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Ivanhoe.  Walter Scott
Kapitel 43.
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So schwer sei Mowbrays Sünd' in seinem Busen,
Daß sie des schäum'gen Rosses Rücken bricht,
Und häuptlings in die Schranken wirft den Reiter!
Richard der Zweite.
(Grote'sche Shakespeare-Ausgabe. Bd. I, S. 120.)

Der Schauplatz unserer Geschichte wird nun wieder die Umgebung des Schlosses oder Präceptoriums von Templestowe, zur Zeit, wo die blutige Entscheidung um Rebekkas Leben und Tod fallen sollte. Es war ein Anblick des regsten Lebens, gleich als hätte die ganze Nachbarschaft ihre Einwohner zu einem ländlichen Feste ausgeströmt.

Die Augen eines großen Theils der Zuschauer waren auf das Thor des Präceptoriums gerichtet, um die Procession anzusehen, indeß ein noch größerer bereits den Turnierplatz umringt hatte. Dieser war auf einem Stück Land eingerichtet, das zu dem Präceptorium gehörte, und zu den kriegerischen und ritterlichen Uebungen, die hier vorgenommen werden sollten, sorgfältig geebnet worden. Er bildete die obere Fläche einer sanften Anhöhe, war rings mit einem Pfahlwerke umgeben, und da die Templer bei ihren ritterlichen Festen Zuschauer gern sahen, auch mit Gallerien und Bänken zur Bequemlichkeit der letzteren versehen.

Bei der gegenwärtigen Gelegenheit war am östlichen Ende ein Thron für den Großmeister errichtet und mit Ehrensitzen für die Präceptoren und Ritter des Ordens umgeben worden. Ueber denselben wehte die heilige Fahne, die den Namen Le beau séant, das Feldgeschrei der Templer, trug.

An dem entgegengesetzten Ende der Schranken war ein Haufen Reisholz um einen großen Pfahl gelegt, der fest im Boden steckte, so zwar, daß nur noch Platz übrig blieb für das Schlachtopfer, das an ihn gebunden, vom Feuer verzehrt werden sollte. An dem Pfahle selbst hingen Ketten, in denen es festgeschlossen wurde. Neben diesem Apparat des Todes standen vier schwarze Sklaven, deren afrikanische Farbe und Gesichter, damals in England nur wenig bekannt, die staunende Menge mit Schrecken erfüllten, indem sie auf dieselben wie auf böse Geister blickte, welche bei dem höllischen Werke gebraucht werden sollten. Diese Menschen regten sich nicht, außer zuweilen auf den Wink ihres scheinbaren Oberhaupts, um die herbeigeschafften Brennstoffe zu ordnen und zurecht zu legen. Sie schauten gar nicht auf die Menge hin, ja sie schienen überhaupt für nichts weiter Sinn zu haben, als für die Vollziehung dessen, was ihnen befohlen war. Und wenn sie, mit einander sprechend, ihre dicken Lippen öffneten und ihre weißen Zähne zeigten, konnten sich die Umstehenden kaum enthalten, dienstbare Geister in ihnen zu sehen, deren Umgang die Zauberin wirklich gepflegt habe, und die nun bereit wären, bei ihrer schrecklichen Strafe hilfreiche Hand zu leisten. Man flüsterte sich gegenseitig zu und erzählte sich alle die Thaten, welche der Satan während dieser kriegerischen und unglücklichen Periode vollbracht habe, wobei denn natürlich auf Rechnung des Teufels weit mehr gesetzt wurde, als ihm von Rechts wegen zukam.

»Habt Ihr nicht gehört, Vater Dennet,« sagte ein Bauer zu einem andern, der schon ziemlich bejahrt war, »daß der Teufel den großen sächsischen Than, den Athelstane von Coningsburgh, leibhaftig geholt hat?«

»Ja wohl, er hat ihn aber wiedergebracht, durch Gottes und des heiligen Dunstan Hilfe.«

