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Das Tal der Furcht.  Arthur Conan Doyle
Kapitel 3. Loge 341,Vermissa
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Am Tag nach dem Abend, der so viele aufregende Ereignisse mit sich gebracht hatte, zog McMurdo aus seinem Quartier beim alten Jacob Shafter aus und fand Unterkunft bei der Witwe MacNamara am äußersten Rand der Stadt. Scanlan, seine erste Bekanntschaft aus dem Zug, hatte kurz danach Gelegenheit, nach Vermissa zu ziehen, und die zwei zogen zusammen. Es gab sonst keine weiteren Mieter, und die Wirtin war eine gemütliche alte Irin, die diese beiden sich selbst überließ. So konnten sie ungeniert miteinander reden und unbeobachtet kommen und gehen, was sehr angenehm ist für Männer, die etwas zu verbergen haben.

Shafter hatte so weit nachgegeben, daß McMurdo die Mahlzeiten bei ihm einnehmen konnte, wann immer er wollte, so daß die Verbindung mit Ettie keineswegs abgebrochen war. Im Gegenteil, sie wurde mit der Zeit immer enger und intimer.

Im Schlafraum seines neuen Quartiers fühlte sich McMurdo sicher genug, die Münzstöcke wieder hervorzuholen, und unter dem Siegel der Verschwiegenheit durften mehrere Brüder der Loge zu ihm kommen und sie sich ansehen. Beim Abschied bekam jeder ein paar Stücke des falschen Geldes mit, das so geschickt gefälscht war, das man es gefahrlos in Umlauf setzen konnte. Warum McMurdo, der eine so wunderbare Kunst verstand, sich überhaupt noch dazu herabließ, zu arbeiten, war den Brüdern ein ständiges Rätsel, obwohl er jedem, der ihn fragte, klarmachte, daß die Polizei ihm bald auf die Spur käme, wenn er ohne erkennbaren Verdienst lebte.

Ein Polizeibeamter war tatsächlich schon hinter ihm her, aber wie der Zufall es wollte, brachte dieser Zwischenfall dem Abenteurer mehr Nutzen als Schaden. Nachdem er erst einmal eingeführt war, gab es wenige Abende, an denen er sich nicht in McGintys Bar einfand, um die >Jungs< besser kennenzulernen, welches die joviale Bezeichnung für die Mitglieder der gefährlichen Bande war, die den Ort unter Kontrolle hielt. Wegen seiner forschen Art und furchtlosen Rede war er bald bei allen beliebt, während die rasche und gekonnte Weise, mit der er einen Gegner bei einer allgemeinen Schlägerei schachmatt setzte, ihm den Respekt der rauhen Gesellschaft einbrachte. Ein anderer Zwischenfall verschaffte ihm allerdings höheres Ansehen.

Eines Abends, als die Bar gerade am allervollsten war, öffnete sich die Tür, und ein Mann in der dunkelblauen Uniform und der Schirmmütze der Grubenpolizei trat ein. Dies war eine spezielle Truppe, die von der Eisenbahn und den Zechen aufgestellt worden war, um die normale Polizei zu unterstützen, die dem organisierten Bandenterror gegenüber praktisch hilflos war. Es wurde still, als er eintrat, und manch neugieriger Blick musterte ihn. Aber die Beziehungen zwischen der Polizei und den Verbrechern sind in manchen Teilen der Vereinigten Staaten eigentümlich, und McGinty selbst, der hinter der Theke stand, zeigte keinerlei Überraschung, als er den Polizisten plötzlich zwischen seinen Gästen sah.

»Einen Whisky pur, denn die Nacht ist scheußlich«, sagte der Polizist. »Ich glaube nicht, daß wir uns schon kennen, Councillor?«

»Dann sind Sie wohl der neue Captain?« fragte McGinty.

»So ist es. Wir verlassen uns auf Sie, Councillor, und die anderen führenden Bürger, daß Sie uns helfen, die Ordnung in dieser Stadt aufrechtzuerhalten. Captain Marvin ist mein Name.«

»Das schaffen wir besser ohne Sie, Captain Marvin«, sagte McGinty kühl. »Wir haben unsere eigene Polizei in der Stadt und brauchen niemanden von außerhalb. Was sind Sie schon anders als das bezahlte Werkzeug des Kapitalismus, angestellt, um ihre armen Mitmenschen in der Stadt niederzuknüppeln oder zu erschießen?«

»Nun, nun, darüber müssen wir uns jetzt nicht streiten«, sagte der Polizeioffizier gutgelaunt. »Ich glaube, wir tun alle unsere Pflicht so, wie wir sie eben verstehen, aber wir verstehen sie nicht alle gleich.«

Er hatte sein Glas ausgetrunken und wandte sich zum Gehen, als sein Blick auf McMurdo fiel, der finster blickend in seiner Nähe stand.

»Hallo! Hallo!« rief er und musterte ihn von oben bis unten. »Hier ist ja ein alter Bekannter!«

McMurdo zog sich weiter von ihm zurück. »Ich bin nie ein Freund von Ihnen oder einem ändern verfluchten Bullen gewesen«, sagte er.

