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Adam Bede.  George Eliot
Abschnitt 6. Der Pachthof
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Ob das Thor da wohl jemals geöffnet wird? Es scheint kaum; denn das lange Gras und die großen Nesseln wachsen dicht dran her, und wollte man es öffnen, – seine Angeln sind so eingerostet, daß wahrscheinlich eher die viereckigen steinernen Thorpfeiler einstürzen und die beiden steinernen Löwinnen obendarauf herabfallen würden, die mit einer bedenklichen menschenfresserischen Freundlichkeit über das Wappen hergrinsen, welches in ihren Pranken ruht. An den Einkerbungen in den Thorpfeilern könnten wir zwar leicht genug über die backsteinerne Mauer mit der Bedachung von Fliesen wegklettern, aber wir brauchen nur unser Auge nahe an den rostigen Riegel zu legen und sehen das Haus ganz gut und den Rasen davor bis beinahe in die Ecken.

Es ist ein recht hübsches altes Haus von Ziegelsteinen, deren Rot gemildert wird durch mattgraues Moos, welches sich in glücklicher Unregelmäßigkeit so darüber hingebreitet hat, daß es einen freundlichen Übergang vermittelt zwischen den roten Ziegeln und den Sandsteinverzierungen an den drei Giebeln, den Fenstern und der großen Vorderthür. Aber die Fenster sind mit Läden verstellt, und die Thür, scheint's, wird wie das Hofthor, nie geöffnet; wie würde sie knarren und kratzen auf dem steinernen Flur, wenn man sie mal öffnen wollte! Es ist nämlich eine massive, schwere, stattliche Thür, und in früheren Zeiten ist sie gewiß oft lautschallend zugeschlagen hinter einem reich galonnierten Bedienten, der eben seinen Herrn und die Frau vom Hause in den Wagen gehoben hatte.

Aber jetzt möchte man fast glauben, das Haus sei im ersten Stadium eines Konkurses, und die Wallnüsse von den großen doppeltgereihten Bäumen rechts neben dem Rasen könnten ruhig am Boden verfaulen. Glücklicherweise aber hören wir vom Hintergebäude her dumpfes Hundegebell, und nun kommen auch eine Anzahl junger Kälber aus einem Schuppen links an der Mauer hervorgesprungen und geben mit dummem Blöken Antwort auf jenes furchtbare Gebell, hinter dem sie vermutlich eine Ankündigung von Eimern Milch suchen.

Das Haus ist also bewohnt, und nun wollen wir auch sehen von wem; die Einbildungskraft hat überall freien Eintritt, fürchtet sich nicht vor Hunden und klettert ungestraft über die Mauern und guckt in die Fenster. Legt also euer Gesicht an das Fenster rechter Hand: was seht ihr da? Einen großen offenen Herd mit verrosteten Feuerböcken, einen kahlen Fußboden, ganz hinten geschorene Wolle aufgestapelt, in der Mitte liegen leere Kornsäcke. So ist jetzt das alte Eßzimmer möbliert. Und durch das Fenster linker Hand, was seht ihr da? Einige Pferdedecken, ein Sattelkissen, ein Spinnrad und eine alte Kiste, die weit offen steht und voll bunter Lappen steckt. Auf dem Rande dieser Kiste liegt eine große hölzerne Puppe, die sehr stark an griechische Skulpturen erinnert – in ihrer Verstümmelung nämlich, zumal die Nase ganz fehlt. Daneben ein kleiner Stuhl und der Stiel von einer Kinderpeitsche.

Nun ist uns die Geschichte des Hauses klar. Einst hat hier ein Gutsherr gewohnt, dessen Familie im Laufe der Zeit mit der Familie Donnithorne verschmolz. Einst »der Hof«, jetzt der Pachthof. Wie in einer Seestadt, die aus einem Badeort ein Hafenplatz geworden ist, in den vornehmen Straßen tiefe Stille herrscht und Gras wächst, während die Ladeplätze und Speicher von Leben widerhallen, so hat auch das Leben auf diesem Hofe seinen Mittelpunkt gewechselt: er liegt nicht mehr im Wohnzimmer, sondern in der Küche und auf dem Viehhof.

