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Studie in Scharlachrot.  Arthur Conan Doyle
Kapitel 13. John Watson, M. D. setzt seine Erinnerungen fort
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Der wilde Widerstand unseres Gefangenen schien keine bösen Absichten gegen uns zu hegen, denn als er sah, daß er machtlos war, lächelte er uns freundlich an und fragte, ob er doch hoffentlich in dem Kampf niemanden ernstlich verletzt habe. »Ich nehme an, daß Sie mich jetzt zur Polizeistation bringen werden«, bemerkte er zu Sherlock Holmes. »Meine Kutsche wartet vor der Tür. Wenn Sie jetzt meine Beine aus den Fesseln lösen, dann gehe ich selber herunter. Ich bin nicht mehr so leicht zu tragen, wie ich früher vielleicht einmal war.«

Gregson und Lestrade wechselten einen Blick, so als ob sie glaubten, daß dieser Vorschlag eine ziemliche Herausforderung sei. Aber Holmes nahm den Gefangenen sofort beim Wort und knotete das Handtuch auf, das man ihm um die Fesseln gebunden hatte. Er stand auf und streckte die Glieder, als ob er sich versichern wollte, daß er wieder zu einem freien Mann geworden war. Ich erinnere mich gut, daß ich daran dachte, als ich ihm zusah, daß ich niemals vorher in meinem Leben einen so kraftvollen Menschen gesehen habe. Sein dunkles, sonnenverbranntes Gesicht trug einen Ausdruck von Zielstrebigkeit und Energie, die genauso furchterregend war wie seine gewaltige körperliche Kraft.

»Falls der Platz des Polizeichefs frei sein sollte, dann denke ich, daß Sie der Mann sind, der ihn einnehmen sollte«, sagte er und zeigte damit seine unverhohlene Bewunderung für meinen Mitbewohner. »Die Art, wie Sie mir auf die Spur gekommen sind, sollte eine Warnung sein.«

»Sie kommen jetzt besser mit mir«, sagte Holmes zu den beiden Detektiven.

»Ich kann die Kutsche fahren«, sagte Lestrade.

»Gut. Gregson kann drinnen mitfahren und Sie auch, Doktor. Sie interessieren sich für den Fall, Sie sollen ihn auch bis zum Ende erleben.«

Ich freute mich über diese Einladung und zusammen gingen wir die Treppe hinunter. Unser Gefangener unternahm keinen einzigen Fluchtversuch, sondern bestieg ruhig die Kutsche, die bisher ihm gehört hatte und wir alle folgten seinem Beispiel. Lestrade stieg auf den Kutschbock, schlug auf die Pferde ein und brachte uns in sehr kurzer Zeit zu unserem Ziel.

Wir wurden in ein kleineres Zimmer geführt, wo ein Polizeiinspektor den Namen unseres Gefangenen und die Mordanklage aufnahm. Dieser Polizist war ein blasser, gefühlloser Mensch, der seinen Pflichten auf eine langweilige mechanische Art nachkam.

»Der Gefangene wird innerhalb der nächsten Woche dem Magistrat vorgeführt werden«, sagte er. »Haben Sie, Jefferson Hope, uns vorher noch etwas zu sagen? Ich muß Sie warnen, daß alles, was Sie sagen, gegen Sie ausgelegt werden kann.«

»Ich habe sehr viel zu sagen«, sagte unser Gefangener langsam. »Ich möchte Ihnen, meine Herren, gerne alles erzählen.«

»Wollen Sie damit nicht lieber bis zur Gerichtsverhandlung warten?« fragte der Inspektor.

»Vielleicht werde ich gar nicht vor Gericht gestellt«, antwortete er. »Sie brauchen nicht so verwundert dreinzuschauen. Ich habe keinen Selbstmord im Sinn. Sind Sie nicht Arzt?«

Damit hatte er sich zu mir gewendet und schaute mich mit seinen durchdringenden Augen an.

»Ja, das bin ich«, antwortete ich.

»Dann legen Sie Ihre Hand mal hierher«, sagte er lächelnd und wies mit seiner gefesselten Hand auf seine Brust.

