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Der Ruf der Wildnis.  Jack London
Kapitel 6. Um die Liebe eines Menschen
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John Thornton hatte sich im vergangenen Dezember die Füße erfroren, und als seine Gefährten den Fluß hinauffuhren, um eine Ladung Schnittholz für Dawson herunterzubringen, hatten sie ihn gut versorgt zurückgelassen.

Er hinkte noch immer leicht, aber bei dem warmen und schönen Wetter wurden seine Füße schnell besser. Die langen Frühlingstage lag Buck am Flußufer, schaute dem vorüberfließenden Wasser nach, lauschte schläfrig auf den Gesang der Vögel, und langsam gewann er seine alte Kraft wieder. Nach dreitausend Meilen eines langen und mühseligen Weges konnte er endlich rasten.

Seine Wunden vernarbten, die Muskeln festigten sich wieder, er setzte Fleisch an. Alle genossen das Nichtstun, auch Thornton und die beiden anderen Hunde, Skeet und Nig. Sie warteten auf das Floß, das sie nach Dawson bringen sollte. Skeet war eine kleine irische Vorstehhündin, die bald mit Buck Freundschaft schloß. Sie war die geborene Pflegeschwester, und in den ersten Tagen, als Buck noch halbtot war, hatte er nicht die Kraft, sich gegen ihre Teilnahme aufzulehnen. Sie leckte und reinigte Bucks Wunden wie eine Katze, die ihre Jungen pflegt. Jeden Morgen gleich nach dem Frühstück fing sie mit ihrem Liebeswerk an, und Buck gewöhnte sich bald daran genauso wie an Thorntons Pflege. Nig, ein großer, schwarzer Hund mit gutmütigen Augen, war ebenfalls freundlich, nur zurückhaltender.

Zu Bucks Erstaunen zeigten diese Hunde keine Eifersucht. Sie waren so großherzig wie ihr Herr. Als Buck seine Kräfte wiedergewann, verleiteten sie ihn zu allen möglichen lustigen Streichen, an denen sich auch Thornton vergnügt beteiligte. So balgte sich Buck in ein neues Leben hinein, und zum erstenmal spürte er Liebe, echte, leidenschaftliche Liebe. Er hatte sie nie kennengelernt, selbst bei seinem ersten Herrn in Santa Clara nicht. An ihn hatte ihn gute und feste Freundschaft gebunden, für die Söhne war er ein Kamerad, für die Enkel ein Spielgefährte gewesen, aber Liebe, fiebernde, brennende Liebe, lernte er erst bei John Thornton kennen.

Dieser Mann hatte sein Leben gerettet, das war schon viel, aber darüber hinaus war er der ideale Herr. Andere Männer sorgten für ihre Hunde, weil es ihre Pflicht war und sie die Tiere zur Arbeit brauchten, John sorgte für sie, weil er sie so liebte, als wären es seine eigenen Kinder. Nie vergaß er sie freundlich anzurufen, mit ihnen zu reden, und oft setzte er sich in ihren Kreis und hielt mit ihnen lange Gespräche, und die Hunde liebten dies genauso wie er. Buck kannte keine größere Freude, als wenn sein Herr ihm rauh und gütig das Fell zerzauste, mit beiden Händen seinen Kopf packte und hin und her beutelte und ihm dabei Schimpfworte wie »alter Lump« oder »verrückter Gauner« ins Ohr flüsterte.

Und Buck erwiderte diese Zärtlichkeiten! Er nahm die Faust des Mannes in sein Maul und drückte sie so fest mit den Zähnen, daß sich ihre Spuren lange auf der Hand abzeichneten. Und so wie für Buck die Schimpfworte zu Koseworten wurden, die er liebte, so wußte Thornton, daß Bucks Bisse nur Liebkosungen waren. Buck verehrte seinen Herrn grenzenlos, er wurde wild vor Glück, wenn dieser ihn ansprach und berührte.

Aber er suchte diese Gunst nicht. Skeet dagegen hatte die Gewohnheit, ihre Nase unter Thorntons Hand zu schieben und so lange anzustoßen, bis sie getätschelt wurde. Nig wiederum legte seinen mächtigen Schädel auf Thorntons Knie. Buck aber genügte es, seinen Herrn aus der Entfernung zu verehren. Stundenlang lag er zu seinen Füßen, schaute zu dem geliebten Gesicht auf und verfolgte jeden flüchtigen Ausdruck und jede geringste Bewegung der Züge. Oft spürte Thornton diesen Blick, drehte sich wortlos um, und ihre Augen begegneten sich in einer stummen Zärtlichkeit.

