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Ivanhoe.  Walter Scott
Kapitel 37.
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Streng war die Vorschrift, die gebot zu meiden
Das fromme Mitleid bei des Nächsten Leiden;
Streng war die Vorschrift, die beim Lustgesange
Zu hemmen hieß das Lächeln auf der Wange,
Doch strenger lieh sie schnöder Tyrannei
Die Ruth' und sagte, daß von Gott sie sei.
Das Mittelalter.

Der Richtersitz, welcher zum Verhör der unschuldigen und unglücklichen Rebekka errichtet war, nahm den erhöhten aus dem Anfang dieser Erzählung bekannten Theil am obern Ende der großen Halle ein.

Auf einem hohen Sitze, der Angeklagten gerade gegenüber, saß der Großmeister des Tempelordens in blendend weißen Gewändern, den mystischen Stab mit dem Symbol des Ordens in der Hand haltend. Zu seinen Füßen stand ein Tisch, woran zwei Schreiber, Kaplane des Ordens, saßen, deren Geschäft es war, über die Vorgänge des Tages Protokoll zu führen. Die schwarzen Kleider, kahlen Köpfe und demüthigen Blicke dieser Geistlichen bildeten einen seltsamen Gegensatz zu dem kriegerischen Ansehen der anwesenden Ritter. Die Präceptoren, von denen vier gegenwärtig waren, nahmen niedrigere Sitze ein, die etwas hinter dem ihres Obern zurückstanden, während die Ritter, die keinen solchen Rang in dem Orden bekleideten, auf noch niedrigeren Bänken saßen und eben so weit von den Präceptoren entfernt waren, wie diese von dem Großmeister. Hinter diesen, aber noch auf der Erhöhung, standen die Ordensknappen in weißen Anzügen von gröberem Stoffe.

Die ganze Versammlung zeigte einen feierlichen Ernst, und auf den Gesichtern der Ritter konnte man Spuren von militärischer Kühnheit bemerken, vereint mit dem feierlichen Benehmen, welches Personen geistlichen Standes ziemte, und das in Gegenwart ihres Großmeisters zu zeigen sie nicht verfehlten.

Der übrige niedrigere Theil der Halle war von Trabanten und andern Dienstleuten besetzt, welche die Neugierde dorthin geführt hatte, um zugleich einen Großmeister und eine jüdische Zauberin zu sehen. Die meisten dieser untergeordneten Personen waren in ihrem verschiedenen Range mit dem Orden verbunden, und daher durch ihre schwarze Kleidung ausgezeichnet. Auch den Landleuten aus der Umgegend war der Zutritt nicht verweigert; denn es war Beaumanoirs Stolz, das erbauliche Schauspiel der Gerechtigkeit, die er ausübte, so öffentlich als möglich zu machen. Seine großen blauen Augen schienen sich zu vergrößern, als er sich in der Versammlung umsah, und sein Antlitz schien durch das Bewußtsein der Würde und des eingebildeten Verdienstes der Hand lung, die er auszuführen im Begriffe war, wie verklärt. Der Gesang eines Psalms, den er selber mit tiefer, voller Stimme begleitete, die das Alter nicht ihrer Kraft beraubt hatte, begann die Unterhandlungen des Tages, und die feierlichen Worte: Venite, exultemus Domino, welche die Templer so oft gesungen hatten, ehe sie den Kampf mit irdischen Gegnern begannen, waren von Lukas Beaumanoir höchst passend als Einleitung zu dem bevorstehenden Triumph über die Mächte der Finsterniß erachtet worden. Die tiefen, langgehaltenen Töne, von hundert männlichen Stimmen erhoben, welche gewohnt waren, sich zum Choralgesang zu vereinigen, stiegen zu der gewölbten Decke der Halle empor, und hallten unter ihren Bogen fort mit dem angenehmen aber feierlichen Schalle des Rauschens mächtiger Gewässer.

