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Ivanhoe.  Walter Scott
Kapitel 16.
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Fern in der Wildniß, unbekannt den Menschen,
Verbracht ein Eremit sein ganzes Dasein.
Moos war sein Bett, die Höhle seine Zelle,
Von Früchten nährt er sich und trank den Quell,
Fern von den Menschen lebt' er nur mit Gott;
Sein Thun war Beten, seine Lust Lobpreisen.
Pavnell.

Der Leser kann nicht vergessen haben, daß die Entscheidung des Turniers hauptsächlich durch die Anstrengungen des unbekannten Ritters herbeigeführt wurde, den die Zuschauer wegen seines gleichgültigen Verhaltens im ersten Theile des Tages den schwarzen Faullenzer genannt hatten. Der Ritter hatte sogleich nach entschiedenem Siege den Kampfplatz verlassen, und während er von den Herolden und Trompetern aufgefordert wurde, den Lohn seiner Thaten in Empfang zu nehmen, hatte er bereits seinen Weg nach Norden fortgesetzt, alle besuchten Pfade vermeidend und den kürzesten durch die Wälder einschlagend. Er brachte die Nacht in einer kleinen Herberge zu, welche von dem gewöhnlichen Wege abseits lag, wo er aber von einem wandernden Minstrel Nachrichten über den Ausgang des Turniers erhielt.

Am folgenden Morgen brach der Ritter früh auf, in der Absicht einen langen Weg zurückzulegen. Sein Pferd, welches er den Tag vorher sehr geschont hatte, würde ihn dies Vorhaben auch, ohne sich viel Ruhe zu gönnen, haben ausführen lassen, allein er fand die Wege, welche er eingeschlagen hatte, sehr schlecht, so daß er, als schon der Abend hereinbrach, sich erst auf der Grenze des westlichen Theiles von Yorkshire befand. Mann und Pferd bedurften der Erquickung, und der Ritter mußte sich durchaus nach irgend einer Stelle umsehen, wo er die Nacht, deren Anbruch nicht mehr fern war, zubringen konnte.

Der Platz, wo sich der Ritter befand, schien durchaus weder Unterkommen noch Erquickung zu versprechen, er also auf die gewöhnliche Aushilfe irrender Ritter beschränkt zu sein, die bei solchen Gelegenheiten ihre Rosse grasen ließen, und sich daneben hinstreckten, um sich den Gedanken an die Dame ihres Herzens unter dem Baldachin eines Eichbaumes zu überlassen. Allein der schwarze Ritter hatte entweder kein Liebchen, oder er war in der Liebe so gleichgültig wie im Kampfe; genug, er fühlte sich nicht aufgelegt zu so einsamer Unterhaltung und war sehr mißvergnügt, als er um sich schaute und sich tief im Walde sah, durch den wohl einige offene Gänge führten, die jedoch lediglich von den zahlreichen Herden getreten zu sein schienen, die in dem Walde grasen, oder vielleicht auch von dem Wilde und den Jägern, die dort auf dasselbe Jagd machten.

Die Sonne, die dem Ritter vornehmlich zum Wegweiser gedient hatte, war nun hinter die Hügel von Derbyshire zur Linken hinabgesunken, und jeder Versuch, den er machte, seinen Weg fortzusetzen, konnte ihn ebensowohl von dem rechten Pfade ableiten, als seine Reise fördern. Nachdem er umsonst versucht hatte, den betretensten Pfad zu wählen, in der Hoffnung, daß er zur Hütte eines Hirten oder der Wohnung eines Forsthüters leiten möchte, und nachdem er die Unmöglichkeit eingesehen, sich zu irgend einer Wahl zu bestimmen, beschloß er, der Scharfsichtigkeit seines Rosses zu vertrauen, denn die Erfahrung hatte ihn bei frühern Gelegenheiten gelehrt, daß diese Thiere ein bewundernswerthes Talent besitzen, sich und ihre Reiter aus dergleichen Verlegenheiten zu ziehen.

Das gute Thier, durch die lange Tagereise unter einem geharnischten Reiter ganz ermüdet, fand sich durch die schlaffen Zügel nicht so bald seiner eigenen Willkür überlassen, als es auch neue Kraft und neuen Muth zu bekommen schien. Es spitzte wieder die Ohren und setzte sich in schnellere Bewegung. Der Weg aber, den das Pferd einschlug, wandte sich immer mehr von dem ab, den der Ritter den Tag über eingeschlagen hatte; allein da sein Roß so zuversichtlich schien, überließ er sich ganz und gar seinem Willen.

