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Ivanhoe.  Walter Scott
Kapitel 39.
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O Maid, so kalt und mitleidslos,
Ich bin so stolz wie Du!
Seward.

In der Abenddämmerung des Tages, wo das Verhör stattgefunden hatte, wurde an Rebekkas Gefängnißthür ein leises Pochen gehört. Die Eingesperrte ließ sich in ihrer Abendandacht nicht stören, welche sie eben mit einer andächtigen Hymne auf den Gott Isaaks schloß. Als aber die Töne ihres Gesanges verklungen waren, ließ sich das Pochen an der Thür nochmals vernehmen.

»Tritt ein!« rief sie, »wenn Du ein Freund bist, und bist Du ein Feind, so habe ich nicht die Macht, Dir den Eintritt zu verwehren.«

»Ich bin Freund oder Feind, je nachdem unsere Unterredung ausfallen wird,« sagte Bois-Guilbert, der ins Zimmer trat.

Erschreckt durch den Anblick dieses Mannes, dessen ausschweifende Leidenschaft die Veranlassung zu ihrem Unglück war, zog sich Rebekka mehr vorsichtig als furchtsam in die äußerste Ecke des Gemaches zurück.

»Ihr habt keine Ursache mich zu fürchten, Rebekka,« sagte der Templer, »oder, wenn ich meine Worte genauer abwägen soll, Ihr habt wenigstens jetzt keine Ursache mich zu fürchten.«

»Ich fürchte Euch nicht, Herr Ritter,« versetzte Rebekka, obgleich ihr kurzer Athemzug den Heroismus ihrer Rede Lügen zu strafen schien; »mein Vertrauen ist stark, ich fürchte Dich nicht.«

»Ihr habt nicht Ursache dazu,« versetzte Bois-Guilbert ernst, meine früheren wahnsinnigen Versuche habt Ihr jetzt nicht zu fürchten! Ihr könnt mit Eurem Ruf die Wächter erreichen, über die ich keine Gewalt habe, und die zwar bestimmt sind, Euch zum Tode zu führen, aber doch nicht dulden würden, daß Euch jemand beleidigte, selbst ich nicht, auch wenn mein Wahnsinn mich dazu treiben sollte.

»Gott sei gelobt!« sagte die Jüdin, »der Tod ist die geringste meiner Befürchtungen in dieser Höhle des Unheils!«

»Ja,« sagte der Templer, »der Gedanke des Todes bemächtigt sich leicht eines muthigen Herzens, wenn der Tod schnell erreichbar ist. Wir verstehen beide für unsere Begriffe von Ehre zu sterben.«

»Unglücklicher Mann,« sagte Rebekka mit Würde, »Du schlägst Dein Leben in die Schanze für Grundsätze, deren Werth Dein eigenes Urtheil verwirft; die meinigen sind fest gegründet auf den Fels der Jahrtausende.«

»Still, Mädchen,« antwortete der Templer, »diese Reden führen zu nichts. Du sollst nicht eines raschen und leichten Todes sterben, wie das Elend ihn wählt und die Verzweiflung bewillkommt, sondern an langsamen, jammervollen, in die Länge gedehnten Qualen, wie die satanische Frömmelei sie passend hielt für das, was man Dein Verbrechen nennt.«

»Und soll dies mein Schicksal sein, wem verdanke ich es? Wer hat mich aus Selbstsucht und thierischer Begier hieher geschleppt?«

»Die unglückliche Wendung,« sagte der Templer, »ist nicht meine Schuld. Gern hätte ich Dich gegen jede Gefahr mit meiner eignen Brust geschützt, sowie ich sie einst mit Freuden den Pfeilen darbot, die Dein Leben bedrohten.«

»Wäre Deine Absicht gewesen, die Unschuld edelmüthig zu beschützen,« sagte Rebekka, »so würde ich Dir dafür gedankt haben; aber ich sage Dir, das Leben ist mir nichts werth um den Preis, den Du dafür fordern möchtest.«

»Halt ein mit Deinen Vorwürfen, Rebekka,« sagte der Templer; »ich habe meine eigene Ursache zum Kummer, und vertrage Deine Vorwürfe nicht.«

»Aber ist mein Tod nicht die Folge Eurer ungezähmten Leidenschaft?«

»Du irrst – Du irrst! Ich konnte die Ankunft des Großmeisters nicht ahnen, dieses rasenden und dummen Zeloten,« sagte Brian.

