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Szene: Dieselbe wie im ersten Akt.

Lady Windermere: (Auf dem Sofa liegend.) Wie kann ich es ihm erzählen? Das kann ich nicht. Es würde mich umbringen. Ich möchte wissen, was passierte, nachdem ich entkam. Vielleicht erzählte sie ihnen den wahren Grund, warum sie da war, warum mein Fächer ... dieser fatale Fächer da war. Oh, wenn er Bescheid weiß ... wie kann ich ihm in die Augen sehen? Er würde mir nie verzeihen. (Klingelt.) Wie sicher man glaubt, dass man lebt ... außerhalb Versuchung, Sünde, Torheit. Und plötzlich ... Oh! Das Leben ist unbarmherzig. Wir sind in seiner Gewalt. (Rosalie tritt auf.)

Rosalie: Hat Ihre Ladyschaft geklingelt?

Lady Windermere: Ja. Haben Sie herausgefunden, zu welcher Uhrzeit Lord Windermere gestern nach Hause kam?

Rosalie: Seine Lordschaft kam erst um fünf Uhr.

Lady Windermere: Fünf Uhr? Er klopfte an meine Tür heute Morgen, oder?

Rosalie: Jawohl, my Lady, um halb zehn. Ich sagte ihm, dass Ihre Ladyschaft noch nicht wach war.

Lady Windermere: Sagte er etwas?

Rosalie: Etwas vom Fächer Ihrer Ladyschaft. Ich verstand nicht ganz, was seine Lordschaft meinte. Ist der Fächer weg gewesen, my Lady? Ich kann ihn nicht finden, und Parker sagt, er liegt in keinem der Zimmer. Er hat in allen nachgeschaut, und auch auf der Terrasse.

Lady Windermere: Es spielt keine Rolle länger. Bitten Sie Parker, sich keine Sorgen zu machen. Das reicht. (Rosalie tritt ab.) Sie wird mich ganz sicher verraten. Ich kann mich vorstellen, dass sich eine Person jemandem anderen opfert in einem Augenblick der Spontaneität, der Unbedachtsamkeit, des Edelmuts – um dann später herauszufinden, dass der Preis zu hoch war. Wieso sollte sie zögern, wenn sie zwischen ihrem Untergang und meinem wählen wird? ... Wie merkwürdig! Ich wollte sie in meinem eigenen Haus öffentlich skandalisieren, und dann lässt sie sich in einem anderen Haus öffentlich skandalisieren, um mich zu retten ... Was für eine bittere Ironie. Wie ironisch die Weise ist, auf die wir von guten und schlechten Frauen sprechen ... Oh, was für eine Lektion! Wie schade, dass wir hier im Leben nur solche Lektionen erteilt bekommen, wenn sie von gar keinem Nutzen sind! Denn selbst wenn sie nichts sagt, muss ich. Oh, die Schande, die Schande! Es zu erzählen, ist, es wiederzuerleben. Handlung ist die erste Tragödie des Lebens, Worte sind die zweite. Worte sind vielleicht die schlimmste. Worte sind gnadenlos ... Oh! (Erschrickt indem Lord Windermere auftritt.)

Lord Windermere: (Küsst sie.) Margaret ... wie bleich du denn aussiehst!

Lady Windermere: Ich habe sehr schlecht geschlafen.

Lord Windermere: (Setzt sich auf das Sofa neben sie.) Es tut mir wirklich leid. Ich kam furchtbar spät nach Hause, und ich wollte dich nicht wecken. Du weinst, meine Liebe.

Lady Windermere: Ja, ich weine, denn ich habe etwas dir zu sagen, Arthur.

Lord Windermere: Mein liebes Kind, dir ist nicht wohl. Du hast zu viel getan. Gehen wir aufs Lande. Du wirst dich in Selby besser fühlen. Die Saison ist fast vorbei. Es gibt keinen Grund, länger zu bleiben. Du Arme! Wir werden heute fahren, wenn du willst. (Erhebt sich.) Wir können leicht den Zug um halb vier erreichen. Ich werde Fannen telegrafieren. (Setzt sich an den Tisch.)

Lady Windermere: Ja, fahren wir heute weg. Nein, heute kann ich nicht, Arthur. Ich muss jemanden sehen, bevor ich die Stadt verlasse ... eine, die gut zu mir gewesen ist.

Lord Windermere: Gut zu dir?

Lady Windermere: Viel mehr als das. (Erhebt sich und geht zu ihm.) Ich werde es dir erzählen, Arthur, versprich mir nur, dass du mich lieben wirst, mich lieben, wie du es vorher tast.

