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Ivanhoe.  Walter Scott
Kapitel 7.
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Mit langem Zug von Knappen kommen Ritter,
In bunter Tracht und zierlich ausstaffirt.
Der eine schnürt den Helm, der trägt die Lanze,
Ein dritter bringt den blanken Schild herbei.
Es stampft das Roß mit ungeduldgem Huf,
Und schnaubt und schäumt aufs goldene Gebiß.
Auf Zeltern reiten Huf- und Waffenschmiede,
Mit Feilen und mit Hämmern wohl versehn,
Mit Nägeln für den lockern Speer und Riemen
Für den verletzten Schild, Trabanten sperren
In schmucken Reihn die Seitenstraßen ab,
Denn Bauernhaufen drängen vor mit Knütteln.
Palamon und Arcite.

Die Lage des englischen Volkes war zu jener Zeit elend genug. König Richard war als Gefangener abwesend und in der Macht des treulosen und grausamen Herzogs von Oesterreich. Selbst über den Ort seiner Gefangenschaft war man in Ungewißheit, und sein Schicksal war den meisten seiner Unterthanen, die inzwischen jedem Drucke von Seiten der Vasallen ausgesetzt waren, beinahe unbekannt.

Prinz Johann, im Bündniß mit Philipp von Frankreich, Löwenherzens tödtlichem Feinde, wandte allen seinen Einfluß bei dem Herzog von Oesterreich an, um die Gefangenschaft seines Bruders zu verlängern, von dem er so viel Gunst erfahren hatte. Dabei verstärkte er seinen Anhang im Königreich und bereitete sich vor, für den Fall, daß der König stürbe, dem rechtmäßigen Erben, Arthur, Herzog der Bretagne, dem Sohne Gottfrieds von Plantagenet, seines älteren Bruders, die Thronfolge streitig zu machen. Es ist bekannt, daß er diese Usurpation später in Ausführung brachte. Da Johanns Charakter leichtsinnig, ausschweifend und treulos war, so zog er nicht nur alle diejenigen leicht an sich, welche Ursache hatten, die Strafe Richards wegen verbrecherischer Handlungen, die sie während seiner Abwesenheit begangen, zu fürchten, sondern auch die zahllosen Classen gesetzloser Raufbolde, welche aus den Kreuzzügen in ihr Vaterland zurückgekehrt waren, erfahren in den Lastern des Orients, ohne Erwerbsquellen und, infolge der Verwilderung ihres Charakters gern bereit, die innern Unruhen zu ihrem Vortheil auszubeuten.

Zu diesen allgemeinen Ursachen der Noth und Bedrängniß kam noch hinzu, daß eine Menge von Geächteten, welche durch den Druck des Adels und die strenge Anwendung der Forstgesetze zur Verzweiflung getrieben waren, sich in großen Banden zusammenrotteten, Wälder und unbewohnte Strecken Landes in Besitz nahmen und den Obrigkeiten des Landes trotzten. Die Edelleute selbst, jeder durch seine befestigte Burg geschützt, von der aus er den Tyrannen seiner Besitzung spielte, waren die Anführer von Banden, die kaum weniger ruchlos und gefährlich waren als anerkannte Räuber. Um diese Anhänger zu ernähren und die Mittel zu Ausschweifung und Luxus, zu denen sein Uebermuth ihn veranlaßte, zu beschaffen, erborgte der Adel große Summen von den Juden gegen sehr hohe Zinsen, die an den Besitzungen gleich dem verzehrenden Krebs nagten, und von denen sie sich nicht anders zu befreien wußten, als daß sie irgend eine Gelegenheit wahrnahmen, um ihre Gläubiger durch Gewaltthat los zu werden.

Unter den Leiden, welche diese unglückliche Lage der Dinge mit sich brachte, litt das englische Volk für den Augenblick schwer genug, und es hatte dazu noch Ursache, in Zukunft schwereres Unheil zu fürchten. Dem Elend die Krone aufzusetzen, verbreitete sich eine ansteckende Krankheit über das Land und raffte viele hinweg, deren Schicksal die Ueberlebenden versucht waren zu beneiden, da sie von den drohenden Uebeln befreit wurden.

