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Der Ruf der Wildnis.  Jack London
Kapitel 7. Der Ruf ertönt
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Mit den mehr als tausend Dollar, die Buck seinem Herrn in wenigen Minuten verdient hatte, konnten alle dringenden Schulden bezahlt werden, und einer Reise nach dem Osten stand nichts mehr im Wege. Eine sagenhafte Goldmine sollte es dort geben, und ihre Geschichte war so alt wie die Geschichte des Landes. Viele Männer hatten schon nach ihr gesucht, und kaum einer war zurückgekehrt. Geheimnis umgab diese Mine, ein tragisches Geheimnis. Kein Mensch wußte, wer sie entdeckt hatte, selbst die ältesten Überlieferungen reichten nicht so weit zurück. Sterbende Männer schworen auf ihrem Totenbett, daß es diese Mine gab, und bewiesen es mit Goldkörnchen, so groß wie sonst kein Nugget im Nordland. Seit jeher sollte dort eine alte, baufällige Hütte stehen, aber kein Lebender hatte sie je gesehen, und die Toten blieben stumm.

Thornton beschloß, auf gut Glück diese Mine zu suchen. Mit seinen beiden Gefährten Pete und Hans, mit Buck und noch einem halben Dutzend anderer Hunde fuhr er auf seinem Schlitten siebzig Meilen den Yukon hinauf, bog dann rechts ab zum Stuartfluß, dessen Lauf er bis zu seiner Quelle folgte.

John Thornton brauchte die Menschen nicht, und die Wildnis bot ihm keine Schrecken. Mit einer Handvoll Salz und einer Flinte konnte er ein fremdes Land durchstreifen, so lange er wollte. Nach Indianerart, ohne jegliche Hast, erjagte er sich sein Essen, und blieb er erfolglos, wanderte er gleich dem Indianer weiter und wußte, daß er früher oder später Beute finden würde. Auf dieser großen Fahrt in den einsamen Osten nährten sie sich von der Jagd, und auf dem Schlitten lagen nur die Munition und die Ausrüstung. Sie hatten keine Eile, sie hatten Zeit, und kein Kalender drängte sie.

Buck fand an diesem Leben ein unbändiges Vergnügen: Jagen, Fischen und endlose Fahrten durch unbekanntes Land. Manchmal wanderten sie viele Wochen. Tag für Tag zogen die Hunde den Schlitten, um dafür wochenlang wieder im Lager herumzulungern, während die Männer auf ihrer vergeblichen Goldsuche Feuer anmachten und in ihren Pfannen Erde auftauten und auswuschen. Manchmal blieben sie hungrig, manchmal hatten sie im Überfluß, wenn das Wild reichlich war und sie Glück bei der Jagd hatten.

Es wurde Sommer, und Männer und Hunde packten sich ihre Last auf den Rücken, flößten über blaue Gebirgsseen und befuhren unbekannte Flüsse auf schlanken Booten, die sie sich gebaut hatten. Sie wanderten über kahle Berge und durch sonnige Täler, durch Gegenden, die keines Menschen Fußspuren trugen und wo doch Menschen gewesen sein mußten, wenn es die verlassene Hütte und Mine wirklich geben sollte.

Die Monate vergingen. Sie erlebten die Gewitter im Hochsommer und froren beim fahlen Schein der Mitternachtssonne. Sie litten unter den Mücken- und Fliegenschwärmen, und im Schatten von Gletschern pflückten sie Erdbeeren und Blumen, reif und leuchtend wie jene des Südlandes. Im Herbst drangen sie in ein unheimliches Seengebiet vor, in dem wilde Enten und Gänse genistet hatten, das nun verlassen und traurig dalag, den kalten Winden ausgesetzt, ohne das geringste Zeichen von Leben. Eis bildete sich in den Buchten, und eintönig rollten die Wellen an einsame Ufer.

Einen zweiten Winter lang suchten sie, folgten nun den verwischten Spuren von Menschen, die vor ihnen das Land durchzogen hatten. Einmal stießen sie auf einen Pfad, und die verlassene Hütte schien plötzlich sehr nahe zu sein. Aber der Weg begann nirgends, endete nirgends und blieb ein Geheimnis wie die Männer, die ihn angelegt hatten.

Später kamen sie zu einer morschen, alten Hütte, und mitten unter verfaulten Decken lag ein langschäftiges Zündnadelgewehr. Es war ein Erzeugnis der Hudson-Bay-Kompanie aus jener längst vergangenen Zeit, als diese Gewehre noch mit Gold aufgewogen wurden. Nichts sonst war zu finden, nicht der kleinste Hinweis auf den Mann, der diese Hütte errichtet und die Büchse unter den Decken zurückgelassen hatte.

