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Ivanhoe.  Walter Scott
Kapitel 20.
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Und wenn die Herbstnacht trüb und lang
Das Aug den Waldpfad nimmer sieht,
Wie hold ertönt dem Pilger dann
Aus frommer Klausnerzell ein Lied.
Den Ton leiht Andacht von der Kunst
Die Kunst von dieser ihren Flug,
Dem Vogel gleich, der lichtwärts eilt,
Steigt singend auf der Herzen Brunst.
Der Klausner von St.
Clementsborn.

Nach einer Wanderung von drei guten Stunden gelangten Cedrics Diener mit ihrem geheimnißvollen Führer zu einer kleinen Oeffnung im Walde, in deren Mittelpunkte ein Eichbaum von ungeheurer Größe sich erhob, der seine Zweige nach allen Richtungen ausstreckte. Unter diesem Baume lagen vier bis fünf Schützen ausgestreckt, indeß ein anderer als Schildwache in dem vom Mondlicht gebildeten Schatten auf- und niederging.

So wie die Wache das Geräusch nahender Fußtritte hörte, machte sie Lärm; die Schläfer standen schnell auf und spannten ihre Bogen. Sechs auf den Strang gelegte Pfeile waren dem Orte zugekehrt, woher sich die Wanderer nahten. Da erkannten sie ihren Führer und bewillkommneten ihn mit allen Zeichen von Achtung und Zuneigung.

»Wo ist der Müller?« war seine erste Frage.

»Auf dem Wege nach Rotherham.«

»Mit wie vielen?« fragte der Führer, denn das schien er zu sein.

»Mit sechs Mann und bester Hoffnung auf Beute, wenns dem heiligen Nikolaus gefällt.«

»Mit Ehrfurcht gesprochen,« sagte Locksley; »und wo ist Allan vom Thal?«

»Nach Watling-Street zu, um dem Prior von Jorvaulx aufzupassen.«

»Gut ausgedacht!« versetzte der Hauptmann, »und wo ist der Mönch?«

»In seiner Zelle.«

»Dahin will ich,« sagte Locksley. »Zerstreut euch und sucht eure Gefährten auf! Sammelt, so viel ihr könnt, es gibt eine Jagd auf ein Wild, das nicht so leicht zu fällen sein wird. Mit Tagesanbruch trefft mich wieder hier! Und, wart doch! – Bald hätte ich das Nöthigste vergessen. Zwei von euch schlagen schnell den Weg nach Torquilstone ein, dem Schlosse Front de Boeufs. Ein Trupp von Zierbengeln, die sich wie unser eins maskirt haben, führt eine Anzahl Gefangene heran. Setzt ihnen zu, denn unsere Ehre steht auf dem Spiele, wenn wir nicht unsere Macht sammeln und sie strafen, ehe sie das Schloß erreichen. Schickt einen von euren Kameraden, den schnellsten Läufer fort, um den Landsassen ringsherum Nachricht zu geben.«

Die so Angeredeten versprachen unbedingten Gehorsam und entfernten sich mit der größten Schnelligkeit auf verschiedenen Wegen. Unterdeß setzte ihr Führer mit seinen zwei Gefährten, die ihn jetzt mit großer Achtung, in die sich etwas Furcht mischte, betrachteten, den Weg zur Kapelle von Copmanhurst fort.

Als sie die vom Monde beschienene Lichtung erreicht hatten und die ehrwürdige, wenngleich ziemlich verfallene Kapelle mit der rohen Wohnung des Einsiedlers, die recht geeignet zu ascetischer Frömmigkeit schien, zu Gesichte bekamen, lispelte Wamba Gurth ins Ohr: »Wenn das die Wohnung eines Diebes ist, so trifft das alte Sprichwort ein: Je näher der Kirche, desto ferner von unserm Herrgott! Höre nur das tolle Sanctus, das sie in der Einsiedelei singen.«

In der That sangen auch der Einsiedler und sein Gast mit aller Anstrengung ihrer kräftigen Lungen ein altes Trinklied, das zum Refrain hatte:

Troll Dich und bring mir den Biernapf her!

Zeterbub! Zeterbub!

Troll Dich und bring mir den Biernapf her!

