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Ivanhoe.  Walter Scott
Kapitel 28.
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Dies Wandervolk, getrennt von andern Menschen,
Rühmt dennoch sich der Kenntniß hoher Künste;
Die Seen, Wälder, Wüsten, wo sie hausen,
Gewähren ihrer Kenntniß reiche Schätze.
Auch sammeln sie bescheid'ne Kräuter, Blumen
Und zeigen ihre nie geahnten Kräfte.
Der Jude.

Unsere Geschichte muß jetzt einige Blätter weiter zurückkehren, um dem Leser den Rest dieser wichtigen Erzählung verständlich zu machen. Seine eigenen Muthmaßungen werden ihn schon darauf geführt haben, daß, als Ivanhoe zu Boden sank und von aller Welt verlassen schien, Rebekka es war, deren Bitten den Vater vermochten, den jungen, tapferen Kämpfer aus den Schranken in das Haus bringen zu lassen, welches damals die Juden in der Vorstadt von Ashby inne hatten.

Unter andern Umständen würde es nicht schwer gewesen sein, Isaak zu diesem Schritte zu überreden; denn er war eigentlich mild und dankbar von Natur, allein er nährte doch auch die Vorurtheile und furchtsamen Bedenklichkeiten seiner Nation, und diese mußten erst besiegt werden.

»Heiliger Abraham!« rief er, »er ist ein guter Junge, und das Herz blutet mir, das Blut durch seinen reichgestickten Koller dringen zu sehen – aber ihn in unser Haus nehmen! Mädchen, hast Du das wohl bedacht? Er ist ja ein Christ, und nach unsern Gesetzen dürfen wir mit den Fremden und Heiden nichts zu thun haben, außer zum Vortheil unsers Handels.«

»Redet nicht so, theurer Vater,« versetzte Rebekka, »freilich dürfen wir uns nicht mit ihnen vermischen bei Fest und Fröhlichkeit, doch in Wunden und Elend wird der Heide des Juden Bruder.«

»Ich wollte, ich wüßte, was der Rabbi Jakob Ben Tudela davon denken würde, – indeß der gute Jüngling darf sich nicht zu Tode bluten; laß Seth und Ruben ihn nach Ashby tragen.«

»Laßt sie ihn lieber hier in meine Sänfte legen,« sagte Rebekka; »ich besteige einen von den Zeltern.«

»Das hieße Dich ja den Blicken dieser Hunde von Ismael und Edom aussetzen,« lispelte Isaak mit bedenklichem Blicke auf die Menge von Rittern und Knappen umher. Allein Rebekka war bereits beschäftigt, ihren edlen Vorsatz ins Werk zu setzen, und hörte nicht auf das, was Isaak sagte, bis er sie am Aermel faßte und mit hastiger Stimme rief: »Bei Aarons Bart! wenn nun der Jüngling nicht aufkommt, wenn er bei uns stirbt? wird man uns nicht schuldig finden an seinem Blute, und wird uns nicht der Haufen in Stücke zerreißen?«

»Er wird nicht sterben,« sagte Rebekka, sich sanft von Isaak losmachend, »er wird nicht sterben, wenn wir ihn nicht verlassen; thun wir aber das, dann sind wir Gott und Menschen für seinen Tod verantwortlich.«

»Ach!« sagte Isaak, »mich schmerzten die Tropfen seines jungen Blutes, als wenn es goldene Byzantiner wären, die ich aus meinem eigenen Beutel fallen sehe. Auch weiß ich, daß Dich der Unterricht der Miriam, Tochter des Rabbi Manasse von Byzanz, dessen Seele im Paradiese ist, sehr geschickt gemacht hat in der Heilkunst, und daß Du dich auf die Kräuterkunst verstehst und kennst die Kraft der Elixire. Thue also, was Dein Herz Dir sagt, Du bist ein gutes Mädchen; ein Segen, eine Krone, ein hohes Lied für für mich und mein Haus und für das Volk unserer Väter!«

Isaaks Befürchtungen waren indeß nicht ganz ungegründet, und der edelmüthige Eifer seiner Tochter setzte sie bei ihrer Rückkehr den gottlosen Blicken Brian de Bois-Guilberts aus. Der Templer ritt unterwegs zweimal an ihnen hin und her, wobei er seine kühnen brennenden Blicke auf die reizende Jüdin heftete; auch haben wir bereits die Folgen der Bewunderung gesehen, zu der ihn ihre Reize entflammten, als der Zufall sie in die Gewalt dieses Wollüstlings fallen ließ.

