weg nach Crow Hill ein, einem großen Unternehmen, das in starken Händen war und dem es dank seines furchtlosen neuenglischen Direktors Josiah H. Dunn gelungen war, ein bißchen Ordnung und Disziplin während der langen Schreckensherrschaft aufrechtzuerhalten.

Der Tag brach nun an, und eine Reihe von Arbeitern war, einzeln und in Gruppen, auf diesem schwarzen Pfad unterwegs.McMurdo und Scanlan mischten sich unter die Arbeiter und behielten die Männer, die vor ihnen gingen, im Auge. Ein dicker Nebel lag über ihnen, und aus dem Innersten des Nebels kam der plötzliche, schreiartige Laut der Dampfpfeife. Es war das Zehn-Minuten-Signal, bevor die Wagen herabfuhren und die Tagesarbeit begann.

Als sie den offenen Platz vor dem Förderturm erreichten, warteten dort an die hundert Bergleute. Sie stampften mit den Füßen und bliesen sich in die Hände, denn es war bitterkalt. Die Fremden standen in einer kleinen Gruppe im Schatten des Maschinenhauses. Scanlan und McMurdo kletterten auf eine große Schlackenhalde, von der aus sie die ganze Szene gut überblicken konnten. Sie sahen, wie der Bergwerksingenieur, ein großer, bärtiger Schotte, der Menzies hieß, aus dem Maschinenhaus herauskam und mit der Pfeife das Zeichen gab, die Wagen herunterzulassen.

Im gleichen Augenblick ging ein großer, schlacksiger junger Mann mit einem ernsten, glattrasierten Gesicht auf das Förderwerk zu. Seine Augen fielen auf die Gruppe, die schweigend und bewegungslos neben dem Maschinenhaus stand. Die Männer hatten die Hüte heruntergezogen und die Kragen hochgeklappt, um ihre Gesichter zu verdecken. Einen Augenblick lang schien sich eine Vorahnung auf das Herz des Direktors zu legen, so daß er seinen Schritt verlangsamte. Im nächsten Augenblick jedoch hatte er sie abgeschüttelt und schien nur seine Pflicht gegenüber den eingedrungenen Fremden im Sinn zu haben.

»Wer seid ihr?«, fragte er, als er auf sie zukam, »und was treibt ihr euch hier herum?«

Es gab keine Antwort, aber der junge Bursche Andrews trat vor und schoß ihm in den Magen. Die Menge der wartenden Arbeiter war wie erstarrt und rührte sich nicht. Der Direktor preßte beide Hände auf die Wunde und krümmte sich. Dann stolperte er fort. Aber einer der anderen Mörder feuerte und er fiel, mit Händen und Füßen zuckend, seitwärts in einen Schlackenhaufen.

Menzies, der Schotte, stieß bei diesem Anblick einen wütenden Schrei aus und rannte mit einem eisernen Schraubenschlüssel in der Hand auf die Mörder los. Aber zwei Kugeln trafen ihn in den Kopf, so daß er tot zu ihren Füßen zusammenbrach.

Nun stürzten einige Bergleute vorwärts, und man hörte unartikulierte Schreie des Mitleids und des Zorns.

Aber die Fremden schossen über die Köpfe der Leute hinweg ihre Revolver leer. Daraufhin brach die Menge nach allen Seiten hin auseinander und zerstob. Einige von ihnen rannten in wilder Panik heim zu ihren Wohnungen in Vermissa.

Als sich schließlich ein paar der Tapfersten zusammengetan hatten und zurück zur Grube gingen, war die mörderische Bande im Morgennebel verschwunden, ohne daß ein einziger Zeuge in der Lage gewesen wäre, die Identität der Männer zu beschwören, die vor Hunderten von Zuschauern einen Doppelmord begangen hatten.

Scanlan und McMurdo machten sich auf den Heimweg. Scanlan war bedrückt, denn es war der erste Mörderjob, den er mit eigenen Augen gesehen hatte. Jetzt erschien ihm alles viel weniger spaßhaft, als sie ihm hatten weismachen wollen. Die furchtbaren Schreie der Frau des ermordeten Direktors verfolgten sie, als sie in die Stadt zurückeilten. McMurdo hatte sich in Schweigen gehüllt, aber er zeigte keine Sympathie für die Schwächen seines Begleiters.

