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Studie in Scharlachrot.  Arthur Conan Doyle
Kapitel 8. Die Salzwüste
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Etwa in der Mitte des großen amerikanischen Kontinents liegt eine dürre, unfruchtbare Wüste, die lange Jahre hindurch dem Fortschreiten der Zivilisation Grenzen setzte. Von der Sierra Nevada bis nach Nebraska, und vom Yellowstone River im Norden bis zum Colorado im Süden erstreckt sich diese Region des Schweigens und der Einsamkeit. Auch in dieser grimmigen Einöde ist die Natur nicht immer gleichbleibender Laune. Hohe, schneebedeckte Berge wechseln mit finsteren, bedrückenden Tälern. Flüsse mit reißender Strömung rauschen durch zerklüftete Canons, und dann dehnt sich eine enorme Ebene aus, die im Winter weiß von Schnee ist und im Sommer vom Salzstaub grau wird. Aber wenn auch die Gestalt der Landschaft sich ändert, der Eindruck von Unbewohnbarkeit und Trostlosigkeit bleibt immer der gleiche.

In diesem Lande der Hoffnungslosigkeit leben keine Menschen. Manchmal durchzieht eine Gruppe von Schwarzfußindianern das Gebiet auf der Suche nach neuen Jagdgründen. Aber auch die hartgesottensten und tapfersten von ihnen sind froh, wenn sie die furchteinflößende Wüste hinter sich haben und sich wieder heil in der Prärie befinden. Der Präriewolf lauert im Gebüsch. Mit schwerem Flügelschlag schwingt sich der Bussard durch die Lüfte und der plumpe Grizzly-Bär trabt durch die engen, dunklen Schluchten und sucht nach Eßbarem zwischen den Felsen. Dies sind die einzigen Bewohner der Wildnis.

Den bedrückendsten Ausblick hat man jedoch vom Nordhang des Sierra Blanco. So weit das Auge reicht, erstreckt sich die riesige Ebene, die nur hin und wieder von ein paar krüppelhaften Bäumen und verkümmerten Sträuchern durchbrochen wird. Am äußersten Rand des Horizonts zieht sich eine lange Bergkette, deren Gipfel wild zerklüftet und schneebedeckt sind. In diesem weitausgestreckten Land regt sich kein Zeichen von Leben.

Kein Vogel ist am stahlblauen Himmel zu sehen. Nichts regt sich auf der grauen, trüben Erde.

Und über allem herrscht tödliches Schweigen.

Wenn also eben gesagt wurde, daß es in dieser weiten Wüste keine Spur von menschlichem Leben gab, so stimmt das nicht ganz. Wenn man von der Sierra Blanco hinuntersieht, entdeckt man einen Trampelpfad, der durch die Wüste führt. Er windet sich viele Male und verschwindet schließlich in der Ferne am Horizont. Der Pfad ist von Rädern zerfurcht und von den Füßen vieler Abenteurer, die ihn gegangen waren. Hier und dort liegen am Wegesrand verstreut weiße Objekte, die in der Sonne glänzen und sich eigentümlich von dem grauen Salzbelag abheben.

Kommen Sie näher und schauen Sie, was es ist! Es sind Knochen. Einige sind groß und grob, andere sind kleiner und feiner. Erstere haben einst Ochsen gehört, die anderen sind Menschenknochen. Fünfzehnhundert Meilen lang ist diese schreckliche Karawanenstraße, die gekennzeichnet ist durch die verstreuten Überreste derer, die dort am Wegesrand ihr Ende gefunden haben.

Am 4. Mai 1847 stand an dieser Stelle ein einsamer Wanderer und betrachtete das wüste Land, das vor ihm lag. Von seiner äußeren Erscheinung her hätte man ihn für den Berggeist oder einen Dämon halten können. Es würde schwerfallen, sein Alter zu schätzen. Er konnte vierzig oder sechzig Jahre alt sein. Sein Gesicht war mager und eingefallen. Die braune, ledrige Haut lag straff über den Backenknochen. Sein langes, braunes Haar und sein Bart war schon von Silberfäden durchzogen. Seine Augen lagen tief in den Höhlen und glänzten unnatürlich und fiebrig. Die Hand, die das Gewehr klammerte, war dünn wie ein Skelett. Wie er so dastand, mußte er sich auf seine Waffe stützen. Und doch ließen seine hohe Gestalt und der solide Knochenbau eine drahtige, kraftvolle Konstitution vermuten. Sein ausgemergeltes Gesicht und die Kleider, die ihm um die Glieder schlotterten, sprachen allerdings deutlich davon, wie hinfällig der Mann war. Er war am Rande des Todes, ausgehungert und fast verdurstet.