Lord Windermere: Vorher? Du denkst wohl nicht an jene elende Frau, die gestern Abend hierher kam? Du glaubst nicht immer noch ... nein, das könntest du nicht.

Lady Windermere: Nein. Ich weiß, dass ich mich irrte, das ich töricht war. (Setzt sich.)

Lord Windermere: Es war sehr nett von dir, sie gestern Abend zu empfangen ... aber du wirst sie nie wieder sehen.

Lady Windermere: Warum sagst du das? (Eine Pause.)

Lord Windermere: (Setzt sich neben sie und hält ihre Hand.) Margaret, ich dachte, dass Mrs. Erlynne Verleumdung zum Opfer gefallen war. Ich dachte, sie wünschte, gut zu sein, zurück zu dem Platz zu kommen, den sie durch einen Augenblick der Torheit verloren hatte, wieder ein anständiges Leben zu leben. Ich traute ihr ... ich irrte mich in ihr. Sie ist schlecht ... so schlecht, wie eine Frau sein kann.

Lady Windermere: Arthur, Arthur, sprich nicht so bitter von irgendeiner Frau. Ich glaube nicht länger, dass Menschen in Gute und Schlechte eingeteilt werden können, als ob sie zwei verschiedene Rassen oder Schöpfungen wären. Die, die gute Frauen genannt werden, können etwas Schreckliches in sich haben, tolle Augenblicke der Zügellosigkeit, Rechthaberei, Eifersucht, Sünde. Und schlechte Frauen, wie man sie nennt, können Leid, Reue, Mitgefühl, Aufopferung besitzen. Ich glaube nicht, dass Mrs. Erlynne eine schlechte Frau ist ... ich weiß, sie ist es nicht.

Lord Windermere: Mein liebes Kind, die Frau ist unmöglich. Wie sie es auch immer versucht, uns zu schaden, wirst du sie nie wieder sehen. Sie ist überall unzulässig.

Lady Windermere: Aber ich will sie sehen. Ich will, dass sie hierher kommt.

Lord Windermere: Nie!

Lady Windermere: Ein Mal ist sie hierher als dein Gast gekommen. Dann soll sie auch ein Mal als meiner kommen. Das ist nur gerecht.

Lord Windermere: Sie hätte nie hierher kommen sollen.

Lady Windermere: (Erhebt sich.) Es ist zu spät, Arthur, das zu sagen.

Lord Windermere: (Erhebt sich.) Margaret, wenn du wüsstest, wohin Mrs. Erlynne gestern Abend fuhr, als sie dieses Haus verließ, würdest du im selben Zimmer wie sie nicht sitzten wollen. Es war schamlos, die ganze Sache.

Lady Windermere: Arthur, ich kann es nicht mehr aushalten. Ich muss es dir sagen. Gestern Abend ... (Parker tritt mit einem Tablett auf, auf dem Lady Windermeres Fächer und eine Karte liegen.)

Parker: Mrs. Erlynne ist gekommen, um den Fächer Ihrer Ladyschaft zurückzuliefern, den sie gestern Abend aus Versehen mitnahm. Mrs. Erlynne hat einen Bescheid auf die Karte geschrieben.

Lady Windermere: Oh, bitten sie Mrs. Erlynne herauf zu kommen, wenn sie es möchte. (Ließt Karte.) Sagen Sie, es wird mich sehr freuen, sie zu sehen. (Parker tritt ab.) Sie wünscht, mich zu sehen, Arthur.

Lord Windermere: (Nimmt die Karte und sieht auf sie.) Margaret, nein, ich flehe dich an Lass wenigstens mich sie zuerst alleine sehen. Sie ist eine äußerst gefährliche Frau. Sie ist die gefährlichste Frau, die ich kenne. Du verstehst gar nicht, was du tust.

Lady Windermere: Es ist gerecht, dass ich sie sehen werde.

Lord Windermere: Mein Kind, du könntest am Rand eines großen Leides stehen. Suche es nicht auf. Es ist durchaus notwendig, dass ich sie zuerst sehe.

Lady Windermere: Warum ist das notwendig? (Parker tritt auf.)

Parker: Mrs. Erlynne. (Mrs. Erlynne tritt auf, Parker tritt ab.)