Im nächsten Frühling hatten sie zwar die Hütte noch immer nicht gefunden, dafür aber ein breites Tal, über dessen Sohle eine Schicht Sand, vermischt mit Gold, lagerte. Sie suchten nicht weiter. An jedem Arbeitstag verdienten sie Tausende von Dollars an reinem Staub oder kleinen Goldkörnern. Das Gold wurde in Säcke aus Elchhaut geschüttet, fünfzig Pfund in jeden Sack, und sie stapelten es wie Brennholz an der Hüttenwand auf.

Sie schufteten wie Zwangsarbeiter, und die Tage vergingen ihnen wie im Traum.

Die Hunde hatten in dieser Zeit nichts zu tun. Sie brachten Thorntons Jagdbeute ins Lager, und damit war ihre Arbeit getan. Buck lag endlose Stunden beim Feuer. Die Vision des kurzbeinigen, behaarten Mannes erschien ihm jetzt häufiger. Und wenn Buck schläfrig in die Flammen blinzelte, wanderte er mit dem haarigen Mann in jene andere Welt, die nur in seiner Erinnerung lebte.

Diese andere Welt beherrschte die Angst. Der haarige Mann schlief beim Feuer mit dem Kopf zwischen den Knien, die Hände darüber gefaltet. Buck sah, wie er immer wieder, aus dem Schlaf aufgeschreckt, angsterfüllt ins Dunkel starrte und mehr Holz in die Flammen warf. Gingen sie über den Strand am Meer, wo der haarige Mann nach Muscheln suchte und sie sofort roh aß, dann wanderten die Augen des Mannes unruhig umher, und er war stets bereit, beim ersten Zeichen einer Gefahr wie der Wind davonzurennen. Lautlos krochen sie durch den Wald, Buck an den Fersen des Mannes, und sie waren gleich wachsam und gleich angespannt, und der haarige Mann konnte genau so gut hören und riechen wie Buck. Der haarige Mann sprang auch auf Bäume, schwang sich von Ast zu Ast und kam dort ebenso schnell vorwärts wie am Boden. Niemals machte er einen falschen Griff, und er war dort, hoch oben in den Bäumen, zu Hause wie auf der Erde.

Und mit der Vision dieses merkwürdigen Menschen aus einer alten Zeit kam zu Buck wieder der Ruf aus den Tiefen der Wälder. Er weckte in Buck eine große Unruhe und eine seltsame, glückliche Sehnsucht. Er hörte ihn ganz deutlich, und ein wildes Verlangen nach irgend etwas, das er noch nicht kannte, packte ihn.

Er lief dem Ruf nach, suchte ihn, als wäre er ein greifbares Wesen, und bellte sanft, werbend oder herausfordernd, je nach seiner Laune. Oft bohrte er seine Nase in das kühle Waldmoos oder in den schwarzen Humus, aus dem lange Gräser wuchsen, und schnaubte vor Freude über den Geruch der fetten Erde; er kroch stundenlang zwischen schwammbewachsenen, geheimnisvollen Strünken gestürzter Bäume umher mit weit offenen Augen und Ohren, und nichts, was sich um ihn bewegte, entging ihm. Er wollte diesen Ruf ergründen, ihn kennenlernen. Buck wußte nicht, warum er dies alles tat, und er dachte auch nicht darüber nach. Der Trieb in ihm zwang ihn unwiderstehlich.

Oft lag er träge vor dem Zelt und döste in der Tageshitze, plötzlich hob er den Kopf, die Ohren spitzten sich, und er mußte aufspringen und fortlaufen. Er lief stundenlang, er lief über Lichtungen und offene Plätze, wo Schwarzbeeren in dichten Büscheln wuchsen. Er folgte den trockenen Wasserläufen und spürte dem Vogelleben nach. Manchen Tag lag er im Unterholz und sah den Rebhühnern zu, wie sie aufschwirrten und umherstolzierten. Aber mehr als all das liebte er es, im matten Zwielicht der Sommermitternächte umherzustöbern, wenn das Leben in den Wäldern zu einem friedlichen und gedämpften Murmeln geworden war. Und immer suchte er nach der geheimnisvollen Stimme, die ihn rief – rief, wenn er wach war und wenn er schlief, und die er immer hörte und nie fand.

Eines Nachts schreckte er aus dem Schlaf auf, er zitterte am ganzen Leib, und seine Rückenhaare sträubten sich. Vom Wald her kam ein Ruf, deutlich und bestimmt wie nie zuvor – ein langgezogenes Heulen, ähnlich dem Heulen der Polarhunde und doch ganz anders. Und Buck erkannte den Ruf wie eine altvertraute Stimme. Er rannte durch das schlafende Lager und brach lautlos in das Gehölz ein. Je näher der Ruf kam, desto vorsichtiger und langsamer schlich er, bis er auf einer Lichtung einen langen, abgemagerten Wolf traf, der seine Nase gegen den Himmel streckte.