Das tat ich. Und ich hörte ein außergewöhnlich hartes Klopfen und viele Nebengeräusche in seiner Brust. In seinem Brustraum tobte und rumorte es, als ob eine kraftvolle Maschine in einem baufälligen Haus auf vollen Touren arbeitet und die Wände dabei zittern, als ob sie gleich zusammenfallen wollen. In der Stille, die jetzt im Zimmer herrschte, konnte ich ebenfalls ein dumpfes brummendes und summendes Geräusch wahrnehmen, das die gleiche Ursache hatte.

»Mann«, rief ich, »Sie haben ja ein Aorten-Aneurysma!«

»So nennt man es wohl«, sagte er ruhig. »Ich war deswegen erst letzte Woche bei einem Arzt und er sagte mir, daß es wohl nicht lange mehr mit mir dauern würde. Es ist mit den Jahren immer schlimmer geworden. Ich habe es von Überarbeitung und Unterernährung bekommen, als ich noch in den Salt Lake Bergen lebte. Aber ich habe mein Werk jetzt ja erledigt. Es macht mir nichts aus, wenn ich bald sterbe, aber ich habe noch eine Sache zu tun. Ich möchte, daß man weiß, daß ich nicht als gewöhnlicher Mörder sterbe.«

Der Inspektor und die zwei Detektive berieten in aller Eile, ob sie ihm erlauben sollten, seine Geschichte zu erzählen.

»Sind Sie wirklich der Meinung, Doktor, daß er in Lebensgefahr ist?«

»Ganz gewiß ist er das«, sagte ich.

»In diesem Fall ist es sicherlich unsere Pflicht, seine Aussagen aufzunehmen, schon um der Gerechtigkeit Genüge zu tun«, sagte der Inspektor. »Sir, Sie dürfen jetzt Ihre Aussage machen, aber ich möchte Sie noch einmal warnen, denn alles, was Sie sagen, wird aufgeschrieben.«

»Wenn Sie erlauben, werde ich mich jetzt hinsetzen«, sagte der Gefangene und ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Diese Aneurysma läßt mich sehr schnell ermüden, und das Gerangel von vorhin hat die Sache auch nicht besser gemacht. Ich stehe am Grabesrand, ich werde niemandem mehr zur Last fallen. Jedes Wort, das ich ausspreche, ist die volle Wahrheit. Wie Sie damit umgehen, ist Ihre Sache, mir ist es gleichgültig.«

Mit diesen Worten lehnte sich Jefferson Hope bequem auf seinem Stuhl zurück und gab die folgenden erstaunlichen Aussagen zu Protokoll. Er sprach ruhig und methodisch, als ob die Geschichte, die er uns zu berichten hätte, etwas vollkommen Normales wäre. Ich kann beschwören, daß ich alles wahrheitsgetreu wiedergegeben habe, denn mir waren Lestrades Notizen und Protokolle zugänglich, die wortwörtlich aufgenommen wurden, wie der Gefangene sie äußerte.

»Es tut nicht viel zur Sache, weshalb ich diese zwei Männer bis aufs Blut haßte«, sagte er.

»Es genügt, daß sie schuldig am Tod zweier Menschen waren — am Tod von Vater und Tochter — und, daß sie damit ihr eigenes Leben verspielt hatten. Da inzwischen soviel Zeit verstrichen ist, war es für mich unmöglich, ein normales Gerichtsverfahren gegen sie einleiten zu lassen. Ich wußte jedoch, wie schuldig sie waren und ich hatte mir geschworen, daß sie ihre Strafe haben sollten. So blieb mir nichts übrig, als Richter, Geschworener und Henker in einer Person zu sein. Sie würden gehandelt haben wie ich, wenn Sie an meiner Stelle gewesen wären und nur ein bißchen Männlichkeit in sich gehabt hätten.

Das Mädchen, von dem ich geredet habe, sollte mich vor zwanzig Jahren heiraten. Sie wurde jedoch gezwungen, jenen Drebber zu heiraten. Sie starb am gebrochenen Herzen. Ich habe ihr den Ehering von der toten Hand genommen und ich schwor, daß er in seiner Sterbestunde diesen Ring würde ansehen müssen. Seine letzten Gedanken sollten sich mit dem Verbrechen befassen müssen, für das er jetzt endlich die Strafe bekam. Ich habe diesen Ring immer bei mir getragen und ich habe ihn und seinen Begleiter über zwei Kontinente verfolgt, bis ich sie schließlich hatte. Sie dachten, ich würde der Sache endlich müde werden, aber ich hielt durch.