Der Erfolg rechtfertigte dieses Vertrauen, denn der Fußpfad wurde immer weniger wild und verworren, und der Ton eines kleinen Glöckchens ließ den Ritter vermuthen, daß er sich nun in der Nachbarschaft einer Kapelle oder Einsiedelei befinde.

Wirklich erreichte er bald einen offenen Rasenplatz, an dessen entgegengesetztem Ende ein von einem sanften Abhange sich steil erhebender Felsen seine graue, vom Wetter zerrissene Stirn dem Wanderer darbot. Epheu bekleidete seine Seiten an manchen Stellen, an andern standen kleine Eichen und sonstiges Gebüsch, dessen Wurzeln in den Spalten des Felsens Nahrung fanden, und dieses schwankte über dem darunter befindlichen Abgrunde, wie der Federbusch des Kriegers über dem stählernen Helme dem Schrecklichen Anmuth verleiht. Am Fuße des Felsens war eine Hütte erbaut, zumeist aus Baumstämmen gefertigt, die in dem nahen Forste gefällt waren, und gegen das Wetter geschützt durch Moos und Lehm, die die Ritzen und Spalten ausfüllten. Der Stamm einer jungen, aller Zweige entblößten Tanne, an welchem nahe dem Ende ein Querholz befestigt war, stand aufgerichtet dicht an der Thür, als ein rohes Zeichen des heiligen Kreuzes. In geringer Entfernung zur Rechten sickerte ein Quell klaren Wassers aus dem Felsen, und wurde in einem hohlen Steine aufgefangen, der einem Bassin glich. Aus demselben wieder herausfließend, rieselte das Wasser in einem schmalen Kanale durch die kleine Ebene hin, bis es sich endlich in dem benachbarten Walde verlor.

An der Seite dieser Quelle befanden sich die Ruinen einer ganz kleinen Kapelle, deren Dach zum Theil eingefallen war. Das Gebäude hatte, selbst als es noch unversehrt war, niemals über sechzehn Fuß in der Länge und zwölf in der Breite gehabt, und das im Verhältniß sehr niedrige Dach ruhte auf vier Bogen, welche von den vier Ecken ausgingen und deren jeder sich auf einen kurzen dicken Pfeiler stützte. Die Rippen von zweien dieser Bogen waren geblieben, obgleich das Dach zwischen sie herein gestürzt war; über den andern sah man es noch vollständig. Der Eingang dieses alten Bethauses war unter einem niedrigen runden Bogen angebracht, verziert mit mehreren Reihen jener Zickzackspitzen, welche den Haifischzähnen gleichen, wie man sie so oft in den ältern sächsischen Kirchen findet. Ein Glockenstuhl erhob sich über dem Vorhof auf vier kleinen Pfeilern, und in demselben hing die vom Wetter grünlich gefärbte Glocke, deren schwache Töne eben zu des Ritters Ohren gedrungen waren.

Die ganze stille und friedliche Scene lag schimmernd im Zwielichte vor den Augen des Wanderers und gab ihm die Hoffnung eines Unterkommens für die Nacht, denn es war die besondere Pflicht solcher in den Wäldern hausender Einsiedler, gegen verspätete oder verirrte Wanderer Gastfreundschaft auszuüben.

Demzufolge verlor der Ritter keine Zeit mit genauerer Betrachtung der von uns beschriebenen Einzelnheiten, sondern dem heiligen Julian, dem Schutzpatron der Reisenden, dankend, daß er ihm endlich eine gute Herberge gezeigt habe, stieg er vom Rosse und klopfte mit dem Schafte der Lanze an die Thür des Eremiten, um sich Einlaß zu verschaffen.

Es währte ziemlich lange, ehe er eine Antwort erhielt, und diese war nicht sehr einladend.