»Ein Bekannter ist nicht immer ein Freund«, sagte der Polizeioffizier grinsend. »Sie sind Jack McMurdo aus Chicago, das ist einmal klar, und das können Sie nicht abstreiten!«

McMurdo zuckte mit der Schulter. »Ich streite es ja nicht ab«, sagte er. »Meinen Sie, ich schäme mich meines eigenen Namens?«

»Sie hätten aber guten Grund dazu.«

»Was zum Teufel meinen Sie damit?« brüllte er und ballte die Fäuste.

»Nein, nein, Jack, Gebrüll verfängt bei mir nicht. Ich war bei der Polizei in Chicago, bevor ich in dieses verdammte Kohlenrevier gekommen bin. Ich erkenne einen Gauner aus der Chicagoer Unterwelt wieder, wenn ich ihn sehe.«

McMurdos Gesicht wurde lang. »Sagen Sie bloß noch, daß Sie Marvin von der Chicagoer Zentrale sind!«

rief er.

»Eben der, der gute, alte Ted Marvin - zu Ihren Diensten. Und daß Jonas Pinto erschossen wurde, das haben wir nicht vergessen.«

»Ich habe ihn nicht erschossen.«

»Nein? Und das ist eine ganz unparteiische Zeugenaussage, oder? Na ja, jedenfalls kam Ihnen sein Tod sehr gelegen, oder man hätte Sie für Falschmünzerei drangekriegt. Nun, vergessen wir, was vergangen ist, denn unter uns gesagt — aber vielleicht sollte ich das gar nicht sagen - hatten wir in Chicago keinen ganz klaren Beweis gegen Sie, und Chicago steht Ihnen jederzeit offen.«

»Mir gefällt es hier auch ganz gut.«

»Na, was denn, ich geh' Ihnen einen guten Tip, und Sie maulen herum, statt mir dankbar dafür zu sein.«

»Na, dann nehme ich mal an, daß Sie es gut meinen, und bin Ihnen dankbar«, sagte McMurdo nicht gerade überfreundlich.

»Ich halte den Mund, solange ich sehe, daß Sie ein anständiges Leben führen«, sagte der Captain, »aber gnade Ihnen Gott, wenn Sie den geraden Weg verlassen - dann sieht die Geschichte anders aus! So, und nun wünsche ich Ihnen eine gute Nacht. Gute Nacht, Councillor.«

Er verließ die Bar, aber nicht ohne für den Ort einen Helden geschaffen zu haben. Über McMurdos Taten im entfernten Chicago war gemunkelt worden. Er hatte alle Fragen mit einem Lächeln abgetan, so wie einer, der seine wahre Größe nicht zugeben will. Aber nun war die Sache offiziell bestätigt worden. Die Barbesucher drängten sich um ihn und schüttelten ihm herzlich die Hand. Von nun an hielt die Gemeinschaft ihn frei. Er konnte viel trinken, ohne sich etwas anmerken zu lassen, aber wenn an diesem Abend nicht sein Kumpel Scanlan gewesen wäre, um ihn nach Hause zu bringen, dann hätte der gefeierte Held gewiß unter der Theke übernachtet.

An einem Samstag abend wurde McMurdo in die Loge eingeführt. Er hatte geglaubt, er würde ohne Zeremonie aufgenommen werden, da er schon in Chicago eingeführt worden war, aber in Vermissa gab es seltsame Riten, auf die sie sehr stolz waren und denen sich jeder Postulant zu unterziehen hatte. Die Gemeinschaft traf in einem großen Raum im Logenhaus zusammen, der für solche Zwecke reserviert war.

Um die sechzig Mitglieder versammelten sich in Vermissa, aber sie repräsentierten in keiner Weise die ganze Stärke der Organisation, denn es gab noch mehrere andere Logen im Tal und weitere in den Nebentälern, zu beiden Seiten hinter den Bergen, die Mitglieder austauschten, wenn es um schwerwiegende Geschäfte ging, so daß ein Verbrechen immer von Männern begangen wurde, die am Ort fremd waren. Insgesamt gab es im Kohlenrevier wohl an die fünfhundert Mitglieder.

In dem kahlen Versammlungsraum saßen die Männer um einen langen Tisch herum beisammen. An der Seite stand einzweiter, beladen mit Flaschen und Gläsern, denen einige Mitglieder schon jetzt ihren Blick zuwandten. McGinty saß am Kopfende des Tisches und hatte eine flache schwarze Samtkappe auf seinem massigen schwarzen Haar und eine violette Stola um den Nacken, so daß er wie ein Priester aussah, der irgendeine teuflische Zeremonie durchführt. Zu seiner Linken und Rechten saßen die höheren Würdenträger der Loge; auch das hübsche, grausame Gesicht Ted Baldwins war darunter. Jeder von ihnen trug einen Schal oder ein Medaillon als Zeichen seines Amtes. Zum größten Teil waren es Männer in reiferen Jahren, doch der Rest der Gesellschaft bestand aus jungen Burschen zwischen achtzehn und fünfundzwanzig, willige Werkzeuge ihrer Oberen, immer bereit, deren Befehle auszuführen. Zwischen den älteren Männern war manch einer, dessen Gesichtszüge schon seine tigerhafte, gesetzlose Seele verrieten, aber wenn man sich die frischen, offenen Gesichter der jungen Leute ansah, war es schwer zu glauben, daß sie in Wirklichkeit eine gefährliche Mörderbande waren, deren Moral so ins Gesetzlose verkehrt war, daß sie noch stolz auf ihre Verbrechen waren und zu dem Mann mit der größten Hochachtung aufsahen, der den Ruf genoß, »saubere Arbeit« zu machen, wenn er »ein Ding drehte«.