Als die Töne schwiegen, sah sich der Großmeister langsam im Kreise um und bemerkte, daß der Sitz eines der Präceptoren leer war. Brian de Bois-Guilbert, welcher ihn vorher eingenommen, hatte seinen Platz verlassen und stand jetzt am äußersten Ende einer von den Bänken, welche die Tempelritter einnahmen, die eine Hand erhob seinen Mantel, so daß er damit zum Theil sein Gesicht bedeckte, während die andere sein Schwert mit dem Kreuzgriff hielt und langsam mit der Spitze desselben, ohne es aus der Scheide zu ziehen, Linien auf dem eichenen Fußboden beschrieb.

»Unglücklicher Mann!« sagte der Großmeister, nachdem er ihn mit einem Blick des Mitleids betrachtet hatte. »Du siehst, Conrad, wie dieses heilige Werk ihm zuwider ist. Dahin kann der leichtfertige Blick eines Weibes, von dem Fürsten dieser Welt unterstützt, einen tapfern und würdigen Ritter bringen! Siehst Du wohl, er kann uns nicht anschauen, er kann sie nicht anblicken; und wer weiß, durch welchen Einfluß, von seinem Quäler bestimmt, er jene cabbalistischen Linien auf den Boden zeichnet? – Vielleicht wird auf diese Weise auf unser Leben und unsere Sicherheit abgezielt, doch wir speien ihn an und trotzen dem bösen Feinde. Semper leo percutiatur!«

Dies sprach er insgeheim mit seinem Vertrauten Conrad Mont-Fichet. Dann erhob der Großmeister seine Stimme und redete die Versammlung an.

»Ehrwürdige und tapfere Männer, Ritter und Präceptoren des heiligen Ordens, meine Brüder und meine Kinder! – Auch ihr frei geborne und fromme Knappen, die ihr nach der Ehre strebt, dieses heilige Kreuz zu tragen! – Und auch ihr, christliche Brüder jeden Standes und Ranges! – Es sei euch kundgethan, daß es keineswegs Mangel an eigner Macht ist, was uns veranlaßt hat, diese Versammlung zu berufen. Denn wie unwürdig auch unsere Person sein mag, so ist uns mit diesem Stabe dennoch übertragen worden die volle Gewalt zu urtheilen und zu richten alles, was unseres heiligen Ordens Wohl angeht.

Wir haben demnach ein jüdisches Weib vor unsern Stuhl fordern lassen, mit Namen Rebekka, die Tochter des Isaak von York – ein Weib, berüchtigt wegen Zaubereien und Teufelswerk, wodurch sie das Blut in Aufruhr gebracht und das Hirn verwirrt nicht eines Bauern, sondern eines Ritters – nicht eines weltlichen Ritters, sondern eines Templers – nicht eines einfachen Ordensgliedes, sondern eines Präceptors, also eines der ersten an Rang und Würde.

Unser Bruder Brian de Bois-Guilbert ist uns selbst und allen, die unsre Worte jetzt vernehmen, bekannt als ein treuer und eifriger Streiter des Kreuzes, dessen Arm viel tapfere Thaten im heiligen Lande vollbracht, und die heiligen Orte durch den Tod vieler Ungläubigen von der Verunreinigung durch sie gesäubert hat. Wie seine Tapferkeit und Disciplin, ist auch unseres Bruders Klugheit sowie sein Scharfsinn allen seinen Brüdern sehr wohl bekannt. Nun aber, wenn uns gemeldet wird, daß ein so geehrter und ehrenwerther Mann seines Charakters und seines Gelübdes so plötzlich vergessen konnte, um sich mit einem Judenmädchen zu verbinden, und in dieser schlechten Gesellschaft einsame Orte zu durchwandern, ihre Person mit Gefahr seiner eignen zu vertheidigen; wenn uns erzählt wird, daß er so weit verblendet und verführt wurde, dieses Mädchen sogar in eins unserer Präceptorien zu bringen, – was können wir dann anders behaupten, als daß der edle Ritter von einem bösen Geiste besessen war, oder von irgend einem schrecklichen Zauber beherrscht wurde. Wäre es anders, so müßte Bois-Guilbert gänzlich ausgestoßen werden aus unserer Verbindung, und wäre er die rechte Hand oder das rechte Auge derselben. Auferte malum ex vobis, sagt der heilige Text, und darnach müssen wir handeln.«

Er schwieg. Ein leises Murmeln ging durch die Versammlung.