»Nur vorüber, wer Du auch bist!« rief eine tiefe rauhe Stimme aus der Hütte, »störe nicht den Diener Gottes und des heiligen Dunstan in seiner Abendandacht.«

»Würdiger Vater,« versetzte der Ritter, »es ist ein armer Wanderer, der sich in diesen Wäldern verirrt hat, und der Euch Gelegenheit gibt, Eure Milde und Gastfreundschaft zu zeigen.«

»Guter Bruder,« entgegnete der Bewohner der Einsiedelei, »es hat unserer Frau und dem heiligen Dunstan gefallen, mich eher zum Gegenstande solcher Tugenden zu machen, als zum Ausüben derselben. Ich habe keine Lebensmittel hier, die auch nur ein Hund mit mir würde theilen wollen, und selbst ein nur etwas zärtlich gewöhntes Pferd würde mein Lager verschmähn – so gehe denn Deines Weges und Gott geleite Dich!«

»Aber wie ist es denn möglich,« erwiderte der Ritter, »den Weg durch einen solchen Wald zu finden, da schon die Dunkelheit hereinbricht? Ich bitte Euch, ehrwürdiger Vater, öffnet Eure Thür und bringt mich wenigstens auf den rechten Weg!«

»Und ich bitte Euch,« versetzte der Anachoret, »stört mich nicht länger. Ihr habt heute ein Paternoster, zwei Aves und ein Credo unterbrochen, welche ich elender Sünder meinem Gelübde zufolge vor Aufgang des Mondes schon gebetet haben sollte.«

»Den Weg! den Weg wenigstens!« rief der Ritter, »wenn ich nicht mehr von Dir zu erwarten habe.«

»Der Weg,« versetzte der Eremit »ist leicht zu finden. Der Weg führt vom Walde zu einem Sumpfe, und von diesem zu einer Furth, die jetzt, da der Regen nachgelassen hat, wohl gangbar sein wird. Wenn Du durch die Furth bist, so halte Dich links am Ufer, aber nimm Dich in Acht, denn es ist ziemlich steil, und der Pfad ist, wie ich höre, (denn ich verlasse selten die Pflichten meiner Kapelle), an mancher Stelle ein wenig weggespült. Dann geh nur gerade fort.«

»Ein zerrissener Pfad, ein Abgrund, eine Furth und ein Morast,« unterbrach ihn der Ritter; »nein, Herr Eremit, und wäret Ihr der Heiligste, der je einen Rosenkranz betete, auf einen solchen Weg würdet Ihr mich des Nachts nicht bringen. Ich sage Dir, daß Du, der selbst von der Milde der Menschen umher lebt, die Du, wie es scheint, schlecht verdienst, kein Recht hast, dem armen Wanderer in seinen Nöthen eine Zuflucht zu versagen. Entweder öffne gleich die Thür selbst, oder so wahr ich lebe, ich schlage sie ein, und bahne mir den Eintritt mit Gewalt.«

»Freund Wanderer,« versetzte der Eremit, »sei nicht zudringlich! Wenn Du mich zwingst, fleischliche Waffen gegen Dich zu meiner Vertheidigung zu gebrauchen, so möchtest Du wohl am schlimmsten wegkommen.«

In diesem Augenblicke wurde ein entferntes Geräusch von Bellen und Knurren, welches unser Wanderer schon seit einiger Zeit gehört hatte, außerordentlich laut und heftig, und ließ den Ritter vermuthen, der Einsiedler möchte, durch seine Drohung des Einbruchs erschreckt, die Hunde herbeigerufen haben, von denen jene Töne offenbar herrührten. Erzürnt über diese Anstalten des Einsiedlers, seinen unfreundlichen Vorsatz auszuführen, stampfte der Ritter so wüthend mit dem Fuße gegen die Thür, daß Pfosten und Angeln erbebten.

Der Einsiedler rief nun mit lauter Stimme: »Geduld! Geduld! spare Deine Kräfte, guter Freund, ich werde sofort aufmachen, ob es Dir gleich eben nicht zum großen Vergnügen gereichen möchte.«

Jetzt öffnete sich die Thür, und der Einsiedler, ein großer Mann von starkem Gliederbau, in seinem groben Kleide nebst Kappe, mit einem Stricke von Binsen umgürtet, stand vor dem Ritter. In der einen Hand trug er eine brennende Fackel und in der andern einen Stock von wildem Apfelbaum, so dick und schwer, daß man ihn wohl eine Keule nennen konnte. Zwei große zottige Bastardhunde waren bereit, auf den Wanderer loszustürzen, sobald die Thür geöffnet sein würde. Als aber die Fackel auf der Rüstung des Ritters widerstrahlte, änderte der Eremit offenbar seinen Plan und hielt die Wuth seiner Bundestruppen zurück; zugleich lud er den Ritter im Tone kirchlicher Höflichkeit ein, in seine Zelle einzutreten, indem er sein früheres Betragen damit entschuldigte, daß oft nach Sonnenuntergang Räuber und Geächtete umherstreiften, welche unsere Frau und den heiligen Dunstan und diejenigen, die ihr Leben dem Dienste derselben gewidmet hätten, gar wenig in Ehren hielten.

