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Der Glöckner von Notre Dame.  Victor Hugo
Kapitel 1. Abbas Beati Martini
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Der Ruf Dom Claude's hatte sich weithin verbreitet. Dieser verschaffte ihm ohngefähr um die Zeit, als er sich weigerte, Frau von Beaujeu zu sehen, einen Besuch, für den er lange Zeit hindurch sich die Erinnerung bewahrte.

Es war an einem Abende. Claude hatte sich nach Beendigung der Messe soeben in seine Stiftspfründezelle im Kloster Notre-Dame zurückgezogen. Diese bot, ausgenommen vielleicht einige Glasfläschchen, die in die Ecke gestellt und mit einem ziemlich verdächtigen Pulver, das ganz dem Schießpulver ähnelte, gefüllt waren, nichts Auffälliges und Geheimnisvolles dar. Hier und da fanden sich auch einige Inschriften an der Wand; aber das waren nur wissenschaftliche oder fromme Sentenzen, die aus guten Schriftstellern entlehnt worden waren. Der Archidiaconus hatte sich soeben beim Lichte eines dreiarmigen Leuchters aus Kupfer vor einer mächtigen, mit Handschriften gefüllten Truhe niedergelassen. Er hatte seinen Ellbogen auf das weitgeöffnete Buch des Honorius von Autun: »De praedestinatione et libero arbitrio« gestützt und durchblätterte im tiefen Nachdenken einen gedruckten Folianten, den er soeben herbeigeholt hatte, und welcher das einzige Erzeugnis der Buchdruckerpresse war, das seine Zelle umschloß. Während er im Nachsinnen versunken war, klopfte man an seine Thür.

»Wer ist da?« rief der Weise mit dem freundlichen Tone einer hungrigen Dogge, die man bei ihrem Knochen stört. Eine Stimme antwortete von draußen: »Euer Freund Jacob Coictier.« Er erhob sich, um zu öffnen.

Es war in Wirklichkeit der Leibarzt des Königs: eine Persönlichkeit von ohngefähr fünfzig Jahren, deren harter Gesichtsausdruck nur durch einen listigen Blick gemildert wurde. Ein anderer Mann begleitete ihn. Alle beide trugen ein langes, schieferfarbiges, mit Grauwerk gefüttertes Kleid, das zugenestelt und in der Mitte des Leibes von einem Gürtel gehalten wurde; die Kopfbedeckung war von demselben Stoffe und derselben Farbe. Ihre Hände verschwanden in den Aermeln, ihre Füße unter den Kleidern, die Augen waren von ihren Mützen beschattet.

»So wahr Gott mir helfe, meine Herren!« sprach der Archidiaconus, indem er sie in die Zelle hereinführte, »ich machte mich auf so ehrenvollen Besuch zu solcher Stunde nicht gefaßt.« Und während er in dieser höflichen Weise sprach, warf er einen unruhigen und forschenden Blick vom Arzte auf dessen Begleiter.

»Es ist niemals zu spät, einem so bedeutenden Gelehrten, wie Dom Claude Frollo von Tirechappe, seinen Besuch zu machen,« antwortete der Doctor Coictier, dessen hochburgundische Aussprache alle seine Worte mit der Würde eines Schleppkleides hinschleifen ließ.

Dann begann zwischen dem Arzte und dem Diaconus eine jener beglückwünschenden Vorreden, die, wie es in diesem Zeitabschnitte so gebräuchlich war, jeder Unterhaltung unter Gelehrten vorangingen, und die sie nicht verhinderte, sich in der herzlichsten Weise von der Welt zu verabscheuen. Uebrigens ist es heute noch so: jeder Mund eines Gelehrten, der einen andern beglückwünscht, ist ein Gefäß mit honigsüßer Galle.

Die Glückwünsche Claude Frollo's für Jacob Coictier bezogen sich hauptsächlich auf die zahlreichen irdischen Vortheile, welche der würdige Arzt im Fortgange seiner vielbeneideten Laufbahn aus jeder Krankheit des Königs zu ziehen verstanden hatte: – freilich die Wirkung einer besseren und sichereren Alchymie, als das Suchen nach dem Steine der Weisen.

