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Der Glöckner von Notre Dame.  Victor Hugo
Kapitel 4. Der Hund und sein Herr
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Dennoch gab es ein menschliches Wesen, welches Quasimodo von seiner Tücke und seinem Hasse gegen die übrigen Menschen ausgeschlossen hatte und das er ebenso sehr, vielleicht noch mehr, als seine Kathedrale liebte: das war Claude Frollo.

Die Sache war ganz einfach. Claude Frollo hatte ihn bei sich aufgenommen, ihn an Kindesstatt angenommen, ernährt und erzogen. Als kleines Kind hatte er die Gewohnheit, sich zwischen die Beine Claude Frollo's zu flüchten, wenn Hunde und Kinder auf ihn Jagd machten. Claude Frollo hatte ihn sprechen, lesen und schreiben gelehrt. Endlich hatte ihn Claude Frollo zum Glockenläuter gemacht. Nun aber dem Quasimodo die große Glocke zum Bündnis zu geben, das hieß Julia dem Romeo geben.

Daher war Quasimodo's Erkenntlichkeit eine tiefe, leidenschaftliche und grenzenlose; und wiewohl das Antlitz seines Pflegevaters oft finster und kalt, wiewohl seine Rede gewöhnlich kurz, hart und befehlerisch war, so hatte sich diese Erkenntlichkeit doch niemals auch nur einen Augenblick verläugnet. Der Archidiaconus hatte in Quasimodo den unterwürfigsten Sklaven, den gelehrigsten Diener, die wachsamste Dogge. Als der arme Glockenläuter taub geworden war, hatte sich zwischen ihm und Claude Frollo eine Zeichensprache gebildet, die geheimnisvoll war und nur von ihnen beiden verstanden wurde. In Folge davon war der Archidiaconus das einzige menschliche Wesen, mit dem Quasimodo im Verkehre geblieben war. Er stand demnach nur mit zwei Dingen dieser Welt in Verbindung: mit Notre-Dame und mit Claude Frollo. Nichts war mit der Herrschaft des Archidiaconus über den Glöckner, und nichts mit der Hingabe des Glöckners für den Archidiaconus zu vergleichen. Es hätte nur eines Zeichens von Seiten Claude's und nur des Einfalles bedurft, daß es ihm Vergnügen mache – und Quasimodo hätte sich von der Höhe der Notre-Damethürme in die Tiefe gestürzt. Es war ein merkwürdiges Etwas um diese ganze physische Kraft, die bei Quasimodo zu einer so außergewöhnlichen Entwickelung gekommen und von ihm blind zur Verfügung eines andern gestellt war. Es lag dabei ohne Zweifel kindliche Hingabe und die Anhänglichkeit des Dieners an den Herrn zu Grunde, jedenfalls aber auch die Bezauberung eines Geistes durch einen andern. Es war ein elendes, linkisches und ungelenkes Geschöpf, welches mit gesenktem Haupte und flehenden Blicken vor einem erhabenen und tiefen, mächtigen und überlegenen Geiste dastand. Endlich, und vor allem, war es Erkenntlichkeit, eine Erkenntlichkeit, welche bis zur äußersten Grenze getrieben war, so daß wir sie mit nichts zu vergleichen wissen. Gehörte diese Tugend nun nicht zu denen, von welchen sich die schönsten Beispiele unter den Menschen finden? Wir müssen demnach sagen, daß Quasimodo den Archidiaconus liebte, wie nur jemals ein Hund, je ein Pferd, je ein Elephant seinen Herrn geliebt hat.