»Die Armuth Eurer Zelle, guter Vater,« sagte der Ritter sich umschauend und nichts erblickend als ein Blätterlager, ein grob aus Eichenholz gearbeitetes Crucifix, ein Meßbuch, nebst einem rauh behauenen Tische und zwei Stühlen, und einem oder ein paar andern Geräthschaften, »die Armuth Eurer Zelle sollte schon eine hinreichende Schutzwehr gegen Diebe scheinen, nicht zu gedenken der beiden tüchtigen Hunde, die stark genug sind, sollte ich meinen, einen Hirsch niederzuwerfen und es mit mehreren Menschen zugleich aufzunehmen.«

»Der Aufseher des Forstes,« sagte der Einsiedler, »hat mir erlaubt, in meiner Einsamkeit und bis die Zeiten besser werden, diese Thiere zu meinem Schutze zu halten.«

Nach diesen Worten befestigte er seine Fackel auf einem eisernen gedrehten Stiel, der ihm statt eines Leuchters diente; dann setzte er den eichenen Tisch an den Feuerherd, auf dem er trockenes Holz zulegte, stellte einen Stuhl an die eine Seite, und bat den Ritter ein Gleiches zu thun.

Sie setzten sich, und jeder sah den andern mit großem Ernst an, indem er im Herzen denken mochte, daß er selten eine kräftigere, athletische Figur gesehen habe als die, welche ihm jetzt gegenübersaß.

»Ehrwürdiger Einsiedler,« sagte der Ritter, nachdem er seinen Wirth lange und fest angesehen hatte, »wenn ich Euch nicht in Euern frommen Betrachtungen störe, so möchte ich drei Dinge von Eurer Heiligkeit erfahren: Erstens, wo ich mein Pferd hinstellen soll? Zweitens, was ich zum Abendessen bekommen kann? und drittens, wo ich selbst diese Nacht mein Lager aufschlagen werde?«

»Darauf will ich durch meine Finger antworten,« versetzte der Einsiedler, »denn es ist gegen meine Grundsätze, durch Worte zu reden, wo ich mich der Zeichen bedienen kann.« Hiermit zeigte er ihm nach einander zwei Ecken der Hütte. »Hier Euer Stall,« setzte er hinzu, »und dort Euer Bett. Und das,« indem er eine Schüssel mit einer Hand voll gerösteter Erbsen von einem nahen Gesimse herunternahm und auf den Tisch stellte, »das Euer Abendessen!«

Der Ritter zuckte die Achseln, verließ die Hütte, brachte sein Pferd herein, das er vorher an einen Baum gebunden hatte, sattelte es mit vieler Aufmerksamkeit ab und breitete seinen eigenen Mantel auf den breiten Rücken des Thieres.

Der Eremit schien durch diese Sorgsamkeit zur Theilnahme angeregt, denn indem er etwas von Futter murmelte, welches für das Pferd des Forstaufsehers hier zurückgeblieben sei, brachte er ein Bündel Heu aus einem Schlupfwinkel hervor und legte es dem Streitroß des Ritters vor; dann schüttete er in der Ecke die er dem Ritter zur Schlafstelle angewiesen hatte, einen Haufen gedörrtes Farrenkraut aus. Der Ritter dankte ihm für diese Höflichkeit; und nachdem so jeder seine Schuldigkeit gethan, nahmen sie ihre Sitze an dem Tische wieder ein, auf dem die Schüssel mit Erbsen stand. Nachdem der Eremit ein langes Gebet gesprochen hatte, das wohl ursprünglich lateinisch gewesen sein mochte, von dem jedoch nur noch wenig Spuren übrig waren, gab er seinem Gaste das Beispiel und steckte zwei bis drei getrocknete Erbsen mit Anstand in den ziemlich großen Mund, der mit Zähnen besetzt war, die an Weiße und Schärfe es mit denen eines Ebers aufnehmen konnten, freilich eine ziemlich kleine Aufschütte für eine so große und starke Mahlmühle.