Hatten einige, die den wahren Hergang kannten, bei der Stelle vom »schrecklichen Zauber« zu lächeln angefangen, so horchte man jetzt gespannt auf, als der Großmeister fortfuhr:

»Wenn der Satan durch Zaubermittel und Sprüche über den Ritter Gewalt erlangt hat, so sind wir mehr geneigt seine Schwäche zu beklagen als zu bestrafen; und indem wir ihm eine Buße auferlegen, durch die er sich von seiner Sünde reinigen kann, wenden wir die ganze Schärfe unseres Unwillens auf das verfluchte Werkzeug, das solch einen Abfall bewirkt hat. Ihr also, die ihr von diesen unseligen Vergehungen Kenntniß habt, tretet vor, daß wir nach der Menge und Schwere derselben urtheilen, ob unsere Gerechtigkeit sich durch Bestrafung dieses ungläubigen Geschöpfes befriedigen lasse.«

Es wurden nun verschiedene Zeugen aufgerufen, um zu bestätigen, welchen Gefahren Bois-Guilbert sich ausgesetzt habe, um Rebekka aus dem brennenden Schlosse zu retten, wie er seine eigne Person ausgesetzt und ungeschützt gelassen, um nur sie zu sichern.

Die Leute erzählten alles mit der Uebertreibung, die dem gemeinen Manne eigen ist, wenn er durch etwas Ungewöhnliches aufgeregt wird. Es kam dazu, daß die Neigung dieser Leute zum Wunderbaren neue Nahrung erhielt, als sie bemerkten, daß ihr Zeugniß dem hochgestellten Manne sehr zu behagen schien, weil es seine eignen Voraussetzungen in so eminenter Weise bestätigte.

Die Aufopferung des Ritters bei Rebekkas Vertheidigung wurde nicht nur als alle Grenzen der Klugheit überschreitend dargestellt, sondern man behauptete, sie sei selbst über das höchste Maß ritterlicher Galanterie hinausgegangen.

Nun wurde der Präceptor von Tempelstowe aufgefordert, zu beschreiben, unter welchen Umständen Bois-Guilbert und die Jüdin im Präceptorio angekommen seien. Malvoisins Zeugenaussage war geschickt und behutsam. Allem Anscheine nach bemühte er sich, Bois-Guilberts Gefühle zu schonen; dennoch ließ er während seiner Rede bisweilen Winke fallen, die direkt andeuteten, daß jener nicht selten an Geistesabwesenheit laborire, weshalb er auch so über die Maßen in das mitgebrachte Mädchen verliebt gewesen sei. Mit schweren Seufzern der Reue und Zerknirschung gestand der Präceptor sodann, daß er Rebekka und ihrem Liebhaber im Präceptorio eine Zufluchtsstätte eingeräumt habe.

»Aber meine Vertheidigung,« fuhr er fort, »habe ich bereits in dem Bekenntnisse geführt, das ich dem ehrwürdigen Vater, unserm Großmeister, vorher abgelegt; er weiß, daß meine Beweggründe nicht schlecht waren, wenn mein Benehmen auch nicht der Ordensregel entsprach. Ich unterwerfe mich bereitwillig der Buße, die über mich verhängt wird.«

»Wohl gesprochen, Bruder Albert,« sagte Beaumanoir. »Dreizehn Paternoster sind von unserm frommen Stifter für die Morgenandacht und neun für die Vespern bestimmt; diese Andachten magst Du verdoppeln. Dreimal wöchentlich ist den Templern der Genuß des Fleisches gestattet; doch Du sollst Dich desselben die ganze Woche hindurch enthalten. Thust Du dies sechs Wochen lang, so ist Deine Buße vollendet.«

Mit einem heuchlerischen Blicke tiefster Unterwürfigkeit verbeugte sich der Präceptor von Tempelstowe vor seinem Obern und nahm seinen Sitz wieder ein.

