Read synchronized with  English  Russian 
< Prev. Chapter  |  Next Chapter >
Font: 

Die Hochzeit fand gegen Mitte Dezember statt. Sie war einfach, da das Paar kein Geld hatte. Cäsar trug einen neuen Anzug und erschien um acht Uhr morgens, um die Braut abzuholen und sie zum Ortsvorstand zu führen. Aber weil es noch zu zeitig war, setzte er sich an den Küchentisch und wartete, bis die Familie und die Freunde kämen, die ihn abholen sollten.

Es schneite seit acht Tagen, und die braune Erde war unter dem weißen Eistuch eingeschlafen.

Es war kalt in den, mit der weißen Haube gekrönten, Bauernhäusern, und die runden Apfelbäume auf den Höfen sahen aus, als ob sie blühten, mit Puder bestäubt, wie in der schönen Jahreszeit.

An diesem Tag waren die dicken Winterwolken, die grauen, die den Schnee mit sich tragen, verschwunden, und der blaue Himmel spannte sich über die weiße Erde, auf welche die aufgehende Sonne Silberblitze warf.

Cäsar starrte vor sich hin durchs Fenster, gedankenlos, glücklich.

Die Thür ging auf, zwei Frauen traten ein, Bäuerinnen im Sonntagsstaat, eine Tante und eine Cousine des Bräutigams, dann drei Männer, seine Vettern, und eine Nachbarin. Sie setzten sich auf Stühle und blieben unbeweglich und schweigend sitzen, die Frauen auf der einen Seite der Küche, die Männer auf der anderen, plötzlich verlegen, in jener peinlichen Traurigkeit, die Leute ergreift, die sich zu einer Feierlichkeit versammeln. Einer der Vettern fragte:

– Ist's noch nicht bald Zeit?

Cäsar antwortete:

– Ich glaube ja.

– Na, da wollen wir doch gehen, – sagte der andere.

Sie erhoben sich, und dann kletterte Cäsar, etwas beunruhigt, die Leiter zum Boden hinauf, um zu sehen, ob der Vater fertig wäre. Der Alte, der sonst immer zeitig aufstand, war heute noch garnicht erschienen. Sein Sohn fand ihn auf dem Strohsack liegen, in die Decke eingewickelt, mit offenen Augen und bösem Blick.

Er rief ihm ins Ohr:

– Na, Vater, steh uf, die Hochzeit geht los.

Der Taube brummte lässig:

– Ich kann nich, ich habe so ne Kälte in' Rücken gekriegt, daß 'ch ganz steif bin. Ich kann mich nich bewegen.

Der junge Mann blickte ihn entsetzt an, er erriet seine Niederträchtigkeit.

– Nu, Vater gebt Euch mal nen Stoß.

– Ich kann nich.

– Weeßte, ich werde mal helfen.

Und er beugte sich nieder zu dem Greise, zog ihm die Decke fort, nahm ihn in die Arme und hob ihn auf. Aber der alte Amable begann zu stöhnen:

– Au! au! au! O jesses nochmal, ich kann nich. Mei Rücken is ganz kaput. Das is der Wind, der durch das verfluchte Dach 'rein bläst.

Cäsar sah ein, daß es nichts helfen würde und, zum ersten Mal wütend gegen seinen Vater, brüllte er ihn an:

– Gut, da kriegst du nischt zu fressen, denn wir machen die Hochzeit im Wirtshaus bei Polyten. Das kommt davon, wenn man seinen Kopp ufsetzt.

Und er kletterte die Leiter hinab und ging seines Wegs, von den Verwandten und Eingeladenen gefolgt.

Die Männer hatten die Hosen aufgekrempelt, um sie in dem Schnee nicht naß werden zu lassen, die Frauen hoben die Kleider hoch, daß man ihre mageren Knöchel sah, die grauwollenen Strümpfe, die knochigen Besenstiel-gleichen Beine, und die ganze Gesellschaft ging in wiegendem Gang hintereinander hin, ohne ein Wort zu reden, ganz langsam, vorsichtig, um nicht vom Wege abzuweichen, der unter der gleichmäßigen, ununterbrochenen Schneedecke verborgen lag.

Als sie sich den ersten Bauernhöfen näherten, sahen sie schon ein oder zwei Personen stehen, die auf sie warteten, um sich ihnen anzuschließen, und die Prozession wurde unausgesetzt länger, schlängelte sich hin, den unsichtbaren Biegungen des Weges folgend, wie ein lebendiger Rosenkranz mit schwarzen Perlen, der in Wellenlinien auf der weißen Fläche lag.

