Read synchronized with  English  French  Russian 
Das Tal der Furcht.  Arthur Conan Doyle
Kapitel 4. Das Tal der Furcht
< Prev. Chapter  |  Next Chapter >
Font: 

Als McMurdo am nächsten Morgen erwachte, hatte er guten Grund, sich an seine Einführung in die Loge zu erinnern. Sein Kopf tat weh, was dem Trinken zuzuschreiben war, und sein gebrandmarkter Arm war rot und geschwollen. Da er seine eigene besondere Einnahmequelle hatte, nahm er es mit dem pünktlichen Erscheinen auf seiner Arbeitsstelle nicht gar so genau. Er frühstückte spät und blieb den Morgen zu Hause, um einem Freund einen langen Brief zu schreiben. Danach las er den >Daily Herald<.

In einem besonderen Artikel, der erst in letzter Minute eingefügt worden war, las er:

»Überfall auf das Redaktionsbüro des >Herald< Redakteur schwer verletzt«

Es war eine kurze Zusammenfassung der Tatsachen, die er besser kannte, als der Schreiber sie kennen konnte. Sie endete mit der Feststellung: »Die Sache ist nun in den Händen der Polizei, aber wir haben kaum Hoffnung, daß ihre Bemühungen zu besseren Ergebnissen führen werden als in der Vergangenheit.

Einige der Männer wurden erkannt, und man kann hoffen, daß sie verhaftet und verurteilt werden. Der Ursprung dieses Überfalls muß, wie wohl kaum gesagt zu werden braucht, in der berüchtigten Gesellschaft gesucht werden, die unsere Gemeinde schon lange Zeit tyrannisiert und gegen die der >Herald< immer unmißverständlich Stellung bezogen hat. Mr. Stangers viele Freunde werden sich freuen zu erfahren, daß keine unmittelbare Lebensgefahr besteht, obgleich er grausam und brutal zusammengeschlagen worden ist und schwere Kopfverletzungen davongetragen hat.«

Darunter stand noch, daß mit Winchester-Gewehren bewaffnete Polizei zum Schutz der Redaktion angefordert worden sei.

McMurdo hatte die Zeitung hingelegt und zündete sich mit einer Hand, die von den Ausschweifungen des gestrigen Abends noch zittrig war, seine Pfeife an, als es draußen klopfte und seine Wirtin ihm einen Brief gab, der gerade von einem Jungen gebracht worden war. Der Brief war nicht unterschrieben und lautete folgendermaßen:

»Ich wünsche mit Ihnen zu sprechen, möchte das jedoch lieber nicht bei Ihnen zu Hause tun. Sie finden mich neben der Fahnenstange auf dem Miller Hill. Wenn Sie jetzt dorthin kommen, habe ich Ihnen etwas zu sagen, was für Sie und für mich sehr wichtig ist.«

McMurdo war so überrascht, daß er die Nachricht zweimal las, denn er konnte sich nicht denken, was das bedeuten sollte oder wer ihm da geschrieben hatte. Wenn es eine weibliche Handschrift gewesen wäre, hätte er sich wohl vorstellen können, daß sich da eines der Abenteuer anbahnen könnte, von denen er in seinem vergangenen Leben genug gehabt hatte. Aber es war die Handschrift eines Mannes und eines recht gebildeten dazu. Schließlich entschloß er sich nach einigem Zögern, sich auf die Sache einzulassen.

Miller Hill war ein ungepflegter öffentlicher Park im Herzen der Stadt. Im Sommer war er immer voll von Menschen, aber im Winter war es dort ziemlich einsam. Vom Gipfel des Hügels hatte man nicht nur die Aussicht auf die ganze wild wuchernde, schmutzige Stadt, sondern auch auf das sich darunter hinwindende Tal mit seinen verstreuten Bergwerken und Fabriken, die den Schnee zu beiden Seiten schwarz färbten, und ebenso auf die bewaldeten, schneebedeckten Hügelketten, die das Tal einfaßten.

