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Studie in Scharlachrot.  Arthur Conan Doyle
Kapitel 3. Das Geheimnis im Garten Lauriston
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Die neuen Beweise von der Anwendbarkeit der Theorien meines Kameraden haben mich ein bißchen erschüttert. Ich gebe es ehrlich zu. Mein Respekt vor seinem analytischen Können wuchs ins Wunderbare. Aber ganz und gar traute ich ihm immer noch nicht. Wie, wenn die ganze Sache vorher arrangiert worden wäre, dazu ausersehen, mir etwas vorzumachen? Doch was sollte er für ein Interesse daran haben, mich einzuseifen? Ich sah zu ihm hin. Er hatte gerade den Brief zu Ende gelesen. Seine Augen hatten einen leeren Blick angenommen, jenen glanzlosen Ausdruck, der geistige Abwesenheit ausdrückt.

»Wie haben Sie das herausgefunden?« fragte ich.

»Was herausgefunden?« fragte er irritiert.«

»Na ja, daß er ein pensionierter Marine Sergeant ist.«

»Ich habe keine Zeit für alberne Kleinigkeiten«, sagte er brüsk. Dann lächelte er, »Entschuldigen Sie meine Grobheit. Sie haben mich in meinen Gedankengängen gestört, aber vielleicht ist das genauso gut. So, es war Ihnen also nicht möglich, in diesem Mann den Marinesergeanten zu sehen?«

»Nein, tatsächlich nicht.«

»Es ist leichter eine Sache zu wissen, als zu erklären, warum man sie weiß. Wenn man von Ihnen verlangt, daß zwei plus zwei vier sind, dann werden Sie auch Ihre Schwierigkeiten haben und doch sind Sie sich der Tatsache völlig sicher. Selbst über die Straße hinweg konnte ich den großen blauen Anker sehen, der auf die Hand des Mannes tätowiert war. Das roch nach See. Er hatte eine militärisch stramme Haltung und trug einen Backenbart, wie man sie bei Seeoffizieren sieht. Da haben wir also den Mariner. In seiner Haltung lag Selbstbewußtsein und eine gewisse Befehlsgewohnheit. Das hätten Sie an der Art, wie er seinen Kopf hielt und den Stock schwang, sehen müssen. Er vermittelte den Eindruck eines ehrlichen, respektablen Mannes mittleren Alters — alles Dinge, die mich annehmen ließen, daß er Sergeant gewesen ist.

»Wunderbar!« jubelte ich.

»Allgemeinwissen«, sagte Holmes, aber sein Ausdruck verriet mir, daß ihn meine sichtliche Überraschung und meine Bewunderung freute. »Ich habe gerade eben gesagt, daß es keine Verbrecher mehr gibt. Ich hatte Unrecht — schauen Sie sich das an!«

und er schob mir den Brief herüber, den ihm der Bote gebracht hatte.

»Oh«, rief ich, als ich den Brief überflogen hatte, »das ist ja furchtbar!«

»Es weicht ein bißchen vom Üblichen ab«, bemerkte er ruhig, »würden Sie ihn mir bitte einmal laut vorlesen?«

Dies ist der Brief, den ich ihm vorlas:

Mein lieber Sherlock Holmes!

Während der letzten Nacht ist in Lauristen Gardens Nr. 3 (die Straße zweigt von der Brixton Road ab) eine schlimme Sache passiert. Unser Wachmann sah dort gegen zwei Uhr Licht.

Das Haus ist unbewohnt, so kam ihm der Verdacht, daß hier etwas nicht stimmen konnte. Er fand die Wohnungstür unverschlossen. Im vorderen, völlig unmöblierten Zimmer entdeckte er die Leiche eines gutgekleideten Herrn. Er hatte Visitenkarten in der Tasche mit dem Namen >Enoch J. Drebber, Cleveland, Ohio USA<. Um einen Raubüberfall scheint es sich nicht zu handeln, aber es ist nicht klar, wie der Mann zu Tode gekommen ist. Es sind zwar Blutflecken im Zimmer, aber der Mann selbst ist unverletzt. Wir wissen nicht, wie er in das leere Haus gekommen ist. Die ganze Angelegenheit ist uns ein Rätsel. Wenn Sie sich den Tatort ansehen möchten, Sie finden mich bis 12 Uhr dort. Bis Sie eintreffen, werde ich alles so lassen, wie ich es vorgefunden habe. Falls Sie verhindert sein sollten, hierher zu kommen, werde ich Ihnen weitere Einzelheiten mitteilen. Aber Sie würden mir einen großen Gefallen tun, wenn Sie mich Ihre Meinung in der Sache wissen ließen.

