Read synchronized with  English  Finnish  Italian  Spanisch 
Die Göttliche Komödie.  Dante Alighieri
Kapitel 22. Zweiundzwanzigster Gesang
< Prev. Chapter  |  Next Chapter >
Font: 

Schon hinter uns geblieben war der Engel,
Der unsern Schritt zum sechsten Kreis gekehrt
Und mir getilgt ein Zeichen meiner Mängel.
Sie, deren Wunsch Gerechtigkeit begehrt,
Sie riefen: "Heil dem Dürstenden!" und schwiegen,
Und ohne weitres war ihr Sinn erklärt.
Ich, leichter als auf andern Felsenstiegen,
Ging aufwärts, den behenden Geistern nach,
Und sonder Mühe ward der Kreis erstiegen.
"An Lieb, entzündet von der Tugend," sprach
Mein Meister nun, "ist andre stets entglommen,
Wenn sichtbar nur hervor die Flamme brach.
Darum, seit Juvenal hinabgekommen
Zum Höllenvorhof, und mit uns vereint,
Von dem ich, wie du mich geliebt, vernommen,
War ich in Liebe dir so wohlgemeint,
Wie wir sie selten Niegesehnen weihen,
So, daß nun kurz mir diese Stiege scheint.
Doch sprich und wolle mir als Freund verzeihen,
Löst mir zu große Sicherheit den Zaum,
Und wolle Kunde mir als Freund verleihen:
Wie fand der Geiz doch—ich begreif es kaum—
Bei solcher Weisheit, wie dein eifrig Streben
Errungen hat, in deinem Busen Raum?"
Hier sah ich Lächeln jenes Mund umschweben,
Dann sprach er: "Jedes Wort aus deinem Mund,
Zeugts nur von Liebe, muß mir Freude geben.
Oft werden uns von außen Dinge kund,
Die falsche Zweifel in der Seel erregen,
Weil tief verborgen ist ihr wahrer Grund.
Du scheinst—die Frage zeigts—den Wahn zu hegen,
Daß mich der Geiz auf Erden einst geplagt,
Vielleicht weil ich in diesem Kreis gelegen.
Jetzt wisse, daß ich ihm zu sehr entsagt,
Und dieses Unmaß hab ich hier in Schlingen
So viele tausend Monden lang beklagt.
Dort unten müßt ich, Steine wälzend, ringen,
Hätt ich dein zürnend Warnen nicht gehört:
Zu was kannst du die Menschenbrust nicht zwingen.
Verfluchter Durst nach Gold, der uns betört!—
Die ernste Mahnung hört ich dich verkünden
Und ward aus eitlen Träumen aufgestört.
Daß nur zu offen meine Hände stünden,
Dies ward mir nun in meinem Geiste klar,
Mit Reu ob dieser und der andern Sünden.
Wieviel erstehn einst mit verschnittnem Haar,
Weil bis zum Tod sie nicht erkannt, daß Sühne
Durch Reu auch diesem Fehler nötig war.
Wisse, die Schuld, die auf des Lebens Bühne
Sich einer andern grad entgegensetzt,
Verliert zugleich mit ihr hier ihre Grüne.
Drum sahst du mich bei jenen Scharen jetzt
Der Reuigen, die einst der Geiz bezwungen;
Drum hat das Gegenteil mich herversetzt."
"Zur Zeit, da du der Waffen Graus gesungen.
Die Jokasten Gram zu Gram gefügt,"
Sprach jener, dem das Hirtenlied gelungen,
"War, wenn, was Klio aus dir singt, nicht trügt,
Nicht durch den Glauben noch dein Herz gelichtet,
Bei dessen Mangel keine Tugend gnügt.
Nun, welche Sonne hat die Nacht vernichtet,
Welch irdisch Licht, daß du an deinem Kahn
Die Segel dann, dem Fischer nach, gerichtet?"
Und er: "Du zeigtest mir zuerst die Bahn
Zu dem Parnaß und seinen süßen Quellen
Und warst mein erstes Licht, um Gott zu nahn.
Dem, der bei Nacht geht, warst du gleichzustellen,
Dem seine Leuchte selbst kein Licht verleiht,
Um hinter ihm die Straße zu erhellen,
Indem du sprachst: Erneuert wird die Zeit,
Ich seh ein neu Geschlecht vom Himmel steigen
Und Ordnung herrschen und Gerechtigkeit.