»Wie ist das?« sagte ein junger munterer Bursch in einem grünen Rock, mit Gold gestickt, der einen anderen eben so rüstigen Gesellen mit einer Harfe auf dem Rücken hinter sich stehen hatte, wodurch sich der Beruf des ersten deutlich genug aussprach. Der Minstrel schien von nicht gemeinem Stande, denn außer dem Glanze seines reich gestickten Kleides trug er noch um seinen Hals eine silberne Kette, an welcher der Schlüssel hing, mit dem er seine Harfe zu stimmen pflegte. An seinem rechten Arme erblickte man ein silbernes Schild, das, statt wie gewöhnlich das Unterscheidungszeichen des Barons zu zeigen, zu dessen Familie er gehörte, bloß mit dem eingegrabenen Worte Sherwood bezeichnet war. »Was meint Ihr denn damit?« sagte der Minstrel, indem er sich in die Unterhaltung der Landleute mischte; »ich kam hieher, um einen Stoff für meine Balladen zu suchen, und bei unserer Frau, es sollte mich freuen, zwei zu finden.«

»Es ist ganz erwiesen,« sagte der ältere Landmann, »daß, nachdem Athelstane von Coningsburgh vier Wochen todt gewesen –«

»Das ist unmöglich,« versetzte der Minstrel, »ich sah ihn ja lebend bei dem Turnier zu Ashby de la Zouche –«

»Und doch war er todt, als todt weggetragen,« sagte der jüngere Landmann, »denn ich hörte ja die Mönche von St. Edmunds ihm die Todtenlieder singen; überdies gab es auch ein ansehnliches Fest und Trauermahl auf dem Schlosse Coningsburgh, und dahin bin ich auch gegangen, doch nur Mabel Parkins wegen« –

»Ja, ja, er war todt,« sagte der Alte, den Kopf schüttelnd, »und das war um so betrübender, als das alte sächsische Blut« –

»Eure Geschichte, eure Geschichte, ihr Herren,« sagte der Minstrel ungeduldig.

»Ja, ja, gebt uns doch die Geschichte,« sagte ein wohlbeleibter Mönch, der ihnen zur Seite stand und sich auf einen Knüttel stützte, der die Mitte hielt zwischen einem Pilgerstabe und einem Kampfstocke, und wahrscheinlich bei Gelegenheit auch zu beidem diente. »Eure Geschichte,« sagte der Mönch, »macht schnell, wir haben keine Zeit zu verlieren.«

»Wenn Ihr erlaubt,« begann der Landmann die Erzählung, »ein betrunkener Pfaff –«

»Ich erlaub Euch nicht, von einem betrunkenen Pfaffen zu reden,« antwortete der Mönch, »so etwas kommt nicht vor!«

»Ein heiliger Bruder also,« sagte Dennet, »besuchte den Sakristan in St. Edmunds – dieser Besuch war so eine Art Heckenpfaff, der wenigstens die Hälfte von dem gestohlenen Wilde jährlich erlegt –, und diese beiden frommen Pfaffen saßen zusammen beim Doppelbier, als der todte Athelstane plötzlich eintrat,« und hierauf erzählte er Athelstanes Auferstehung, wie sie die Leser schon kennen, die dem Minstrel Allan a Dale so gefiel, daß er sie in Reime zu bringen willens war, dem Mönch aber keineswegs behagte, denn er kam selbst darin vor, da er es gewesen, der sich mit dem Sakristan gütlich gethan, als Athelstane, mit den Ketten belastet, bei ihnen eingetreten war. Die in dem Leser früher vielleicht erwachte Vermuthung, daß dieser Mönch der Bruder Tuck gewesen oder der Eremit von Copmanhurst, bestätigte sich auch; denn er gab sich eben dem Minstrel zu erkennen, als die große Glocke auf der Kirche des heiligen Michael zu Templestowe ihre Unterhaltung unterbrach. Die Töne folgten so schnell auf einander, daß kaum einer verklungen war, als der andere schon erscholl, und das Echo keinen bestimmt wiederholen konnte. Alle Herzen wurden davon als dem Zeichen der bevorstehenden ernsten Feierlichkeit aufs tiefste ergriffen, und jedes Auge wandte sich nach dem Präceptorium, den Großmeister, den Kämpfer und die Angeklagte erwartend.