Ihr getreuer Tobias Gregson.

»Gregson ist der tüchtigste Mann in Scotland Yard«, bemerkte mein Freund, »er und Lestrade sind die beiden einzigen, die etwas taugen. Sie reagieren beide schnell und energisch. Aber sie sind so konventionell. Es ist fürchterlich. Auch können sie sich gegenseitig nicht ausstehen. Sie sind eifersüchtig aufeinander wie zwei Primadonnen. Der Fall würde mir Spaß machen, in welchem sie beide auf der gleichen Fährte sind!«

Ich war erstaunt über die ruhige Art, mit der er dahinplauderte.

»Sie dürfen jetzt keinen Augenblick versäumen!« rief ich, »soll ich laufen und Ihnen einen Wagen besorgen?«

»Ich weiß noch nicht, ob ich hingehen werde. Ich bin der faulste Teufel, den Sie je gesehen haben - das heißt, wenn mich die Faulheit packt. Sonst kann ich mich auch ziemlich schnell bewegen.«

»Aber wieso denn, dies ist doch die Gelegenheit, auf die Sie gewartet haben.«

»Mein lieber Freund, was geht mich das alles an. Nehmen wir einmal an, ich löse den Fall.

Gregson, Lestrade und Co. werden allen Kredit für sich verbuchen, da können Sie ganz sicher sein. Das hat man davon, wenn man eine inoffizielle Persönlichkeit ist.«

»Aber er bittet Sie doch, ihm zu helfen.«

»Ja, und er weiß, daß ich ihm überlegen bin. Mir gegenüber gibt er das auch zu, aber bevor er dergleichen einem Dritten gegenüber zugeben würde, würde er sich lieber die Zunge abbeißen. Na, wir können genausogut mal hingehen und uns die Sache ansehen. Ich werde wieder auf meine Weise arbeiten. Wenn mir nichts anderes bleibt, kann ich wenigstens über sie lachen. Kommen Sie!«

Er zog sich seinen Mantel an und lief im Zimmer herum, als wollte er kundtun, daß die energische Phase die apathische abgelöst hatte.

»Nehmen Sie Ihren Hut«, sagte er.

»Soll ich denn wirklich mitkommen?«

»Ja, wenn Sie nichts besseres zu tun haben.« Eine Minute später saßen wir beide in der Droschke und fuhren wie der Wind in die Brixton Road.

Es war ein verhangener, nebliger Morgen. Ein grauer Schleier hing über den Hausdächern und mutete wie das Spiegelbild der schlammig-schmutzigen Straße an. Mein Kamerad war bester Laune und plauderte über Cremona-Geigen und den Unterschied zwischen einer Stradivari und einer Amati. Ich selber war recht still; das trübe Wetter und die düstere Angelegenheit, um deretwillen wir unterwegs waren, bedrückten mich.

»Sie verschwenden nicht allzu viele Gedanken auf die Sache, die vor uns liegt«, sagte ich schließlich und unterbrach Holmes musikalischen Diskurs.

»Es gibt ja auch noch nichts zu sagen«, antwortete er. »Es ist ein großer Fehler, wenn man sich eine Theorie aufbaut, bevor man die Tatsachen beisammen hat. Das blockiert die Urteilsfähigkeit. «

»Sie werden bald Tatsachen haben«, bemerkte ich und zeigte mit dem Finger aus dem Wagen.

»Dies ist die Brixton Road und das ist das Haus, wenn ich nicht sehr irre.«

»Recht haben Sie. Halten Sie, Kutscher, halten Sie!« Wir waren noch etwa hundert Meter von dem Haus entfernt, aber er bestand darauf, anzuhalten und auszusteigen. Den Rest des Weges legten wir zu Fuß zurück.

