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Das Verlorene Paradies.  John Milton
Kapitel 12. Zwölfter Gesang
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So wie ein Wandrer auf der Reise hält

Um Mittag, wenn er noch so eilig ist,

So hielt der Engel zwischen der zerstörten

Und wiederhergestellten Welt jetzt an:

Ob Adam etwas einzureden habe,

Dann fuhr er fort mit sanftem Uebergang:

»So sahst Du einer Welt Beginn und Ende,

Aus zweitem Stamm den Menschen sich erneun.

Viel hast Du noch zu sehn, jedoch ich weiß,

Wie schon Dein sterblich Auge jetzt ermattet,

Denn Götterdinge müssen Menschensinn

Leicht schwächen und ermüden. Was die Zukunft

Einst bringen wird, verkünde Dir mein Wort,

Gieb drum auf den Bericht gebührend Acht:

›Der zweite Menschenstamm wird künftighin,

So lang' nur Wen'ge noch geboren sind,

So lang' der Schrecken des Gerichtes noch

Nachwirkt, den Herrgott fürchten und gerecht

Sein Leben führen und sich rasch vermehren.

Den Boden wird er bau'n und reichlich ernten

Getreide, Wein und Oel; aus seiner Heerde

Bringt er das Beste stets zum Opfer dar,

Lamm, Widder oder Ziege; spendet auch

Weinopfer oft und feiert hohe Feste.

So leben tadellos sie Freudentage,

Sie wohnen friedlich in Familienstämmen,

Von väterlicher Herrschaft mild regiert,

Bis Einer sich erhebt von stolzem Herzen,

Der, unzufrieden mit der schönen Gleichheit,

Sich unverdiente Herrschaft seiner Brüder

Anmaßt und Eintracht, der Natur Gesetz,

Vom Erdenraume ganz verdrängt und bannt.

Er jagt mit Krieg (denn Menschen sind sein Wild)

Und Kriegslist solche, welche sich nicht seiner

Tyrannenherrschaft dienend unterwerfen.

Man nennt ihn mächt'gen Jäger vor dem Herrn,

Zum Trotz dem Himmel oder auch von ihm

Die zweite Herrschaft fordernd; durch Empören

Erringt er einen Namen sich, wiewol

Er Andre der Empörung schwer verklagt;

Mit einem Schwarme Gleichgesinnter, die

Mit ihm und unter ihm tyrannisch walten,

Zieht er aus Eden westwärts, findet dort

Die Fläche, wo ein schwarzer harz'ger Pfuhl

Sich siedend öffnet als der Hölle Schlund.

Von jenem Harz und von gebrannten Steinen

Beginnen drauf sie eine Stadt zu bau'n,

Sammt einem Thurm, deß Spitze bis zum Himmel

Aufsteigen soll und ihren Ruhm verbreiten,

Daß, wenn in fremde Länder sie verstreut,

Ihr Angedenken nicht verloren werde,

Ganz unbekümmert, ob es gut, ob böse.

Doch Gott, der oft die Menschen ungesehn

Besucht und ihre Wohnungen durchwallt,

Erblickt ihr Thun und naht sich ihrer Stadt,

Bevor der Thurm die Himmelsthürm' erreicht,

Und legt zum Spott auf ihre Zungen all'

Der Zwietracht Geist, um ihre Muttersprache

Zu tilgen und dafür ein kreischendes

Getön von fremden Worten auszusä'n.

Sogleich entstand verwirrt Geschwätz und Schrei'n,

Ein Jeder rief den Andern, unverstanden,

Bis heiser sie und ganz in Wuth, verhöhnt

Wild aus einander flohn. Gelächter ward

Im Himmel, als die Engel niedersah'n

Auf dieses seltsame Gewühl und Lärmen;

So ward der Bau durch Hohn und Spott vereitelt,

Das große Werk Verwirrung nur genannt.‹«

Drauf sprach mit väterlichem Unmuth Adam:

»Verdammter Sohn! Was strebtest Du so sehr

Dich über Deine Brüder zu erheben,

Und nahmst Gewalt, die Gott Dir nicht verlieh'n.

Er gab uns über Vieh und Fisch und Vogel

Wol unbedingte Macht; doch über Menschen

Zu herrschen gab er nie Gewalt dem Menschen,

Da er dies Recht sich selber vorbehielt,

Und Menschen frei erschuf von seines Gleichen.

Doch dieser Räuber blieb bei dieser Macht

Auf Menschen nicht, er fordert selbst den Herrn

Durch seine Thurmbelagerung heraus.

Armsel'ger Mensch! Welch' eine Nahrung brächte

Man dort hinauf, um seine Schaar zu speisen,

Wo die verdünnte Luft die gröbern Stoffe

Austrocknet, und wo er nach Athem schnappt!«

Hierauf erwidert Michael: »Mit Recht

Veracht'st Du diesen Sohn, der solche Störung

In jenen Friedensstand der Menschen brachte,

Vernünft'ge Freiheit zu bezwingen suchte.