Leben genug da! Und doch ist's die ruhigste Zeit im Jahre, die Zeit grade vor der Heuernte, und die ruhigste Stunde des Tages ist's auch, – fast drei Uhr nach der Sonne und halb vier nach Frau Poysers hübscher Wanduhr. Aber wenn die Sonne nach dem Regen scheint, ist immer Leben in der Welt, und jetzt schießen ja ihre Strahlen so grade herunter und machen es glitzern in dem nassen Stroh und beleben jedes Fleckchen des hellgrünen Mooses auf den roten Dachziegeln des Kuhstalls und verwandeln selbst das schmutzige Wasser im Abzugskanal in einen Spiegel für die gelbgeschnäbelten Enten, welche gierig die Gelegenheit ergreifen, endlich einmal den Leib so tief als möglich im Wasser zu haben. Es ist ein wahres Konzert von Leben: der große Bullenbeißer, der am Stalle angebunden ist, gerät durch die unvorsichtige Annäherung eines Hahns an das Loch seines Hundehäuschens in fürchterliche Wut und stößt ein donnerndes Gebell aus; zwei Dachshunde, die in dem Viehhause gegenüber eingesperrt sind, stimmen sofort ein; die alten Hennen mit der Tolle, die mit ihren Küken im Stroh kratzen, erheben ein teilnehmendes Geglucke, als der zurückgescheuchte Hahn wieder zu ihnen tritt; eine Sau mit Ferkeln, die an den Beinen sehr schmutzig sind und ein krauses Schwänzchen haben, grunzt einige tiefe Töne staccato dazwischen; unsere Freunde von vorhin, die Kälber, blöken von fern herein, und durch all dies Geräusch hört ein feines Ohr noch ein stetes Gesumm von Menschenstimmen.

Die großen Scheunenthüren stehen nämlich weit offen, und unter der Oberaufsicht des Sattlermeisters Goby aus Treddleston, der bei der Arbeit die letzten Stadtneuigkeiten erzählt, sind Leute da beschäftigt, das Pferdegeschirr auszubessern. Man muß aber sagen, der Schäfer Alik hat keinen guten Tag gewählt für die Sattler: den Morgen hat es stark geregnet, und über den Schmutz, den die Leute zum Mittag ins Haus gebracht haben, hat Frau Poyser ihm sehr deutlich die Meinung gesagt. In der That, sie hat sich noch nicht ganz darüber beruhigt, obgleich jetzt schon drei Stunden seit Mittag vorüber sind und der Fußboden wieder ganz rein ist – so rein wie alles andere auf dem wundervollen Flur, wo höchstens der ein Stäubchen fände, der auf die Salzkiste kletterte und mit der Hand über das oberste Bort führe, auf der die blanken Messingleuchter ihre Sommerruhe halten; denn um diese Jahreszeit geht natürlich jeder zu Bett, wenn es noch hell ist oder wenigstens noch hell genug, um den Umriß der Gegenstände zu erkennen, nachdem er sich die Beine daran zerstoßen hat. Gewiß nirgendswo anders als auf einem so saubern Flur könnte der eichene Uhrkasten und der eichene Tisch so blank aussehen: echte »Ellbogenpolitur«, wie Frau Poyser sagt, denn Gottlob, von dem schlechten polierten Zeug, sagt sie, habe sie nichts im Hause. Hetty Sorrel nahm oft die Gelegenheit wahr, sich hinter dem Rücken ihrer Tante in dieser Politur ihr hübsches Spiegelbild anzusehen – denn der eichene Tisch war gewöhnlich an der Wand aufgeklappt und diente mehr zur Zierat als zum Gebrauch – und ebenso konnte sie sich bisweilen in den großen runden zinnernen Schüsseln sehen, welche auf den Borten über dem langen tannenen Eßtisch in Reih und Glied standen, oder auch in der messingenen Einfassung des Feuerrostes, die immer spiegelblank war. In diesem Augenblicke blinkte alles was blinken konnte aufs hellste, denn die Sonne schien grade herein auf die zinnernen Schüsseln, und hübsche Lichter strahlten von ihnen zurück auf das matte Eichenholz und das blanke Messing – und noch auf etwas viel Hübscheres: einige Strahlen nämlich fielen auf Dina's schön geformte Wange und liehen ihrem rötlich-blonden Haar einen bräunlichen Schein, während sie auf das grobe Leinenzeug sich bückte, das sie für ihre Tante ausbesserte. Die Stille dieser friedlichen Scene wurde nur dadurch gestört, daß Frau Poyser, welche bei den letzten Stücken von der Montagswäsche am Plätten war, mit ihrem Plätteisen oft klapperte und um es kalt zu machen, damit hin- und herging, indem sie zugleich den scharfen Blick ihrer blaugrauen Augen von der Küche nach der Milchkammer wandern ließ, wo Hetty am Buttern war, und von der Milchkammer nach der Backstube, wo Nanny den Obstkuchen aus dem Ofen nahm. Denkt aber nicht, liebe Leser, Frau Poyser habe etwa ältlich oder zänkisch ausgesehen; sie sah ganz gut aus, war erst achtunddreißig Jahre alt, blond, hatte rötlichgelbes Haar, war gut gewachsen und flink auf den Beinen. Bei ihrem Anzuge fiel am meisten eine weite karrierte leinene Schürze in die Augen, welche den Rock fast verdeckte; nichts dagegen war einfacher und fiel weniger in die Augen, als ihre Haube und ihr Kleid; denn von allen Schwächen war sie gegen weibliche Eitelkeit am unnachsichtigsten und konnte es nicht ausstehen, wenn man mehr auf das Putzen als auf den Nutzen sah. Die Familienähnlichkeit zwischen ihr und ihrer Nichte Dina Morris und zugleich der Gegensatz zwischen der Schärfe ihres Ausdrucks und der engelgleichen Milde in Dinas Gesicht hätte ein vorzügliches Motiv abgegeben zu einem Bilde von Martha und Maria. Ihre Augen waren genau von derselben Farbe, aber ihr Blick hätte nicht verschiedener sein können: Frau Poyser konnte eisig und schneidend aussehen, Dinas Augen waren wie mildes Sonnenlicht. Nicht weniger scharf als ihr Auge war die Zunge der Tante, die, sobald eins von den Dienstmädchen ihr nahe kam, eine unbeendigte Strafpredigt von früher wieder aufzunehmen schien, wie eine Drehorgel mit einer Melodie genau an dem Punkte wieder fortfährt, wo sie aufgehört hat.

