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Studie in Scharlachrot.  Arthur Conan Doyle
Kapitel 2. Die Wissenschaft von der Deduktion
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Wie verabredet trafen wir uns am nächsten Tag und sahen uns die Wohnung in Baker Street 221 B an, von der er bei unserem Treffen gesprochen hatte. Sie bestand aus zwei bequemen Schlafzimmern und einem großen, luftigen Wohnzimmer, das hübsch möbliert und durch zwei große Fenster hell und licht wirkte. Die Wohnung gefiel uns gut. Die Kosten, wenn wir sie uns teilten, waren so niedrig, daß der Handel an Ort und Stelle abgemacht wurde und wir beschlossen, sofort einzuziehen. Noch am gleichen Abend holte ich meine Koffer aus dem Hotel und am nächsten Morgen folgte Sherlock Holmes meinem Beispiel mit mehreren Koffern und Kartons. Ein oder zwei Tage lang waren wir damit beschäftigt, uns so gut es ging einzurichten. Dann war das geschafft und wir begannen, uns in unserer neuen Umgebung wohl zu fühlen.

Mit Holmes zusammenzuleben, war durchaus nicht schwierig. Er hatte eine ruhige Art sich zu geben und liebte einen pünktlichen Tageslauf. Selten war er abends nach zehn Uhr noch auf.

Bevor ich am Morgen aufstand, hatte er schon sein Frühstück, das sich niemals änderte, verzehrt. Manchmal verbrachte er seine Tage im chemischen Laboratorium, manchmal im Anatomieraum. Hin und wieder unternahm er lange Spaziergänge, die ihn oft in die niedrigen Gefilde der Stadt führten. Nichts konnte seine Energie zum Erlahmen bringen, wenn ihn die Arbeitswut gepackt hatte. Aber manchmal trat auch die Reaktion auf die hektische Energie ein. Dann konnte er tagelang auf dem Sofa unseres Wohnzimmers liegen, brachte vom Morgen bis zum Abend keinen Ton heraus und bewegte keinen Muskel. In solchen Zeiten bemerkte ich einen verträumten, abwesenden Ausdruck in seinen Augen, daß ich ihn der Drogenabhängigkeit bezichtigt hätte, wenn nicht die Stetigkeit seines ganzen Lebenswandels einen solchen Verdacht ausgeschlossen hätte.

Die Wochen vergingen. Mein Interesse an ihm und seinen geheimnisvollen Aktivitäten vertiefte sich immer mehr. Allein seine Person und sein Auftreten erregten die Aufmerksamkeit selbst des flüchtigsten Beobachters. Er war mehr als 1,80 m groß und überschlank, so daß er noch länger wirkte. Seine Augen, nur in den passiven Zeiten verträumt, waren scharf und durchdringend. Seine dünne Adlernase gab seinem Profil den Eindruck von Aufmerksamkeit und Entschlossenheit. Sein Kinn, breit und eckig, kennzeichnete den Mann von Entschlossenheit. Seine Hände waren ständig mit Tinte oder Chemikalien verschmiert; doch besaß er einen außergewöhnlich feinen Tastsinn. Ich habe ihn oft bewundert, wenn ich zusah, wie geschickt und sorgfältig er mit seinen zerbrechlichen wissenschaftlichen Geräten umging.

Mein Leser hält mich gewiß für einen hoffnungslosen Naseweis, wenn ich ihm beichte, wie sehr dieser Mann meine Neugier weckte und wie oft ich mir vornahm, die Mauer der Zurückhaltung zu durchbrechen, die er um alles, was ihn persönlich betraf, gezogen hatte.

Bevor man mich jedoch verurteilt, möge man sich einmal vorstellen, wie langweilig mein eigenes Leben war. In meinem Dasein gab es wirklich sehr wenig, was mein Interesse erregen konnte. Wegen meines schlechten Gesundheitszustandes konnte ich nur ausgehen, wenn das Wetter einigermaßen mild war. Freunde, die ich hätte besuchen und empfangen können, um so die Monotonie meines täglichen Lebens zu durchbrechen, hatte ich keine. Unter diesen Umständen griff ich gierig nach den kleinen Geheimnissen, die meinen Kameraden umgaben.

Ich verbrachte viel Zeit, diese zu enthüllen.