Nach ihren verkehrten Begriffen war es eine großartige Heldentat, sich freiwillig zur Vernichtung eines Menschen zu melden, der ihnen nichts zuleide getan hatte und den sie in den meisten Fällen nie in ihrem Leben gesehen hatten. Nach begangener Tat stritten sie sich untereinander, wer den tödlichen Schlag ausgeführt hatte, und amüsierten sich und die Kumpane mit der Beschreibung der Schreie und Todesqualen des Ermordeten.

Anfangs waren es noch heimliche Unternehmungen, über die Stillschweigen bewahrt wurde, aber zu der Zeit, von der unser Bericht handelt, geschahen ihre Taten in aller Öffentlichkeit, denn das wiederholte Versagen des Gesetzes hatte ihnen bewiesen, daß sie unangreifbar waren. Niemand wagte als Zeuge gegen sie aufzutreten. Auch hatten sie eine unbegrenzte Zahl von Entlastungszeugen, auf die sie sich verlassen konnten, und eine gutgefüllte Schatztruhe, um sich den besten Rechtsbeistand im Lande zu leisten. In den zehn langen Jahren ihres bösen Treibens war auch nicht ein einziger von ihnen verhaftet worden, und die einzige Gefahr, die den Scowrer drohte, kam von dem Opfer selbst, das sich gelegentlich trotz ihrer Übermacht und trotz des Überraschungsmoments zur Wehr setzte und sein Zeichen in Form von manchmal tödlichen Verletzungen bei den Angreifern hinterließ.

Man hatte McMurdo gewarnt, daß eine Art Feuerprobe ihm bevorstände, aber niemand hatte ihm sagen wollen, worin sie bestand. Er wurde von zwei Brüdern feierlich hinausgeführt und mußte in einem Nebenraum warten. Durch die Holzwand konnte er das Gemurmel vieler Stimmen von drinnen hören.

Ein- oder zweimal hörte er seinen Namen nennen. Er wußte, sie diskutierten über seine Kandidatur. Dann kam ein Zeremonienmeister, der eine grün-goldene Schärpe über der Brust trug, zu ihm herein.

»Der Meister vom Stuhl befiehlt, ihn entsprechend dem Ritual vorzubereiten und mit verbundenen Augen hereinzuführen«, sagte er.

Die drei zogen ihm die Jacke aus, rollten seinen rechten Hemdsärmel hoch und banden ihm oberhalb der Ellenbogen die Arme am Körper fest. Als nächstes zogen sie ihm eine dicke schwarze Mütze über den Kopf und den oberen Teil seines Gesichts, so daß er nichts sehen konnte. Dann wurde er in den Versammlungsraum geführt.

Es war stockdunkel und sehr drückend unter der Kapuze. Er hörte, wie die Leute um ihn herum sich bewegten und flüsterten, und dann drang gedämpft und wie aus weiter Ferne die Stimme McGintys an seine von der Kapuze verhüllten Ohren.

»John McMurdo«, sagte die Stimme. »Sie sind schon Mitglied des uralten Ordens der Freimaurer?«

Er verneigte sich zustimmend.

»Sie gehören der Loge Nr. 29 in Chicago an?«

Wieder verneigte er sich.

»Dunkle Nächte sind unangenehm«, sagte die Stimme.

»Ja, für Fremde unterwegs«, antwortete er.

»Die Wolken hängen tief.«

»Ja, ein Sturm ist im Anzug.«

»Sind die Brüder zufrieden?« fragte der Meister vom Stuhl.Es gab ein allgemeines Gemurmel der Zustimmung. »Wir wissen, Bruder, durch dein Zeichen und Gegenzeichen, daß du in der Tat einer der Unsrigen bist«, sagte McGinty. »Wir möchten dich aber wissen lassen, daß wir in diesem Bezirk unsere eigenen Riten und Gebräuche haben, die einen ganzen Mann erfordern. Bist du bereit, auf die Probe gestellt zu werden?«

»Das bin ich.«

»Hast du ein festes Herz?«

»Das habe ich.«

»Tritt einen Schritt vor, um es zu beweisen.« Kaum waren diese Worte gesprochen, fühlte er zwei harte Spitzen, die sich gegen seine Augen preßten, so daß es schien, als könne er ohne Gefahr, sein Augenlicht zu verlieren, keinen Schritt vorwärts tun. Trotzdem nahm er allen Mut zusammen und trat entschlossen einen Schritt vorwärts, und als er das tat, schmolz der Druck auf den Augen dahin. Ein beifälliges Gemurmel war zu hören.

»Er hat ein festes Herz«, sagte die Stimme. »Kannst du Schmerzen ertragen?«

»So gut wie jeder andere«, antwortete er. »Prüft ihn!«

Alles, was er tun konnte, war nicht laut aufzuschreien, denn ein furchtbarer Schmerz durchfuhr seinen Unterarm. Von dem plötzlichen Schock wurde er fast ohnmächtig, aber er biß die Zähne zusammen und ballte die Hände zu Fäusten, um seine Schmerzen nicht zu zeigen.

