Read synchronized with  English  Portuguese  Russian 
Ivanhoe.  Walter Scott
Kapitel 12.
< Prev. Chapter  |  Next Chapter >
Font: 

Nun sprengt kein Herold mehr die Kreuz und Quer,
Trompeten schallen laut und helle Zinken –
Mehr sag ich nicht, als daß von Ost und Westen
Die Lanzen furchtbar sich zum Angriff senken,
Die Sporen scharf der Rosse Seiten ritzen,
Und Männer drauf als Reiter sich bewähren.
Jetzt splittern Lanzenschäft' an starken Schilden
Und bis ins Mark fühlt man den harten Stoß.
Auf zucken Speere, zwanzig Fuß an Länge,
Heraus die Schwerter glänzend gleich dem Silber
Um Helme zu zerhaun und zu zerschroten:
Und Ströme fließen von dem Blut, dem rothen.
Chaucer.

In unbewölktem Glanze brach der Morgen an, und nicht sobald stand die Sonne über dem Horizonte, als sich der trägste wie der eifrigste Zuschauer auf den Weg zu den Schranken machte, um sich einen möglichst vortheilhaften Platz für die neu zu erwartenden Schauspiele zu sichern.

Die Marschälle und ihr Gefolge erschienen zuerst auf dem Plane, mit ihnen die Herolde, um die Namen der Ritter in Empfang zu nehmen, die sich zum Kampfe stellen wollten, und die Angabe der Partei, auf welcher jeder zu kämpfen gedachte. Diese Maßregel war nothwendig, um einige Gleichheit zwischen den Abtheilungen, die einander gegenüber treten sollten, zu bewirken.

Schon der schuldigen Höflichkeit wegen sollte der »enterbte Ritter« als der Anführer der einen Partei angesehen werden, indeß Brian de Bois-Guilbert, der nach aller Ansicht am vorigen Tage unbedingt die zweite Stelle behauptet hatte, zum Vorkämpfer der andern Partei ernannt wurde. Die, welche an der Herausforderung Theil genommen, traten auf seine Seite, ausgenommen Ralph de Vipont, den sein Sturz unfähig gemacht hatte, heute wieder eine Rüstung zu tragen. Es fehlte indeß nicht an edlen und ausgezeichneten Bewerbern, um die beiderseitigen Reihen zu füllen.

Bereits fünfzig Ritter hatten sich auf jeder Seite einschreiben lassen, so daß schließlich die Marschälle erklären mußten, daß keine Kämpfer mehr aufgenommen werden könnten.

Gegen zehn Uhr war die ganze Ebene mit berittenen Männern und Frauen und mit Fußgängern bedeckt, die alle dem Turniere zueilten; kurz darauf kündete eine laute Fanfare den Prinzen Johann und sein Gefolge an, in dem sich auch einige Ritter, die heute am Kampfe theilzunehmen dachten, befanden.

Um dieselbe Stunde fand sich auch Cedric der Sachse mit der »hlaefdige« Rowena ein, aber nicht von Athelstane begleitet. Dieser Sachsen-Edling hatte seine gewaltige Gestalt in eine Rüstung gezwängt, um seinen Platz unter den Kämpfern einzunehmen, und zwar zum großen Erstaunen Cedrics auf des Tempelritters Seite. Der Sachse hatte seinem Freunde wegen dieser unüberlegten Wahl zwar harte und ernste Vorstellungen gemacht, aber die gewöhnliche Antwort erhalten, die man von eigensinnigen Leuten hört, die mehr ihrem Kopfe als der Vernunft folgen.

Den besten, ja, den einzigen Grund seiner Anhänglichkeit an die Partei des Brian de Bois-Guilbert hatte Athelstane kluger Weise für sich behalten. Obschon sein natürliches Phlegma ihm nicht erlaubte, sich selbst um Rowenas Gunst zu bewerben, so war er doch keineswegs unempfindlich gegen ihre Reize, und betrachtete seine spätere Verbindung mit ihr, wenn Cedric und die andern Freunde zustimmten, als etwas bereits Ausgemachtes. Mit Mißvergnügen betrachtete daher der stolze Edling von Coningsburgh die Freiheit, mit welcher der Sieger des vorangehenden Tages Rowena als den Gegenstand seiner Huldigung auserwählt hatte, die zu erweisen nur er das Recht zu haben glaubte. Um jenen nun wegen dieser Bevorzugung, die seine eigene Bewerbung zu kreuzen schien, zu bestrafen, hatte Athelstane im Vertrauen auf seine Stärke, so wie seine Geschicklichkeit, die Schmeichler an ihm rühmten, beschlossen, nicht nur dem »enterbten Ritter« seine mächtige Unterstützung zu entziehn, sondern ihn vielmehr, wenn sich eine Gelegenheit böte, die Schwere seiner Streitaxt fühlen zu lassen.