Er war kein Medizinstudent. In diesem Punkt hatte sich Stamfords Vermutung bestätigt. Auch schien es nicht so, daß er Vorlesungen belegt hatte, die auf irgendein späteres Diplom einer Wissenschaft hinwies, das ihm das Tor zur gelehrten Welt geöffnet hätte. Und doch war sein Eifer für bestimmte Studien schon bemerkenswert. Innerhalb seiner eigenen exzentrischen Grenzen war sein Wissen erstaunlich gut und exakt. Sicherlich konnte kein Mensch es auf sich nehmen, so hart zu arbeiten und sich so genaue Informationen zu beschaffen, wenn er nicht ein genaues Ziel vor den Augen hätte, sagte ich mir. Planloses Studieren sticht selten wegen seiner exakten Zielstrebigkeit hervor. Kein Mensch belastet sein Gehirn mit kleinsten Details, wenn er nicht guten Grund dafür hat.

Seine Wissenslücken auf manchen Gebieten waren allerdings genau so bemerkenswert. Er wußte fast nichts von zeitgenössischer Literatur, Philosophie und Politik. Als ich einmal Thomas Carlyle zitierte, erkundigte er sich in der naivsten Weise, wer das denn wohl sein möge und was er gemacht habe. Mein Erstaunen erreichte jedoch seinen Höhepunkt, als ich zufällig herausfand, daß er keine Ahnung von der kopernikalen Theorie und den Gesetzen des Sonnensystems hatte. Daß ein zivilisierter Mensch des neunzehnten Jahrhunderts nichts davon gehört haben sollte, daß die Erde um die Sonne herum wandert, erschien mir unfaßlich.

»Sie scheinen verwundert zu sein«, sagte er und lächelte über meinen überraschten Ausdruck.

»Nun, da ich es weiß, werde ich mein bestes tun, das wieder zu vergessen.«

»Das wieder zu vergessen!«

»Sehen Sie«, erklärte er, »ich stelle mir das menschliche Gehirn wie eine kleine Dachwohnung vor, die man nach Belieben mit Möbeln bestückt. Nur ein Dummkopf packt allen ausgedienten Kram dort hinein, so daß nützliches Wissen keinen Platz mehr hat oder bestenfalls zusammen mit anderem Unrat dort hineingestopft wird. Es wird schwierig werden, bei Bedarf dieses nützlichen Wissens habhaft zu werden. Ein geübter Arbeiter aber wählt sorgfältig aus, was er in seine Gehirnkammer bringt. Er möchte nichts dort haben als die Werkzeuge, die ihm helfen, seine Arbeit effektiv zu tun. Von diesen Werkzeugen aber braucht er ein gutes Sortiment und alles muß gut und handgerecht geordnet sein. Man begeht einen schweren Fehler, wenn man meint, dieser kleine Raum habe Gummiwände und könne nach Belieben ausgedehnt werden. Verlassen Sie sich darauf, es wird eine Zeit kommen, wo Sie für jedes zusätzliche Wissen etwas vergessen müssen, was Sie vorher aufgenommen haben. Es ist daher von größter Wichtigkeit, daß nicht unnützes Wissen nützliches hinausboxt.«

»Aber das Sonnensystem!« protestierte ich. »Was zum Teufel bedeutet mir das!« unterbrach er mich ungeduldig. »Sie sagen, daß wir um die Sonne herumwandern. Wenn wir uns um den Mond herum bewegten, so würde das meine Arbeit auch nicht für fünf Pfennig beeinflussen.«

Es lag mir auf der Zunge, nach der Art seiner Arbeit zu fragen, aber etwas in seinem Gebaren machte mir begreiflich, daß ihm eine solche Frage unwillkommen war. Trotzdem dachte ich über unsere kurze Unterhaltung nach und versuchte, meine Schlußfolgerung daraus zu ziehen.

Er hatte gesagt, daß er kein Wissen ansammeln würde, das er nicht für seine Arbeit verwerten könne. Seine Studien mußten deshalb alle für seine Ziele nützlich sein. Ich ging in meinem Sinn die verschiedenen Gebiete durch, in denen er außergewöhnlich gut informiert war. Ich nahm sogar einen Bleistift und fertigte eine Liste an. Ich konnte nicht anders als über das fertige Schriftstück lächeln.

Es sah folgendermaßen aus:

Sherlock Holmes — Seine Grenzen

1. Literaturwissen — nichts

2. Philosophiewissen — nichts

3. Astronomiewissen — nichts

4. Politikwissen — wenig

5. Botanikwissen — unterschiedlich.

Kennt sich gut aus in Drogen und allgemeinen Giften.

