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Ivanhoe.  Walter Scott
Kapitel 22.
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Mein' Tochter – mein' Dukaten – o mein' Tochter
Fort mit 'nem Christen – o mein' christliche Dukaten!
Recht und Gericht! mein' Tochter! mein' Dukaten!
Der Kaufmann von Venedig.
(Grote'sche Shakespeare-Ausgabe. Bd. IV, S. 297.)

Ueberlassen wir die Sachsen sich selbst und werfen nun einen Blick auf die strengere Gefangenschaft des Isaak von York. Der arme Jude war eilig in ein Gewölbe geworfen worden, dessen Boden sich tief unter der Oberfläche der Erde befand, und das daher sehr dumpf und feucht war; sein Licht empfing es nur durch ein Paar Luftlöcher, die so hoch waren, daß sie die Hand des Gefangenen nicht erreichen konnte. Diese Oeffnungen ließen selbst um Mittag nur einen matten und ungewissen Lichtstrahl durch, so daß das Gemach längst in tiefster Dunkelheit lag, wenn sich das übrige Schloß noch des heitern Tages erfreute. Ketten und Fesseln, die Hinterlassenschaft früherer Gefangenen, von denen man kräftigen Widerstand oder Versuche zur Flucht erwartet hatte, hingen leer und verrostet an den Wänden des Gefängnisses, und in den Ringen einiger derselben befanden sich zwei modernde Gerippe, die einst Menschen zugehört haben mochten, die man hier nicht bloß hatte umkommen, sondern selbst verwesen lassen.

An dem einen Ende dieses unheimlichen Aufenthaltsortes war ein großer Feuerrost angebracht, auf dem querüber einige eiserne halbverrostete Stangen lagen.

Der Anblick dieses Gefängnisses hätte auch ein muthigeres Herz, als das Isaaks, erschüttern können, der übrigens jetzt gefaßter erschien, als damals, wo die Gefahr noch bevorstand. Es war auch nicht das erste Mal, daß sich Isaak in so gefahrvoller Lage befand. Mußten doch die Juden jener Zeit auf derartige Ereignisse stets gefaßt sein. So hatte er die Erfahrung zur Führerin und die Hoffnung zur Trösterin, daß er auch diesmal wie früher dem Gewaltthätigen entkommen würde. Vorzüglich aber stand ihm die unerschütterliche Hartnäckigkeit seiner Nation und jene unbeugsame Entschlossenheit zur Seite, mit der die Israeliten sich oft eher den äußersten Mißhandlungen von Seiten der Macht und Gewalt hingaben, als daß sie die Wünsche oder Befehle ihrer Unterdrücker zu erfüllen sich entschlossen.

In dieser Stimmung des passiven Widerstandes und sein Gewand unter sich zusammenhaltend, um sich vor dem feuchten Boden zu schützen, saß Isaak in einer Ecke des Gemaches, mit seinen gefalteten Händen, den herumhängenden Haaren und dem verworrenen Bart, mit Pelzmantel und hoher Mütze im Scheine des matten, gebrochenen Lichtes ein würdiger Gegenstand für den Pinsel eines Rembrandt. In dieser Stellung verharrte der Jude wohl drei Stunden. Da hörte man endlich Tritte auf der Treppe, die zum Gefängnisse führte. Die Riegel rasselten, die Angeln der Thür knarrten und Reginald Front de Boeuf, begleitet von den beiden Saracenensklaven des Templers, trat ins Gefängniß.

Front de Boeuf, ein großer kräftiger Mann, der sein Leben im Kriege oder in Privatfehden zugebracht und kein Mittel gescheut hatte, um seine Lehnsgewalt zu erweitern, hatte Gesichtszüge, die den Stolz und die Bösartigkeit seines leidenschaftlichen Gemüths deutlich offenbarten. Die Narben, mit denen sein Antlitz wie besäet war, hätten andern Gesichtern etwas Anziehendes und Ehrwürdiges verliehen, bei Reginald vermehrten sie nur den Ausdruck von Wildheit und Schrecken, den seine Gegenwart einzuflößen pflegte. Er trug ein ledernes, eng anschließendes Wamms, das noch Flecken und Beschädigungen von der Rüstung, die er zum Turnier darüber getragen, zeigte. Er war waffenlos, bis auf einen Dolch im Gürtel, der das Gegengewicht zu einem Bunde rostiger Schlüssel, das auf der andern Seite hing, zu bilden schien.