Daß sie gerade Buttertag hatte, war ein Grund mehr, weshalb ihr die Sattler unbequem kamen, und die richtige Folge davon war für Frau Poyser, daß sie das Hausmädchen Molly noch heftiger ausschalt als gewöhnlich. Allem Anschein nach hatte Molly ihre Arbeit nach Tisch ganz tadellos verrichtet, hatte sich sehr rasch gewaschen und fragte nun demütig an, ob sie bis zum Melken spinnen solle. Aber Frau Poyser witterte hinter dieser tadellosen Aufführung geheime unpassende Wünsche, und diese hielt sie nun dem Mädchen mit schneidender Beredsamkeit ganz offen vor.

»So, spinnen?! sehe mal einer an! Da würde was Schönes draus werden, während du die Augen ganz wo anders hast. So etwas von Verdorbenheit ist mir doch noch nicht vorgekommen. Ein Mädchen von deinem Alter, und willst dich mit 'nem halb Dutzend Männer zusammensetzen! Ich würde mich doch schämen, mir so was über die Lippen kommen zu lassen. Und du – seit vorigem Michaelis bist du hier im Dienst und ohne jedes Zeugnis habe ich dich gemietet – du solltest doch Gott danken, daß du in so'n anständiges Haus gekommen bist, und was zur Arbeit gehört, davon wußtest du auch nicht mehr, wie du herkamst, als ein Strohwisch im Felde. So'n trauriges Ding mit zwei Händen hab' ich mein Lebtag nicht gesehen, und das weißt du auch selbst. Bei wem du nur das Ausscheuern gelernt haben magst? das möcht' ich wohl wissen. Wenn man nicht aufpaßte, du ließest den Schmutz haufenweise in den Ecken – man sollte reinweg glauben, du wärst gar nicht unter Christenmenschen aufgewachsen. Und dein Spinnen – nu, du hast mehr Flachs dabei verdorben, als du mit deinem Lohn bezahlen kannst. Das solltest du doch fühlen und nicht so Maulaffen feil haben und gedankenlos herumstehen, als hättest du gar nichts zu thun. Die Wolle kämmen für die Sattler – so?! Das wollst du thun, sieh' mal an! Aber so treibt ihr's alle, so stürzt ihr euch alle Hals über Kopf ins Unglück. Ihr ruht nicht eher, als bis ihr 'nen Liebsten habt, der eben so'n großer Narr ist wie ihr selbst, und ihr meint Wunders, wie gut ihr es hättet, wenn ihr erst verheiratet wäret – ja wohl verheiratet, mit 'nem dreibeinigen Stuhl zum Sitzen und keine Decke auf dem Bett und 'n Stück Gerstenkuchen zum Mittagbrot, wo drei Kinder drüber herfallen.«