Rebekka verlor keine Zeit, den Kranken in ihre einstweilige Wohnung bringen zu lassen, und untersuchte sogleich mit eigenen Händen seine Wunden, welche sie hierauf verband. Selbst der jüngste Leser von Romanen und romantischen Balladen muß sich erinnern, daß oftmals Frauen in jenen finstern Zeiten, wie man sie zu nennen pflegt, in die Geheimnisse der Wundarzneikunst eingeweiht waren und daß ein tapferer Ritter nicht selten seine Wunden der Pflege einer Dame unterwarf, deren Augen dann noch tiefer in sein Herz drangen.

Die Juden aber verstanden und übten Heilkunde in allen ihren Zweigen, und Monarchen und mächtige Herren jener Zeit vertrauten sich, sobald sie krank oder verwundet waren, einem erfahrenen Weisen aus diesem verachteten Volke an. Die Hilfe jüdischer Aerzte wurde um so lieber aufgesucht, weil man allgemein glaubte, die Rabbiner wären tief in verborgene Wissenschaften eingeweiht, besonders aber in die cabalistische Kunst, welche ihren Namen und ihren Ursprung den Studien der Weisen Israels zu danken hat. Auch widerlegten die Rabbiner diese Meinung keineswegs; denn der Haß, mit dem man ihre Nation betrachtete, konnte sich unmöglich vergrößern, während die Verachtung, mit welcher er vermischt war, dadurch geringer wurde. Ein jüdischer Zauberer wurde zwar eben so verabscheut, wie ein jüdischer Wucherer, allein er konnte nicht in gleichem Grade verachtet werden. Es ist überdies nicht unwahrscheinlich, daß, wenn man die wunderbaren Kuren, welche die Juden vollbracht haben sollen, bedenkt, sie wohl im Besitze gewisser Geheimnisse der Heilkunst gewesen sein mögen, die sie mit dem aus ihrer Lage selbst entspringenden, ausschließenden Geiste auf alle Weise vor den Christen geheim hielten.

Die schöne Rebekka war mit aller Sorgfalt in allen Kenntnissen unterrichtet worden, die ihrer Nation eigen waren, und ihr hochbegabter Geist hatte sich dieselben derartig angeeignet und erweitert, daß sie ihr Geschlecht und selbst ihr Zeitalter darin übertraf. Ihre medizinischen Kenntnisse hatte sie unter der Anleitung einer alten Jüdin, der Tochter eines sehr berühmten jüdischen Gelehrten, erworben; Miriam liebte Rebekka wie eine Tochter, und man glaubte, sie habe derselben die Geheimnisse mitgetheilt, die ihr von ihrem Vater hinterlassen worden waren. Sie selbst war zwar als ein Opfer des Fanatismus gefallen, allein ihre Geheimnisse lebten in ihrem geschickten Zögling fort.

Rebekka wurde von ihrem eigenen Stamme mit allgemeiner Bewunderung und Verehrung betrachtet. Ihr Vater selbst gestattete dem Mädchen eine größere Freiheit, als es Frauen gegenüber unter den Juden damals Sitte war; auch ließ er sich, wie wir gesehen haben, durch ihre Meinung so leiten, daß er sie oft über die eigene stellte.