McMurdo schritt den gewundenen Pfad hinauf, der mit immergrünen Hecken umsäumt war, und erreichte das verlassene Restaurant, das den Mittelpunkt sommerlicher Freuden bildete.

Neben dem Restaurant befand sich ein nackter Flaggenmast, und unter ihm stand ein Mann, der seinen Hut tief ins Gesicht gezogen und den Mantelkragen hochgeklappt hatte. Als er ihm das Gesicht zuwandte, sah McMurdo, daß es Bruder Morris war, der am Abend vorher den Ärger des Logenmeisters hervorgerufen hatte. Die Zeichen der Loge wurden zur Begrüßung gegeben und ausgetauscht.

»Ich hätte gerne mit Ihnen gesprochen, Mr. McMurdo«, sagte der ältere Mann. Er sprach zögernd, was zeigte, wie unsicher er sich in dieser schwierigen Situation fühlte. »Es war nett von Ihnen, daß Sie gekommen sind.«

»Warum haben Sie den Brief nicht mit Ihrem Namen unterschrieben?«

»Man muß vorsichtig sein, Mister. In diesen Zeiten weiß keiner, wem man trauen kann und wem nicht.«

»Aber sicherlich können Sie einem Logenbruder trauen.«

»Nein, nein, längst nicht immer«, rief Morris heftig. »Was immer wir sagen, ja selbst, was wir denken, scheint zu diesem McGinty zu gelangen.«

»Hören Sie mal«, sagte McMurdo streng. »Ich habe erst gestern abend unserem Logenmeister die Treue geschworen. Wollen Sie mich jetzt veranlassen, meinen Schwur zu brechen?«

»Wenn Sie diesen Standpunkt vertreten«, sagte Morris traurig, »dann kann ich nur sagen, daß es mir leid tut, Sie hierher bemüht zu haben. Es steht aber schlecht um uns, wenn zwei Brüder nicht mehr frei miteinander reden dürfen.«

McMurdo, der seinen Begleiter scharf beobachtet hatte, nahm eine etwas entspanntere Haltung an.

»Natürlich habe ich nur für mich selbst gesprochen«, sagte er. »Ich bin ein Neuling, wie Sie wohl wissen, und alles ist mir noch fremd. Es ist nicht an mir, den Mund aufzumachen und zu reden, Mr. Morris, und wenn Sie es für richtig halten, mir etwas zu sagen, dann bin ich bereit, Ihnen zuzuhören.«

»Um es dann Boß McGinty weiterzuerzählen!« sagte Morris bitter.

»Also, damit tun Sie mir Unrecht«, rief McMurdo, »ich bin der Loge treu und sage Ihnen das auch frei ins Gesicht, aber ichwäre eine armselige Kreatur, wenn ich einem anderen zutragen würde, was Sie mir im Vertrauen sagen. Es wird außer mir kein Mensch erfahren, obgleich ich es Ihnen vorher sagen muß, daß sie unter Umständen bei mir weder Sympathie noch Hilfe finden werden.«

»Ich habe längst aufgehört, danach Ausschau zu halten«, sagte Morris. »Möglicherweise lege ich mein Leben in Ihre Hände mit dem, was ich Ihnen jetzt sage, aber so übel, wie Sie auch sein mögen — gestern abend schien mir, als seien Sie auf dem Weg, einer der Allerschlimmsten zu werden —, so sind Sie doch neu darin, und Ihr Gewissen kann noch nicht so verhärtet sein, wie bei den anderen. Deshalb wollte ich mit Ihnen reden.« »Nun gut, was haben Sie mir zu sagen?«

»Wenn Sie mich verraten, sollen Sie verflucht sein!«

»Aber ich sagte bereits, daß ich Sie nicht verraten würde.«

»Dann möchte ich Sie jetzt fragen: Als Sie der Loge der Freimaurer in Chicago beitraten und Nächstenliebe und Treue gelobten, ist Ihnen da in den Sinn gekommen, daß Sie das auf den Weg des Verbrechens bringen würde?«

»Wenn Sie das gestrige Geschehen Verbrechen nennen wollen«, antwortete McMurdo.