Doch wisse, daß seit Deinem ersten Fall

Die wahre Freiheit schon verloren ist,

Die eng mit der Vernunft vereinigt bleibt

Und kein von ihr getheiltes Wesen kennt;

Ist die Vernunft im Menschen dunkel, oder

Gehorcht man ihr nicht, so erfassen schnell

Unregelmäßige Begierden ihre Macht,

Und ziehn den Menschen, der bis dahin frei,

In Sclaverei. Ja weil er selber schon

Unwürd'gen Leidenschaften gab Gehör,

Drum unterwirft ihn Gott der Herr mit Recht

Gewalt'gen Fürsten, die oft unverdient

Sein heil'ges Recht der Freiheit unterjochen.

Die Tyrannei muß sein, ob der Tyrann

Auch nimmer deshalb zu entschuld'gen ist.

Bisweilen werden Völker sich so weit

Verirren von Vernunft, daß Unrecht nicht,

Nein nur Gerechtigkeit und der damit

Verhängte Schicksalsfluch sie ihrer äußern

Freiheit beraubt da sie die inn're ließen.

Als Zeugniß diene jener freche Sohn

Des Mannes, der die Arch' errichtete;

Er übte Schmähung an dem eignen Vater,

Drum ward der Fluch ihm, Sclave stets zu sein.

So wird auch diese Welt, wie die zerstörte,

Sich von dem Schlimmen nur zu Schlimmern neigen,

Bis Gott zuletzt, der Frevelthaten satt,

Sich ganz von ihnen wendet und beschließt,

Ein Volk aus allen Andern zu erwählen,

Deß Bitten er erhört, ein Volk, das nur

Von einem einz'gen gläub'gen Manne stammt;

Er wohnet noch an dem Gestad' des Euphrat,

Und ward im Götzendienste selbst erzogen.

O daß die Menschen, kannst Du wol es glauben,

So thöricht werden konnten, noch zur Zeit

Des Patriarchen, der der Flut entrann,

Den wahren Gott zu läugnen, um ein Bild

Aus Holz und Stein als Gottheit zu verehren!

Doch diesen Mann erwählte Gott und rief

Durch einen Traum ihn aus dem Vaterhause

Von den Verwandten fort und falschen Göttern,

Fort in ein Land, das er ihm zeigen will:

Ein mächtig Volk erhebt er dann aus ihm,

Und segnet ihn, daß einst durch seinen Samen

Ein jedes Volk beseligt werden solle.

Der Patriarch gehorcht, auch ohne noch

Das Land zu kennen, ist er gläubig doch.

Ich seh' ihn dort (doch Du vermagst es nicht),

Mit welchem Glauben er die Götzen läßt,

Die Freunde sammt der heimathlichen Flur:

Wie er Chaldäa, wie er Harans Flut

Durchschreitet, hinter ihm ein reicher Trupp

Von Heerden und ein dichter Troß von Dienern.

Er wandert dort nicht arm; den Reichthum aber

Vertraut er Gott, der ihn berufen hatte.

Jetzt naht er Canaan; ich seh' die Zelte

Um Sichem und auf Moreh's naher Fläche.

Hier wird ihm durch Verheißung dieses Land

Für Kind und Kindeskinder zum Geschenk,

Nordwärts von Hamath bis zur Wüst' in Süden,

(Zwar haben jetzo sie noch nicht die Namen,

Jedoch ich nenne Dir sie schon) von Hermon

Oestlich bis hin zum großen Meer in Westen.

Hier hebt der Hermon sich, dort liegt das Meer.

Wie ich die Worte zeige, merke sie;

Am Ufer liegt der Carmel, ein Gebirg,

Von da entspringt der Jordan als die Grenze

Des Ostens, welcher Doppelquellen hat.

Jedoch des Mannes Söhne werden einst

In Senir wohnen, jener Bergesreihe.

Bedenke wohl, daß jedes Volk der Erde

Durch seinen Samen einst beseligt wird;

Aus diesem Samen stammt auch der Erlöser,

Der kühn der Schlange Haupt zertreten wird,

Wovon Du Näheres später hören sollst.

Der Patriarch, den Abraham mit Namen

Die Zukunft nennt, wird einen Sohn verlassen

Und einen Enkel, die an Glauben ihm,

An Weisheit und an Ruhme würdig sind.