»Es ist wie im Krieg«, wiederholte er. »Was ist es anderes als ein Krieg zwischen ihnen und uns, und wir schlagen zurück, so gut wir können.«

An diesem Abend ging es im Versammlungsraum des Logenhauses hoch her, und das nicht nur wegen der Morde an dem Direktor und dem Ingenieur der Crow Hill Mines, der nun auch diese Unternehmen auf eine Ebene mit anderen erpreßten und terrorisierten Gesellschaften des Gebietes brachte. Es gab noch einen Triumph zu feiern, den die Loge selbst errungen hatte.

Als der County-Delegierte fünf gute Männer herübergeschickt hatte, um in Vermissa einen Schlag auszuführen, hatte er dafür drei Vermissa-Leute angefordert, die insgeheim gewählt und herübergeschickt werden sollten, um William Haies von der Stake Royal zu ermorden, einen der bekanntesten und beliebtesten Bergwerksbesitzer in Gilmerton, einen Mann, der nachallgemeiner Meinung keinen einzigen Feind in der Welt hatte, denn er war in jeder Hinsicht ein vorbildlicher Arbeitgeber. Er hatte jedoch auf Pünktlichkeit und Gewissenhaftigkeit der Arbeit bestanden und darum gewisse ständig betrunkene und faule Arbeiter entlassen, die Mitglieder der allgewaltigen Gesellschaft waren. Todesdrohungen, die vor seiner Tür hingen, hatten ihn in seinem Entschluß nicht wankend gemacht, und so sah er sich in einem freien, zivilisierten Land zum Tode verurteilt.

Die Hinrichtung war nun ordnungsgemäß ausgeführt worden. Ted Baldwin, der sich auf dem Ehrenplatz neben dem Logenmeister spreizte, war der Anführer des Mordtrupps gewesen. Sein Gesicht war rot, und die glasigen, blutunterlaufenen Augen sprachen von zuwenig Schlaf und zuviel Alkohol. Er und seine Kameraden hatten die Nacht davor in den Bergen verbracht. Sie waren zerzaust und vom Wetter gegerbt, aber wurden wie Helden gefeiert und konnten sich keinen wärmeren Empfang von ihren Kameraden wünschen.

Die Geschichte wurde wieder und wieder erzählt, unterbrochen von Freudenschreien und lachenden Ausrufen. Sie hatten auf ihren Mann gewartet, als er beim Einbruch der Dunkelheit heimfahren wollte, und hatten ihren Posten auf der steilen Anhöhe eingenommen, wo das Pferd im Schritt gehen mußte. Er war so in Pelze gewickelt, daß er nicht nach seiner Pistole greifen konnte. Sie hatten ihn aus dem Wagen herausgezerrt und immer wieder auf ihn geschossen. Er hatte um Gnade geschrien. Diese Schreie wurden zum Amüsement der Loge wiederholt.

»Laß uns noch einmal hören, wie er quiekte«, riefen sie.

Keiner von ihnen kannte den Mann, aber Töten besitzt seine eigene, nie endende Faszination. Und sie hatten den Scowrern von Gilmerton gezeigt, daß man sich auf die Vermissa-Leute verlassen konnte.

Beinahe wäre die Sache noch schiefgegangen, denn ein Mann und seine Frau waren dazugekommen, als sie noch ihre Revolver in den leblosen Körper leerfeuerten. Jemand hatte vorgeschlagen, beide zu erschießen, aber es waren harmlose Leute, die keine Verbindung zum Bergwerk hatten, und so hatte man ihnen streng befohlen, weiterzufahren und den Mund zu halten, wenn ihnen ihr Leben lieb sei, oder ihnen würden schlimme Dinge passieren. Die blutbesudelte Gestalt hatten sie als Warnung für alle hartherzigen Arbeitgeber liegenlassen. Und die drei edlen Rächer waren in die Berge geeilt, wo die unverletzte Natur bis zu den Öfen und Schlackenhalden herunterreicht. Hier waren sie nun sicher und wohlbehalten, hatten gute Arbeit geleistet und dafür den Beifall ihrer Kameraden in den Ohren.

Es war ein großer Tag für die Scowrer. Der Schatten der Angst aber lag nun noch tiefer und dunkler über dem Tal. Wie ein kluger General den Augenblick des Sieges nutzt, um seine Anstrengungen zu verdoppeln, so daß sein Gegner keine Zeit hat, sich nach einer Niederlage wieder aufzuraffen, so hatte sich Boß McGinty mit seinen bösartigen Augen auf seinem Operationsfeld umgesehen und schon eine neue Attacke gegen die geplant, die sich gegen ihn zu stellen wagten. In der gleichen Nacht, als die angetrunkene Gesellschaft endlich aufbrach, berührte er McMurdos Arm, nahm ihn beiseite und führte ihn in den inneren Raum, in dem sie ihr erstes Gespräch geführt hatten.