Durch dich ward mir der Ruhm des Dichters eigen,
Durch dich ward ich den Christen beigesellt;
Wie? Soll sich dir in klarem Bilde zeigen.
Vom wahren Glauben schwanger war die Welt
Schon überall; es streuten diesen Samen
Die Boten ewgen Reichs ins weite Feld.
Mit deinem oft berührten Worte kamen
Die neuen Predger sämtlich überein,
Drum folgt ich denen, die ihr Wort vernahmen.
Sie schienen mir so heilig und so rein—
Und als sie Domitian verfolgte, machten
Mich weinen ihre Klag und ihre Pein.
Und ihnen beizustehn war all mein Trachten,
Da mir so redlich ihre Sitt erschien;
All andre Sekten mußt ich drum verachten.
Eh dichtend, ich an Thebens Flüsse ziehn
Die Griechen ließ, hatt ich die Tauf empfangen,
Obwohl ich äußerlich als Heid erschien,
Und ein versteckter Christ verblieb aus Bangen;
Und ob der Lauheit hab ich mehr als vier
Jahrhunderte den vierten Kreis umgangen.
Sprich jetzo du, der du den Schleier mit
Gehoben hast vom Heile, das ich preise,
Denn Zeit genug beim Steigen haben wir:
Wo Freund Terenz, wo Varro ist, der Weise,
Cäcilius, Plautus?—sprich, ich bitte sehr,
Ob sie verdammt sind und in welchem Kreise?"
"Sie, ich und mancher sonst," erwidert er,
"Wir sind beim Griechen, jenem blinden Alten,
Den Musenmilch getränkt, wie keinen mehr,
Im ersten Kreis der blinden Haft enthalten;
Oft sprachen wir von jenem Berge schon,
Wo unsre süßen Nährerinnen walten.
Dort ist Euripides, Anakreon
Mit vielen Griechen, die der Lorbeer krönte,
Mit dem Simonides und Agathon.
Auch sie, von welchen einst dein Lied ertönte,
Antigone, Ismene, so gebeugt,
Wie einst, da sie um den Verlobten stöhnte.
Auch jene, die das Kind, das sie gesäugt,
Rückkehrend von Langia, tot gefunden,
Und Daphne, von Tiresias erzeugt."
Die Dichter schwiegen beide jetzt und stunden,
Vom Steigen frei und von der Felsenwand,
Und sahn umher, das Weitre zu erkunden.
Die fünfte Dienerin des Tages stand
Am Wagen schon, um seinen Lauf zu leiten,
Der Deichsel Flammenspitz emporgewandt.
"Wir kehren, denk ich, unsre rechten Seiten",
Begann mein Herr, "zum freien Rande hin,
Um, wie wir pflegen, um den Berg zu schreiten."
So ward Gewohnheit unsre Führerin;
Auch Statius winkte Beifall dem Genossen,
Drum gingen wir mit sorgenfreiem Sinn,
Sie mir voraus, ich einsam, unverdrossen,
Ging hinterdrein, den Reden horchend, fort,
Die meinem Geist der Dichtung Tief erschlossen.
Doch machte bald der Dichter süßes Wort
Ein Baum mit würzig duftgen Äpfeln schweigen.
Inmitten unsers Weges stand er dort;
Und wie die Tann aufwärts, von Zweig zu Zweigen
Sich enger abstuft, so von Sproß zu Sproß
Er niederwärts, erschwerend das Ersteigen.
Auf jener Seite, wo der Weg sich schloß,
Fiel klares Naß vom hohen Felsensaume,
Das auf die Blätter sprühend sich ergoß.
Da nahte sich das Dichterpaar dem Baume,
Aus dessen Zweigen eine Stimm erscholl:
"Die Speise hier wird teuer eurem Gaume."
"Der Hochzeit nur, um ganz und ehrenvoll
Sie auszurichten, galt Marias Sinnen,
Nicht ihrem Mund, der für euch sprechen soll.
Nur Wasser tranken einst die Römerinnen;
Nicht Königskost hat Daniel gewollt,
Um reichen Schatz der Weisheit zu gewinnen.
Die Urzeit war so schön wie lautres Gold,
Als Eichen noch dem Hunger leckre Speisen
Und Nektar jeder Bach dem Durst gezollt.
Heuschrecken hat und Honig einst zu speisen
Der Täufer in der Wüste nicht verschmäht,
Und hoch und herrlich ist er drob zu preisen,
Wies offenbart im Evangelium steht."