Der Großmeister schlug jetzt vor, die schöne Zauberin selbst zu inquiriren, aber Hermann von Goodalricke, der vierte Präceptor, erhob sich. Er war ein altgedienter Kriegsmann, dessen Antlitz mit mancher viel erzählenden Narbe von türkischen Säbeln gezeichnet war. Nachdem er sich vor dem Großmeister verbeugt, hub er an:

»Ich möchte wohl, verehrter Vater, vorher von unserm tapfern Bruder Bois-Guilbert selbst vernehmen, was er zu diesen wunderbaren Anklagen sagt, und mit welchen Augen er jetzt seinen unseligen Umgang mit dem Judenmädchen ansieht.«

»Brian de Bois-Guilbert,« sagte der Großmeister, »Du hörst die Frage, die unser Bruder von Goodalricke von Dir beantwortet wünscht. Ich befehle Dir, ihm zu antworten.«

Bei dieser Anrede wandte Brian sein Antlitz fest dem Großmeister zu und – schwieg.

»Er ist von einem stummen Teufel besessen,« sagte der Großmeister. »Hebe dich hinweg, Satanas! Sprich Du, Brian de Bois-Guilbert, ich beschwöre Dich bei diesem Symbole unseres heiligen Ordens!«

Mit Mühe unterdrückte Bois-Guilbert seine Verachtung und seinen Unwillen, aber er sprach fest und allen vernehmlich:

»Brian de Bois-Guilbert antwortet nicht auf so unbestimmte und rohe Beschuldigungen. Ist jedoch seine Ehre gefährdet, so wird er sie mit seinem Leben und seinem Schwerte zu behaupten wissen, welches so oft für das Christenthum gekämpft hat.«

»Daß Du Deine Tapferkeit vor uns gerühmt hast, Bruder Brian,« sagte der Großmeister, »und daß Du Deine eignen Verdienste preisend hervorhebst, rührt vom Teufel her, der uns stets versucht; darum verzeihen wir Dir.«

Aus Bois-Guilberts dunklen, stolzen Augen flammte von neuem ein Blick voll Verachtung und Unwillen – aber er erwiderte kein Wort.

»Und nun,« fuhr der Großmeister fort, »da die Frage unseres Bruders von Goodalricke so unvollkommen beantwortet wurde, setzen wir unsere Untersuchung fort, liebe Brüder, und suchen mit unseres Schutzpatrons Hilfe dem boshaften Treiben auf den Grund zu kommen. Lasset nun diejenigen vor uns erscheinen, die noch etwas über das Leben und die Gespräche dieser Jüdin auszusagen haben.«

Es entstand eine unruhige Bewegung im untern Theile der Halle, und als der Großmeister nach der Ursache fragte, erfuhr er, daß sich im Haufen ein Mann befinde, der jüngst noch bettlägrig gewesen sei, und von der Gefangenen durch einen wunderthätigen Balsam wiederum in den vollkommenen Gebrauch seiner Gliedmaßen gesetzt worden sei.