Buck bewegte sich nicht, aber der Wolf spürte seine Gegenwart und hörte zu heulen auf. Halb kriechend, den Körper fast an den Boden gedrückt, den Schwanz steil aufgerichtet, kam Buck näher. Jede seiner Bewegungen war drohend und zugleich freundlich und werbend nach Art aller wilden Tiere bei ihrem ersten Zusammentreffen. Der Wolf sprang auf und floh. Buck folgte ihm mit wilden Sätzen und versuchte ihn zu überholen. Er drängte ihn in einen Hohlweg und sperrte ihm den Rückweg ab. Der Wolf wirbelte herum, knurrte und sträubte die Haare, fletschte die Zähne und benahm sich nicht anders als alle anderen Eskimohunde, die Buck kannte.

Buck griff aber nicht an, er umkreiste werbend den Wolf. Der Wolf blieb mißtrauisch, er hatte Angst, denn Buck war viel größer und stärker als er selbst, sein Schädel reichte dem Hund kaum bis zu den Schultern. Plötzlich schoß er pfeilgerade an Buck vorbei, und die Jagd begann von neuem. Immer wieder wurde der Wolf in die Enge getrieben, stellte sich und entkam wieder.

Aber Bucks Hartnäckigkeit wurde belohnt. Der Wolf verlor endlich seine Angst und beschnüffelte ihn. Damit war die Freundschaft geschlossen, sie verloren die Scheu voreinander und balgten sich spielend umher. Nach einer Weile lief der Wolf einen flachen Hang hinab und zeigte deutlich, daß Buck ihm folgen sollte. Er lief bestimmt und ohne Zögern, und so rannten sie Seite an Seite durch das düstere Zwielicht entlang dem Creek, durchquerten eine Schlucht und kamen bis zur Wasserscheide.

Das Land wurde eben, die Wälder waren weitgestreckt und durchzogen von Flüssen. Die Sonne stieg höher, und der Tag wurde wärmer. Stetig, gleichmäßig rannten sie Stunde um Stunde. Buck war glücklich. Er wußte, daß er an der Seite seines wilden Bruders aus den Wäldern dem Ruf folgte, den er so oft gehört und niemals gefunden hatte. Alte Erinnerungen tauchten in ihm auf, als hätte er dies alles schon einmal erlebt, irgendwo in jener anderen Welt, als wiederholte sich etwas, das vor langer Zeit geschehen war. Und so lief Buck, und er lief über eine Erde, die niemals eines Menschen Fuß betreten hatte, und über ihm war der weite, endlose Himmel.

An einem kalten, klaren Bach hielten sie an und tranken, und als er trank, dachte Buck an John Thornton. Er setzte sich nieder. Der Wolf begann weiterzulaufen, weiter zu auf jenen Ort, von woher der Ruf gewiß kam. Als er bemerkte, daß Buck ihm nicht folgte, kehrte er um, beschnüffelte ihn und stieß ihn mit der Nase sanft an. Aber Buck drehte um und lief langsam auf der alten Fährte zurück. Fast eine Stunde rannte sein wilder Bruder leise winselnd neben ihm her. Dann setzte er sich nieder, streckte seine Nase zum Abendhimmel empor und heulte. Es war ein klagendes, schwermütiges Geheul, und Buck hörte es noch lange. Es wurde langsam schwächer und schwächer, bis es sich ganz in der Ferne verlor.

John Thornton saß gerade beim Mittagessen, als Buck ins Lager stürmte, ihn voll rasender Liebe ansprang, umwarf, auf ihm herumkletterte, sein Gesicht beleckte, in seine Nase biß und den Hanswurst spielte, während Thornton den Hund hin und her schüttelte und ihm liebevolle Schimpfworte ins Ohr flüsterte.

Zwei Tage und Nächte verließ Buck das Lager nicht und behielt seinen Herrn ununterbrochen im Auge. Er folgte ihm zu seiner Arbeit, schaute ihm beim Essen zu, begleitete ihn bis ins Zelt und holte ihn morgens wieder heraus.

Aber nach zwei Tagen hörte er den Ruf aus den Wäldern befehlender denn je. Über Buck kam wieder die Unruhe, deren er nicht Herr werden konnte. Er mußte an den wilden Bruder denken, an das heitere Land jenseits der Wasserscheide, an die dunklen Wälder, durch die sie Seite an Seite gerannt waren. Und er verließ das Lager und durchstreifte die Wälder, aber er suchte vergebens. Der wilde Bruder kam nicht mehr, und so viele lange Nachtwachen auch Buck wartete, er hörte das sehnsüchtige, schwermütige Heulen nicht mehr.