De Bracy und andere dem Prinzen zugethane Ritter hatten den Winken Johanns gehorsam sich gleichfalls der Partei der Herausforderer angeschlossen, weil er, wenn nur irgend möglich, dieser den Sieg sichern wollte. Auf der andern Seite aber hatten viele sächsische und normännische Ritter, Eingeborne und Fremde, sich gegen die Herausforderer erklärt, und zwar um so lieber, als die Gegenpartei von einem so ausgezeichneten Kämpfer geführt wurde wie der »Enterbte« offenbar war.

Sobald Prinz Johann wahrnahm, daß die designirte Königin des Tages auf dem Plane angekommen sei, nahm er ganz das feine und artige Wesen an, das ihm so wohl stand, ritt ihr entgegen, zog sein Barett ab, stieg vom Pferde und half der Lady Rowena von dem ihrigen, während einer aus seinem Gefolge gleichfalls abstieg, um der Dame den Zelter zu halten.

»Auf diese Weise,« sagte Prinz Johann, »beweisen wir in eigner Person der Königin der Liebe und Schönheit unsere Unterthänigkeit, und führen sie zu dem Throne, den sie heute einnehmen soll! Ihr Damen, folget eurer Fürstin, wenn ihr wünscht, eurerseits einst durch gleiche Ehren ausgezeichnet zu werden!«

Mit diesen Worten führte der Prinz Rowena zu dem Ehrensitze, welcher dem seinigen gegenüberlag, während die schönsten und vornehmsten Damen sich drängten, um möglichst in der Nähe ihrer zeitweiligen Königin einen Platz zu erhalten.

Kaum hatte sich Rowena niedergelassen, als eine schmetternde Fanfare von Trompeten und Pauken, in die sich der Beifallsruf der Menge mischte, sie in ihrer neuen Würde begrüßte. Inzwischen schien die Sonne hell und heiß auf die Rüstungen der Ritter nieder, die an beiden Enden der Schranken einander gegenüberstanden, und sich über die beste Einrichtung der Schlachtlinie und die Führung des Kampfes eifrig besprachen. Hierauf geboten die Herolde Stillschweigen, bis man die Turniergesetze verlesen hätte. Dieselben waren zum Theil darauf berechnet, die Gefahren des Tages zu vermindern, eine Vorsicht, die um so nothwendiger erschien, als der Kampf mit spitzen Lanzen und scharfen Schwertern geführt werden sollte.

Es war daher den Kämpfern verboten, die Schwerter zum Stoß zu gebrauchen; sie mußten sich auf den Hieb beschränken. Nach Belieben konnte sich auch ein Ritter der Streitaxt oder des Kolbens bedienen, der Dolch war verboten. Ein seines Pferdes beraubter Ritter durfte zu Fuß mit einem andern fechten, doch durfte kein berittner ihn zuerst angreifen. Sobald ein Ritter den andern bis an die äußersten Enden der Schranken drängen konnte, so daß er mit seinem Körper oder seinen Waffen die Pallisade berührte, mußte sich dieser als besiegt ergeben; sein Pferd und seine Rüstung standen zur Verfügung des Siegers. Ein so besiegter Ritter durfte nicht ferner an dem Kampfe des Tages theilnehmen. Wurde ein Combattant so heftig niedergeworfen, daß er selbst sich nicht mehr erheben konnte, so durfte sein Knappe oder Page in die Schranken eintreten, um ihn aus dem Gedränge zu schaffen. In diesem Falle wurde er als besiegt erachtet und Pferd und Rüstung waren verfallen. Der Kampf sollte ein Ende nehmen, sobald Prinz Johann mit seinem Stabe das Zeichen geben werde, damit durch zu lange Fortsetzung eines so gefährlichen Waffenspiels nicht allzuviel Blut vergossen würde. Jeder Ritter, der die Turniergesetze brechen oder sonst die Regeln des ehrenhaften Ritterthums übertreten würde, sollte seiner Rüstung und Bewaffnung entkleidet, sein Schild umgekehrt, und er selbst rittlings auf die Schranken der Einfassung gesetzt werden, um zur Strafe für sein unritterliches Betragen zum allgemeinen Gelächter zu dienen.