Der arme Mann, natürlich ein Sachse von Geburt, wurde vor die Schranken geschleppt, und war in großer Furcht vor den Strafen, die er sich zugezogen, weil er die Befreiung von seiner Lähmung den Mitteln einer Jüdin verdankte. Er war indeß keineswegs vollständig geheilt, sondern mußte sich immer noch auf Krücken fortbewegen. Er legte sein Zeugniß offenbar ungern ab; denn es war mit vielen Thränen begleitet. Er sagte aus, daß er zu York gewohnt und für den Juden Isaak als Tischler gearbeitet habe; daß ihn eine plötzliche lähmende Krankheit genöthigt, das Bett zu hüten, und er durch die unter Rebekkas Anleitung gebrauchten Mittel, namentlich aber durch einen wärmenden und stärkenden Balsam, wieder zum Gebrauch seiner Kräfte und Gliedmaßen gelangt sei. Sie habe ihm außerdem ein Gefäß mit jener köstlichen Salbe geschenkt und dazu ein Stück Geld, um ihm die Rückkehr in sein väterliches Haus bei Tempelstowe zu erleichtern. »Und,« setzte der arme Mann hinzu, »mit Euer Ehrwürden Erlaubniß, ich kann nicht glauben, daß das Mädchen damit etwas Böses gegen mich im Sinne gehabt hat, obwohl sie so unglücklich ist, eine Jüdin zu sein; denn selbst wenn ich ihre Mittel brauchte, so betete ich mein Paternoster und Credo, und trotzdem wirkte es trefflich.«

»Schweig, Sklave!« sagte der Großmeister, »und entferne Dich! So rohen Seelen wie Dir mag es wohl anstehen, sich höllischen Kuren zu unterwerfen und Söhnen des Unglaubens ihre Arbeiten zu widmen. Ich aber sage Dir, der böse Feind kann Krankheiten er zeugen, bloß in der Absicht sie zu heilen, und dadurch den Glauben an die Heilkunst der Hölle zu begründen. Hast Du die Salbe noch, von der Du gesprochen?«

Mit bebender Hand suchte der Mann in seinem Bußen und zog eine kleine Büchse hervor, deren Deckel mit hebräischen Buchstaben gezeichnet war, was für die Versammelten ein sicherer Beweis war, daß sie der höllischen Apotheke entstammte. Beaumanoir nahm, nachdem er sich bekreuzt, die Büchse in die Hand, und übersetzte mit leichter Mühe das Motto: »Er hat überwunden, der Löwe aus dem Stamme Juda«. »Wunderbare Macht des Satans,« rief er aus, »der die heilige Schrift selbst zur Gotteslästerung macht, indem er Gift mit gesunder Nahrung vermischt! Ist denn kein Heilkundiger hier, der uns sagen könnte, woran diese Salbe eigentlich besteht?«

Zwei Aerzte, wie sie sich selbst nannten, und von denen der eine ein Mönch, der andre ein Barbier war, erschienen, und bekannten, daß sie zwar keine von den Ingredienzien kennten, daß die Mischung aber nach Myrrhen und Camphor röche, die sie für morgenländische Kräuter hielten.

Aber mit dem richtigen Brodneide gegen einen glücklichen Praktikanten ihres eignen Gewerbs gaben sie geflissentlich zu verstehn, daß die Arznei noth wendig aus unerlaubten und magischen Mitteln bestehen müsse, da sie ihre eigne Kenntniß übersteige.

Als die medicinische Untersuchung beendigt war, begehrte der Sachse demüthigst seine Arznei zurück; der Großmeister aber machte zu diesem Gesuche ein sehr saures Gesicht.

»Wie heißest Du, Kerl?« fragte er den Gelähmten.

»Higg, der Sohn Snells,« antwortete dieser.

»Nun, Sohn Snells,« sagte der Großmeister, »so wisse denn, daß es besser ist, bettlägerig zu sein, als die Wohlthaten von Ungläubigen anzunehmen, durch ihre Medicin aufstehn und gehen zu können. Es ist besser, die Ungläubigen ihrer Schätze zu berauben, als Wohlthaten von ihnen zu empfangen, oder ihnen um Lohn zu dienen. Geh und thue, wie ich Dir gesagt habe.«

Higg, der Sohn Snells, zog sich in den Haufen zurück; da er aber an dem Geschick seiner Wohlthäterin innigen Antheil nahm, so verweilte er, bis er ihre Verurtheilung vernähme, selbst auf die Gefahr hin, dem Blicke des gestrengen Richters nochmals zu begegnen.