Buck fing an, die Nächte im Wald zu schlafen, und es kam vor, daß er tagelang vom Lager fortblieb; einmal überquerte er die Wasserscheide am Oberlauf des Creek und lief in das Land der Wälder und Ströme. Er wanderte eine Woche lang und suchte vergebens nach frischen Fährten des wilden Bruders. Er zog mit jenem leichten Trott dahin, der nicht müde macht. An einem breiten Strom fischte er nach Lachsen und tötete einen großen, schwarzen Bären, der von Moskitos geblendet hilflos durch die Wälder torkelte. Trotzdem war es ein harter Kampf, und in Buck erwachte eine Wildheit wie nie zuvor in seinem Leben. Als er zwei Tage später zum Kampfplatz zurückkehrte, fand er den Bären von einem Dutzend Vielfraße besetzt, die sich um die Überreste der Beute stritten. Mühelos zerstreute er sie, und jene zwei, die am Kampfplatz zurückblieben, mußten in alle Ewigkeit nicht mehr um ihre Nahrung kämpfen.

Das Raubtier in Buck wuchs. Er riß sich seine Beute allein und ohne Hilfe. In einer feindlichen Umgebung, in der alles Schwache untergeht, blieb er der Sieger. Sein Stolz und Selbstvertrauen wurden immer größer und zeigten sich in allen seinen Bewegungen, im Spiel seiner Muskeln und verliehen seinem wunderschönen Fell einen noch glänzenderen Schimmer.

Hätte er nicht die braunen Flecken auf seiner Schnauze und über den Augen gehabt und ein paar weiße Haarbüschel auf seiner Brust, man hätte ihn leicht mit einem riesigen Wolf verwechseln können. Von seinem Vater, dem Bernhardiner, hatte er die Größe und das Gewicht geerbt, von seiner Mutter, der Schäferhündin, stammten die Leichtigkeit und das schöne Aussehen. Seine Schnauze war etwas länger als die eines Wolfes, aber sein Kopf, wenn auch breiter, war der Kopf eines Wolfes, eines Riesenwolfes.

Seine Schlauheit war die Schlauheit eines Wolfes, seine Intelligenz die Klugheit eines Schäferhundes und eines Bernhardiners. Dazu kamen seine Erfahrungen aus der Schule des harten, erbarmungslosen Nordlandes. Er war den wilden Tieren aus den Wäldern gleichwertig, ja überlegen.

Alle Teile seines Körpers, alle Nerven und Muskeln waren wunderbar aufeinander abgestimmt, und zwischen allen diesen Teilen herrschte eine vollkommene Harmonie.

Auf jeden Laut, auf jeden Vorfall, der eine Tat verlangte, reagierte Buck blitzschnell. Jede seiner Bewegungen war doppelt so schnell wie die der Polarhunde, Entschluß und Ausführung folgten fast gleichzeitig. Seine Muskeln strotzten von Vitalität und waren hart wie Stahlfedern. Wenn Thornton mit der Hand zärtlich über den Rücken des Hundes strich, spürte er ein Knistern, als wäre jedes einzelne Haar elektrisch geladen.

»Nie gab es einen solchen Hund«, sagte John Thornton eines Tages zu seinen Gefährten, als er Buck im Lager herumstreichen sah.

»Als er gegossen wurde, ging die Form entzwei«, meinte Pete.

»Wahrhaftig, das glaub’ ich auch«, setzte Hans hinzu.

Sie sahen ihn das Lager verlassen, sie sahen aber nicht die augenblickliche, schreckliche Veränderung, die mit ihm vorging, sobald ihn das Dunkel des Waldes aufnahm. Er schritt nicht mehr; auf einmal wurde er zum Raubtier, das katzenartig dahinschlich, zu einem gleitenden Schatten, der plötzlich auftauchte und wieder verschwand. Er wußte jede Deckung auszunutzen. Er kroch wie eine Schlange auf dem Bauch, und wie eine Schlange stieß er zu und tötete. Er holte sich das Schneehuhn aus dem Nest und das Kaninchen aus seinem Bau. Die kleinen gestreiften Erdhörnchen schnappte er sich im Flug, wenn sie eine Sekunde zu spät auf den nächsten Baum springen wollten. Er tötete, wenn er hungrig war, nicht aus Lust am Morden. Manchmal spielte er vergnügt wie ein junger Welpe, beschlich die Eichhörnchen, jagte sie und ließ sie wieder laufen, und er empfand eine diebische Freude, wenn sie laut schimpfend in die höchsten Wipfel der Bäume flüchteten.