Der Enkel, der zwölf Söhne dann erzeugt,

Begiebt aus Canaan sich in ein Land,

Das später man Egypten nennt, getheilt

Vom Flusse Nil, Du siehst doch jenen Strom,

Der siebenfach gemündet sich ins Meer

Ergießt. In dieses Land hat ihn zur Zeit

Der Nahrungsnoth sein jüng'rer Sohn geladen,

Ein Sohn, deß würd'ge Thaten ihn zum Ersten

Im ganzen Reich des Pharao erhoben.

Hier stirbt er, und sein Stamm erweitert sich

Zum Volke bald, das, nun empor gewachsen,

Verdacht erweckt in einem spätern König,

Der dessen Uebervölk'rung hindern will,

Da sie als Gäste sich so stark vermehren.

Deßhalb macht er die Gäste bald zu Sclaven,

Läßt tödten ihre Kinder männlichen

Geschlechts, bis jenes Volk ein Brüderpaar,

(Moses und Aaron heißen diese Beiden)

Von Gott gesandt, der Sclaverei entrückt,

Und rühmlich zum gelobten Lande führt.

Zuerst indeß wird jenes Königs Trotz,

Der ihren Gott verhöhnt und seine Botschaft,

Durch Zeichen und durch Wunderkraft bezwungen;

Die Flüsse wandeln sich in blut'ge Wogen,

Und Frösche, Läuse, Fliegen füllen seinen

Palast sammt seinem Land mit Ekel an;

Sein Vieh erliegt den fürchterlichsten Seuchen,

Sein eigner Leib erschwillt von Schwär' und Beulen,

So wie die Glieder seines ganzen Volks.

Der Donner, mit Gehagel eng vermischt,

Und Hagel, dem sich Feuer mischt, durchtobt

Egyptens Luft, und überrollt das Land;

Was er an Korn, an Gras und Früchten schont,

Zehrt von Heuschrecken eine finst're Wolke,

Die auf dem Boden nicht ein Hälmchen lassen.

Das Dunkel überschattet sein Gebiet,

Fühlbare Dunkelheit bedeckt drei Tage;

Und endlich tödtet um die Mitternacht

Ein Schlag Egyptens Erstgeborene.

So willigt, durch zehn Wunden erst gebändigt,

Zuletzt das Ungethüm des Niles ein,

Und läßt die Gäste ziehn; bisweilen beugt

Sich sein verstocktes Herz, doch immer mehr

Verhärtet es sich dann, wie Eis nach Thauen,

Bis er in seiner Wuth die kaum Entlass'nen

Verfolgt, und ihn das Meer sammt seiner Schaar

Verschlingt, indeß das auserwählte Volk

So wie auf festem Lande zwischen zwei

Krystall'nen Mauern durch das Meer entkommt:

Durch Moses Stab blieb dieses so getheilt,

Bis die Befreiten an das Ufer stiegen.

Solch eine Macht verleiht der Herr den Heil'gen,

Wiewol er's jetzt durch seinen Engel thut,

Der vor dem Volk als Feuersäule Nachts,

Jedoch des Tags als dunkle Wolke wandelt,

Um ihre Reise sicher zu geleiten,

Und sie vor der Verfolgung treu zu schirmen,

Denn jener König folgt die ganze Nacht,

Jedoch ein Dunkel, das sich zwischen ihn

Und zwischen die Verfolgten drängt, errettet

Die Schaar; dann schauet aus der Feuersäule

Und Wolke Gott der Herr und macht verwirrt

Die Schaaren und zertrümmert ihre Wagen.

Dann streckt noch einmal Moses seinen Stab,

Und sieh', das Meer gehorchet seinem Wink;

Die Wogen stürzen auf das Kriegesheer,

Und senken sie und ihren Kampf hinab.

Das auserwählte Volk zieht von dem Strand

Nach Canaan durch eine wilde Wüste,

Auf einem eben nicht zu nahen Pfad,

Um nicht die Cananiter aufzuschrecken,

Da sie, die unerfahren noch im Kriege,

Dann als Besiegte wieder nach Egypten

Umkehren müßten und in Knechtschaft leben.

Auch ward Gewinn dies Weilen in der Wüste,

Hier bilden sie den Staat und ihren Rath

Aus den zwölf Stämmen, um dann nach Gesetzen

Zu herrschen. Gott der Herr wird ihnen selbst

Vom Berge Sinai, deß grauer Gipfel

Erzittern wird, bei seinem Niedersteigen

Mit Blitz und Donner und Drommetenschall,

Gesetze reichen, welche theils das Recht

Des Volks bestimmen, theils auch die Gebräuche

Im Gottesdienst. Er wird durch Bild und Schatten

Sein Volk belehren ob des Samens, der

Der Schlange Haupt dereinst zertreten wird,

Und wie er einst den Menschenstamm erlöst.