Keine Ahnung vom praktischen Gartenbau Ich habe schon auf sein ausgezeichnetes Geigenspiel hingewiesen. Sein Spiel war wirklich bemerkenswert, aber ebenso exzentrisch wie all seine anderen Aktivitäten. Schwierige klassische Stücke konnte er gut spielen. Ich wußte das, weil er mir auf meine Bitte hin ein paar Mendelsonlieder und andere Lieblingsstücke vorgespielt hatte. Wenn er jedoch für sich spielte, produzierte er weder klassische Musik noch irgendwelche gängigen Melodien. Er konnte sich am Abend in seinem Sessel zurücklehnen, die Augen schließen und, die Geige auf den Knien, sorglos über die Saite hinstreichen. Manchmal waren die Akkorde traurig und melancholisch. Zu anderen Zeiten waren sie phantastisch fröhlich. Es war klar, daß diese Melodien Gefühle widerspiegelten, die in ihm arbeiteten. Ob aber das Spiel Gedanken ausdrückte, mit denen er sich beschäftigte oder ob es nur das Ergebnis einer augenblicklichen Laune war, das konnte ich nicht herausbekommen. Manchmal hätte ich wegen dieser ausdrucksvollen Solos protestieren mögen, aber er hielt mich bei Laune, indem er am Ende immer eine ganze Reihe meiner Lieblingsmelodien hintereinander spielte. Das war dann die Kompensation für die Geduldsprobe.

Während der ersten Wochen hatten wir keinerlei Besucher. Ich hatte mich schon mit dem Gedanken angefreundet, mein Freund sei ein Mensch, der, wie ich selber, ohne Freunde auskommen konnte. Schließlich aber stellte sich heraus, daß er sehr viele Bekannte hatte.

Diese gehörten zu den verschiedensten gesellschaftlichen Klassen. Da war ein kleiner blasser Mann mit einem Rattengesicht und dunklen Augen, der mir als Mr. Lestrade vorgestellt wurde. Der Mann konnte in einer einzigen Woche drei- bis viermal vorbeikommen. Eines Morgens besuchte uns ein junges, modisch gekleidetes Mädchen und blieb länger als eine halbe Stunde. Der gleiche Nachmittag bescherte uns einen grauhaarigen, schäbig gekleideten Besucher, der aussah wie ein jüdischer Händler. Dieser Mann schien sehr aufgeregt gewesen zu sein und eine schlampige ältere Frau war ihm auf den Fersen gefolgt. Bei einer anderen Gelegenheit hatte ein weißhaariger alter Herr eine Unterredung mit meinem Kameraden, und wieder bei einer anderen kam ein Eisenbahnportier in seiner Samtuniform zu uns. Wenn diese unbeschreiblichen Typen bei uns erschienen, pflegte Sherlock Holmes mich zu bitten, ihm das Wohnzimmer zu überlassen. Ich zog mich dann in mein Schlafzimmer zurück. Er entschuldigte sich immer für die Umstände, die er mir machte.

»Ich brauche dieses Zimmer, um Geschäfte abzuwickeln«, sagte er, »diese Leute sind meine Klienten«.

Wieder hatte ich Gelegenheit, ihm geradeheraus die eine Frage zu stellen, die mich bewegte und wiederum hinderte mich meine Feinfühligkeit daran, den anderen Mann zu zwingen, mir etwas anzuvertrauen, was er vielleicht lieber für sich behalten wollte. Ich sagte mir damals, daß er wohl einen guten Grund für seine Verschwiegenheit hätte. Aber eines Tages kam er aus eigenen Stücken auf die Sache zu sprechen.

Es war am 4. März. Ich erinnere mich noch genau daran. Ich war am Morgen ein wenig früher als sonst aufgestanden. Sherlock Holmes hatte sein Frühstück noch nicht beendet. Unsere Wirtin, die sich inzwischen an mein Spätaufstehen gewöhnt hatte, hatte den Tisch für mich noch nicht gedeckt und auch der Kaffee war noch nicht fertig. Ich war deswegen unvernünftigerweise ärgerlich, klingelte energisch und ließ sie auf brüske Weise wissen, daß ich mein Frühstück wünschte. Dann nahm ich eine Zeitschrift vom Tisch und versuchte die Zeit mit Lesen totzuschlagen, während mein Freund schweigend an seinem Toast kaute.