Der Mann war mühselig die Schlucht hinuntergeklettert und hatte sich zu dieser kleinen Anhöhe hingeschleppt, in der vergeblichen Hoffnung, Wasser zu finden. Nun streckte sich die große Salzwüste vor seinen Augen aus. In der Ferne lag der Gürtel der wilden Berge. Kein Baum oder Strauch weit und breit, der ein Hinweis auf Wasser oder Feuchtigkeit gewesen wäre. In dieser ganzen, weiten, schrecklichen Landschaft gab es keinen einzigen Hoffnungsschimmer. Seine wilden, suchenden Augen erforschten Norden, Osten und Westen.

Dann wurde ihm klar, daß er am Ende seiner Wanderung angekommen war. Auf diesem unfruchtbaren Felsen würde er sterben müssen. »Warum nicht genau so gut hier, statt zwanzig Jahre später in meinem Federbett?« murmelte er und ließ sich im Schatten eines Felsblockes nieder.

Bevor er sich niedersetzte, legte er sein nutzlos gewordenes Gewehr ab und dazu sein großes Bündel, das er in einem grauen Umschlagtuch geknotet und über der rechten Schulter getragen hatte. Es sah aus, als ob das Bündel für seine schwachen Kräfte zu schwer gewesen sei, denn als er es behutsam auf den Boden setzen wollte, entglitt es seinen Händen und landete etwas unsanft auf der Erde. Im gleichen Augenblick hörte man aus dem grauen Tuch einen winzigen, klagenden Schrei. Ein kleines, furchtsames Kindergesicht mit zwei sehr hellen, braunen Augen lugte aus dem Bündel heraus, dann kamen zwei kleine, sommersprossige Fäuste zum Vorschein.

»Du hast mir wehgetan!« sagte vorwurfsvoll eine kindliche Stimme.

»Hab ich das?« sagte der Mann entschuldigend. »Ich hab' es nicht mit Absicht getan.«

Während er sprach, knotete er das Bündel auf und heraus sprang ein hübsches kleines Mädchen von etwa fünf Jahren. Seine feinen Schuhe und das hübsche rosa Kleidchen mit der kleinen Leinenschürze zeugten von der liebenden Sorgfalt einer Mutter. Das Kind sah blaß und erschöpft aus, aber seine gesunden Arme und Beine zeigten, daß es weniger gelitten hatte als sein Begleiter.

»Ist es noch nicht besser?« fragte er besorgt, denn sie rieb sich immer noch ihren goldenen Lockenkopf.

»Küß mich und mach es wieder gut«, sagte sie ernsthaft und zeigte ihm die wehe Stelle. »Das macht Mutter auch immer so. -Wo ist Mutter?«

»Deine Mutter ist fortgegangen. Aber ich nehme an, du wirst sie bald wiedersehen.«

»Fortgegangen sagst du?« fragte das kleine Mädchen erstaunt, »Komisch, sie hat sich nicht von mir verabschiedet. Sie sagt mir immer Aufwiedersehen, wenn sie auch nur zu einer Tante zum Tee geht. Und nun ist sie schon drei Tage fort. Sag selber, findest du das nicht schlimm?

Bist du auch so schrecklich durstig? Hunger hab ich auch.«

»Nein, Schatz, hier gibt es nichts. Du mußt dich wirklich noch ein Weilchen gedulden, dann ist alles gut. Lehn deinen Kopf an mich, dann fühlst du dich gleich besser. Reden fällt einem schwer, wenn die Lippen trocken wie Leder sind, aber ich denke, ich lasse dich besser wissen, wie die Karten wirklich stehen. Was hast du denn da?«

»Etwas ganz Feines!« rief das kleine Mädchen begeistert und hielt zwei Stücke Glimmerschiefer in die Höhe. »Wenn wir heimkommen, werde ich sie meinem Bruder Bob schenken.«

»Du wirst bald noch Schöneres sehen«, sagte er. »Du mußt nur ein bißchen warten. Aber ich wollte dir etwas sagen -erinnerst du dich daran, wie wir den Fluß verlassen haben?«

»O ja.«

»Also gut. Ich dachte, wir würden bald zu einem anderen Fluß gelangen, weißt du. Aber da stimmte etwas nicht mit dem Kompaß oder der Karte, jedenfalls kamen wir nicht zu dem Fluß. Das Wasser ging uns aus. Wir hatten gerade noch ein bißchen für dich und — und —«

»Du konntest dich nicht waschen«, unterbrach ihn seine kleine Begleiterin und starrte in sein schmutziges Gesicht.