Lange Zeit nach seiner Rettung folgte Buck seinem Herrn auf Schritt und Tritt und ließ ihn niemals allein. Wenn Thornton das Zelt verließ, blieb er ihm auf den Fersen. Buck hatte Angst, sein Herr könnte wieder aus seinem Leben verschwinden wie Perrault, François und das Halbblut. Selbst im Traum verließ ihn diese Furcht nicht. Wachte er auf, dann kroch er zur Zeltöffnung und lauschte dem Atem seines Herrn.

Aber trotz dieser großen Liebe zu John Thornton, die eine Rückkehr in sein früheres zivilisiertes Leben im Süden bedeutete, lebte in ihm das Ursprüngliche weiter, das im Nordland geweckt worden war. Das Raubtier blieb in ihm lebendig und wirksam. Am Feuer John Thorntons saß kein zahmer Hund aus dem Süden, sondern ein Wesen, das aus der Wildnis kam und ein Teil der Wildnis blieb.

Zahllose Kämpfe mit anderen Hunden hatten an Bucks Körper unzählige Narben hinterlassen. Buck kämpfte jedesmal genauso unerbittlich wie damals mit Spitz. Skeet und Nig waren zu gutmütig, um mit ihnen zu streiten, außerdem gehörten sie zu John Thornton. Aber jeder fremde Hund, so groß und stark er auch sein mochte, mußte Bucks Überlegenheit anerkennen oder er fand sich plötzlich mitten in einem Kampf auf Leben und Tod mit einem schrecklichen Gegner. Buck war erbarmungslos. Er hatte das Gesetz des Nordens kennengelernt, er verpaßte nie einen Vorteil oder räumte das Kampffeld, ehe sein Feind unterlegen war. Er wußte, daß es keinen Mittelweg gab. Das Gesetz hieß: töten oder getötet werden. Mitleid war Schwäche. In dieser primitiven Welt wurde Mitleid als Angst angesehen, und wer das nicht wußte, verlor sein Leben.

Buck war älter als die Tage, die er selbst gelebt hatte; in ihm pulste der gewaltige Rhythmus längst vergangener Zeit. Am Feuer Thorntons lag ein Hund mit einer breiten Brust und langen, zottigen Haaren, ein Hund aus der Zivilisation, doch hinter ihm standen die Schatten der wilden Vorväter, Halbwölfe, Wölfe, die sich um ihn drängten. Sie waren hungrig nach dem Fleisch, das er fraß, dürsteten nach dem Wasser, das er trank, witterten mit ihm in den Wind, lauschten mit ihm, befahlen ihm, legten sich mit ihm schlafen, träumten mit ihm und wurden selbst Gegenstand seiner Träume.

Diese Schatten forderten so gebieterisch, daß ihm die Menschen und die Ansprüche der Menschen an den gezähmten Hund immer fremder wurden. Aus der Tiefe des Waldes klang ein Ruf, und sooft er diesen geheimnisvoll lockenden Ruf vernahm, überlief ihn ein Schauer, und er fühlte den Trieb, dem Feuer und der von den Menschen niedergetretenen Erde ringsum den Rücken zu kehren und in den Wald zu stürzen, weiter und immer tiefer hinein, wohin und warum, das wußte er nicht und wollte es auch gar nicht wissen. Aber wenn er die weiche, unberührte Erde und die stillen, grünen Schatten des Waldes erreicht hatte, trieb ihn die Liebe zu seinem Herrn wieder zum Feuer zurück.

Thornton war der einzige Mensch, der ihn hielt. Er kümmerte sich um keinen anderen. Besucher mochten ihn loben oder tätscheln, er blieb kalt, und wenn einer allzu zärtlich wurde, ließ er ihn einfach stehen und ging. Als Thorntons Gefährten, Hans und Pete, auf dem langerwarteten Floß ankamen, weigerte sich Buck, sie anzuerkennen, bis er merkte, daß sie zu seinem Herrn gehörten. Dann duldete er sie, aber auf eine Art, als ob er ihnen damit eine Gnade erweisen würde. Sie gehörten zum gleichen Schlag wie Thornton, dachten einfach und sahen klar, und bevor sie noch mit dem Floß in Dawson angekommen waren, verstanden sie Buck und seine Eigenheiten und behandelten ihn anders als die übrigen Hunde.