Die schwarzen Sklaven, welche Front de Boeuf folgten, waren ihres seltsamen Anzugs entledigt und trugen jetzt Jacken und weite Hosen von grober Leinwand; die Aermel waren bis zum Ellbogen aufgestreift, wie bei Schlächtern, wenn sie ihr Handwerk verrichten wollen. Jeder hatte einen kleinen Korb in der Hand und beide blieben an der Thüre stehen, bis Front de Boeuf selbst sie doppelt verschlossen hatte. Nachdem dies geschehen, näherte er sich langsam dem Juden, auf den er einen so scharfen Blick heftete, als hätte er ihn dadurch wie die Klapperschlange aller Kraft berauben wollen. Und wirklich schien dieser Blick eine solche Wirkung auf den amen Gefangenen hervorzubringen. Der Jude sperrte den Mund auf, richtete das Auge starr auf den Baron und war so erschrocken, daß seine Gestalt in dessen Nähe ordentlich zusammenzuschrumpfen schien. Infolge dessen konnte er weder eine Verbeugung machen, noch seine Mütze abnehmen, oder sonst ein Zeichen der Unterwürfigkeit blicken lassen. So mächtig wirkte auf ihn die Ueberzeugung, daß Folter und Tod seiner harrten.

Auf der andern Seite aber schien sich die riesige Gestalt Front de Boeufs fortwährend zu vergrößern, gleich der des Adlers, der sein Gefieder aufbläht, wenn er im Begriff ist, auf seine Beute herabzustürzen. Drei Schritte von der Ecke, wo der Jude zusammengedrückt saß, blieb der Baron stehen, und gab den Sklaven ein Zeichen näher zu treten. Einer derselben trat herzu und holte aus seinem Packet eine Wagschale und verschiedene Gewichte hervor, legte sie zu Front de Boeufs Füßen nieder und trat wieder in die achtungsvolle Entfernung zurück, in der sein Gefährte verblieben war.

Die Bewegungen dieser Menschen waren langsam und feierlich, als ob sich selbst in ihren Seelen eine Art von Vorgefühl der Grausamkeit und des Schauders regte. Nun eröffnete Front de Boeuf die Scene mit folgender Rede an den unglücklichen Gefangenen.

»Höchst verwünschter Hund einer verwünschten Rasse,« sagte er, indeß der Ton seiner tiefen, gewaltigen Stimme das düstere Echo des Gewölbes weckte, »siehst Du diese Wagschale?«

Der unglückliche Jude bejahte ganz leise.

»In dieser Schale,« fuhr Front de Boeuf fort, »sollst Du mir tausend Pfund Silber abwägen, genau nach dem Maße und Gewicht des Towers zu London.«

»Heiliger Abraham!« versetzte der Jude, der in dieser äußersten Gefahr seine Stimme wieder bekam, »hat man je von einer solchen Forderung gehört? Tausend Pfund Silber, ach, wer hörte selbst in den Märchen eines Minstrels davon? Welches Menschenangesicht wurde je durch den Anblick eines solchen Schatzes beglückt? Durchsuche mein ganzes Haus und das aller meiner Brüder zu York, und Du wirst die ungeheure Masse Silbers nicht finden, von der Du sprichst.«

»Ich bin billig,« versetzte Front de Boeuf, »wenns an Silber fehlt, nehme ich Gold, die Mark Goldes zu sechs Pfund Silber gerechnet. Zahlst Du das, so kommt Dein ungläubiger Leichnam von einer Strafe los, wie sie sich Deine Seele nimmer hat träumen lassen.«

»Habt Erbarmen, edler Ritter!« rief der Jude, »ich bin ein armer alter, hilfloser Mann. Es macht Euch ja nimmer Ehre, einen Wurm zu zertreten.«

»Alt magst Du sein,« erwiderte der Ritter, »um so mehr Schande für die, welche Dich in Wucherei und Schurkerei haben alt werden lassen; schwach magst Du sein, denn wann hätte ein Jude Herz oder Hand gehabt? – Aber reich bist Du auch, das ist weltbekannt.«

»Ich schwöre Euch,« sagte der Jude, »bei allem, woran ich glaube, bei allem, woran wir gemeinschaftlich glauben« –

»Verschwöre Dich nicht,« sagte der Normann, ihn unterbrechend, »laß Deine Hartnäckigkeit Dir nicht das Urtheil sprechen, bis Du gesehen und wohl erwogen hast, welches Schicksal Dich erwartet. Denke nicht, ich spräche nur so, um Dich zu schrecken, und spekulirte auf die Feigheit Deines Stammes. Ich schwöre Dir bei dem, woran Du nicht glaubst, beim heiligen Evangelium, das unsere allein selig machende Kirche lehrt, und bei den Schlüsseln, die dagege ben sind zu binden und zu lösen, daß mein Wille unerschütterlich fest steht. Dies Gefängniß ist kein Platz zu Späßen. Tausendmal vornehmere Personen als Du haben ihr Leben innerhalb dieser Mauern ausgehaucht und ihr Geschick ist nie bekannt geworden. Allein für Dich ist ein langsamer Martertod bereitet, gegen den der ihrige nur eine Lust war.«