»Nein, und trinken auch nicht. Und Mr. Bender war der erste, der von uns gegangen ist und dann Indianer Pete, und dann Mrs. McGregory, und danach Johnny Hones und dann, Schatz, deine Mutter.«

»Dann ist auch Mutter tot«, rief das kleine Mädchen, verbarg das Gesicht in der Schürze und weinte bitterlich.

»Ja, außer dir und mir sind alle weg. — Dann habe ich gedacht, daß ich vielleicht in dieser Richtung Wasser finden könnte. So habe ich dich auf die Schultern genommen, und wir zwei machten uns zusammen auf die Wanderung. Aber wie es jetzt aussieht, stehen die Dinge für uns auch nicht besser. Jetzt haben wir kaum noch eine Chance.«

»Willst du damit sagen, daß wir auch sterben müssen?«, fragte das Kind, hörte mit Schluchzen auf und wandte ihm das tränennasse Gesicht zu.

»Ich glaube, daß es so kommen wird.«

»Warum hast du das nicht gleich gesagt«, rief sie und lachte fröhlich auf. »Du hast mich eben so erschreckt. Aber wenn wir sterben, werden wir natürlich wieder mit Mutter zusammensein.«

»Ja, Schätzchen, das wirst du.«

»Und du auch. Ich werde ihr sagen, wie gut du zu mir gewesen bist. Ich glaube, sie wird am Himmelstor stehen, wenn wir kommen. Sie wird einen Krug Wasser in der Hand halten und eine Menge Buchweizenplätzchen, schön heiß an beiden Seiten getoastet, grad so wie Bob und ich sie immer so gerne gegessen haben. Wie lange wird es noch dauern?«

»Ich weiß nicht — nicht mehr sehr lange.« Die Augen des Mannes waren auf den nördlichen Horizont gerichtet. Am blauen Himmelszelt waren drei winzige Flecken erschienen, die jeden Augenblick größer wurden. Bald waren drei große, braune Vögel zu erkennen, die die Köpfe der beiden Wanderer umkreisten und sich dann niederließen, um sie zu beobachten. Es waren Bussarde und sie kamen als Vorboten des Todes.

»Männchen und Weibchen«, rief das kleine Mädchen vei> gnügt und wies auf die schicksalhaften Boten, klatschte in die Hände, damit sie aufflogen. »Sag mal, hat der liebe Gott dieses Land gemacht?«

»Natürlich hat er das getan«, sagte ihr Begleiter, etwas betroffen von der unerwarteten Frage.

»Er hat das Land da unten in Illinois gemacht und er hat den Missouri gemacht«, fuhr das Mädchen fort, »aber ich denke, dieses Land hier hat jemand anders gemacht. Es ist nicht gut gelungen. Sie haben nämlich das Wasser und die Bäume vergessen.«

»Was meinst du, willst du jetzt ein Gebet sprechen?« fragte der Mann unsicher.

»Es ist aber noch nicht Abend«, antwortete sie.

»Das macht nichts. Es ist vielleicht noch nicht die richtige Zeit, aber das macht bestimmt nichts aus. Du kannst alle Gebete aufsagen, die du im Planwagen abends immer gebetet hast.«

»Warum willst du nicht auch ein paar Gebete sagen?« fragte sie mit verwunderten Augen.

»Ich hab sie alle vergessen«, antwortete er. »Ich habe kein Gebet mehr gesagt, seit ich halb so groß war wie dieses Gewehr hier. Aber es ist wohl niemals zu spät. Wenn Du Deine Gebete sagst, bete ich still mit.«

»Dann müssen wir niederknieen«, sagte sie und breitete zu diesem Zweck den Schal auf dem Felsen aus. »Jetzt mußt du deine Hände falten, das macht, daß du dich gut und fromm fühlst.«