Trotz dieser vielfachen Noth nahmen Arme so wie Reiche, Gemeine so wie Adlige an dem Ereigniß eines Turniers, dem großartigsten Ereigniß jenes Zeitalters, eben so viel Antheil, als ihn der halbverhungerte Bürger von Madrid, der keinen Real übrig hat, um Lebensmittel für seine Familie zu kaufen, an dem Ausgange eines Stiergefechtes nimmt. Nichts, weder häusliche Pflichten noch Krankheit, konnte das Publikum jener Tage von solchen Schaustellungen fern halten. Das Waffenspiel, wie man es nannte, welches zu Ashby in der Grafschaft Leicester abgehalten werden sollte, hatte daher die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen, denn es sollten hier Kämpfer von höchster Berühmtheit, dazu in Gegenwart des Prinzen Johann, auftreten, und eine ungewöhnlich große Menschenmenge aus allen Ständen eilte an dem bestimmten Morgen zum Kampfplatze.

Die Scene war eigenthümlich romantisch. Am Rande eines Waldes, der etwa eine Meile von Ashby entfernt lag, befand sich eine ausgedehnte Au, mit dem schönsten grünen Rasen bedeckt, auf der einen Seite vom Walde, auf der andern von einzeln stehenden Eichen eingefaßt, von denen einige eine ungewöhnliche Höhe erreicht hatten. Der Boden, als wäre er für dieses kriegerische Schauspiel hergerichtet, senkte sich auf allen Seiten allmählich zu einem ebenen Grunde hinab, der, von starken Pallisaden umschlossen, welche die Schranken bildeten, tausend Schritte lang und etwa halb so breit war. Die Form dieser Umfriedigung war ein längliches Viereck, nur daß die Ecken aus Rücksicht auf die Bequemlichkeit der Zuschauer beträchtlich abgerundet waren. Die Pforten für den Eintritt der Kämpfer befanden sich am Nord- und Südende, mit zwei starken hölzernen Thorflügeln, die breit genug waren, um zwei Reiter neben einander einzulassen. An jedem dieser beiden Eingänge standen zwei Herolde, bei ihnen sechs Trompeter und ebenso viele Gefolgsmänner, und eine starke Abtheilung von Geharnischten zur Aufrechthaltung der Ordnung und zur Prüfung der Ritterbürtigkeit aller derer, welche an dem kriegerischen Kampfspiele Theil zu nehmen gedachten.

Jenseit der südlichen Eintrittspforte standen auf einer durch die natürliche Erhebung des Bodens gebildeten Platform fünf prächtige Zelte, mit roth und schwarzen Fähnchen verziert, den Farben, die die fünf herausfordernden Ritter sich gewählt. Vor jedem Zelte hing der Schild des Ritters, der darin wohnte, und neben demselben stand sein Knappe als Wilder oder Waldmensch oder sonst wie phantastisch gekleidet, je nach dem Geschmack seines Herren, oder der Rolle, die er während des Waffenfestes zu spielen gedachte.

Das mittlere Zelt war als Ehrenplatz dem Ritter Brian de Bois-Guilbert zugewiesen worden, dessen Berühmtheit in jeder Art von Ritterspielen ebenso sehr wie seine Verbindungen mit den Rittern, die dieses Waffenfest unternommen hatten, der Grund war, warum man ihn mit Begeisterung in die Reihe der Herausforderer, ja sogar als Haupt und Anführer derselben aufgenommen hatte. An der einen Seite sei nes Zeltes standen die Zelte des Reginald Front de Boeuf und Philipp de Malvoisin, auf der andern das des Ritters Hugo von Grant-Meslin, einem benachbarten Baron, dessen Ahnherr einst Groß-Truchseß von England gewesen war. Ralph de Vipont, ein Johanniterritter, der einige alte Güter in Heather bei Ashby de la Zouche besaß, nahm das fünfte Zelt ein. Von dem Eingange in die Schranken stieg ein Weg sanft an, der in der Breite von zwanzig Fuß zu der Platform führte, auf welcher die Zelte standen. Dieser Pfad war auf beiden Seiten mit starkem Pfahlwerk versehen, wie dies auch bei der Esplanade vor den Zelten der Fall war, und das Ganze wurde von Geharnischten bewacht.

