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Studie in Scharlachrot.  Arthur Conan Doyle
Kapitel 11. Eine Flucht ums Leben
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Am Morgen nach dem Gespräch mit dem Propheten der Mormonen fuhr John Ferrier nach Salt Lake City. Dort machte er einen Bekannten ausfindig, der gerade dabei war, in die Nevada Mountains aufzubrechen. Ihm vertraute er die Nachricht für Jefferson Hope an. Er hatte dem jungen Mann von der drohenden Gefahr geschrieben und machte ihm in seinem Brief klar, daß es notwendig sei, daß er so schnell wie möglich zurückkomme. Als er das erledigt hatte, war ihm wohler zumute. Mit leichterem Herzen kehrte er heim.

Als er sich seiner Farm näherte, wunderte er sich, denn an beiden Seiten des Tores waren Pferde angebunden.

Noch mehr verwunderten ihn die Besucher. Zwei junge Männer hatten sich in seinem Wohnzimmer breit gemacht. Einer von ihnen, ein Jüngling mit einem langen, blassen Gesicht, hatte sich im Schaukelstuhl zurückgelehnt und die Füße auf den Ofen gelegt. Der andere, ein stiernackiger junger Mann mit grobem, aufgedunsenem Gesicht, stand mit den Händen in den Taschen am Fenster und pfiff einen Schlager. Beide nickten Ferrier zu, als er eintrat, und der im Schaukelstuhl eröffnete das Gespräch.

»Vielleicht kennen Sie uns nicht«, sagte er. »Dies hier ist der Sohn des Ältesten Drebber und ich bin Joseph Stangerson, der mit Euch gereist ist, als der Herr in der Wüste seine Hand ausstreckte, um euch zu der Herde der wahrhaft Gläubigen zu versammeln.«

»Genauso wie er es mit allen Menschen und Nationen zu seiner Zeit tun wird«, sagte der andere mit näselnder Stimme. »Gottes Mühlen mahlen langsam, aber fein.«

John Ferrier verbeugte sich kühl. Er hatte seine Gäste auf den ersten Blick erkannt.

»Wir sind auf den Rat unserer Väter gekommen«, fuhr Stangerson fort, »um die Hand Eurer Tochter anzuhalten, wem von uns beiden Ihr sie geben möchtet. Da ich nur vier Frauen habe, Bruder Drebber aber sieben, scheint es, als habe ich das größere Recht auf sie.«

»Nein, Bruder Stangerson«, rief der andere, »es geht nicht darum, wieviele Frauen einer von uns hat, sondern wieviele er sich halten kann. Mein Vater hat mir inzwischen seine Mühle übertragen und so bin ich der reichere von uns beiden.«

»Aber meine Aussichten sind besser«, rief der andere hitzig. »Wenn der Herr meinen Vater von hinnen nimmt, werde ich seine Gerberei und seine Lederfabrik erben. Außerdem bin ich älter als du und habe so den höheren Rang im Tempel.«

»Lassen wir doch die Jungfrau entscheiden«, sagte der junge Drebber und betrachtete wohlgefällig sein eigenes Bild im Spiegel. Wir überlassen alles ihrer Entscheidung.«

Während dieses Gesprächs stand John Ferrier schäumend vor Wut in der Tür, kaum in der Lage, die Reitpeitsche nicht über die Rücken seiner Gäste zu schwingen.

»Schauen Sie her«, sagte er schließlich und schritt auf sie zu. »Wenn meine Tochter Sie darum bittet, dann dürfen Sie kommen. Aber bis das soweit ist, möchte ich Sie hier nicht mehr sehen.«

Beide jungen Männer starrten ihn erstaunt an. In ihren Augen war dieses Werben um die Hand des jungen Mädchens die größte Ehre, die sie ihrem Vater antun konnten.

»Es gibt zwei Möglichkeiten, das Zimmer zu verlassen«, rief John Ferrier. »Hier ist die Tür und hier ist das Fenster.«

Sein braunes Gesicht sah wild aus und seine magere Hand wirkte so drohend, daß seine Gäste aufsprangen und eiligst das Weite suchten. Der alte Farmer folgte ihnen bis zur Tür.

»Laßt mich hören, wenn ihr euch entschieden habt, welcher von euch sie haben soll«, rief er zynisch.