»Verbrechen nennen!« rief Morris, und seine Stimme zitterte vor Erregung. »Sie haben gestern noch wenig davon gesehen, wenn Sie dem irgend einen anderen Namen geben können. War es vielleicht kein Verbrechen, als gestern nacht ein Mann, der alt genug ist, Ihr Vater zu sein, so zusammengeschlagen wurde, daß ihm das Blut aus den weißen Haaren tropfte? War das ein Verbrechen, oder wie wollen Sie es sonst nennen?«

»Es gibt Leute, die es als Kampf bezeichnen«, sagte McMurdo, »ein schonungsloser Klassenkampf, wo jeder zuschlägt, so gut er eben kann.«

»Nun gut, haben Sie an solche Dinge gedacht, als Sie sich den Freimaurern in Chicago angeschlossen haben?«

»Nein, ich muß zugeben, daß ich das nicht tat.«

»Und ich habe ebenfalls nicht daran gedacht, als ich der Loge in Philadelphia beitrat. Das war einfach ein Club, der Gutes tat und in dem man sich mit seinen Freunden treffen konnte. Dann habe ich von diesem Ort gehört — verflucht sei die Stunde, als mir dieser Name zum erstenmal zu Ohren kam! —, und ich kam hierher, um mich zu verbessern! Mein Gott! Mich zu verbessern! Meine Frau und meine drei Kinder brachte ich mit. Ich begann ein Textilgeschäft am Marktplatz, das auch gut ging. Dann wurde bekannt, daß ich Freimaurer bin, und man zwang mich, der örtlichen Loge beizutreten, genauso wie Sie gestern abend. Ich trage das Zeichen der Schande auf meinem Unterarm, und ein noch viel schlimmeres Zeichen ist auf meinem Herzen eingebrannt. Ich befand mich unter dem Befehl des schwärzesten Verbrechers und in Verbrechen verstrickt. Was konnte ich tun? Jedes Wort, das ich sagte, um die Dinge erträglicher zu machen, wurde als Verrat bezeichnet, genau wie gestern abend. Ich kann nicht einfach weggehen, denn alles, was ich auf der Welt besitze, steckt in meinem Geschäft. Wenn ich aus der Loge austrete, bedeutet das den sicheren Tod für mich — sie würden mich ermorden —, und Gott weiß, was mit meiner Frau und den Kindern geschieht. O Mann, es ist schrecklich — schrecklich!«

Er legte die Hände vors Gesicht, und sein Körper wurde von krampfhaftem Schluchzen geschüttelt.

McMurdo zuckte die Achseln. »Sie waren zu weich für diesen Job«, sagte er, »Sie sind nicht der richtige Mann für eine solche Arbeit.«

»Ich hatte ein Gewissen und eine Religion. Aber sie haben mich zu einem Verbrecher gemacht, wie sie es selber sind. Ich wurde für einen Auftrag bestimmt. Ich wußte wohl, was mit mir passieren würde, wenn ich mich geweigert hätte. Vielleicht bin ich ein Feigling. Vielleicht ist es der Gedanke an meine arme, kleine Frau und die Kinder, die mich zum Feigling machten. Jedenfalls ging ich. Ich glaube, das wird mich für alle Zeit verfolgen.

Es war ein einsames Haus, zwanzig Meilen von hier entfernt, hinter der Bergkette dort drüben. Mir wurde befohlen, an der Tür zu wachen, genau wie Sie gestern abend. Die eigentliche Arbeit haben sie mir nicht zugetraut. Die anderen gingen hinein. Als sie wieder herauskamen, waren ihre Hände bis zu den Handgelenken rot. Als wir uns zum Weggehen anschickten, hörten wir ein Kind aus dem Haus hinter uns schreien. Es war ein fünfjähriger Junge, der zugesehen hatte, wie man seinen Vater umbrachte. Ich wurde beinahe ohnmächtig vor Grauen, und doch mußte ich ein verwegenes und lächelndes Gesicht zeigen, denn ich wußte ganz genau, wenn ich es nicht täte, würden sie das nächste Mal mit ihren blutigen Händen aus meinem Haus herauskommen, und mein kleiner Ted würde um seinen Vater schreien.