Am nördlichen Ende befanden sich die Zelte derjenigen Ritter, die sich den Herausfordernden zum Kampfe stellen wollten, und hinter diesen waren solche für Waffen- und Hufschmiede, so wie für Verkäufer von Erfrischungen aufgeschlagen.

Rings um die Schranken zogen sich mit Teppichen und Kissen versehene Gallerien für die ritterbürtige Zuschauerschaft. Die große Menge lagerte sich auf Rasenbänken auf den Anhöhen, die den Blick über die Gallerien hinweg gestatteten. Für den Prinzen Johann war eine besondere Gallerie eingerichtet, die mit dem königlichen Wappen geziert war, und ihr gegenüber eine andere, geschmückt mit vielen Wimpeln, Flaggen und brennenden, blutenden sowie mit Pfeilen durchbohrten Herzen. Eine Inschrift darauf meldete, daß dieser Ehrenplatz bestimmt sei für die Königin der Schönheit und Liebe! Wer aber diese Königin der Schönheit und Liebe vorstellen werde, das vermochte niemand zu errathen.

Inzwischen drängten sich Zuschauer aller Art vor und nahmen ihre Sitze ein, wobei es natürlich vielfach Streitigkeiten über Rangordnung etc. gab. Die Geharnischten legten einige derselben ohne Umstände bei, indem sie ihre Lanzenschäfte und Schwertknöpfe wirkungsvoll als Gründe gegen die Widerspenstigeren geltend machten. Andere, an die sich die rivalisirenden Ansprüche höher gestellter Personen knüpften, wurden von den Herolden und den beiden Marschällen William de Wyvil und Stephan von Martival geschlichtet, die in voller Rüstung an den Schranken auf- und niederritten, um die gute Ordnung unter den Zuschauern auf jede Weise aufrecht zu erhalten.

Allmählig füllten sich die Gallerien mit Rittern und Edlen in ihren Staatsgewändern, deren lange dunkelfarbige Mäntel einen Gegensatz zu der bunteren und glänzenderen Kleidung der Damen bildeten, die sich in noch größerer Zahl als die Männer zu einem Schauspiel drängten, das man für zu blutig und gefahrvoll hätte halten sollen, als daß es geeignet wäre, dem zarten Geschlechte Vergnügen zu gewähren.

Unter den Bürgern, Landleuten und armen Personen aus dem niederen Adelstande, die es schon damals gab, und die die untern Räume der Gallerien bis an die Schranken einnahmen, gab es natürlich die meisten Rangstreitigkeiten.

»Hund von einem Ungläubigen!« rief ein alter Mann, dessen schäbiger Mantel ebenso von seiner Armuth wie sein Schwert und sein Dolch nebst goldner Kette von seinem Anspruch auf Rang und Ahnen zeugten, – »infamer Hund! wagst Du einen Christen zu drängen, einen normännischen Edling vom Blute der Montdidier?«

Diese rauhe Aeußerung war an niemand anders als an den Juden Isaak, unsern Bekannten, gerichtet, welcher reich, ja prächtig gekleidet, in einem mit Spitzen besetzten und mit Pelzwerk gefütterten Mantel in der vordersten Reihe für die schöne Rebekka, seine Tochter, einen Platz zu erhalten trachtete. Die Tochter war zu Ashby mit ihm zusammengetroffen und hing jetzt am Arme ihres Vaters, nicht wenig erschrocken über das allgemeine Mißfallen, welches ihres Vaters kühnes Auftreten erregte. Aber Isaak, obschon wir ihn bei andern Gelegenheiten furchtsam genug gesehen haben, wußte nur zu gut, daß er gegenwärtig nichts zu fürchten habe. An öffentlichen Versammlungsorten, in der Gemeinschaft mit Ebenbürtigen, wagte keiner der habsüchtigen oder boshaften Edlinge ihm etwas zu Leide zu thun. Bei dergleichen Versammlungen standen auch die Juden unter dem Schutze des gemeingültigen Gesetzes; und war dies auch immerhin eine schwache Bürgschaft, so fanden sich doch unter den versammelten Baronen einige, die aus selbstsüchtigen Motiven bereit waren, als ihre Beschützer aufzutreten.