»In Wahrheit, Herr Doctor Coictier, ich habe große Freude gehabt, die Beförderung Eures Neffen, meines ehrwürdigen Herrn Peter Versé, zum Bischofe zu vernehmen. Ist er nicht Bischof von Amiens?«

»Ja, Herr Archidiaconus, das ist ein Huld- und Gnadengeschenk Gottes.«

»Wisset Ihr, daß Ihr am Weihnachtstage ein wahrhaft großartiges Aussehen zeigtet an der Spitze Eures Rechnungskammer-Collegiums, Herr Präsident?«

»Vice-Präsident, Dom Claude. Leider nicht mehr!«

»Wie weit seid Ihr mit Eurem prächtigen Hause in der Straße Saint-André-des-Arcs? Das ist ein zweiter Louvre. Mir gefällt besonders der Aprikosenbaum, welcher über der Thüre ausgemeißelt ist, mit dem spaßhaften Wortspiele: A L'ABRI COTIER.«

»Ach, Meister Claude, dieser ganze Steinmetzfleiß kostet mich schweres Geld. In dem Maße, wie mein Haus emporwächst, geht's mit mir abwärts.«

»Oho! Habt Ihr denn nicht Eure Einkünfte vom Stockhause und vom Amtsbezirke des Justizpalastes, und die Rente von allen Häusern, Fleischbänken, Meß- und Marktbuden innerhalb der Ringmauer? Das heißt doch eine gute Kuh melken.«

»Meine Burgbanngerichtsbarkeit von Poissy hat mir in diesem Jahre nichts eingebracht.«

»Aber Eure Zollhäuser in Triel, Saint-James und Saint-Germain-en-Laye sind immer rentabel.«

»Hundertundzwanzig Livres, nicht einen Pariser Sou drüber.«

»Ihr habt Euer Amt als Rath des Königs. Das hat feste Einnahmen, das Amt.«

»Ja, Amtsbruder Claude; aber die verdammte Lehnsherrschaft Poligny, von der man so viel Geschrei macht, bringt mir, ein Jahr ins andere gerechnet, nicht sechzig Goldthaler ein.«

Es lag in den Glückwünschen, welche Dom Claude an Jacob Coictier richtete, jener hämische, spitze und unmerklich spöttische Ton, jenes verdrießliche und herbe Lächeln eines überlegenen und unglücklichen Menschen, der zur Zerstreuung einen Augenblick einen gewöhnlichen Menschen mit seinem dummen Glücke foppt. Der andere merkte das nicht.

»Bei meiner Seele,« sagte schließlich Claude, indem er ihm die Hand drückte, »es freut mich, Euch bei so guter Gesundheit zu finden.«

»Danke, Meister Claude.«

»Was ich fragen wollte,« rief Dom Claude, »was macht Euer königlicher Patient?«

»Er bezahlt seinen Arzt nicht hinlänglich,« antwortete der Doctor und warf einen Seitenblick auf seinen Begleiter.

»Findet Ihr, Gevatter Coictier?« sagte der Begleiter.

Diese Worte, im Tone der Ueberraschung und des Tadels gesprochen, lenkten auf diese unbekannte Persönlichkeit wieder die Aufmerksamkeit des Archidiaconus hin, der, um die Wahrheit zu sagen, sich nicht einen einzigen Augenblick, seitdem der Fremde die Schwelle der Zelle überschritten, ganz von ihm weggewandt hatte. Es hatte gerade der vielen Gründe, die er besaß, bedurft, den Doctor Jacob Coictier, den allmächtigen Leibarzt Ludwig des Elften, sich zu Nutze zu machen, um ihn in solcher Begleitung zu empfangen. Daher hatte seine Miene nichts sehr Verbindliches, als Jacob Coictier zu ihm sagte:

»Noch eins, Dom Claude, ich bringe Euch einen Mitbruder, der Euch auf Euren Ruf hin zu sehen gewünscht hat.«

»Der Herr ist Gelehrter?« fragte der Archidiaconus und heftete sein durchdringendes Auge auf den Begleiter Coictiers. Er fand unter den Brauen des Unbekannten einen ebenso durchbohrenden und ebenso argwöhnischen Blick, als der seinige war. Der Unbekannte war, soweit der schwache Schein der Lampe ihn zu beurtheilen gestattete, ein Greis von ohngefähr sechzig Jahren und von mittlerer Statur, die ziemlich krank und gebrochen erschien. Sein Gesicht, wiewohl von sehr alltäglichem Schnitte, zeigte etwas Gewaltiges und Strenges; sein durchdringender Blick funkelte unter einer mächtig geschwungenen Augenbraue wie ein Licht in der Tiefe einer Höhle; und unter der herabgezogenen Mütze, welche ihm auf die Nase fiel, bemerkte man die mächtige Breite einer genialen Stirn hervortreten.