Vor der Thür der Braut stand eine große Menschenmenge und trat, den Bräutigam erwartend, hin und her. Man rief ihn an, als er erschien, und bald kam Cölestine aus dem Zimmer in einem blauen Kleid, einen kleinen roten Shawl über den Schultern und den Orangenkranz im Haar.

Aber alle fragten Cäsar:

– Wo ist denn dein Alter?

Der antwortete verlegen:

– Er kann sich nich bewegen, weil er Schmerzen hat.

Und die Bauern schüttelten ungläubig mit listigem Ausdruck den Kopf.

Es ging zum Ortsvorstand. Hinter dem Brautpaar her trug eine Bäuerin Victors Kind, als hätte es sich um eine Taufe gehandelt. Und die Bauern gingen nun, zu zweien untergehakt, durch den Schnee hin, schwankend wie ein Schiff auf der See.

Nachdem der Ortsvorstand die Brautleute in dem kleinen Gebäude des Standesamtes zusammengegeben, that sie nun seinerseits der Pfarrer in dem bescheidenen Haus des lieben Gottes zusammen. Er segnete ihren Bund, verhieß ihnen Fruchtbarkeit, dann setzte er ihnen die ehelichen Pflichten auseinander, endlich die einfachen gesunden Tugenden des Landes: Arbeit, Eintracht, Treue, während das frierende Kind hinter dem Rücken der Braut wimmerte.

Sobald das Paar wieder auf der Kirchenschwelle erschien, ward im Kirchhofgraben geschossen; man sah nur die Gewehrläufe, aus denen Dampfwolken stiegen. Dann kam ein Kopf zum Vorschein und blickte dem Brautzuge nach. Es war Victor Lecoq, der die Hochzeit seiner Geliebten feierte, ihr Glück wünschte, indem er seinen Gefühlen durch Pulverdetonationen den rechten Ausdruck gab. Er hatte seine Freunde, fünf oder sechs Knechte, zu dieser Schießerei aufgefordert, und man fand, daß er sich sehr passend benähme.

Die Mahlzeit fand im Wirtshans des Polyte Cacheprune statt.

Im großen Saal, in dem an Markttagen gegessen wurde, waren zwanzig Couverts aufgelegt und der Duft des riesigen Hammels, der sich am Spieße drehte, des Geflügels, das in seinem Saft briet, der Fleischwurst, die auf dem hellen offenen Feuer stand, erfüllte das Haus mit dichten Rauchwolken, dem Geruch derber schwerer Landkost.

Um zwölf Uhr setzte man sich zu Tisch, und sofort floß die Suppe in die Teller, die Gesichter erheiterten sich, die Münder gingen auf, man rief, man machte Witze, die Augen glänzten listig. Verflucht nochmal! Heute wollte man sich aber mal amüsieren.

Die Thür sprang auf, und der alte Amable erschien. Er sah böse und wütend aus, schleppte sich an seinem Stock hin und stöhnte bei jedem Schritt, um sein Leiden bemerklich zu machen.

Als er kam, schwieg alles. Aber plötzlich legte der alte Malivoire, sein Nachbar, ein Witzbold, der alle Schwächen der Leute kannte, einem Sprachrohr gleich, wie Cäsar zu thun pflegte, die Hände an den Mund und brüllte:

– Na, alter Krüppel, Du mußt aber eine Nase haben, daß Du das Essen bis zu Dir rüber gerochen hast.

Brüllendes Gelächter ertönte. Malivoire, den der Beifall freute, fuhr fort:

– Wenn eener Schmerzen hat, giebt´s nischt Besseres, als so nen Wurschtumschlag, der hält den Bauch warm, und dazu ein paar hinter die Binde.

Die Leute brüllten, schlugen mit der Faust auf den Tisch, knickten zusammen, lachten und erhoben sich wieder, als hätten sie eine große Feuerspritze in Gang bringen wollen. Die Frauen schauten wie Hennen drein, die bedienenden Mägde wanden sich nur so, an der Mauer lehnend. Nur der alte Amable lachte nicht und wartete, ohne ein Wort zu sagen, daß man ihm Platz machen sollte.