»Etwas mehr kann ich schon vertragen«, sagte er. Diesmal gab es lauten Applaus. So gut hatte noch keiner die Aufnahmeprüfung in die Loge bestanden. Hände klopften ihm auf den Rücken, und die Kapuze wurde ihm vom Kopf gezogen. Umringt von den gratulierenden Brüdern, stand er blinzelnd da und lächelte.

»Noch ein letztes Wort, Bruder McMurdo«, sagte McGinty. »Du hast den Eid auf Geheimhaltung und Treue schon geschworen und bist dir darüber im klaren, daß die Strafe für jeden Verrat der augenblickliche Tod ist?«

»Das weiß ich«, sagte McMurdo.

»Und du unterwirfst dich dem Befehl des jeweiligen Meisters vom Stuhl unter allen Umständen?«

»Ja, ich unterwerfe mich.«

»Dann begrüße ich dich im Namen der Loge 341, Vermissa, an deren Privilegien du jetzt Anteil hast und zu deren Diskussionen du willkommen bist. Bruder Scanlan, stell die Getränke auf den Tisch, wir wollen auf das Wohl unseres ehrenwerten Bruders anstoßen.«

Man brachte McMurdo die Jacke, aber bevor er sie anzog, untersuchte er seinen rechten Arm, der ihm noch sehr weh tat. Im Fleisch seines Unterarmes war ein Kreis mit einem Dreieck darin, tief und rot, wie das Brandeisen es hinterlassen hatte. Einige seiner Nachbarn krempelten ihre Ärmel hoch und zeigten ihm ihr Logenzeichen.

»Wir haben es alle«, sagte einer, »aber keiner von uns war so tapfer wie du.«

»Ach, das war doch gar nichts«, sagte er. Aber es tat trotzdem höllisch weh.

Nach der Zeremonie der Einführung hatten alle Drinks zu sich genommen. Dann ging die normale Arbeit der Loge weiter. McMurdo, der nur die prosaischen Sitzungen in Chicago kannte, lauschte dem, was nun folgte, mit offenen Ohren und war darüber mehr erstaunt, als er zu zeigen wagte.

»Als ersten Punkt der Tagesordnung«, sagte McGinty, »habe ich den folgenden Brief vorzulesen, der von Divisionsmeister Windle von der Loge 249, Merton County, kommt. Er schreibt:

»Dear Sir, gegen Andrew Rae von Rae & Sturmash, Kohlenwerkbesitzer hier in der Nähe, muß etwas unternommen werden. Sie werden sich erinnern, daß Ihre Loge uns einen Gegendienst schuldig ist, nachdem Ihr den Dienst zweier unserer Brüder wegen des Polizisten im letzten Herbst in Anspruch genommen habt. Sendet uns zwei gute Leute. Schatzmeister Higgins von der hiesigen Loge, dessen Adresse Euch bekannt ist, wird sich ihrer annehmen. Er wird ihnen auch sagen, wann und wo sie eingesetzt werden sollen.

Mit brüderlichem Gruß Ihr J. W. Windle, D. M. A. O. F.

Windle hat sich nie geweigert, wenn wir ein oder zwei Männer von ihm brauchten, und deshalb können wir uns auch nicht weigern, wenn er uns um einen Gefallen bittet.« McGinty machte eine Pause und sah sich mit seinen stumpfen, böswilligen Augen im Saal um. »Wer meldet sich freiwillig für diese Arbeit?«

Mehrere junge Männer hielten die Hand hoch. Der Meister sah sie mit zustimmendem Lächeln an.

»Gut, Tiger Cormac. Wenn du das so gut erledigst wie das letztemal, habe ich keine Sorge. Und du, Wilson.«

»Ich habe keine Pistole«, sagte der Freiwillige, ein Junge, der noch keine zwanzig war.

»Das ist wohl dein erster Einsatz, was? Na ja, wir haben alle einmal angefangen und unsere Bluttaufe erlebt. Einen besseren Start kannst du gar nicht haben. Und was die Pistole betrifft, so wartet schon eine auf dich, wenn ich mich nicht irre. Es genügt, wenn ihr euch am Montag meldet. Wir werden euch einen großartigen Empfang bereiten, wenn ihr zurückkommt.«

»Gibt's diesmal eine Belohnung?« fragte Cormac, ein breitgebauter junger Mann mit einem dunklen, brutal aussehenden Gesicht, dessen wilde Grausamkeit ihm den Beinamen »Tiger« eingebracht hatte.

»Vergiß die Belohnung. Ihr tut's der ehrenvollen Sache wegen. Kann sein, daß ich ein paar Dollars auf dem Grund der Kasse finde, wenn die Sache ordentlich gemacht ist.«

»Was hat der Mann getan?« fragte der junge Wilson.

»Es ist ganz gewiß nicht eure Sache zu fragen, was der Mann getan hat. Das geht uns gar nichts an. Man hat ihn dort verurteilt. Wir haben nichts weiter zu tun, als für sie und in ihrem Auftrag das Urteil zu vollstrecken, wie sie es auch für uns tun würden. Da wir gerade dabei sind: Zwei Brüder von der Merton- Loge kommen nächste Woche zu uns, um hier in der Gegend etwas zu erledigen.«

»Wer?« fragte jemand.