Als Ivanhoe die Wohnung Isaaks erreicht hatte, befand er sich immer noch in einem Zustande von Bewußtlosigkeit. Rebekka untersuchte seine Wunden, und nachdem sie die zweckmäßigsten Mittel angewendet hatte, meldete sie ihrem Vater, daß, wenn das Fieber entfernt werden könnte und Miriams Heilbalsam seine Kraft bewähre, für ihres Gastes Leben nichts zu fürchten sei; er werde sogar mit ihnen den folgenden Tag ohne Schaden nach York reisen können. Isaak wurde bei dieser Gelegenheit ein wenig blaß. Seine Milde hätte ihn vielleicht veranlaßt, in Ashby zu bleiben; oder er hätte den verwundeten Christen in dem Hause gelassen, wo er sich jetzt befand, und die Versicherung gegeben, daß der Jude, dem es gehörte, alle aufzuwendenden Kosten redlich vergütet erhalten werde; allein Rebekka hatte dagegen einige Gründe geltend zu machen, von denen zwei bei Isaak von vorzüglichem Gewichte waren. Zum ersten meinte Rebekka, daß sie sich auf keine Weise entschließen könne, die Schale mit dem köstlichen Balsam in den Händen eines andern Wundarztes, auch von ihrem Volke, zu lassen, weil sonst das wichtige Geheimniß leicht verrathen werden könnte; zum andern, daß der verwundete Ritter, Wilfred von Ivanhoe, ein großer Günstling von Richard Löwenherz sei und daß, im Falle der Rückkehr des Monarchen, Isaak, der den Bruder desselben, Johann, mit seinen Schätzen unterstützt habe, um seine rebellischen Pläne auszuführen, eines mächtigen Beschützers, der Richards Gunst genieße, gar sehr von Nöthen habe.

Diese Gründe überzeugten Isaak vollständig.

Erst gegen Einbruch der Nacht erhielt Ivanhoe das Bewußtsein wieder. Er erwachte wie aus einem tiefen Schlafe, und alles, was er den Tag zuvor erlebt und gethan hatte, ehe er in den Schranken zu Boden sank, kam ihm wie ein Traum vor. Nur seine Wunden und seine Schwäche überzeugten ihn von der Wirklichkeit.

Mit Mühe versuchte er es, die Vorhänge seines Lagers zurückzuziehen. Es gelang, und zu seiner großen Verwunderung fand er sich in einem kostbar möblirten Gemache, mit so viel morgenländischen Geräthen, daß er fast glaubte, während seines Schlummers nach Palästina entrückt worden zu sein. Dieser Eindruck wurde dadurch noch verstärkt, daß auf einmal durch eine Tapetenthür eine weibliche Gestalt eintrat, die zwar reich, aber mehr im morgenländischen als europäischen Geschmacke gekleidet war und welcher zwei schwarzbraune Diener folgten.

Als der Ritter die schöne Erscheinung sofort anreden wollte, legte sie einen ihrer niedlichen Finger auf die Rosenlippen und deutete ihm Schweigen an, während einer der Diener sich Ivanhoe näherte und seine Seite entblößte, worauf die reizende Jüdin selbst sich überzeugte, daß der Verband in Ordnung und die Wunde in gutem Zustande sei. Sie vollzog ihr Geschäft mit so anmuthiger und würdevoller Einfalt und Bescheidenheit, daß auch in unsern feiner gebildeten Zeiten nichts Anstößiges in ihrem Thun hätte gefunden werden können. Rebekka gab ihre wenigen und kurzen Anweisungen dem alten Diener in hebräischer Sprache, und dieser, der ihr oft schon in ähnlichen Fällen zur Hand gewesen war, befolgte sie ohne Widerrede.

Die Töne einer unbekannten Sprache, so rauh sie aus einem andern Munde würden geklungen haben, hatten, da sie von der schönen Rebekka kamen, ganz das Romantische und Einschmeichelnde, was die Phantasie den Zauberformeln zuschreibt, welche irgend eine wohlthätige Fee ausspricht und die zwar dem Ohre unverständlich sind, doch wegen der Milde des Klanges und des sie begleitenden wohlthuenden Anblicks rührend und besänftigend auf das Herz wirkten. Ohne den Versuch einer ferneren Frage zu wagen, duldete Ivanhoe nun schweigend alle Maßregeln, die man zu seiner Herstellung nöthig finden möchte; und erst als man damit zu Ende war und der reizende Wundarzt sich wieder entfernen wollte, wie er gekommen, vermochte der Ritter seine Neugier nicht länger zu bezähmen.