Mrs. Erlynne: Guten Morgen, Lady Windermere. Guten Morgen (zu Lord Windermere). Wissen Sie was, Lady Windermere, es tut mir wirklich leid, dieser Irrtum mit Ihrem Fächer. Ich begreife nicht, wie ich es tun konnte. Ich habe mich blamiert. Und als ich in der Nachbarschaft war, dachte ich, dass ich die Gelegenheit wahrnehmen wollte, Ihr Eigentum persönlich und mit vielen Entschuldigungen zurückzuliefern, und mich mit Ihnen zu verabschieden.

Lady Windermere: Verabschieden? (Lady Windermere und Mrs. Erlynne gehen zum Sofa und setzen sich nebeneinander.) Heißt das, dass Sie wegfahren werden?

Mrs. Erlynne: Ja, ich werde wieder im Ausland wohnen. Das englische Klima gefällt mir nicht. Mein ... Herz wird hier beeinflusst, und das ist mir unangenehm. Ich ziehe vor, im Süden zu leben. London ist voll von Nebel und ... und ernsten Menschen, Lord Windermere. Ob der Nebel die ernsten Menschen erzeugt, oder ob die ernsten Menschen den Nebel erzeugen, weiß ich nicht, aber die ganze Sache geht mir auf die Nerven, und deshalb werde ich heute Nachmittag mit dem Club Train fahren.

Lady Windermere: Heute Nachmittag? Aber ich wollte Sie sehr gern besuchen.

Mrs. Erlynne: Wie nett von Ihnen! Leider muss ich aber gehen.

Lady Windermere: Werde ich Sie nie wieder sehen, Mrs. Erlynne?

Mrs. Erlynne: Nein, das glaube ich leider nicht. Unsere Leben sind zu weit entfernt. Ich möchte Sie aber um einen kleinen Gefallen bitten. Ich möchte eine Fotografie von Ihnen haben, Lady Windermere – werden Sie mir eine geben? Sie wissen nicht, wie dankbar ich sein würde.

Lady Windermere: Oh, mit Freuden. Es gibt eine auf jenem Tisch. Ich werde sie Ihnen zeigen. (Geht zum Tisch.)

Lord Windermere: (Geht zu Mrs. Erlynne und spricht mit gedämpfter Stimme.) Es ist ungeheuerlichlich, dass Sie es nach Ihrem Benehmen gestern Abend wagen, sich hier zu zeigen.

Mrs. Erlynne: (Mit einem neckischen Lächeln.) Vergessen Sie Ihre Manieren nicht, Lord Windermere. Manieren sind wichtiger als Moral.

Lady Windermere: (Kommt zurück.) Sie ist sehr schmeichelhaft, fürchte ich ... ich bin gar nicht so hübsch. (Zeigt ihr die Fotografie.)

Mrs. Erlynne: Sie sind viel hübscher. Aber haben Sie keine von Ihnen selbst und Ihrem kleinen Jungen?

Lady Windermere: Doch. Möchten Sie lieber eine von denen haben?

Mrs. Erlynne: Ja.

Lady Windermere: Dann werde ich Ihnen eine holen, wenn Sie mich einen Moment entschuldigen werden. Ich habe sie oben.

Mrs. Erlynne: Es tut mir schrecklich leid, Lady Windermere, Ihnen so viel Mühe zu machen.

Lady Windermere: (Geht zur Tür.) Es ist gar keine Mühe, Mrs. Erlynne.

Mrs. Erlynne: Vielen Dank. (Lady Windermere tritt ab.) Sie scheinen ziemlich auffahrend heute Morgen, Windermere. Dazu haben Sie keinen Grund. Margaret und ich kommen glänzend miteinander aus.

Lord Windermere: Ich kann es nicht ertragen, Margaret zusammen mit Ihnen zu sehen. Übrigens haben Sie mir die Wahrheit nicht erzählt, Mrs. Erlynne.

Mrs. Erlynne: Ich habe ihr die Warhheit nicht erzählt, meinen Sie.

Lord Windermere: (Stehend.) Manchmal wünschte ich, dass Sie es hätten. Dann wäre mir der Kummer, die Nervosität, das Elend der letzten sechs Monate erspart geblieben. Aber lieber, als dass meine Frau wissen sollte – dass die Mutter, von der man ihr gesagt hat, das sie tot wäre, die Mutter, die sie für tot geweint hat, lebend ist ... eine geschiedene Frau, die, wie ich jetzt weiß, unter falschem Namen auf dem Leben schmarotzt – lieber als das war ich willig, Sie mit Geld zu versehen, Rechnung auf Rechnung zu zahlen, die eine extravaganter als die andere, zu riskieren, was gestern passierte, die erste Zankerei, die ich je mit meiner Frau gehabt habe. Sie verstehen nicht, was das für mich bedeutet. Wie könnten Sie? Aber ich sage Ihnen, dass die einzigen bitteren Worte, die über ihre süßen Lippen kamen, Ihnen galten, und ich hasse es, Sie neben ihr zu sehen. Sie besudeln ihre Unschuld. Und ich, der dachte, dass Sie mit allen Ihren Fehlern ehrlich und aufrichtig waren. Das sind Sie nicht.