Er übernahm es selbst, auf die Frage des Archidiaconus zu antworten: »Ehrwürdiger Meister,« sagte er in ernstem Tone, »Euer Ruf ist bis zu mir gedrungen, und ich habe gewünscht, Euch um Rath anzugehen. Ich bin nur ein armer Edelmann aus der Provinz, der seine Schuhe auszieht, ehe er bei den Gelehrten eintritt. Ihr sollt meinen Namen wissen: ich nenne mich den Gevatter Tourangeau.«

»Merkwürdiger Name für einen Edelmann!« dachte der Archidiaconus. Indessen fühlte er, daß er einer bedeutenden und ernsten Angelegenheit gegenüber stand. Der Instinkt seiner hohen Intelligenz ließ ihn eine ebenso hohe unter der gefütterten Mütze des Gevatters Tourangeau ahnen; und während er dieses ernste Antlitz betrachtete, verschwand das ironische Zucken, welches die Gegenwart Jacob Coictiers auf seinem mürrischen Gesichte hervorgebracht hatte, allmählich wie das Abendroth am nächtlichen Horizonte. Er hatte sich düster und schweigend wieder in seinem großen Armstuhle niedergelassen, sein Ellbogen hatte den gewohnten Platz wieder auf dem Tische, seine Stirne in der Hand eingenommen. Nach einigen Augenblicken stillen Nachdenkens gab er den beiden Besuchern ein Zeichen, sich zu setzen und richtete das Wort an Gevatter Tourangeau:

»Ihr kommt mich um Rath zu fragen, Meister, und über welchen Gegenstand der Wissenschaft?«

»Ehrwürdiger,« antwortete der Gevatter Tourangeau, »ich bin krank, sehr krank. Man nennt Euch einen großen Aesculap, und ich bin gekommen, Euch um Verordnung eines Arzneimittels zu ersuchen.«

»Eines Arzneimittels!?« sagte der Archidiaconus und schüttelte unwillig das Haupt. Er schien sich einen Augenblick lang zu besinnen und entgegnete: »Gevatter Tourangeau, da das nun einmal Euer Name ist, wendet das Haupt um. Ihr werdet meine Antwort deutlich an die Wand geschrieben finden.«

Der Gevatter Tourangeau gehorchte und las über seinem Haupte folgende, in die Mauer eingekratzte Inschrift: »Die Heilkunde ist die Tochter leerer Träume. – Jamblichus.«

Der Doctor Jacob Coictier hatte jedoch die Frage seines Begleiters mit einem Mißbehagen vernommen, welches die Antwort Dom Claude's noch gesteigert hatte. Er neigte sich zum Ohre des Gevatters Tourangeau und sagte leise genug, um nicht vom Archidiaconus verstanden zu werden, zu ihm: »Ich hatte Euch ja berichtet, daß er ein Narr wäre. Ihr habt ihn sehen wollen!«

»Es ist doch sehr leicht möglich, daß er Recht hätte, dieser Narr, Doctor Jacob!« entgegnete der Gevatter im nämlichen Tone und mit bitterem Lächeln.

»Wie es Euch belieben wird,« entgegnete Coictier trocken. Dann wandte er sich an den Archidiaconus: »Ihr seid rasch im Urtheil, Dom Claude, und um den Hippokrates kaum mehr verlegen, als ein Affe um eine Haselnuß. Die Heilkunde ein Traum! Ich zweifle, daß die Apotheker und Doctoren, wenn sie hier wären, sich enthalten würden, Euch zu steinigen. Also Ihr läugnet den Einfluß der Zaubertränke auf das Blut, den der Salben auf das Fleisch! Ihr läugnet diese ewige Apotheke voll Blüten und Metalle, welche man Welt nennt, und die ausdrücklich für diesen Kranken geschaffen ist, welcher Mensch heißt.«