Nach Verkündigung dieser Vorsichtsmaßregeln schlossen die Herolde mit einer Ermahnung an jeden guten Ritter, seine Schuldigkeit zu thun, und sich die Gunst der Königin der Liebe und Schönheit zu verdienen.

Darauf zogen die Herolde sich auf ihre bestimmten Posten zurück. Die Ritter, die an jedem Ende der Schranken in langem Zuge einrückten, ordneten sich in je zwei Reihen, und standen einander gerade gegenüber. Im Mittelpunkte einer jeden Vorderreihe befand sich der Führer der Partei, doch nahm er diese Stelle nicht eher ein, als bis er die Glieder geordnet und einem jeden in seiner Partei seine Stelle angewiesen hatte.

Es war ein prächtiger, zugleich aber auch beängstigender Anblick, so manchen tapfern Kämpfer wohl beritten und glänzend bewaffnet zu sehen, vorbereitet zu einem so furchtbaren Zusammenstoß, fest im Sattel sitzend wie eine eiserne Säule, und das Zeichen zum Kampfe mit derselben Ungeduld erwartend, wie sein edles Roß, das wiehernd und schnaubend den Boden stampfte.

Die Ritter hielten ihre Lanzen senkrecht empor, und die Spitzen derselben erglänzten in der Sonne, während die daran befestigten Fähnlein über ihren Helmbüschen flatterten. So hielten sie still, während die Marschälle durch ihre Reihen ritten, und aufs genaueste dieselben musterten, damit nicht die eine Partei mehr oder weniger als die bestimmte Anzahl enthielte. Die Anzahl wurde auf beiden Seiten richtig befunden. Die Marschälle zogen sich nunmehr aus den Schranken zurück, und William de Wyvil verkündete mit Donnerstimme die Worte des Signals: »Laissez aller!« Im Nu ertönten die Trompeten; die Lanzen der Kämpfer senkten sich, die Sporen drückten sich den Rossen in die Flanke, und im vollen Galopp stürmten die ersten Reihen auf einander los, und trafen in der Mitte der Schranken mit einem Stoße zusammen, den man eine halbe Stunde weit noch hören mußte. Die Folgen des Zusammenstoßes ließen sich nicht sofort übersehen; denn der von so vielen Rosseshufen emporgewirbelte Staub verdunkelte die Luft, und es dauerte wohl eine Minute, ehe die ängstlichen Zuschauer die Entscheidung des furchtbaren Stoßes erkennen konnten. Als der Blick auf das Kampffeld frei war, fand man die Hälfte der Ritter auf jeder Seite aus den Sätteln geworfen, die einen durch die Gewandtheit der gegnerischen Lanzen, die andern durch das überlegene Gewicht und die Kraft der Gegner, die Roß und Mann zugleich zu Boden gebracht hatten. Einige lagen noch an der Erde, als sollten sie nie wieder aufstehn, andere standen schon wieder aufrecht da, und waren im Handgemenge mit denen ihrer Gegner, die sich in gleicher Lage befanden. Nur zwei oder drei suchten sich mit ihren Schärpen die Wunden, die sie erhalten hatten, zu verbinden und entzogen sich zugleich dem Kampfe. Wer von den Kämpfern, deren Lanzen fast alle bei dem wüthenden Zusammenstoß zersplittert waren, noch beritten war, hatte jetzt schon das Schwert gezogen, und hieb auf die Gegner ein, indem er unter Kriegsgeschrei so gewaltige Schläge austheilte, als ob Ehre und Leben vom Ausgange des Kampfes abhingen.