Man setzte ihn mitten an den Tisch, der Schwiegertochter gegenüber, und sobald er saß, begann er zu essen. Sein Sohn bezahlte, da mußte er jedenfalls sein Teil verzehren. Mit jedem Löffel Suppe, der ihm in den Magen lief, bei jedem Bissen Brot oder Fleisch, den er kaute, bei jedem Glas Apfel- oder Rotwein, der ihm durch die Kehle rann, meinte er einen Teil seines Besitzes zurück zu verdienen, ein wenig von dem Gelde wieder zusammen zu kratzen, das diese Schweinebande hier versoff, kurz, von seinem Gelde, und wäre es noch so wenig, etwas zu ersparen. Und schweigend, mit der Beharrlichkeit eines Geizigen, der sein Geld vergräbt, mit der Zähigkeit, mit der er früher gearbeitet hatte, aß er jetzt.

Aber plötzlich erblickte er am Ende des Tisches Cölestinens Kind auf den Knieen einer Frau, und nun wendete er kein Auge mehr davon ab. Er fuhr fort zu essen, immer den Blick auf den Kleinen gerichtet, dem seine Wärterin manchmal etwas zum Knabbern in den Mund steckte. Und der Alte litt unter den paar Bissen, die das Wurm zu sich nahm, mehr, wie unter allem, was die übrige Gesellschaft aß.

Die Mahlzeit dauerte bis an den Abend, dann ging man nach Haus.

Cäsar half dem alten Amable aufstehen.

– Na, Vater, wir müssen heem!

Er gab ihm seine beiden Stöcke in die Hände, Cölestine nahm ihr Kind auf den Arm, und sie gingen langsam davon in der fahlen, schnee-erleuchteten Nacht. Der alte Taube war dreiviertel betrunken und ward durch die Trunkenheit noch bösartiger. Er wollte durchaus nicht vorwärts gehen, ein paar Mal setzte er sich sogar hin, in der Hoffnung, seine Schwiegertochter könnte sich vielleicht dabei erkälten, und er stöhnte, ohne ein Wort dabei zu sprechen, und stieß lange schmerzliche Klagelaute aus.

Sobald sie nach Haus gekommen waren, kletterte er auf den Boden hinauf, während Cäsar für das Kind ein Bett machte neben der tiefen Nische, in die er sich mit der Frau legen wollte. Aber da die Jung-verheirateten nicht gleich einschliefen, hörten sie lange Zeit den Alten sich oben auf dem Stroh bewegen. Er sprach sogar ein paar Mal laut, sei es, daß er träumte, sei es, daß ihm, ohne daß er es wollte, die Gedanken entschlüpften, immer in seiner fixen Idee befangen.

Als er am nächsten Morgen die Leiter herabstieg, sah er die Schwiegertochter im Haus wirtschaften.

Sie rief ihm ins Ohr: – Nu aber schnell Vater, hier is scheene Suppe!

Und sie stellte einen runden irdenen Topf mit der dampfenden Flüssigkeit an das Ende des Tisches. Er setzte sich, ohne etwas zu sagen, nahm das heiße Gefäß in die Hand und wärmte sich wie gewöhnlich daran die Hände. Da es sehr kalt war, preßte er es sogar an die Brust, um seinem alten, von der Winterkälte erstarrten Leib etwas von der lebendigen Hitze des kochenden Wassers mitzuteilen.

Dann suchte er seine Stöcke und ging bis Mittag, bis zur Essensstunde in die eisige Luft hinaus, denn er hatte in einer großen Seifenkiste Cölestines Kind gesehen, das noch schlief.

Er kümmerte sich nicht darum, er lebte wie früher im Hause hin. Aber es war, als ob er garnicht mehr vorhanden wäre, er nahm an nichts teil, und er betrachtete die anderen, den Sohn, die Frau und das Kind, als Fremde, die er nicht kannte, mit denen er nicht sprach.

Der Winter ging hin, er war lang und hart. Dann kam der Frühling in's Land, es begann zu grünen, und die Bauern brachten wieder, gleich fleißigen Ameisen, ihre Tage draußen auf den Feldern zu, arbeiteten von früh bis abends, in Wind und Regen, in den Furchen der braunen Erde, die der Menschen Brot gebiert.

Das Jahr schien sich für das junge Paar günstig anzulassen, die Ernte gedieh reichlich und gut. Es gab keine Spätfröste, und die blühenden Apfelbäume ließen ihren rosa und weißen Schnee ins Gras niederstäuben, der für den Herbst reiche Ernte versprach.

Cäsar arbeitete wie ein Pferd, stand früh auf, kehrte spät heim, um das Geld für einen Knecht zu sparen.

Seine Frau sagte manchmal zu ihm:

– Du wirst Dir noch 'nen Schaden thun.

Er antwortete:

– Nee, das bin ich mal gewehnt.