Doch furchtbar klingt dem sterblich schwachen Ohr

Die Stimme Gottes; darum bittet auch

Das Volk den Moses, daß er ihnen Gottes

Befehl verkünde, was er drauf gewährt,

Und jetzt erfährt es, daß zum Herr-Gott nie

Der Zugang ohne Mittler ihm gestattet,

Und Moses übernimmt das Amt für jetzt,

Um eines Größern Leben einzuführen,

Von dessen Tagen er schon prophezeit,

Und welchen alle künftigen Propheten

Als herrlichen Messias preisen werden.

Nun, da Gesetz' und Rechte festgestellt,

Hat Gott ein Wohlgefallen an den Menschen,

Die ihm gehorchen, daß er unter ihnen

Sein Zelt erwählt und bei den Sterblichen

Selbst seine Heiligkeit verweilt. Es wird

Ein Heiligthum für ihn aus Cedernholz

Mit Gold verziert erbaut; darin die Lade

Mit jenem Zeugniß, seines Bundes Schrift.

Darüber steht der Gnade Sitz von Gold,

Durch Schwingen zweier Cherubim verhüllt.

Vor diesem brennen sieben Lampen stets,

So wie ein Sternenkreis mit Himmelslichtern;

Auf jenem Zelt' wird eine Wolke Tags,

Und Nachts ein Feuerglanz beständig ruhn.

So kommen endlich sie, geführt durch Engel,

In das dem Abraham und seinem Stamm

Verheißne Land. Noch Manches könnt' ich künden,

Wie viel sie Schlachten fochten, wie viel Fürsten

Und Königreiche sie sich überwanden,

Wie einst die Sonne still stand in der Mitte

Des Himmels und die Nacht verzögerte,

Weil eines Mannes Wort ihr so gebot:

O Sonne, steh' in Gibeon! und du,

O Mond, im Thal von Ascalon so lang',

Bis Israel gesiegt. Dies war der Name

Des Dritten in dem Stamm von Abraham,

Des Sohns von Isaak, und nach ihm heißt

Israel der Stamm, der Canaan erobert.«

Hier unterbrach ihn Adam: »Himmelsbote!

Erleuchter meiner Nacht, Du offenbartest

Holdsel'ge Dinge mir, vor Allem das

Von Abraham und seines Stammes Samen.

Nun fühl' ich erst, wie sich mein Blick erhellt,

Mein Herz beruhigt, das vor Kurzem noch

Sich mit Gedanken quälte, was aus mir

Und jenem ganzen Menschenstamme werde.

Doch nun seh' ich des Mannes Tag, durch den

Ein jeglich Volk beseligt werden wird.

Zwar eine Gnade, die ich nie verdient,

Der durch verbotne Mittel ich verbotne

Erkenntniß suchte. Nur begreif' ich nicht,

Warum dem Volk, in dessen Mitte Gott

Auf Erden wohnen will, so mancherlei

Gesetz gegeben ist, denn dies beweist,

Daß mancherlei der Sünden unter ihnen;

Wie aber kann der Herr bei solchen weilen?«

Hierauf erwidert Michael: »Es weilt

Die Sünde sicher auch bei jenem Volk,

Weil sie ja Dir entstammen. Die Gesetze

Sind darum ihm verliehn, um die Verderbtheit

Im Menschen ihnen deutlich darzuthun,

Weil sie die Sünde stets zum Kampfe treibt

Mit dem Gesetz, damit das Volk erkenne,

Wenn es gewahrt, wie das Gesetz die Sünde

Entdecken, aber nicht vertilgen kann,

Vielleicht sie nur durch Opfer schwach versühnen,

Damit das Volk erkennt, ein edler Blut

Sei nöthig für die Sühne dieser Menschheit,

Gerechtes Blut für ungerechtes Blut;

Damit sie dann in der Gerechtigkeit

Rechtfertigung vor Gott und Frieden finden.

Nicht Moses, ob auch sehr geliebt von Gott,

Doch Diener nur des Rechtes, wird sein Volk

Nach Canaan geleiten, sondern Josua,

Der bei den andern Völkern Jesus heißt,

Der Amt und Namen Dessen trägt, der einst

Der Schlange Haupt zertritt und sicher dann

In's Paradies der Ruh' den Menschen bringt,

Der lang' in öder Welt umhergeirrt.

So wird er in dem ird'schen Canaan

Indessen glücklich wohnen, wenn nicht Sünde

Des Volkes seinen Frieden stört und Gott

Anspornt, ihm Feinde zu erwecken, doch

Er rettet stets die Büßenden, zuerst

Von Richtern und sodann von Königen.