Endlich fiel die Zugbrücke; die Pforten öffneten sich, und es erschien ein Ritter mit der großen Ordensfahne; ihm voraus ritten sechs Trompeter, und sein Gefolge bildeten die Ritter, Präceptoren, zwei und zwei, der Großmeister zuletzt auf einem stattlichen Rosse, dessen Geschirr höchst einfach war. Ihm folgte unmittelbar Brian de Bois-Guilbert in glänzender Rüstung von Kopf bis zu Fuß, doch ohne Lanze, Schild und Schwert, die von seinen zwei Knappen nachgetragen wurden. Auf seinem Gesichte, das freilich zum Theil durch eine lange Feder beschattet war, las man einen Ausdruck von mancherlei heftigen Leidenschaften, unter denen Stolz und Unentschlossenheit besonders zu kämpfen schienen. Er sah gespenstisch bleich aus, als habe er mehrere Nächte nicht geschlafen; indeß lenkte er sein muthiges Roß mit der gewohnten Zierlichkeit und Geschicklichkeit. Sein Ansehen zeigte im Ganzen Größe und erweckte Ehrfurcht; nur wenn man genauer zusah, entdeckte man in seinen finstern Zügen etwas, von dem der Mensch gern den Blick abwendet.

Auf der einen Seite ritt Conrad von Mont-Fichet, auf der andern Albert von Malvoisin, die als Pathen des Kämpfers auftraten. Sie trugen ihre Friedenskleider, die weiße Ordenstracht. Hinter ihnen kamen andere Ritter des Tempels von niederem Range, mit einem langen Gefolge von Knappen und Pagen, in schwarzer Kleidung, sämmtlich Aspiranten an die Ehre, einst auch Ritter des Ordens zu werden. Auf diese Neophyten folgte eine Wache von Fußvolk, und unter ihnen erblickte man die bleiche Gestalt der Angeklagten, welche mit langsamen aber festen Schritten dem Schauplatze ihres Schicksals entgegenging. Sie war all ihres Schmuckes beraubt, damit nicht vielleicht ein Amulet darunter sein möchte, das, wie man glaubte, Satanas solchen Schlachtopfern zu geben pflegte, um ihnen auch unter der Tortur die Kraft zu verleihen, sich der Beichte zu erwehren. Statt ihres morgenländischen Gewandes trug sie ein weißes Kleid von der einfachsten Form; allein in ihrem Blicke lag eine solche Mischung von Muth und Ergebung, daß sie auch in diesem Anzuge, ohne jeden andern Schmuck als ihr langes, schwarzes Haar, allen Augen Thränen entlockte, und daß selbst die Bigottesten das Schicksal eines so herrlichen Geschöpfes bedauerten: in ein Gefäß des Zorns, in eine Sklavin des Teufels verwandelt worden zu sein.

Ein Haufe niederer Personen, welche zum Präceptorium gehörten, folgte dem Schlachtopfer, mit gefalteten Händen, den Blick zu Boden gerichtet, aber alle in der größten Ordnung.

Dieser Zug bewegte sich langsam nach der kleinen Erhöhung, auf der die Schranken sich befanden, und beim Eintritt in dieselben schritt man einmal in ihnen von der Rechten zur Linken herum, und hielt an, als der Kreis geschlossen war. Es entstand ein augenblickliches Geräusch, als der Großmeister und alle seine Begleiter, den Kämpfer und seine Pathen ausgenommen, von ihren Pferden stiegen, die dann sogleich durch die dazu bestellten Knappen aus den Schranken geführt wurden.

Die unglückliche Rebekka wurde zu dem schwarzen Stuhle geleitet, der dicht am Scheiterhaufen stand. Beim ersten Blicke auf diese furchtbare Stelle schauderte sie zusammen und schloß die Augen, indem sie wahrscheinlich innerlich betete, da ihre Lippen sich bewegten, ohne daß man ein Wort vernahm. Nach einer Minute öffnete sie jedoch die Augen wieder und blickte entschlossen auf den Holzstoß, gleich als wollte sie ihren Geist mit diesem Gegenstande vertraut machen; dann aber wandte sie langsam ihr Haupt abwärts.

Indessen hatte der Großmeister seinen Sitz eingenommen, und als die Ritterschaft seines Ordens hinter ihm sich niedergelassen hatte, jedes Glied nach seinem Range, verkündete eine lange und laute Fanfare, daß der Gerichtshof zum Spruche sitze. Malvoisin trat nun als des Kämpfers Pathe vor und legte den Handschuh der Jüdin als Pfand des Kampfes zu den Füßen des Großmeisters.

