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Adam Bede.  George Eliot
Abschnitt 7. Die Milchkammer
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Wohl verdiente die Milchkammer gesehen zu werden; es war ein Anblick, an den man im heißen Sommer nur wieder zu denken brauchte, um sich zu erfrischen, so kühl war es da, so reinlich, so frisch roch es nach neuem Käse, nach fester Butter und nach den hölzernen Gefäßen, die immer in reinem Wasser gebadet wurden, so hübsch spielten da die Farben von den irdenen Satten und Töpfen und dem weißen Rahm darin, vom braunen Holz und blanken Zinn, vom grauen Sandstein und orangeroten Rost an den eisernen Gewichten und Haken und Thürangeln. Aber alle diese Einzelheiten sieht man nur unklar, wenn mitten dazwischen ein zum Vernarren hübsches siebzehnjähriges Mädchen in kleinen Holzschuhen steht, das ein Pfund Butter von der Wagschale nimmt und dabei einen runden Arm mit niedlichen Grübchen zeigt.

Hetty errötete rosenrot, als Kapitän Donnithorne hereintrat und sie anredete; aber sie sah dabei gar nicht unglücklich aus, denn in das Erröten verschlangen sich anmutig lächelnde Grübchen und blitzten Funken unter langen dunklen Wimpern hervor, und während die Tante ihren Gast über den beschränkten Milchvorrat unterhielt, den sie für Butter und Käse übrig habe, so lange die Kälber noch mit Milch gefüttert werden müßten, und ihm auseinandersetzte, daß die Kurzhörner zwar sehr viele, aber nicht sehr gute Milch gäben und nur zum Versuch gekauft seien, und ähnliches dergleichen mehr, was für einen jungen Herrn, der einmal Landwirt werden wollte, sehr interessant sein mußte, – klopfte Hetty ihre Butter mit so viel Selbstgefühl und Coquetterie, als wisse sie recht gut, daß jede Wendung ihres kleinen Köpfchens beachtet werde.

Es giebt verschiedene Arten von Schönheiten, in welche die Männer entsprechend verschieden sich vernarren, vom Verzweifeln bis zum völligen Verdummen; aber eine Art von Schönheit giebt es, die nicht bloß den Männern, sondern allen mit Verstand begabten Säugetieren, selbst den Frauen, die Köpfe verdreht. Es ist eine Schönheit nach Art der Kätzchen oder ganz kleiner zartgefiederter Enten, die mit ihren Schnäbelchen leise schnatternd kleine Wellenkreise schlagen, oder wie von kleinen Kindern, die eben zu gehen anfangen und ihren ersten kleinen Unsinn machen, – eine Schönheit, mit der man nie böse sein kann, bei der man sich völlig unfähig fühlt, den geistigen Zustand zu begreifen, in den sie einen versetzt. Eine solche Schönheit war Hetty Sorrel. Ihre Tante Poyser, die alle persönlichen Reize mit Verachtung behandelte und bei ihrer Erziehung möglichst strenge verfuhr, fühlte sich durch Hettys Reize wider Willen gefesselt und sah sie unvermerkt immer an, und nach mancher Strafpredigt, die mit natürlichem Fluß aus ihrer Sorge um die Erziehung der Nichte ihres Mannes – das arme Ding hatte ja keine Mutter, die sie ausschelten konnte – hervorging, gestand sie ihrem Manne, wenn sie allein waren, oft genug, je unartiger die kleine Hexe sei, desto hübscher sehe sie aus.

Es kann wenig nutzen, wenn ich dem Leser sage, daß Hetty eine Wange hatte wie ein Rosenblatt, daß um ihre vollen Lippen Grübchen spielten, daß in ihren großen dunkeln Augen unter langen Wimpern eine sanfte Schelmerei lag, daß ihr lockiges Haar unter der runden Haube, wohin sie es zurückgekämmt hatte, sich bei der Arbeit wieder hervorstahl und die dunklen zarten Ringeln ihr um die Stirn und die weißen Muscheln von Ohren spielten; es hilft – mir und ihm – ebensowenig, zu schildern, wie hübsch ihr das rot und weiße Halstuch stand, dessen Zipfel sie in die kleine grobe Schnürbrust gesteckt hatte, oder wie die leinene Butterschürze mit dem Lätzchen in so hübschen Linien fiel, daß eine Fürstin sie in Seide hätte tragen können, oder wie die braunen Strümpfe und die Schnallenschuhe mit den dicken Sohlen, die gewiß sonst so plump waren, ihr an Fuß und Änkel so zierlich saßen; – das alles, sage ich, hilft dem Leser wenig, wenn er nicht selbst ein Mädchen kennt, dessen Anblick so auf ihn gewirkt hat, wie Hetty auf jeden, der sie erblickte; denn sonst möchte er immerhin das Bild eines schönen Mädchens sich vor die Seele rufen, unserm reizenden Kätzchen hier gliche es doch nicht. Wenn ich alle himmlischen Reize eines schönen Frühlingstages anführte, und ihr hättet euch nie im Leben völlig verloren in den Flug der aufsteigenden Lerche oder abseits in die stillen Wege durch Wald und Feld, wenn die frisch geöffneten Blüten sie mit heiliger schweigender Schönheit erfüllen, als wäret ihr in einem alten Dome – was nützte euch all mein Schildern und Herzählen? ich könnte euch ja doch nicht klar machen, was ein schöner Frühlingstag heißt. Hettys Schönheit hatte etwas vom Frühling, war wie die Schönheit muntrer junger Tierchen, die rundlich-glatt und spielerig durch einen falschen Schein von Unschuld bestechen und betrügen – der Unschuld etwa eines jungen Kälbchens mit einer Blässe, das zu einer Promenade im Freien aufgelegt einen über Hecken und Gräben bös herumhetzt und erst mitten in einem Morast stehen bleibt.