»Glaub mir, es ist besser, nicht zu fragen. Wenn du nichts weißt, kannst du nichts aussagen und kommst auch nicht in Schwierigkeiten. Aber es sind Männer, die saubere Arbeit leisten, wenn sie schon mal dabei sind.«

»Das wird auch Zeit!« rief Ted Baldwin. »Das Volk wird ein bißchen übermütig hier in der Gegend. Erst letzte Woche hat Werkmeister Blaker drei von unseren Leuten abgewiesen. Er hat es lange verdient und bekommt auch sein volles Maß.«

»Was bekommt er?« flüsterte McMurdo seinem Nachbarn zu.

»Das geschäftliche Ende durch eine Pistolenkugel!« rief der Mann mit einem lauten Lachen. »Was hältst du von unseren Methoden, Bruder?«

McMurdos Verbrecherseele schien den Geist dieser bösen Gesellschaft, deren Mitglied er nun war, schon voll eingesogen zu haben.

»Ich finde sie nicht übel«, sagte er. »Das ist schon der richtige Platz für einen Mann wie mich.«

Mehrere Leute, die in seiner Nähe saßen, applaudierten.

»Was ist denn los?« rief der schwarzmähnige Meister vom anderen Ende des Tisches her.

»Das war unser neuer Bruder, Sir. Er findet unsere Methoden nach seinem Geschmack.«

McMurdo stand für einen Augenblick auf. »Ich wollte nur sagen, hochverehrter Meister vom Stuhl, wenn ein Mann gebraucht wird, sollte es mir eine Ehre sein, ausgewählt zu werden, um der Loge zu dienen.«

Diesmal gab es großen Applaus. Man hatte das Gefühl, daß eine neue Sonne am Horizont aufgetaucht war. Manchen älteren Mitgliedern ging das allerdings ein bißchen zu schnell.

»Ich möchte beantragen«, sagte Sekretär Harraway, ein alter Graubart mit einem Geiergesicht, der neben dem Meister saß, »daß Bruder McMurdo wartet, bis die Loge es für richtig findet, ihm eine Arbeit zu übertragen.«

»Klar, so hab' ich's auch gemeint. Ich stehe ganz zu eurer Verfügung«, sagte McMurdo.

»Deine Zeit wird kommen, Bruder«, sagte der Meister. »Wir haben gemerkt, daß du ein einsatzbereiter Mann bist, und nehmen an, daß du hier bei uns noch gute Arbeit leisten wirst. Es gibt heute abend eine kleinere Sache, an der du teilnehmen kannst, wenn es dir Spaß macht.«

»Ich warte lieber auf etwas, das sich wirklich lohnt.«

»Du kannst heute abend trotzdem mitkommen. Du verstehst dann besser, wofür wir uns in dieser Gemeinschaft einsetzen. Ich werde später sagen, worum es sich handelt. Inzwischen«, er sah auf seine Agenda, »habe ich der Versammlung noch ein oder zwei Punkte vorzutragen. Zunächst möchte ich unseren Schatzmeister nach dem Stand unseres Bankkontos fragen. Wir müssen eine Pension für Jim Carnaways Witwe zahlen. Er ließ sein Leben im Dienste der Loge, und wir müssen für sie sorgen.«

»Jim wurde letzten Monat niedergeschossen, als sie versucht haben, Chester Wilcox aus Marley Creek kaltzumachen«, klärte McMurdos Nachbar den neuen Bruder auf.

»Im Moment stehen wir ganz gut da«, sagte der Schatzmeister, der die Bankauszüge vor sich liegen hatte.

»Die Firmen sind in letzter Zeit sehr großzügig gewesen. Max Linder & Co. haben fünfhundert gezahlt, damit man sie in Ruhe läßt. Walker Brothers haben uns hundert geschickt, aber ich hielt es für besser, den Scheck zurückzugeben und fünfhundert zu verlangen. Wenn ich bis Mittwoch nichts von ihnen höre, könnte es einen Schaden an ihrem Förderturm geben. Letztes Jahr mußten wir ähnliche Maßnahmen ergreifen, bevor sie Vernunft annahmen. Dann hat die West Section Coaling Company ihren Jahresbeitrag gezahlt. Wir haben genug, um allen Verpflichtungen nachzukommen.«

»Was ist mit Archie Swindon?« fragte ein Bruder. »Er hat alles verkauft und den Bezirk verlassen. Der alte Teufel hinterließ uns ein paar Zeilen, er wolle lieber ein freier Straßenkehrer in New York als ein großer Bergwerksbesitzer in der Macht einer Erpresserbande sein. Bei Gott! Es war sein Glück, daß er schon fort war, ehe der Brief uns erreichte! Ich nehme an, er wird sich hier in diesem Tal nicht noch einmal blicken lassen.«

Ein älterer, glattrasierter Mann mit einem freundlichen Gesicht und einer schönen Stirn, der dem Vorsitzenden gegenüber am anderen Tischende saß, erhob sich.