Und doch kehrte er eines Abends so müde zurück, daß er sich legen mußte, ohne gegessen zu haben. Zur gewöhnlichen Stunde stand er am anderen Morgen auf, aber er konnte nichts zu sich nehmen, trotz seines Fastens am Abend vorher, und nachmittags mußte er heimkehren, um sich wieder auszuruhen. Nachts fing er an zu husten, warf sich fiebernd, mit glühender Stirn und trockener Zunge, durstgequält auf seinem Stroh hin und her.

Aber er ging doch im Morgengrauen bis an die Felder. Indes mußte am nächsten Tag der Arzt geholt werden, der ihn sehr krank fand und eine Lungenentzündung feststellte.

Jetzt verließ er das dunkle Loch nicht mehr, das ihm als Lager diente, und man hörte ihn aus der Tiefe der Nische keuchen, husten und sich bewegen. Um ihn zu sehen, um ihm Arzenei zu geben, mußte man mit einem Licht hineinleuchten. Dann gewahrte man einen eingefallenen Kopf, durch den langgewachsenen Bart verändert, unter dichtem Schleier von Spinnennetzen, die herabhingen und sich im Lufthauch hin und her bewegten. Die Hände des Kranken sahen wie erstorben aus auf der grauen Decke.

Cölestine pflegte ihn mit unruhiger Geschäftigkeit, gab ihm Arzeneien ein, ging und kam im Haus, wahrend der alte Amable am Bodenrand sitzen blieb und in das dunkele Loch hinüberspähte, in dem sein Sohn im Sterben lag. Er näherte sich ihm nicht, aus Haß gegen die Frau, denn er schmollte wie ein eifersüchtiger Hund.

Wieder gingen sechs Tage vorüber, da sah eines Morgens Cölestine, die jetzt auf der Erde auf zwei Schütten Stroh schlief, nach, ob es ihrem Mann nicht besser ginge, und hörte plötzlich seinen kurzen Atem nicht mehr aus der Tiefe des Lagers. Erschrocken fragte sie:

– Nu, Cäsar, wie geht's Dir denn heite?

Er antwortete nicht.

Sie streckte die Hand aus, ihn zu betasten und traf das eisige Fleisch seines Gesichtes. Sie stieß einen langen Entsetzensschrei aus. Er war tot.

Bei diesem Schrei erschien der alte Taube oben an seiner Leiter, und als er sah, daß Cölestine hinaus rannte, um Hilfe zu suchen, kletterte er schnell hinab, befühlte seinerseits das Gesicht seines Sohnes, begriff plötzlich, was geschehen, schloß die Thür von innen, um die Frau zu hindern, hereinzukommen, weil er Besitz von seiner Wohnung ergreifen wollte, da doch sein Sohn tot war.

Dann setzte er sich in einen Stuhl neben den Toten.

Nachbarn kamen, riefen, klopften, er hörte nicht. Einer zerbrach eine Fensterscheibe, stieg ins Zimmer, andere folgten, die Thür öffnete sich wieder, Cölestine erschien, weinte heiße Thränen, die ihr über die geröteten Wangen herabliefen. Da fühlte sich der alte Amable überwunden und kletterte, ohne ein Wort zu sagen, wieder auf seinen Boden hinauf.

Das Begräbnis fand am anderen Morgen statt, dann waren nach der Feier Schwiegervater und Schwiegertochter mit dem Kind wieder allein im Haus.

Es war die gewöhnliche Essensstunde. Cölestine steckte Feuer an, bereitete die Suppe, stellte die Teller auf den Tisch, während der Alte, auf einem Stuhl wartend, garnicht that, als ob er sie sähe.

Als die Mahlzeit fertig war, brüllte sie ihm ins Ohr:

– Nu, Vater, essen, essen!

Er erhob sich, setzte sich quervor an den Tisch, leerte seinen Topf, kaute seine Butterstulle, trank seine zwei Gläser Apfelwein, dann ging er fort.

Es war einer jener lauen köstlichen Tage, an denen es anfängt, sich in der Natur zu regen, wo es beginnt zu keimen, und alles blüht und sproßt auf der ganzen Erde.

Der alte Amable ging einen Fußweg durch die Felder. Er besah das junge Getreide, den jungen Hafer, und dachte daran, daß sein Kleiner jetzt unter der Erde lag, sein armer Kleiner. Er ging mit seinem humpelnden Schritt hin und zog das Bein nach. Und da er ganz allein auf der weiten Ebene war, allein unter dem blauen Himmel, mitten zwischen den reifenden Ernten, allein mit den Lerchen, die er über seinem Kopf in der Höhe stehen sah, ohne ihr Schmettern zu hören, begann er, während er so hinschritt, zu weinen.