Dazu kam, daß Isaak augenblicklich mehr als gewöhnliche Zuversicht hegte, denn er wußte, daß Prinz Johann eben im Begriff war, bei den Juden von York eine bedeutende Anleihe zu machen, und ihnen dafür gewisse Juwelen und Ländereien zu verpfänden. Isaaks Antheil an diesem Geschäft war nicht gering, und so wußte er gar wohl, daß des Prinzen lebhafter Wunsch, die Anleihe zu Stande zu bringen, ihn bewegen werde, ihm in der schwierigen Situation seinen Schutz nicht zu versagen.

Durch diese Erwägungen kühn gemacht, beharrte der Jude bei seinem Vorhaben und drängte den normännischen Christen ohne Rücksicht auf seinen Rang, seine Abkunft und seinen Glauben. Die Klagen des alten Mannes erregten jedoch den Unwillen der Umstehenden. Einer derselben, ein rüstiger untersetzter Landsasse, der zwölf Pfeile im Gurt, ein Schwertgehenk mit silbernem Schilde und einen sechs Fuß langen Bogen in der Hand trug, wandte sich rasch um, und während sein Gesicht, das vom Wetter wie eine Nuß gebräunt war, vor Aerger noch dunkler wurde, rieth er dem Juden, doch zu bedenken, daß aller Reichthum, den er durch das ausgesogene Blut seiner Schlachtopfer erlangt, ihn doch nur angeschwellt habe wie eine Spinne, die sich vollgesogen, und die man zwar übersehen könne, so lange sie sich in der dunklen Ecke halte, die man aber zertreten werde, sobald sie sich ans Licht wage.

Diese mit fester Stimme und finstrem Ausdruck in anglonormännischer Sprache gemachte Andeutung bewirkte, daß der Jude zurückbebte, und wahrscheinlich würde er sich ganz aus einer so gefährlichen Nähe entfernt haben, wäre nicht plötzlich die Aufmerksamkeit aller auf den Eintritt des Prinzen Johann, der in diesem Augenblicke in die Schranken trat, gerichtet worden. Ein zahlreiches und bunt geschmücktes Gefolge, das theils aus Laien, theils aus Geistlichen bestand, die eben so leichtfertig in ihrer Kleidung und eben so munter in ihrem Benehmen waren wie die übrige Gesellschaft, umgab den Prinzen.

Unter ihnen befand sich der Prior von Jorvaulx in dem ritterlichsten Aufzuge, in welchem ein Würdenträger der Kirche sich nur immer herausnehmen durfte zu erscheinen. Pelzwerk und Gold waren an seiner Kleidung nicht gespart, und die Spitzen seiner Stiefeln, welche die abgeschmackte Mode jener Zeit noch überboten, waren so weit in die Höhe geschlagen, daß sie nicht, wie bei anderen an den Knieen, sondern an seinem Gürtel befestigt waren, und ihn im eigentlichsten Sinne verhinderten, seinen Fuß in den Steigbügel zu setzen.

Dies war indeß eine geringe Unbequemlichkeit für den ritterlichen Abt, der sich vielleicht über die Gelegenheit freute, seine vollendete Reitergewandtheit vor so vielen Zuschauern, besonders aber vor dem schönen Geschlecht zu zeigen, und der sich dieser Hilfsmittel eines furchtsamen Reiters daher gern begab.