Wenn ich morgen sterbe, was gut möglich ist, dann sterbe ich zufrieden, denn ich habe mein Werk vollendet und ich habe es gut zu Ende gebracht. Sie sind dahin, und das durch meine Hand! Für mich bleibt nichts mehr zu hoffen oder zu wünschen.

Sie waren reich und ich war arm, so daß es für mich nicht leicht war, ihnen zu folgen. Als ich nach London kam, waren meine Taschen so gut wie leer. Ich mußte mir also Arbeit suchen, um zu überleben. Mit Pferden umgehen, reiten und Wagen fahren ist für mich nun eine so natürliche Sache, wie das Laufen, so habe ich mich an ein Miet-Kutschen-Unternehmen gewandt und bekam Arbeit. Ich mußte dem Besitzer eine bestimmte Summe in der Woche abliefern, den Rest hatte ich für mich, so lautete die Abmachung. Es war niemals viel für mich übrig, aber ich schaffte es, mich über Wasser zu halten. Am schwersten war es für mich, mich in den Straßen zurechtzufinden, denn ich glaube, von allen Städten der Welt ist London am verwirrendsten. Ich habe mir jedoch eine Karte besorgt und wenn ich einmal ein mir bekanntes Gebäude, ein Hotel oder einen Bahnhof wiederentdeckt hatte, dann kam ich gut voran.

Es dauerte eine Weile, bis ich herausfand, wo sich meine beiden Herren einlogiert hatten, aber ich fragte und fragte und erkundigte mich immer wieder, bis ich sie schließlich hatte. Sie waren in einem privaten Gästehaus in Camberwell, auf der anderen Seite des Flusses. Als ich sie endlich entdeckt hatte, war mir klar, daß sie mir ausgeliefert waren. Ich habe mir einen Bart wachsen lassen, sie würden mich auf keinen Fall erkannt haben. Ich wollte sie aufspüren und ihnen ständig folgen, bis sich für mich die Gelegenheit ergab. Ich war fest entschlossen, daß sie mir nicht noch einmal entwischen sollten.

Aber fast wären sie mir doch noch einmal entkommen. Sie konnten in London sein, wo sie wollten, ich war immer in ihrer Nähe. Manchmal bin ich ihnen in meiner Kutsche gefolgt und manchmal zu Fuß, aber mit der Kutsche war es am besten, so konnten sie mir nicht entkommen. Nur am sehr frühen Morgen und am späten Abend konnte ich überhaupt etwas verdienen, so daß ich bei meinem Arbeitgeber in Mietrückstand geriet. Es machte mir jedoch nichts aus, so lange ich die Männer kriegte, die ich unbedingt haben wollte.

Sie waren allerdings auch durchtrieben genug. Sie müssen geahnt haben, daß jemand ihnen auf der Spur war, denn sie gingen niemals alleine aus und niemals nach Einbruch der Dunkelheit. Während der ersten zwei Wochen folgte ich ihnen ständig, und nicht einmal erwischte ich einen von ihnen alleine. Drebber war die meiste Zeit betrunken, aber Stangerson war stets um so wachsamer. Ich habe sie spät und früh unter Beobachtung gehabt, aber es gab nicht den Schimmer einer Chance. Aber ich wurde nicht entmutigt, denn irgendwie fühlte ich in mir, daß die Stunde herangekommen war. Ich fürchtete bloß, daß dies Ding hier in meiner Brust mir zu früh einen Streich spielen könnte, um mein Werk zu vollenden.