Wenn außer den Bussarden jemand dagewesen wäre, hätten sie schon einen seltsamen Anblick geboten. Seite an Seite auf dem schmalen Schal knieten die beiden Erdenwanderer, das kleine, plaudernde Mädchen und der harte, furchtlose Abenteurer. Ihr pausbäckiges Kindergesicht und sein abgezehrtes, kantiges Männergesicht waren beide zum wolkenlosen Himmel gerichtet, diesem furchterregenden Wesen zu, dem sie bald gegenüberstehen würden, während die beiden Stimmen, die eine hell und klar und die andere rauh und hart, sich im Gebet und Gnade und Vergebung vereinigten. Nach dem Gebet nahmen sie ihren Platz im Schatten des Felsens wieder ein. Das Kind schmiegte sich an die breite Brust seines Beschützers und schlief bald ein. Eine Zeitlang bewachte er ihren Schlaf, aber schließlich überwältigte ihn das eigene Schlafbedürfnis. Drei Tage und Nächte hatte er sich weder Rast noch Ruhe gegönnt. Langsam fielen die Lider über die müden Augen und der Kopf sank tiefer und tiefer auf die Brust, bis sich der graue Bart des Mannes mit den blonden Locken des Kindes vermischte. Beide schliefen einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Wenn der Wanderer noch eine halbe Stunde länger wachgeblieben wäre, hätte sich ihm ein seltsamer Anblick geboten. In weiter Ferne, am äußersten Ende der Salzwüste, wurde eine winzige Staubwolke sichtbar. Am Anfang war sie kaum zu unterscheiden von dem dunstigen Horizont. Aber langsam wuchs sie in die Höhe und Breite, bis sich eine solide Staubwolke geformt hatte. Und diese Wolke wuchs und wuchs, bis schließlich klar wurde, daß sie durch eine riesige Menge wandernder Füße aufgewirbelt sein konnte. Wäre die Gegend fruchtbarer gewesen, hätte der Beobachter wohl glauben können, eine große Herde Bisons, wie sie in der Prärie grast, käme auf ihn zu. Aber das war in dieser toten Wildnis natürlich unmöglich. Die wirbelnde Staubwolke rückte näher und näher zu dem Platz, wo die beiden Ausgesetzten schliefen. Schon konnte man durch den Staub hindurch die mit Planen bedeckten Wagen und die Gestalten bewaffneter Reiter erkennen. Die Erscheinung entpuppte sich als eine riesige Karawane auf ihrem Weg in den Westen. Aber was war das für eine Karawane! Als die Spitze schon den Fuß des Berges erreicht hatte, war ihr Ende am Horizont noch kaum erkennbar.

Quer über die schier unendliche Wüste erstreckte sich der Zug — Wagen, Karren, Männer auf Pferderücken und Männer zu Fuß, unzählige Frauen, die sich unter der Last ihrer Bürde dahinschleppten und Kinder, die neben den Wagen herliefen oder unter den weißen Wagenplanen hervorlugten. Dies war offenbar kein normaler Einwandererzug, sondern ein ganzes Nomadenvolk, das durch schwierige Umstände gezwungen worden war, sich eine neue Heimat zu suchen. Durch die klare Luft kamen der Lärm der vorbeiziehenden Menschenmasse herüber, dazu das Quietschen der Räder und das Wiehern der Pferde, das Klappern und Rumpeln der Wagen. So laut es aber auch wurde, so genügte dieser Lärm doch nicht, die beiden müden Wanderer dort zu wecken.

Vor der Kolonne ritten ein paar Dutzend ernster Männer her mit eisenharten Gesichtern. Sie trugen dunkle, handgewebte Kleidung und waren mit Gewehren bewaffnet. Am Fuß des steilen Felsens machten sie Halt und hielten Rat.

»Meine Brüder, die Quellen müssen weiter zur Rechten sein«, sagte ein Grauhaariger mit schmalen, harten Lippen und glattrasiertem Gesicht.

»Zur Rechten der Sierra Blanco - da kommen wir zum Rio Grande«, meinte ein anderer.

»Sorgt euch nicht um Wasser«, rief ein dritter. »Er, der Wasser aus dem Felsen schlug, wird sein auserwähltes Volk nicht verlassen.«

»Amen! Amen!« antwortete die ganze Schar.

Gerade wollten sie die Reise fortsetzen, als einer der Jüngsten, der wohl die schärfsten Augen hatte, mit einem staunenden Ausruf auf die zerklüftete Felsplatte über ihnen wies. Dort oben flatterte ein kleines Stück rosa Stoff und hob sich hart und grell von den grauen Felswänden ab. Bei diesem Anblick zog man allgemein die Zügel der Pferde fester an und nahm das Gewehr vom Rücken. Andere Reiter kamen herzu, um die Schar der Vorhut zu verstärken.

Das Wort »Rothäute« war auf jedermanns Lippen.