»Herr Schatzmeister«, »darf ich fragen, wer den Besitz des Mannes, den wir vertrieben haben, erworben hat?«

»Ja, Bruder Morris, den hat die State & Merton County Eisenbahngesellschaft gekauft.«

»Und wer hat die Bergwerke von Todman und Lee gekauft, die letztes Jahr auf die gleiche Weise auf den Markt kamen?«

»Die gleiche Gesellschaft, Bruder Morris.«

»Und wer hat die Eisenwerke von Manson und von Shuman und von Van Deher und von Atwood gekauft?«

»Sie wurden alle von der West Gilmerton General Mining Company gekauft.«

»Ich verstehe nicht, Bruder Morris«, sagte der Vorsitzende, »warum es uns interessieren sollte, wer sie aufkauft, denn mitnehmen können sie sie ja nicht.«

»Ich glaube, verehrter Meister vom Stuhl, daß uns das, mit Verlaub zu sagen, sehr interessieren sollte.

Das läuft nun schon zehn Jahre lang so ab. Wir vertreiben langsam, aber sicher alle kleineren Unternehmer. Und was ist das Ergebnis? An ihrer Stelle haben wir große Gesellschaften wie die Eisenbahn oder die General Mining, die ihre Direktoren in New York oder in Philadelphia sitzen haben und sich um unsere Drohungen nicht kümmern. Wir können mit ihren Bossen am Ort wohl fertigwerden, aber das bedeutet doch bloß, daß andere hergeschickt werden, die an ihre Stelle treten. Und wir machen es für uns selbst gefährlich. Die kleinen Unternehmen konnten uns nicht schaden. Dazu hatten sie weder das Geld noch die Macht. Solange wir sie nicht zu sehr ausquetschten, blieben sie in unserer Gewalt.

Aber wenn diese großen Gesellschaften herausfinden, daß wir zwischen ihnen und ihrem Profit stehen, werden sie weder Ausgaben noch Mühen scheuen, um uns zu jagen und vor den Richter zu bringen.«

Auf diese Worte gab es ein bedrücktes Schweigen. Die Gesichter verdunkelten sich, und düstere Blicke wurden ausgetauscht. Sie waren so allmächtig und unschlagbar gewesen, daß der Gedanke, ihre Taten könnten sich rächen, ihnen nie in den Sinn gekommen war. Und nun jagte dieser Gedanke selbst den Verwegensten kalten Schrecken ein.

»Ich empfehle daher«, fuhr der Redner fort, »daß wir die kleinen Unternehmer ein bißchen pfleglicher behandeln. An dem Tag, an dem wir den letzten vertrieben haben, ist es auch mit unserer Macht zu Ende.«Unwillkommene Wahrheiten sind nicht beliebt. Es wurden wütende Rufe laut, als der Redner sich setzte. McGinty erhob sich mit umwölkter Stirn.

»Bruder Morris«, sagte er, »du bist schon immer ein Schwarzseher gewesen. Solange die Mitglieder dieser Loge zusammenhalten, kann keine Macht in den Vereinigten Staaten ihnen etwas anhaben. Hat sich das nicht oft genug vor den Gerichten erwiesen? Ich nehme an, daß die großen Gesellschaften zu zahlen bequemer finden werden als zu kämpfen, genau wie die kleinen Unternehmen. Und nun, Brüder«, McGinty nahm sein schwarzes Samtbarett und seine Stola ab, »hat diese Loge die Geschäfte dieses Abends erledigt, außer einer kleinen Angelegenheit, die wir noch besprechen können, ehe wir auseinandergehen. Jetzt ist die Zeit für Erfrischungen und ein brüderliches Zusammensein gekommen.«

Wie seltsam ist doch die menschliche Natur. Hier waren Männer, denen Mord nichts Fremdes war, die wieder und immer wieder einen Familienvater niedergestreckt hatten, oft einen Mann, gegen den sie persönlich gar nichts hatten, ohne eine Spur von Gewissensbissen oder Mitleid mit der weinenden Frau und den hilflosen Kindern zu empfinden. Und doch konnte Musik sie zu Tränen rühren. McMurdo hatte eine gute Tenorstimme, und wenn er nicht schon die Wertschätzung seiner Logenbrüder besessen hätte, dann wäre sie ihm jetzt bestimmt zuteil geworden, als er »I'm Sitting on the Stile, Mary« und »On the Banks of Allan Water« sang.

Schon an seinem ersten Abend hatte sich der neue Rekrut bei den Brüdern beliebt gemacht, und sein Aufstieg in ein höheres Amt schien vorgezeichnet. Allerdings gehörten neben guter Kameradschaft noch andere Qualitäten dazu, um ein hierzulande anerkannter Freimaurer zu sein, und von diesen erlebte er ein Beispiel, noch ehe der Abend vorüber war. Die Whiskyflasche hatte viele Male die Runde gemacht, und die Männer waren erhitzt und zu Streit aufgelegt, als ihr Logenmeister noch einmal das Wort an sie richtete.

»Jungs«, sagte er, »es gibt einen Mann in der Stadt, dem das Fell zu jucken scheint, und ihr sollt zusehen, daß dem abgeholfen wird, und es ihm besorgen. Ich spreche von James Stanger vom >Herald<. Habt ihr gelesen, wie er seinen Mund wieder gegen uns aufreißt?«

Es gab zustimmendes Gemurmel, vermischt mit einigen Flüchen. McGinty zog ein Stück Papier aus der Westentasche:

>Recht und Ordnung!< Das ist die Überschrift.