»Tapferer Herr und ehrwürdiger Vater,« sagte er, »hier steht der gute Ritter Brian de Bois-Guilbert, Präceptor des Templerordens, der sich durch Annahme des Pfandes, welches ich hier zu Eurer Hochwürden Füßen lege, verbunden hat, am heutigen Tage seine Pflicht als Kämpfer zu thun, und zu bewähren, daß dieses Judenmädchen, Namens Rebekka, das Urtheil von Rechts wegen verdient, welches in dem Kapitel des heiligen Ordens des Tempels von Jerusalem über sie gesprochen worden, und das sie zum Tode als Zauberin verdammt. – Hier steht er, sage ich, ritterlich und ehrenvoll den Kampf zu beginnen, wenn es so Euer heiliger Wille ist.«

»Hat er den Eid geleistet,« sagte der Großmeister, »daß sein Streit gerecht und ehrenvoll ist? Man bringe das Crucifix und das Allerheiligste her!«

»Hochwürdiger Herr und Vater!« versetzte Malvoisin schnell, »unser Bruder hat bereits die Wahrheit seiner Anklage in die Hand des guten Ritters Conrad von Mont-Fichet beschworen; anders darf er nicht vereidet werden, da seine Gegnerin eine Ungläubige ist und keinen Eid leisten kann.«

Dies Erklärung wurde zu Alberts großer Freude befriedigend gefunden; denn der schlaue Ritter hatte die Schwierigkeit oder vielmehr Unmöglichkeit vorausgesehen, Brian de Bois-Guilbert zu vermögen, einen solchen Eid im Angesichte der Versammlung zu leisten.

Nachdem der Großmeister Albert de Malvoisins Entschuldigung angenommen hatte, befahl er dem Herolde vorzutreten und seine Pflicht zu thun. Die Trompeten ertönten abermals, und ein vortretender Herold machte Folgendes bekannt: »Hört, hört, hört! Hier steht der gute Ritter Sir Brian de Bois-Guilbert, bereit, zu kämpfen mit jedem freigebornen Ritter, welcher den der Jüdin Rebekka zugestandenen und von ihr angenommenen Kampf bestehen will. Einem solchen Kämpfer bewilligt der tapfere und ehrwürdige, hier anwesende Großmeister freies Feld, gleiche Theilung von Sonne und Wind und was sonst zu einem rechtlichen Kampfe erforderlich.«

Die Trompeten erschollen von neuem, dann folgte eine Todtenstille von mehreren Minuten.

»Es erscheint kein Kämpfer für die Angeklagte,« sagte der Großmeister. »Geh, Herold, und frage sie, ob sie noch auf jemand wartet, der für sie in ihrer Sache fechten wird?« Der Herold begab sich zu dem Stuhle, auf welchem Rebekka saß, und Bois-Guilbert war eben so schnell als der Herold an Rebekkas Stuhle.

»Ist dies der Regel gemäß und dem Gesetze des Zweikampfes?« fragte Malvoisin, den Großmeister anblickend.

»Es ist es,« versetzte Beaumanoir; »denn in dieser Berufung auf das Urtheil Gottes können wir den Parteien nicht verbieten, diejenige Gemeinschaft mit einander zu haben, welche am geschicktesten ist, die Wahrheit ans Licht zu bringen.«

Unterdessen sprach der Herold zu Rebekka folgendermaßen: »Mädchen, der ehrwürdige und verehrte Großmeister fragt Dich, ob Du einen Kämpfer für Deine Sache hast, heute den Kampf zu beginnen, oder ob Du Dich als gerecht verurtheilt bekennst?«

»Sage dem Großmeister,« erwiderte Rebekka, »daß ich meine Unschuld behaupte und mich nicht für gerecht verurtheilt halten kann, wenn ich nicht an meinem eigenen Blute schuldig sein will. Sage ihm, daß ich einen solchen Aufschub fordere, wie ihn die Gesetze zu ertheilen erlauben, um zu sehen, ob nicht Gott, der seine Hilfe oft in der äußersten Gefahr kund gibt, auch mir einen Retter erwecken wird; ist dieser äußerste Zeitraum verflossen, dann geschehe sein heiligster Wille!«

Der Herold entfernte sich, um dem Großmeister diese Antwort zu überbringen.