Das Haus Nr. 3 in Lauriston Gardens machte einen kleinlichschäbigen Eindruck. Es war eines von vier Häusern, die ein wenig abseits von der Straße standen. Zwei davon schienen unbewohnt zu sein. Drei Reihen leerer, trauriger Fenster blickten auf die Straße. Auf den schmutzigen Scheiben waren Schilder »zu vermieten« in Kaskadenform angebracht und ließen die Fenster noch leerer und trauriger erscheinen. Zwischen Haus und Garten befand sich ein kleiner Garten, der mit kränklichen, unsymmetrisch gepflanzten Gewächsen bestückt war. Durch den Garten führte ein schmaler Weg, dessen gelbliche Farbe aus einer Mischung aus Lehm und Kies zu bestehen schien. Durch die Regenfälle der vergangenen Nacht war alles sehr aufgeweicht und matschig. Der Garten war von einer meterhohen Mauer umgeben, auf der ein Holzzaun angebracht war. An dieser Mauer lehnte ein breitschultriger Polizist, der von Neugierigen umringt war, die in vergeblicher Hoffnung, etwas von dem was drinnen geschah, mitzubekommen, ihren Hals verrenkten und die Augen verdrehten.

In meiner Vorstellung hatte ich Sherlock Holmes sofort ins Haus eilen und sich kopfüber in den rätselhaften Fall stürzen sehen. Aber das schien ganz und gar nicht seine Absicht zu sein.

Mit einem nonchalanten Gehabe, das mir bei dieser Angelegenheit an der Grenze der Affektiertheit zu liegen schien, bummelte er auf dem Fußweg herum, blickte abwesend auf den Boden, den Himmel, auf das gegenüberliegende Haus und auf den Holzzaun. Schließlich schien er sich alles genau angesehen zu haben. Er ging langsam den Weg herunter, oder vielmehr, er ging an der Graskante entlang, die den Weg einrahmte. Seine Augen waren weiterhin auf den Boden gerichtet. Zweimal hielt er an. Ich sah, wie er lächelte und ich hörte, wie er einen Ausruf von Befriedigung tat. Es waren viele Abdrücke von Schuhsohlen auf dem lehmigen Boden, aber da die Polizisten dort hin- und hergelaufen waren, begriff ich nicht, was mein Freund dort lesen konnte. Allerdings zweifelte ich nicht daran, daß er dort Zeichen sah, die mir verborgen blieben, denn ich hatte ja einen Einblick in seine außergewöhnliche Schnelligkeit und seine große Aufnahmefähigkeit getan.

An der Haustür wurden wir von einem großen Mann begrüßt. Er hatte ein blasses Gesicht, blonde Haare und ein Notizbuch in der Hand. Er war herangerannt gekommen und schüttelte die Hand meines Freundes mit großer Herzlichkeit. »Das ist wirklich gut, daß Sie gekommen sind«, sagte er, »ich habe alles unberührt gelassen.

»Ausgenommen das da!« sagte mein Freund und zeigte auf den Weg. »Wenn eine ganze Herde von Elefanten darüber gezogen wäre, hätten sie nicht mehr anrichten können. Aber natürlich haben Sie, Gregson, sich den Weg vorher gut angesehen und ihre Schlüsse gezogen.«

»Ich hatte im Haus soviel zu tun«, verteidigte sich der Detektiv. »Mein Kollege Lestrade ist hier. Ich hatte mich darauf verlassen, daß er das übernehmen würde.«

Holmes sah mich an und zog die Augenbrauen spöttisch hoch. »Wenn zwei tüchtige Leute wie Lestrade und Sie hier arbeiten, dann gibt es wohl für einen dritten nichts mehr herauszufinden«, sagte er.

Gregson rieb sich selbstzufrieden die Hände. »Ich glaube, wir haben getan, was wir konnten«, sagte er. »Aber es ist ein schwieriger Fall und ich weiß, daß Sie Geschmack an so etwas haben.«

»Sind Sie mit der Droschke hergekommen?« fragte Holmes.

»Nein, Sir.«

»Lestrade auch nicht?«

»Nein, Sir.«

»Lassen Sie uns hineingehen und und das Zimmer ansehen.« Mit dieser unlogischen Bemerkung schritt er ins Haus, gefolgt von Gregson, dessen ganze Gestalt Erstaunen ausdrückte.