Das übrige Gefolge des Prinzen bestand aus den begünstigten Anführern seiner Miethstruppen, einigen raubsüchtigen Baronen und ausschweifenden Höflingen nebst einigen Templern und Johannitern.

Es mag hier erwähnt werden, daß die Ritter dieser beiden Orden dem König Richard feindlich waren, und bei den langwierigen Streitigkeiten, die in Palästina zwischen Philipp II., August von Frankreich und dem löwenherzigen Könige Englands stattfanden, die Partei des ersteren ergriffen hatten. Die Folge dieser Uneinigkeit war gewesen, daß Richards wiederholte Siege fruchtlos gemacht und seine romantischen Versuche, Jerusalem zu erobern, vereitelt wurden, ja, daß die Frucht alles Ruhms, den er erlangt, ein ungewisser Waffenstillstand mit Sultan Saladin gewesen war.

Mit derselben Politik, die ihren Brüdern in Palästina ihr Verhalten vorgeschrieben hatte, schlossen sich die Templer und Hospitaliter in England und der Normandie der Partei des Prinzen Johann an, da sie wenig Ursache hatten, Richards Rückkehr nach England oder die Nachfolge Arthurs, seines rechtmäßigen Erben, zu wünschen.

In ihnen sah Prinz Johann seine wichtigsten Verbündeten, und darum verachtete er die wenigen bedeutenden angelsächsischen Familien, die noch in England existirten, und versäumte keine Gelegenheit, sie zu kränken und übermüthig zu behandeln, denn er wußte gar wohl, daß ihnen wie dem größern Theil der englischen Gemeinden seine Person und Anmaßung mißfielen, von denen sie bei Johanns ausschweifendem und despotischem Charakter noch fernere Eingriffe in ihre Rechte und Freiheiten befürchteten.

Begleitet von diesem ritterlichen Gefolge, sehr gut beritten, in Carmoisin und Gold gekleidet, auf dem Haupte ein mit reichem Pelzwerk besetztes und mit einem Ringe köstlicher Steine geschmücktes Barett, unter dem sein langes lockiges Haar hervorquoll, das sich über die Schultern breitete, sprengte Prinz Johann, einen Falken auf der Hand tragend, auf einem muthigen Schimmel an der Spitze seiner jovialen Begleitung in den Schranken umher, lachte laut mit seinem Gefolge und beäugelte mit königlichem Kennerblick die Schönheiten, die die hohen Gallerien schmückten.

Da lenkte sich seine Aufmerksamkeit auf die noch nicht beruhigte Bewegung, die dem Vordrängen des Juden zu den höheren Plätzen der Versammlung gefolgt war. Sein scharfes Auge erkannte Isaak sofort und wurde nicht wenig von der schönen Tochter Zions angezogen, die, durch den Tumult erschreckt, sich fest an den Arm ihres bejahrten Vaters schmiegte.

Die Formen und der Wuchs Rebekkas konnten in der That mit denen der stolzesten Schönheiten Englands verglichen werden, selbst wenn sie von einem strengeren Richter als dem Prinzen Johann beurtheilt wurden. Ihre Gestalt war höchst symmetrisch gebaut und wurde vortheilhaft hervorgehoben durch eine Art orientalischer Kleidung, die sie nach der Frauensitte ihres Volkes trug. Ein Turban von gelber Seide paßte vorzüglich zu ihrer dunklen Gesichtsfarbe. Der Glanz ihrer Augen, die stolze Wölbung ihrer Brauen, ihr wohlgeformtes Adlernäschen, ihre weißen Zähne, ihr üppiges schwarzes Haar, das in einzelnen reizenden Ringellöckchen herab auf ihren lieblichen Hals und Busen fiel und beides bedeckte, so weit ein reiches Kleid von persischer Seide es sichtbar werden ließ – all dieses bildete ein so liebenswürdiges Ensemble, daß sie den schönsten Jungfrauen, die sie umgaben, in nichts nachstand.