Nunmehr befahl der Großmeister Rebekka, sich zu entschleiern. Zum ersten Male öffnete sie ihre Lippen, und sagte ruhig aber mit Würde, es sei nicht Sitte der Töchter ihres Volkes ihr Antlitz zu entschleiern in einer Versammlung von fremden Männern. Der sanfte Ton ihrer Stimme und die Milde ihrer Antwort erweckten in der Versammlung entschieden Mitleid und Theilnahme. Allein Beaumanoir, dem die Unterdrückung jedes Gefühls von Menschlichkeit ein Verdienst schien, sobald es seiner vermeintlichen Pflicht widersprach, wiederholte den Befehl, daß sein Opfer entschleiert werden sollte.

Die Wachen waren eben im Begriff, ihr den Schleier vom Gesicht zu reißen, als sie vor den Großmeister trat, und sagte: »Um der Liebe willen, die ihr selbst für eure Töchter hegt, – doch,« fuhr sie, sich besinnend, fort – »ihr habt ja keine Kinder – nun, bei dem Andenken an eure Mütter, bei der Liebe zu euren Schwestern und aller weiblichen Schicklichkeit beschwöre ich euch, laßt mich nicht also in eurer Gegenwart behandeln. Ich will euch gehorchen,« fügte sie mit dem Ausdruck duldenden Kummers hinzu, der selbst Beaumanoirs Herz beinahe weich gestimmt hätte, »ihr seid die Aeltesten unter eurem Volke, und auf euren Befehl will ich das Gesicht eines unglücklichen Mädchens den Blicken preisgeben.«

Sie schlug den Schleier zurück, und blickte sie mit einem Ausdruck an, in dem sich Verschämtheit mit Würde vereinigte. Ihre ungemeine Schönheit veranlaßte ein Gemurmel des Erstaunens, und die jüngeren Ritter sagten es sich durch wohlverstandene Blicke, daß Brians beste Vertheidigung in der natürlichen Macht ihrer Schönheit und nicht in eingebildeter Hexerei liege. Am tiefsten fühlte Higg, der Sohn Snells, die Wirkung, welche ihr Anblick auf ihn hervorbrachte. »Laßt mich hinweg!« rief er den Trabanten zu, die an der Thür der Halle standen, »laßt mich hinweg, – es tödtet mich, sie wieder anzusehen, denn ich habe einen Theil an ihrer Ermordung.«

»Sei ruhig, armer Mann,« sagte Rebekka, als sie seinen Ausruf vernahm, »Du hast mir durch Deine Entdeckung der Wahrheit kein Leid zugefügt, Du vermagst mir mit Wehklagen und Jammern nicht zu helfen. Ich bitte Dich ruhig zu sein und Dich selbst in Sicherheit zu bringen.« Die Trabanten wollten Higg aus Mitleid hinausstoßen; denn sie fürchteten, sein Jammern möchte ihnen Vorwürfe und ihm Strafe zuziehn. Er versprach indessen stille zu sein, und so durfte er bleiben.

Nunmehr wurden die beiden Panzerreiter vorgerufen, mit denen Albert Malvoisin nicht verfehlt hatte, sich über die Wichtigkeit ihrer Aussagen zu verständigen.