»Ich läugne weder die Kunst des Apothekers noch die Krankheiten der Menschen,« sprach Dom Claude kalt. »Vom Arzte will ich nichts wissen.«

»Also ist es nicht wahr,« fuhr Coictier mit Eifer fort, »daß die Gicht eine Flechte im Innern sei; daß man eine Schußwunde durch Auflegen einer gebratenen Maus heilt; daß jugendliches und in angemessener Weise eingespritztes Blut alten Adern die Jugend wiedergiebt? Es ist nicht wahr, daß zweimal zwei vier ist, und daß die Emprostothonie auf die Opistothonie folgt?«

Der Archidiaconus antwortete, ohne sich zu erregen: »Es giebt gewisse Dinge, über die ich in bestimmter Weise denke.«

Coictier wurde roth vor Zorn.

»Nun, nun, mein guter Coictier, ereifern wir uns nicht,« sagte der Gevatter Tourangeau. »Der Herr Archidiaconus ist unser Freund.«

Coictier wurde ruhig und brummte mit halber Stimme vor sich hin:

»Trotz alledem ist er ein Narr!«

»Beim allmächtigen Gott, Meister Claude,« begann der Gevatter Tourangeau wieder nach einem Schweigen, »Ihr bereitet mir viel Ungelegenheit. Ich hatte vor, Euch um zwei Gutachten zu bitten: das eine betrifft meinen Gesundheitszustand, das andere meinen Stern und mein Geschick.«

»Herr,« versetzte der Archidiaconus schnell, »wenn das Eure Meinung ist, so würdet Ihr ebenso wohl gethan haben, Euch auf den Stufen meiner Treppe nicht außer Athem zu steigen. Ich glaube nicht an die Heilkunde. Ich glaube nicht an Astrologie.«

»In Wahrheit!« sagte der Gevatter überrascht.

Coictier brach in ein erzwungenes Lachen aus.

»Ihr sehet wohl, daß er ein Narr ist,« sprach er ganz leise zum Gevatter Tourangeau. »Er glaubt nicht an die Astrologie!«

»O, über die Einbildung,« fuhr Dom Claude fort, »zu glauben, daß jeder Sternstrahl ein Faden sei, der am Haupte eines Menschen haftet!«

»Und woran glaubt Ihr denn?« rief der Gevatter Tourangeau aus.

Der Archidiaconus blieb einen Augenblick zweifelhaft; dann ließ er ein düstres Lächeln um seine Züge spielen, welches seine Antwort Lügen zu strafen schien: »Credo in Deum.«

»Dominum nostrum,« fügte der Gevatter Tourangeau mit dem Zeichen des Kreuzes hinzu.

»Amen,« sprach Coictier.

»Verehrter Meister,« nahm der Gevatter wieder das Wort, »ich bin in der Seele erfreut, Euch bei so gutem Glauben zu finden. Aber ein großer Gelehrter wie Ihr, seid Ihr auf dem Punkte angelangt, nicht mehr an die Wissenschaft zu glauben?«

»Nein,« sagte der Archidiaconus, indem er den Arm des Gevatter Tourangeau ergriff, und ein Strahl der Begeisterung flammte in seinem trüben Auge auf, »nein, ich läugne die Wissenschaft nicht. Ich bin nicht so lange, auf dem Leibe liegend und die Nägel in die Erde gegraben, durch die zahllosen Seitenpfade der Höhle gekrochen, ohne in der Ferne vor mir, am Ende des dunkeln Ganges ein Licht, eine Flamme, ein Etwas zu erblicken, zweifelsohne den Abglanz des blendenden Centralfeuers, wo Dulder und Weise die Gottheit erspähet haben.«

»Und schließlich,« unterbrach ihn Tourangeau, »was haltet Ihr für wahr und gewiß?«

»Die Alchymie.«

Coictier rief laut: »Bei Gott, Dom Claude, die Alchymie hat ohne Zweifel ihr Recht, aber weshalb die Heilkunde und die Astrologie lästern?«

»Nichts ist es mit Eurer Kenntnis des Menschen! Nichts mit Eurer Kenntnis des Himmels!« sagte der Archidiaconus mit Hoheit.

»Das heißt schonungslos mit Epidaurus und Chaldäa verfahren,« entgegnete der Arzt hohnlächelnd.