Mrs. Erlynne: Warum sagen Sie das?

Lord Windermere: Sie überredeten mich, Sie zum Ball meiner Frau einzuladen.

Mrs. Erlynne: Zum Ball meiner Tochter – Ja.

Lord Windermere: Sie kamen, und eine Stunde nachdem Sie dieses Haus verließen, wurden Sie im Haus eines anderen Mannes entdeckt ... Sie wurden vor aller Augen entehrt.

Mrs. Erlynne: Ja.

Lord Windermere: (Dreht sich gegen sie um.) Deswegen habe ich ein Recht, Sie zu betrachten, als was Sie sind: eine böse und wertlose Frau. Ich habe ein Recht, Ihnen zu verbieten, je wieder in dieses Haus zu kommen, je wieder zu versuchen, sich meiner Frau zu nähern.

Mrs. Erlynne: (Kalt.) Meiner Tochter, meinen Sie.

Lord Windermere: Sie haben kein Recht, sie als Ihre Tochter anzusehen. Sie versagten sie, verließen sie, als sie als Kind in ihrer Wiege lag, verließen sie um Ihres Liebhabers Willen, der seinerseits Sie darauf verließ.

Mrs. Erlynne: (Erhebt sich.) Halten Sie ihm das zugute, Lord Windermere, oder mir?

Lord Windermere: Ihnen, jetzt wo ich Sie kenne.

Mrs. Erlynne: Nehmen Sie sich in Acht.

Lord Windermere: Oh, ich werde meine Worte um Ihretwillen nicht beschönigen. Ich kenne Sie durch und durch.

Mrs. Erlynne: (Sieht ihn fest an.) Das bezweifle ich.

Lord Windermere: Doch, ich kenne Sie. Zwanzig Jahre hindurch lebten Sie ohne Ihr Kind, ohne Gedanken an Ihr Kind. Dann laßen Sie eines Tages in der Zeitung, dass sie einen reichen Mann geheiratet hatte. Darin sahen Sie Ihre Chance. Sie wussten, dass ich alles aushalten würde, um sie mit der Schmach zu verschonen, dass eine Frau wie Sie ihre Mutter ist. Sie fingen mit Ihrer Erpressung an.

Mrs. Erlynne: (Die Achseln zuckend.) Verwenden Sie solche hässlichen Worte nicht, Windermere. Sie sind vulgär. Ich sah meine Chance, das ist wahr, und nahm sie.

Lord Windermere: Ja, Sie nahmen sie ... und zerstörte alles gestern Abend, indem Sie entlarvt wurden.

Mrs. Erlynne: (Mit einem seltsamen Lächeln.) Ja, Sie haben Recht, ich zerstörte alles gestern Abend.

Lord Windermere: Und Ihr Schnitzer, den Fächer meiner Frau mitzunehmen und ihn in Darlingtons Zimmer zu vergessen, er ist unverzeihlich. Ich kann den Anblick des Fächers nicht länger ertragen. Ich werde nie wieder meine Frau ihn benutzen lassen. Er ist in meinen Augen beschmutzt. Sie hätten ihn behalten, nicht zurückliefern sollen.

Mrs. Erlynne: Tatsächlich werde ich ihn behalten, glaube ich. Er ist außerordentlich nett. Ich werde Margaret bitten, ihn mir zu geben.

Lord Windermere: Ich hoffe, sie wird ihn Ihnen geben.

Mrs. Erlynne: Oh, sicherlich wird sie keine Einwendungen haben.

Lord Windermere: Ich wünschte, dass sie Ihnen gleichzeitig die Miniatur geben würde, die sie jeden Abend küsst, bevor sie betet ... Es ist eine Miniatur von einem jungen unschuldig aussehenden Mädchen mit schönen dunklen Haaren.