Hier winkte er den Sklaven abermals näher zu treten und sprach mit ihnen in ihrer Landessprache, denn er war ebenfalls in Palästina gewesen und hatte dort vielleicht seine Grausamkeit gelernt. Alsbald holten sie aus ihren Packeten eine Menge Kohlen, zwei Blasebälge und eine Flasche mit Oel hervor. Indeß der eine Feuer anschlug, legte der andere die Kohlen auf den alten Rost und blies sie an, bis sie völlig glühten.

»Siehst Du, Jude,« sagte Front de Boeuf, »den Rost über der Gluth? Auf dieses warme Bett sollst Du zu liegen kommen, ganz nackend, indeß der eine Sklave das Feuer unter Dir erhält und der andere Deine Glieder recht hübsch mit Oel tränkt, damit der Braten nicht verbrennt. Nun wähle zwischen diesem Bette und der Zahlung von tausend Pfund Silber, denn, bei dem Haupte meines Vaters, eine andere Wahl bleibt Dir nicht.«

»Es ist unmöglich,« rief der unglückliche Jude, »es ist unmöglich, daß Du diesen Vorsatz ausführst! Der Gott, der die Natur schuf, hat keines Menschen Herz zu solcher Grausamkeit fähig erschaffen.«

»Baue nicht darauf, Isaak,« sagte Front de Boeuf, »Du könntest Dich irren. Denkst Du, daß ich, der eine Stadt plündern sah, wo tausend meiner christlichen Mitbrüder durch Feuer und Schwert umkamen, durch das Geschrei eines elenden Juden mich werde von meinem Vorhaben abbringen lassen? Oder denkst Du, daß diese schwarzen Sklaven, welche kein Gesetz kennen, als ihres Herrn Willen, Mitleid mit Dir haben werden, da sie nicht einmal Dein Flehen verstehen können? Sei klug, alter Mann, entledige Dich eines Theiles Deines überflüssigen Reichthums, gib einen Theil davon in die Hände der Christen zurück, von denen Du ihn doch durch Wucher errungen hast. Deine List kann den leeren Beutel leicht wieder aufschwellen, aber kein Pflaster, kein Heilkraut Deine gebratene Haut und Dein versengtes Fleisch wieder herstellen, wenn Du einmal auf diesen Stangen gelegen hast. Zähle Dein Lösegeld auf, sag ich, und freue Dich, daß Du Dich um solchen Preis aus einem Gefängnisse befreien kannst, von dessen Geheimnissen nur wenig Lebende zu erzählen wissen. Ich verliere kein Wort mehr, wähle; wie Du wählst, mag es geschehen.«

»So mögen mir Abraham, Jakob und alle Erzväter unsres Volks beistehen,« sagte Isaak, »ich kann nicht wählen, denn ich bin nicht im Stande, Eure ungeheure Forderung zu erfüllen.«

»Ergreift ihn denn, Sklaven, zieht ihn aus,« rief der Ritter, »und laßt ihm seine Väter helfen, wenn sie's vermögen.«

Die Sklaven, die mehr durch des Barons Augen und Winke, als durch seine Worte geleitet wurden, traten vor, legten Hand an den unglücklichen Juden, rissen ihn auf vom Boden und hielten ihn zwischen sich, des hartherzigen Herrn ferneren Befehl erwartend. Isaak blickte auf ihre und Front de Boeufs Gesichter, in der Hoffnung, einige Spuren von Mitleid zu entdecken, allein das Gesicht des Barons zeigte jenes kalte, halbspöttische Lächeln, welches immer der Vorläufer seiner Grausamkeiten war, und das wilde Auge der Saracenen, das unter den dunklen Brauen rollte und einen noch düsterern Ausdruck durch den großen, weißen Kreis erhielt, der ihre Pupillen umgibt, bewies mehr das geheime Vergnügen, das sie sich von der bevorstehenden Scene versprachen, als ein mögliches Widerstreben gegen den Willen des Anordners. Jetzt blickte der Jude auf die glühenden Kohlen, auf die er gelegt werden sollte, und da er sah, daß seine Peiniger durchaus nicht zu erweichen waren, verließ ihn seine frühere Entschlossenheit.