Das Gedränge wurde noch vermehrt durch das Anrücken der zweiten Glieder, die beiderseits als Reserve betrachtet, jetzt ihren Kampfgenossen zu Hilfe eilten. Die Anhänger Brian de Bois-Guilberts riefen: Hie, Beauséant! Beauséant! Für den Tempel! Für den Tempel! Die Gegner riefen: Desdichado! Desdichado! ein Wort, das sie der Schilddevise ihres Führers entnommen hatten.

Als so die Kämpfenden mit der äußersten Wuth aufeinander geprallt waren, schwankte die Fluth des Gefechts bald nach dem südlichen bald nach dem nördlichen Ende der Schranken, je nachdem für den Augenblick die eine oder die andere Partei die Oberhand hatte. Inzwischen mischte sich das Gedröhne der Schläge und das Geschrei der Kämpfer schrecklich in den Klang der Trompeten und Hörner, und übertönte das Stöhnen der Fallenden und derer, die sich schutzlos unter den Hufen der Rosse wälzten. Blut und Staub tilgte den Glanz der Rüstungen, die den Streichen des Schwertes und der Streitaxt nachgaben. Die bunten Helmbüsche flogen, losgehauen von der Helmzier, wie Schneeflocken in der Luft umher. Alles was schön und anmuthig in dem kriegerischen Aufzug war, verschwand immer mehr, und was man schaute, flößte Schauder oder Mitleid ein.

Aber so groß ist die Macht der Gewohnheit, daß nicht nur die Zuschauer gemeinen Schlages, die naturgemäß durch den Anblick des Gräßlichen angezogen werden, sondern selbst die Damen auf den Gallerien dem Kampfe mit fieberhaftem Interesse zusahen, ohne nur einmal die Augen von einem so schrecklichen Schauspiel zu wenden. Hier und da mochte freilich eine schöne Wange bleich werden, und ein Schrei der Angst einem wallenden Busen entschlüpfen, wenn ein Liebhaber, ein Bruder, ein Gemahl vom Rosse gehauen wurde; aber im Allgemeinen feuerten die Damen ringsum die Kämpfenden an, und gaben durch Händeklatschen, wehende Schleier und Tücher so wie durch den wiederholten Zuruf: »Wackere Lanze! Tüchtiges Schwert!« jeder außerordentlichen Leistung ihren Beifall.

Wenn schon das schwächere Geschlecht solchen Antheil nahm, wie viel mehr mußten die Männer von dem blutigen Kampfspiele erregt sein. Laute Ausrufe wurden bei jedem Wechsel des Kampfgeschicks vernommen, und die Augen der Männer waren unverwandt auf die Kämpfenden gerichtet. In jeder Pause vernahm man die Stimme der Herolde: »Kämpfet weiter, tapfere Ritter! – Der Mann stirbt, aber sein Ruhm lebt ewig! – Kämpfet weiter! – Besser Tod als Schande! Kämpfet weiter, Ritter! kämpfet weiter! Holde Augen schauen euch zu!«

Mitten aber im wechselvollen Geschick des Kampfes suchten aller Augen die Führer der Parteien, die im dichtesten Gedränge ihre Gefährten durch Ruf und Beispiel anzufeuern suchten. Beide verrichteten heute Großthaten der Tapferkeit.

Weder der eine noch der andere fand in den feindlichen Reihen einen Kämpfer, der ihm gewachsen gewesen wäre. Sie versuchten unaufhörlich, im Einzelkampfe an einander zu kommen, überzeugt, daß der Fall des einen als entschiedener Sieg für die entgegengesetzte Partei angesehen werden würde; aber bei dem fürchterlichen Gewühl gelang ihnen dies im ersten Theile des Kampfes so wenig, daß sie wiederholt durch den Eifer ihrer Begleiter von einander getrennt wurden, indem diese eine ausgezeichnete Ehre darin suchten, sich mit dem Führer der feindlichen Partei zu messen.

Als aber das Feld freier wurde, stießen der Templer und der enterbte Ritter mit all der Wuth auf einander, welche tödtlicher Haß, eifersüchtiger Ehrgeiz einzuflößen vermochten. Ihre Geschicklichkeit im Angriff und in der Vertheidigung war so groß, daß die Zuschauer fortwährend durch lauten Zuruf ihre Freude und Bewunderung laut werden ließen.