Nach einer längeren Reihe unwesentlicher Belastungen behauptete einer der beiden gesehen zu haben, daß sie eine Kur an einem Verwundeten, der von ihnen nach Torquilstone gebracht worden sei, verrichtet habe. »Sie machte,« sagte er, »verschiedene Zeichen über die Wunde und sprach gewisse geheimnißvolle Worte aus, die ich, Gott sei Dank, nicht verstand. Auf einmal löste sich die Eisenspitze eines Armbrustbolzens von selbst aus der Wunde, das Blut hörte auf, die Wunde schloß sich, und der Sterbende vermochte in einer Viertelstunde auf den Wall zu gehen und mich bei Bedienung einer Maschine zu unterstützen, mit welcher Steine hinabgerollt wurden.«

Wahrscheinlich gründete diese Angabe sich auf die Thatsache, daß Rebekka den verwundeten Ivanhoe zu Torquilstone gepflegt hatte. Die Aussage des Zeugen zu bezweifeln wurde um so schwerer, da er eine Bolzenspitze als Beglaubigungszeichen aus seinem Busen nahm, von der er behauptete, daß es dieselbe sei, die sich aus der Wunde gelöst hätte. Da das Eisen eine volle Unze wog, so bestätigte es vollkommen die Wahrheit der wunderbaren Erzählung.

Der andere Soldat war auf einer nahen Bastion Zeuge gewesen von der Scene zwischen Rebekka und Bois-Guilbert, als sie auf dem Punkte stand, sich von der Thurmzinne hinabzustürzen. Um in Anbetracht des Wunderbaren nicht hinter seinem Kameraden zurückzubleiben, sondern ihn wo möglich noch zu übertreffen, erzählte dieser Bursche, er habe gesehen, wie sich Rebekka auf den Rand der Zinne gestellt, hier die Gestalt eines milchweißen Schwanes angenommen und in dieser Verwandlung dreimal das Schloß Torquilstone umkreist habe. Dann habe sie sich wieder auf dem Thurme niedergelassen, und ihre weibliche Gestalt wieder angenommen.

Für ein armes und häßliches Weib, auch wenn sie keine Jüdin gewesen wäre, hätte die Hälfte dieser Beweise schon zur Verdammung hingereicht. Rebekkas Jugend und Schönheit vermochte sie darum vor der Gesammtheit der Belastungsbeweise nicht zu schützen.

Der Großmeister hatte schnell die Stimmen gesammelt, und fragte Rebekka in feierlichem Tone, was sie gegen das Verdammungsurtheil, das er auszusprechen habe, etwa noch einwenden könne?

Das holdselige Mädchen sagte mit bebender Stimme: »Euer Mitleid anzuflehen, würde eben so nutzlos sein, als es mir zu niedrig ist, es zu thun. Wenn ich anführte, daß Kranke und Verwundete eines andern Religionsbekenntnisses zu heilen, dem beiderseitigen Stifter unseres Glaubens unmöglich mißfällig sein könnte, so würde mir das auch nicht helfen; führte ich an, daß das, was diese Männer, denen der Himmel verzeihen mag, gegen mich gesprochen haben, zum Theil ganz unmöglich und wider die Naturgesetze ist, so würde mir das gleichfalls wenig nützen, da ihr alle an den Glauben von Wundern gewöhnt seid, eure Religion von euch sogar den Glauben an Wunder ausdrücklich verlangt. Eben so wenig mag ich mich auf Kosten meines Verfolgers vertheidigen, der dort steht und den Erfindungen und Behauptungen lauscht, die ihn freisprechen und den Tyrannen zum unschuldigen Opfer umwandeln. Der Allmächtige richte zwischen ihm und mir! Lieber wollte ich mich zehn solchen Todesmartern unterwerfen, wie ihr sie für mich aussinnen werdet, als einem Gericht, einem Urtheil zuhören, wie dieser Mann, dieser Ritter – es über mich die Freund- und Vertheidigungslose und – seine Gefangene gebracht hat. Aber er ist ja eures Glaubens, und die geringste Versicherung seinerseits würde meine heiligsten Betheuerungen aufwiegen, da ich eine Jüdin bin. Was gegen mich vorgebracht wird, will ich nicht auf ihn zurückwälzen; aber an ihn selbst will ich mich wenden. – Ja, Brian de Bois-Guilbert, an Dich appellire ich und frage, ob diese Anklagen nicht falsch sind? Ob sie nicht eben so ungeheuerlich und verleumderisch sind, als meinem Leben bedrohlich?«

Es entstand eine Pause. Aller Augen richteten sich auf Bois-Guilbert. – – – – Er schwieg.