Mrs. Erlynne: Ah, ja, ich erinnere mich. Es scheint mir eine Ewigkeit her zu sein! (Geht zum Sofa und setzt sich.) Sie wurde gemalt, bevor ich heiratete. Dunkle Haare und ein unschuldiger Ausdruck waren damals in der Mode, Windermere! (Eine Pause.)

Lord Windermere: Warum sind Sie heute gekommen? Was ist Ihre Absicht?

Mrs. Erlynne: (Mit einem ironischen Ton.) Um mich mit meiner Tochter zu verabschieden, natürlich. (Lord Windermere beißt sich aus Zorn in die Lippe. Mrs. Erlynne sieht ihn an, und ihre Stimme und ihr Wesen wird ernst. In ihren Worten spürt man einen Ton der tiefen Tragödie. Einen kurzen Augenblick entlarvt sie sich.) Oh, stellen Sie sich nicht vor, dass ich eine Szene machen werde, mich weinend in ihre Armen werfen werde, und ihr sagen, wer ich bin, und so was. Ich habe keine Lust, die Rolle der Mutter spielen zu sollen. Nur einmal in meinem Leben habe ich die Gefühle einer Mutter gekannt. Das war gestern Abend. Sie waren schrecklich ... sie machten mich leiden ... sie machten mich zu sehr leiden. Zwanzig Jahre lebte ich kinderlos, wie Sie es sagten ... ich will noch kinderlos leben. (Verbirgt ihre Gefühle mit einem trivialen Lachen.) Wie in aller Welt sollte ich übrigens erklären können, dass ich eine erwachsene Tochter habe, mein lieber Windermere? Margaret ist einundzwanzig, und ich habe nie eingeräumt, mehr als neunundzwanzig zu sein, oder höchstens dreizig. neunundzwanzig, wenn es rosa Schatten gibt, dreizig sonst. Sie sehen also, welche Verwicklungen es mitführen würde. Nein, was mich betrifft dürfen Sie Ihre Frau die Erinnerung an diese toten, makellosen Mutter pflegen lassen. Warum sollte ich ihre Illusionen erschüttern? Es fällt mir schwer genug, meine eigenen zu behalten. Eine Illusion verlor ich gestern. Ich dachte, dass ich kein Herz hätte. Ich habe ein Herz, sehe ich jetzt, aber es steht mir nicht gut. Irgendwie passt es schlecht mit modernen Kleidern zusammen. Es macht einen alt aussehen. (Nimmt einen Handspiegel vom Tisch und sieht sich darin.) Und es zerstört einem die Karriere in entscheidenden Momenten.

Lord Windermere: Sie erfüllen mich mit Schrecken ... mit alleserschlingendem Schrecken.

Mrs. Erlynne: Ich vermute, Windermere, es würde Ihnen passen, wenn ich ins Kloster ginge, oder Krankenschwester würde, oder etwas Ähnliches, wie die Leute es in albernen modernen Romanen tun. Das ist dumm von Ihnen, Arthur. So was tut man im wirklichen Leben nicht – mindestens nicht, wenn man seinen guten Aussehen noch hat. Nein, was einen heutzutage tröstet, ist nicht Reue, sondern Genuss. Reue ist ganz veraltet. Übrigens muss eine Frau, wenn sie wirklich bereut, einen schlechten Schneider besuchen, sonst wird ihr niemand glauben. Und nichts in der Welt könnte mich dazu bewegen. Nein, ich werde einfach aus Margarets Leben völlig verschwinden. Es war ein Fehler, an erster Stelle darin zu kommen ... das entdeckte ich gestern Abend.

Lord Windermere: Ein fataler Fehler.

Mrs. Erlynne: (Lächelnd.) Fast fatal.

Lord Windermere: Jetzt bereue ich, dass ich meiner Frau die ganze Geschichte nicht sofort erzählte.

Mrs. Erlynne: Ich bereue meine schlechten Taten. Sie bereuen Ihre guten ... Das ist der Unterschied zwischen uns zwei.

Lord Windermere: Ich traue Ihnen nicht. Ich werde es meiner Frau sagen. Es ist besser für sie, dass sie es von mir erfährt. Es wird ihr unendlichen Schmerz verursachen ... es wird sie furchtbar entehren, aber es ist am richtigsten, dass sie es weiß.

Mrs. Erlynne: Sie beabsichtigen, es ihr zu sagen?

Lord Windermere: Ich werde es ihr sagen.