Schließlich und endlich fuhr ich eines Tages die Torquay Terrace herunter, jene Straße, in der sie Logis genommen hatten. Ich sah, wie ein Mietwagen heranrollte. Gepäck wurde herausgetragen, dann kamen Drebber und Stangerson, stiegen ein und fuhren davon. Ich schlug auf mein Pferd ein und folgte ihnen von fern, dabei war ich ziemlich unruhig, denn ich befürchtete, daß sie Weiterreisen würden. Sie stiegen am Bahnhof Euston aus. Ich gab meine Kutsche einem Jungen zum Bewachen und folgte ihnen zu den Bahnsteigen. Mir sank das Herz, weil sie nach dem Zug nach Liverpool fragten. Der Stationsvorsteher sagte jedoch, daß gerade einer gefahren sei und der nächste erst in ein paar Stunden fahren würde. Stangerson schien unglücklich und ärgerlich darüber zu sein, aber Drebber wirkte sehr zufrieden. Ich schlich mich so nahe wie möglich an sie heran, so daß ich jedes Wort verstand, das sie miteinander sprachen. Drebber sagte dann, er habe noch eine kleine private Sache zu erledigen, der andere solle auf ihn warten, sie würden sich später wieder treffen. Sein Begleiter stritt sich mit ihm und erinnerte ihn daran, daß sie geschworen hätten, immer zusammenzubleiben. Drebber sagte jedoch, daß seine Angelegenheit, die er in Ordnung bringen wolle, delikater Natur sei und daß er sie alleine erledigen wolle. Ich verstand nicht, was Stangerson darauf sagte, aber der andere wurde plötzlich wütend und fluchte und schimpfte und erklärte, Stangerson sei nichts weiter als ein bezahlter Diener und er solle sich nicht erdreisten, ihm Vorschriften zu machen. Das brachte Stangerson zum Schweigen. Er meinte dann nur noch, wenn sie jetzt auch den nächsten Zug nach Liverpool verpassen würden, dann könnten sie sich ja noch in Hallidays Privathotel treffen. Darauf sagte Drebber, daß er um elf Uhr am Bahnsteig sein werde. Damit verließ er den Bahnhof.

Das Biest, auf das ich so lange gewartet hatte, war endlich da. Ich hatte meinen Feind in der Gewalt. Zusammen konnten sie sich gegen mich verteidigen, aber einer alleine war mir gnadenlos ausgeliefert. Nun wollte ich jedoch nicht voreilig handeln. Ich hatte mir inzwischen längst Pläne zurechtgelegt. Eine Rache bringt keine Befriedigung, wenn der Sünder nicht begreift, wer der Mensch ist, der ihn angreift und weshalb ihn die Strafe jetzt trifft. Meine Pläne hatte ich mir so zurechtgelegt, daß ich Gelegenheit haben würde, dem Mann klarzumachen, daß seine alten Sünden ihn jetzt eingeholt hatten. Der Zufall wollte es nun so, daß ein paar Tage vorher ich einen Herren gefahren hatte, der sich ein paar leere Häuser in der Brixton Road ansehen wollte. Dieser Mann hatte die Schlüssel in der Kutsche verloren. Zwar fragte er noch am gleichen Abend danach und sie wurden ihm zurückerstattet, aber in der Zwischenzeit hatte ich mir schon Doppelschlüssel davon anfertigen lassen. Dadurch hatte ich endlich einen Unterschlupf in dieser großen Stadt, wo ich mir die Freiheit nehmen konnte, zu handeln, ohne ständig befürchten zu müssen, gestört zu werden. Wie ich allerdings Drebber in dieses Haus bringen wollte, das war ein noch ungelöstes Problem.

Er marschierte also die Straße herunter, verschwand in einer Kneipe und stolperte nach gut einer halben Stunde wieder heraus, anscheinend ziemlich angetrunken. Direkt vor mir stand eine Mietkutsche, die er sich heranwinkte. Ich folgte ihm so dicht, daß mein Pferd mit seiner Nase fast den Wagen des anderen berührte. So rumpelten wir über die Waterloo Brücke und so weiter viele Meilen durch die verschiedensten Straßen, bis, zu meinem großen Erstaunen, wir wieder an dem Haus angelangt waren, woher sie gekommen waren. Ich konnte mir nicht vorstellen, weshalb er zurückgekommen war. Aber ich hielt jedenfalls und band mein Pferd an einen Baum, knappe hundert Meter von dem Haus entfernt. Er betrat das Haus und sein Mietwagen rollte davon. - Bitte, geben Sie mir ein Glas Wasser, mein Mund wird so trocken vom Reden.«

Ich reichte ihm ein Glas Wasser, und er trank es aus.