Als der Herbst kam, tauchten die Elche scharenweise auf und zogen langsam in die tieferen, weniger rauhen Täler, um dort zu überwintern. Buck hatte schon einmal ein vereinzeltes, halbwüchsiges Kalb niedergerissen, aber er wollte eine größere und gefährlichere Beute. Eines Tages stieß er auf eine Herde von zwanzig Tieren, die vom Land der Ströme und der Wälder über die Wasserscheide herübergewechselt waren. Das Leittier war ein außergewöhnlich mächtiger, großer Bulle, und da er sich obendrein in gereizter Stimmung befand, so konnte sich Buck keinen würdigeren Gegner wünschen. Nach allen Seiten stieß er mit seinen riesigen Schaufeln, seine kleinen Augen brannten bösartig, und als Buck auftauchte, fing er sofort zornig zu röhren an. Aus seiner Flanke ragte das gefiederte Ende eines Indianerpfeiles, und seine Wut war begreiflich. Buck hatte noch niemals mit einem Elch gekämpft, aber der Instinkt aus alten Jagdtagen einer urzeitlichen Welt leitete ihn. Er begann den Bullen von der Herde abzusondern, und das war keine leichte Aufgabe. Er bellte und tanzte um ihn herum, aber stets außer Reichweite der mächtigen Schaufeln und der furchtbaren Spalthufe. Die Wut des verwundeten Elchbullen steigerte sich zur Raserei. Er griff Buck an, der geschickt auswich und ihn von den anderen Tieren weglockte. Aber jedesmal wenn der Leitbulle von seiner Herde getrennt wurde, griffen zwei oder drei jüngere Tiere Buck an, und der alte Schaufler fand wieder Anschluß an seine Herde.

Jedes Tier, das sich seine Nahrung selbst erjagen muß, verfügt über eine Geduld, die uns kaum begreiflich ist.

Die Spinne kann endlose Stunden regungslos in ihrem Netz sitzen, die Schlange zusammengerollt auf ihr Opfer lauern und der Panther in seinem Hinterhalt liegen. Buck verfolgte den Bullen mit unendlicher Geduld. Er heftete sich an die Herde, hinderte sie bei ihrer Wanderung und reizte die jungen Bullen, verängstigte die Kühe mit ihren halbwüchsigen Kälbern und machte den verwundeten alten Elch vor hilfloser Wut fast wahnsinnig. Einen halben Tag lang dauerte diese Jagd. Buck war überall zugleich, griff stets an und bedrohte die Herde von allen Seiten und ließ die Tiere nicht mehr zur Ruhe kommen.

Als die Sonne im Nordwesten versank, kamen die jungen Bullen immer zögernder ihrem bedrängten Anführer zu Hilfe. Der nahende Winter trieb sie zu den tiefer gelegenen Ebenen, und es schien, als könnten sie den unermüdlichen Quälgeist, der sie aufhielt, nicht abschütteln. Das Leben der Herde, das Leben der jungen Bullen war nicht bedroht, die Verfolgung galt nur einem von ihnen. Sollten sie um dieses einen willen die ganze Herde in Gefahr bringen?

Die Dämmerung brach herein. Der alte Bulle stand mit gesenktem Haupt allein und verlassen da und blickte seinen Artgenossen nach, die rasch im Zwielicht verschwanden: seinen Kühen, den Kälbern, denen er ein Vater gewesen war, und den Bullen, die er gemeistert hatte. Er konnte nicht folgen, vor seiner Nase tanzte ein erbarmungsloser, zähnefletschender Schrecken. Um dreihundert Pfund mehr als eine halbe Tonne wog der Bulle, er hatte ein langes, starkes Leben gelebt, voll von Kämpfen und Anstrengungen, und nun stand ihm der Tod durch die Zähne eines Tieres bevor, dessen Kopf nicht über seine Knie reichte.

Buck ließ seiner Beute keine Ruhe mehr, keinen Augenblick der Rast. Er hinderte den Bullen, die Blätter der jungen Birken und Weiden abzuäsen, er gab ihm keine Gelegenheit, seinen brennenden Durst in den seichten Flüssen, die sie überquerten, zu stillen. In heller Verzweiflung floh der Elch oft in langen Fluchten davon. Buck versuchte nicht, ihn dann zu stellen, er folgte ihm nur in einem mühelosen, federnden Trab. Wenn der Elch stillstand, legte sich Buck nieder, und er griff ihn wütend an, wenn er äsen oder trinken wollte.