»Das wirst du büßen!«, rief Stangerson, weiß vor Wut im Gesicht. »Du hast den Willen des Propheten und den Rat der Vier verachtet. Das wirst du bis ans Ende deines Lebens bereuen.«

Ferrier drehte sich um und wollte sein Gewehr holen. Aber Lucy hatte seinen Arm gepackt und hielt ihn zurück. Bevor er sich von ihrem Griff freimachen konnte, hörte er die klappernden Hufe der Pferde. Sie waren außer Reichweite.

»Diese jungen, verdorbenen Kerle!« rief er aus und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Lieber würde ich dich, mein Kind, ins Grab legen, als dich einem von ihnen zur Frau zu geben.«

»Genauso denke ich auch, Vater«, antwortete sie hitzig, »aber Jefferson wird ja bald hier sein.«

»Ja, es dauert nicht mehr lange, dann ist er da. Je eher er kommt, desto besser, denn nun wissen wir wirklich nicht, was sie als nächstes vorhaben.«

Es wurde tatsächlich höchste Zeit, daß dem tapferen alten Farmer und seiner Adoptivtochter tüchtige und tatkräftige Hilfe zuteil wurde. In der ganzen Geschichte der Siedlung hatte es keinen solchen Fall von Gehorsamsverweigerung dem Willen der Ältesten gegenüber gegeben. Wenn schon geringere Verfehlungen so schwer bestraft wurden, wie würde dann das Schicksal dieses Erzrebellen aussehen? Ferrier wußte wohl, daß weder sein Reichtum noch sein Stand ihm von Nutzen sein konnte. Andere, die einen genauso guten Namen gehabt und genauso reich gewesen waren, waren wie von Geisterhand verschwunden und ihr Vermögen dem Tempel vermacht worden. Zwar war er ein tapferer Mann, aber er zitterte, wenn er an den vagen, nicht faßbaren, schattengleichen Terror dachte, der über ihm hing.

Jeder bekannten Gefahr hätte er mit zusammengebissenen Zähnen ins Gesicht gesehen. Aber diese Ungewißheit war entnervend. Er verbarg seine Sorgen jedoch vor seiner Tochter und versuchte, die Sache leicht zu nehmen. Aber mit den Augen der Liebe sah sie sehr wohl, wie sehr er sich sorgte.

Er hatte erwartet, für sein Verhalten einen Verweis von Young zu bekommen. Und er täuschte sich nicht. Aber der Denkzettel erreichte ihn auf eine Weise, mit der er nicht gerechnet hatte.

Als er nämlich am Morgen aufstand, fand er zu seiner Überraschung ein kleines, viereckiges Stück Papier auf seiner Bettdecke, oberhalb seiner Brust befestigt. Darauf war in großen, unregelmäßig gedruckten Buchstaben zu lesen: »Neunundzwanzig Tage sind dir für deine Bekehrung gegeben, dann...«

Dieser Wisch wirkte furchterregender als jede andere Drohung. Lange Zeit grübelte Ferrier darüber nach, wie diese Drohung in sein Schlafzimmer gekommen sein konnte. Seine Knechte schliefen im Nebenhaus und die Fenster waren fest verschlossen. Er zerknüllte das Papier und erzählte seiner Tochter nichts davon. Trotzdem ließ dieser Zwischenfall ihm das Blut in den Adern gefrieren. Diese neunundzwanzig Tage waren noch übrig von dem Monat, den Young ihm versprochen hatte. Welchen Mut und welche Kraft sollte man einem Feind gegenüber einsetzen, der über geheimnisvolle Kräfte zu verfügen schien? Die Hand, die die Nadel an der Bettdecke festgesteckt hatte, hätte sein Herz durchbohren können. Er hätte nicht einmal gewußt, wer ihn umgebracht hatte.

Noch mehr erschrak er am nächsten Morgen. Sie hatten sich niedergesetzt, um zu frühstücken, als Lucy mit einem Schrei der Überraschung nach oben zeigte. In der Mitte der Zimmerdecke war, scheinbar mit einem angebrannten Stück Holz, die Nummer 28 geschrieben. Seine Tochter konnte nicht wissen, was es bedeuten sollte, aber ihm war es natürlich sofort klar. In der nächsten Nacht blieb er auf, das Gewehr in der Hand. Er wachte und wartete, sah und hörte aber nichts. Und doch war am nächsten Morgen eine große 27 an die Haustür gemalt.