Mrs. Erlynne: (Geht zu ihm.) Falls Sie es tun, werde ich mich in so üblen Ruf bringen, dass es ihr jeden Moment des Lebens martern wird. Es wird sie zerstören und sie schlecht machen. Falls Sie es wagen, es ihr zu sagen, gibt es keine Schande, zu der ich mich nicht herabsinken werde, keine Erniedrigung, die ich nicht aufsuchen werde. Sie dürfen es ihr nicht sagen ... ich verbiete es Ihnen.

Lord Windermere: Warum?

Mrs. Erlynne: (Nach einer Pause.) Wenn ich Ihnen sagen würde, dass ich Margaret gern habe, sie vielleicht sogar liebe, dann würden Sie mich verhöhnen, oder?

Lord Windermere: Ich würde denken, dass es nicht wahr wäre. Die Liebe einer Mutter heißt Ergebenheit, Selbstlosigkeit, Aufopferung. Was wissen Sie von solchem?

Mrs. Erlynne: Sie haben Recht. Was weiß ich von solchem? Reden wir nicht mehr davon. Ich erlaube aber nicht, dass Sie meiner Tochter sagen, wer ich bin. Das ist mein Geheimnis, nicht Ihres. Wenn ich entschließe, es ihr zu sagen, und das werde ich vermutlich, dann werde ich es ihr sagen, bevor ich dieses Haus verlasse – sonst werde ich es ihr nie sagen.

Lord Windermere: (Böse.) Dann bitte ich Sie, unser Haus sofort zu verlassen. Ich werde Sie gegenüber Margaret entschuldigen. (Lady Windermere tritt auf. Sie geht zu Mrs. Erlynne, die Fotografie in ihr Hand. Lord Windermere geht hinter das Sofa um und betrachtet nervös Mrs. Erlynne.)

Lady Windermere: Es tut mir sehr leid, Mrs. Erlynne, Sie warten lassen zu haben. Ich konnte die Fotografie nirgendwo finden. Aber zuletzt fand ich sie im Ankleidezimmer meines Mannes – er hatte sie gestohlen.

Mrs. Erlynne: (Nimmt die Fotografie von ihr und sieht sie an.) Ich bin gar nicht überrascht – sie ist sehr charmant. (Geht zum Sofa und setzt sich neben Lady Windermere. Sieht wieder die Fotografie an.) Und das ist also Ihr kleiner Sohn! Wie heißt er?

Lady Windermere: Gerard, nach meinem lieben Vater.

Mrs. Erlynne: (Liegt die Fotografie auf den Tisch.) Echt?

Lady Windermere: Ja. Wäre es ein Mädchen gewesen, hätte ich es nach meiner Mutter benannt. Meine Mutter hatte denselben Namen wie ich selbst – Margaret.

Mrs. Erlynne: Mein Name ist auch Margaret.

Lady Windermere: Wirklich!

Mrs. Erlynne: Ja. (Pause.) Sie sind der Erinnerung Ihrer Mutter ergeben, Lady Windermere, hat mir Ihr Mann erzählt.

Lady Windermere: Wir haben alle Ideale hier im Leben. Das sollten wir wenigstens. Meines ist meine Mutter.

Mrs. Erlynne: Ideale sind gefährlich. Die Wirklichkeit ist besser. Manchmal tut sie weh, aber sie ist besser.

Lady Windermere: (Schüttelt den Kopf.) Wenn ich meine Ideale verlieren würde, würde ich alles verlieren.

Mrs. Erlynne: Alles?

Lady Windermere: Ja. (Pause.)

Mrs. Erlynne: Sprach Ihr Vater oft von Ihrer Mutter?

Lady Windermere: Nein, das war ihm zu schmerzvoll. Er erzählte mir, wie meine Mutter starb einige wenige Monate, nachdem ich geboren wurde. Seine Augen wurden mit Tränen gefüllt, während er sprach. Dann flegte er mich, ihm ihren Namen nie wieder zu erwähnen. Ledigliglich den Namen zu hören, machte ihn leiden. Mein Vater ... mein Vater starb aus einem zerbrochenen Herz. Sein Leben war das ruinierteste, das ich kenne.

Mrs. Erlynne: (Erhebt sich.) Leider muss ich jetzt gehen, Lady Windermere.

Lady Windermere: (Erhebt sich.) Oh nein, bleiben Sie, bitte.

Mrs. Erlynne: Ich sollte lieber fahren. Mein Wagen ist wahrscheinlich jetzt zurückgekommen. Ich schickte ihn zu Lady Jedburgh mit einem Billett.

Lady Windermere: Arthur, könntest du mal sehen, ob Mrs. Erlynnes Wagen zurückgekommen ist?