»Das tut gut«, sagte er. Ich wartete also eine Viertelstunde oder länger, als ich plötzlich aus dem Haus Geräusche wie von einem Kampf hörte. Dann flog die Tür auf, und zwei Männer kamen heraus — Drebber und ein junger Mann, den ich noch nie gesehen hatte. Der Bursche hatte Drebber beim Kragen, und als sie an die Treppe kamen, gab er ihm so einen kräftigen Tritt, daß er noch halb über die Straße flog. >Du Hund!< brüllte er und drohte ihm mit dem Stock. >Dich werd' ich lehren, ein anständiges Mädchen zu beleidigen!< Er war so wütend, daß er Drebber wohl am liebsten verprügelt hätte, aber der wankte davon, so schnell ihn seine Füße trugen. An der Ecke sah er meine Droschke, rief mich an und sprang hinein. >Fahren Sie mich ins Hotel Halliday<, sagte er.

Als ich ihn endlich glücklich in meinem Wagen verstaut hatte, klopfte mein Herz vor lauter Freude so stark, daß ich buchstäblich meinte, es müßte zerspringen, oder, in meinem Fall, daß etwas mit meiner Aneurysma schiefgehen könnte. Ich fuhr langsam dahin und überlegte mir, was jetzt am besten zu tun sei. Ich konnte ihn jetzt natürlich gleich zu dem einsamen Haus auf dem Lande fahren. Ich hatte mich auch schon fast dazu entschlossen, als er sich meldete und das Problem für mich löste. Die Sucht nach dem Alkohol hatte ihn wieder im Griff. Er wies mich an, ich solle vor einer Ginkneipe halten. Er ging hinein, wollte aber, daß ich auf ihn wartete. Er blieb in der Kneipe, bis dort geschlossen wurde. Als er dann schließlich wieder in die Kutsche kletterte, war er derartig betrunken, daß ich keinerlei weitere Schwierigkeiten mehr mit ihm haben würde.

Glauben Sie bitte nicht, daß ich vorhatte, ihn kalten Blutes zu töten. Es wäre zwar nicht mehr als recht gewesen, wenn ich das getan hätte, aber ich hatte längst bei mir beschlossen, daß ich es anders machen wollte. Ich wollte ihm eine Chance geben, wenn er also Glück hatte, konnte er mit dem Leben davonkommen. Unter den vielen Handlangerdiensten, die ich in Amerika getan habe, war ein Job, in dem ich mich als Reiniger und Hausmeister in einem Laboratorium einer New Yorker Universität verdingt hatte. Eines Tages hielt der Professor eine Vorlesung über Gifte. Er zeigte den Studenten ein Alkaloid, wie er es nannte, das er aus einem südamerikanischen Pfeilgift gewonnen hatte und das so stark war, daß schon ein kleines bißchen davon unweigerlich zum Tode führte. Ich merkte mir die Flasche, die dieses Gift enthielt. Als alle fort waren, habe ich mir ein wenig davon herausgenommen. Ich bin ein recht geschickter Medizinmischer. So habe ich diese Alkaloide zu kleinen Tabletten verarbeitet und zwar ging ich so vor, daß ich immer eine giftige Tablette zusammen mit einer völlig harmlosen in ein Schächtelchen verpackte. Damals hatte ich mich entschlossen, daß ich jedem meiner beiden Herren die Schachtel anbieten würde und sie so zwingen, sich eine Tablette zu nehmen und zu schlucken. Ich würde dann die übriggebliebene essen. Das Ergebnis würde unmittelbarer Tod für einen von uns sein und längst nicht eine so laute Angelegenheit, als wenn einer mit Feuerwaffen herumgeballert hätte. Von diesem Tag an trug ich die Schächtelchen mit den Pillen ständig bei mir, bis die Zeit kommen würde, in der ich sie benutzen würde.