»Nun, bei der Glatze Abrahams,« sagte Prinz Johann, »die Jüdin dort muß das Muster all der Vollkommenheit sein, dessen Reize dem weisesten Könige, der je lebte, den Kopf verdrehten! Was sagst Du, Prior Aymer? – Beim Tempel jenes weisen Königs, den unser noch weiserer Bruder nicht zurückzuerobern im Stande war, sie ist die leibhaftige Braut des Hohen Liedes.«

»Die Rose von Savon und die Lilie des Thales,« antwortete der Prior in schmunzelndem Tone; »aber Eure Hoheit muß bedenken, daß sie nur eine Jüdin ist.«

»Ei,« fügte Prinz Johann hinzu, ohne auf ihn zu achten, »und da ist auch mein Mammon der Ungerechtigkeit, der Marquis der Marken und Baron der Byzantiner, der sich mit verlumpten Schuften, deren schäbige Mäntel keinen Heller in den Taschen bergen, um den Platz streitet. Beim Leibe des heiligen Markus, mein Subventionsfürst soll mit seinem liebenswürdigen Judenmädchen einen Platz auf dem Balkon haben! – Wer ist sie, Isaak, Deine Frau oder Deine Tochter, jene orientalische Houri, die Du so fest unter Deinem Arme verwahrst, als wäre sie Dein Schatzkästlein.«

»Meine Tochter Rebekka, Eurer Hoheit zu dienen,« antwortete der Jude mit einer tiefen Verbeugung, ohne bei dem Gruß des Prinzen, der wenigstens eben so viel Spott als Artigkeit enthielt, in Verlegenheit zu gerathen.

»Um so weiser bist Du,« sagte Johann mit schallendem Lachen, in welches seine munteren Begleiter folgsam einstimmten. »Aber Tochter oder Weib, sie sollte nach Maßgabe ihrer Schönheit und Deiner Verdienste um uns vorgezogen werden. Wer sitzt dort oben?« fuhr er fort, indem er seine Augen zu der Gallerie erhob. »Sächsische Bauernkerle, die sich ihrer ganzen Länge nach ausstrecken! Hol sie der Teufel! Laßt sie zusammenrücken und meinem Wucherprinzen mit seiner liebenswürdigen Tochter Platz machen. Diese Lümmel sollen wissen, daß sie die hohen Plätze in der Synagoge mit denen theilen müssen, die das Geld dazu hergegeben haben.«

Die Personen, denen diese beleidigende und grobe Rede galt, waren die Angehörigen Cedrics des Sachsen und sein Verbündeter und Anverwandter, Athelstane von Coningsburgh, ein Mann, der wegen seiner Abkunft von den letzten angelsächsischen Herrschern bei den sämmtlichen sächsischen Eingeborenen des nördlichen England in der höchsten Achtung stand.

Mit dem Blute des alten Königsgeschlechts hatten sich auch viele Schwächen desselben auf Athelstane vererbt. Er besaß allerdings ein wohlgeformtes Gesicht, war fleischig und stark von Person und dazu in der Blüthe seines Alters, aber ohne jede Lebhaftigkeit im Gesichtsausdruck, matten Auges, mit gesenkten Brauen, schlaff und schwerfällig in allen seinen Bewegungen, und so unschlüssig, daß der Beiname eines seiner Vorfahren auf ihn überging, und man ihn allgemein Athelstane den Zagen nannte. Seine Freunde, und er besaß deren viele, die wie Cedric ihm leidenschaftlich zugethan waren, behaupteten zwar, daß sein schlaffes Wesen nicht aus einem Mangel an Muth hervorginge, sondern aus bloßem Mangel an Entschlossenheit; andere führten dagegen an, daß der angeerbte Fehler der Trunksucht seine Geisteskräfte, die überhaupt nie scharf und bedeutend waren, beeinträchtigt habe, und daß sein passiver Muth und die sanfte Gemüthsart, die zurückblieb, der bloße Bodensatz eines Charakters wären, der vielleicht Lob verdient hätte, wenn sich nicht von ihm alle werthvollen Theile in Folge der langen Gewohnheit der Unmäßigkeit losgelöst hätten.