»Gott verhüte,« sagte Lukas Beaumanoir, »daß Jude oder Heide uns der Ungerechtigkeit anklagen sollte! Bis die Schatten von Westen nach Osten reichen, wollen wir warten, ob ein Kämpfer erscheint für dieses unglückliche Weib. Ist der Tag so weit vorüber, dann laßt sie sich zum Tode bereiten.«

Der Herold verkündete diesen Ausspruch des Großmeisters der Unglücklichen, welche demuthsvoll ihr Haupt neigte, ihre Arme faltete und auf zum Himmel blickte, indem sie die Hilfe von oben zu erwarten schien, die sie sich von Menschen nicht mehr versprechen durfte. Während dieser schrecklichen Pause schlug die Stimme Bois-Guilberts an ihr Ohr – er lispelte zwar nur, allein dies Lispeln regte sie stärker auf, als die Worte des Herolds.

»Rebekka,« sagte der Templer, »hörst Du mich?«

»Ich habe keinen Theil an Dir, grausamer hartherziger Mann,« sagte das unglückliche Mädchen.

»Aber verstehst Du meine Worte?« sagte der Templer »denn der Klang meiner Stimme ist meinen eigenen Ohren furchtbar. Kaum weiß ich, auf welchem Boden wir stehen, und warum sie uns hieher gebracht haben. – Diese Schranken – dieser Stuhl – dieser Holzstoß – ich kenne wohl ihren Vorsatz und doch, scheint es mir Wirklichkeit? – Nein, nur das schreckliche Bild eines Traumes, der meine Sinne mit entsetzlichen Erscheinungen ängstigt, aber meinen Verstand nicht überzeugt.«

»Mein Geist und meine Sinne täuschen mich nicht,« versetzte Rebekka, »sie sagen mir, daß dieser Holzstoß bestimmt ist, meinen irdischen Körper zu verzehren, und mir einen schmerzlichen aber kurzen Uebergang zu einer bessern Welt zu bereiten.«

»Träume, Rebekka, Träume!« erwiderte der Templer, »eitle Trugbilder, verworfen von der Weisheit Eurer weiseren Sadducäer! Höre mich, Rebekka,« fuhr er mit Heftigkeit fort, »eine bessere Zuflucht für Leben und Freiheit bietet sich dar, als jene Buben sich träumen lassen. Steige hinter mir auf mein Roß, das beste, das je einen Reiter trug. Ich gewann es im Zweikampf mit dem Sultan von Trebizond; besteige es hinter mir, sage ich, und in einer kleinen Stunde sind wir aller Verfolgung und Nachsetzung entkommen! Eine neue Welt der Freude öffnet sich Dir; mir eine neue Laufbahn des Ruhms! Laß sie dann ein Urtheil sprechen, das ich verachte, und meinen heiligen Namen vertilgen aus dem Verzeichniß mönchischer Sklaven! Jeden Schandfleck, den sie auf mein Wappenschild zu werfen wagen, will ich mit Blut abwaschen.«

»Versucher,« sagte Rebekka, »entferne Dich! Auch nicht in dieser äußersten Gefahr sollst Du mich nur ein Haar breit von der Stelle bringen. Von Feinden umgeben, halte ich Dich doch für meinen schrecklichsten und verderblichsten – entferne Dich, im Namen Gottes!«

Albert Malvoisin, beunruhigt durch die lange Dauer der Uterredung, trat jetzt hinzu, um sie zu unterbrechen.

»Hat das Mädchen ihre Schuld anerkannt?« fragte er Bois-Guilbert, »oder beharrt sie entschlossen bei ihrem Leugnen?«

»Entschlossen ist sie,« sagte Bois-Guilbert.

»Dann,« sagte Malvoisin, »mußt Du, edler Bruder, Deinen Platz wieder einnehmen, um den Ausgang zu erwarten. Die Schatten wechseln auf der Scheibe des Sonnenzeigers! Komm, tapferer Guilbert, komm, unseres heiligen Ordens einzige Hoffnung und bald dessen Oberhaupt!«

Indem er dies mit besänftigendem Tone sprach, legte er die Hand an den Zügel des Rosses, gleich als wolle er den Ritter selbst zurückführen.

»Falscher Bube! Was willst Du mit der Hand an dem Zügel meines Rosses?« sagte Sir Brian sehr aufgebracht, und indem er des Gefährten Hand fortschleuderte, ritt er selbst an das unterste Ende der Schranken zurück.

»Es ist noch Kühnheit in ihm,« sagte Malvoisin leise zu Mont-Fichet, »wäre sie nur recht geleitet, aber gleich dem griechischen Feuer verbrennt sie alles, was ihr nahe kommt.«

Zwei Stunden waren die Richter nun schon in den Schranken und hatten umsonst auf das Erscheinen eines Kämpfers gewartet.