In diesem Moment befand sich die Partei des enterbten Ritters im Nachtheil. Der riesige Arm Front de Boeufs und die gewichtige Stärke Athelstanes zerstreuten leicht alles, was sich ihnen entgegenstellte, und da sie sich nun von allen Gegnern befreit sahen, so kamen beide Ritter auf den Gedanken, dem Templer im Kampfe mit seinem Nebenbuhler zu Hilfe zu kommen. Sie wandten daher im Nu ihre Rosse, jeder von einer andern Seite nach demselben Ziele, und es wäre dem Angegriffenen gewiß unmöglich gewesen, diesem unerwarteten und ungleichen Andrängen zu widerstehen, wäre er nicht durch ein allgemeines Geschrei der Zuschauer gewarnt worden, denen es nicht gleichgültig sein konnte, daß ein Ritter mit so großem Nachtheil kämpfte.

»Achtung! Achtung! enterbter Ritter!« erscholl es rings, und der Ritter, die Gefahr bemerkend, führte sogleich einen heftigen Streich gegen den Templer, riß sein Roß schnell zurück, und entging so dem Zusammentreffen mit Athelstane und Front de Boeuf. Diese aber rannten nun, da ihnen ihr Ziel entging, mit der heftigsten Gewalt zusammen, ehe sie im Stande waren, ihre Rosse aufzuhalten. Indessen wurden sie bald Meister derselben, und nun verfolgten alle drei die gemeinsame Absicht, den enterbten Ritter zu Boden zu strecken.

Nichts hätte diesen retten können, wenn nicht die merkwürdige Stärke und Gewandtheit seines Rosses, das er Tags zuvor erst gewonnen hatte. Dazu kam, daß das Pferd von Bois-Guilbert verwundet war, und die Rosse von Front de Boeuf und Athelstane unter der Last der ungeheuren Rüstungen ihrer Reiter und ermüdet durch die Anstrengungen des vorhergehenden Tages fast erlagen. So setzten die vollendete Reitkunst des enterbten Ritters und die Gewandtheit seines edlen Thieres ihn in den Stand, es auf einige Minuten mit den drei Gegnern aufzunehmen, indem er flink wie ein Falke im Fluge jeden einzelnen angriff, dann wieder einen andern anfiel, so daß er die beiden andern so viel wie möglich trennte, alle ermüdete und verwundete, ohne daß er selbst einen Hieb erhielt.

Dennoch war es offenbar, wenn auch die Schranken fortwährend von Beifallsrufen ertönten, daß seine Geschicklichkeit unterliegen müsse, und diejenigen, welche den Prinzen Johann umgaben, baten ihn einstimmig, das Zeichen zur Beendigung des Kampfes zu geben und den Ritter so vor unverdienter Beschimpfung zu retten.

»Nein!« sagte der Prinz, »der Aufschößling, der seinen Namen so verhehlt und unsere Gastfreundschaft frech verschmäht, der schon einmal den Preis erhalten hat, mag nun die Reihe an einen andern kommen lassen.«

Während Johann so sprach, änderte ein unvermuthetes Ereigniß auf einmal das Schicksal des Tages.

Unter den Reihen des enterbten Ritters befand sich nämlich ein Ritter in schwarzer Rüstung, auf einem schwarzen großen und kräftig gebauten Rosse, das allem Anscheine nach so mächtig und stark war, wie der Reiter, den es trug. Dieser Kämpfer, der keine Devise auf seinem Schilde führte, hatte bisher nur wenig Antheil an dem Ausgange des Gefechts an den Tag gelegt, indem er nur, ohne jede weitere Anstrengung, wie es den Anschein hatte, diejenigen bekämpfte, die ihn bedrängten, selbst aber weder seinen Vortheil verfolgte, noch einen Angriff machte. Kurz, er spielte mehr die Rolle eines Zuschauers als eines Theilnehmers am Turnier, so daß ihm die Zuschauer den Beinamen le noir Fainéant, der schwarze Faullenzer, gegeben hatten.