Lustiger Hans, holla, sei Du kein Schuft,

Nein, troll Dich und bring mir den Biernapf her!

»Ei,« sagte er endlich, »wer hätte einen solchen Gesang um Mitternacht in eines Eremiten Zelle zu hören erwarten sollen.«

»Ja,« sagte Gurth, »den Geistlichen von Copmanhurst kennt man wohl, die Hälfte des gestohlenen Wildes hier im Forste hat er zu vertreten. Man sagt auch, der Wildhüter hat sich schon darüber beschwert, und er wird Rock und Kaputze ablegen müssen, wenn er nicht besser Ordnung halten will.«

Während sie so sprachen, hatte Locksleys wiederholtes Pochen den Einsiedler und seinen Gast aufgestört. »Wahrlich,« sagte der erstere, »da kommen noch mehr verspätete Gäste, sie dürfen uns in unsern frommen Uebungen nicht überraschen. Jedermann hat seine Feinde, Herr Faullenzer, und vielleicht könnte ein gastfreundliche, einem armen Wanderer gereichte Erquickung mir als Schwelgerei und Trunksucht ausgelegt werden. Und das sind doch Fehler, die meinem Stande und meiner Neigung ganz fremd sind.«

»Schnöde Verleumder!« versetzte der Ritter, »ich wollte, ich dürfte sie züchtigen. Indeß, heiliger Bruder, wahr ists, jeder hat seine Feinde; es gibt auch welche in diesem Lande, mit denen ich lieber durch das Visier des Helms als baarhaupt sprechen möchte.«

»Nun, so setze Deinen eisernen Topf auf, Freund Faullenzer, so schnell als es Deine Natur erlaubt,« sagte der Einsiedler, »ich will indessen die Flaschen wegräumen, und damit man das Geräusch nicht hört, stimme mit in das ein, was Du mich singen hörst, auf die Worte kommts nicht an, die weiß ich selber kaum.«

Und er hub ein donnerndes De profundis an, indem er das Trinkgeschirr abräumte; der Ritter, innerlich lachend und sich indessen waffnend, fiel mit seiner Stimme von Zeit zu Zeit ein, wenn es ihm seine Lustigkeit erlaubte.

»Welcher Teufelssabbath wird denn hier gefeiert?« rief eine Stimme von außen.

»Der Himmel vergebe Euch, Herr Reisender,« sagte der Einsiedler, dessen eigenes Geräusch ihn die Stimme nicht hatte erkennen lassen, obwohl sie ihm sonst ziemlich bekannt war. »Geht Eures Weges in Gottes und des heiligen Dunstan Namen und stört mich und meinen heiligen Bruder nicht in unsrer Andacht.«

»Toller Pfaff,« antwortete die Stimme von außen, »Locksley ist da!«

»Es ist alles sicher,« sagte der Eremit zu seinem Gefährten.

»Aber wer ists denn,« versetzte der schwarze Ritter, »es liegt mir viel daran, das zu wissen.«

»Wers ist? Ein Freund, sag ich Dir.«

»Aber was für ein Freund; es kann ein Freund von Dir sein und nicht von mir.«

»Nun, ich besinne mich, es ist der ehrliche Waldaufseher, von dem ich Dir schon gesagt habe.«

»Ein ehrlicher Aufseher, wie Du ein frommer Einsiedler bist. Aber öffne nur, ehe er die Thür einschlägt.«

Die Hunde, welche in der Zwischenzeit ein furchtbares Geheul erhoben hatten, schienen nun die Stimme des Außenstehenden zu erkennen, denn sie drängten sich winselnd nach der Thür, gleich als wollten sie um Einlaß für den Fremden bitten. Der Eremit öffnete, und Locksley mit seinen Gefährten trat ein.