Es war fast Mitternacht und die Nacht war wild und düster. Der Wind blies stark und es regnete in Strömen. So schaurig wie es draußen auch gewesen sein mochte, in meinem Herzen war ich froh, so froh, daß ich vor lauter Freude hätte jubeln mögen. Nur wenn einer von Ihnen, meine Herren, eine Sache sehr lange Zeit angestrebt hat, etwa zwanzig endlose Jahre lang, dann, nur dann kann er meine Gefühle verstehen. Ich zündete eine Zigarre an und rauchte, um meine Nerven zu beruhigen, aber meine Hände zitterten und in meinen Schläfen hämmerte es vor lauter Aufregung. Während ich dahinfuhr, sahen aus der Dunkelheit John Ferrier und meine süße Lucy zu mir hin und lächelten mich an. Sie waren für mich genauso deutlich vorhanden wie Sie, meine Herren, hier in diesem Raum. Den ganzen Weg hin zur Brixton Road schwebten sie vor mir her, einer zur Linken, der andere zur rechten Seite des Pferdes, bis ich anhielt und das Pferd in der Brixton Road festmachte.

Außer dem Rauschen des Regens war kein Geräusch zu hören und keine Menschenseele zu sehen. Als ich durch das Fenster in die Kutsche blickte, sah ich Drebber zusammengerollt liegen und seinen Rausch ausschlafen. Ich schüttelte ihn am Arm. >Zeit, auszusteigen<, sagte ich.

>In Ordnung, Kutscher<, sagte er.

Ich denke mir, er glaubte, wir seien bei dem Hotel angekommen, das er mir genannt hatte, denn er stieg ohne ein weiteres Wort aus und folgte mir in den Garten. Ich mußte neben ihm gehen und ihn stützen, denn er war immer noch recht wackelig auf den Beinen. So kamen wir dann bis zur Haustür, die ich öffnete. Wir traten ein und ich führte ihn in das Vorderzimmer.

Ich schwöre Ihnen, daß die ganze Zeit über Vater und Tochter an meiner Seite waren.

>Es ist verflucht dunkel hier<, beklagte er sich und versuchte, sich zurechtzufinden.

>Gleich werden wir mehr Licht haben<, sagte ich, strich ein Zündholz an und entzündete damit eine Kerze, die ich mir mitgebracht hatte. >Nun, Enoch Drebber<, fuhr ich fort und wandte mich ihm zu und hielt die Kerze so, daß sie mein Gesicht beleuchtete. >Wer bin ich?< Einen Augenblick starrte er mich mit begriffsstutzigen, vom Alkohol immer noch benebelten Augen an, aber dann ergriff der Schrecken von ihnen Besitz. Seine Züge verzerrten sich, ich sah, daß er mich erkannt hatte. Mit totenblassem Gesicht stolperte er rückwärts. Ich sah, wie die Schweißtropfen sich auf den Augenbrauen bildeten, während die Zähne im Mund klapperten. Bei diesem Anblick lehnte ich mich an den Türpfosten und lachte, lachte laut und lange. Ich habe immer gewußt, daß Rache süß ist, aber ich habe niemals geahnt, wieviel Befriedigung sie der Seele wirklich gibt.

>Du Hund!< rief ich schließlich. >Ich habe dich von Salt Lake City bis nach St. Petersburg verfolgt und bisher bist du mir immer entkommen. Aber jetzt ist es aus mit dir, denn einer von uns wird das Licht des neuen Tages nicht mehr sehen.< Er kroch immer weiter in die dunkle Ecke zurück, ich sah, daß er mich für völlig verrückt und übergeschnappt hielt. Irgendwie fühlte ich mich auch so. Die Pulse in meinen Schläfen hämmerten wie Vorschlaghämmer, ich glaubte, ich bekäme einen Schlaganfall, bevor es mir möglich war, meine Rache auszuführen. Aber dann bekam ich plötzlich starkes Nasenbluten, das erleichterte mich dann etwas.

>Wie denkst du jetzt über Lucy Ferrier?< schrie ich ihn an, verschloß die Tür und hielt ihm den Schlüssel vor die Nase. >Deine Strafe hat lange auf sich warten lassen, aber jetzt hat sie dich endlich eingeholte Die Lippen des Feiglings zitterten, als ich das sagte. Er würde in dem Augenblick wohl um sein Leben gebettelt haben, mußte aber doch wohl eingesehen haben, daß das sinnlos war.

>Willst du mich jetzt ermorden?< stammelte er.

>Was heißt ermorden ?< fragte ich zurück. >Wer spricht von Mord, wenn man einen Hund totschlägt? Wieviel Gnade hast du meinem armen Liebling gegönnt, als du sie von ihrem ermordeten Vater weggezerrt und sie zu deinem abscheulichen, verfluchten Harem verschleppt hast?< >Ich habe den Vater nicht umgebracht !< rief er.