Ein kurzer Flur, teppichlos und staubig, führte in die Küche und zu den anderen Arbeitsräumen. Zwei Türen führten nach links und zwei nach rechts. Eine von ihnen war, wie es schien, seit Wochen verschlossen. Die andere Tür führte ins Eßzimmer. In diesem Zimmer war der geheimnisvolle Unfall geschehen. Holmes ging hinein und ich folgte ihm mit den bedrückenden Gefühlen, die sich einem in der Nähe des Todes aufdrängen.

Es war ein großer, rechteckiger Raum, der noch größer wirkte, weil er völlig unmöbliert war.

Eine billige, bunte Tapete an den Wänden wies große Stellen von Stockflecken auf. An mehreren Stellen hatten sich die Bahnen gelöst und hingen in großen Fetzen herunter und gaben den Blick auf die nackte, gelbe Wand frei. Gegenüber der Tür befand sich ein aufwendiger Kamin mit einem Aufsatz aus imitiertem weißen Marmor. Das einzige Fenster war so schmutzig, daß das Licht gedämpft und trüb hereinkam und dem Zimmer Grauen und Düsternis verlieh. Die dicke Staubschicht, die auf allem lag, verstärkte diesen Eindruck noch.

Alle diese Eindrücke nahm ich allerdings erst später wahr. Im Augenblick war meine ganze Aufmerksamkeit auf die einzelne, grausige Gestalt gerichtet, die ausgestreckt auf dem nackten Holzfußboden lag und deren leere, tote Augen zu der verfärbten Zimmerdecke gerichtet waren. Es war die Gestalt eines Mannes, drei- oder vierundvierzig Jahre alt, mittelgroß und breitschultrig, mit krausgelocktem schwarzem Haar und einem kurzen, borstigen Bart. Er trug einen Frack aus schwerem Tuch und eine Weste, dazu eine hellere Hose, einen sauberen Kragen und Manschetten. Ein Zylinderhut, der ordentlich und gut ausgebürstet war, lag neben ihm auf dem Boden. Seine Hände waren geballt und die Arme weit vom Körper gestreckt. Die Beine waren ineinanderverkrampft und zeugten von einem schweren Todeskampf. Auf dem harten Gesicht stand noch der Ausdruck von Schrecken und, wie es mir schien, von Haß. Einen solchen Haß hatte ich noch nie auf einem menschlichen Gesicht gesehen. Die furchtbar unnatürlich verzerrten Glieder, die niedrige Stirn, die flache Nase und das breite Kinn gaben dem toten Mann ein affengleiches Aussehen, das noch von seiner verrenkten und verzerrten Lage unterstrichen wurde. Ich habe den Tod in vielerlei Gestalt gesehen, aber niemals war er mir in einer so grausigen Form erschienen, wie in diesem unfreundlichen, dunklen Haus, von dem aus man einen Blick auf die Hauptadern der Londoner Innenstadt hat.

Lestrade, mager und rattengleich wie immer, stand an der Tür und begrüßte meinen Kameraden und mich.

»Dieser Fall wird einiges aufrühren, Sir«, sagte er. »Es übertrifft alles, was ich bisher gesehen habe. Und ich bin kein Feigling.«

»Es gibt keinen Hinweis«, sagte Gregson.

»Absolut keinen«, fiel Lestrade ein.

Sherlock Holmes näherte sich der Leiche und kniete nieder, um sie aufmerksam zu untersuchen. »Sind Sie sicher, daß er keine Wunden hat?« fragte er und wies auf die vielen Blutspritzer und Flecken um ihn herum.

»Absolut sicher«, riefen beide Detektive.

»Dann stammt das Blut von jemand anders, vermutlich von dem Mörder, falls hier ein Mord geschehen ist. Es erinnert mich an die Begleitumstände bei dem Tod von Van Jansen in Utrecht im Jahre 1834. Erinnern Sie sich an den Fall, Gregson?«

»Nein, Sir.«

»Dann lesen Sie ihn nach. Das sollten Sie wirklich tun. Es gibt nichts Neues unter der Sonne.«

Während er sprach, waren seine sensiblen Hände hierhin und dorthin geflogen, waren überall, drückten, fühlten, knöpften auf, untersuchten. Seine Augen jedoch hatten den gleichen abwesenden Ausdruck, den ich vorher schon wahrgenommen hatte. So schnell fand diese Untersuchung statt, daß man kaum glauben konnte, daß sie wirklich sehr gründlich ausgeführt worden war. Schließlich roch er an den Lippen des Toten und besah sich die Sohlen der Lacklederstiefel.