Die Liebe zu seinem Herrn aber wuchs und wuchs. Thornton allein durfte es sich erlauben, während der Sommerreise einen Packen auf Bucks Schulter zu legen. Nichts war für Buck zu schwierig, wenn Thornton es befahl.

Eines Tages während ihrer Weiterfahrt den Tananafluß hinauf, saßen die drei Männer am Rand einer Klippe, die dreihundert Fuß fast senkrecht auf nackten Stein abfiel. Buck lag neben Thornton. In einer plötzlichen Laune wollte Thornton den Gehorsam seines Hundes prüfen. Hans und Pete sahen zu. Ohne über die Folgen nachzudenken, streckte Thornton die Hand über die gähnende Tiefe und rief: »Spring, Buck!« Im nächsten Augenblick hingen beide beinahe über die Klippe, Thornton hielt sich an den Hund geklammert, der ohne Zögern dem Befehl gefolgt war. Hans und Pete zogen beide mühsam wieder zurück.

»Der Hund ist unheimlich«, rief Pete, nachdem sie sich wieder von ihrem Schrecken erholt hatten.

Thornton schüttelte den Kopf. »Nicht unheimlich, wunderbar ist er.«

»Ich möchte es keinem raten, dich in seiner Gegenwart anzugehen«, meinte Pete.

»Ich auch nicht«, bestätigte Hans.

Es sollte in Circle City geschehen, noch ehe ein paar Monate vergangen waren! Der schwarze Burton, ein jähzorniger, bösartiger Bursche, hatte in der Bar Streit mit einem Neuling angefangen, und Thornton wollte Frieden stiften. Buck lag in einer Ecke und beobachtete, den Kopf auf den Pfoten, jede Bewegung seines Herrn, wie er es immer tat. Burton wandte sich gegen Thornton und schlug ohne Warnung auf ihn ein. Thornton taumelte zurück und stürzte gegen den Bartisch.

Was die Anwesenden nun vernahmen, war weder ein Bellen noch ein Kläffen, es war der Wutschrei eines wilden Tieres. Buck sprang Burton an. Der Mann rettete sein Leben durch eine mechanische Abwehrbewegung mit dem Arm. Buck verfehlte die Kehle, und sein Zähne bissen sich nun im Arm fest. Bevor es den Anwesenden gelang, Buck von dem Mann fortzureißen, war dieser bereits furchtbar zugerichtet.

Ein Goldsucher-Meeting, das sofort einberufen wurde, entschied einmütig, daß Buck im Recht gewesen sei. Buck wurde freigesprochen, und von diesem Tage an kannte jeder in Alaska seinen Namen.

Später, im Herbst, rettete Buck noch einmal das Leben seines Herrn. Die drei Partner zogen ein langes, schmales Boot über eine wilde Wasserstrecke bei den Stromschnellen des Vierzigmeilenflusses.

Hans und Pete gingen am Ufer und hielten das Zugtau, Thornton stand im Boot und steuerte es mit einer langen Stange um die Felsen. Buck hielt sich am Ufer aufgeregt und unruhig auf gleicher Höhe mit dem Boot und ließ die Augen nicht von seinem Herrn, der den Männern am Ufer von Zeit zu Zeit Befehle zurief.

An einer besonders schwierigen, felsigen Stelle mußte Thornton das Boot vom Ufer fortstoßen, und Hans ließ das Tau abrollen. Die heftige Strömung riß das Boot sofort stromabwärts, Hans wollte es festhalten, aber der Ruck war zu plötzlich und das Boot kippte um. Thornton flog kopfüber ins Wasser, wurde erbarmungslos weitergerissen und trieb dem gefährlichsten Teil der Stromschnellen zu.

Im selben Augenblick war aber auch Buck im Fluß und überholte Thornton inmitten eines Wirbels von rasendem, überschäumendem Wasser. Als er fühlte, daß Thornton sich hinten an ihn klammerte, wandte sich Buck dem Ufer zu. Aber sie kamen ihm nur langsam näher und wurden viel zu schnell stromabwärts gezogen.