Der Ritter, um einem so löblichen Beispiele zu folgen, legte seinen Helm und den größten Theil seiner Rüstung ab und zeigte dem Eremiten ein von gelbem Haar umlocktes Haupt, edle Züge, blaue Augen, die ausgezeichnet groß und feurig waren, einen wohlgebildeten Mund, dessen Oberlippe von einem Barte bedeckt war, dunkler als das Haupthaar, im Ganzen aber das Ansehen eines kühnen und unternehmenden Mannes, womit seine Gestalt ganz im Einklang stand.

Der Eremit, gleichsam um das Vertrauen seines Gastes zu erwidern, zog seine Kappe ab und zeigte dem Fremden das Haupt eines Mannes in der vollen Blüthe des Lebens. Sein kurz geschorner Wirbel, umgeben von einem Kreise lockiger, schwarzer Haare, hatte Aehnlichkeit mit einer Gemeindeweide, die von etwas hohen Einfriedungen umschlossen ist. Das Gesicht zeigte nichts von mönchischer Strenge noch ascetischer Entsagung; im Gegentheil bemerkte man einen etwas kühnen und trotzigen Blick, breite und dunkle Augenbrauen, eine wohlgebildete Stirn, und Wangen rund und glänzend wie die eines Trompeters, von denen ein langer, krauser, schwarzer Bart herabfloß. Ein solches Gesicht in Verbindung mit der kraftvollen Gestalt des heiligen Mannes, zeugte mehr von dem Genuß von Rehkeulen, Schinken, Braten und dergleichen, als von Erbsen und trockenen Gemüsen. Dieser Widerspruch entging auch dem Gaste nicht. Nachdem er nicht ohne Beschwerde den Mund voll getrockneter Erbsen zermalmt hatte, fand er es durchaus nothwendig, seinen frommen Wirth auch um einige Feuchtigkeit zu ersuchen. Dieser setzte ihm sogleich einen Krug mit dem reinsten Quellwasser vor.

»Es ist aus der Quelle des heiligen Dunstan«, sagte er, »worin er von einem Sonnenaufgang bis zum andern fünfhundert heidnische Dänen und Britten getauft hat, gesegnet sei sein Name.« Damit setzte er seine schwarzbehaarten Lippen an den Krug und nahm einen der Quantität nach viel mäßigern Trunk, als man nach seiner Lobrede hätte erwarten sollen.

»Es scheint mir, ehrwürdiger Vater,« sagte der Ritter, »daß die schmalen Bissen, die Ihr genießt, so wie das heilige, jedoch etwas dünne Getränk bewundernswürdig bei Euch angeschlagen haben. Ihr kommt mir eher vor wie ein Mann, der geschickter ist, den Preis in einem Ringspiele oder in einem Schwertkampfe zu erwerben, als seine Zeit in dieser einsamen Wildniß mit Messelesen zu vergeuden, und von getrockneten Erbsen und kaltem Wasser zu leben.«

»Herr Ritter,« sagte der Einsiedler, »Eure Gedanken sind, wie die eines unwissenden Laien, fleischlich. Es hat unsrer lieben Frau und meinem Schutzheiligen gefallen, meine dürftige Kost zu segnen, ebenso wie die Hülsenfrüchte und das Wasser den Kindern Sadrach, Mesach und Abednegos gesegnet wurden, weil sie sie dem Wein und den köstlichen Gerichten vorzogen, die ihnen von dem Könige der Saracenen angeboten wurden.«

»Heiliger Vater, an dessen Körper der Himmel solche Wunder gewirkt hat,« sagte der Ritter, »erlaubt einem sündhaften Laien, Euch um Euren Namen zu bitten.«

»Du magst mich,« versetzte der Eremit, »den Geistlichen von Copmanhurst nennen, denn so heiße ich in dieser Gegend. Sie setzen freilich noch das Wort heilig hinzu, allein ich bestehe nicht darauf, da ich dieses Zusatzes unwürdig bin. Und nun, tapferer Ritter, darf ich um den Namen meines verehrlichen Gastes bitten?«

»Wohl,« sagte der Ritter, »die Leute nennen mich in dieser Gegend den schwarzen Ritter, manche setzen noch das Wort ›Faullenzer‹ hinzu, allein ich lege darauf auch keinen großen Werth.«

Der Eremit konnte bei der Antwort seines Gastes sich kaum des Lachens enthalten.