Bei einem der Artikel war die Überschrift mit Bleistift angestrichen. Natürlich begann ich, diesen Artikel zu überfliegen. Sein etwas ehrgeiziger Titel war: »Das Buch des Lebens«. Es wurde versucht, aufzuzeigen, was ein Mensch alles lernen kann, wenn er nur aufmerksam, genau und systematisch alles anschaut, was ihm in den Weg kommt. Mir schien dieser Artikel eine bemerkenswerte Mischung aus Schlaumeierei und absurden Ideen zu sein. Die Argumente waren logisch und stichhaltig aufgebaut. Trotzdem schien mir die Schlußfolgerung weit hergeholt und ziemlich übertrieben zu sein. Der Autor behauptete, die innersten Gefühle eines Menschen durch einen augenblicklichen Ausdruck, das Zucken eines Muskels oder einen einzigen Blick erraten zu können. Betrug sei ein Ding der Unmöglichkeit, meinte er, sofern jemand gut beobachten könne und scharf zu analysieren verstünde. Seine Schlußfolgerung war so unfehlbar wie die Kernsätze des Euklid. Dem Unerleuchteten müßten die Ergebnisse so phantastisch erscheinen, daß man ihn für einen hoffnungslosen Romantiker halten würde, aber wer sich einmal in seine Gedankengänge hineingedacht und angefangen hätte, ablaufende Prozesse selber zu beobachten, der verstehe, wovon die Rede sei. Von einem Tropfen Wasser, meinte der Schreiber, könnte ein Mensch mit logischem Verstand auf den Atlantik oder auf die Niagarafälle schließen, ohne diese je gesehen oder von ihnen gehört zu haben. Das ganze Leben sei eine große Kette, deren Natur sich in jedem noch so kleinen Glied zeige. Die Wissenschaft von der deduktiven Schlußfolgerung könne man sich, wie jede andere Kunst, nur durch lange und geduldige Übung aneignen. Für die höchsten Stufen der Perfektion reicht ein ganzes Leben nicht aus. Bevor sich der Anfänger jedoch jenen moralischen und geistigen Aspekten zuwendet, die ihm die größten Schwierigkeiten bieten, soll er damit beginnen, grundsätzliche Probleme zu beherrschen. Er muß lernen, in der Begegnung mit einem anderen Menschen dessen Vergangenheit auf einen Blick zu erfassen und ebenso den Beruf seines Gegenübers zu erraten. Diese Übungen mögen zwar kindlich einfach aussehen, aber sie schärfen die Beobachtungsfähigkeit. Sie lehren den Adepten, richtig hinzuschauen und immer genau zu wissen, wonach er suchen muß. Durch Fingernägel, einen Jackenärmel, Stiefel, die Knie seiner Hose, die Art, wie Zeigefinger und Daumen verfärbt sind, den Gesichtsausdruck, die Manschetten der Hemden — durch all diese Dinge stellt sich der Beruf eines Menschen dar. Ein guter Fragesteller kann auf diese Weise unendlich viel lernen.

»Was für ein entsetzlicher Quatsch!« rief ich und knallte die Zeitschrift auf den Tisch. »In meinem ganzen Leben habe ich noch keinen solchen Unsinn gelesen.«

»Was ist los?« fragte Holmes.

»Ach, dieser Artikel«, sagte ich und zeigte mit dem Eierlöffel darauf, während ich mich zum Frühstück niederließ.

»Sie haben den Artikel auch gelesen, da sie ihn ja angezeichnet haben. Ich will nicht leugnen, daß er stilistisch ganz gut ist. Trotzdem regt er mich auf. Diese Theorien stammen von jemandem, der im Lehnstuhl herumsitzt und all die netten kleinen Paradoxien in der Abgeschiedenheit seines Arbeitszimmers hervorbringt. Praktischen Wert hat doch nichts davon. Ich möchte den Mann in einem dritter Klasse Wagen der Untergrundbahn sehen, wie er dort die Berufe seiner Mitreisenden analysiert. Ich wette eins zu tausend, daß er das nicht kann.«

»Sie würden Ihre Wette verlieren«, sagte Holmes ruhig. »Was den Artikel anbelangt, so habe ich ihn geschrieben.«

»Sie!«

»Ja, ich beobachte leidenschaftlich gern und die deduktive Schlußfolgerung interessiert mich sehr. Die Theorien, die ich hier niedergeschrieben habe und die Ihnen so mysteriös vorkommen, sind in Wirklichkeit sehr praktisch. So praktisch, daß sie mir Brot und Butter einbringen.«

»Und wie das?« rutschte es mir unfreiwillig heraus.