Das unheilbringende, donnernde Brausen und Toben wurde immer lauter, die Strömung immer wilder und reißender. Nur mehr ein kleines Stück, und weißschäumend raste das Wasser durch die spitzen Felsen wie durch die Zähne eines riesigen Kammes. Thornton wußte: Buck konnte mit ihm nicht mehr rechtzeitig das Ufer erreichen. Er klammerte sich verzweifelt an einen Felsen, wurde weitergerissen und auf einen anderen geworfen. Mit beiden Händen krallte er sich fest, ließ Buck los und schrie: »Vorwärts, Buck! Go! Go!«

Buck kämpfte verzweifelt gegen die Strömung, um wieder zu seinem Herrn zu kommen. Noch einmal schrie Thornton: »Weiter, Buck! Go!« Buck warf den Kopf hoch, dann wandte er sich gehorsam und schwamm ans Ufer. Pete und Hans zogen ihn an Land.

Sie wußten nur zu gut, daß ein Mann in diesen Stromschnellen sich nur wenige Minuten an einem schlüpfrigen Felsen festhalten kann. Keuchend rannten sie am Ufer höher hinauf, banden das Tau, mit dem sie das Boot gezogen hatten, um Bucks Nacken und Schultern. Er warf sich ohne zu überlegen sofort wieder in das reißende Wasser und schwamm mit machtvollen Stößen auf seinen Herrn zu. Aber er verfehlte den Felsen. Hans zog die Leine sofort straff an, Buck wurde unter Wasser gerissen und kam nicht mehr an die Oberfläche, bis er neben den Männern am Ufer lag. Er war halb erstickt, taumelte auf und fiel sofort wieder nieder. Pete und Hans rieben und drückten seinen mächtigen Brustkorb, aber Buck hatte keine Kraft mehr. Doch ein schwacher Hilferuf seines Herrn wirkte auf das Tier wie ein elektrischer Schlag. Buck sprang auf und hetzte am Ufer entlang zu jener Stelle, wo er das erstemal Thorntons Rettung versucht hatte.

Wieder wurde das Seil um seinen Nacken gebunden, und wieder warf er sich in den Strom. Er hatte einmal die Entfernung schlecht berechnet, das zweite Mal machte er sich dessen nicht mehr schuldig. Pete hielt das Tau fest, und Hans rollte es auf. Buck schwamm genau auf seinen Herrn zu, Thornton sah ihn kommen, und als der Hund knapp neben ihm war, warf er beide Arme um den zottigen Nacken. Die Männer am Ufer zogen das Seil straff an, und Buck und Thornton wurden unter Wasser gerissen; halb erstickt, zerschlagen und zerschunden von den spitzen Felsriffen rollten sie ans Land.

Pete und Hans bearbeiteten Thornton, und als er wieder bei Bewußtsein war, galt sein erster Blick Buck. Nig stand neben dem schlaffen, wie leblosen Körper und heulte. Skeet leckte die triefendnasse Schnauze und die geschlossenen Augen. Thornton, der selbst am ganzen Körper zerschlagen war, beugte sich über Buck. Der Hund hatte drei Rippen gebrochen.

»Wir müssen hier bleiben«, entschied Thornton.

Und so geschah es. Sie lagerten an Ort und Stelle so lange, bis der Hund wieder vollständig hergestellt war.

Im Winter, als sie wieder in Dawson waren, vollbrachte Buck eine neue Heldentat, nicht so heroisch wie die Rettung aus dem Fluß, aber sie machte seinen Namen in ganz Alaska berühmt.

Thornton und seine Partner hatten schon lange vor, in den noch unberührten Osten zu ziehen, wo noch nicht jedes Fleckchen von Goldgräbern durchwühlt worden war, aber es fehlte ihnen an den nötigen Mitteln.

Eines Tages kam im Eldorado-Saloon die Rede auf Hunde. Jeder der Männer pries die Vorzüge seiner eigenen Hunde. Immer wieder wurde Buck, um den man Thornton beneidete, zum Vergleich herangezogen, und jeder wollte seinen eigenen Hund herausstreichen und Bucks Leistungen herabmindern. Einer der Männer behauptete, sein Hund könne eine Ladung von fünfhundert Pfund auf dem Schlitten ziehen, ein anderer übertrumpfte ihn um hundert Pfund, während ein dritter seinem Tier sogar siebenhundert Pfund zutraute.

»Was wollt ihr«, sagte Thornton wegwerfend, »Buck kann tausend ziehen.«

»Er kann allein starten und tausend Pfund hundert Yards weit ziehen?« forschte Matthewson, ein Bonanzakönig.