»Aber Ihr selbst habt über mich zu Gericht gesessen,« fuhr Rebekka fort; »Ihr selbst wollt mit Eurem Arm, Eurem Schwert meine Schuld beweisen.«

»Nur um Aufschub zu gewinnen, Rebekka. Kein Stamm begreift besser als der Deine, was es heißt, sich in die Zeit fügen.«

»Unselige Stunde,« rief Rebekka, »die meinem Volk diese Kunst lehrte! Doch Unglück beugt das Herz, wie das Feuer Stahl biegsam macht, und Völker, welche sich nicht mehr selbst regieren können und aufhören Bürger eines eigenen freien Staates zu sein, müssen sich freilich vor Fremden beugen; aber um wie viel größer ist euer Unrecht, wenn ihr Freien und Mächtigen euch bequemt, fremden Vorurtheilen zu schmeicheln, und zwar gegen eure eigene Ueberzeugung.«

»Deine Worte sind bitter, Rebekka,« sagte der Templer, indem er mit hastigen Schritten durchs Zimmer ging; »aber ich kam nicht hierher, um Vorwürfe mit Dir zu wechseln. Wisse, daß Bois-Guilbert keinem erschaffenen Manne nachgibt, wenn ihn nicht die Umstände zuweilen bestimmen, von seinem Plane abzuweichen. Sein Wille gleicht dem Gebirgsstrome, der zwar dem Felsen ausweicht, aber seinen Weg zum Ocean nicht verfehlt. Das Blatt, welches Dir den Wink gab, einen Kämpfer zu verlangen, von wem konntest Du glauben, daß es kommen könne, als von Bois-Guilbert? Bei wem sonst könntest Du eine solche Theilnahme erregt haben?«

»Ein kurzer Aufschub des drohenden Todes,« sagte Rebekka, »der mir wenig helfen kann; war dies alles, was Du für ein Mädchen thun konntest, auf deren Haupt Du Gram und Elend gehäuft, und die Du an den Rand des Grabes gebracht hast?«

»Nein, Mädchen,« erwiderte Bois-Guilbert, »das war nicht alles, was ich beabsichtigte. Wäre nicht der alte fanatische Geck und der Narr Goodalricke dazwischen gekommen, so wäre die Aufgabe des vertheidigenden Kämpfers nicht auf einen Präceptor, sondern auf ein simples Mitglied des Ordens gefallen. Dann wäre ich selbst – dies war mein Plan – beim Schalle der Trompeten als Dein Kämpfer in den Schranken erschienen, verkleidet als irrender Ritter, der Abenteuer aufsucht, um seine Lanze und sein Schwert zu bewähren. Hätte dann auch Lukas Beaumanoir nicht einen, sondern zwei oder drei der hier versammelten Brüder ausgewählt, ich hätte sie gewiß mit meiner einzigen Lanze aus dem Sattel geworfen. So, Rebekka, sollte Deine Unschuld erwiesen werden und von Deiner Dankbarkeit allein würde ich den Lohn des Sieges erwartet haben.«

»Eine leere Prahlerei, Herr Ritter,« sagte Rebekka. »Ihr nahmt meinen Handschuh an, und mein Kämpfer, wenn ein so verlassenes Geschöpf wie ich einen finden mag, muß sich Eurer Lanze in den Schranken stellen; und doch – doch wollt Ihr noch die Miene meines Freundes und Beschützers annehmen?«

»Ja, Deines Freundes und Beschützers,« versetzte der Templer sehr ernst; »ich will es noch jetzt sein! Doch vergiß nicht, mit welcher Gefahr oder vielmehr Gewißheit der Entehrung, und dann schilt mich nicht, wenn ich meine Bedingungen mache, ehe ich alles, was ich im Leben für theuer und werth geachtet habe, aufopfere, um das Leben eines Judenmädchens zu retten.«

»Sprich, ich verstehe Dich nicht,« sagte Rebekka.