»Sehr viele Indianer können sich dort nicht verstecken«, sagte der ältere Mann, der das Kommando zu haben schien. »Wir sind an den Pawnees vorbeigekommen. Einen anderen Stamm gibt es hier in den Bergen nicht.«

»Soll ich einmal hinaufgehen und nachsehen, Bruder Stangerson?« fragte einer aus der Gruppe.

»Ich auch - Ich auch«, riefen ein Dutzend Stimmen.

»Laßt eure Pferde unten. Wir warten hier auf euch«, antwortete der ältere Mann. Im Nu waren die jungen Männer abgesessen, banden ihre Pferde an und kletterten den steilen Hang hinauf, um die Sache zu erforschen, die ihre Aufmerksamkeit erregt hatte. Schnell und geräuschlos kamen sie näher. Sie bewegten sich mit der Sicherheit und Umsicht erfahrener Pfadfinder. Die Zuschauer in der Ebene sahen, wie sie von Felsen zu Felsen flitzten, bis ihre Gestalten sich vom Himmel abhoben. Der junge Mann, der den ersten Alarm gegeben hatte, führte die anderen an. Plötzlich hob er die Hände hoch, als habe äußerstes Erstaunen ihn erfaßt. Die anderen kamen schnell näher und auch sie staunten über den Anblick, der sich ihnen bot.

Auf dem kleinen Plateau, das die unfruchtbare Wüste überragte, stand ein einzelner gewaltiger Felsbrocken, der die unfruchtbaren Hügel überragte. An diesen Felsenriesen gelehnt lag ein großer, ungeheuer abgemagerter Mann mit langem Bart und eingefurchten Zügen. Seine regelmäßigen Atemzüge und das friedliche Gesicht zeigten an, daß er tief und fest schlief. Neben ihm lag ein Kind, dessen runde Ärmchen seinen braunen, sehnigen Nacken umschlungen hielten, während ihr Lockenköpfchen auf seiner samtverkleideten Brust ruhte.

Ihre rosigen Lippen waren geöffnet und zeigten zwei regelmäßige Reihen schneeweißer Zähne. Ein vergnügtes Lächeln lag auf den kindlichen Zügen. Ihre rundlich kleinen, weißen Beine steckten in weißen Socken und feinen Schuhen mit glänzenden Schnallen und bildeten einen merkwürdigen Kontrast zu den langen ausgemergelten Gliedern ihres Begleiters. Auf dem Felsvorsprung, über diesem seltsamen, schlafenden Paar, saßen feierlich drei Bussarde, die jetzt, beim Anblick der Neuankommenden, heisere Schreie der Enttäuschung ausstießen und beleidigt davonflogen.

Die Schreie der Schicksalsvögel weckten die beiden Schläfer. Erschreckt sahen sie sich um.

Der Mann kam stolpernd auf die Füße, sah sich einen Augenblick verwirrt um und blickte in die Ebene hinab, die doch so einsam gewesen war, bevor der Schlaf sie übermannt hatte. Nun zog dort eine große Schar von Menschen und Tieren vorbei. Sein Gesicht nahm einen ungläubigen Ausdruck an. Er blinzelte und fuhr sich mit der knochigen Hand über das Gesicht.

»Dies ist nun wohl das, was man Delirium nennt, nehme ich an«, murmelte er. Das Kind stand neben ihm, hielt sich an seinem Rockschoß fest und sagte nichts und schaute mit großem, fragendem Kinderblick um sich.

Der rettenden Mannschaft gelang es schnell, den beiden Verlorenen klarzumachen, daß ihr Erscheinen keine Sinnestäuschung war. Einer von ihnen nahm das kleine Mädchen hoch und setzte es auf seine Schultern; zwei andere stützten den halbverhungerten Mann und halfen ihm zu den Wagen hinunter.

»Mein Name ist John Ferrier«, erklärte der Wanderer, »Das kleine Mädchen und ich sind übriggeblieben von einer Gruppe von einundzwanzig Reisenden. Alle anderen sind drunten im Süden vor Hunger und Durst umgekommen.«

»Ist das Ihr Kind?« fragte jemand.