»Reizendes Mädchen,« sagte er in arabischer Sprache, – denn diese hatte er während seines Aufenthaltes im Morgenlande erlernt, und er glaubte, daß sie von der Fremden mit dem Turban und Kaftan, welche vor ihm stand, am ersten verstanden werden würde, »ich bitte Dich, reizendes Mädchen, Deine Höflichkeit« –

Hier aber wurde er von seinem schönen Wundarzte unterbrochen, auf dessen Gesichte, das im Allgemeinen eine sinnende Schwermuth an den Tag legte, jetzt auf einen Augenblick ein sanftes Lächeln dämmerte: »Ich bin aus England, Herr Ritter, und spreche englisch, obgleich meine Kleidung und meine Gesichtszüge einem andern Himmelsstriche angehören.«

»Edles Mädchen,« begann Ivanhoe von neuem, wurde aber schnell wieder von Rebekka unterbrochen.

»Ertheilt mir nicht das Beiwort edel, Herr Ritter,« sagte sie; »Ihr müßt schnell erfahren, daß Eure Dienerin eine Jüdin ist, die Tochter Isaaks von York, gegen den Ihr Euch vor Kurzem als einen so guten und freundlichen Herrn bewiesen habt. Es ziemt ihm und den Gliedern seines Hauses wohl, Euch allen Beistand zu leisten, den Eure jetzige Lage erfordert.«

Wir wissen nicht, ob die schöne Rowena ganz zufrieden gewesen wäre mit der Art von Rührung, mit der ihr Ritter das schöne Gesicht, die reizende Gestalt und die glänzenden Augen der liebenswürdigen Rebekka betrachtete. Diese Augen, deren Glanz, als bedürfe er einiger Milderung, durch lange, seidene Wimpern beschattet wurden, würde ein Minstrel vielleicht mit dem Abendstern verglichen haben, dessen Strahlen durch eine Jasminlaube brechen. Allein Ivanhoe war ein zu guter Christ, um ähnliche Gefühle auch gegen eine Jüdin zu nähren. Das hatte Rebekka vorausgesehen, und darum beeilte sie sich, dem Ritter ihres Vaters Namen und Abstammung bekannt zu machen. Indessen war die weise und schöne Tochter Isaaks nicht ohne einige Züge weiblicher Schwäche; denn sie mußte doch innerlich seufzen, da der Blick achtungsvoller Bewunderung, nicht ohne einige Beimischung von Zärtlichkeit, mit dem Ivanhoe noch kurz vorher seine unbekannte Wohlthäterin betrachtet hatte, auf einmal durch ein kaltes, abgemessenes, theilnahmloses Benehmen ersetzt ward. Nicht, daß Ivanhoes früheres Betragen mehr als jene ehrerbietige Huldigung ausgedrückt hätte, welche die Jugend immer so gern der Schönheit zollt, – es war nur kränkend, daß ein einziges Wort gleich einer Zauberformel wirken konnte, um die arme Rebekka, der doch ihr Recht auf solche Huldigung bewußt sein mußte, auf einmal in eine so entwürdigte Klasse zu setzen, der diese Huldigung ehrenhalber versagt werden mußte.

Allein Rebekkas edles und zartes Gemüth rechnete es Ivanhoe nicht zur Schuld an, daß er das allgemeine Vorurtheil seines Zeitalters und seiner Religion theilte. Im Gegentheil hörte die schöne Jüdin nicht auf, seiner Genesung und Herstellung dieselbe ergebene und duldende Sorge zu widmen, wie sehr sie auch wahrnahm, daß ihr Patient sie nunmehr als eine Person betrachtete, mit der er, ohne sich zu entehren, nur den allernothwendigsten Verkehr haben dürfe. Sie meldete ihm, daß sie sich nothwendig nach York begeben müßten; daß ihr Vater entschlossen sei, ihn dorthin bringen zu lassen und in seinem Hause zu behalten, so lange, bis seine Gesundheit vollkommen wieder hergestellt sei. Ivanhoe zeigte großen Widerwillen gegen diesen Plan, weil er seinen Wohlthätern doch nicht gern so lange beschwerlich fallen wollte.