Dies geschah Tag für Tag. So sicher, wie der Morgen hereinbrach, so sicher konnte er sein, daß eine unsichtbare Hand ihr Kalendarium verewigt und an sichtbarer Stelle niedergeschrieben hatte, wieviel Tage von dem Monat der Gnade ihm noch blieben.

Manchmal erschien die schicksalshafte Zahl an einer Wand, manchmal auf einem Fußboden.

Gelegentlich hatte sie eine kleine Karte an die Gartenpforte gesteckt und manchmal an das Treppengeländer. So wachsam John Ferrier auch war, so konnte er doch nicht ausmachen, woher diese täglichen Drohungen kamen. Ein lähmender Schrecken, der beinahe in Aberglauben ausartete, hatte sich ihm beim Anblick dieser Botschaften bemächtigt. Er wurde mager und ruhelos und seine Augen hatten den verängstigten Blick eines gejagten Wildes angenommen. Inzwischen war ihm nur noch eine Hoffnung geblieben, lebendig aus der Sache herauszukommen. Das war die Ankunft des jungen Jägers aus Nevada.

Aus zwanzig Tagen waren fünfzehn geworden und aus fünfzehn zehn. Kein Zeichen von dem abwesenden Freund hatte sie bisher erreicht. Die Zahlen wurden kleiner und kleiner und immer noch kein Zeichen von ihm. Immer, wenn ein Reiter die Straße entlang kam oder ein Kutscher sein Pferd anbrüllte, lief der alte Bauer zum Tor, immer in der Hoffnung, daß Hilfe

endlich nahe war. Schließlich wechselte die fünf zur vier über, dann kam die drei. Da verlor der alte Mann den Mut und gab alle Hoffnung auf Rettung auf. Er war allein. In der Bergwelt, die die Siedlung umgab, kannte er sich schlecht aus. Er wußte, daß er machtlos war. Dazu wurden die befahrbaren Straßen streng bewacht. Ohne ausdrücklichen Befehl des Rates der Vier durfte niemand von ihnen die Grenzen überschreiten. Man konnte es drehen und wenden wie man wollte, ihre Lage erschien aussichtslos. Sie würden den Schlag des Schicksals, der über ihnen schwebte, einstecken müssen. Trotzdem wankte der alte Mann keinen Augenblick in seinem Entschluß. Lieber wollte er das Leben lassen, als dem zuzustimmen, was er als Unehre für seine Tochter empfand.

Eines Abends saß er alleine da und brütete über seinen Sorgen. Vergeblich suchte er nach einem Ausweg. Am nächsten Morgen war die Nummer 2 an seiner Hauswand zu lesen. Der nächste Tag würde der letzte Tag der zugebilligten Gnade sein. Was würde dann geschehen?

Schreckliche Phantasien erfüllten seine Gedanken. Und seine Tochter? Was würde aus ihr werden, wenn er tot war? Gab es für sie keine Fluchtmöglichkeit aus diesem unsichtbaren Netz, das um sie herum gezogen worden war? Sein Kopf sank auf den Tisch und er weinte im Angesicht seiner eigenen Machtlosigkeit.

Was war das? In der Stille hörte er ein leises, kratzendes Geräusch — leise, aber in der Stille der Nacht doch deutlich hörbar. Ein paar Augenblicke hörte er nichts, aber dann wurde das leise, geheimnisvolle Geräusch wiederholt. Jemand klopfte offensichtlich sehr vorsichtig an die Holzfüllung der Tür. War es der Henker? War es das Mordkommando, das die Befehle eines geheimen Tribunals auszuführen hatte? Oder war es ein Botschafter, der gekommen war, den letzten Tag der Gnade anzuzeigen ? Lieber wollte John Ferrier dem Tod ins Gesicht sehen, als noch länger die Ungewißheit ertragen, die an den Nerven zerrte und ihm das Blut in den Adern gerinnen ließ. Er ging zur Tür, zog den Riegel zurück und riß die Tür auf.