Molly war ganz überwältigt von diesem grausigen Bilde ihrer Zukunft und antwortete weinerlich: »Ich habe gewiß nicht dran gedacht, mich bei den Sattlern hinzusetzen; bloß weil wir bei Pachter Ottley immer die Wolle für sie kämmten, darum habe ich gefragt. Ich will die Sattler gar nicht mehr ansehen, und ich will kein Glied wieder rühren, wenn ich's thue.«

»Pachter Ottley, so?! das geht mich wohl was recht's an, wie der es gehalten hat. Deine Madam da hat sicherlich nichts drin gefunden, wenn ihr die Sattler den Fußboden schmutzig machten. Es ist gar nicht zu glauben, was manche Leute aushalten können; ich kann's nicht fassen! Ich habe noch kein einziges Mal ein neues Mädchen ins Haus bekommen, welches wußte, was reinmachen heißt. Es giebt Leute, die leben nicht besser als die Schweine. Da war die Betty, die hier im Dorfe nebenan als Milchmädchen gedient hatte, ehe sie zu mir kam, die ließ die Käse ruhig liegen, ohne sie jede Woche umzudrehen, und die Borte in der Milchkammer – da lag der Staub so dick drauf, daß ich meinen Namen hätte hineinschreiben können, als ich nach meiner Krankheit wieder im Hause mich umsah, wo der Doktor sagte, es war' 'ne Entzündung – ein rechtes Glück, daß ich noch so davon kam. Und daß du deine Sache auch noch nicht besser verstehst, Molly, und bist doch schon gegen dreiviertel Jahr hier, und an guten Worten hab' ich's doch auch nicht fehlen lassen – und was stehst du nun wieder hier, wie 'ne abgelaufene Uhr, statt dein Spinnrad zu nehmen?! Du bist mir grade die rechte; setz'st dich an die Arbeit, wenn es eben Zeit ist, wieder aufzuhören.«

Hier fiel der Mutter ein kleines goldhaariges Mädchen zwischen drei und vier Jahren in die Rede, welches auf einem hohen Stuhle an einem Ende des Plättbrettes saß und mit dem kleinen dicken Händchen den Griff eines Miniatur-Plätteisens fest umklammert hielt und bunte Lappen mit solchem Eifer plättete, daß sie ihr rotes Züngelchen so weit ausstreckte, wie die Natur nur erlaubte: »Mama«, sagte sie, »mein Plätteisen ist ganz kalt; mach es wieder warm.«

»Kalt ist es geworden, mein kleines Ding, du süßes kleines Ding, du Herzblatt?« erwiderte Frau Poyser, die mit merkwürdiger Leichtigkeit aus ihrer amtlichen Vorwurfstonart in Zärtlichkeit oder Freundlichkeit übergehen konnte. »Kalt ist dein Plätteisen? das thut nichts; Mama ist jetzt mit Plätten fertig und will nun wieder aufräumen.«

»Mama, ich möchte zu Thoms in die Scheune, bei die Sattler.«

»Nein, das geht nicht, Totty bekäme ganz nasse Füße,« sagte Frau Poyser und machte sich ans Wegräumen. »Lauf lieber in die Milchkammer und sieh zu, wie Hetty buttert.«

»Ich möchte 'n Stück Pflaumenkuchen,« erwiderte Totty, die überhaupt immer verschiedene Wünsche in Reserve zu haben schien. Zugleich benutzte sie die Gelegenheit ihrer augenblicklichen Muße, faßte mit den Fingern in eine Schale voll Stärke und kippte sie so um, daß der Inhalt ziemlich vollständig auf das Plättbrett floß.

»Es ist doch nicht zum Aushalten!« schrie Frau Poyser und stürzte nach dem Tische, sobald sie den bläulichen Strom fließen sah. »Das Kind macht immer Unsinn, wenn man ihm nur einen Augenblick den Rücken dreht. Was soll ich nur mit dir aufstellen, du unartiges, unartiges Ding!«

Totty war aber schnell von ihrem Stuhle heruntergestiegen und schon auf dem Rückzuge nach der Milchkammer; sie watschelte im Laufen und zeigte dabei einen fetten Nacken beinahe wie ein kleines Milchschweinchen.