>Aber ihr unschuldiges Herz hast du gebrochen!< brüllte ich und hielt ihm die Schachtel unter die Nase. >Der große Gott im Himmel soll Richter über uns sein. Nimm und iß! Die eine Pille bedeutet Leben, die andere Tod. Ich werde diejenige nehmen, die du übrigläßt.

Wollen doch mal sehen, ob es noch Gerechtigkeit auf dieser Erde gibt oder ob wir ganz und gar vom Zufall regiert werden.< Er stöhnte und jammerte weiter und bettelte um Gnade. Ich zog jedoch mein Messer aus der Scheide und hielt es ihm an die Gurgel, so daß er mir endlich gehorchte. Ich schluckte dann die andere Pille. So standen wir wohl eine Minute lang einander schweigend gegenüber und warteten ab, wer von uns wohl überleben werde. Niemals werde ich den Blick vergessen, als er die ersten Anzeichen der Vergiftung in seinem Körper spürte. Als ich das sah, lachte ich und hielt ihm Lucys Ehering vor die Augen. Allerdings dauerte es nur einen Augenblick, denn das Gift wirkte sehr schnell. In einem Anfall von Schmerzen verzerrten sich seine Glieder schrecklich, seine Hände griffen ins Leere, er schwankte, tat ein paar unsichere Schritte und fiel dann mit einem heiseren Schrei zu Boden.

Mit dem Fuß drehte ich ihn um und legte meine Hand auf sein Herz. Es schlug nicht mehr. Er war tot.

Das Blut war inzwischen in Strömen aus meiner Nase geflossen, aber ich hatte nicht darauf geachtet. Ich weiß selber nicht mehr, was mir in den Sinn kam, daß ich mit meinem Blut an die Wand schreiben sollte. Vielleicht hatte ich die etwas übermütige Idee, daß ich die Polizei auf die falsche Fährte locken konnte, denn ich fühlte mich so froh, und mein Herz war leicht.

Mir war eingefallen, daß man eines Tages in New York einen ermordeten Deutschen gefunden hatte, dem das Wort RACHE über den ganzen Körper geschrieben worden war. In allen Zeitungen hatte man sich damals darüber ausgelassen, daß hinter diesem Mord eine Geheimorganisation stecken müsse. Ich überlegte mir, daß das, was der New Yorker Polizei Kopfzerbrechen macht, auch wohl der englischen Polizei Rätsel aufgeben könnte. So tauchte ich meinen Finger in mein eigenes Blut und schrieb an eine geeignete Stelle an die Wand das Wort. Dann ging ich zurück zu meiner Kutsche, sah noch immer keinen Menschen in der Nähe und noch immer stürmte und regnete es. Ich war schon eine gute Strecke gefahren, als ich meine Hand in die Tasche steckte, in der ich Lucys Ehering immer aufbewahre. Aber der Ring war nicht mehr dort. Ich war wie vom Donner gerührt, denn dieser Ring war das einzige Erinnerungsstück an sie. Ich dachte mir, ich hätte ihn wohl verloren, als ich mich über Drebbers Leiche gebeugt hatte. Darum fuhr ich zurück. Diesmal ließ ich die Kutsche in einer Seitenstraße. Ich ging ganz mutig auf das Haus zu, bloß um dann beinahe direkt in die Arme eines Polizisten zu laufen, der gerade aus dem Haus kam. Ich schaffte es gerade noch, ihn von seinem Verdacht abzulenken, indem ich den hoffnungslos Betrunkenen spielte.