»Ist er wirklich nicht berührt worden?« fragte er.

»Nicht mehr, als was zum Zwecke der Untersuchung notwendig war.«

»Sie können ihn jetzt in die Leichenhalle bringen. Hier gibt es jetzt nichts, was wir noch herausfinden könnten.«

Gregson hatte eine Bahre und vier Träger in der Nähe. Auf seinen Ruf kamen sie in den Raum, der Fremde wurde auf die Bahre gehoben und hinausgetragen. Als sie ihn jedoch hochhoben, fiel ein Ring herunter und rollte über den Boden. Lestrade griff nach ihm und starrte ihn mit ratlosen Augen an.

»Es muß eine Frau hiergewesen sein«, rief er, »es ist der Ehering einer Frau.«

Während er sprach, hatte er den Ring auf die Innenfläche seiner ausgestreckten Hand gelegt.

Wir alle drängten uns um ihn und blickten darauf. Es konnte gar kein Zweifel daran bestehen — dieser Goldreif hatte einmal den Finger einer Braut geziert.

»Das macht die Sache noch schwieriger«, seufzte Gregson, »und der Himmel weiß, daß sie vorher schon schwierig genug war.«

»Sind Sie sicher, daß es die Sache nicht eher vereinfacht?« meinte Holmes. »Wir werden nichts herausfinden, wenn wir weiter so auf den Ring starren. Was haben Sie in seinen Taschen gefunden?«

»Hier ist alles«, sagte Gregson und wies auf einen kleinen Haufen von Dingen auf der untersten Stufe der Treppe. »Eine goldene Uhr, Nr. 97163, von Barraud London, goldene Uhrkette, sehr schwer und solide, ein goldener Ring mit Freimaurersymbol, eine goldene Nadel mit dem Kopf einer Bulldogge, die Augen aus Rubinen hatte, ein Täschchen aus russischem Leder für die Visitenkarten mit dem Namen >Enoch J. Drebber, Cleveland<, der mit der Zeichnung der Wäsche >E.J.D.< übereinstimmte. Und etwa sieben Pfund und 13 Schillinge Kleingeld.«

Weiterhin fanden wir eine Taschenbuchausgabe von Boccaccios >Decamerone<, die den Namen Joseph Stangerson auf der ersten Seite trug, zwei Briefe, einen adressiert an E.J.

Drebber und den anderen an Joseph Stangerson.«

»An welche Adressen?«

»American Exchange, Strand, hinterlegt, um abgeholt zu werden. Beide Briefe sind von der Guion Dampfschiffahrtsgesellschaft und beziehen sich auf die Abfahrt ihres Schiffes von Liverpool. Es ist klar, dieser unglückliche Mensch war auf seiner Rückreise nach New York.«

»Haben Sie sich nach diesem Mr. Stangerson erkundigt?«

»Das ist sofort geschehen, Sir«, sagte Gregson. »Ich habe eine Anzeige in allen Zeitungen aufgegeben und einer meiner Männer ist zum amerikanischen Exchange gegangen, aber er ist noch nicht zurückgekehrt.«

»Haben Sie sich mit Cleveland in Verbindung gesetzt?«

»Wir haben heute morgen telegraphiert.«

»Was haben Sie Ihnen über den Stand Ihrer Untersuchungen gesagt?«

»Wir haben Ihnen die Umstände in allen Einzelheiten mitgeteilt und hinzugefügt, daß wir für weitere Informationen dankbar sein werden. Dies alles wird uns sicherlich weiterhelfen.«

»Haben Sie nach irgendwelchen Einzelheiten gefragt, die Ihnen aufschlußreich und wichtig erschienen sind?«

»Ich habe mich nach Stangerson erkundigt.«

»Weiter nichts? Gibt es keine Anhaltspunkte, an denen man den ganzen Fall aufhängen könne? Möchten Sie nicht noch einmal telegraphieren?«

»Ich habe gesagt, was ich zu sagen hatte«, sagte Gregson in beleidigtem Ton.