»Kein Wunder,« sagte Bruder Tuck, »da sie eine Jüdin ist; und doch, bei meinem Orden, es ist hart, daß ein so junges schönes Geschöpf umkommen soll, ohne daß ein Streich zu ihrer Rettung geführt wird, wäre sie auch zehnmal eine Hexe; wenn sie nur wenigstens eine Christin wäre, so sollte mein Kampfstock selbst auf der Stahlhaube des stolzen Templers tanzen, ehe die Sache zum Ende käme.«

Man glaubte nunmehr allgemein, daß niemand für eine der Zauberei beschuldigte Jüdin in die Schranken treten wolle, und die Ritter flüsterten bereits einander zu, daß es Zeit sei, Rebekka ihres Pfandes für verlustig zu erklären. In diesem Augenblicke erschien ein Ritter, der mit fliegender Eile dem Orte sich nahte, wo die Schranken standen. Hunderte von Stimmen riefen zugleich: »Ein Kämpfer! Ein Kämpfer!« und aller Vorurtheile spottend, begrüßte man ihn laut und freudig, als er in die Schranken einritt. Ein zweiter Blick auf ihn war jedoch hinreichend, die Hoffnung zu zerstören, welche sein Erscheinen erregt hatte. Denn sein Roß, das mehrere Meilen in höchster Eile zurückgelegt haben mochte, war ganz erschöpft, und der Reiter schien sich kaum im Sattel halten zu können.

Den Aufforderungen des Herolds, der ihn um Rang, Namen und Absicht fragte, antwortete der Fremde schnell und kühn: »Ich bin ein guter und edler Ritter, und hieher gekommen, um mit Schwert und Lanze den gerechten und gesetzmäßigen Streit dieses Mädchens Rebekka, Tochter Isaaks von York, auszufechten; zu behaupten, daß das gegen sie ausgesprochene Urtheil falsch und unwahr sei, und den Sir Brian de Bois-Guilbert als einen Verräther, Mörder und Lügner herauszufordern; das will ich auf diesem Platze mit meinem Körper gegen ihn beweisen, durch Hilfe Gottes, unserer Frau und des heiligen Georg.«

»Der Fremde,« sagte Malvoisin, »muß erst beweisen, daß er ein guter Ritter ist und von edler Abkunft; der Tempel sendet keinen Streiter gegen namenlose Männer.«

»Mein Name,« versetzte der Ritter und schlug das Visir auf, »ist vielleicht bekannter und meine Abkunft reiner als Deine eigene, Malvoisin! Ich bin Wilfred von Ivanhoe!«

»Mit Dir fechte ich nicht,« sagte der Templer mit ganz veränderter hohler Stimme. »Laß Deine Wunden erst heilen, suche Dir ein besseres Roß, dann werde ich es vielleicht meiner würdig finden, Deinen knabenhaften Muth zu züchtigen.«

»Ha, stolzer Templer,« sagte Ivanhoe, »hast Du vergessen, daß Du zweimal vor dieser Lanze am Boden lagst? Denke an die Schranken von Acre, denke an den Waffengang zu Ashby! Denke an Deine stolze Prahlerei in den Hallen von Rotherwood und die Verpfändung Deiner goldenen Kette gegen meine Reliquie, daß Du mit Ivanhoe kämpfen wolltest, um Deine verlorene Ehre zu retten! Bei dieser Reliquie schwöre ich, ich werde Dich, Templer, öffentlich und an jedem Hofe Europas, in jedem Präceptorium Deines Ordens als einen Feigling bezeichnen, wenn Du Dich nicht unverzüglich zum Kampfe stellst.«

Bois-Guilbert wandte sich unentschlossen nach Rebekka um, dann rief er mit einem stolzen Blick auf Ivanhoe: »Hund von einem Sachsen, ergreife Deine Lanze und bereite Dich zum Tode, den Du Dir selbst zugezogen hast!«

»Gestattet mir der Großmeister den Kampf?« fragte Ivanhoe.