»Nun denn,« sagte Bois-Guilbert, »so will ich so frei heraus reden, als je ein reuiger Sünder im Beichtstuhl zu seinem geistlichen Vater sprach. Rebekka, wenn ich nicht in den Schranken erscheine, verliere ich Ehre und Rang, und was das Element meines Lebens ist, die Achtung, in der ich bei meinen Brüdern stehe, und die Aussicht, einst an die hohe Stelle zu gelangen, die jetzt der bigotte und fanatische Lukas Beaumanoir einnimmt. Das ist mein Loos, wenn ich nicht gegen Dich in Waffen erscheine. Verwünscht sei Goodalricke, der mir diese Falle stellte, und doppelt verwünscht Albert von Malvoisin, der mich von dem Entschlusse abhielt, Deinen Handschuh dem abergläubischen alten Narren ins Gesicht zu werfen, der auf eine so alberne Klage gegen ein so hochgesinntes und reizendes Geschöpf, wie Du bist, hören konnte.«

»Wozu jetzt solche Schmeicheleien?« entgegnete Rebekka. »Du hast ja die Wahl getroffen, und willst lieber, daß ein unschuldiges Weib sein junges Leben aushauche, als Deinen eigenen irdischen Hoffnungen entsagen. Was hilfts, darüber noch weiter zu reden? Deine Wahl ist ja getroffen.«

»Nein, Rebekka,« sagte der Ritter in sanftem Tone, indem er ihr näher rückte, »meine Wahl ist keineswegs getroffen! Merke dirs, bei mir steht die Wahl. – Wenn ich in den Schranken erscheine, muß ich meinen Ruhm in den Waffen behaupten, und thue ich das, so stirbst Du, mit oder ohne Kämpfer, am Pfahl oder auf dem Holzstoß; denn es gibt keinen lebenden Ritter, der es mit mir aufnehmen könnte, als Richard Löwenherz und seinen Liebling Ivanhoe. Ivanhoe aber ist, wie Du wohl weißt, nicht im Stande, seine Rüstung zu tragen, und Richard im Ausland gefangen. Erscheine ich, so stirbst Du, gesetzt auch, Deine Reize entzündeten einen jungen Hitzkopf, zu Deiner Vertheidigung in den Schranken zu erscheinen.«

»Und wozu dient es, dies so oft zu erwähnen?« sagte Rebekka.

»Du sollst Dein Schicksal von jeder Seite kennen lernen,« versetzte der Templer.

»Nun, so wende denn das Blatt und zeige mir die andere Seite.«

»Ich habe Dir den ganzen Umfang meiner Aussichten, meiner Hoffnungen gezeigt,« fuhr Bois-Guilbert fort. »Aber ich zerstöre die Planke, die ich so hoch baute, daß sie den Bergen glich, auf denen die Giganten einst den Himmel zu ersteigen versuchten, und will diese Größe aufopfern, will diesem Ruhme entsagen, diese Macht vergessen, selbst jetzt, wo sie schon halb in meinen Händen liegt, sobald Du sagst: Bois-Guilbert, ich nehme Dich zu meinem Geliebten an!« Bei diesen Worten sank er zu ihren Füßen.

»Denkt doch nicht an solche Thorheit, Herr Ritter,« entgegnete Rebekka, »eilt lieber zu der Königin Mutter und zum Prinzen Johann; sie können um der Ehre ihrer Kronen willen das Verfahren Eures Großmeisters nicht billigen. So gewährt Ihr mir Schutz und es kostet Euch kein Opfer.«

»Mit jenen habe ich nichts zu schaffen,« fuhr er fort, indem er die Schleppe ihres Kleides faßte, »an Dich, an Dich allein wende ich mich. Was kann Deine Wahl noch aufhalten? Besinne Dich, wäre ich selbst Dein Feind, der Tod ist ein noch schlimmerer, und der Tod nur ist mein Nebenbuhler!«