Draußen war alles friedlich und ruhig. Die Nacht war herrlich. Die Sterne blinkten hell und klar am Himmel. Der Bauer durchforschte mit suchendem Blick seinen kleinen, umzäunten Vorgarten. Aber weder dort noch auf der Straße regte sich eine menschliche Seele. Mit einem Seufzer der Erleichterung sah er nun nach rechts und links. Schließlich wanderte sein Blick vor die eigenen Füße. Vor sich erblickte er zu seinem großen Erstaunen einen Mann, der bäuchlings auf dem Boden lag und Arme und Beine weit von sich gestreckt hielt. Völlig entnervt lehnte Ferrier sich gegen die Wand, die Hand am Hals, um einen Schrei zu unterdrücken. Zunächst glaubte er, vor ihm läge ein Sterbender oder Schwerverwundeter.

Aber als er genau hinsah, bewegte sich die Gestalt, ja sie kroch und wand sich mit der Schnelligkeit und Geräuschlosigkeit einer Schlange in seinen Flur. Schließlich war sie im Haus, sprang auf die Füße und schloß die Tür. Der verwunderte Bauer sah in das wilde, entschlossene Gesicht Jefferson Hopes.

»Guter Gott, hast du mich erschreckt. Warum bist du auf diese Weise gekommen?«

»Gib mir etwas zu essen«, sagte Hope rauh. »Ich hab mir seit achtundvierzig Stunden keine Zeit für einen Bissen oder einen Schluck Wasser genommen.« Er fiel über das kalte Fleisch und das Brot her, das von ihrem Abendbrot noch auf dem Tisch stand. Gierig schlang er es herunter.

»Wie erträgt Lucy all das?« fragte er, als sein Hunger einigermaßen gestillt war.

»Sie weiß nicht einmal, in welcher Gefahr wir sind«, antwortete der Bauer.

»Das ist gut so. Das Haus ist von allen Seiten bewacht. Deswegen mußte ich auf allen Vieren kriechen. Sie mögen verflucht scharf sein, aber ganz so helle, daß sie einen Washoe Jäger erwischen, sind sie doch nicht.«

Jetzt, wo er endlich einen Verbündeten bekommen hatte, fühlte sich John Ferrier wie ausgewechselt. Er nahm die lederharte Hand des jungen Mannes und drückte sie herzlich.

»Du bist ein Mann, auf den man stolz sein kann«, sagte er. »Es gibt nicht viele, die gekommen wären, um unsere Sorgen und die gefährliche Situation zu teilen.«

»Da magst du recht haben, Partner«, antwortete der junge Jäger. »Ich habe dich wirklich gern.

Aber wenn du hier allein in der Sache drin wärest, hätte ich es mir sicherlich zweimal überlegt, ob ich Lust gehabt hätte, meinen Kopf in ein solches Hornissennest zu stecken. Aber der Gedanke an Lucy hat mich hergetrieben. Bevor ihr etwas geschieht, wird es einen aus der Familie Hope weniger in Utah geben, nehme ich an.«

»Was sollen wir nun machen?«

»Morgen ist dein letzter Tag. Wenn du nicht heute nacht handelst, bist du verloren. Ich habe zwei Pferde und einen Maulesel in der Adlerschlucht, die auf uns warten. Wieviel Geld hast du?«

»Zweitausend Dollar in Gold und fünf in Scheinen.«

»Das müßte reichen. Ich habe auch etwa soviel. Wir müssen uns nach Carson City durch die Berge durchschlagen. Du solltest Lucy jetzt wecken. Bloß gut, daß das Gesinde nicht im Haus schläft.«

Als Ferrier gegangen war, um seine Tochter auf die Reise vorzubereiten, packte Jefferson Hope alles Eßbare, das er finden konnte, zu einem kleinen Paket zusammen. Dann füllte er einen irdenen Krug mit Wasser, denn er wußte, daß es nur wenige Quellen in den Bergen gab und große Wegstrecken zwischen ihnen lagen. Kaum war er damit fertig, als der Farmer und seine Tochter, völlig fertig für die Reise angezogen, zurückkehrten. Die beiden Liebenden begrüßten sich warm und herzlich, aber kurz, denn die Minuten waren kostbar und es gab noch viel zu tun.