»Wie?« war des Schützen erste Frage, als er den Ritter erblickte. »Was hast Du denn hier für saubere Gesellschaft?«

»Einen Bruder unsres Ordens,« antwortete der Einsiedler; »wir haben eben unsre Nachtandacht gehalten.«

»Er ist, glaube ich, ein Mönch von der streitbaren Kirche,« versetzte Locksley, »und es sind ihrer noch mehrere auswärts. Ich sage Dir, Bruder, Du mußt jetzt Deinen Rosenkranz bei Seite legen und Deinen Kampfstock ergreifen; wir brauchen jeden von unsern Gefährten, er mag Geistlicher oder Weltlicher sein. Aber,« setzte er hinzu, indem er ihn ein wenig auf die Seite zog, »bist Du denn toll? Einen Ritter, den Du nicht kennst, einzulassen! Hast Du unsre Gesetze vergessen?«

»Ihn nicht kennen?« erwiderte kühn der Bruder, »ich kenne ihn so gut, als der Bettler seine Schüssel kennt.«

»Wie heißt er denn?« fragte Locksley.

»Sein Name – sein Name ist Sir Anthony von Scrabelstone, als wenn ich mit jemand trinken würde, dessen Namen ich nicht wüßte!«

»Du hast, denk ich, genug getrunken, Bruder,« sagte der Landsasse, »und auch genug geplaudert.«

»Guter Freund!« sagte der Ritter hervortretend, »zanke nicht mit meinem lustigen Wirth! Er hat mir eine Gastfreundschaft erwiesen, die ich erzwungen haben würde, wenn er sie mir versagt hätte.«

»Du zwingen!« sagte der Bruder Einsiedler, »warte nur, bis ich diesen grauen Kittel mit einem grünen Kamisol vertauscht habe, und wenn ich Dir nicht zwölfmal den Kampfstock auf den Kopf knallen lasse, will ich kein wahrer Geistlicher und kein wahrer Waldmann sein.«

Mit diesen Worten streifte er sein Gewand ab, und stand in einem engen schwarzen Wamms und Unterhosen da, über welche er schnell einen grünen Rock und Beinkleider von gleicher Farbe zog. »Hilf mir den Rock zunesteln,« sagte er zu Wamba, »und Du sollst einen Becher Sect für Deine Mühe haben.«

»Großen Dank für Deinen Sect; denkst Du denn, es wäre mir gestattet, Dir zu helfen, wenn Du Dich aus einem heiligen Klausner zum sündigen Waldläufer machen willst?«

»Nur keine Furcht!« sagte der Eremit; »ich will die Sünden meines grünen Rocks der grauen Kutte beichten, dann gleicht sich alles wieder aus.«

»Amen,« antwortete der Schalk; und während er dem Eremiten beim Ankleiden behülflich war, führte Locksley den Ritter bei Seite und sagte zu ihm: »Leugnet es nicht, Herr Ritter, Ihr seid es, der am zweiten Tage des Turniers von Ashby den Sieg zum Vortheil der Angelsachsen gegen die Fremden entschieden hat.«

»Und was folgt daraus, wenn Ihr recht gerathen habt, guter Yeoman?«

»Ich halte Euch in diesem Falle für einen Freund der schwächeren Partei.«

»Das ist die Pflicht eines echten Ritters,« versetzte der schwarze Kämpe, »ich sähe es ungern, wenn man etwas anderes von mir vermuthete.«

»Für meinen Zweck,« sagte der Schütze, »mußt Du ein ebenso guter Angelsachse als Ritter sein.«

»England und das Leben jedes Angeln und Sachsen kann niemandem theurer sein als mir.«

»Ich glaube es gern,« sagte der Waldmann; »höre, ich will Dir ein Unternehmen mittheilen, woran Du, wenn Du wirklich bist, was Du mir scheinst, theilnehmen kannst. Eine Bande Elender, die sich in bessere Leute verkleidet haben, als sie selbst sind, haben sich der Person eines edlen Mannes, Cedric der Sachse genannt, nebst seiner Tochter und seines Freundes Athelstane von Coningsburgh bemächtigt, und schleppen sie nun nach einem Schlosse in dieser Waldgegend, mit Namen Torquilstone. Ich frage Dich als einen braven Ritter und guten Angeln, willst Du theilnehmen an ihrer Befreiung?«

»Das befiehlt mir meine Pflicht,« versetzte der Ritter, »aber nun möchte ich auch wissen, wer Ihr seid, der Ihr mich dazu auffordert?«

»Ich bin,« erwiderte der Waldbewohner, »ein namenloser Mann, allein ein Freund meines Vaterlandes und seiner Freunde. Damit müßt Ihr Euch vor der Hand begnügen, zumal da auch Ihr noch unerkannt zu bleiben wünscht. Glaubt mir aber, mein gegebenes Wort ist mir ebenso heilig als einem, der goldene Sporen trägt.«