»Wäre denn nicht,« sagte er, »zu Ashby oder in dessen Nähe ein sächsischer Freisasse, oder irgend ein wohlhabender Bauer, der sich mit einem verwundeten Landsmanne so lange belasten wollte, bis er wieder im Stande wäre, die Rüstung zu tragen? Wäre denn kein Kloster sächsischer Stiftung hier, wo er aufgenommen werden könnte? Oder könnte man ihn nicht nach Burton bringen, wo er sicher sein würde, bei Waltheoff, dem Abte von St. Withold, seinem Verwandten, gastfreundliche Aufnahme zu finden?«

»Allerdings,« sagte Rebekka mit melancholischem Lächeln, »würde die schlechteste dieser Herbergen zu Eurer Aufnahme geschickter sein, als das Haus eines verachteten Juden; indessen, Herr Ritter, wenn Ihr nicht Euren Wundarzt von Euch entfernen wollt, so könnet Ihr Eure Wohnung nicht verändern. Unsere Nation, das wißt Ihr sehr wohl, vermag Wunden zu heilen, ohne daß sie dergleichen schlägt; und in unserer Familie besonders befinden sich seit Salomos Zeiten Geheimnisse, deren wohlthätige Wirkung Ihr bereits erfahren habt. Kein Nazarener – Ihr müßt mir dieses verzeihen – kein Christ innerhalb der vier Meere Britanniens würde im Stande sein, Euch binnen Monatsfrist zur Tragung der Rüstung geschickt zu machen.«

»Und binnen welcher Zeit getraust Du Dir dieses zu bewirken?« fragte Ivanhoe ungeduldig.

»Binnen acht Tagen, wenn Du Dich geduldig meinen Anordnungen überlassen willst,« versetzte Rebekka.

»Bei der heiligen Jungfrau!« sagte Wilfred, »wenn es nicht Sünde ist, hier ihren Namen zu nennen, es ist jetzt keine Zeit für mich oder sonst einen treuen Ritter, bettlägerig zu sein, und wenn Du Dein Versprechen erfüllst, so bezahle ich Dich mit einem ganzen Helm voll Kronen, mag ich dazu kommen, wie ich will.«

»Ich werde mein Versprechen erfüllen,« sagte Rebekka, »und Du sollst Deine Rüstung am achten Tage von heute an tragen können, indessen mußt Du mir statt Deines Silbers eine andere Gefälligkeit versprechen.«

»Wenn es in meiner Macht steht und sie ein christlicher Ritter jemanden von Deinem Volke erweisen darf, so verspreche ich's Dir mit dankerfülltem Herzen.«

»Nun,« versetzte Rebekka, »so bitte ich Dich, von nun an zu glauben, daß ein Jude einem Christen wohl einen Dienst zu leisten vermag, ohne einen andern Lohn zu erwarten, als das Wohlgefallen des großen Vaters, der beide, Juden und Nichtjuden, erschuf.«

»Es wäre Sünde, Mädchen, daran zu zweifeln,« erwiderte Ivanhoe, »und ich überlasse mich ganz Deiner Geschicklichkeit ohne fernere Fragen und Zweifel. Und nun, mein freundlicher Arzt, laß mich nach andern Nachrichten fragen. Was hört man von dem edlen Sachsen Cedric und seinen Hausgenossen? Was von der liebenswürdigen Lady« – hier hielt er inne, gleich als wollte er nicht gern Rowenas Namen in dem Hause eines Juden aussprechen: »Ich meine die,« fuhr er fort, »welche im Turniere zur Königin ernannt wurde.«

»Und die Ihr zu dieser Würde, Herr Ritter, mit so richtigem Urtheil erwähltet, daß es eben so bewundert wurde, wie Eure Tapferkeit,« versetzte Rebekka.

Der bedeutende Blutverlust hatte Ivanhoe doch nicht verhindert, ein wenig zu erröthen, da er fühlte, daß er unbedachter Weise sein Interesse an Rowena, gerade durch die Anstrengung, es zu verhehlen, am deutlichsten verrathen hatte.