»Na ja, ich habe einen etwas eigenwilligen Beruf. Ich nehme an, daß ich der einzige auf dieser Erde bin. Ich bin ein Detektiv, den man wie einen praktischen Arzt konsultieren kann.

Sie verstehen, was ich meine, nicht wahr? Hier in London haben wir Mengen von Polizeidetektiven und ebenso viele Privatdetektive. Wenn diese Leute nicht mehr weiter wissen, kommen sie zu mir. Mir gelingt es dann meistens, sie auf die richtige Fährte zu führen. Sie breiten einfach alle gesammelten Beweise vor mir aus und durch mein Wissen über die geschichtlichen Hintergründe der Verbrechen kann ich ihnen dann meistens weiterhelfen. Es gibt eine große Familienähnlichkeit bei allen Untaten. Wenn Sie tausend Details vor sich liegen haben, dann wäre es doch seltsam, wenn Sie das tausend-und-eine Teilchen nicht finden sollten. Lestrade ist ein sehr bekannter Detektiv. Er kam letztlich mit einem Fälscherfall nicht zurecht, das hat ihn zu mir gebracht.«

»Und diese anderen Leute?«

»Die sind meistens von privaten Detektivbüros zu mir geschickt worden. Es sind Leute, die wegen irgendwelcher Dinge in Schwierigkeiten sind und ein bißchen Hilfe brauchen. Ich höre mir ihre Geschichte an, sie bekommen meinen Kommentar zu hören und ich stecke meinen Lohn ein.«

»Aber wollen Sie damit sagen«, rief ich, »daß Sie Knoten aufdröseln können, ohne diesen Raum zu verlassen, die für andere Leute, obgleich sie alle Details in der Hand haben, zu schwierig sind?«

»Genau so ist es. Ich arbeite mit meiner Intuition. Ab und zu taucht ein Fall auf, der ein bißchen schwieriger ist, dann muß ich hingehen und mir die Dinge mit eigenen Augen ansehen. Wie sie wissen, habe ich viele Spezialkenntnisse, mit denen ich den Problemen auf den Leib rücke. Meistens wirkt das wie ein Wunder. Die Regeln der deduktiven Schlußfolgerung, die ich in diesem Artikel, der Sie so in Zorn versetzt hat, niedergelegt habe, sind unbezahlbar wertvoll für mich in der praktischen Arbeit. Beobachten ist bei mir zur zweiten Natur geworden. Bei unserem ersten Treffen habe ich Ihnen gesagt, daß Sie aus Afghanistan kommen. Das hat Sie überrascht.«

»Sicherlich hat Ihnen das jemand vorher erzählt.«

»Nichts dergleichen. Ich wußte einfach, daß Sie in Afghanistan gewesen sind. Aus alter Gewohnheit heraus liefen mir die Gedankenfolgen so schnell durch den Sinn, daß ich mir der dazwischenliegenden Schritte gar nicht mehr bewußt wurde, bevor ich schon zum Schluß gekommen war. Aber es gab diese Schritte jedenfalls. Die Folge meiner Gedanken war etwa so: >Hier ist ein Gentleman, ein Mediziner, aber er hält sich soldatisch stramm. Ganz klar, er ist Militärarzt. Er ist gerade aus den Tropen zurückgekehrt, denn sein Gesicht ist braun. Das ist aber nicht die natürliche Färbung seiner Haut, denn seine Handgelenke sind hell. Er hat eine schwere Zeit und Krankheit hinter sich, wie sein eingefallenes Gesicht deutlich aussagt.

Er hatte eine Verletzung am linken Arm, denn er hält ihn auf eine steife, unnatürliche Weise.

Wo in den Tropen könnte ein englischer Militärarzt sich eine Armverwundung geholt und eine schwere Zeit durchgemacht haben? Sicherlich doch in Afghanistan.Diese ganze Gedankenfolge dauerte keine Sekunde. Ich habe dann gesagt, Sie kämen aus Afghanistan und Sie waren erstaunt. «

»Jetzt, wo Sie es erklären, sieht es ganz einfach aus«, sagte ich und lächelte. »Sie erinnern mich an Edgar Allan Poes Dupin. Bisher haben solche Typen für mich nur innerhalb von Geschichtenbüchern existiert.«

Sherlock Holmes stand auf und zündete seine Pfeife an.