»Ich will sie bezahlen, die tausend Pfund Silber,« sagte er, »das heißt,« setzte er nach einer augenblicklichen Pause hinzu, »mit Hilfe meiner Brüder, denn ich muß gehen als ein Bettler von Thür zu Thür, ehe ich eine so unerhörte Summe zusammenbringe. Wann und wo soll sie abgeliefert werden?«

»Hier, hier!« versetzte Front de Boeuf, »hier muß sie gewogen werden, gewogen und bezahlt, oder denkst Du, ich werde Dich frei lassen, ehe das Lösegeld gesichert ist.«

»Und was ist denn meine Sicherheit,« sagte der Jude, »daß ich wirklich frei kommen werde, wenn ich das Lösegeld bezahlt habe?«

»Das Wort eines edlen Normanns,« sagte Front de Boeuf, »die Treue eines normännischen Edelmanns, reiner als Dein Gold und Silber und das Deines ganzen Stammes« –

»Ich bitte demüthig um Verzeihung, edler Lord,« versetzte Isaak furchtsam, »allein warum soll ich mich denn ganz allein auf das bloße Wort eines Mannes verlassen, der dem meinen nicht trauen will?«

»Weil Du Dir nicht anders helfen kannst, Jude,« sagte der Ritter finster. »Wärst Du in Deiner Schatzkammer zu York, und ich käme zu Dir, Dich um ein Darlehn zu bitten, dann könntest Du die Zeit der Zahlung und das Sicherheitspfand bestimmen. Aber das hier ist meine Schatzkammer, hier bin ich im Vortheil über Dich, und so wiederhole ich die Bedingungen nicht noch einmal, unter denen ich Dir die Freiheit bewillige.«

Der Jude weinte bitterlich. »Versprich mir wenigstens,« sagte er, »mit meiner eigenen Freiheit auch die meiner Reisegefährten. Sie verachteten mich zwar als einen Juden, allein sie hatten doch Mitleid mit meiner Verzweiflung, und weil sie sich unterwegs verweilten, mir zu helfen, ist ein Theil meines Unglücks auch über sie gekommen; überdies mögen sie auch wohl etwas zu meinem Lösegeld beitragen.«

»Wenn Du die Sachsen meinst,« wiederholte Front de Boeuf, »so sage ich Dir, daß ihre Befreiung an ganz andere Bedingungen geknüpft ist als die Deine. Bekümmere Dich doch nur um Dich, Jude, und nicht um die andern.«

»Also ich allein soll die Freiheit erhalten, aber doch mit meinem verwundeten Freunde?«

»Bekümmere Dich nur um Dich, Jude,« versetzte Front de Boeuf, »Du hast gewählt, zahle Dein Lösegeld, und zwar bald.«

»Aber höre mich nur,« sagte der Jude, »um des nämlichen Reichthums willen, den Du von mir erzwingen willst auf Kosten Deines« – hier hielt er inne, denn er fürchtete den wilden Normann zu beleidigen; aber Front de Boeuf lachte und füllte die Lücke aus, welche der Jude in seiner Rede gelassen hatte, – »auf Kosten meines Gewissens wolltest Du sagen, sprichs nur aus, Isaak, ich sage Dir, ich bin billig; ich kann Vorwürfe ertragen von einem, der im Verlust ist, und wenns auch ein Jude wäre. Aber kurz und gut, Jude, wann soll ich mein Geld bekommen?«

»Laßt meine Tochter nach York gehen, unter sicherem Geleite, und sobald als Mann und Pferd zurückkehren, sollst Du Deine« – hier weinte er wieder bitterlich, setzte aber nach einer Pause von einigen Sekunden hinzu, »Deine Zahlung in diesem Raume empfangen.«

»Deine Tochter,« sagte Front de Boeuf wie verwundert, »beim Himmel, Isaak, das hätt' ich eher wissen sollen! Ich dachte mir, daß das schwarzlockige Mädchen Deine Concubine wäre, und gab sie dem Ritter Brian de Bois-Guilbert zur Kammerjungfer, nach der Sitte der Patriarchen und Helden alter Zeit, die uns ja in dieser Art ein recht heilsames Beispiel gegeben haben.«

Der entsetzliche Schrei, den Isaak bei dieser so gefühllos vorgebrachten Nachricht ausstieß, machte das Gewölbe erschallen und betäubte selbst die beiden Saracenen dergestalt, daß sie den Juden los ließen. Dieser benutzte seine Freiheit und warf sich Front de Boeuf zu Füßen, dessen Knie er umschlang.