»Höret, werther Herr Jacob. Das ist im guten Glauben gesprochen. Ich bin nicht der Leibarzt des Königs und Seine Majestät hat mir nicht den Garten Dädalus geschenkt, um da die Sternbilder zu beobachten .... Ereifert Euch nicht und höret mich an .... Welche Wahrheit habt Ihr – ich sage nicht in der Heilkunde, denn die ist ein allzu thörichtes Etwas, – sondern in der Astrologie gefunden? Nennet mir die Wirksamkeit des senkrechten Boustrophedon, die Funde aus der Zahl Ziruph und diejenigen aus der Zahl Zephirod.«

»Wollt Ihr,« sprach Coictier, »die sympathische Kraft des Schlüssels Salomonis und das, was cabbalistisch im Abtriftswinkel ist, läugnen?«

»Alles Irrthum, werther Herr Jacob! keine Eurer Formeln führt zur Wirklichkeit. Dagegen hat die Alchymie ihre Entdeckungen aufzuweisen. Wollet Ihr Ergebnisse, wie die folgenden, bestreiten? Das in der Erde tausend Jahre lang eingeschlossene Eis verwandelt sich in Bergkrystall. Das Blei ist der Ahne aller Metalle; denn das Gold ist kein Metall, das Gold ist Licht. Das Blei braucht nur vier Perioden, jede von zweihundert Jahren, um nach und nach aus dem Zustande von Blei in den von rothem Arsenik, vom rothen Arsenik zum Zinn, vom Zinn zum Silber überzugehen. Sind das nicht Thatsachen? Aber an den Schlüssel Salomonis, an die Berührungslinie zweier Körper und an die Sterne zu glauben, das ist gerade so lächerlich, als wie die Einwohner von Grand-Cathay zu glauben, daß die Goldamsel sich in einen Maulwurf und die Getreidekörner in karpfenartige Fische verwandeln!«

»Ich habe die Alchymie studirt,« rief Coictier aus, »und ich versichere ....«

Der ungestüme Archidiaconus ließ ihn nicht aussprechen. »Und ich, ich habe Medicin, Astrologie und Alchymie studirt. In letzterer allein liegt die Wahrheit« (während er so sprach, hatte er aus der Truhe eine mit jenem Pulver gefüllte Phiole genommen, von dem wir weiter oben gesprochen haben), »in ihr allein ist Licht! Hippokrates – ein Traum; Urania – ein Traum; Hermes – es ist eine Meinung. Das Gold – es ist die Sonne; Gold machen – das heißt Gott sein. Das ist die einzige Wissenschaft. Ich habe die Heilkunde und die Astrologie erforscht, sage ich Euch! Nichts, nichts ist's mit ihnen. Der menschliche Körper – alles Dunkelheit! Die Sterne – Dunkelheit!«

Und er fiel mit gewaltiger und begeisterter Haltung in seinen Lehnstuhl zurück. Der Gevatter Tourangeau betrachtete ihn schweigend. Coictier zwang sich höhnisch zu lächeln, hob unmerklich die Schultern und wiederholte mit leiser Stimme: »Ein Narr!«

»Und,« sagte plötzlich Tourangeau, »der wunderbare Endzweck, habt Ihr ihn erreicht? Habt Ihr Gold gemacht?«

»Wenn ich es gemacht hätte,« erwiderte der Archidiaconus und hob langsam seine Worte hervor, wie ein Mensch, der in Nachdenken versunken ist, »würde der König von Frankreich Claude und nicht Ludwig heißen.«

Der Gevatter runzelte die Stirne.

»Was sage ich da?« fuhr Dom Claude mit verächtlichem Lächeln fort. »Was würde der Thron von Frankreich für mich bedeuten, wenn ich das Reich des Orientes wieder aufrichten könnte?«

»Das laß ich mir gefallen!« sagte der Gevatter.

»Ach, der arme Narr!« murmelte Coictier.

Der Archidiaconus, der sich nur noch mit seinen Gedanken zu unterhalten schien, fuhr fort:

»Doch nein, ich liege noch im Staube; ich stoße mir Gesicht und Knien wund an den Steinen des Weges zum Innern der Erde. Ich erkenne wohl, aber ich sehe noch nicht deutlich: ich lese noch nicht, ich buchstabire nur!«

»Und wenn Ihr lesen könnt,« fragte der Gevatter, »werdet Ihr Gold machen?«

»Wer zweifelt daran?« sagte der Archidiaconus.