Das große Haupt des Elches senkte sich immer mehr unter seinen gewaltigen Hörnern, und der schlenkernde Gang wurde unsicherer und schwächer. Er blieb sehr oft und lange stehen, die Muffeln berührten fast den Boden, und die gesenkten Lauscher hingen schlaff herab. Buck fand Zeit genug zu rasten und sich mit Wasser zu versorgen. In jenen Augenblicken, wenn Buck keuchend am Boden lag und den Elch nicht aus den Augen ließ, schien es ihm, als hätte sich das Land um ihn verändert. Nicht nur die Elche waren gekommen, er spürte andere, neue Wesen. Er konnte sie nicht sehen, nicht hören und nicht riechen, aber mit einem anderen namenlosen Sinn fühlte er sie. Sie füllten Wälder aus mit ihrer Gegenwart. Buck wußte nicht, wer sie waren, noch wo sie waren, und er beschloß, nach ihnen zu sehen, sobald er seine Beute getötet hatte.

Gegen Ende des vierten Tages riß er den Bullen nieder. Einen Tag und eine Nacht blieb er bei dem erlegten Tier, er fraß und schlief und fraß weiter. Ausgeruht und frisch machte er sich auf den Weg zu John Thornton und dem Lager. Er fiel in den langen, leichten und mühelosen Trott, lief stets geradeaus, ohne jemals in Verlegenheit zu kommen, welche Richtung er einschlagen sollte. Schnurstracks hielt er durch das unbekannte Land auf das Lager zu, mit einer Gewißheit, die jeden Menschen und jede Magnetnadel beschämte.

Das Neue, Unbekannte wurde immer stärker. Es war nicht hier gewesen, während des ganzen Sommers nicht. Buck fühlte es nun nicht mehr unbewußt wie auf der Elchjagd, jetzt war der ganze Wald voll davon. Die Vögel riefen davon, die Eichhörnchen schwätzten darüber, jeder Luftzug erzählte es. Einige Male blieb er stehen und zog die frische Morgenluft ein, und die Botschaft, die sie enthielt, ließ ihn in langen Sätzen weitereilen. Das Gefühl eines drohenden Unheils überkam ihn, eines Unheils, das vielleicht schon geschehen war, und als er dem Lager näher kam, wurde er immer vorsichtiger.

Drei Meilen vorher stieß er auf eine frische Fährte. Seine Rückenhaare sträubten sich, und er bebte am ganzen Körper. Die Fährte führte zum Lager. Er hastete vorwärts, jeden Nerv aufs höchste angespannt. Seine Nase gab ihm eine Vorstellung von den Lebewesen, deren Fährte er folgte, und die Spur erzählte ihm eine Geschichte, nur deren Ende nicht! Er merkte das unheilvolle Schweigen im Wald. Die Vögel hatten sich verzogen, die Eichhörnchen waren in ihren Verstecken. Nur ein einziges sah er, einen schlanken, grauen Körper, der sich flach gegen einen grauen, toten Ast preßte und wie ein Teil davon erschien.

Als Buck wie ein gleitender Schatten dahineilte, nahm er plötzlich etwas wahr, das ihn im vollen Lauf stoppte. Er folgte der neuen Witterung ins Dickicht und fand Nig. Der schwarze Hund lag ausgestreckt am Boden, und aus seinem Körper ragte ein mit Federn verzierter Pfeil.

Hundert Schritte weiter stieß Buck auf einen der Schlittenhunde, die Thornton in Dawson gekauft hatte. Er wälzte sich noch im Todeskampf, und Buck umging ihn, ohne anzuhalten. Vom Lager drang ein schwacher, eintöniger Singsang, der bald anschwoll, bald wieder abebbte. Am Rande der Lichtung fand er Hans auf dem Gesicht liegend und mit Pfeilen bespickt wie ein Stachelschwein mit Stacheln. Buck aber starrte dorthin, wo die Hütte gewesen war, und was er sah, trieb seine Haare auf den Schultern senkrecht in die Höhe. Eine rasende Wut packte ihn. Er wußte nicht, daß er heulte, aber er heulte laut auf mit einer schrecklichen Wildheit. Zum letztenmal in seinem Leben trug die Leidenschaft den Sieg über die Klugheit und Vernunft davon, und es war um seiner großen Liebe zu John Thornton willen, daß er nicht mehr wußte, was er tat.