»Sprich,« sagte sie, »wenn Du ein Mann bist! Wenn Du ein Christ bist, sprich! – Ich beschwöre Dich bei dem Kleide, das Du trägst, bei dem Namen, den Du geerbt hast, bei dem Ritterthum, auf das Du stolz bist – bei der Ehre Deiner Mutter, bei dem Grabe und den Gebeinen Deines Vaters! Sag, ich beschwöre Dich – sind diese Dinge der Wahrheit gemäß?«

»Antworte ihr, Bruder,« sagte der Großmeister, »wenn der böse Feind, mit dem Du ringst, Dir so viel Kraft läßt!«

In der That schien Bois-Guilbert von streitenden Leidenschaften bewegt. Mit verzerrten Zügen und von innerem Kampfe halb erstickter Stimme rief er endlich: »Das Blatt – das Blatt!« wobei er Rebekka anblickte.

»Ei, dies ist in der That ein Zeugniß,« sagte Beaumanoir. »Das Opfer ihrer Zauberkunst vermag nur den Namen des verruchten Blattes auszusprechen; die darauf geschriebenen Zaubersprüche sind sicherlich die Ursache seiner Stummheit.«

Rebekka jedoch deutete die dem Templer gewissermaßen abgenöthigten Worte anders. Sie heftete jetzt zum ersten Male ihr Auge auf das ihr beim Eintritt zugesteckte Pergamentstreifchen, und überzeugte sich, daß in arabischer Schrift die Worte darauf standen: »Fordere einen Kämpfer!« Nachdem sie gelesen, vernichtete sie den Zettel, ohne daß einer der Anwesenden es bemerkte. Als sich die Aufregung im Saale gelegt hatte, begann der Großmeister von neuem:

»Rebekka, Du kannst aus dem Zeugnisse des unglücklichen Ritters, über den, wie wir gar wohl bemerken, der böse Feind noch zu viel Macht hat, keinen Vortheil ziehn. Hast Du also noch etwas vorzubringen?«

»Ich habe nur noch ein Mittel, mein Leben zu retten, selbst nach Euren barbarischen Gesetzen,« sagte Rebekka. »Mein Dasein war elend – elend wenigstens in dieser letzten Zeit –, aber es ist ein Geschenk des Allmächtigen, das ich nicht von mir stoßen will, so lange er mir noch ein Mittel der Rettung zeigt. Ich bestreite die Anklage und behaupte meine Unschuld! Ich appellire an das Gottesurtheil und nehme das Recht in Anspruch, die Wahrheit durch Zweikampf zu entscheiden –, es wird ein Kämpfer sie für mich ans Licht bringen.«

»Wer aber, Rebekka,« sagte der Großmeister, »wird denn für eine Zauberin eine Lanze brechen? Wer wird der Ritter einer Jüdin sein wollen?«

»Gott selbst wird mir einen Kämpfer erwecken,« erwiderte Rebekka. »Es ist unmöglich, daß in dem frohsinnigen England, dem gastlichen, hochherzigen, freien Lande, wo so viele bereit sind, ihr Leben für die Ehre aufs Spiel zu setzen, nicht einer sein sollte, der für die Gerechtigkeit kämpft. Es genügt, daß ich den Rechtsspruch durch Zweikampf fordere. – Hier liegt mein Pfand.«

Mit diesen Worten hatte sie den gestickten Handschuh abgezogen und warf ihn vor dem Großmeister nieder, wobei Einfalt und Würde so schön auf ihren Zügen gepaart waren, daß alle in Erstaunen und Bewunderung versetzt wurden.