»Ich wollte nicht sowohl von ihr sprechen,« sagte er, »als von dem Prinzen Johann; auch möchte ich gern etwas wissen von meinem treuen Knappen, und warum ich ihn nicht bei mir sehe?«

»Laßt mich mein Ansehn als Arzt geltend machen,« entgegnete Rebekka, »und Euch jetzt Schweigen und Ruhe gebieten; ich will Euch sagen, was Ihr zu wissen begehrt. Prinz Johann ist vom Turnier aufgebrochen und in aller Eile nach York gezogen; Edle, Ritter, und Geistliche seiner Partei begleiteten ihn, nachdem er von denen, die man für die Reichsten im Lande hielt, so viel Geld, als sich nur erpressen ließ, zusammengebracht hatte. Man sagt, er habe den Plan, sich seines Bruders Krone aufs Haupt zu setzen.«

»Doch nicht ohne einen Versuch zur Vertheidigung derselben,« sagte Ivanhoe, sich von seinem Lager gewaltsam erhebend, »und wenn es auch nur Einen getreuen Unterthan in England geben sollte. Ich will für Richards Rechte fechten mit den Besten von ihnen – sei es auch Einer gegen Zwei in diesem gerechten Streite.«

»Allein damit Ihr dies vermögt,« sagte Rebekka, indem sie seine Schulter mit ihrer Hand berührte, »müßt Ihr meine Anweisungen treulich befolgen und jetzt ruhig bleiben.«

»Du hast Recht, Mädchen,« sagte Ivanhoe, »so ruhig, als diese unruhigen Zeiten es nur erlauben. Aber Cedric und seine Hausgenossen?«

»Sein Vogt kam vor Kurzem mit vieler Eile hieher,« sagte die Jüdin, »um von meinem Vater Geld zu holen, den Preis der Wolle, die noch auf Cedrics Schafen wächst, und von ihm erfuhr ich, daß Cedric und Athelstane von Coningsburgh des Prinzen Hoflager sehr mißvergnügt verlassen haben und im Begriff waren, nach Hause zurückzukehren.«

»Kam denn eine Dame mit ihnen zum Bankette?« fragte Wilfred.

»Lady Rowena,« sagte Rebekka, die Frage bestimmter beantwortend, als man sie gethan hatte, »Lady Rowena kam nicht mit zu des Prinzen Feste, und wie uns der Vogt gesagt hat, ist sie jetzt nach Rotherwood unterwegs mit ihrem Vormunde Cedric. Euren treuen Knappen Gurth anlangend –«

»Wie?« rief der Ritter, »kennst Du diesen Namen? – Ja, ja!« setzte er sogleich hinzu, »Du kennst ihn; denn aus Deiner Hand und von Deiner Großmuth empfing er ja gestern, wie ich glaube, die hundert Zechinen.«

»O!« versetzte Rebekka erröthend, »erwähne doch das nicht; ich sehe, wie leicht unsre Zunge das verräth, was das Herz so gern verbergen möchte.«

»Aber,« sagte Ivanhoe ernst, »meine Ehre ist dabei interessirt, Deinem Vater diese Geldsumme wieder zu erstatten.«

»Halte es, wie Du willst, wenn acht Tage vorüber sind,« entgegnete Rebekka, »aber denke jetzt an nichts, was Deine Herstellung verzögern könnte.«

»Es sei, edles Mädchen,« sagte Ivanhoe, »es würde undankbar sein, Deinen Befehlen widerstreben zu wollen. Allein nur noch ein Wort wegen Gurth, und ich frage Dich nichts mehr.«

»Ich sage Euch ungern, Herr Ritter, daß er sich in Cedrics Gewahrsam befindet –« und indem Rebekka den Kummer bemerkte, den dies Wilfred machte, setzte sie augenblicklich hinzu: »Aber Oswald der Vogt sagt, wenn seines Herrn Unzufriedenheit durch nichts Neues erregt werde, so würde er ihm leicht verzeihen als einem treuen Diener, den er sehr hoch halte und der doch seinen Fehler nur aus Liebe zu Cedrics Sohne begangen habe. Auch sagte er noch, er und seine Kameraden, vornehmlich Wamba der Narr, wären entschlossen, Gurth zur Flucht behilflich zu sein, im Fall Cedrics Zorn durch nichts besänftigt werden könnte.«

»Möchten sie doch ihren Vorsatz ausführen,« sagte Ivanhoe, »allein es scheint, als ob ich alle unglücklich machen müßte, welche mir auf irgend eine Art sich wohlthätig bewiesen haben. Mein König, der mich ehrte und auszeichnete, ist, wie Du siehst, in Gefahr, von dem eigenen Bruder, der ihm so viel Dank schuldet, um seine Krone gebracht zu werden; mein Blick hat der Schönsten ihres Geschlechts Zwang und Verlegenheit gebracht, und jetzt will mein Vater seinen treuen Leibeigenen, weil er mich liebt, voll Unwillen mißhandeln. Du siehst also, Mädchen, welch ein vom Schicksal verfolgter Unglücklicher ich bin; sei also weise, laß mich; ziehe Deine Hand von mir ab, ehe auch Dich das Unheil, das wie ein Schweißhund meiner Spur folgt, ins Verderben zieht.«