Es waren Yeehats-Indianer, die vor der niedergebrannten Hütte tanzten und sangen. Sie hörten das unheimliche Geheul und sahen ein Tier auf sich zuspringen, wie sie noch niemals eines gesehen hatten. Buck warf sich, gleich einem lebenden Hurrikan, in wahnsinniger Wut auf sie. Er sprang den vordersten Mann an – es war der Häuptling – und riß ihm die Kehle auf, und als aus der aufgeschlitzten Gurgel eine Blutfontäne hervorschoß, warf er sich auf den nächsten und dann wieder auf einen und noch einen. – – – Nichts konnte ihn aufhalten. Er tobte inmitten der Indianer, riß, zerfleischte und vernichtete. So schnell und rasend waren seine Bewegungen und so dicht standen seine Opfer, daß sie sich mit ihren Pfeilen nur gegenseitig trafen. Ein junger Krieger warf seinen Speer auf Buck, als ihn dieser anspringen wollte, und traf statt des Hundes einen Indianer mit solcher Gewalt, daß der Speer sich durch den ganzen Körper bohrte. Die Yeehats ergriff ein panischer Schrecken, halb gelähmt vor Angst flohen sie in die Wälder und glaubten, ein böser Geist sei auf ihren Fersen.

Und Buck sah wirklich wie ein Teufel aus; er riß sie auf ihrer Flucht wie Rehe nieder. Es war ein schwarzer Tag für die Yeehats. Sie zerstreuten sich weit und breit über das Land, und erst eine Woche später sammelten sich die letzten Überlebenden in einem niedriger gelegenen Tal.

Buck war der Verfolgung müde geworden. Als er in das verlassene Lager zurückkehrte, fand er Pete, der im ersten Augenblick der Überraschung schlafend in seinen Decken ermordet worden war. Thorntons Verzweiflungskampf las er aus den Fußspuren im Sand, die er bis zum Rand eines tiefen Tümpels verfolgte. Am Ufer lag Skeet, Kopf und Vorderfüße im Wasser, treu bis in den Tod. Was das trübe Wasser selbst enthielt, war nicht zu sehen, aber Buck wußte das Geheimnis, denn John Thorntons Spuren führten hinein, aber nicht mehr heraus.

Den ganzen Tag verbrachte Buck beim Tümpel oder streifte ruhelos im Lager umher. Der Tod war das Ende jeder Bewegung, jeden Lebens, er wußte es. Und er wußte, daß sein Herr tot war. Dieses Wissen hinterließ in ihm eine große Leere, es war wie Hunger, aber es war ein Hunger, der weh tat und der niemals mehr gestillt werden konnte. Wenn er stehenblieb und die Leichen der Yeehats betrachtete, vergaß er diesen Schmerz und ein unbändiger Stolz trat an seine Stelle, ein Stolz, wie er ihn noch nie gefühlt hatte. Er hatte Menschen getötet, das edelste Wild, und er hatte sie getötet nach dem Recht des Stärkeren. Neugierig beschnüffelte er die Toten. Sie waren so leicht zu töten gewesen, es war schwerer, einen Hund zu töten als sie. Ohne ihre Pfeile und Speere waren sie ihm nicht gewachsen. Er würde nie mehr vor ihnen Angst haben und sich nur mehr vor ihnen hüten, wenn sie Waffen in den Händen trugen.

Die Nacht kam. Der Vollmond stieg am Himmel auf und erhob sich hoch über die Bäume, er übergoß das Land mit Licht und tauchte es in einen geisterhaften Schimmer. Noch immer lag Buck trauernd beim Tümpel. Die Nacht war so still, und doch fühlte er, daß die Wälder um ihn nicht mehr verlassen waren. Aber es war nicht die Gegenwart der Yeehats, die er spürte. Lauschend und witternd stand er auf.

Von weither drang ein schwaches, scharfes Kläffen zu ihm, dem ein Chor gleicher Stimmen antwortete. Sie kamen näher und wurden lauter und lauter. Diese Stimmen gehörten jener anderen Welt an, die so hartnäckig in seiner Vorstellung lebte. Er schritt bis in die Mitte der Lichtung und lauschte. Es war der alte, geheimnisvolle Ruf, er klang verlockender und zwingender als jemals. Noch nie vorher war er so bereit gewesen, ihm zu folgen. John Thornton war tot. Das letzte Band war zerrissen. Die Menschen und ihre Forderungen hielten ihn nicht länger.

Auf seinen Jagdzügen war das Wolfsrudel vom Land der Ströme und Wälder in Bucks Tal herübergewechselt. Vom Mondlicht übergossen stand Buck bewegungslos auf der Lichtung wie eine Statue und erwartete sein Kommen. So still und so groß stand er vor ihnen, daß die Wölfe zuerst scheu vor ihm zurückwichen. Nach einer kleinen Weile sprang ihn der Kühnste an. Wie ein Blitz biß Buck zu und brach ihm das Genick. Der besiegte Wolf wälzte sich im Todeskampf, Buck stand wieder regungslos wie vorher. Drei andere griffen ihn hintereinander an, aber jeder von ihnen mußte sich mit blutender Kehle oder zerfetzter Schulter zurückziehen.