»Gewiß wollten Sie mir eben ein Kompliment machen, als Sie mich mit Dupin verglichen«, sagte er. »Aber meiner Meinung nach ist Dupin ziemlich unbedeutend. Dieser Trick von ihm, mit einer apropos-Bemerkung in die Gedankengänge seines Freundes einzufallen, nachdem man eine Viertelstunde geschwiegen hatte, ist wirklich ziemlich angeberisch und künstlich.

Ich bezweifle ja nicht, daß er einen analytischen Genius hat, aber ein solches Phänomen, wie Poe sich das einzubilden scheint, ist er eben doch nicht.«

Haben Sie Gaboriaus Werk gelesen?« fragte ich. »Ist Lecoq ein Detektiv nach Ihrem Herzen?«

Sherlock Holmes schnaufte sarkastisch. »Lecoq war ein miserabler Dussel«, sagte er mit ärgerlicher Stimme. »Es gibt nur etwas das für ihn spricht und das ist seine Energie. Das Buch hat mich krank gemacht. Es ging um die Frage, einen unbekannten Gefangenen zu identifizieren. Ich hätte das in vierundzwanzig Stunden fertiggebracht. Leqoc benötigte sechs Monate oder mehr dafür. Man sollte ein Handbuch für Detektive schreiben, aus dem sie lernen können, was besser zu vermeiden ist.«

Ich fühlte mich wirklich verärgert, denn zwei Charaktere, die ich bisher bewundert hatte, wurden auf hochmütige Weise heruntergezogen. Ich ging herüber zum Fenster und schaute hinunter auf die geschäftige Straße.

»Dieser Mensch mag tüchtig sein«, sagte ich mir, »aber er ist auch ganz schön eingebildet.«

»Es gibt heute keine Verbrecher und keine Verbrechen mehr«, sagte er streitsüchtig. »Was nützt es, wenn Leute in unserem Beruf Köpfchen haben? Ich weiß wohl, daß ich das Zeug in mir habe, mir einen berühmten Namen zu machen. Kein Mensch, ob er nun noch unter den Lebenden weilt oder schon das Zeitliche gesegnet hat, hat soviel Zeit, Geld und Energie in dieses Studium investiert, von meinem natürlichen Talent im Aufspüren von Verbrechen ganz zu schweigen.

Und was ist das Ergebnis? Es gibt keine Verbrechen mehr aufzudecken. Wenn es hochkommt, verübt da einer eine blöde Bösartigkeit, deren Motiv so durchsichtig ist, daß sogar Scotland- Yard-Beamte sie durchschauen können.«

Ich war immer noch über sein hochtrabendes Gehabe verärgert. Ich dachte, es sei wohl am besten, das Thema zu wechseln.

»Ich frage mich, was der Mann da sucht?« sagte ich und zeigte auf einen breitschultrigen, schlichtgekleideten Menschen, der langsam auf der anderen Straßenseite ging und suchend nach den Hausnummern sah. Er trug einen langen, blauen Briefumschlag in der Hand und war offensichtlich der Überbringer einer Nachricht.

»Meinen Sie diesen pensionierten Seesergeanten?« fragte Sherlock Holmes.

»Donner und Doria!« sagte ich bei mir, »er weiß, daß ich ihn nicht widerlegen kann.«

Der Gedanke war mir kaum durch den Sinn gegangen, als der Mann, den wir beobachteten, die Hausnummer an unserer Tür erblickt hatte und eilig über die Straße lief. Wir hörten ein lautes Klopfen, eine tiefe Stimme und schwere Schritte, die die Treppe emporstiegen.

»Für Mr. Sherlock Holmes«, sagte er, trat ins Zimmer und überreichte meinem Freund den Brief.

Hier hatte ich nun die Gelegenheit, ihm seine Vorurteile heimzuzahlen. Gewiß hatte er ins Blaue hinein geschossen. Er konnte ja nicht ahnen, daß ich seine These widerlegen konnte.

»Mein guter Mann, darf ich Sie fragen, was Sie von Beruf sind?« fragte ich mit harmloser Stimme.

»Briefträger, Sir«, sagte er brummig. »Meine Uniform ist in der Reparatur.«

»Und vorher?« fragte ich mit leicht maliziösem Blick auf meinen Kameraden.

»Sergeant, Sir, Royal Marine, Leichte Infanterie, Sir. Keine Antwort? In Ordnung, Sir.« Er schlug die Hacken zusammen, erhob die Hand zum Gruß und war weg.