Jetzt aber trat er urplötzlich aus seiner unthätigen Rolle heraus; er setzte dem Rosse die Sporen ein und kam mit Blitzesschnelle dem Bedrängten zu Hilfe, indem er mit Donnerstimme rief: »Desdichado! ich komme!« Es war die höchste Zeit, denn eben schwang Front de Boeuf, während der enterbte Ritter auf den Templer eindrang, sein Schwert über dessen Haupt, um den Todesstreich zu führen. Doch der Schwarze kam ihm zuvor und Front de Boeuf wurde sammt seinem Rosse zu Boden geworfen. Hierauf wandte der sogenannte Faullenzer sein Pferd gegen Athelstane von Coningsburgh, und da sein eigenes Schwert bei dem Zusammentreffen mit Front de Boeuf zerbrochen war, so nahm er einem handfesten Sachsen die Streitaxt aus der Hand und führte damit einen solchen Streich auf des Gegners Helm, daß auch Athelstane sogleich bewußtlos zu Boden fiel. Nachdem er dies vollbracht, wofür ihn der allgemeine Beifall um so lauter belohnte, je unerwarteter seine Hilfe kam, zog er sich wieder, in die frühere Gleichgültigkeit verfallend, an das nördliche Ende der Schranken zurück, indem er es seinem Anführer überließ, mit Brian de Bois-Guilbert allein fertig zu werden. Es war dies nicht mehr schwierig, denn des Templers Roß blutete aus mehreren Wunden und wankte bei jedem Stoß des enterbten Ritters. Endlich stürzte Brian de Bois-Guilbert zu Boden und verwickelte sich im Falle derart in den Steigbügel, daß er den Fuß nicht herauszuziehen vermochte. Sogleich sprang sein Gegner vom Pferde, schwang über ihm sein verderbliches Schwert und forderte ihn auf, sich zu ergeben. Aber Prinz Johann, mehr durch seine Lage als durch die vorherige des enterbten Ritters gerührt, machte durch ein Zeichen dem Kampfe ein Ende.

Die Knappen, welche während des Gefechtes nur mit Mühe und Gefahr ihre Ritter hatten begleiten können, drängten nun in die Schranken, um den Verwundeten ihre Dienste zu leisten. Sie wurden mit der möglichsten Sorgfalt in die nahen Zelte gebracht, oder in Wohnungen, die man für sie in den umliegenden Dörfern eingerichtet hatte.

So endigte das merkwürdige Turnier zu Ashby de la Zouche, eines der glänzendsten Waffenfeste jener Zeit. Denn obgleich nur vier Ritter, außer dem einen, der durch die Schwere seiner Rüstung erdrückt worden war, auf dem Platze selbst blieben, so wurden doch an dreißig höchst gefährlich verwundet, und fünf von ihnen genasen nicht wieder, mehrere andere waren für ihr ganzes Leben kampfesuntüchtig und trugen die Spuren ihrer Verwundungen bis zum Grabe. Daher heißt es denn auch in den alten Urkunden: »Der edle und lustige Waffengang zu Ashby«.

Da es Pflicht des Prinzen war, jetzt den Ritter zu nennen, der sich vor allen an diesem Tage ausgezeichnet hatte, so beschloß er, diese Ehre demjenigen zu ertheilen, den die Stimme des Volkes mit dem Namen des schwarzen Faullenzers belegt hatte, und bei dieser Meinung beharrte der Prinz trotz der Gegenvorstellung, daß der Sieg doch eigentlich vom enterbten Ritter gewonnen worden sei, der sechs Kämpfer mit eigener Hand besiegt und schließlich den Führer der Gegenpartei niedergeschlagen habe, und zwar weil, wie er sagte, der enterbte Ritter und seine Partei ohne den Beistand des Ritters in der schwarzen Rüstung den Tag verloren haben würden.

Zum nicht geringen Erstaunen der Anwesenden war aber der schwarze Ritter selbst nirgends mehr zu finden. Er hatte unmittelbar nach Beendigung des Kampfes die Schranken verlassen, und einige Zuschauer hatten gesehen, wie er eine der dunkeln Waldalleen hinunter geritten war, und zwar mit derselben Gemächlichkeit, die er im Anfange des Kampfes an den Tag gelegt. Nachdem daher zweimal durch Trompetensignal und Heroldsruf die Aufforderung zu erscheinen an ihn ergangen war, ohne daß er sich zeigte, so mußte ein anderer aufgefordert werden, die Ehrenzeichen zu empfangen, welche jenem bestimmt gewesen waren. Prinz Johann konnte sich nun nicht länger weigern, den Anspruch des enterbten Ritters anzuerkennen, und erklärte ihn für den Sieger an diesem Tage.