»Jawohl, starten und hundert Yards ziehen«, antwortete John Thornton unüberlegt.

»Well!« sagte Matthewson so langsam und bedächtig, daß es alle hören konnten. »Ich wette tausend Dollar, daß er es nicht kann. Da liegen sie.« Und großspurig warf er einen Sack mit Goldstaub auf den Schanktisch.

Niemand sprach ein Wort.

Thornton war herausgefordert worden, und er fühlte, wie ihm das Blut in den Kopf stieg. Seine Zunge war mit ihm durchgegangen, denn er wußte ja gar nicht, ob Buck tatsächlich tausend Pfund ziehen konnte. Eine halbe Tonne! Dieses gewaltige Gewicht erschreckte ihn. Er kannte die Kraft seines Hundes und traute ihm diese Leistung zu, aber niemals hatte er daran gedacht, ihn eine solche Last auch wirklich ziehen zu lassen. Thornton besaß keine tausend Dollar, ebensowenig seine Gefährten. Die Augen von einem Dutzend Männer waren auf ihn gerichtet, schweigend und gespannt, und zwangen ihn zu einer Entscheidung.

»Ich habe einen Schlitten mit zwanzig Mehlsäcken draußen stehen. Jeder wiegt fünfzig Pfund. Wir können sofort anfangen!« sagte Matthewson mit brutaler Offenheit.

Thornton gab keine Antwort. Er wußte nicht, was er sagen sollte. Seine Augen wanderten abwechselnd von einem zum anderen. Da traf sein Blick einen alten Kameraden, Jim O’Brien, einen der erfolgreichsten Männer von Klondike. Und plötzlich war John Thornton fest entschlossen, die Wette anzunehmen.

»Kannst du mir tausend Dollar leihen?« flüsterte er seinem Freund zu.

»Gewiß«, antwortete O’Brien und warf einen zweiten großen Sack neben dem ersten nieder, »wenn ich auch nicht glaube, daß dein Hund dieses Kunststück fertigbringt.«

Die ganze Gesellschaft strömte auf die Straße. Selbst die Spieler verließen ihre Tische, um zuzusehen und Wetten abzuschließen. Mehrere hundert mit Pelzen bekleidete Männer standen im Kreis um den Schlitten. Es herrschte bittere Kälte – sechzig Grad Fahrenheit unter Null –, und Matthewsons Schlitten hatte schon stundenlang im Schnee gestanden, und die Kufen waren fest angefroren. Ein Streit entstand über den Begriff »allein starten«. O’Brien behauptete, es wäre Thorntons Recht, die Kufen vom gefrorenen Schnee loszubrechen, während Matthewson auf dem Gegenteil bestand.

Da die Mehrheit der Anwesenden sich für Matthewson entschied, schnellte die Quote auf drei zu eins gegen Buck hinauf. Keiner glaubte, daß der Hund dieses Kunststück fertigbringen werde. Thornton war in die Wette hineingetrieben worden, ohne sicher zu sein, daß Bucks Kräfte ausreichen würden, jetzt, da er auf den Schlitten blickte und die zehn Hunde sah, die ihn gezogen hatten, erschien ihm seine Sache fast hoffnungslos.

Matthewson, der Thorntons Zögern bemerkte, rief:

»Drei zu eins! Ich setze noch weitere tausend Dollar gegen Sie, Thornton. Was sagen Sie dazu?«

Seine spöttische Prahlerei weckte in Thornton jenen Kampfgeist, der das Unmögliche für möglich hält und taub gegen alle Vernunftgründe macht. Er rief Hans und Pete zu sich. Aber sie waren arme Teufel, und nur mit Mühe und Not gelang es ihnen, zweihundert Dollar zusammenzukratzen. Es war ihr ganzes Kapital, aber sie setzten es ohne Zögern gegen den hohen Einsatz des Bonanzakönigs.

Die zehn Hunde wurden ausgespannt, und an ihre Stelle trat Buck. Er fühlte die Aufregung, er begriff, daß er auf irgendeine Weise etwas Besonderes für seinen Herrn tun mußte. Ein bewunderndes Gemurmel ging durch die Menge. Buck war vollendet in Form, besaß keine überflüssige Unze Fett, und sein Fell glänzte wie Seide. Seine Rückenhaare sträubten sich aufgeregt. Die mächtige Brust und die schweren Vorderbeine standen im richtigen Verhältnis zu den übrigen Teilen seines Körpers. Die Leute bestaunten seine stahlharten Muskeln, und die Quoten ermäßigten sich wieder auf zwei zu eins.