An den soeben beschriebenen Mann richtete nun der Prinz den herrischen Befehl, für Isaak und Rebekka Platz zu machen. Athelstane, höchst bestürzt über einen Befehl, der nach den Sitten und Gefühlen jener Zeit eine große Beleidigung enthielt, war nicht Willens zu gehorchen; da er jedoch nicht wußte, auf welche Weise er sich widersetzen solle, stellte er dem Willen Johanns nur die vis inertiae entgegen. Ohne sich zu regen oder Miene zum Gehorsam zu machen, öffnete er seine großen grauen Augen und starrte den Prinzen mit einem Staunen an, das etwas außerordentlich Komisches hatte. Doch der ungeduldige Johann sah die Sache nicht in diesem Lichte.

»Das Schwein von einem Sachsen liegt entweder im Dusel oder versteht mich nicht,« sagte er. »Weckt ihn mit Eurer Lanze, de Bracy,« fuhr er zu einem Ritter gewendet fort, der in seiner Nähe an der Spitze einer Schaar von Condottieri ritt. Es erhob sich ein Murren selbst unter den Begleitern des Prinzen Johann; aber de Bracy, dessen Beruf alle Bedenken in ihm beseitigte, streckte seine lange Lanze über den Raum aus, der die Gallerie von den Schranken trennte, und würde den Befehl des Prinzen ausgeführt haben, bevor Athelstane der Zage nur so viel Geistesgegenwart gewonnen hätte, um sich vor der Waffe zurückzuziehn, hätte nicht Cedric, der eben so entschlossen als sein Gefährte langsam war, mit Blitzesschnelle sein kurzes Schwert gezogen und mit einem einzigen Hiebe das Lanzeneisen vom Schafte getrennt. Das Blut schoß Johann ins Antlitz. Er stieß einen der schwersten Flüche aus und war im Begriff, eine ebenso heftige Drohung hinzuzufügen, als er zum Theil durch seine Umgebung die ihn dringend bat, ruhig zu sein, zum Theil auch durch den lauten Beifall des Volkes über Cedrics entschlossenes Benehmen von seinem Vorhaben abgebracht wurde. Zornig rollte Johann die Augen, als suchte er irgend ein sicheres und leichtes Schlachtopfer, und da er zufällig dem festen Auge des oben erwähnten Bogenschützen begegnete, der dem drohenden Blicke zum Trotze, den der Prinz auf ihn richtete, fortfuhr seinen Beifall zu bekunden, fragte er ihn, warum er so schreie?

»Ich rufe allemal Halloh mit,« sagte der Landsasse, »wenn ich einen wackern Schuß oder tapfern Streich gethan sehe.«

»Was Du sagst?« antwortete der Prinz grimmig, »da kannst Du wohl das Weiße selbst treffen, ich wette drauf.«

»Eines Waidmanns Ziel und auf Waidmanns Entfernung kann ich treffen,« antwortete der Landsasse.

»And Wate Tyrreles marcan at hundteontig stapas,« rief eine angelsächsische Brummstimme aus dem Hintergrunde, ohne daß man unterscheiden konnte, wer es war. – »Wat Tyrrels Ziel auf hundert Schritt,« übersetzte ein andrer Unbekannter dem Prinzen in reines Französisch. Diese Anspielung auf das Schicksal seines Großvaters Wilhelm Rufus erbitterte und beunruhigte den Prinzen zu gleicher Zeit. Er begnügte sich indeß, den Geharnischten, die die Schranken bewachten, zu befehlen, ein wachsames Auge auf den Prahlhans zu haben, indem er auf den Landsassen zeigte.

»Bei der heiligen Griseldis,« fügte er hinzu, »wir wollen seine eigne Kunst auf die Probe stellen, da er so bereitwillig die Heldenthaten andrer preist.«

»Ich werde mich vor der Probe nicht drücken,« sagte der Landsasse mit der ganzen Entschlossenheit, die sein Wesen kennzeichnete.