Und dazu giebt's beim Buttermachen die hübschesten Stellungen und Bewegungen, die ein hübsches Mädchen machen kann: sie muß stoßen und schütteln – das giebt dem Arm eine reizende Biegung und der runde weiße Hals neigt sich seitwärts; sie klopft und rollt mit der zierlichen Patschhand, und die letzten Feinheiten beim Kneten und Formen lassen sich gar nicht machen, ohne daß die aufgeworfenen Lippen und die dunkeln Augen auf das lebhafteste mitspielen. Auch scheint die Butter selbst dem Mädchen einen neuen Reiz zu geben, so rein ist sie und duftet so süß, und wenn sie aus der Form kommt, sieht sie so fest aus und glänzt wie Marmor in mattgelber Beleuchtung. Überdies war Hetty im Buttermachen ganz besonders geschickt; es war ihre einzige Verrichtung, bei der die Tante nicht viel auszusetzen fand, und sie betrieb es mit der ganzen Anmut der Meisterschaft.

»Ich hoffe, Frau Poyser, Sie halten sich zum dreißigsten Juli auf einen großen Festtag bereit,« sagte der Kapitän, nachdem er die Milchkammer hinlänglich bewundert und sich über schwedische Rüben und kurzgehörntes Rindvieh aus dem Stehgreif geäußert hatte. »Sie wissen doch, was es dann giebt, und ich bitte mir aus, daß Sie zu den Gästen gehören, die am frühesten kommen und am spätesten weggehen. Wollen Sie mir zwei Tänze versprechen, Jungfer Hetty? Wenn ich mich nicht jetzt gleich vorsehe, nachher gehe ich sicher leer aus, denn alle hübschen Bursche im Dorf werden mit Ihnen tanzen wollen.«

Hetty lächelte und errötete, aber ehe sie noch antworten konnte, fiel schon Frau Poyser ein, ganz empört bei dem bloßen Gedanken, daß der junge Herr zurückstehen könnte hinter gewöhnlichen Tänzern.

»Wirklich, Herr Kaptän, Sie sind gar zu freundlich gegen das Kind, und sie wird gewiß jedesmal, wenn Sie so gnädig sind, mit ihr zu tanzen, stolz und dankbar sein, wenn sie auch den ganzen übrigen Abend sitzen bliebe.«

»O nicht doch, nicht doch! das wäre zu grausam gegen all die andern jungen Tänzer. Aber Sie versprechen mir doch, zweimal mit mir zu tanzen, ja?« fuhr der Kapitän fort, entschlossen, daß Hetty ihn ansehen und anreden sollte.

Hetty machte den niedlichsten kleinen Knix und antwortete mit einem halb scheuen, halb koketten Blick: »ja, Herr Kaptän, recht gern.«

»Und alle Ihre Kinder müssen Sie mitbringen, Frau Poyser, das versteht sich, die kleine Totty so gut wie die Jungens. Die allerkleinsten Kinder müssen dabei sein, alle, die nachher fixe junge Leute sind, wenn ich ein alter Kahlkopf bin.«

»O Herr Kaptän, Herr Kaptän, das hat noch gute Wege,« sagte Frau Poyser, ganz überwältigt, daß der junge Herr so lustig über sich selbst scherzte, und überlegte sich schon, mit welchem Interesse ihr Mann sie von der guten Laune dieses vornehmen Besuchs würde erzählen hören. Der Kapitän galt für einen sehr lustigen Herrn und war auf dem ganzen Gute wegen seiner Leutseligkeit beliebt. Jeder Bauer war überzeugt, wenn er erst die Zügel in der Hand habe, dann würde alles anders – das tausendjährige Reich stand in Aussicht mit endlosen neuen Staketen und Thorwegen und Fudern Holz und zehn Prozent Nachlaß an der Pacht.