Aber ich war in dem Augenblick zu einem Verbrecher geworden, mitschuldig an einem Mord, verloren für immer in dieser Welt und auch in der nächsten. Ich bin ein guter Katholik, aber der Priester wollte nicht mehr mit mir reden, nachdem er gehört hatte, daß ich ein Scowrer geworden war, und ich wurde exkommuniziert. So steht es also um mich. Und nun sehe ich Sie auf demselben Wege und frage mich, was wohl das Ende sein wird? Sind Sie gewillt, auch ein kaltblütiger Mörder zu werden, oder können wir irgend etwas tun, das zu verhindern?«

»Was wollen Sie tun?« fragte McMurdo kurz. »Sie würden wohl die Polizei nicht informieren?«

»Da sei Gott vor!« rief Morris, »Der bloße Vorsatz schon würde mich gewiß das Leben kosten.«

»Schon gut«, sagte McMurdo. »Ich glaube, Sie sind ein schwacher Mann und machen viel zuviel aus der Sache.«

»Zuviel! Warten Sie, bis Sie länger hier gelebt haben. Sehen Sie das Tal hinunter. Eine Dunstwolke aus hundert Schornsteinen überschattet es. Ich sage Ihnen, daß die Dunstwolke der Morde tiefer und schwärzer über den Köpfen der Leute hängt. Es ist das Tal der Furcht, das Tal des Todes. Der Schrecken erfaßt die Herzen der Leute vom Abend bis zum Morgen. Warten Sie, junger Mann, Sie werden es schon noch begreifen.«

»Also gut, ich lasse Sie gerne wissen, was ich darüber denke, wenn ich erst einmal mehr davon gesehen habe«, sagte McMurdo sorglos. »Aber eins ist mir klar: Sie sind hier fehl am Platze. Je eher Sie ihr Geschäft verkaufen - auch wenn Sie nur ein Spottgeld dafür bekommen -, um so besser für Sie. Was Sie mir gesagt haben, behalte ich für mich, aber bei Gott, wenn Sie ein Verräter sein sollten...!«

»Nein, nein!« rief Morris mit kläglicher Stimme.

»Nun gut, lassen wir es dabei. Ich werde mir das, was Sie gesagt haben, durch den Kopf gehen lassen und komme vielleicht eines Tages darauf zurück. Ich nehme an, Sie haben es gut gemeint. Nun will ich nach Hause gehen.«

»Ein Wort noch, bevor Sie gehen«, sagte Morris. »Möglicherweise hat man uns zusammen gesehen. Sie werden wissen wollen, worüber wir gesprochen haben.«

»Ah, gut, daß Sie daran denken.«

»Ich biete Ihnen eine Stelle in meinem Büro an.«

»Und ich lehne sie ab. Das war unser Gespräch. Gut. Auf Wiedersehen, Bruder Morris, und hoffentlich laufen die Dinge in Zukunft besser für Sie.«

Am gleichen Nachmittag, als McMurdo rauchend und in Gedanken verloren neben dem Ofen in seinem Wohnzimmer saß, wurde die Tür aufgerissen. In der offenen Tür stand die riesige Gestalt von Boß McGinty. Er machte das Freimaurerzeichen, nahm dann dem jungen Mann gegenüber Platz und sah ihn eine ganze Weile unverwandt an. Der Blick wurde genauso ruhig und stetig erwidert.

»Ich mache nicht oft Besuche, Bruder McMurdo«, sagte er schließlich. »Ich glaube, das hängt damit zusammen, daß die Leute ständig zu mir kommen. Aber ich dachte, ich mach' mal eine Ausnahme und besuche dich zu Hause.«

»Es ist mir eine Ehre, Councillor«, antwortete McMurdo herzlich und holte die Whiskyflasche aus dem Schrank. »Eine Ehre, die ich gar nicht erwartet hatte.«

»Was macht der Arm?« fragte der Boß.

