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An diesem Sonntag war das Dorffest, das jährliche Fest des Schutzheiligen, eine Art Kirmeß, die man in der Normandie zu feiern pflegt.

Seit acht Tagen schon sah man auf allen Straßen mächtige Wagen kommen, von Apfelschimmeln oder Braunen gezogen, in denen die Zugvogelfamilien der Jahrmarktsleute wohnen, Inhaber von Schießbuden, Karrussells, Menagerien und allerlei Monstrositäten und Merkwürdigkeiten.

Auf dem großen Platz vorm Hause des Ortsvorstandes hatten die schmutzigen Wagen mit den wehenden Vorhängen, die ein trauriger Hund, der mit gesenktem Kopf zwischen den Rädern lauerte, bewachte, Station gemacht. Dann war vor jedem der rollenden Häuser ein Zelt errichtet, und in diesem Zelt sah man durch die Löcher der Leinwand Dinge glänzen, die die Neugierde und Lust der Dorfjugend erregten.

Schon am Morgen des Festtages waren alle Buden geöffnet worden, und man gewahrte ihre Schätze an Glas und Porzellan. Die Bauern, die in die Kirche gingen, betrachteten die bescheidenen Buden mit zufriedenen, neugierigen Blicken, obgleich sie doch jedes Jahr wieder dasselbe sahen.

Schon im Beginn des Nachmittags sammelte sich eine große Menschenmenge auf dem Platz. Aus allen Nachbardörfern kamen die Bauern an, mit Frau und Kindern durchgerüttelt in den zweirädrigen Karren, deren Eisenteile klapperten, wenn die Räder sich drehten. Bei Freunden wurde ausgespannt, und die Höfe standen voll seltsamer grauer, hoher, krummer Rollwagen, die aussahen, wie merkwürdige Seetiere mit langen Flossen.

Und die einzelnen Familien kamen nun, die Kinder voran, die Erwachsenen hinterdrein langsam zum Jahrmarkt, lächelnden Gesichts, die Hände ausgestreckt, große, rote, knochige Hände, arbeitsgewöhnt, mit denen sie jetzt nichts anzufangen wußten.

Ein Kunstreiter blies auf der Trompete, die Drehorgel am Karrussell sandte ihre jämmerlich heulenden Töne hinaus, das Glücksrad rasselte wie Stoff, den man zerreißt, Schüsse klangen von Sekunde zu Sekunde, und die Menge bummelte langsamen Schrittes vor den Buden hin, wie ein bewegter Teich, zurückflutend gleich einer Herde, ungeschickt wie große, ungeschlachte Tiere, die zufällig die Freiheit erlangt haben.

Die Mädchen hatten sich in Ketten zu sechs oder acht untergehakt, und gröhlten Lieder, die Burschen folgten ihnen lachend, die Mütze schief auf dem Kopf, in den frisch gesteiften blauen Blusen, die aufgebläht waren wie Luftballons.

Die ganze Gegend war gekommen, Herr, Knecht, Magd.

Sogar der alte Amable hatte seinen alten grünlichen verschossenen Rock angezogen und wollte den Jahrmarkt mitmachen, denn er fehlte niemals dabei.

Er sah das Glücksrad schwingen, stand bei der Schießbude, um zu beobachten, was sie trafen, interessierte sich für das einfache Spiel, das darin besteht, eine große Holzkugel in den offenen Mund einer Figur zu werfen, die auf einem weißen Brett gemalt ist.

Plötzlich klopfte ihm jemand auf die Schulter, und der alte Malivoire brüllte ihn an:

– Nu, Alter, kommen Se, ich stoße Sie uf 'nen Schnaps.

Und sie setzten sich an einen Kneiptisch unter freien Himmel. Sie tranken einen Schnaps, dann einen zweiten, einen dritten. Und der alte Amable begann dann wieder auf dem Jahrmarkt hin und her zu rennen, die Gedanken verwirrten sich ihm, und er lächelte vor sich hin, lächelte angesichts des Glücksrades, lächelte vor dem Karrussell und dann beim Schießen. Und lange stand er da und fühlte sich glückselig, wenn einer den Gendarm oder den Pfarrer niederknallte, zwei Gewalten, vor denen er sich aus Instinkt fürchtete. Dann setzte er sich wieder in die Kneipe und trank ein Glas Apfelwein, um sich zu erfrischen. Es war spät, die Nacht kam, ein Nachbar sagte zu ihm:

– Na, Alter, nu gehen Se aber heem!

Und er ging zum Hofe.

Langsam sank süße Dämmerung, das warme Dunkel eines Frühlingsabends auf die Erde nieder.