»Ich mag diese Uebel nicht gegen einander abwägen,« sagte Rebekka, fürchtend, den Ritter zu erzürnen, und doch entschlossen, seine Leidenschaften auch nur scheinbar nicht zu dulden, »sei ein Mann! Sei ein Christ! Wenn Dein Glaube Dir wirklich Mitleid anempfiehlt, dann rette mich von diesem schrecklichen Tode, ohne eine Vergeltung zu suchen.«

»Nein, Mädchen,« sagte der Templer auffahrend, »so sollst Du mich nicht täuschen! Wenn ich dem jetzigen Ruhme und der künftigen Hoheit entsage, so geschieht es Deinetwegen, und wir entfliehen gemeinschaftlich! Höre mich, Rebekka,« sagte er wieder in sanfterem Tone, »England, Europa ist nicht die Welt! Es gibt Gegenden, wo wir leben und wirken können, groß genug für meinen Ehrgeiz! Wir gehen nach Palästina, wo Conrad, Marquis von Monserrat, mein Freund ist, frei wie ich selber von allen Bedenklichkeiten, welche eine freigeborne Vernunft in Fesseln legen; wir wollen uns lieber mit Saladin verbünden, als die Verachtung der Frömmler ertragen, die wir gering schätzen. Ich werde mir neue Bahnen zur Größe eröffnen,« fuhr er fort, indem er rasch durchs Zimmer ging, »Europa soll den lauten Schritt dessen vernehmen, den es aus seinen Grenzen vertrieben hat. Du sollst eine Königin werden, Rebekka! Auf dem Berge Karmel wollen wir Dir den Thron errichten, den meine Tapferkeit erringen wird, und ich will den lang ersehnten Stab mit dem Scepter vertauschen.«

»Ein Traum,« sagte Rebekka, »ein leeres Trugbild der Nacht, das, wenn es auch Wirklichkeit wäre, mich doch nicht reizen würde. Setzt keinen Preis auf meine Rettung, Herr Ritter, verkauft nicht eine Handlung der Großmuth, beschützt den Unterdrückten aus Menschenliebe und nicht um Eures Eigennutzes willen! Geht vor Englands Thron! Derselbe wird meine Berufung auf ihn nicht verwerfen und mich vor diesen grausamen Menschen schützen.«

»Nie, Rebekka,« sagte der Templer stolz; »wenn ich dem Orden entsage, thue ich es nur allein um Dich! Verschmähst Du meine Liebe, dann bleibt mir nichts als der Ehrgeiz.«

»Nun, so sei Gott mir gnädig!« sagte Rebekka; »denn auf menschliche Hilfe darf ich nicht mehr hoffen!«

»Du hast ganz Recht,« sagte der Templer, »denn Dein Stolz hat in mir seinen Mann gefunden. Wenn ich mit meiner Lanze in die Schranken trete, dann denke nicht, daß irgend eine menschlische Rücksicht mich hindern soll, meine ganze Kraft zu äußern; denke dann nur an Dein eigenes Schicksal – zu sterben den furchtbarsten Tod der niedrigsten Verbrecher, verzehrt zu werden auf einem brennenden Holzstoße, zerstreut zu werden in alle Elemente, woraus unsere Gestalt so geheimnißvoll zusammengesetzt ist, so daß nicht ein Stäubchen übrig bleibt von der anmuthsvollen Form, wovon wir sagen könnten, es lebte, es bewegte sich. Rebekka, solch eine Aussicht zu ertragen, ist dem Weibe nicht verliehen – Du wirst meinem Antrage nachgeben.«

»Bois-Guilbert,« versetzte Rebekka, »Du kennst entweder das weibliche Herz gar nicht, oder hast nur mit solchen Weibern Umgang gehabt, die ihre schönsten Gefühle verloren haben. Ich sage Dir, stolzer Templer, Du hast in Deinen gepriesensten Schlachten nicht mehr Muth entfaltet, als Weiber gezeigt haben, wenn sie aufgefordert wurden, aus Liebe oder Pflicht zu dulden. Ich selbst bin ein Weib, zart erzogen, von Natur Gefahren scheuend und Schmerzen fürchtend, und doch, wenn wir in die entscheidenden Schranken treten werden, Du um zu kämpfen, ich um zu leiden, dann wird, das fühle ich mit stolzer Zuversicht, mein Muth noch höher steigen als der Deine. Lebe wohl! Ich verschwende keine Worte mehr mit Dir! Die Zeit, welche der Tochter Jakobs auf Erden noch übrig bleibt, muß anders angewendet werden; sie muß den Tröster suchen, der sein Antlitz zwar vor seinem Volke verbergen mag, doch sein Ohr immer dem Rufe derer öffnet, welche ihn mit aufrichtigem Herzen suchen.«