»O!« versetzte Rebekka, »Deine Schwäche und Dein Kummer lassen Dich die Absichten des Himmels mißverstehen. Du bist Deinem Vaterlande wieder gegeben worden zu einer Zeit, wo es des Beistandes eines starken Armes und treuen Herzens am meisten bedurfte, und Du hast den Stolz Deiner Feinde und der Feinde Deines Königs gedemüthigt, als er sich gerade am drohendsten erhob, und siehst Du nicht, daß für das Uebel, welches Dich betroffen, der Himmel Dir, selbst aus den Verachtetsten des Landes, einen Arzt und Helfer gesandt hat? Sei also gutes Muthes und glaube, Du seiest zu einem großen Werke bestimmt, das Dein Arm im Angesichte Deines Volkes ausführen soll. Lebe wohl, und wenn Du die Arznei genommen hast, die ich Dir durch Ruben senden werde, so suche Dich zu beruhigen, damit Du die Reise des morgenden Tages desto leichter zu überstehen vermagst.«

Ivanhoe wurde durch diese Rede überzeugt und fügte sich Rebekkas Verordnungen. Der Trank, den ihm Ruben brachte, war beruhigend und stärkend zugleich und verschaffte dem Kranken einen gesunden und ungestörten Schlaf. Am andern Morgen fand ihn sein milder Arzt frei von allen Symptomen des Fiebers und im Stande, den Beschwerden der Reise sich zu unterziehen.

Er wurde in die Sänfte getragen, in welcher er auch aus den Schranken gebracht worden war, und man wandte jede mögliche Vorsicht an, um ihm die Reise leicht und bequem zu machen. In einer einzigen Hinsicht waren Rebekkas Bemühungen nicht im Stande, für die Pflege des verwundeten Reisenden hinlänglich zu sorgen. Isaak trug nämlich, gleich dem Reisenden in Juvenals zehnter Satyre, immer die Furcht vor Beraubung mit sich herum; denn er wußte wohl, daß er von den herumstreifenden und plündernden Normannen, sowie von den sächsischen Geächteten für ein recht schönes Wildpret gehalten wurde. Er reiste daher mit großer Eile und machte kurze Ruhepunkte und noch kürzere Mahlzeiten; so kam es, daß er Cedric und Athelstane zuvorkam, die einige Stunden hinter ihm zurückgeblieben, zumal da sie sich auch im Kloster des heiligen Withold beim Mahle länger auf gehalten hatten. Miriams Balsam hatte entweder solche Kraft oder Ivanhoes Constitution solche Stärke, daß er von den Unbequemlichkeiten der Reise, welche sein freundlicher Arzt für ihn gefürchtet hatte, nicht das Geringste empfand.

In einer andern Hinsicht zeigte sich indessen des Juden Eilfertigkeit nicht von so guten Folgen. Sie erzeugte nämlich zwischen ihm und den Leuten, welche er als Bedeckung gemiethet hatte, mehrere Uneinigkeiten. Diese Leute waren Sachsen und keineswegs frei von der Neigung zur Bequemlichkeit und gutem Leben, welche die Normänner mit dem Namen Faulheit und Freßgier bezeichneten. Im umgekehrten Verhältnisse Shylocks hatten sie ihr Geschäft blos in der Hoffnung übernommen, sich an dem reichen Juden zu mästen, und waren höchst unzufrieden, als sie sich getäuscht sahen, indem er so unablässig auf die höchste Eile drang. Sie stellten ihm auch die Gefahr vor, in die ihre Pferde durch diese Eilmärsche gerathen müßten, und endlich erhob sich ein höchst ernsthafter Streit zwischen Isaak und seiner Wache in Hinsicht auf die Quantität von Wein und Bier, die bei jeder Mahlzeit gereicht werden sollte. Daher kam es denn, daß er im Augenblicke der Entscheidung, den er gefürchtet hatte, von den unzufriedenen Miethlingen verlassen wurde.