»Für diesen Fall, die heilige Jungfrau weiß es, bin ich des Goldes sehr bedürftig, und ich möchte wohl in Euren Büchern lesen lernen. Sagt mir, verehrter Meister, ist Eure Wissenschaft Unserer lieben Frau feindlich gesinnt oder mißfällig?«

Auf diese Frage des Gevatters begnügte sich Dom Claude mit stolzer Ruhe zu erwidern:

»In wessen Diensten stehe ich als Archidiaconus?«

»Es ist wahr, lieber Meister. Nun wohl! Würdet Ihr die Güte haben, mich einzuweihen? Lasset mich mit Euch buchstabiren.«

Claude nahm die majestätische und hohepriesterliche Haltung eines Samuel an.

»Alter Mann, um diese Reise mitten durch die Welt der Geheimnisse zu unternehmen, braucht's längere Jahre, als Ihr noch vor Euch habt. Euer Haupt ist sehr grau! Wohl verläßt man den dunkeln Weg nur mit weißem Haupthaar, aber man betritt ihn nur mit dunkelm. Die Wissenschaft vermag schon für sich allein die menschlichen Gesichter hohl zu machen, zu bleichen und einzutrocknen; sie hat nicht nöthig, daß das Alter ihr völlig runzlige Gesichter zuführe. Wenn Ihr indessen von der Begierde besessen seid, Euch in Eurem Alter der Unterweisung zu unterwerfen und das furchtbare Alphabet der Weisheit zu entziffern, wohlan, kommt zu mir, ich will's versuchen. Euch will ich nicht heißen, armer Alter, Euch aufzumachen, um die Grabkammern der Pyramiden aufzusuchen, von denen der alte Herodot spricht, auch nicht den Backsteinthurm zu Babylon, noch das ungeheure, weißmarmorne Allerheiligste des indischen Tempels zu Eklinga. Gerade wie Ihr habe auch ich nicht die chaldäischen Mauern gesehen, die nach der geheiligten Form des Sikra errichtet waren, noch den Tempel des Salomo, der zerstört ist, auch nicht die steinernen Thüren am Grabmale der Könige Israels, die längst gebrochen sind. Wir wollen uns zufrieden geben mit den Ueberresten vom Buche des Hermes, welches wir hier haben. Ich werde Euch die Bildsäule des heiligen Christoph, das Sinnbild des Säemannes erklären, und diejenigen der beiden Engel, die sich am Portale der Heiligen Kapelle befinden, und von denen der eine seine Hand in einem Gefäße und der andere in einer Wolke hat ...«

Nach diesen Worten setzte sich Jacob Coictier, den die hitzigen Einwürfe des Archidiaconus verblüfft hatten, wieder auf den Sessel und unterbrach ihn im triumphirenden Tone eines Gelehrten, der einen andern über etwas zurechtweist: »Erras, amice Claudi. Das Symbol ist keine Zahl. Ihr nehmt Orpheus für Hermes.«

»Ihr seid vielmehr im Irrthume,« entgegnete würdevoll der Archidiaconus. »Dädalus ist die Grundmauer, Orpheus die Mauer, Hermes aber ist das Gebäude, ist das Ganze. Möget Ihr kommen, wann Ihr wollt,« fuhr er gegen Tourangeau sich wendend fort, »ich will Euch die Goldtheilchen zeigen, die im Schmelztiegel des Nicolaus Flamel zurückgeblieben sind, und Ihr möget sie mit dem Golde Wilhelms von Paris vergleichen. Ich werde Euch die geheimen Kräfte des griechischen Wortes ›Peristera‹ lehren. Vor allem aber will ich Euch die marmornen Buchstaben des Alphabets, die steinernen Seiten des Buches eine nach der andern lesen lassen. Vom Portale des Bischofs Wilhelm und von Saint-Jean-le-Rond wollen wir zur Heiligen Kapelle, hierauf zum Hause Nicolaus Flamels, in der Rue Mariveaulx, dann zu seinem Grabmale auf dem Kirchhofe Saints-Innocents, endlich zu seinen beiden Krankenhäusern in der Rue Montmorency gehen. Ich werde Euch die Hieroglyphen lesen lassen, mit denen die vier mächtigen eisernen Feuerböcke am Eingangsthore des Hospitals Saint-Gervais und desjenigen in der Rue-de-la-Ferronnerie bedeckt sind. Wir wollen auch zusammen die Façaden von Saint-Côme, von Saint-Geneviève-des-Ardents, von Saint-Martin, von Saint-Jacques-de-la-Boucherie buchstabiren ...«