»Wir müssen sofort aufbrechen«, sagte Jefferson Hope. Er sprach zwar leise, aber resolut wie jemand, dem die Größe der Gefahr wohl bewußt ist, der sich aber fest entschlossen hatte, ihr zu begegnen. »Der Vorder- und auch der Hintereingang werden bewacht, aber wenn wir vorsichtig sind, können wir durch das Seitenfenster und über die Felder entkommen. Wenn wir erst einmal auf der Straße sind, sind es nur noch zwei Meilen bis zu der Schlucht, wo die Pferde warten. Bei Tagesanbruch sollten wir halbwegs durch die Berge hindurch sein.«

»Was tun, wenn wir angehalten werden?« fragte Ferrier. Hope tippte auf den Griff seines Revolvers, der aus seiner Jacke herausschaute. »Wenn es zuviele für uns sind, werden wir wenigstens zwei oder drei von ihnen mit uns ins Jenseits nehmen«, sagte er mit hintergründigem Lächeln.

Alles Licht im Innern des Hauses war gelöscht worden. Von dem dunklen Fenster aus starrte Ferrier über die Felder, die ihm gehört hatten und die er nun für immer verlassen sollte. Schon lange hatte er sich dazu durchgerungen, dieses Opfer zu bringen. Die Ehre und das Glück seiner Tochter erschienen ihm wichtiger als die nun verlorenen Güter. Alles wirkte so glücklich und zufrieden, das Rauschen der Bäume und das schweigende, breite Weizenfeld, daß es einem schwerfallen mochte, zu glauben, daß Mordgeist hinter diesem friedlichen Schein lauerte. Aber das weiße Gesicht und der entschlossene Ausdruck des jungen Jägers machten ihm nur allzu klar, daß dieser, als er sich zum Farmhaus geschlichen hatte, genug gesehen hatte. Jeder Zweifel war ausgeschlossen.

Ferrier trug den Beutel mit dem Geld und den Banknoten, Jefferson Hope hatte ihren mageren Proviant und das Wasser, während Lucy in einem kleinen Bündel ein paar ihrer kostbarsten Besitztümer verknotet hatte. Das Fenster wurde sehr vorsichtig und sorgfältig geöffnet. Sie hatten gewartet, bis eine Wolke die Nacht ein wenig verdunkelt hatte. Dann schlichen sie einer nach dem anderen durch den kleinen Garten. Mit angehaltenem Atem und in gebückter Haltung durchquerten sie ihn, suchten Schutz bei der Hecke, schlichen an dieser entlang, bis sie zu einer Stelle kamen, die ins freie Kornfeld führte.

Sie hatten diese Stelle gerade erreicht, als der junge Mann seine Begleiter plötzlich packte und sie in den Schatten zurückzog. Dort lagen sie schweigend und zitternd.

Durch das Leben in der Prärie hatte Jefferson Hope ein sehr feines Gespür bekommen. Das kam ihnen jetzt zustatten. Kaum hatten er und seine Freunde nämlich Deckung eingenommen, als ein paar Meter von ihnen entfernt das melancholische Rufen der Bergeule erscholl. Dies wurde sofort von einem anderen Vogelruf beantwortet, der ebenfalls ganz aus der Nähe kam.

Im gleichen Augenblick löste sich eine kaum wahrnehmbare, fast schattenhafte Gestalt aus dieser Stelle, wohin sie eben noch gestrebt hatten. Das gleiche Signal ertönte noch einmal, und schon tauchte noch ein Mann aus der Dunkelheit auf.

»Morgen um Mitternacht«, sagte der Erste, der der Anführer zu sein schien. »Wenn der Uhu dreimal gerufen hat.«

»In Ordnung«, gab der andere zurück, »soll ich Bruder Drebber Bescheid sagen?«

»Ja, und er soll es ebenfalls weitergeben. Neun und sieben.«

»Sieben und fünf«, wiederholte der andere. Die beiden Gestalten huschten in verschiedenen Richtungen davon. Ihre abschließenden Worte schienen ganz offensichtlich eine Art Zeichen und Gegenzeichen zu sein. In dem Augenblick, als die Schritte in der Ferne nicht mehr zu hören waren, sprang Jefferson Hope auf die Füße. Er half seinen Begleitern durch die Öffnung und führte sie durch das Kornfeld, so schnell die Beine sie trugen. Halb trug, halb stützte er Lucy, wenn es ihm schien, daß die Kräfte das junge Mädchen verlassen wollten.