»So müssen wir denn scheiden,« sagte der Templer nach einer kurzen Pause. »O, wollte doch der Himmel, wir hätten uns nie gesehen, oder Du wärest mir gleich an Geburt und Glauben! Ja, beim Himmel, wenn ich Dich so betrachte und bedenke, wie und wo wir uns wieder treffen sollen, dann könnte ich sogar wünschen, einer von Deiner entwürdigten Nation zu sein, wünschen, daß meine Hand sich mit Metallklumpen und Geldsäcken befaßte, statt mit Lanze und Schild, daß sich mein Haupt vor jedem kleinen Edelmanne beugte und mein Blick nur dem bankerotten Schuldner furchtbar wäre; dies könnte ich wünschen, Rebekka, um Dir im Leben nahe zu sein und den furchtbaren Antheil abzuwälzen, den ich an Deinem Tode nehmen soll.«

»Du sprichst von den Juden,« sagte Rebekka, »so wie sie die Verfolgung derer, die Dir gleichen, gemacht hat; der Himmel hat sie im Zorn aus ihrem Vaterlande vertrieben, allein ihr Fleiß hat ihnen den einzigen Weg zu Macht und Einfluß geöffnet, den ihnen die Unterdrückung noch frei gelassen. Lies die Geschichte des Volkes Gottes, und sage mir, ob diejenigen, durch welche Jehova solche Wunder unter den Heiden bewirkte, ein Volk von elenden Wucherern waren? Und wisse, stolzer Ritter, wir zählen Namen unter uns, gegen die euer gepriesener Adel wie Gras gegen die Ceder sich ausnimmt, Namen, welche zurückgehen bis auf jene großen Zeiten, wo die Allgegenwart Gottes den Gnadenstuhl zwischen den Cherubim beben machte, und welche ihren Glanz nicht ableiten von irdischen Fürsten, sondern von jener ehrfurchtgebietenden Stimme, welche ihre Väter in die Nähe des Lichtes rief – dies waren die Fürsten des Hauses Jakob.«

Rebekkas Wange färbte sich höher, als sie des alten Ruhmes ihres Stammes gedachte, erblaßte aber wieder, als sie seufzend hinzufügte: »Das waren die Fürsten Judas, jetzt sind sie es nicht mehr! – Niedergetreten sind sie worden, wie das abgemähte Gras, und vermischt mit dem Staube des Weges! Indessen finden sich noch welche unter ihnen, die ihrer hohen Abkunft keine Schande machen, und zu ihnen will die Tochter Isaaks, des Sohnes Adonicams, gehören! – Lebe wohl! Ich beneide Dich nicht um Deine mit Blut errungene Ehre, nicht um Deine barbarische Abkunft von den Heiden des Nordens, auch nicht um Deinen Glauben, der Dir zwar stets auf der Zunge, aber nicht im Herzen, noch weniger aber in Deinen Werken lebt.«

»Beim Himmel!« sagte Bois-Guilbert, »ich bin bezaubert. Ich glaube, Du redest die Wahrheit, und das Widerstreben, womit ich von Dir scheide, hat etwas Uebernatürliches. Schönes Wesen,« fuhr er fort, indem er sich ihr mit Verehrung näherte, »so jung, so reizend, so ohne Furcht vor dem Tode, und doch verdammt zu sterben, schimpflich und ohne Trost! – Wer sollte nicht um Dich weinen? Thränen, die zwanzig Jahre diesen Augen fremd waren, feuchten sie jetzt an. Doch es muß sein, nichts kann Dein Leben retten. – Du und ich, wir sind beide blinde Werkzeuge eines unwiderstehlichen Schicksals, welches uns treibt, wie der Sturm zwei Schiffe, die an einander stoßen und zu Grunde gehen. Vergib mir! Laß uns wenigstens als Freunde scheiden. – Umsonst habe ich Deine Entschlossenheit bestürmt, und die meinige ist fest wie die ehernen Tafeln des Schicksals!«