»Nehmt alles, was Ihr gefordert habt,« sagte er, »nehmt das Zehnfache, macht mich bettelarm, ja, durchbohre mich mit Deinem Dolche, brate mich lebendig dort auf dem Roste, nur schone meines Kindes, laß meine Tochter unentehrt von dannen! So wahr Du selbst vom Weibe geboren bist, schone die Ehre eines hilflosen unschuldigen Mädchens. Sie ist das Ebenbild meiner verstorbenen Rahel, das letzte von sechs Pfändern ihrer Liebe! Willst Du mich meines letzten Trostes, einen alten verlaßnen Vater seiner einzigen Stütze berauben? Willst Du, daß er wünschen soll, sie läge lieber im Grabe bei ihrer Mutter?«

Der Normann gab sich den Schein, als werde er etwas nachgiebiger. »Ich wünschte,« sagte er, »ich hätte das etwas früher erfahren. Ich dachte mir, Euer Stamm liebte nichts weiter als seine Geldsäcke.«

»Denke nicht so schnöde von uns,« schrie der Jude, der den Augenblick, wo anscheinend Mitgefühl in des Ritters Busen herrschte, benutzen wollte, »der gehetzte Fuchs, die gequälte Wildkatze liebt ihre Jungen, der verachtete und verfolgte Stamm Abrahams liebt auch seine Kinder.«

»Mag sein,« sagte Front de Boeuf, »künftig will ichs glauben, um Deinetwillen, Isaak – aber das hilft uns jetzt nichts mehr; ich habe meinem Waffenbruder mein Wort verpfändet und das breche ich um zehn Juden und Jüdinnen nicht. Uebrigens, was denkst Du denn, daß dem Mädchen groß Uebles widerfahren wird, wenn sie Bois-Guilbert als Beuteantheil erhält?«

»Das wird, das muß geschehen,« schrie Isaak und rang die Hände in Verzweiflung, »dann ist sie verloren; wann athmeten die Templer etwas anderes als Grausamkeit gegen die Männer und Entehrung gegen die Frauen?«

»Hund von einem Ungläubigen!« schrie Front de Boeuf mit blitzenden Augen, und erfreut, einen Vorwand seiner Leidenschaft zu haben, »lästere nicht den heiligen Boden des Tempels von Zion, denke vielmehr daran, wie Du mich bezahlen willst, sonst wehe Dir!«

»Räuber und nichtswürdiger Schurke!« schrie der Jude außer sich, denn er konnte die kochende Leidenschaft und sein gerechtes Rachegefühl nicht mehr unterdrücken, »nichts, nichts werde ich Dir zahlen, nicht einen rothen Pfennig, ehe mir meine Tochter nicht ausgeliefert ist.«

»Bist Du von Sinnen, Jude?« sagte der Normann finster. »Ist Dein Fleisch und Blut gefeit gegen glühend Eisen und siedend Oel?«

»Ich fürchte es jetzt nicht mehr,« versetzte Isaak, dem Vaterliebe den edelsten Heroismus einflößte, »thue Dein Aergstes! Mein Kind ist eben so mein Fleisch und Blut, mir aber tausendmal theurer als diese Glieder, die Deine Grausamkeit bedroht. Nicht einen Silberheller sollst Du erhalten von mir, es sei denn geschmolzen und in Deinen gierigen Schlund gegossen, Du Nazarener, und könnte ich Dich damit von der ewigen Verdammniß retten, die jeder Augen blick schon verdient, den Du in diesem Leben geathmet. Ja, nimm mir, nimm mir das Leben, aber erzähle dann auch, wie ein Jude mitten in den Todesqualen sich gefreut hat, eines Christen Habgier nicht befriedigt zu haben.«

»Das wollen wir doch gleich sehen,« sagte Front de Boeuf, »denn beim heiligen Kreuz, das Dein Stamm verabscheut, Du sollst Feuer und Stahl bis tief ins Lebendige fühlen. – Zieht ihn aus, Sklaven, und bindet ihn auf diese Eisenstangen.«

Bei dem nur schwachen Widerstande des alten Mannes hatten ihm die Blutknechte bald das Oberkleid abgezogen und waren dabei, ihn gänzlich zu entkleiden, als man vor dem Schlosse zweimal gewaltig ins Horn stoßen hörte. Dieser Klang rief Front de Boeuf sofort ab. Voll Unwillen über diese Störung gab der Baron den Sklaven ein Zeichen, dem Juden das Gewand zurückzugeben, und verließ mit ihnen den Kerker. Isaak sank erschöpft auf die Knie und dankte dem Gotte seiner Väter für die augenblickliche Rettung aus der entsetzlichen Noth.