Auf diese Weise fand Enoch Drebber sein Ende. Was jetzt noch zu tun war, war Stangerson zu finden, damit auch John Ferriers Rechnung beglichen wurde. Ich wußte ja nun, daß er im Halliday Hotel einlogiert war. Den ganzen Tag lang hing ich in der Nähe herum, aber der Kerl kam nicht einmal heraus. Ich kann mir vorstellen, daß er etwas ahnte, als Drebber nicht wieder auftauchte. Dieser Stangerson war gerissen und sehr auf seiner Hut. Wenn er aber dachte, er käme davon, indem er sich innerhalb des Hotels aufhielt, so täuschte er sich gewaltig. Ich fand bald heraus, in welchem Zimmer er wohnte. Am frühen Morgen bediente ich mich einiger Leitern, die in der Seitenstraße abgestellt worden waren. So gelangte ich am nächsten bei Tagesanbruch in sein Zimmer. Ich weckte ihn und sagte ihm, daß nun die Zeit gekommen sei, wo er sich für das Leben zu verantworten hätte, das er vor so vielen Jahren genommen hätte. Ich beschrieb ihm, wie Drebber gestorben war und auch ihm gab ich die Wahl zwischen den beiden Tabletten. Statt aber die einzige Chance zu ergreifen und eventuell sicher davonzukommen, sprang er aus dem Bett und ging mir an die Gurgel. In Selbstverteidigung stach ich ihn nieder. Es war aber wohl egal, denn sicherlich hätte die Vorsehung ihm niemals etwas anderes erlaubt, als die vergiftete Tablette zu nehmen.

Jetzt habe ich nur noch wenig zu sagen und es ist auch gut so, denn ich bin am Ende meiner Kräfte. Ich ging in den nächsten Tagen weiterhin meinem Kutscherberuf nach. Ich wollte so lange arbeiten, bis ich Geld genug zusammen hatte, um wieder nach Amerika zu fahren. Ich stand also an meinem Platz, als ein zerlumpter Junge auf mich zukam, mich fragte, ob dies Jefferson Hopes Mietwagen sei, und ich möge doch bitte mit meiner Kutsche zu einem Herrn in der Baker Street Nr. 221B kommen. Dorthin fuhr ich auch und erwartete nichts Böses. Und das nächste, woran ich mich überhaupt erinnern kann, war, daß dieser junge Mann hier Handschellen um meine Hände befestigt hatte. Ich saß in einer Falle, wie sie sauberer nicht hätte sein können. Das ist meine ganze Geschichte, meine Herren. Sie können mich für einen Mörder halten, wenn Sie so wollen, aber ich glaube, ich bin nicht weniger ein Verfechter der Gerechtigkeit, wie Sie auch.«

So aufregend war die Geschichte des Mannes gewesen und seine Art machte einen solchen Eindruck auf uns, daß wir schweigend dasaßen und seine tragische Geschichte in uns aufnahmen. Selbst die professionellen Detektive, hart wie sie auch immer waren, wenn es um Verbrechen ging, so hörten sie doch aufmerksam und mit Anteilnahme der Geschichte des Mannes zu. Selbst als er geendet hatte, saßen wir noch eine Zeitlang in Schweigen da, das nur unterbrochen wurde durch das Kratzen von Lestrades Bleistift, der seinem aufgenommenen Stenogramm die letzten Feinheiten zufügte.

»Es gibt nur noch eine Frage, die ich Ihnen gerne stellen möchte und auf deren Antwort ich neugierig bin«, sagte Sherlock Holmes schließlich. »Wer war ihr Komplize, der auf meine Zeitungsanzeige hin zu mir kam, um den Ring abzuholen?«

Der Gefangene blinzelte meinem Freund verschmitzt zu. »Ich habe ein Recht darauf, meine eigenen Geheimnisse zu erzählen«, sagte er, »aber ich möchte niemand anders in Schwierigkeiten bringen. Ich habe die Anzeige gesehen. Ich dachte bei mir, es könnte wohl eine Falle sein, es könnte jedoch andererseits auch echt sein. Mein Freund war einverstanden, diese Rolle für mich zu übernehmen. Ich glaube, er hat seine Sache ganz ausgezeichnet gemacht.«

»Das hat er wirklich«, sagte Sherlock Holmes herzlich.

»Nun, meine Herren«, bemerkte der Inspektor trocken, »die Formalitäten der Gesetzgebung müssen eingehalten werden. Am Donnerstag wird der Gefangene dem Magistrat vorgeführt werden. Man wird auch Wert auf Ihre Anwesenheit legen. Bis dahin bin ich verantwortlich für ihn.«

Danach klingelte er und Jefferson Hope wurde von einigen Polizisten abgeführt. Auch mein Freund und ich verließen die Polizeistation und nahmen uns einen Mietwagen, der uns wieder zurück in die Baker Street brachte.