»Ich sehe,« sagte er, »Herr fauler Ritter, daß Du ein Mann von Verstand und Klugheit bist; ferner sehe ich auch, daß Dir meine geringe Mönchskost nicht behagt, da Du vielleicht gewohnt bist, an Höfen und Lagern, sowie in Städten, in Ueppigkeit und Ueberfluß zu leben; jetzt nun fällt mir ein, daß, als der mildgesinnte Aufseher des Forstes mir diese Hunde zum Schutze und diese wenigen Bündel Heu zurückließ, er mir auch noch etwas weniges Speise hinterlassen hat, an die ich, da ich sie selbst nicht brauchen konnte, mitten unter meinen tiefen und wichtigen Betrachtungen nicht mehr gedacht habe.«

»Das dachte ich mir gleich,« sagte der Ritter, »ich hätte, sowie Ihr Eure Kappe abnahmt, heiliger Vater, darauf schwören wollen, es müßte sich bessere Kost in der Hütte finden. Euer Aufseher ist doch ein lustiger Schalk, und wahrhaftig, wer könnte dulden, wenn er Deine Mühlsteine sich mit solchen Erbsen abquälen und Deinen Hals mit so ungeistigem Elemente bespült sieht, daß Du solche Pferdenahrung und solchen Pferdetrank verdauen solltest? Laß uns doch des Aufsehers Güte unverzüglich benutzen.«

Der Eremit warf einen ernsten Blick auf den Ritter, in dem eine Art komischen Zauderns lag, als wäre er noch ungewiß, in wie weit es klug und gerathen sei, dem Gaste zu trauen. Indessen zeigte sich in des Ritters ganzem Wesen so viel Offenheit, als nur durch das Aeußere ausgedrückt werden konnte. Sein Lächeln besonders hatte etwas unwiderstehlich Komisches, und zeugte zugleich von Ehrlichkeit und Redlichkeit, so daß sein Wirth sich nicht enthalten konnte, damit zu sympathisiren.

Nachdem der Eremit einen oder zwei Blicke mit ihm gewechselt hatte, ging er nach einer entfernten Seite der Hütte zu und öffnete hier eine Thür, die sehr künstlich und sorgfältig versteckt war. Aus einer dunklen Zelle, zu der jene Oeffnung führte, brachte er nun eine große Pastete in einer zinnernen Schüssel von außerordentlicher Größe hervor. Dieses mächtige Gericht setzte er seinem Gaste vor, der sich sogleich seines Dolches bediente, um es zu öffnen, und keine Zeit verlor, mit dem Inhalte genauere Bekanntschaft zu machen.

»Wie lange ist es denn her, daß der gute Aufseher hier gewesen ist?« fragte der Ritter seinen Wirth, nachdem er eiligst einige Stücke dieser wohlschmeckenden Erquickung verschlungen hatte.

»Ungefähr zwei Monate,« antwortete der Einsiedler schnell.

»Beim Himmel,« versetzte der Ritter, »alles in Eurer Einsiedelei ist wunderbar, heiliger Vater, denn ich möchte schwören, der fette Rehbock, der den Inhalt dieser Pastete geliefert hat, sei noch in dieser Woche auf seinen Füßen herumgelaufen.«

Der Eremit schien durch diese Bemerkung ein wenig betroffen, und überdies machte er ein trübseliges Gesicht, da er die Abnahme der Pastete gewahr wurde, in welche sein Gast verzweifelte Einfälle machte, eine Kriegskunst, an der ihm seine vorhergegangene Enthaltsamkeitserklärung leider in keiner Weise Antheil zu nehmen gestattete.