»Aber wo ist Totty heute?« fragte der Kapitän; »ich möchte sie mal sehen.«

»Hetty, wo ist das Kind?« sagte Frau Poyser; »sie ging erst eben hier hinüber.«

»Ich weiß es nicht; ich glaube, sie ist in die Brauerei gegangen.«

Frau Poyser, deren mütterlicher Stolz der Versuchung nicht widerstehen konnte, dem vornehmen Herrn ihre Tochter zu zeigen, ging sofort in die Backstube, um sie zu suchen.

»Und bringen sie die Butter selbst zu Markte, wenn sie fertig ist?« sagte der Kapitän inzwischen zu Hetty.

»O nein, Herr; wenn es recht viel und schwer ist, dann kann ich das nicht, dann reitet der Knecht damit hin.«

»Ja, das will ich glauben, Ihre hübschen Arme sind nicht für so schwere Last. Aber gehen Sie nicht bisweilen mal abends spazieren bei dem schönen Wetter? Warum kommen Sie nie in den Park? es ist da jetzt so grün und hübsch. Ich habe Sie fast nur hier zu Hause und in der Kirche gesehen.«

»Tante läßt mich nicht gern ausgehen, nur wenn ich was zu besorgen habe,« antwortete Hetty. »Aber durch den Park komm ich bisweilen.«

»Und gehen Sie denn nie zu unsrer Haushälterin? Ich glaube, ich habe Sie da mal gesehen.«

»Nein, zu Frau Best gehe ich nicht, aber zu Frau Pomfret, der Kammerfrau bei Fräulein Lidia; ich lerne bei ihr fein nähen und sticken. Morgen nachmittag soll ich zum Thee kommen.«

Wie es kam, daß zu diesem Gespräch unter vier Augen Zeit blieb, werden wir gleich einsehen, wenn wir einen Blick in die Hinterstube werfen. Totty hatte da einen Beutel mit Blaue herumliegen sehen, sich damit die Nase gerieben und auch ihrer Nachmittagsschürze freigebig einigen Indigo zukommen lassen. Ihr kleiner Nasenbuckel war noch ganz rot von einer sehr eifrigen Bearbeitung mit Wasser und Seife, als sie nun an der Hand ihrer Mutter erschien.

»Da ist sie ja!« sagte der Kapitän, indem er sie aufhob und auf einen steinernen Aufsatz an der Wand setzte. »Da ist unsre Totty. Aber wie heißt sie denn sonst noch? Sie ist doch nicht Totty getauft?«

»O, Herr Kaptän, mit dem Namen ist's ihr schlimm gegangen; sie heißt eigentlich Charlotte nach meinem Mann seiner Großmutter; dann haben wir sie Lotty genannt und nun hat sie selbst Totty draus gemacht. Es ist eigentlich mehr ein Name für 'nen Hund als für ehrlicher Leute Kind.«

»Bewahre! Totty ist ein sehr schöner Name; sie sieht grade aus wie eine rechte Totty. Hast du denn auch 'ne Tasche in deinem Kleidchen?« fragte der Kapitän und faßte in die Westentasche. Sogleich nahm Totty mit vieler Würde ihr Kleidchen in die Höhe und zeigte ein ganz kleines, augenblicklich ganz zusammengefallenes Täschchen. »Habe nix drin,« sagte sie und blickte sehr ernsthaft hinein.

»Nichts drin! Das ist ja schade, so 'ne hübsche, kleine Tasche! Ich glaube beinahe, ich habe was in meiner Tasche, was recht hübsch klingt. Ja, siehst du, fünf kleine runde weiße Pfennige – da, und hör' mal, wie hübsch die in Totty ihrer kleinen Tasche klingen.«

Nun schüttelte er die Tasche mit den fünf Silbermünzen, und Totty lachte vergnügt; da sie aber wohl einsah, nun sei nichts mehr zu holen, so sprang sie hinunter und lief weg, um Nanny ihre Schätze zu zeigen, während die Mutter hinter ihr drein rief: »So schäm' dich doch, du unartiges Mädchen! dich nicht mal bei dem Kaptän zu bedanken! Wirklich, Herr Kaptän, Sie sind gar zu gütig, aber unsre Kleine ist schändlich verzogen; ihr Vater läßt ihr immer den Willen und da soll einer mal was anfangen. Aber sie ist ja das jüngste Kind und das einzige Mädchen.«

»O, sie ist ein komisches dickes Ding, und so gefällt sie mir grade recht. Aber ich glaube, ich muß gehen; der Rektor wartet gewiß schon auf mich.«

Mit einem freundlichen Guten Morgen und einem noch freundlicheren Blick für Hetty verließ Arthur die Milchkammer, aber zu lange war er nicht geblieben, darin irrte er sich; das Gespräch mit Dina hatte den Rektor so interessiert, daß er es ungern abgebrochen haben würde, und was sie mit einander gesprochen hatten, will ich jetzt erzählen.