Der Zweite Dieser, der durch Gottesfurcht

Und mächt'ge Thaten großen Ruhm erreicht,

Wird die Verheißung, nie zu widerrufen,

Empfangen, daß sein königlicher Thron

Stets sich erhalten soll. Auch die Propheten

Verheißen dies, daß aus dem Königsstamm

Des David (also ist des Königs Name)

Ein Sohn sich einst erhebe, der auch Dir

Als Weibes Samen und dem Abraham

Sodann verkündet ward als jener Mittler,

Auf welchen alle Völker hoffen sollen,

Der letzte König, denn sein Reich ist ewig.

Doch vor ihm geht noch eine lange Reihe

Von Herrschern und der nächste Sohn des David.

Berühmt ob seiner Weisheit, seiner Schätze,

Läßt Gottes Bundeslade, die zuvor

Nur unter Zelten wanderte, mit Prunk

In eines Tempels prächt'ge Hallen schließen.

Ihm folgen solche Könige, die als gut,

Als böse sich erweisen, doch mehr böse,

Die Götzendienst und andre Frevel trieben,

Und so des Höchsten Zorn erregen werden,

Daß er das Land, den Tempel und die Lade

Sammt allen Heiligthümern dem Gespött

Der stolzen Stadt ertheilet, deren Mauern

Du in Verwirrung sahst, und die deshalb

Man Babel nannte. Hier ließ sie der Herr

An siebzig Jahr in der Gefangenschaft,

Dann führt er sie zurück, gedenk der Gnade

Und jenes Bunds, den er dem David schwur,

So fest wie nur des Himmels Tage sind.

Zurückgekehrt von Babylon, erbaut

Das Volk mit ihres Königes Genehmung,

Deß Herz der Höchste so geleitet hatte,

Das Gotteshaus auf's Neue wiederum,

Lebt eine Zeit genügsam und gering,

Bis es an Zahl und Schätzen sich vermehrt,

Und in Parteien sich erhebt; zuerst

Befeindet sich die Schaar der Priester selbst,

Die Männer, die des Herrn Altare dienen,

Und drum den größten Frieden halten sollen;

Ihr Zwist entweiht das Tempelhaus sogar;

Zuletzt bemächt'gen sie des Scepters sich,

Und achten nirgends Davids Königsstamm,

Verlieren dann die Macht an einen Fremden,

Und der gesalbte König und Messias

Wird seines Rechts beraubt und unscheinbar

Geboren; – nur ein Stern, der nie zuvor

Am Himmel sichtbar, kündet die Geburt

Und führt die Weisen aus dem Morgenland,

Die nach dem Orte forschen, um dem Kind

Gold, Weihrauch, Myrrh'n als Opfer darzubringen.

Ein Engel zeigt den Ort, wo er geboren,

Einfachen Hirten auf dem Felde Nachts.

Sie eilen freudig hin und hören dort

Von Engelchören den geweihten Sang.

Von einer Jungfrau wird er dort geboren,

Sein Vater aber ist die höchste Kraft.

Den Erbthron wird er später dann besteigen,

Sein Reich begrenzen mit der Erde Schranken,

Und mit dem Himmel seinen ew'gen Ruhm.«

Er schwieg, denn er erblickte so entzückt

Jetzt Adam, daß ihm Thränen fast entsanken,

Wenn er sich nicht in Worten Luft gemacht,

Die endlich freudig seinem Mund entströmten:

»Prophet der frohen Kunde, der Du mir

Die höchste Hoffnung jetzt vollendet hast,

Nun erst erkenn' ich, was vergebens meine

Gedanken oft erforscht, warum der Mittler

Der Samen eines Weibes ward benannt.

Heil, Jungfrau, Dir, groß durch des Himmels Liebe!

Durch Dich vereint sich herrlich Gott und Mensch!

Jetzt harrt die Schlange wol in Todespein

Des Haupts Zertretung! Sage, wann und wo

Beginnt der Kampf und welcher Stich verletzt

Des Siegers Fersen?«

Darauf Michael:

»O träume nicht von einem Leibeskampf,

Von Wunden nicht, sichtbar an Haupt und Ferse;

Nicht deshalb eint der große Sohn die Menschen

Der Gottheit, um den Feind mit größrer Macht

Und Ueberlegenheit in Staub zu treten.

Auch läßt der Satan sich nicht so besiegen,

Deß Fall vom Himmel, ärgere Zertretung,

Ihn nicht verhinderte, die Todeswunde

Dir beizubringen; diese heilt dereinst

Messias, ohne Satan zu vernichten.

Er tödtet nur sein Werk in Dir und Deinem

Geschlecht; auch wird dies anders nicht vollbracht,

Als durch Gehorsam, den Du ihm verweigert,

Gehorsam gegen die Gesetze Gottes,

Der sie bei Todesstrafe Dir geboten.

Dies nur kann der Gerechtigkeit genügen.

Er aber wird das göttliche Gesetz

Durch Lieb' und durch Gehorsam streng erfüllen,

Obwol die Lieb' es schon allein erfüllt.