»Ich bin in Palästina gewesen, heiliger Vater,« sagte der Ritter, indem er plötzlich mit Essen innehielt, »und ich erinnere mich der daselbst herrschenden Sitte, daß jeder Wirth, der seinen Gast speiset, ihn dadurch von der Gesundheit der Nahrung überzeugen muß, daß er sie mit ihm theilt. Fern sei es von mir, einen Verdacht auf einen so heiligen Mann, wie Ihr seid, zu werfen; indessen würde es mir doch sehr angenehm sein, wenn Ihr Euch dieser morgenländischen Sitte unterwerfen wolltet.«

»Um Euch Eure unnöthigen Bedenklichkeiten zu nehmen, Herr Ritter, will ich einmal von meiner Regel abweichen,« versetzte der Einsiedler. Und da es zu jener Zeit noch keine Gabeln gab, so waren seine gierigen Fänge alsobald in den Eingeweiden der Pastete.

Da nun das Eis der Ceremonie einmal gebrochen war, so schienen Gast und Wirth zu wetteifern, wer den besten Appetit zeigen würde; und obgleich der erste ziemlich lange gefastet hatte, übertraf ihn der letztere bei weitem.

»Heiliger Vater,« sagte der Ritter, nachdem er seinen Hunger gestillt hatte, »ich wollte wetten, der gute Aufseher, der so schön für Eure Nahrung gesorgt hat, wird Euch auch einen Schluck Wein oder Sect oder dergleichen zur Begleitung des trefflichen Gerichts hinterlassen haben. Das wird Euch vermuthlich auch wieder aus dem Gedächtnisse gekommen sein, indeß sucht nur einmal recht nach, und Ihr werdet gewiß finden, daß ich nicht Unrecht habe.«

Der Eremit antwortete darauf bloß mit einem freundlichen Grinsen, und kehrte zu der Zelle zurück, aus welcher er eine lederne Flasche hervorlangte, die ungefähr vier Maaß halten mochte. Er brachte auch zwei große Trinkgefäße herbei, die aus Auerochsenhörnern gefertigt und mit Silber beschlagen waren. Nachdem er auf diese Weise wacker dafür gesorgt hatte, daß die Abendmahlzeit säuberlich hinabgespült wurde, schien er alle weiteren Ceremonien für rein überflüssig zu halten; er füllte daher beide Becher und rief in sächsischer Mundart: »Vaes hael, sleácmôd cniht, Deine Gesundheit, Herr fauler Ritter!« wobei er seinen eigenen auf einen Zug leerte.

»Drinc hael, hâleg cleric of Copmanhurst!« erwiderte der Kriegsmann sofort in reinem Sächsisch und that seinem Wirthe mit einer gleichen Quantität Bescheid. »Ich muß mich wundern, daß ein Mann mit solchen Muskeln und Sehnen wie die Deinen,« fuhr er fort, »und der überdies ein so treffliches Talent für Rehkeulen und Schinken aufweist, daran denken konnte, sein Licht unter einen Scheffel zu stellen und sich in dieser Wildniß zu vergraben. Nach meinem Urtheil taugt Ihr besser ein Schloß oder ein Fort zu behaupten, gut zu essen und kräftig zu trinken, als hier bei Erbsenbrei und Wasser zu leben, oder gar von der Milde des Forsthüters. Ich wenigstens würde, wäre ich an Deiner Stelle, mir Kurzweil und Lebensunterhalt unter des Königs Hirschen und Rehen zu verschaffen wissen. Es gibt hier mächtige Rudel in den Wäldern, und einen Rehbock, den der fromme Caplan des heiligen Dunstan schmaust, sollte man doch wohl kaum merken.«

»Herr fauler Ritter,« versetzte der Mann der Kirche, »das sind gefährliche Worte, und ich bitte Euch demüthiglich, redet so nicht weiter. Ich bin ein dem König und den Gesetzen treuer Eremit, und vergriffe ich mich an dem Wilde meines Landesherrn, so wäre mir ein Kerker gewiß, ja, der Galgen sogar, wenn mein frommes Gewand mich nicht schützte.«

»Mag sein; aber, wenn ich wie Du wäre,« sagte der Ritter, »so wanderte ich beim Mondschein, wenn Förster und Wildhüter in den warmen Betten liegen, und schickte ab und zu, während ich natürlich meine Gebete hersagte, einen Bolzen in die Rudel feister Hirsche, die in den Lichtungen weiden. – Gestehe mir, Mann der Kirche, hast Du nie solch einen Zeitvertreib versucht?«