»Beeilt euch!« flüsterte er von Zeit zu Zeit. »Durch die Linie der Wächter sind wir durch.

Alles hängt davon ab, daß wir schnell sind. Also los, schneller!«

Als sie erst einmal auf der Straße waren, kamen sie gut voran. Nur einmal kam ihnen jemand entgegen, aber da schafften sie es, sich rechtzeitig im Kornfeld zu verstecken, so daß sie nicht entdeckt wurden. Bevor sie die Stadt erreichten, schlug der Jäger einen schmalen rauhen Pfad ein, der in die Berge führte. Zwei dunkle, zerklüftete Gipfel wirkten in der Finsternis dunkel und drohend, der schmale Pfad zwischen ihnen führte zu der Adlerschlucht, wo die Pferde auf sie warteten.

Mit unfehlbarem Instinkt fand Jefferson Hope den Weg zwischen den großen Felsblöcken hindurch und am Ufer des ausgetrockneten Bächleins entlang. Schließlich kamen sie zu einer versteckten Stelle, die von Felsen umgeben war. Hier waren die treuen Pferde zurückgelassen worden. Das Mädchen wurde auf den Maulesel gesetzt, der alte Ferrier mit seinem Beutel mit Geld in der Hand bestieg eines der Pferde, während Jefferson Hope das andere beim Zaumzeug nahm und die Gruppe durch die gefährliche Schlucht führte.

Für jemanden, der die wilde Bergwelt nicht kannte, eine Landschaft, die die Natur in einer ihrer wildesten Launen hervorgebracht zu haben schien, war diese Route schon furchterregend und abenteuerlich. Auf der einen Seite türmten sich wilde, zerklüftete Felsen auf, die ernst, drohend und dunkel auf sie herabschauten und die an die vierhundert Meter oder noch höher waren. Die langen Basaltstreifen wirkten wie versteinerte Ungeheuer aus der Urzeit. Auf der anderen Seite türmten sich Geröll und Schutt und einzelne Felsblöcke, die das Vorankommen fast unmöglich machten. Zwischen diesen hindurch führte ein enger Zickzackpfad, der so schmal war, daß sie nur im Gänsemarsch marschieren konnten. So uneben und rauh war der Pfad, daß nur ein sehr geübter Reiter ihn überhaupt bewältigen konnte. Und doch waren, trotz all der Schwierigkeiten und Gefahren, die Herzen der Flüchtlinge leicht, denn jeder Schritt vergrößerte die Entfernung zwischen ihnen und jenem Despoten.

Sehr bald sollten sie jedoch spüren, daß sie noch im Machtbereich der Heiligen waren. Sie hatten das wildeste und einsamste Stück dieses Pfades erreicht. Plötzlich schrie Lucy erschreckt auf und wies in die Höhe. Auf einem Felsen, von dem aus der Pfad gut zu überblicken war, stand ein einsamer Wächter. In dem Augenblick, als sie ihn wahrnahmen, sah er auch sie. Sein scharfer Anruf »Wer da?« schallte durch die stille Schlucht.

»Reisende nach Nevada«, sagte Jefferson Hope und hatte die Hand am Gewehr, das neben seinem Sattel hing.

»Mit wessen Erlaubnis?« fragte er.

»Die Heiligen Vier«, antwortete Ferrier. Seine Erfahrung unter den Mormonen hatte ihn gelehrt, das dies die größte Autorität war, auf die er sich berufen konnte.

»Neun zu Sieben«, rief der Wächter.

»Sieben zu Fünf«, antwortete Jefferson Hope prompt, indem er sich an Zeichen und Gegenzeichen im Garten erinnerte.

»In Ordnung! Der Friede Gottes sei mit Euch!« sagte die Stimme von oben. Hinter dieser Wachstelle wurde der Weg breiter, die Pferde konnten nun leicht dahingaloppieren. Sie wandten sich noch einmal um und sahen den einsamen Wächter, der sich auf sein Gewehr stützte. Sie hatten die äußerste Wachstation der Erwählten erreicht, vor ihnen lag die Freiheit.