McMurdo zog ein saures Gesicht. »Na, ich spüre ihn immer noch«, sagte er. »Aber es war's wert.«

»Ja, es war's wert«, antwortete der andere, »jedenfalls für diejenigen, die der Loge treu sind und sich für sie einsetzen. Worüber hast du heute vormittag auf dem Miller Hill mit Bruder Morris gesprochen?«

Die Frage kam so schnell und unvermittelt, daß er froh war, die Antwort vorbereitet zu haben. Er brach in herzliches Gelächter aus.

»Morris wußte nicht, daß ich meinen Lebensunterhalt zu Hause verdienen kann. Er soll es auch gar nicht wissen. Für Leute meinesgleichen hat er zuviel Gewissen. Aber er ist ein gutherziger alter Kumpel. Er dachte, ich könnte finanziell am Ende sein, und so wollte er mir etwas Gutes tun und mir eine Stellung in seinem Textilgeschäft anbieten.«

»Ach, das war es?«

»Ja, das war es.«

»Und du hast abgelehnt?«

»Klar! Kann ich nicht in meinem Schlafzimmer in vier Stunden das Zehnfache verdienen?«

»Da hast du recht. Aber du solltest nicht so viel mit Morris zusammen sein.«

»Warum nicht?«

»Na, vielleicht deshalb, weil ich dir davon abrate. Das genügt den meisten Leuten hier.«

»Das mag zwar den meisten Leuten hier genügen, aber mir genügt das nicht, Councillor«, sagte McMurdo unerschrocken.

»Wenn Sie Menschenkenntnis haben, wissen Sie das auch.«

Der dunkelhäutige Riese starrte ihn an, und seine behaarte Hand schloß sich einen Augenblick lang um das Whiskyglas, als wolle er es dem anderen an den Kopf werfen. Dann lachte er auf seine laute, übertriebene und unaufrichtige Art. »Du bist schon eine komische Marke, das ist mal sicher«, sagte er.

»Also gut, du willst den Grund wissen. Ich sage ihn dir. Hat Morris etwas gegen die Loge gesagt?«

»Nein.«

»Oder gegen mich?«

»Nein.«

»Na gut. Das kommt daher, weil er dir nicht traut. Aber in seinem Herzen ist er kein treuer Bruder. Wir wissen das genau. Also beobachten wir ihn und warten auf den Zeitpunkt, wo wir ihn ermahnen müsen.

Ich glaube, die Zeit nähert sich. Wir haben für ein räudiges Schaf keinen Platz in unserm Stall. Und wenn du mit einem Mann, dem wir nicht trauen können, Umgang hast, könnten wir auf den Gedanken kommen, daß du auch untreu bist. Siehst du das ein?«

»Ich habe keinen Grund, seine Gesellschaft zu suchen, denn ich mag den Mann nicht«, antwortete McMurdo. »Was die Untreue anbelangt: Jeder andere außer Ihnen würde das wohl nicht ein zweites Mal zu mir sagen.«

»Na, das genügt wohl«, sagte McGinty und trank sein Glas aus. »Ich kam her, um dir zur rechten Zeit einen Rat zu geben, und das habe ich hiermit getan.«

»Ich möchte noch gerne wissen«, sagte McMurdo, »wie in aller Welt Sie es erfahren haben, daß ich mit Morris gesprochen habe.«

McGinty lachte. »Es gehört zu meinem Geschäft, daß ich erfahre, was in der Stadt vorgeht«, sagte er. »Es ist wohl das Beste, wenn du von vornherein damit rechnest, daß ich alles erfahre, was vorgeht. Gut, meine Zeit ist knapp, und ich möchte nur noch sagen...«

Aber sein Abschied wurde auf unerwartete Weise unterbrochen. Mit einem plötzlichen Knall sprang die Tür auf, und drei argwöhnische Gesichter unter Polizeimützen blickten wild herein. McMurdo sprang auf die Beine und hatte schon halb seinen Revolver gezogen, aber sein Arm hielt auf halbem Wege inne, als er die beiden Winchestergewehre bemerkte, die auf seinen Kopf zielten. Ein Mann in Uniform kam ins Zimmer, einen Trommelrevolver in der Hand. Es war Captain Marvin, früher in Chicago, der nun zur Bergwerkspolizei gehörte. Mit halbem Lächeln schüttelte er den Kopf über McMurdo.