Sherlock Holmes lachte in sich hinein. Es schien, als wollte er gerade zu einer Bemerkung ansetzen, als Lestrade wieder auf der Szene auftauchte und die Hände selbstgefällig in einer etwas pompösen Weise rieb. Er war in dem vorderen Zimmer gewesen, während wir uns in der Halle unterhielten.

»Mr. Gregson«, sagte er, »ich habe da soeben eine Entdeckung gemacht, die von größter Wichtigkeit ist. Noch dazu wäre sie völlig übersehen worden, hätte ich mir nicht die Wände noch einmal genau angesehen.«

Die Augen des kleinen Mannes glänzten, während er sprach. Ganz offensichtlich war er in einem Zustand unterdrückter Erregung, weil er einen Punkt gegen seinen Kollegen gewonnen hatte.

»Kommen Sie her«, sagte er und ging geschäftig zurück in das Zimmer, dessen Atmosphäre nun, nachdem der grausige Bewohner entfernt worden war, nicht mehr so bedrückend war.

Er strich ein Streichholz an seinem Stiefel an und hielt es gegen die Wand.

»Sehen Sie!« sagte er triumphierend.

Ich habe schon erwähnt, daß sich die Tapete an einigen Stellen von der Wand gelöst hatte. In dieser Zimmerecke war ein großes Stück heruntergekommen, dahinter zeigte sich die nackte, rauhverputzte Wand. Über diese kahle Stelle war in blutroter Farbe ein einziges Wort geschrieben - RACHE.

»Was halten Sie davon?« rief der Detektiv mit der Miene eines Schaustellers, der seine Ausstellung zeigt. »Dies wurde übersehen, weil hier die dunkelste Ecke des Raumes ist.

Niemand hat daran gedacht, sie zu untersuchen. Der Mörder hat es mit seinem (oder ihrem) eigenen Blut geschrieben. Sehen Sie sich diesen Blutfleck an, der von der Wand heruntergetropft ist. Jedenfalls schließt das den Gedanken an Selbstmord aus. Aber warum wurde gerade diese Ecke gewählt, um dies hier zu schreiben? Das will ich Ihnen sagen. Sehen Sie die Kerze da auf dem Kamin? Sie war zu der Zeit angezündet. Und wenn die Kerze brennt, ist diese Ecke nicht die dunkelste, sondern die hellste Stelle des Zimmers. «

»Und was soll dieser Fund nun bedeuten?« fragte Gregson verächtlich.

»Bedeuten? Wieso, es bedeutet natürlich, daß der Schreiber dabei war, den Namen Rachel zu schreiben, aber gestört wurde, bevor er zu Ende schreiben konnte. Sie werden sich an meine Worte erinnern. Wenn dieser Fall erst aufgeklärt ist, werden Sie sehen, daß eine Frau namens Rachel eine Rolle darin gespielt hat. Sie können ruhig lachen, Mr. Sherlock Holmes. Sie mögen tüchtig und klug sein, aber am Ende ist der alte Hund immer noch der beste.«

»Also, ich muß mich wirklich entschuldigen«, sagte mein Kamerad, der dem kleinen Mann ein bißchen die Laune verdorben hatte, indem er in ein explosionsartiges Gelächter ausgebrochen war. »Sie haben die Ehre, dies da als erster herausgefunden zu haben. Wie Sie ganz richtig sagen, sieht es so aus, als habe jemand, der gestern abend hier war, dies geschrieben. Ich hatte noch keine Zeit, mir das Zimmer genau anzusehen. Aber wenn Sie erlauben, werde ich es jetzt tun.«