Dann setzte er sich an einen kleinen Tümpel und sah bis zum Abend den kleinen Vögeln zu, die trinken kamen. Als es dann Nacht wurde, kehrte er heim, aß, ohne ein Wort zu sagen, die Suppe und kletterte auf seinen Boden.

Und sein Leben ging fort, wie es früher gewesen, nichts hatte sich geändert, nur daß sein Sohn Cäsar auf dem Kirchhof schlief.

Was wäre aus dem Alten geworden? Er konnte nicht mehr arbeiten, er konnte nur noch Suppe essen, die ihm die Schwiegertochter machte, und er aß sie in aller Ruhe, morgens und abends, und betrachtete mit wütenden Blicken das kleine Kind, das ihm gegenüber an der anderen Seite des Tisches aß wie er. Dann ging er aus, strich durchs Land wie ein Vagabund, versteckte sich hinter den Scheunen, um ein oder zwei Stündchen zu schlafen, als ob er fürchtete, gesehen zu werden, und wenn es Abend wurde, kehrt er heim.

Und sein Leben ging fort, wie es früher gewesen, nichts hatte sich geändert, nur daß sein Sohn Cäsar auf dem Kirchhof schlief.

Was wäre aus dem Alten geworden? Er konnte nicht mehr arbeiten, er konnte nur noch Suppe essen, die ihm seine Schwiegertochter machte, und er aß sie in aller Ruhe, morgens und abends, und betrachtete mit wütenden Blicken das kleine Kind, das ihm gegenüber an der anderen Seite des Tisches aß wie er. Dann ging er aus, strich durchs Land wie ein Vagabund, versteckte sich hinter den Scheunen, um ein oder zwei Stündchen zu schlafen, als ob er fürchtete, gesehen zu werden, und wenn es Abend wurde, kehrte er heim.

Aber in Cölestines Geist tauchten Pläne auf. Zur Feldarbeit war durchaus ein Mann nötig, der überwachte und mitarbeitete. Es mußte immer jemand auf dem Felde sein, nicht ein Knecht, sondern der Herr, der etwas davon verstand, sich um die Landwirtschaft kümmerte und Interesse daran besaß. Eine Frau allein konnte die Feldarbeit nicht besorgen, sich nach dem Preise des Getreides erkundigen, die Verkäufe leiten und Vieh kaufen. Da kamen ihr alle möglichen Gedanken, einfache, praktische Gedanken, und die Nacht hindurch überlegte sie hin und her. Vor einem Jahr konnte sie sich nicht wieder verheiraten, und es mußten doch alle möglichen dringenden Dinge erledigt werden.

Da konnte nur ein einziger Mensch helfen: Victor Lecoq, der Vater ihres Kindes. Er war fleißig und wohlbewandert im Feldbau, er hätte mit etwas Geld in der Tasche einen ausgezeichneten Bauern abgegeben. Sie wußte es genau, denn sie hatte ihn ja bei ihren Eltern arbeiten sehen.

Als sie ihm also eines Morgens auf der Straße begegnete mit einem Mistwagen, den er fuhr, näherte sie sich ihm, um mit ihm zu reden. Als er sie sah, hielt er die Pferde an, und sie sagte, als ob sie sich erst am Tage vorher gesehen:

– Guten Tag, Victor. Geht's gut?

Er antwortete: – Mir geht's gut. Und wie geht Sie's?

– Na, bei mir ging's so, wenn ich nich ganz alleene im Hause wäre, und das is ne verfluchte Geschichte wegen die Felder.

Da schwatzten sie lange Zeit, an die Räder des schweren Wagens gelehnt. Der Mann kraute sich ab und zu das Haar unter der Mütze, dachte nach, während sie mit roten Wangen lebhaft auf ihn einsprach, ihre Gründe auseinandersetzte, ihre Gedanken und Zukunftspläne. Und endlich brummte er:

– Ja, das kennte schon sein.

Sie hielt ihm die offene Hand hin, wie ein Bauer, wenn er einen Handel abschließt, und fragte:

– Sein mir einig?

Er schlug ein:

– Mir sein einig.

– Also nächsten Sonntag, nich wahr?

– Gut, nächsten Sonntag.

– Na, da adjee, Victor.

– Adjee, Frau Houlbrèque.