Mrs. Erlynne: Oh, belästigen Sie sich nicht, Lord Windermere.

Lady Windermere: Doch, Arthur. Geh, bitte. (Lord Windermere zögert einen Augenblick und sieht Mrs. Erlynne an. Sie sitzt unbeirrt auf dem Sofa. Er verlässt das Zimmer.) Oh! Was soll ich Ihnen sagen? Sie rettete mich gestern. (Geht zu Mrs. Erlynne.)

Mrs. Erlynne: Sch! ... sprechen Sie nicht davon.

Lady Windermere: Ich muss davon sprechen. Ich kann Sie nicht glauben lassen, dass ich dieses Opfer empfangen werde. Das will ich nicht. Es ist zu groß. Ich werde meinem Mann alles erklären. Das ist meine Pflicht.

Mrs. Erlynne: Es ist nicht Ihre Pflicht – mindestens haben Sie auch andere. Sie sagen, Sie stehen in meiner Schuld?

Lady Windermere: Ich schulde Ihnen alles.

Mrs. Erlynne: Bezahlen Sie dann Ihre Schulden durch Schweigen. Das ist die einzige Weise, auf die Sie mir zahlen können. Zerstören Sie nicht das einzige Gute, das ich je getan habe, indem Sie anderen davon erzählen. Versprechen Sie mir, dass was gestern Abend passierte, ein Geheimnis zwischen uns bleibt. Sie dürfen nicht Unglück in das Leben Ihres Mannes bringen. Warum seine Liebe ruinieren? Sie dürfen sie nicht ruinieren. Liebe wird leicht zerstört. Oh, wie leicht Liebe zerstört wird! Geben Sie mir Ihr Wort, Lady Windermere, dass Sie es ihnen nie erzählen werden. Ich bestehe darauf.

Lady Windermere: (Mit gebeugtem Kopf.) Es ist Ihr Wille, nicht meiner.

Mrs. Erlynne: Ja, es ist mein Wille. Und vergessen Sie nie Ihr Kind. Ich mag, mich Sie als eine Mutter vorzustellen. Ich möchte, dass Sie sich selbst als eine vorstellen.

Lady Windermere: Das werde ich immer. Nur einmal in meinem Leben habe ich meine eigene Mutter vergessen – das war gestern. Oh, hätte ich mich an sie erinnert, wäre ich nicht so töricht gewesen, so schlecht.

Mrs. Erlynne: (Mit einem leichten Zittern.) Das ist alles ganz vorbei. (Lord Windermere tritt auf.)

Lord Windermere: Ihr Wagen ist noch nicht zurückgekommen, Mrs. Erlynne.

Mrs. Erlynne: Egal. Ich nehme eine Droschke. Und jetzt, liebe Lady Windermere, fürchte ich, dass wir uns verabschieden müssen. Oh, das hatte ich fast vergessen. Sie werden mich sicher für verrückt halten, aber wissen Sie was, ich bin ganz verliebt in Ihren Fächer gewesen, nachdem ich das dumme Unglück hatte, ihn mitzunehmen. Und jetzt möchte ich wissen, ob Sie ihn mir geben wollten? Lord Windermere sagt, dass Sie es tun mögen. Ich weiß, dass es sein Geschenk ist.

Lady Windermere: Oh, mit Vergnügen, wenn es Sie freuen wird. Aber er hat meinen Namen auf sich. Es steht "Margaret" auf ihm.

Mrs. Erlynne: Aber wir haben ja denselben Vornamen.

Lady Windermere: Oh, das hatte ich vergessen. Natürlich. Was für ein wunderbarer Zufall, dass unsere Namen gleich sind!

Mrs. Erlynne: Ganz wunderbar. Danke Ihnen ... er wird mich immer an Sie erinnern. (Gibt ihr die Hand. Parker tritt auf.)

Parker: Lord Augustus Lorton. Mrs. Erlynnes Wagen ist gekommen. (Lord Augustus tritt auf.)

Lord Augustus: Guten Morgen, lieber Junge. Guten Morgen, Lady Windermere. (Sieht Mrs. Erlynne.) Mrs. Erlynne!

Mrs. Erlynne: Wie geht es Ihnen, Lord Augustus? Fühlen Sie sich wohl heute Morgen?

Lord Augustus: (Kalt.) Ganz wohl, danke schön, Mrs. Erlynne.