»In dieser Weise,« sagte Rebekka, »wälzen die Menschen die Folgen ihrer eigenen wilden Leidenschaften auf das Schicksal; doch ich verzeihe Dir, Bois-Guilbert, bist Du gleich die Ursache meines frühen Todes. Dein starkes Gemüth hat für etwas Höheres Sinn, aber es gleicht dem Garten des Trägen, wo das Unkraut überhand nimmt und die edleren Gewächse erstickt.«

»Ja, Rebekka,« sagte der Templer, »ich bin, wie Du gesagt hast, ungezähmt, roh und stolz; so habe ich unter dem Haufen eitler Thoren und bigotter Schwärmer jene hervorragende Kraft erhalten, die mich so weit über sie stellt. Ich bin ein Kind der Schlacht gewesen von Jugend an, hochstrebend in meinen Plänen, und fest und unerschütterlich bei Verfolgung derselben. So muß ich auch bleiben, stolz, unbeugsam und unwandelbar; die Welt soll Beweise davon haben. Aber Du vergibst mir, Rebekka?«

»Wie je ein Schlachtopfer seinem Henker vergab!«

»So lebe denn wohl.« – Mit diesen Worten verließ der Templer das Gemach. Der Präceptor Albert Malvoisin wartete ungeduldig im anstoßenden Zimmer auf ihn.

»Du bist lange geblieben,« sagte er. »Wenn nun der Großmeister oder Conrad, sein Spion, gekommen wäre? Ich hätte meine Nachsicht theuer bezahlen müssen. Aber was ist Dir, Bruder? Deine Tritte wanken, Deine Stirn ist finster wie die Nacht! Ist Dir nicht wohl?«

»O ja! so wohl, wie dem Unglücklichen, der in einer Stunde sterben soll. Beim Himmel, Malvoisin, das Mädchen hat mich fast bekehrt. Ich bin halb entschlossen, dem Großmeister den Orden ins Gesicht abzuschwören, und dann in ein fremdes Land zu fliehen, wohin Thorheit und Fanatismus noch nicht den Weg gefunden haben. Kein Blutstropfen dieses herrlichen Geschöpfes soll mit meiner Zustimmung vergossen werden.«

»Du kannst nicht fliehen,« sagte der Präceptor, »Du kannst Deinem Gelübde nicht entsagen. Entehrung ist in beiden Fällen Dein Loos. Und bedenke, wo sollten Deine alten Waffenbrüder ihr Antlitz bergen, wenn Bois-Guilbert, die beste Lanze des Tempels, als abgefallen erklärt würde? Welche Trauer am Hofe von Frankreich? Welche Freude würde der stolze Richard haben, dessen Ruhm Du in Palästina beinahe verdunkeltest?«

»Malvoisin,« sagte der Ritter, »ich danke Dir! Du hast eine Seite berührt, die schnell bei mir anspricht. Es komme, was da wolle, abtrünnig soll man mich nimmer heißen. Möchte doch Richard oder einer seiner gepriesenen Lieblinge in den Schranken erscheinen! Aber sie werden wohl leer bleiben; niemand wird es wagen, eine Lanze für die Unschuldige, die Verlorne zu brechen!«

»Desto besser für Dich; dann stirbt das Mädchen nicht durch Dich, und alle Schande fällt auf den Großmeister, der diese Schande ja für ein großes Lob hält.«

»Wohlan denn, ich kehre zu meinem ersten Entschlusse zurück. Sie hat mich verachtet, zurückgestoßen, erniedrigt. Malvoisin, ich erscheine in den Schranken!«

Er verließ eiligst das Zimmer nach diesen Worten, und der Präceptor folgte ihm, um ihn in seinem Entschlusse zu bestärken.