»Ja, jetzt ist sie das!« rief er in verteidigendem Ton. »Sie ist mein Kind, weil ich sie gerettet habe. Niemand wird sie mir wegnehmen. Von heute an heißt sie Lucy Ferrier. Aber wer seid Ihr?« fuhr er fort und schaute seinen kräftigen, sonnenverbrannten Retter fragend an. »Ihr scheint ja eine Riesenkarawane zu sein.«

»Kaum weniger als zehntausend«, sagte einer der jungen Männer. »Wir sind die verfolgten Kinder Gottes — die Auserwählten vom Engel Merona.«

»Von dem habe ich noch nie etwas gehört«, sagte der Wanderer. »Es scheint, als habe er sich eine ganz hübsche Menge von euch auserwählt.«

»Verspotte das Heilige nicht!« sagte der andere streng. »Wir sind diejenigen, die an die Heiligen Schriften glauben, die in ägyptischen Zeichen auf Platten von reinem Gold dem heiligen Joseph Schmith zu Palmyra vom Himmel ausgehändigt wurden. Wir kommen aus Nauvoo im Staate Illinois, wo wir unseren ersten Tempel gegründet hatten. Wir suchen Zuflucht vor bösen und gewaltsamen Menschen und wenn es im Herzen der Wüste sein soll.«

Der Name Nauvoo rief offensichtlich Erinnerungen in John Ferrier wach.

»Jetzt weiß ich's«, sagte er, »ihr seid Mormonen.«

»Wir sind Mormonen«, riefen alle im Chor.

»Und wohin zieht ihr?«

»Das wissen wir auch nicht. Die Hand Gottes führt uns in der Person unseres Propheten. Wir müssen euch zu ihm bringen. Er wird entscheiden, was mit euch geschehen soll.«

Sie hatten inzwischen den Fuß des Berges erreicht. Sofort waren sie umringt von Scharen von Pilgern. Es waren bleichgesichtige Frauen in demütiger Haltung, kräftige, lachende Kinder und sorgenvolle Männer mit ernsten Augen. Viele Ausrufe des Staunens und des Mitleids wurden laut, als man sah, wie jung der eine und wie krank der andere war. Ihre Begleiter ließen sich jedoch nicht lange aufhalten, sondern bahnten sich einen Weg durch die Menge, gefolgt von Scharen von Mormonen.

Schließlich hatten sie einen Wagen erreicht, der auffällig groß, bequem und elegant aussah.

Sechs Pferde waren im Geschirr. Die anderen Wagen hatten zwei, höchstens vier Pferde eingespannt. Neben dem Kutscher saß ein Mann, der nicht älter als dreißig Jahre sein mochte.

Sein imposanter Kopf und resoluter Gesichtsausdruck wiesen ihn jedoch als Führer aus. Er las in einem brauneingeschlagenen Buch. Als aber die Schar herbeikam, legte er das Buch zur Seite. Aufmerksam lauschte er dem Bericht der vorangegangenen Episoden. Dann wandte er sich den beiden Gestrandeten zu.

»Wir können euch mitnehmen«, sagte er feierlich. »Aber das kann nur geschehen, wenn ihr euch unserem Glauben anschließt. Wir können keinen Wolf in unserer Herde dulden. Es wäre besser, daß eure Knochen in der Wildnis bleichen, als daß sich herausstellt, daß ihr die kleine Schimmelstelle seid, die schließlich die ganze Frucht verdirbt. Kommt ihr zu diesen Bedingungen mit?«

»Ich denke, daß ich unter jeder Bedingung mitkomme«, sagte Ferrier mit solchem Nachdruck, daß die ernsten Ältesten ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken konnten. Nur der Führer behielt seine ausdruckslose Haltung bei.

»Nimm ihn mit, Bruder Stangerson«, sagte er, »und gebt ihm Essen und Trinken und dem Kind ebenfalls. Es wird deine Aufgabe sein, ihn unseren heiligen Glauben zu lehren. Wir haben uns lange genug aufgehalten. Vorwärts! Zion entgegen!«

»Zion entgegen!« antwortete die Schar der Mormonen. Die Worte, die von Mund zu Mund weitergegeben wurden, liefen durch den ganzen Zug, bis sie in der Ferne zu einem undeutlichen Gemurmel erstarben.

Mit Peitschengeknall und Räderquietschen setzte sich der große Wagen in Bewegung. Bald schlängelte sich der riesige Zug wieder dahin. Der Älteste, dessen Fürsorge die beiden Findlinge anvertraut waren, führte sie zu seinem eigenen Wagen, wo schon eine Mahlzeit für sie bereit war.

»Ihr könnt hier bei mir bleiben«, sagte er, »in ein paar Tagen werdet ihr euch wieder erholt haben. In der Zwischenzeit dürft ihr nicht vergessen, daß ihr von nun ab unserem Glauben angehört. Brigham Young hat es so befohlen. Er spricht mit der Stimme Joseph Schmidts und der war die Stimme Gottes.«