In dieser hilflosen Lage wurde, wie schon berichtet, der Jude mit seiner Tochter und dem verwundeten Kranken von Cedric gefunden, und späterhin fiel er in die Hände de Bracys und seiner Gefährten. Anfangs bekümmerte man sich nicht viel um die Sänfte, und vielleicht hätte man sie gänzlich stehen lassen, hätte nicht de Bracy hineingeschaut, in der Meinung, der Gegenstand seiner Wünsche befinde sich darin. Wie groß war aber de Bracys Erstaunen, als er den verwundeten Mann erblickte, der, da er meinte in die Hände sächsischer Geächteter gefallen zu sein, bei denen sein Name ihm und seinen Freunden zum Schutze gereichen konnte, sich offen und frei als Wilfred von Ivanhoe zu erkennen gab.

Die Ideen von ritterlicher Ehre, welche trotz allen Leichtsinns und aller Verwilderung de Bracy nicht ganz aufgegeben hatte, hielten ihn ab, dem Ritter eine Beschimpfung zuzufügen, oder ihn an Front de Boeuf zu verrathen, der in keiner Hinsicht Bedenken getragen haben würde, seinen Mitprätendenten auf das Lehen von Ivanhoe dem Tode zu weihen. Allein einen von Lady Rowena begünstigten Nebenbuhler in Freiheit zu setzen, ging, nachdem die Begebenheiten auf dem Turniere und Wilfreds frühere Verbannung aus dem väterlichen Hause allgemein bekannt geworden waren, doch über de Bracys Großmuth. Er vermochte daher weiter nichts als einen Mittelweg einzuschlagen, und so befahl er zweien von seinen Knappen, sich dicht neben der Sänfte zu halten und niemanden sich derselben nähern zu lassen. Auf alle Fragen waren sie angewiesen, zu sagen, die leere Sänfte der Lady Rowena habe man zur Fortbringung eines ihrer im Kampf verwundeten Kameraden benutzt. Bei der Ankunft zu Torquilstone wurde Ivanhoe von de Bracys Knappen in ein entferntes Gemach gebracht, indeß der Templer und der Herr des Schlosses ihre Pläne verfolgten. Front de Boeuf erfuhr auf seine Frage, warum de Bracys Knappen nicht auf der Mauer erschienen wären, als der Lärm sich gezeigt, auch nichts weiter, als daß sie einen verwundeten Kameraden weggebracht hätten.

»Einen verwundeten Kameraden!« rief er voll Erstaunen und Zorn. »Kein Wunder, daß Bauern und Landsassen sich vor die Schlösser legen und daß Schweinehirten und Narren Ausforderungen schicken, wenn sich Krieger zu Krankenwärtern hergeben und Freitruppen sich als Hüter an Sterbebetten stellen lassen, indeß das Schloß in Gefahr ist, erstürmt zu werden. – Auf die Mauern, ihr faulen Schurken!« schrie er, bis von seiner Stentorstimme die Gewölbe erbebten. »Auf die Mauern, auf die Mauern, oder ich zerschlage euch die Gebeine mit diesem Commandostocke!«

Die Leute erwiderten mürrisch, sie wünschten auch nichts mehr, als auf die Mauern zu kommen; nur sollte Front de Boeuf sie bei ihrem Herrn vertreten, der ihnen ausdrücklich befohlen habe, des sterbenden Mannes sich anzunehmen.

»Des sterbenden Mannes?« entgegnete der Baron, »ich sage euch, wir werden alle sterbende Männer, wenn wir uns nicht recht fest dagegen stemmen. Aber euer Kamerad soll sogleich eine andere Wartung erhalten.« Er rief Urfried und befahl ihr, sich zum Lager des Sterbenden zu begeben. Den Knappen aber reichte er Armbrüste und Bolzen. Diese eilten gern zum Kampfe, und Urfried oder Ulrica, deren Kopf mit Erinnerung erlittener Beschimpfung und Hoffnung auf Rache erfüllt war, ließ sich leicht bereden, die Pflege ihres Kranken auf Rebekka zu übertragen.