Plötzlich ging das ganze Rudel auf ihn los. Sie fielen blindlings über ihn her. Buck erwartete sie. Ohne seine wunderbare Geschicklichkeit und seine Kraft hätte er diesen Kampf verloren, aber er raste umher, hieb zu und war überall zugleich. Er gab sich keine Blöße, so schnell wirbelte er von einem Angreifer zum anderen. Langsam zog er sich zurück, damit die Wölfe ihn nicht von rückwärts anfallen konnten, vorbei am Tümpel und hinein in das Flußbett, bis er auf eine ziemlich hohe Sandbank stieß. Beim Goldwaschen hatten die Männer dort einen scharfen, rechten Winkel ausgehoben und hier, geschützt von drei Seiten, stellte sich Buck wieder den Wölfen.

Und so gut verstand er es, diesen Platz zu halten, daß sich die Wölfe nach einer halben Stunde entmutigt zurückzogen. Die Zungen hingen ihnen aus den Mäulern, im fahlen Mondlicht blitzten ihre Zähne grausam weiß. Einige legten sich nieder, hoben die Köpfe und hielten die Ohren gespitzt, andere blieben stehen und beobachteten Buck. Der Rest des Rudels ging zum Tümpel und leckte gierig Wasser.

Nur einer der Wölfe kam näher, ein magerer, grauer Geselle. Er winselte freundlich, und Buck erkannte in ihm den wilden Bruder wieder, mit dem er eine Nacht und einen Tag gelaufen war. Er antwortete dem leisen Winseln, und sie rieben die Nasen aneinander.

Nun trat ein anderer, alter, hagerer, narbenbedeckter Wolf vor. Buck zog die Lefzen hoch, als wollte er zu knurren anfangen, aber dann beschnüffelten sie sich. Der alte Wolf ließ sich nieder, richtete die Schnauze gegen den Mond und brach in das lange Wolfsgeheul aus. Die anderen Wölfe folgten seinem Beispiel und heulten mit. Buck horchte auf. Das war der Ruf, das war der geheimnisvolle Ruf! Und er setzte sich nieder zu ihnen und sang mit ihnen. Sie hörten auf zu singen, drängten sich an ihn und beschnupperten ihn. Als die Leitwölfe den Lockruf des Rudels begannen, antworteten die Wölfe im Chor und folgten ihren Führern in die Wälder. Und neben seinem wilden Bruder rannte Buck, und er sang wie er das wilde Lied der Wölfe.

Und damit endet die Geschichte von Buck. Es dauerte nur wenige Jahre, da stellten die Yeehats eine merkwürdige Veränderung im Aussehen der Wölfe fest, manche hatten braune Flecken auf den Köpfen und ein weißes Mal auf der Brust.

Aber noch seltsamer ist die Geschichte von einem Geisterhund, der an der Spitze des Rudels laufen soll. Die Yeehats fürchten sich vor ihm, denn er ist schlauer als sie alle. Er bestiehlt ihre Lager, beraubt ihre Fallen und tötet ihre Hunde.

Doch Schrecklicheres erzählt man sich: von Jägern, die nicht mehr zum Lager zurückkommen, von Jägern, die man mit aufgerissener Kehle findet, umgeben von Wolfsspuren, die größer sind als die eines Wolfes. Jeden Herbst, wenn die Yeehats dem Zug der Elche folgen, vermeiden sie eines der Täler. Und die Frauen am Feuer werden traurig, wenn erzählt wird, wie jener böse Geist zum erstenmal dorthin kam.

Die Yeehats aber wissen nichts von jenem einen Besucher, der immer wieder jeden Sommer in das verlassene Tal kommt. Er ist ein großes Tier mit einem prächtigen Fell, er gleicht einem Wolf, und doch ist er anders als alle Wölfe.

Er kommt allein aus dem heiteren Land jenseits der großen Wasserscheide, und er sucht immer wieder dieselbe Lichtung zwischen den Bäumen auf. Aus vermoderten Elchhautsäcken fließt ein glänzender, gelber Strom auf die Erde, hohes Gras wächst dazwischen und Unkraut wuchert darüber. Und auf dieser Lichtung liegt der Wolf regungslos lange Zeit, viele Stunden, als warte er auf etwas, das nie wieder kommt. Und bevor er aus dem Tal läuft, heult er lange und klagend und trauernd.

Aber der Wolf ist nicht immer allein. Wenn die langen Winternächte kommen und die Wölfe aus dem Land der Ströme und Flüsse in die niedriger gelegenen Täler wechseln und den wandernden Elchen folgen, kann man an der Spitze des Rudels ein riesiges, ungeheures Tier, einen riesigen Wolf sehen. Im fahlen Mondlicht, unter dem flimmernden Nordlicht, hebt er seine mächtige Kehle zum Himmel, und er singt das Lied, das uralte Lied der Wölfe.

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