Schreckensherrschaft im Kohlen- und Eisen-Distrikt. Zwölf Jahre ist es nun her seit den ersten Meuchelmorden, die die Existenz einer Verbrecherorganisation in unserer Mitte bewiesen. Von diesem Tage an haben die Greueltaten kein Ende genommen, bis sie jetzt ein unerträgliches Ausmaß erreicht haben. Wir sind zum Schandfleck der zivilisierten Welt geworden. Ist dies das Ergebnis, wenn unser großartiges Land seine Grenzen öffnet und alle Fremden willkommen heißt, die vor dem Despotismus in Europa fliehen? Sollen sie selbst nun als Tyrannen über die Menschen herrschen, die ihnen einst Zuflucht gewährt haben, und soll ein Zustand von Terrorismus und Gesetzlosigkeit ausgerechnet unter dem Sternenbanner der Freiheit etabliert werden, ein Zustand, der uns erschreckt, wenn wir von dessen Existenz in irgendeiner östlichen Monarchie lesen? Die Männer sind bekannt. Die Organisation ist eingetragen und öffentlich. Wie lange sollen wir das ertragen? Können wir bis in alle Ewigkeit so leben..

Ach, ich glaube, ich habe genug von diesem Geschwafel vorgelesen!« rief der Vorsitzende und warf das Papier zusammengeknüllt auf den Tisch. »Das sagt er von uns. Ich richte an euch die Frage: Was wollen wir ihm sagen?«

»Ihn umlegen!« rief ein Dutzend wütender Stimmen.

»Dagegen protestiere ich«, sagte Bruder Morris, der Mann mit der schönen Stirn und dem rasierten Gesicht. »Ich sage euch, Brüder, daß wir in diesem Tal zu scharf vorgehen und daß es einen Tag geben wird, wo sich alle Männer aus reiner Notwehr zusammentun, um uns auszumerzen. James Stanger ist ein alter Mann. Er ist in der Stadt und im ganzen Bezirk angesehen und geachtet. Seine Zeitung steht für alles, was in diesem Tal achtbar und solide ist. Wenn wir diesen Mann umbringen, wird es Unruhe im ganzen Land geben, was nur zu unserer Vernichtung führt.«

»Und wie will man unsere Vernichtung herbeiführen, Mister Hasenfuß?« rief McGinty. »Etwa durch die Polizei? Die Hälfte von ihnen ist von uns bestochen, und die andere Hälfte hat Angst vor uns. Oder durch die Gesetzgebung und den Richter? Haben wir das nicht schon alles gehabt, und was ist draus geworden?«

»Es gibt noch die Lynchjustiz«, sagte Bruder Morris.

Ein allgemeiner Aufschrei der Empörung war die Antwort auf diese Bemerkung.

»Ich brauche nur den Finger zu heben«, rief McGinty, »und ich könnte zweihundert Männer in die Stadt bringen und diese von einem Ende bis zum anderen räumen lassen.«

Dann erhob er plötzlich seine Stimme und zog die Stirn in zornige Falten. »Schau her, Bruder Morris, du bist mir schon eine ganze Weile aufgefallen! Du hast selbst keinen Mut und versuchst, anderen den Mut zu nehmen. Du wirst dich ganz schön umsehen, wenn dein Name auf der Tagesordnung steht und wir über dich verhandeln. Ich denke, genau das ist es, was längst fällig ist und was ich tun sollte.«

Morris war totenblaß geworden, und seine Knie schienen ihm den Dienst zu versagen, so daß er auf seinen Stuhl zurücksank. Er hob sein Glas mit zitternder Hand und trank, ehe er antworten konnte. »Ich bitte dich, sehr ehrwürdiger Meister vom Stuhl, und alle Brüder der Loge um Entschuldigung, wenn ich mehr gesagt habe, als ich sollte. Ich bin ein treues Logenmitglied - das wißt ihr alle -, und es ist nur die Furcht, daß es der Loge schlecht ergehen könnte, die mich so ängstliche Worte reden ließ. Aber deinem Urteil, sehr ehrwürdiger Meister vom Stuhl, vertraue ich mehr als meinem eigenen, und ich verspreche, daß ich nicht wieder Anlaß zum Tadel geben werde.«

Das wütende Gesicht des Logenmeisters glättete sich, als er den ergebenen Worten lauschte. »Nun gut, Bruder Morris, ich würde es ja selbst bedauern, wenn ich dir eine Lektion erteilen müßte. Aber solange ich auf diesem Stuhle sitze und den Vorsitz führe, werden wir in Wort und Tat eine einige Loge sein. Und nun, Jungs«, fuhr er fort und schaute sich in der Runde um, »will ich nur soviel sagen: Wenn Stanger das bekäme, was er verdient, werden wir mehr Schwierigkeiten kriegen, als uns lieb ist. Diese Zeitungsleute halten alle zusammen, und im ganzen Land würde jedes Blatt nach der Polizei und der Armee rufen. Aber ich denke, eine ernsthafte Verwarnung könnt ihr ihm schon erteilen. Willst du das besorgen, Bruder Baldwin?«

»Gern!« sagte der junge Mann eifrig.