Mit Mollys Hilfe wurde die Stärke wieder gerettet und alle Plättsachen weggeräumt; dann nahm Frau Poyser das Strickzeug zur Hand, welches immer in ihrer Nähe lag und eigentlich ihre liebste Arbeit war, weil sie dabei auf und ab gehen konnte, ohne viel darauf zu achten. Aber dieses Mal setzte sie sich Dina gegenüber und betrachtete sie nachdenklich, während sie an dem grauwollenen Strumpfe strickte.

»Du bist ganz das Ebenbild deiner seligen Tante Judith, Dina, wenn du so beim Nähen sitzest. Ich könnte beinahe glauben, es wäre heute vor dreißig Jahren und ich ein kleines Mädchen in Vater seinem Hause und sähe Judith an, wie sie bei ihrer Handarbeit saß, wenn sie ihre häuslichen Arbeiten gethan hatte, nur daß Vater bloß 'n kleines Häuschen hatte und nicht 'n großes, wüstes, wie unsres, das in einer Ecke schmutzig wird, wenn man in der andern rein gemacht hat. Wenn das nicht wäre, könnt' ich wirklich glauben, du wärst Tante Judith; sie hatte bloß viel dunkleres Haar als du und war stärker und breiter in den Schultern. Judith und ich wir hielten immer zusammen, obgleich sie was absonderliches hatte, aber deine Mutter und sie konnten sich nicht vertragen. Ach, deine Mutter hatte keine Ahnung davon, daß sie mal 'ne Tochter haben würde, die so ganz Judiths Ebenbild wäre, und daß sie von ihr wegsterben würde noch dazu und Judith sich ihrer annehmen und sie groß ziehen müßte, während sie auf dem Kirchhof in Stoniton läge. Ich habe Judith immer das Zeugnis gegeben, sie nähme lieber ein Pfund Gewicht selbst auf die Schultern, als daß sie andere ein Lot tragen ließe. Und so ist sie ihr Lebelang gewesen von der ersten Stunde bis zur letzten; und soviel ich sehen konnte, blieb sie sich auch gleich als sie sich den Methodisten anschloß, nur sprach sie ein bißchen anders und trug eine andere Art Haube; aber nie in ihrem Leben gab sie einen Pfennig mehr für sich aus, als sich anständigerweise schickte.«

»Sie war eine fromme Frau,« erwiderte Dina; »Gott hatte ihr ein liebevolles aufopferndes Herz gegeben und machte es durch seine Gnade immer vollkommener. Und Euch hat sie recht lieb gehabt, Tante Rahel; ich habe sie oft von Euch reden hören und immer in demselben Sinne. Als es mit ihr zu Ende ging und ich erst elf Jahr' alt war, pflegte sie zu sagen: »wenn ich von dir genommen bin, wirst du an Tante Rahel eine Freundin haben für diese Welt; sie hat ein gütiges Herz.« Und das ist auch wahr geworden.«

»Ja, Kind, ich weiß nicht wie es zugeht; ich glaube, für dich thäte jeder gern was er kann; du bist wie die Vögel unter dem Himmel, du lebst, kein Mensch weiß wie. Ich wäre dir so gern eine zweite Mutter, wenn du nur ganz herziehen und hier bei uns wohnen wolltest, wo man doch Obdach hat und Nahrung für Menschen und Vieh und nicht auf den kahlen Hügeln zu leben braucht, wie Hühner, die im Sande kratzen. Dann könntest du 'nen braven Mann heiraten und es gäbe Leute genug, die dich nähmen, wenn du nur das Predigen lassen wolltest, denn das ist zehnmal schlimmer, als was deine Tante Judith je gethan hat. Ja, wenn du selbst Seth Bede nähmest, der ein trauriger konfuser Methodist ist und schwerlich jemals einen Groschen übersparen kann, der Onkel würde dir doch beistehen mit 'nem Schwein oder vielleicht gar mit 'ner Kuh, denn er ist immer sehr freundlich gewesen mit meinen Verwandten, wenn sie auch nichts haben, und hat ihnen immer sein Haus offen gehalten, und für dich, das bin ich sicher, thäte er gewiß eben so viel, wie für Hetty, die doch seine leibliche Nichte ist. Und Leinen habe ich genug im Hause für dich übrig, Laken und Tischzeug und Handtücher; es ist bloß noch nicht zugeschnitten. Das Spinnen im Hause geht ja immer seinen Gang, weißt du, und wir lassen unser neues Leinen noch mal so rasch weben, als das alte abgeht. Aber was hilft mir alles Sprechen! Du läßt dich doch nicht überzeugen und thust wie andere vernünftige Mädchen, sondern quälst dich ab und gehst herum und predigst und giebst jeden Groschen weg, den du verdienst, und hast nichts, wenn du mal krank wirst, und ich glaube wirklich, deine ganze Habe, die du auf der Welt hast, ginge in ein Bündel, nicht größer als zwei Käse. Und alles bloß, weil du über die Religion Dinge im Kopfe hast, die weder im Katechismus noch im Gesangbuch stehen.«

»Aber in der Bibel stehen sie, Tante,« sagte Dina.