»Bei Gott, Herr!« rief einer der Ansiedler, den man wegen seines Reichtums den König von Skokum nannte. »Ich biete achthundert für ihn. Verstehen Sie, Herr, so wie er da steht.«

Thornton machte eine abweisende Geste und trat an Bucks Seite.

»Ihr dürft nicht an seiner Seite stehen!« protestierte Matthewson. »Freies Spiel!«

Die Menge wich zurück. Die Stille wurde nur noch durch die aufgeregten Stimmen jener, die noch Wetten abschließen wollten, unterbrochen. Fast niemand setzte auf Buck. Wenn er auch ein wundervolles Tier war – eine halbe Tonne Mehl, nein, das war zuviel!

Thornton kniete an Bucks Seite nieder, nahm seinen Kopf in beide Hände und flüsterte ihm ins Ohr: »Wenn du mich liebst, Buck, wenn du mich liebst!«

Buck verstand und winselte eifrig.

Die Menge schaute verwundert zu. Die leisen Worte Thorntons hörten sich wie eine Beschwörungsformel an. Als er sich erhob, faßte Buck seine Hand mit den Zähnen und ließ sie nur langsam, fast widerstrebend los. Das war seine Antwort.

Thornton trat zurück.

»Nun los, Buck!« sagte er ruhig.

Buck spannte die Stränge an und lockerte sie wieder, wie er es gelernt hatte. Dann zog er mit einem Ruck scharf nach rechts. Die Ladung erzitterte ein wenig, und das Eis unter den Kufen knirschte. Ein neuerlicher Ruck folgte, diesmal nach links. Das Eis splitterte, die Kufen bewegten sich, der Schlitten war frei.

Die Zuschauer hielten den Atem an.

»Go!« Wie ein Schuß klang die Stimme Thorntons durch die Stille.

Buck warf sich nach vorne und spannte die Stränge, sein ganzer Körper zog sich bei dieser ungeheuren Anstrengung zusammen, die Muskeln krümmten sich unter dem seidigen Fell wie Lebewesen und schwollen an. Seine mächtige Brust berührte fast den Boden, und seine Klauen rissen lange Furchen in den Schnee. Der Schlitten schwankte, zitterte und bewegte sich zuckend, ganz langsam, wieder ein Stückchen, zehn, zwanzig, dreißig Zoll, und dann kam er ins Gleiten.

Die Männer keuchten vor Aufregung. Thornton rannte hinter dem Schlitten her und ermutigte Buck mit kurzen, aufmunternden Worten. Die Strecke war vorher ausgemessen worden, und als sich der Schlitten dem Stapel Brennholz näherte, der das Ende der hundert Yards anzeigte, begannen die Männer zu schreien. Und als Buck das Ziel passiert hatte und auf Kommando stehenblieb, tobten sie vor Begeisterung. Sogar Matthewson schrie mit. Pelzmützen und Handschuhe flogen in die Luft. Man schüttelte sich die Hände, ganz gleich, ob man sich kannte oder nicht.

John Thornton aber lag neben seinem Hund auf den Knien, zauste ihn und schüttelte ihn hin und her.

»Du Dummkopf, du Strolch, du verfluchter Kerl!« Der Mann legte sein Gesicht an den Kopf des Hundes, und die Stimme, die Flüche wie Koseworte flüsterte, war so zärtlich, daß die Umstehenden sich verwundert anstarrten.

»Donnerwetter, hören Sie«, rief der König von Skokum, »Herr, ich gebe Ihnen für diesen Hund tausend Dollar, was sage ich, zwölfhundert! Aber der Hund gehört mir!«

Thornton erhob sich. Seine Augen waren feucht. Tränen liefen ihm über die Wangen.

»Herr, gehen Sie zum Teufel mit Ihrem Geld! Das ist das Beste, was Sie tun können!«

Buck faßte mit den Zähnen die Hand seines Herrn und schüttelte sie kräftig.

Die Zuschauer fühlten, daß sie hier nicht länger stören durften. Sie zogen sich schweigend zurück, und keiner wagte es, noch einmal Geld für den Hund zu bieten.