So klug das Auge Tourangeau's dreinschaute, so schien er doch schon lange Dom Claude nicht mehr zu begreifen. Er unterbrach ihn:

»Zum Teufel auch! Wie verhält sich denn das mit Euern Büchern?«

»Hier ist eins davon,« sprach der Archidiaconus.

Und indem er das Fenster der Zelle öffnete, deutete er mit dem Finger auf die mächtige Notre-Damekirche, welche am gestirnten Himmel die schwarzen Umrisse ihrer beiden Thürme, ihrer steinernen Flächen und ihres mächtigen Dachrückens abhob und einer ungeheuern, zweiköpfigen Sphinx glich, die sich mitten in der Stadt niedergesetzt hatte.

Der Archidiaconus betrachtete das Riesengebäude eine Zeit lang schweigend, dann streckte er mit einem Seufzer die rechte Hand nach dem gedruckten Buche, welches geöffnet auf dem Tische lag, die linke nach der Notre-Damekirche aus und sagte, während er einen traurigen Blick vom Buche zur Kirche hinüberschweifen ließ: »Wehe! dies wird jenes vernichten.«

Coictier, der sich mit Begierde dem Buche genähert hatte, konnte den Ausruf nicht unterdrücken: »Ei, aber! was giebt es denn so Schreckliches in diesem ›Glossa in epistolas D. Pauli. Norimbergae, Antonius Koburger, 1474‹. Das ist nichts Neues. Das ist ein Buch des Petrus Lombardus, der Magister sententiarum. Vielleicht deshalb, weil es gedruckt ist?«

»Ihr habt es ausgesprochen,« antwortete Claude, der in tiefes Nachdenken versunken schien, und, den eingebogenen Zeigefinger auf den aus Nürnbergs berühmten Druckerpressen hervorgegangenen Folianten stemmend, dastand. Dann fügte er folgende geheimnisvollen Worte hinzu: »Wehe! Wehe! Das Kleine folgt dem Großen auf dem Fuße nach; ein Zahn siegt über eine Masse. Die Nilratte tödtet das Krokodil, der Schwertfisch den Wallfisch, das Buch wird das Gebäude vernichten!«

In demselben Augenblicke, wo der Doctor Jacob seinem Begleiter ganz leise den ständigen Refrain »Er ist ein Narr« wiederholte, erklang die Abendglocke des Klosters. Diesmal antwortete der Begleiter auf die Worte des Archidiaconus: »Ich glaube, ja.«

Die Stunde war da, von welcher an kein Fremder länger im Kloster verweilen konnte. Die beiden Besucher zogen sich zurück.

»Meister,« sprach der Gevatter Tourangeau, indem er sich vom Archidiaconus verabschiedete, »ich liebe die Gelehrten und großen Geister, und ich habe eine besondere Hochachtung für Euch. Kommet morgen in den Parlamentspalast und fraget nach dem Abte des heiligen Martin von Tours.«

Der Archidiaconus kehrte bestürzt in sein Gemach zurück, begriff endlich, welche Persönlichkeit der Gevatter Tourangeau war, und erinnerte sich an jene Schriftstelle im Archive des heiligen Martin von Tours: »Abbas beati Martini, scilicet rex Franciae, est canonicus de consuetudine et habet parvam praebendam, quam habet Sanctus Venantius, et debet sedere in sede thesaurarii.«

Man versicherte, daß der Archidiaconus seit dieser Zeit häufige Zusammenkünfte mit Ludwig dem Elften hatte, so oft Seine Majestät nach Paris kam, und daß das Ansehen des Dom Claude dasjenige Olivier Le-Daims in Schatten stellte, ebenso dasjenige Jacob Coictiers, der dann, seiner Gewohnheit gemäß, den König deshalb sehr grob behandelte.