»Wieviel Mann willst du mitnehmen?«

»Ein halbes Dutzend und zwei als Wache an der Tür. Du kommt mit, Gower, und du, Mansel, und du, Scanlan, und die beiden Willabys.«

»Ich habe dem neuen Bruder versprochen, er dürfe mitkommen«, sagte der Vorsitzende.

Ted Baldwin sah McMurdo mit einem Blick an, der zeigte, daß er weder vergeben noch vergessen hatte.

»Er kann ja mitkommen, wenn er unbedingt will«, sagte er mürrisch. »Das genügt. Je eher wir an die Arbeit gehen, desto besser.«

Es gab einen allgemeinen Aufbruch mit Rufen, Schreien und Fetzen eines Trinkliedes. Die Bar war immer noch voll von Gästen, und viele der Brüder blieben dort. Die kleine Bande, die für den Dienst auserkoren war, begab sich auf die Straße und ging in Gruppen zu zweien oder dreien den Bürgersteig entlang, um kein Aufsehen zu erregen. Es war eine bitterkalte Nacht mit einem hellglänzenden Halbmond am frostig-klaren, sternenbe-säten Himmel. Die Männer hielten an und versammelten sich in einem Hof vor einem großen Gebäude. Zwischen den hellerleuchteten Fenstern las man in Goldbuchstaben die Worte »Vermissa Herald«. Von innen kam das Getöse und Rasseln der Druckmaschinen.

»He! Du da«, sagte Baldwin zu McMurdo, »du kannst hier unten an der Tür stehen und aufpassen, daß die Straße für uns frei ist. Arthur Willaby kann bei dir bleiben. Die anderen kommen mit mir. Habt keine Angst, Jungs, denn wir haben ein Dutzend Zeugen, daß wir in diesem Augenblick in der Bar des Vereinshauses sind.«

Es war nahezu Mitternacht und die Straßen waren verlassen bis auf ein oder zwei Zecher, die auf dem Heimweg waren. Der Trupp überquerte die Straße und stieß die Tür zum Büro der Zeitung auf. Die Männer stürmten hinein und die Treppe hinauf, die vor ihnen lag. McMurdo und der andere blieben unten. Aus dem oberen Zimmer kam ein Ruf, ein Schrei um Hilfe, und dann das Geräusch trampelnder Füße und fallender Stühle. Einen Augenblick später erschien ein grauhaariger Mann auf dem Treppenabsatz.

Er wurde gepackt, bevor er fliehen konnte, und seine Brille fiel mit leisem Klirren McMurdo vor die Füße. Da war ein Fall und ein Stöhnen. Er lag auf dem Gesicht, und ein halbes Dutzend Knüppel schlugen auf ihn ein. Er wand sich, und seine langen, dünnen Glieder zuckten unter den Schlägen. Die

anderen hörten schließlich auf, aber Baldwin, mit einem teuflischen Grinsen auf dem grausamen Gesicht, hieb weiter auf den Kopf des Mannes ein, den dieser vergebens mit seinen Armen zu schützen versuchte.

Sein weißes Haar war mit Blut befleckt. Baldwin war immer noch über sein Opfer gebeugt und versetzte ihm kurze, bösartige Schläge, wann immer er eine schutzlose Stelle sah, als McMurdo die Treppe hinaufstürmte und ihn zurückstieß.

»Du bringst den Mann um!« schrie er. »Hör auf!« Baldwin sah in verblüfft an. »Verflucht noch mal!«

schrie er. »Wie kommst du eigentlich dazu, dich hier einzumischen, ausgerechnet du, ein Neuer in der Loge? Zurück, Mann!«

Er erhob den Knüppel. Aber McMurdo hatte seine Pistole aus der Hüfttasche gezogen.

»Selber zurück!« rief er. »Ich schieße dich über den Haufen, falls du es wagen solltest, mich anzurühren.

Und was die Loge anbelangt, so lautete der Befehl des Meisters ausdrücklich, den Mann nicht umzubringen — und was tust du anderes, als ihn totzuschlagen?«

»Das ist wahr, was er sagt«, bemerkte einer der Männer.

»Zum Donnerwetter, beeilt euch lieber ein bißchen!« rief der Mann von unten. »Die Fenster werden überall hell, und in ein paar Minuten habt ihr die ganze Stadt hier.«

Tatsächlich hörte man schon Rufe auf der Straße, und eine kleine Gruppe von Setzern, Druckern und ändern Zeitungsleuten formierte sich unten in der Diele und versuchte Mut zum Handeln zu fassen. Die Verbrecher ließen den schlaffen, regungslosen Körper des Redakteurs auf dem Treppenabsatz liegen, eilten die Treppe hinunter und machten sich eilig davon. Als sie das Vereinshaus erreicht hatten, mischten sich einige von ihnen unter die Menge in McGintys Bar und flüsterten dem Boß über die Theke zu, daß der Job zufriedenstellend ausgeführt sei. Die anderen, darunter auch McMurdo, verteilten sich auf die Seitenstraßen und gelangten auf verschiedenen Umwegen nach Hause.