Auch Deine Strafe wird er leiden müssen,

Da er im Fleische kommt zu herbem Leben,

Zum Fluch des Tod's bestimmt; er aber wird

Das Leben künden Allen, so da glauben

An die Erlösung, damit sein Gehorsam

Durch Glauben ihnen zugerechnet wird.

Nur sein Verdienst kann Seligkeit verschaffen,

Doch nicht ihr eig'nes Werk, wär' dies auch recht.

Deßhalb wird lebend er gehaßt, gelästert,

Gewaltsam selbst ergriffen und gerichtet!

Zum schmählichen, verfluchten Tod bestimmt,

An's Kreuz geheftet von dem eignen Volk;

Er wird getödtet, weil er Leben bringt.

Doch Deine Feinde heftet er an's Kreuz,

Das Recht, das gegen Dich gesprochen hat;

Der Menschheit Sünden sind mit ihm gekreuzigt,

Die nimmer Denen, welche glauben, schaden.

So stirbt der Herr, bald aber lebt er auf

Zu neuem Leben, denn der Tod hat keine

Gewalt auf lange Dauer über ihn.

Eh' noch das dritte Morgenroth erwacht,

Seh'n ihn die Sterne von den Todten steigen,

Frisch wie das junge Dämmerlicht des Tags.

Er zahlt die Lösung, die vom Tod den Menschen

Loskauft, mit seinem Tode für die Menschen.

Die göttlich hohe That errettet Dich

Von dem verhängten Tod ob Deiner Sünde,

Beraubt des Lebens, ewiglich verloren!

Die große That zertritt des Satans Haupt,

Schwächt seine Kraft, vernichtet Tod und Sünde,

Als seine stärksten Waffen; diese That

Drückt tief're Stacheln in des Satans Haupt,

Als wie der Tod sie in des Siegers Ferse

Und der Erlösten jemals drücken kann.

Denn Tod ist nur ein lieblich sanfter Schlummer,

Der zur Unsterblichkeit hinüberführt.

Auch nach dem Auferstehn wird der Erlöser

Nicht länger auf der Erde weilen, nur,

Um seinen Jüngern manchmal zu erscheinen,

Die treulich stets im Leben ihm gefolgt.

Und ihnen wird das Amt von ihm zu Theil,

Zu lehren allen Völkern, was er sprach:

Die Gläubigen zu taufen in dem Strom,

Als Zeichen, daß sie von der Sünde Schuld

Gereinigt sind und vorbereitet selbst,

Den Tod zu sterben, den Messias starb.

Sie lehren alle Völker, denn fortan

Wird nicht allein dem Stamm des Abraham

Erlösung dargeboten, sondern Allen,

Die Söhne sind vom Glauben Abrahams,

In welchem Theil der Erde sie auch wohnen.

So wird der ganze Same selig einst.

Dann steigt der Herr glorreich zum Himmel auf,

Ob sein' und Deiner Feinde triumphirend.

Dort faßt er den Monarchen in der Luft,

Die Schlang', und schleppt gefesselt ihn durch's Reich,

Um dort ihn schmachbedeckt zurückzulassen.

Dann geht er ein in seine Glorie,

Und sitzt zur Rechten Gottes auf dem Thron,

Erhaben über alle Himmelsgeister;

Von droben naht er, wann dereinst die Welt

Zum Untergang gereift, mit Macht und Glanz,

Zu richten die Lebendigen und Todten,

Die Ungetreuen zu bestrafen, doch

Den Gläubigen gerechten Lohn zu spenden,

Empor zu heben in die Seligkeit,

Sei's in dem Himmel oder auf der Erde,

Denn diese wird zum Paradiese werden,

Beglückter noch als dieser Ort in Eden,

Und reicher noch an glücklicheren Tagen.«

So sprach der Engel Michael und schwieg,

Da an dem großen Ziel er angelangt,

Und unser Ahn, bewundernd und entzückt

Vor Freude sprach erwidernd zu dem Engel:

»O ew'ge Güte, Güte sonder Maß,

Die all' dies Gute selbst aus Bösem schafft,

Und selbst das Böse noch in Gutes wendet,

Weit wunderbarer, als die Schöpfung selbst,

Die Licht zuerst aus Finsterniß erschuf.

Voll Zweifel bin ich, ob ich noch die Sünde

Bereuen soll, die ich begangen habe,

Ob ich nicht lieber jetzt mich freuen soll,

Daß so viel Gutes draus erstanden ist.

Da Gott mehr Ruhm, und Gnade mehr der Mensch

Erringt und Gnade reichlicher als Zorn

Sich zeigen soll. Doch sprich, wenn der Messias

Gen Himmel steigt, was aus den Wen'gen wird,

Die an ihn glauben, wenn sie so allein

In der ungläub'gen Heerde bleiben müssen;

Wer führt sein Volk und wer beschützt es dann?