»Schau her, mein Junge«, sagte er, »Ich habe jetzt endlich einen Job für dich, der deiner würdig ist. Du kannst ganz selbständig dabei vorgehen.«

»Das freut mich zu hören«, antwortete McMurdo.

»Du kannst dir zwei Männer mitnehmen — Manders und Reilly. Sie halten sich für den Dienst bereit. In diesem Gebiet wird nichts in Ordnung sein, solange die Sache mit Chester Wilcox nicht geregelt ist.

Wenn du ihn erledigst, ist dir jede Loge hier im Kohlenrevier zu Dank verpflichtet.«

»Ich werde tun, was ich kann. Wer ist er und wo kann ich ihn finden?«

McGinty nahm seine ewige angekaute und halbgerauchte Zigarre aus dem Mundwinkel und begann, ein grobes Diagramm auf ein Blatt Papier zu zeichnen, das er aus seinem Notizbuch gerissen hatte.

»Er ist Oberwerkmeister der Iron Dike Company. Ein harter Brocken, ein alter Stabsfeldwebel aus dem Krieg, überall Schmisse und Narben. Wir haben es schon zweimal versucht, aber hatten kein Glück, und Jim Caraway hat sein Leben dabeiverloren. Nun bist du dran, ihn zu übernehmen. Das ist das Haus - ganz einsam und allein an der Iron-Dike-Kreuzung, genau wie du es hier auf dem Plan siehst - kein Mensch in Hörweite. Am Tag hat es keinen Zweck. Er ist bewaffnet und schießt gut und schnell, ohne viel zu fragen.

Aber bei Nacht - nun, da ist er allein mit seiner Frau und drei Kindern und einem Dienstmädchen. Du darfst nicht wählerisch sein in deinen Mitteln. Es geht um alles oder nichts. Wenn du dir einen Sack Dynamit besorgst und ihn an der Vordertür anbringst und eine Zündschnur daran hältst...«

»Was hat der Mann getan?«

»Hab' ich dir nicht gesagt, daß er Jim Caraway erschossen hat?«

»Warum hat er ihn erschossen?«

»Was zum Donnerwetter geht dich das an? Caraway war bei Nacht an seinem Haus, und er hat ihn erschossen. Das sollte dir genügen. Du sollst die Sache in Ordnung bringen.«

»Was ist mit den beiden Frauen und den Kindern? Gehen die auch drauf?«

»Das wird wohl so sein - wie sollen wir ihn sonst kriegen?«

»Das scheint mir aber doch recht hart und ungerecht; schließlich haben sie nichts getan.«

»Was für ein blödes Gerede! Willst du plötzlich nicht mehr?«

»Sachte, Councillor, sachte. Was hab' ich gesagt oder getan, daß Sie denken könnten, ich würde dem Befehl des Meisters der Loge nicht gehorchen? Ob es richtig oder falsch ist, haben Sie zu entscheiden.«

»Und du machst es?«

»Natürlich mache ich es.«

»Wann?«

»Na ja, es wäre gut, wenn ich ein oder zwei Nächte Zeit hätte, daß ich mir das Haus ansehen und meine Pläne machen könnte. Dann...«

»Sehr gut«, sagte McGinty und schüttelte ihm die Hand.

»Ich verlasse mich ganz auf dich. Es wird ein großer Tag sein, wenn du uns die gute Nachricht bringst.

Das wird genau der letzte Schlag, der sie alle auf die Knie zwingt.«

McMurdo dachte lange und gründlich über den Auftrag nach, den er so plötzlich erhalten hatte. Das einsame Haus, in dem Chester Wilcox lebte, lag etwa fünf Meilen entfernt in einem angrenzenden Tal.

Noch in der gleichen Nacht brach er allein auf, um den Anschlag vorzubereiten. Es war Tag, als er von seiner Erkundung zurückkehrte. Am nächsten Tag sprach er mit seinen beiden Untergebenen, Manders und Reilly, unbekümmerten jungen Burschen, die so begeistert waren, als ginge es auf die Hirschjagd.