Mrs. Erlynne: Sie sehen gar nicht wohl aus, Lord Augustus. Sie stehen viel zu spät auf ... es ist sehr schlecht für Ihre Gesundheit. Sie sollten wirklich mehr Acht auf sich selbst geben. Lebe wohl, Lord Windermere. (Verbeugt sich vor Lord Augustus und geht zur Tür. Lächelt dann plötzlich und sieht ihn wieder an.) Lord Augustus! Begleiten Sie mich bitte zu meinem Wagen. Sie dürfen den Fächer tragen.

Lord Windermere: Erlauben Sie mir!

Mrs. Erlynne: Nein. Ich will Lord Augustus haben. Ich habe einen besonderen Bescheid an die liebe Herzogin. Tragen Sie bitte den Fächer, Lord Augustus.

Lord Augustus: Wenn Sie es wirklich wünscht, Mrs. Erlynne.

Mrs. Erlynne: (Lachend.) Natürlich wünsche ich es. Sie werden ihn so anmutig tragen. Sie würden alles anmutig tragen, lieber Lord Augustus. (In der Tür dreht sich Mrs. Erlynne einen Augenblick gegen Lady Windermere um. Ihre Augen treffen sich. Dann tritt sie ab. Lord Augustus folgt ihr.)

Lady Windermere: Du wirst nie wieder gegen Mrs. Erlynne sprechen, Arthur, oder?

Lord Windermere: (Ernst.) Sie ist besser, als was man glauben sollten.

Lady Windermere: Sie ist besser, als ich es bin.

Lord Windermere: (Lächelnd, indem er ihr durch die Haare streicht.) Kind, du und sie gehören zu verschiedenen Welten. In deine Welt ist das Böse nie hereingekommen.

Lady Windermere: Sprich nicht so, Arthur. Wir leben alle in derselben Welt, und das Gute und das Böse, Unschuld und Sünde gehen durch sie Hand in Hand. Die Augen für die Hälfte des Lebens zu schließen, um in Ungestörtheit zu leben, ist, als wenn man sich blenden würde, um sicher durch ein Land voller Klüfte und Fallgruben gehen zu können.

Lord Windermere: Liebling, warum sagst du das?

Lady Windermere: Weil ich selbst die Augen für das Leben geschlossen hatte und bis zum Rand kam. Und eine, die uns voneinander trennte ...

Lord Windermere: Wir waren nie voneinander getrennt.

Lady Windermere: Wir wollen es nie wieder sein. Oh Arthur, liebe mich nicht weniger, und ich werde dir mehr trauen. Ich werde dir blind trauen. Fahren wir nach Selby. Im Rosengarten in Selby sind die Rosen rot und weiß. (Lord Augustus tritt auf.)

Lord Augustus: Arthur, sie hat alles erklärt! (Lady Windermere sieht furchtbar erschrocken aus. Lord Windermere erstarrt. Lord Augustus nimmt Lord Windermere am Arm und führt ihn ganz nach vorne auf der Bühne. Er spricht schnell und mit gedämpfter Stimme. Lady Windermere sieht ihnen mit Schrecken zu.) Mein lieber Freund, sie hat alles ins kleinste verflixte Detail erklärt. Wir tan ihr alle schweres Unrecht. Lediglich um meinetwillen kam sie zu Darlingtons Haus. Suchte mich zuerst im Klub ... wollte tatsächlich meiner Ungewissheit ein Ende machen ... und – als ihr erzählt wurde, dass ich gegangen bin – folgte sie uns ... erschrocken, natürlich, als sie uns alle hörte ... versteckte sich in einem anderen Zimmer ... ich versichere Ihnen, es ist mir sehr erfreulich, diese ganze Sache. Wir benahmen uns alle unverschämt gegen sie. Sie ist die genau richtige Frau für mich. Ihre einzige Bedingung ist, dass wir ausschließlich außer England wohnen. Was mir übrigens hervorragend passt. Verflixte Klubs, verflixte Köche, verflixtes Klima, verflixtes alles. Das ganze ist mir zuwider!

Lady Windermere: (Nervös.) Hat Mrs. Erlynne ...?

Lord Augustus: (Geht gegen sie mit einer langen Verbeugung.) Ja, Lady Windermere ... Mrs. Erlynne hat mir die Ehre angetan, meine Hand anzunehmen.

Lord Windermere: Fürwahr werden sie eine sehr intelligente Frau heiraten.

Lady Windermere: (Nimmt die Hand ihres Mannes.) Ah, Sie werden eine sehr gute Frau heiraten. (Der Vorhang fällt.)

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