»Ich kann Dein Begehren nicht weigern,« sagte dieser, »vorausgesetzt, daß das Mädchen Dich als ihren Kämpfer annimmt. Indeß wünschte ich, Du hättest eine bessere Veranlassung zum Kampfe. Ein Feind unseres Ordens bist Du zwar stets gewesen, dennoch möchte ich lieber auf eine andere Weise mit Dir zusammengekommen sein.«

»Es ist ein Gottesurtheil!« sagte Ivanhoe. »Gottes Schutze empfehle ich mich! Rebekka,« rief er, nun nach dem Stuhle hinreitend, »nimmst Du mich zu Deinem Kämpfer an?«

»Ja,« versetzte sie mit einer Bewegung, die selbst die Todesfurcht in ihr nicht hatte hervorbringen können, »ja, ich nehme Dich an als den Kämpfer, den der Himmel mir gesendet. Aber nein, – nein! Deine Wunden sind ja noch nicht geheilt! Kämpfe nicht mit dem stolzen Manne, warum solltest Du so untergehen?«

Ivanhoe stand jedoch schon auf dem Platze, hatte sein Visir geschlossen und seine Lanze ergriffen. Bois-Guilbert that dasselbe. Sein Knappe bemerkte, als er ihm das Visir schloß, daß sein Gesicht, das, aller Bewegungen ungeachtet, die sein Gemüth erschüttert hatten, den ganzen Morgen äußerst blaß gewesen war, jetzt plötzlich von einer dunkeln unheimlichen Röthe bedeckt wurde. Seine Augen rollten wie die eines Wahnsinnigen.

Als der Herold sah, daß sich jeder Kämpfer auf seinem Platze befand, ließ er seine Stimme erschallen und rief dreimal in normännisch-französischer Sprache: »Faites vos devoires, preux chevaliers!« Thut eure Pflicht, tapfre Ritter! Hierauf begab er sich auf eine Seite der Schranken und verkündete, daß niemand, bei Strafe augenblicklichen Todes, weder durch Wort und Ruf, noch durch Handlung sich in das Gefecht mischen oder dasselbe stören solle. Der Großmeister, der das Pfand des Kampfes, Rebekkas Handschuh, in der Hand hielt, warf es nun in die Schranken und ließ das bedeutende Wort als Zeichen erschallen: »Laissez aller!«

Die Trompeten schmetterten und die Ritter sprengten in vollem Lauf gegen einander. Ivanhoes erschöpftes Roß und sein nicht minder erschöpfter Reiter sanken, wie jedermann nicht anders erwartet hatte, vor der Lanze und dem kraftvollen Rosse des Templers zu Boden. Allein, obgleich Ivanhoes Lanze den Schild Bois-Guilberts kaum berührte, so wankte doch dieser Kämpfer, zum Entsetzen aller, die es sahen, im Sattel, verlor die Bügel und stürzte nieder. Todtenstille herrschte unter den Zuschauern.

Ivanhoe, der sich schnell unter dem gefallenen Rosse wieder emporgerafft, stand bereits aufrecht und hatte zum ferneren Kampfe das Schwert gezogen; aber sein furchtbarer Gegner stand nicht wieder auf. Wilfred setzte ihm den Fuß auf die Brust und die Spitze seines Schwertes an die Kehle, und befahl ihm, sich zu ergeben oder auf der Stelle zu sterben. Bois-Guilbert schwieg.

»Tödtet ihn nicht, Herr Ritter,« rief der Großmeister, »ohne Beichte und Absolution, tödtet nicht Seele und Leib zugleich. Wir erklären ihn für besiegt.«

Der Großmeister stieg in die Schranken hinab und befahl, dem besiegten Kämpfer den Helm abzunehmen. Seine Augen waren geschlossen, und die dunkle Röthe lag noch auf seinem Gesichte. Als nun alle mit Erstaunen ihn betrachteten, öffneten sich die Augen wieder, allein ihr Blick war stier und ausdruckslos. Die Röthe verschwand und Todesblässe trat an ihre Stelle. Unbeschädigt von der Lanze des Feindes war er gefallen, ein Opfer seiner eigenen unbezähmbaren Leidenschaften.

»Das ist ein wahrhaftes Gottesurtheil,« sagte der Großmeister, aufwärts blickend: »Fiat voluntas tua!«

»Ein Gottesurtheil, ein Gottesurtheil,« schrieen tausende von Kehlen auf einmal, und eben so viele Hände erhoben sich zum Zeichen des Kreuzes. Ein Herzschlag hatte dem Leben des Elenden ein Ende gemacht.