»Ja, und ob sie in der Bibel stehen, das ist auch noch so 'ne Sache,« war Frau Poysers etwas scharfe Antwort: »warum sollten sonst die, welche in der Bibel am besten Bescheid wissen, die Pastöre und andere Leute, die nichts anderes zu thun haben als darin zu lesen – warum sollten denn die nicht ebenso handeln wie du? Aber, Kind, wenn jeder thäte wie du, dann stände die Welt bald still; wenn jeder sich ohne Haus und Hof behelfen wollte und bloß kümmerlich essen und trinken, und immer davon spräche, wir müßten verachten, was von dieser Welt ist, so wie du sprichst, dann möchte ich wohl wissen, was aus dem Viehstand und dem Roggen und Weizen und all dem schönen Milchkäse würde. Jeder liefe hinter dem andern her, um ihm was vorzupredigen, statt seine Kinder zu ernähren und für die Tage der Not zu sparen. Das kann doch ein Kind einsehen, daß das nicht die rechte Religion ist.«

»Aber, liebe Tante, Ihr habt mich doch nie sagen hören, daß alle berufen seien, ihre Arbeit und ihre Familie zu verlassen. Es ist ganz recht, daß man das Land pflügt und besäet und das schöne Korn sammelt in die Scheunen und für die Bedürfnisse dieses Lebens sorgt, und es ist auch recht, daß die Menschen häusliches Glück suchen und für ihre Kinder sorgen, wenn es nämlich in der Furcht des Herrn geschieht und man über der Sorge für den Leib nicht die Seele vergißt. Gott können wir alle dienen, wie unser Los auch fällt, aber er giebt uns verschiedene Arbeit, je nachdem er uns dazu geschickt macht und beruft. Ich kann es so wenig lassen, daß ich immerfort für die Seelen anderer zu thun suche, was ich kann, als Ihr es lassen könntet gleich hinzulaufen, wenn Ihr Eure kleine Totty am andern Ende des Hauses weinen hört; die Stimme geht Euch ins Herz, Ihr glaubt, das liebe Kind ist in Not oder Gefahr, und Ihr habt keine Ruhe, sondern müßt ihr zu Hilfe eilen.«

»Da haben wir's,« sagte Frau Poyser, indem sie aufstand und nach der Thür ging; »wenn ich auch Stunden lang auf dich einspräche, es wäre immer dieselbe Geschichte, ich bekäme doch keine andere Antwort, ich könnte ebensogut auf den fließenden Bach einsprechen und ihn still stehen heißen.«

Der Dammweg vor der Küchenthür draußen war mittlerweile wieder abgetrocknet und Frau Poyser stellte sich behaglich dahin und sah sich an was auf dem Hofe vorging, während der grauwollene Strumpf in ihren Händen dabei immer weiter vorrückte. Aber kaum hatte sie fünf Minuten dagestanden, als sie wieder ins Haus zurückeilte und hastig, beinahe ängstlich zu Dina sagte:

»Da kommen wahrhaftig Kaptän Donnithorne und Pastor Irwine auf den Hof geritten! Ich lasse meinen Kopf, wenn sie nicht über dein Predigen auf der Gemeindewiese sprechen wollen, Dina; und du mußt dich verantworten; ich sage kein Wort: ich habe schon genug darüber gesagt, daß du solche Schande über deinen Onkel und seine Familie bringst. Es könnte noch hingehen, wenn du meinem Mann seine Nichte wärst; mit seinen eigenen Verwandten muß man sich abfinden so gut wie mit seiner eigenen Nase, sie sind unser eigen Fleisch und Blut. Aber daß ich das erlebe, daß mein Mann wegen einer Nichte von mir seine Pachtung verliert, und ich hab' ihm keinen Pfennig zugebracht, bloß mein bißchen Ersparnisse –«

»Nein, liebe Tante Rahel,« antwortete Dina sanft, »Ihr habt keinen Grund zu solchen Befürchtungen; ich habe die feste Gewißheit, Euch und Onkel und die Kinder wird meinetwegen kein Leid treffen, ich habe nicht gepredigt ohne Weisung von oben.«