Und wird man seine Jünger ärger nicht

Mißhandeln, als man schon mit ihm verfuhr?«

»So wird es,« sprach der Engel. »Doch der Himmel

Wird auch den Sein'gen einen Tröster senden,

Verheißung seines Vaters, der im Geiste

Stets unter ihnen weilt; er schreibt des Glaubens

Gesetz in ihre Herzen, um mit Wahrheit

Und geist'gen Waffen so sie auszurüsten,

Daß sie des Satans Kämpfen widerstehn,

Und seinen Feuerpfeilen trotzen können.

Denn jener Geist, der über die Apostel,

Die er zu lehren allen Völkern sandte,

Zuerst sich ausgegossen, dann jedoch

Auf alle die Getauften, wird sie mächtig

Mit wunderbaren hohen Gaben rüsten,

Daß sie in jeder Menschensprache reden,

Und Wunder üben, wie ihr Meister that.

So schließen sich die Völker zahlreich an,

Die jene Himmelsbotschaft freudig grüßen;

Zuletzt, wann ihre Pflichten sie vollbracht,

Und ihre Laufbahn gut beendet haben,

Und ihre Lehren schriftlich hinterlassen,

Verscheiden sie. An ihre Stelle treten

Nun Wölfe, wie schon jene prophezeit,

Raubgier'ge Wölfe, die voll Heiligkeit

Geheimnisse des Himmels nur zum eignen

Vortheile nach Gewinn und Ehrsucht drehn,

Und Wahrheit durch Betrügerei entstellen.

Sie schmücken sich mit Namen, Amt und Würden,

Und einen diesen weltliche Gewalt;

Sie wagen Gottes Geist sich anzumaßen,

Der allen Gläubigen verheißen ist,

Und unter dieser Larve den Gewissen

Ein geistliches Gesetz durch weltliche

Gewalten aufzuzwingen; ja sie legen

Den Geist der Gnad' und Freiheit nur in Fesseln,

Zertrümmern die lebend'gen Tempel, die

Durch eignen Glauben, nicht durch fremden, stehn,

Denn nimmer kann der Mensch in seinem Glauben

Und im Gewissen sich untrüglich zeigen:

Und dennoch werden Viele sich's erfrechen;

So daß Verfolgung schwer auf Alle fällt,

Die treu im Geist und in der Wahrheit bleiben.

Die Andern, der bei weitem größre Theil,

Wird in Gebräuchen und durch Formelwesen

Der Gottesfurcht genügt zu haben meinen.

Die Wahrheit wird vor der Verleumdung Pfeilen

Getroffen fliehn und Glaubenswerke weichen.

So wird sich denn die Welt dem Bösen gütig,

Dem Guten meist gehässig zeigen, bis

Der Tag der Ruhe dem Gerechten naht,

Und Rache dem Verräther beim Erscheinen

Des Heilands aus dem Samen eines Weibes,

Der dunkel Dir schon prophezeiet ward,

Und den Du näher nun als Retter kennst,

Der in den Wolken einst vom Himmel steigt,

Und in des Vaters Glanz sich offenbart,

Den Satan sammt der arg verderbten Welt

Zu tilgen und dann aus dem Feuerschwall

Geläutert neuen Himmel so wie Erde

Zu schaffen, wo die schön're Zeit beginnt,

Die sich auf Tugend, Lieb' und Frieden stützt,

Und Wonn' und Heil als ew'ge Früchte beut.«

Er schwieg. Adam erwidert drauf zuletzt:

»Wie bald, geweihter Seher, hat Dein Auge

Den Lauf der Welt und die Vergänglichkeit

Gemessen, bis die Zeit gefesselt steht.

Jenseits liegt Abgrund nur und Ewigkeit,

Von der kein Auge je das Ende sieht.

Nun scheid' ich unterrichteter von hier,

Mit wahrer Ruhe des Gemüths, bereichert

An Kenntniß, die mein Sinn erfassen konnte.

Noch tiefer schauen, war ein eitler Wunsch.

In Zukunft weiß ich, daß am Besten ist

Gott zu gehorchen und in Furcht zu lieben,

Zu wandeln, wie vor seinem Angesicht,

Auf seine Vorsehung allein zu achten,

Da er sich aller Werke mild erbarmt,

Mit Gutem alles Böse stets besiegt,

Durch Kleines selbst das Herrlichste vollführt,

Durch schwache Dinge weltlich starke stürzt,

Und durch der Unschuld Milde list'ges Wesen.