»Ich glaube es gern,« sagte der Ritter, »ich verstehe mich auf Gesichter und lese in dem Deinen Ehrlichkeit und Entschlossenheit. Wohlan, ich helfe! Ists vorbei, werden wir uns schon genauer kennen lernen.«

»Nun,« sagte Wamba zu Gurth, dem diese letzten Worte nicht entgangen waren, »so hätten wir ja einen neuen Verbündeten, und auf die Tapferkeit des Ritters vertraue ich mehr, als auf die Religion des Eremiten und die Ehrlichkeit des Yeoman; denn der Locksley sieht mir aus wie ein geborener Wilddieb, und der Priester wie ein lüsterner Heuchler.«

»Still, still,« sagte Gurth, »da es die Befreiung Cedrics und der Lady Rowena gilt, nehme ich den gehörnten Teufel selbst zu Hilfe, ohne die Sünde zu scheuen.«

Der Einsiedler war jetzt völlig als Schütze gekleidet, mit Schwert und Schild, Bogen und Köcher, und einem tüchtigen Knotenstock auf der Schulter. Er verließ nun an der Spitze des Haufens die Zelle, verschloß sie sorgfältig und legte den Schlüssel unter die Thürschwelle.

»Nun,« sagte Locksley, »bist Du in der Verfassung, gute Dienste zu leisten, oder spukt Dir der Biernapf und Zeterbub noch im Kopfe?«

»Ein Schluck Dunstanquell wird das legen,« antwortete der Priester. »Es ist in meinem Hirn etwas wie Dusel und einiger Wankelmuth in meinen Beinen, Ihr werdet aber gleich sehen, wie beides schwindet.«

Mit diesen Worten ging er zu dem steinernen Bassin, in welchem das Quellwasser beim Niederfallen Blasen und Wellen machte, die im Mondlicht tanzten, und that einen so mächtigen Zug, als wollte er den ganzen Born austrinken.

»Wann nahmst Du jemals so viel Wasser zu Dir, heiliger Mann von Copmanhurst?«

»Niemals wieder, seitdem einmal mein Weinfaß geleckt hatte und mir nichts übrig blieb als diese Wohlthat meines Schutzpatrons.«

Darauf ging er zur Quelle hinab, wusch sich das Gesicht und sagte: »Nun ist alles vorbei.« Alsdann schwang er seinen gewichtigen Kampfstock mit drei Fingern ums Haupt und rief: »Wo sind die elenden Räuber, welche Menschen wider ihren Willen wegführen? Und stände ihnen der böse Feind bei, ich nehme es allein mit einem Dutzend von ihnen auf.«

»Was?« sagte der schwarze Ritter, »heiliger Mann, Du fluchst?«

»Ach beheilige mich nicht mit heilig! Ich bins nur, so lange ich meine Kutte am Leibe trage; habe ich aber meinen grünen Rock angezogen, dann trink ich, schwör ich und fluch ich mit einem Jägersmann um die Wette.«

»Komm nur und schweig,« sagte Locksley, »Du machst einen Lärm, wie ein ganzes Kloster, wenn der Abt zu Bett gegangen ist. – Ihr andern folgt mir alle, denn wir müssen unsere Macht zusammennehmen, und wir sind unser immer noch wenig genug, wenn wir das Schloß von Reginald Front de Boeuf mit Sturm nehmen wollen.«

»Wie?« fragte der schwarze Ritter, »ist es Front de Boeuf, der auf des Königs offener Straße des Königs getreue Lehnsleute anfällt? Ist er denn zum Diebe und Unmenschen geworden?«

»Unmensch war er immer!« sagte Locksley.

»Und mit der Ehrlichkeit,« setzte der Eremit hinzu, »ists auch nicht weit her. Mancher Dieb von meiner Bekanntschaft ist viel rechtschaffener als er.«

»Mach fort, Priester,« sagte der Schütz, »und schweig! Du thust besser, wenn Du uns den Weg zu unserm Sammelplatze zeigst, als wenn Du über etwas, das aus Klugheit und Anstand besser unbesprochen bliebe, noch lange schwatzest.«