»Inzwischen rafft euch auf, ihr sächsischen Bauernkerle!« sagte der erhitzte Prinz; »denn beim Lichte des Himmels, da ich es einmal gesagt habe, so soll der Jude unter euch sitzen.«

»Keineswegs, wenn Ew. Gnaden verzeihn! Es paßt sich nicht für unser einen, bei den Herrschern des Landes zu sitzen,« sagte der Jude. In der That war des Juden Ehrgeiz wegen des Vortritts, wenn er ihn auch bestimmt hatte, mit dem verarmten Montdidier um den Platz zu streiten, nicht groß genug, um ihn anzustacheln, sich unter die reichen Angelsachsen einzudrängen.

»Hinauf, ungläubiger Hund, wenn ich es Dir befehle,« schrie der Prinz, »oder ich lasse Dir Dein gelbes Fell abziehn und zu Reitzeug gerben!« So gedrängt begann der Jude die steilen und schmalen Stufen zu ersteigen, die auf die Gallerie führten.

»Ich will doch sehn, wer es wagen wird, ihn aufzuhalten,« sagte der Prinz und richtete sein Auge auf Cedric, dessen Stellung die Absicht kundgab, den Juden kopfüber hinunterzuwerfen.

Die Katastrophe wurde durch den Narren Wamba verhindert, der schnell zwischen seinen Herrn und Isaak sprang, und als Antwort auf die Worte des Prinzen ausrief: »Wahrhaftig, das will ich!« In demselben Augenblick zog er einen geräucherten Schweineschinken unter seinem Mantel hervor und hielt ihn dem Juden unter die Nase. Offenbar hatte er sich mit diesem Leckerbissen versehen, um während der langen Zeit des Turniers seinen Appetit zu stillen. Zugleich schwang der Possenreißer sein hölzernes Schwert um seinen Kopf, und der Jude, von Abscheu und Schreck zugleich ergriffen, purzelte die Stufen hinab, – ein trefflicher Spaß für die Zuschauer, die ein schallendes Gelächter erhoben, in das der Prinz und seine Begleiter einstimmten.

»Erkenne mir den Siegespreis zu, Vetter Prinz,« sagte Wamba; »ich habe meinen Feind in ehrlichem Kampfe mit Schild und Schwert besiegt.« Dabei schwang er den Schinken in der einen und das Schwert in der andern Hand.

»Wer und was bist Du, edler Kämpfer?« sagte immer noch lachend der Prinz.

»Ein Narr nach dem Rechte der Descendenz,« antwortete der Spaßvogel. »Ich bin nämlich Wamba, der Sohn des Witzlos, der ein Sohn war des Hammelhirn, der da war der Sohn eines Rathsherrn.«

»Macht Platz für den Juden vorn im untern Kreise,« sagte Prinz Johann, vielleicht nicht gerade erzürnt, daß er eine Entschuldigung gefunden, um von seinem ersten Vorhaben abzustehn; »den Besiegten neben den Sieger zu stellen, hieße die Heraldik verkehren.«

»Den Schelm über den Narren setzen, wäre noch schlimmer; am ärgsten aber, den Juden über den Schweineschinken placiren.«

»Gramercy, guter Bursch,« rief Prinz Johann; »Du gefällst mir – hier, Isaak, leihe mir eine Hand voll Byzantiner.«

Der Jude war über diese Forderung bestürzt, aber zu furchtsam sie zu verweigern, und sie doch ungern erfüllend, suchte er lange in der pelzbesetzten Tasche, überlegend, wie viel wohl eine Hand voll ausmachen könnte. Doch der Prinz beugte sich vom Pferde, und machte Isaaks Unentschlossenheit ein Ende, indem er selbst ihm die Tasche von der Seite riß, Wamba einige Goldstücke daraus zuwarf und dann seinen Weg um die Schranken fortsetzte. So überließ er den Juden dem Hohn seiner Umgebung und erntete dazu so viel Beifall von den Zuschauern, als wenn er die ehrenhafteste und ritterlichste That vollbracht hätte.