Daß um die Wahrheit dulden Muth beweist,

Der zu dem höchsten Siegesglanze führt,

Und daß für Gläub'ge Tod die Lebenspforte:

Das lehrt mich jetzt das Beispiel des Messias,

Den ich erkenn' als ewigen Erlöser.«

Der Engel sprach darauf zum letzten Mal:

»Wenn das Du lerntest, hast Du auch den Gipfel

Der Weisheit schon erreicht; nicht Höh'res hoffe!

Und wenn Du aller Sterne Namen kenntest,

Und alle Kräft' und Wunder in der Tiefe,

So manch' Geheimniß der Natur, die Werke

Des Höchsten in der Erd', im Meer und Himmel;

Wenn alle Schätze zum Genuß Dich zögen,

Und alle Herrschaft Dein wär' als ein Reich! –

Nur füge zu dem Wissen auch die That;

Jetzt füge Glauben, Tugend und Geduld

Und Mäßigkeit hinzu und jene Liebe,

Die einst als christliche gepriesen wird,

Und Seele wird von allen Tugenden.

Dann läßt Du ungern nicht dies Paradies,

Du trägst in Dir ja ein viel seligers.

Laß uns von dieses Forschens hohem Gipfel

Herab nun steigen, denn die Stunde naht

Und fordert unsre Trennung jetzt von hier.

Sieh' dort die Hüter, die ich ausgestellt,

Am Hügel, harren der Entfernung schon,

An deren Spitze hoch ein Flammenschwert

Als Zeichen wogt, daß Du von hinnen mußt;

Zu weilen ist uns länger nicht vergönnt.

Geh' drum und wecke jetzt Dein holdes Weib,

Auch sie hab' ich mit süßem Traum beruhigt,

Der Gutes kündet und die Lebensgeister

Ihr so stimmt, daß sie sich in Alles fügt.

Du magst ihr zu gelegner Zeit einmal

Das künden, was Du alles heut erfuhrst,

Zumal, was sie in ihrem Glauben stärkt,

Von der Erlösung, die durch ihren Samen

(Des Weibes Samen) auf den Menschenstamm

Einst kommen wird, damit ihr fortan lebt,

Und viele Tage sind euch noch beschieden,

Einträchtig, und vereinigt durch den Glauben,

Bekümmert zwar ob des begangnen Uebels,

Doch mehr entzückt ob eures sel'gen Endes.«

Er schwieg und Beide stiegen drauf vom Berg.

Adam ging in den Hain, wo Eva schlief.

Er fand sie schon erwacht, und sie empfing

Mit Worten ihn, die nicht von Trauer zeugten:

»Ich weiß, woher Du kommst, wohin Du gehst,

Denn Gott ist bei uns auch im Traum und Schlummer,

Er sandte jetzt mir einen günst'gen Traum,

Der Glück mir prophezeite, da ich just

Mit tiefem Gram dem Schlaf mich überließ.

Nun führe mich, ich folge sonder Zaudern;

Mit Dir zu gehn, ist süßes Hierverweilen,

Doch ohne Dich hier bleiben, ärgste Pein.

Du bist mein Alles unterm weiten Himmel,

Der Du ob meiner Schuld verbannt von hier.

Den einen Trost empfind' ich sicher doch,

Daß, ob auch jetzt das Glück verloren ist,

Ich doch gewürdigt bin, durch eignen Samen

Einst das Verlorne wieder zu gewinnen.«

So sprach der Menschen Mutter. Adam hörte

Sie wohlgefällig, ohn' ihr zu erwidern;

Denn näher trat der Engel, gegenüber

Stieg auch die Cherubschaar vom Berge nieder,

In Strahlenreihen glänzend wunderbar,

Wie Meteore schwebten sie dahin,

Wie oft der Abendnebel aus dem Fluß

Sich über Sümpfe schwingt und an die Ferse

Des Hirten, welcher heimwärts wandert, hängt;

Vor ihnen loderte das Flammenschwert

Des Herrn und Gottes wie ein Glutkomet,

Und sengte, Libyens heißen Lüften gleich,

Der milden Zone wunderreiche Flur.

Da nahm der Engel eilig ihre Hand,

Und führte rasch die Zaudernden zum Thor

In Osten, und die Klippe dann hinab

Auf eb'ne Flur, – dann schwand er ihrem Blick.

Sie wandten sich und sahn des Paradieses

Oestlichen Theil, noch jüngst ihr sel'ger Sitz,

Von Flammengluten furchtbar überwallt,

Die Pforte selbst von riesigen Gestalten,

Mit Feuerwaffen in der Hand, umschaart.

Sie fühlten langsam Thränen niederperlen,

Jedoch sie trockneten die Wangen bald;

Vor ihnen lag die große weite Welt,

Wo sie den Ruheplatz sich wählen konnten,

Die Vorsehung des Herrn als Führerin.

Sie wanderten mit langsam zagem Schritt

Und Hand in Hand aus Eden ihres Wegs.

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