»Weisung von oben! Ich weiß recht gut, was du damit meinst,« sagte Frau Poyser, indem sie aufgeregt rasch weiter strickte; »wenn du mal besonders starke Mucken im Kopfe hast, dann nennst du das Weisung von oben und dann ist dir alles andere gleichgiltig; du siehst dann aus wie die Steinfigur an der Kirche in Treddleston, die immer lächelt und lächelt, es mag gutes Wetter sein oder schlechtes. Aber meine Geduld ist zu Ende.«

Mittlerweile waren die beiden Herren abgestiegen, und es war klar, sie wollten einen Besuch machen. Frau Poyser ging ihnen bis zur Thür entgegen, machte einen tiefen Knix und zitterte vor Ärger über Dina und vor Unruhe, sich ganz so zu benehmen, wie sich's bei dieser Gelegenheit gebührte. Denn in jener Zeit fühlte auch der beste Bauersmann noch eine stille Scheu, wenn er mit vornehmen Leuten in Berührung kam, wie sie in alten Zeiten die Menschen fühlten, wenn sie sich auf die Zehen stellten, um die Götter in menschlicher Gestalt vorüberwandeln zu sehen.

»Nun, Frau Poyser, wie geht's Ihnen nach dem stürmischen Morgen?« sagte der Pastor mit seiner würdevollen Herzlichkeit. »Wir haben ganz trockene Füße und werden Ihnen den schönen Flur nicht schmutzig machen.«

»O, Herr Pastor, das hätte ja nichts zu sagen!« antwortete Frau Poyser; »wollen Sie und der Herr Kaptän so freundlich sein und ins Wohnzimmer treten?«

»Nein, nein, Frau Poyser, ich danke Ihnen,« antwortete der Kapitän und sah sich begierig um, als suchten seine Augen etwas, was nicht da war. »Ich habe recht meine Freude an Ihrer Küche; es sitzt sich hier allerliebst; wenn doch jede Pachtersfrau sie sich ansähe und ein Muster dran nähme!«

»O, Sie sind gar zu freundlich, Herr; aber bitte, nehmen Sie Platz,« sagte Frau Poyser, die sich durch das Kompliment und die offenbare gute Laune des Kapitäns etwas erleichtert fühlte, aber doch noch ängstlich auf den Pastor blickte, der, wie sie sah, Dina ins Auge gefaßt hatte und auf sie zuging.

»Poyser ist wohl nicht zu Haus, oder doch?« fragte der Kapitän und setzte sich so, daß er die kurze Strecke bis zu der offen stehenden Thür der Milchkammer übersehen konnte.

»Nein, Herr, zu Haus ist er nicht, er ist nach Rosseter wegen der Wolle. Aber Vater ist in der Scheune, wenn der es vielleicht ausrichten kann.«

»Bitte, bemühen Sie sich nicht; ich will nur nach meinen jungen Hunden sehen und Ihrem Schäfer etwas darüber sagen. Ich muß 'n ander Mal wieder kommen und Ihren Mann sprechen, ich habe etwas über Pferde mit ihm zu reden. Können Sie mir vielleicht sagen, wann ich ihn am sichersten treffe?«

»Gewiß, Herr Kaptän; Sie treffen ihn fast immer außer Freitags, wo er nach Treddleston auf den Markt geht. Wenn er bloß auf dem Felde ist, können wir ihn in einer Minute holen lassen. Wären wir nur das Brachland da hinten los, dann lägen alle unsere Äcker hübsch beisammen, und mich sollt' es freuen, denn wenn was vorfällt, ist er gewiß immer nach dem Brachland. Und 's ist doch ganz unnatürlich, daß man ein Stück Ackerland in einer Grafschaft hat und alle übrigen in einer andern.«

»Nun, das Brachland paßt viel besser nach dem Vorwerk, besonders weil da Weideland fehlt und Sie hier reichlich haben. Übrigens scheint mir doch, Ihres ist die hübschste Pacht beim ganzen Gut, und wissen Sie was, Frau Poyser? Wenn ich mich verheiratete und häuslich niederließe, würde ich mich stark versucht fühlen, Sie hier wegzubringen und dies hübsche alte Haus auszubauen und selbst Landwirt zu werden.«