Als er an seine Thür gekommen war, meinte er durch das erleuchtete Fenster im Haus zwei Leute zu erblicken. Er blieb erstaunt stehen, trat dann ein und gewahrte Victor Lecoq, der am Tisch saß vor einer Schüssel mit Kartoffeln, und zwar gerade dort, wo sein Sohn immer zu sitzen pflegte.

Da plötzlich drehte er wieder um, als wollte er fortlaufen. Die Nacht war jetzt ganz schwarz. Cölestine hatte sich erhoben und rief ihn an:

– Kommen Se schnell, Vater, 's giebt schenes Jahrmarktsragout.

Er gehorchte, setzte sich, blickte abwechselnd den Mann, dann die Frau und das Kind an, und begann langsam zu essen, wie alle Tage.

Es war, als fühle sich Victor Lecoq ganz zu Haus, er sprach ab und zu mit Cölestine, nahm das Kind auf die Kniee, küßte es, und Cölestine gab ihm immer wieder etwas zu essen, schenkte ihm ein und schien glücklich zu sein, mit ihm zu sprechen. Der alte Amable folgte ihnen mit starren Blicken, ohne zu hören, was sie sagten. Als er mit essen fertig war, und es war ihm so elend zu Mute, daß er kaum gegessen hatte, öffnete er, statt auf den Boden hinauf zu klettern wie jeden Abend, die Thür und ging hinaus.

Nachdem er fort war, fragte Cölestine etwas beunruhigt:

– Was macht er denn?

Victor antwortete gleichgiltig:

– Ach, kümmre Dich doch nich drum, der wird schon wieder 'reinkommen, wenn er müde ist. – Da versorgte sie ihre Wirtschaft, wusch Teller, wischte den Tisch ab, während der Mann sich ruhig auszog. Dann legte er sich in das dunkle tiefe Loch, wo sie einst mit Cäsar geschlafen hatte.

Die Hofthür öffnete sich, der alte Amable erschien. Sobald er im Zimmer stand, blickte er sich nach allen Seiten um, wie ein alter Hund, der etwas wittert. Er suchte Victor Lecoq. Da er ihn nicht sah, nahm er das Licht vom Tisch, näherte sich der dunklen Nische, in der sein Sohn gestorben war. In der Tiefe sah er unter der Bettdecke einen Mann liegen, der schon schlief. Da wendete sich der Taube langsam um, setzte das Licht wieder auf den Tisch und ging nochmals auf den Hof hinaus.

Cölestine war mit ihrer Arbeit fertig geworden, hatte ihren Sohn zu Bett gebracht, alles an seine Stelle gelegt und wartete nun, um sich ihrerseits neben Victor zu betten, bis ihr Schwiegervater wiedergekommen wäre.

Sie blieb auf einem Stuhl sitzen; die Hände im Schoß, starrte sie vor sich ihn.

Da er aber nicht heimkehrte, brummte sie ärgerlich:

– Der alte Nichtsthuer kostet uns bloß noch vier Pfen'ge Licht.

Victor antwortete aus der Tiefe des Bettes:

– Jetzt is er schon eene Stunde fort. Du solltest doch mal nachsehen, ob er nich auf der Bank vor der Thür eingeschlafen is.

Sie sagte: – Ich gehe schon! – erhob sich, nahm das Licht und ging hinaus, um in der Dunkelheit sehen zu können, indem sie die Hand vor die Augen hielt gegen die Blendung.

Vor der Thür sah sie nichts, weder auf der Bank, noch auf dem Mist, wohin sich der Alte manchmal, um es warm zu haben, setzte.

Aber wie sie wieder ins Haus gehen wollte, blickte sie zufällig zum großen Apfelbaum auf, der seine Äste über die Thür ausstreckte und gewahrte mit einen Mal zwei Füße, zwei Männerfüße, die etwa so hoch hingen wie ihr Gesicht.

Sie brüllte fürchterlich: – Victor! Victor! Victor!

Im Hemd lief er herbei, sie konnte nicht mehr reden, wandte den Kopf ab, um es nicht zu sehen, und deutete nur mit ausgestrecktem Arm nach dem Baum.

Er begriff nicht, was los war, nahm das Licht, um genauer hinzusehen, und entdeckte unter dem von unten erleuchteten Blätterwerk den alten Amable, der sich hoch am Baum mit einer Stallhalfter erhängt hatte.

Eine Leiter lehnte noch am Stamm des Apfelbaumes.

Victor lief davon, um eine Sichel zu holen, kletterte auf den Baum und schnitt den Strick ab. Aber der Alte war schon kalt und streckte entsetzlich, mit fürchterlichem Grinsen, die Zunge heraus.

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