»Ich wußte ja, daß Sie wieder auf die schiefe Bahn kommen würden, Mr. Unehrlich McMurdo aus Chicago«, sagte er. »Können es nicht lassen, wie? Los, kommen Sie mit!«

»Ich fürchte, dies wird Sie noch teuer zu stehen kommen, Captain Marvin«, sagte McGinty. »Was fällt Ihnen eigentlich ein, auf diese Weise in ein Haus einzufallen und ehrliche, rechtschaffene Leute zu belästigen?«

»Sie halten sich hier heraus, Councillor McGinty«, sagte der Polizeichef. »Es geht nicht um Sie, sondern um diesen McMurdo. Sie müßten uns eigentlich helfen, anstatt uns bei unserer Pflichtausübung zu behindern.«

»Er ist mein Freund, und ich stehe für seine gute Führung ein«, sagte der Boß.

»So wie es steht, Mr. McGinty, werden Sie an einem dieser Tage für Ihr eigenes Verhalten einzustehen haben«, antwortete der Captain. »Dieser Mann hier, McMurdo, hat krumme Sachen gemacht, bevor er herkam, und er macht immer noch krumme Sachen. Zielt auf ihn, Leute, während ich ihn entwaffne.«

»Hier ist meine Pistole«, sagte McMurdo kühl. »Wenn wir uns allein gegenüberstünden, Captain Marvin, würden Sie mich bestimmt nicht so leicht kriegen.«

»Wo ist Ihr Haftbefehl?« fragte McGinty. »Mein Gott, da kann ein Mensch ebensogut in Rußland leben statt in Vermissa, wenn die Polizei aus Leuten wie ihresgleichen besteht. Das ist eine kapitalistische Machenschaft, und Sie werden noch von mir hören, darauf können Sie sich verlassen!«

»Tun Sie, was Sie für Ihre Pflicht halten, Councillor. Wir tun die unsere.«

»Was wirft man mir eigentlich vor?« fragte McMurdo.

»Daß Sie an dem Überfall auf den alten Redakteur Stanger im Büro des >Herald< beteiligt gewesen sind.

Daß wir Sie nicht unter Mordanklage stellen, hat wohl nicht an Ihnen gelegen.«

»Na, wenn das alles ist, was Sie gegen ihn haben«, rief McGinty lachend, »können Sie sich viel Mühe sparen, wenn Sie die Sache gleich fallenlassen. Der Mann war in meiner Bar und hat bis Mitternacht Poker gespielt. Ich kann Ihnen dafür ein Dutzend Zeugen beibringen.«

»Das ist Ihre Sache. Sie können das morgen vor Gericht in Ordnung bringen. Kommen Sie jetzt mit, McMurdo, und verhalten Sie sich ruhig, wenn Sie keinen Gewehrkolben über den Schädel haben wollen.

Sie gehen aus dem Weg, Mr. McGinty, denn ich warne Sie: Ich dulde keinen Widerstand bei der Ausübung meiner Pflicht!«

So bestimmt war das Auftreten des Captains, daß beide, McMurdo und sein Boß, gezwungen waren, sich zu fügen und die Situation anzunehmen, wie sie war. Letzterer schaffte es, dem Verhafteten ein paar Worte zuzuflüstern, bevor sie sich trennen mußten.

»Was ist mit...» Er stieß senkrecht seinen Daumen nach oben, um die Falschmünzerausrüstung anzudeuten.

»In Ordnung«, flüsterte McMurdo, der sich ein sicheres Versteck unter den Dielenbrettern angelegt hatte.