»Freund Faullenzer,« erwiderte der Eremit, »Du hast alles gesehen, was Dich in meinem Haushalt interessiren kann, und vielleicht noch mehr, als jemand verdient, der sich mit Gewalt eindrängt; glaube mir, es ist besser, des Guten, das der Herr uns sendet, zu genießen, als zudringlich zu forschen, woher es stammt. Schenk ein und leere Deinen Becher, und sei mir willkommen; ich bitte Dich aber, versetze mich durch weitere Fragen nicht in die Nothwendigkeit, Dir den Beweis zu liefern, daß ich mich Deiner Gesellschaft für die Nacht recht gut hätte erwehren können, wenn ich ernstlich gewollt hätte.«

»Meiner Treu,« sagte der Ritter, »Du machst mich neugieriger, als ich vorher war; Du bist der geheimnißvollste Eremit, den ich je getroffen; ich muß Dich näher kennen lernen, ehe wir scheiden. Was Deine Drohung betrifft, so bedenke, heiliger Mann, daß Du mit einem sprichst, der die Gefahr zu seinem Beruf macht.«

»Herr fauler Ritter,« versetzte der Einsiedler, »ich komme Dir einen Schluck; aber wie sehr ich Deine Tapferkeit hoch schätze, so dünkt mich doch Deine Klugheit wunderbar klein. Willst Du gleiche Waffen mit mir führen, so will ich Dir in aller Freundschaft und brüderlichen Liebe so hinreichende Buße und vollständige Absolution ertheilen, daß Du in den nächsten zwölf Monaten sicher nicht der Sünde des Uebermuths und der Neugier verfallen sollst.«

Der Ritter kam dem Eremiten nach, und bat ihn dann, die Waffen zu nennen. »Es ist keineswegs etwa die Scheere der Delila, oder der Zehnpfennig-Nagel Joels, noch auch der Sarras des Riesen Goliath – worin ich Dir nicht gewachsen wäre. Aber wenn ich die Wahl haben soll, was meinst du wohl zu diesen Sächelchen, guter Freund?«

Bei diesen Worten öffnete er eine zweite Zelle und holte daraus ein paar breite Schwerter und Tartschen hervor, wie sie die königlichen Gefolgsleute jener Zeit zu tragen pflegten. Der Ritter, der allen seinen Bewegungen mit Aufmerksamkeit folgte, bemerkte, daß dieses zweite Versteck mit zwei oder drei tüchtigen Langbogen, einer Armbrust, einem Bündel Bolzen für letztere und einem halben Dutzend Pfeilbündel für erstere versehen war. Eine Harfe und manche andere Dinge von nicht eben heiligem Ansehen wurden gleichfalls sichtbar, als die Thür aufging.

»Ich verspreche Dir, Bruder Clericus,« sagte er, »ich will Dir keine beleidigenden Fragen mehr vorlegen. Der Inhalt jenes Schreins hat mir Antwort auf alle meine Fragen gegeben; doch sehe ich hier auch ein Gewaffen (hierbei ergriff er die Harfe), auf dem ich lieber meine Geschicklichkeit gegen Dich zeigen möchte, als mit Schwert und Schild.«

»Ich glaube, Ritter, Du führst den Beinamen ›Faullenzer‹ sehr mit Unrecht. Du bist mir ebenfalls in hohem Grade verdächtig. Indessen, da Du mein Gast bist, so will ich Deine Mannhaftigkeit nicht ohne Deinen freien Willen auf die Probe stellen. Setze Dich also, und schenk ein! Eála, cniht! Laet unc gedrincan, singan and beón glade and blîtheheorte, ja, laß uns lustig und guter Dinge sein! Wenn Du Dich auf guten Gesang verstehst, so sollst Du immer auf einen Bissen guter Pastete zu Copmanhurst willkommen sein, so lange ich die Capelle des heiligen Dunstan bediene, was, so Gott will, eben so lange der Fall sein wird, als bis ich mein graues Dach mit einem grünen von frischem Rasen vertausche. Cume, cniht and brother mîn, gefyll thîne cupp, ja, fülle Deinen Becher, denn es wird einige Zeit beanspruchen, bis die Harfe gestimmt ist; und nichts schärft so das Ohr und erhöht die Stimme wie ein Becher Weins. Ich für mein Theil fühle gern die Trauben in den Fingerspitzen, ehe sie die Saiten erklingen machen.«