Ueber den mit Blut befleckten, mit den Leichen der Erschlagenen und mit verwundeten Rossen bedeckten Kampfplatz führten die Marschälle den Sieger zu den Füßen des Prinzen Johann.

»Enterbter Ritter!« sagte der Prinz zu ihm, »denn nur unter diesem Namen wollt Ihr uns bekannt sein, wir verleihen Euch zum zweiten Male die Ehre dieses Turniers und thun Euch kund, daß Ihr das Recht habt, aus den Händen der Königin der Schönheit und der Liebe die Ehrenkrone zu empfangen, welche Eure Tapferkeit mit so gutem Rechte verdient hat.«

Der Ritter machte eine tiefe respektvolle Verbeugung, gab aber keine Antwort.

Unter lautem Trompetengeschmetter, unter den hellen Rufen der Herolde, die den Ruhm des Tapfern, den Triumph des Siegers verkündigten, unter dem lebhaften Wehen seidener Tücher und gestickter Schleier vom Damenbalkon, unter dem Jubel und Jauchzen aller führten jetzt die Marschälle den enterbten Ritter quer über den Platz zum Fuße des Thrones der Königin der Liebe und Schönheit, der Lady Rowena.

Auf der untersten Stufe des Thrones mußte der Ritter niederknieen. Sein Benehmen, seitdem das Gefecht aufgehört, war dem Anscheine nach mehr von denen, die ihn umgaben, bestimmt worden, als aus seinem eigenen freien Willen hervorgegangen, und man bemerkte, daß er wankte, als er zum zweiten Male durch die Schranken geführt wurde. Auch jetzt, als Rowena, von ihrem Sitze mit Würde und anmuthsvoller Haltung herabsteigend, eben im Begriffe stand, den Kranz, den sie in der Hand hielt, um seinen Helm zu befestigen, mußten die Marschälle für den Ritter handeln. »So darf es nicht geschehen! das Haupt muß entblößt sein!« riefen sie einstimmig, und als der Ritter einige unverständliche Worte, welche in der Höhlung des Helmes verklangen, dagegen einzuwenden schien, achteten sie, sei es der Sitte zu Liebe, sei es aus Neugier, nicht auf diese Aeußerungen des Widerstrebens, sondern enthelmten ihn, indem sie die Helmriemen abschnitten und den Halskragen lösten. Das wohlgebildete Gesicht eines jungen Mannes von ungefähr fünfundzwanzig Jahren, von kurzem, dunklem, dichtem Haar umflossen, zeigte sich, doch sah es bleich aus wie der Tod und war hie und da mit einigen Blutstreifen gezeichnet.

Rowena hatte kaum einen Blick auf dies Gesicht gethan, als sie einen leisen Schrei ausstieß, aber sie sammelte sich schnell und gewann ihre Fassung wieder, dann schritt sie vorwärts, während ihre ganze Gestalt vor heftiger Gemüthsbewegung erbebte, setzte auf das gesenkte Haupt des Siegers den glänzenden Kranz, der zur Belohnung des Tages bestimmt war, und sagte mit deutlicher Stimme die Worte: »Ich reiche Euch diesen Kranz, Herr Ritter, als den Preis der Tapferkeit, bestimmt für den Sieg dieses Tages!« Hier schwieg sie einen Augenblick, dann setzte sie gefaßt hinzu: »Und nie konnte ein Ritterkranz eine würdigere Stirne zieren.«

Der Ritter neigte das Haupt und küßte die Hand der liebenswürdigen Monarchin, durch welche seine Tapferkeit belohnt wurde, dann senkte er das Knie noch tiefer und lag endlich wie leblos zu ihren Füßen.

Eine allgemeine Bestürzung verbreitete sich. Cedric, der bei der plötzlichen Erscheinung seines verbannten Sohnes vor Schreck verstummt war, trat jetzt vor, als wollte er ihn von Rowena trennen. Allein dies war schon durch die Marschälle geschehen, die, die Ursache von Ivanhoes Ohnmacht errathend, ihm die Rüstung abzunehmen eilten. Jetzt entdeckte man, daß die Spitze einer Lanze durch eine Fuge des Panzers gedrungen war und ihm in der Seite eine Wunde beigebracht hatte.