Zwei Nächte darauf trafen sie sich außerhalb der Stadt, alle drei bewaffnet, und einer von ihnen trug einen Sack, vollgepackt mit Sprengstoff, wie er in den Steinbrüchen benutzt wurde. Um zwei Uhr morgens langten sie vor dem einsamen Haus an. Es war eine stürmische Nacht. Über das Gesicht eines Dreiviertelmondes trieben zerfetzte Wolken schnell dahin. Sie waren gewarnt worden, sich vor Wachhunden in acht zu nehmen. So schlichen sie vorsichtig heran, die entsicherten Pistolen in der Hand.

Aber außer dem Heulen des Windes war kein Laut zu hören, und außer dem Schwanken der Äste über ihnen rührte sich nichts.

McMurdo horchte an der Tür des einsamen Hauses, aber drinnen war alles ruhig. Dann lehnte er den Beutel mit Sprengstoff an die Tür, schnitt mit seinem Messer ein Loch hinein und brachte die Zündschnur an. Als diese gut brannte, rannten er und seine beiden Begleiter was sie konnten davon und waren ein gutes Stück entfernt, sicher und geborgen in einem schützenden Graben, bevor das laute Krachen der Explosion und das tiefe, dumpfe Gerumpel des zusammenstürzenden Gebäudes ihnen sagte, daß ihr Auftrag ausgeführt war. Kein Job in den blutbefleckten Annalen der Gesellschaft war je sauberer ausgeführt worden.

Trotzdem hatten sie Pech, denn diese so gut organisierte und mutig ausgeführte Arbeit war völlig umsonst gewesen. Gewarnt durch das Schicksal verschiedener Opfer und wohl wissend, daß er auf der schwarzen Liste stand, war Chester Wilcox mit seiner Familie nur einen Tag vorher in ein sicheres und weniger bekanntes Quartier umgezogen, wo die Polizei ihn besser bewachen konnte. Es war ein leeres Haus, das die Sprengladung zum Einsturz gebracht hatte, und der grimmige alte Stabsfeldwebel aus dem Krieg brachte den Bergleuten von Iron Dike weiterhin Disziplin bei.

»Überlaßt ihn mir«, sagte McMurdo. »Er ist mein Mann, und ich kriege ihn, und wenn ich ein ganzes Jahr warten muß.«

Die Loge sprach ihm Dank und volles Vertrauen aus. Damit endete zunächst einmal die Sache. Als ein paar Wochen später in der Zeitung stand, auf Wilcox sei aus dem Hinterhalt geschossen worden, war es ein offenes Geheimnis, daß McMurdo immer noch an seinem unvollendeten Job arbeitete.

Das waren die Methoden der Männer, die sich hinter dem ehrenvollen Namen der Freimaurer verbargen.

Das waren die Taten der Scowrer, die damit ihre Terrorherrschaft über dieses große, reiche Industriegebiet aufrechterhielten. Warum sollten diese Seiten mit noch mehr Verbrechen gefüllt werden?

Habe ich nicht genug erzählt und ihre Methoden beschrieben?

Diese Tage sind in die Geschichte eingegangen, und es gibt Aufzeichnungen, in denen man die Details nachlesen kann. Dort kann man über die Ermordung der Polizisten Hunt und Evans nachlesen, die sich erdreisteten, zwei Männer der Loge festzunehmen — dieser Doppelmord wurde in der Vermissa-Loge geplant und kalten Blutes an den beiden unbewaffneten, hilflosen Männern ausgeführt. Dort kann man ebenso die Geschichte nachlesen, wie auf Mrs. Larbey geschossen wurde, als sie ihren Mann pflegte, der auf Boß McGintys Befehl hin fast zu Tode geprügelt worden war. Der Mord an dem älteren Jenkins, kurz darauf der Mord an seinem Bruder, die Verstümmelung James Murdochs, das Sprengstoffattentat auf das Haus der Familie Staphouse, der Mord an den Stendals, alles folgte Schlag auf Schlag in demselben furchtbaren Winter.

Schwere Schatten lagen auf dem Tal der Furcht. Der Frühling war ins Land gekommen mit rauschenden Bächen und blühenden Bäumen. Es gab Hoffnung für die Natur, die so lange in eisernen Banden gelegen hatte. Aber nirgends zeigte sich Hoffnung für die Männer und Frauen, die unter dem Joch des Schreckens lebten. Niemals war die Wolke über ihnen so dunkel und hoffnungslos gewesen wie im frühen Sommer des Jahres 1875.