»Dann sag' ich dir auf Wiedersehen«, sagte der Boß und schüttelte ihm die Hand. »Ich werde Rechtsanwalt Reilly aufsuchen und die Kosten für die Verteidigung selbst übernehmen. Nimm mein Wort dafür, daß sie dich nicht festhalten können.«

»Darauf würde ich keine Wette eingehen. Ihr zwei, bewacht den Gefangenen und schießt, wenn er irgendwelche Spielchen versuchen sollte. Ich durchsuche das Haus, bevor ich gehe.«

Das tat er auch, aber anscheinend fand er keine Spur von dem versteckten Münzstock. Als er herunterkam, begleiteten er und seine Leute McMurdo zur Polizeistation. Es war dunkel geworden, und ein eisiger Wind blies, so daß die Straßen beinahe verlassen waren, aber ein paar Bummler riefen, ermutigt durch die Dunkelheit, Verwünschungen hinter dem Gefangenen her.

»Lyncht den verfluchten Scowrer\« riefen sie. »Lyncht ihn!« Sie lachten und höhnten, als er in die Polizeistation hineingestoßen wurde. Nach einer kurzen, formellen Untersuchung durch den diensthabenden Inspektor wurde er in die allgemeine Sammelzelle gebracht. Hier fand er Baldwin und drei andere Verbrecher der vergangenen Nacht vor, die alle an diesem Nachmittag verhaftet worden waren und ihr Verhör am nächsten Morgen erwarteten.

Aber selbst in diese innere Burg des Gesetzes reichte der lange Arm der Freimaurer. Spät in der Nacht kam ein Wärter mit einem Bündel Stroh, auf dem sie schlafen sollten. Daraus hervor zog er zwei Flaschen Whisky, einige Gläser und ein Päckchen Spielkarten. Sie verbrachten eine vergnügliche Nacht, ohne einen ernsthaften Gedanken an das Verhör zu verschwenden, das ihnen bevorstand.

Und sie hatten auch keinen Grund dazu, wie das Ergebnis zeigen sollte. Dem Haftrichter war es nicht möglich, sie auf Grund der Zeugenaussagen für ein Gerichtsverfahren festzuhalten. Einerseits mußten die Drucker und Setzer zugeben, daß das Licht schlecht war und sie selber sehr verstört gewesen waren, sodaß es schwierig für sie war, die Identität der Angreifer zu beschwören, obgleich sie glaubten, daß die Angeschuldigten darunter waren. Als der gerissene Verteidiger, der vermutlich von McGinty bezahlt worden war, sie ins Kreuzverhör nahm, wurden ihre Aussagen noch nebulöser.

Der verletzte Mann hatte inzwischen ausgesagt, daß er so sehr von dem Angriff überrascht worden sei, daß er weiter nichts aussagen könne als die Tatsache, daß der erste Mann, der ihn geschlagen hatte, einen Schnurrbart trug. Er fügte hinzu, er wisse, daß es die Scowrer gewesen seien, denn niemand anders in der Stadt könne ihm derart feindlich gesinnt sein, und man habe ihm schon lange wegen seiner offenen Artikel gedroht. Andererseits war durch eine übereinstimmende, unerschütterliche Zeugenaussage von sechs Bürgern, darunter die des mit hohen Ämtern geehrten Councillors McGinty, klar bewiesen, daß die Männer beim Kartenspiel im Logenhaus zusammengesessen hatten, und zwar weit über die Zeit hinaus, in der der Überfall stattgefunden hatte.

Kaum nötig zu erwähnen, daß sie beinahe noch mit einer Entschuldigung des Richters für das Ungemach, das sie erlitten hatten, aus der Anklagebank entlassen wurden, während Captain Marvin und die Polizei für ihren Übereifer eine Rüge bekamen.

Der Urteilsspruch wurde mit großem Applaus vom Publikum begrüßt, unter dem McMurdo manch bekanntes Gesicht entdeckte. Die Brüder der Loge lächelten und winkten. Aber es gab auch andere, die mit zusammengepreßten Lippen dasaßen und finster vor sich hinbrüteten, als die Männer, einer nach dem anderen, die Anklagebank verließen. Einer von ihnen, ein kleiner dunkelbärtiger, resoluter Geselle, faßte seine und seiner Kameraden Gedanken in Worte, als die Exgefangenen an ihm vorbeikamen.

»Ihr verdammten Mörder!« sagte er. »Wir kriegen euch noch!«