Er hatte inzwischen ein Maßband aus der Tasche gezogen und dazu ein großes, rundes Vergrößerungsglas. Mit diesen beiden Hilfsmitteln bewegte er sich geräuschlos im Zimmer herum, hielt manchmal an, kniete öfters nieder und einmal legte er sich sogar flach auf den Bauch. Er war so sehr in seine Arbeit vertieft, daß er unsere Anwesenheit ganz vergessen zu haben schien. Er sprach die ganze Zeit über leise vor sich hin, dies wirkte wie ein kleines Feuerwerk von Ausrufen, Stöhnen und Pfeifen und kleinen Aufschreien von Vermutungen und Hoffnungen. Wie ich ihn so beobachtete, sah ich mich unweigerlich an einen reinrassigen, gut ausgebildeten Jagdhund erinnert, der im Jagdgebiet hin und her schießt und vor Aufregung heult, bis er die verlorene Fährte wiedergefunden hat. Mindestens zwanzig Minuten verwandte er auf seine Untersuchungen. Er maß mit genauer Sorgfalt die Entfernungen zwischen Spuren aus, die für mich total unsichtbar waren. Gelegentlich legte er sein Maßband zwischen Punkten an, die ich nicht verstehen konnte. An einer Stelle fegte er sorgfältig ein kleines Häuflein grauen Staubes vom Boden auf und verwahrte es in einem Briefumschlag. Schließlich untersuchte er mit einem Vergrößerungsglas das Wort an der Wand, indem er jeden einzelnen Buchstaben mit großer Genauigkeit betrachtete. Schließlich war er fertig. Er schien zufrieden und steckte Maßband und Vergrößerungsglas in die Tasche zurück.

»Man sagt, daß Sorgfalt die Mutter des Genies ist«, bemerkte er lächelnd. »Es ist schlecht ausgedrückt, paßt aber auf die Arbeit eines Detektivs.«

Gregson und Lestrade hatten das Manöver ihres Amateurkollegen mit Neugier und Mißgunst verfolgt. Ganz offensichtlich konnten sie die Verfahrensweise nicht richtig einschätzen, die mir langsam klar wurde. Sie machten sich nicht klar, daß selbst die kleinste Kleinigkeit, die Sherlock Holmes tat, wichtig für das Endergebnis war.

»Was halten Sie davon, Sir?« fragten sie beide.

»Ich würde Ihnen die Show stehlen, wenn ich so täte, als wollte ich Ihnen helfen«, bemerkte mein Freund. »Sie kommen so gut voran, daß es ein Jammer wäre, wenn jemand sich da einmischt.«

In seiner Stimme lag Sarkasmus. »Wenn Sie mich wissen lassen wollen, wie Ihre Untersuchungen laufen«, fuhr er fort, »werde ich glücklich sein. Wenn ich Ihnen helfen kann, werde ich tun, was ich vermag. Inzwischen möchte ich gerne mit dem Polizisten sprechen, der die Leiche gefunden hat. Wollen Sie mir seinen Namen und die Adresse geben?«

Lestrade schaute in sein Notizbuch. »John Rance«, sagte er. Er hat jetzt frei. Er wohnt Audley Court 46, Kennington Park Gate.«

»Kommen Sie, Doktor«, sagte er, »wir gehen hin und besuchen ihn. Ich werde Ihnen eine Sache verraten, die Ihnen in dieser Angelegenheit weiterhelfen wird«, fuhr er fort und wandte sich an die beiden Detektive »Es ist ein Mord geschehen. Der Mörder war ein Mann. Er war mehr als 1,80 m groß, in der Blüte seiner Jahre. Für seine Länge hatte er ziemlich kleine Füße, trug grobe, breitgeschnittene Stiefel und rauchte eine Zigarre von der Marke Trichinoply. Er ist mit seinem Opfer in einer Droschke hierher gekommen. Das Pferd, das die Droschke zog, hatte drei alte, und unter seinem Vorderhuf ein neues Hufeisen. Mit aller Wahrscheinlichkeit hatte der Mörder eine helle Gesichtsfarbe und die Fingernägel seiner rechten Hand waren bemerkenswert lang. Dies sind bloß ein paar Hinweise, aber vielleicht helfen sie Ihnen weiter.«

Lestrade und Gregson sahen einander mit ungläubigem Lächeln an.

»Wenn dieser Mann ermordet worden ist, wie hat man ihn dann umgebracht?«

»Gift!« sagte Sherlock Holmes knapp und schritt von dannen.

»Noch eine Sache, Lestrade«, sagte er und drehte sich in der Tür um, »>Rache< ist ein deutsches Wort und heißt soviel wie >revenge<. Also vertun Sie Ihre Zeit nicht, indem Sie nach einem Fräulein Rachel suchen.«

Mit diesem Schuß zum Abschied ging er fort und ließ die beiden Rivalen mit offenen Mündern hinter sich.