»O, Herr Kapitän!« antwortete Frau Poyser höchlich erschrocken, »das würde Ihnen gar nicht gefallen. Landwirtschaft treiben, das heißt Geld mit der rechten Hand in die Tasche stecken und mit der linken wieder herausnehmen. Nach meiner Meinung schafft ein Landwirt Brot für andre Leute und hat dabei grade einen Mund voll für sich und seine Kinder eben über. Sie sind freilich nicht so wie arme Leute, die ihr Brot verdienen müssen; Sie können bei der Landwirtschaft so viel Geld zusetzen, wie Sie wollen, aber 's doch 'n schlechter Spaß, Geld zusetzen, sollt' ich meinen, obschon die vornehmen Leute in London wie ich höre so recht ihr Pläsir dran haben. Wie sich mein Mann am Markttage hat erzählen lassen, hat Lord Daceys ältester Sohn an den Prinzen von Wales Tausende und Tausende verloren, und seine Mutter will ihre Juwelen versetzen; doch das müssen Sie besser wissen als ich. Aber um auf die Landwirtschaft zurückzukommen, Herr Kaptän, ich kann mir nicht denken, daß Ihnen das gefallen wird, und dies Haus – ich sage Ihnen, es zieht drin, daß es einem durch Mark und Bein geht, und die Fußböden im oberen Stock sind fast verfault, und die Ratten im Keller – das ist gar nicht zu glauben!«

»Das ist ja ein recht angenehmes Bild, Frau Poyser,« rief der Kapitän lachend; »dann thät' ich Ihnen wohl einen rechten Dienst, wenn ich Sie aus einem solchen Hause herausbrächte. Aber sobald hat das nichts zu sagen. Für die nächsten zwanzig Jahre lasse ich mich wohl nicht häuslich nieder, und Großvater würde gewiß nie Ja dazu sagen, sich von so guten Pächtern zu trennen, wie Sie sind.«

»Nun, Herr Kaptän, wenn er auf meinen Mann als Pächter so viel hält, dann möcht' ich Sie wohl bitten, Sie legten ein gutes Wort für uns ein, daß er uns neue Stakete um die Wiesen machen läßt; mein Mann hat schon drum gebeten und immer wieder gebeten, bis er's müde ist, und er hat doch so viel in das Gut hineingesteckt und nie ist ihm wieder ein Groschen zu gute gekommen, mochten die Zeiten gut sein oder schlecht. Ich habe meinem Manne so oft gesagt, wenn der Kaptän etwas drüber zu sagen hatte, dann stände es gewiß anders. Ich will zwar nichts gegen den Respekt sagen über die, welche zu befehlen haben, aber Fleisch und Blut können's doch bisweilen nicht aushalten, daß man sich quält und plagt und früh aufsteht und spät zu Bett geht und kaum etwas Schlaf hat vor lauter Gedanken, ob der Käse auch gut aufgeht oder die Kuh vielleicht kalbt oder der Weizen in den Garben wieder auswächst – und wenn das Jahr herum ist, dann ist am Ende nichts dabei 'rausgekommen, als hätte man einen schönen Braten gemacht und bekäme für seine Mühe nichts als den Geruch.«

Wenn Frau Poyser mal ins Reden gekommen war, dann blieb sie auch munter im Zuge und fühlte gar keine Scheu mehr vor den vornehmen Leuten. Das Vertrauen auf ihre eigene Gabe der Darstellung war eine treibende Kraft, die allen Widerstand überwand.

»Ich fürchte sehr, ich würde nur schaden statt zu nützen,« erwiderte der Kapitän, »wenn ich etwas über die Stakete sagte, Frau Poyser, und doch versichere ich Sie, wir haben keinen Pächter auf dem Gut, für den ich lieber ein Wort einlegte als für Ihren Mann. Ich weiß, sein Hof ist besser in Ordnung, als irgend einer zehn Meilen in die Runde, und gar die Küche,« fügte er lächelnd hinzu, »da ist im ganzen Königreich wohl keine, welche die übertrifft. Aber da fällt mir ein, ich habe Ihre Milchkammer noch nicht gesehen; ich muß Ihre Milchkammer sehen, Frau Poyser.«

»O, ich bitte Sie, Herr Kaptän, die ist jetzt nicht in solchem Stande, daß ich sie Ihnen zeigen könnte; Hetty ist grade beim Buttern; die Butter wollte heute gar nicht kommen und ich muß mich ordentlich schämen.« Bei diesen Worten errötete Frau Poyser; sie glaubte, der Kapitän interessiere sich wirklich für ihre Milchsatten und seine Meinung von ihr selbst würde sich danach richten, wie er ihre Milchkammer fände.

»O, ich bin sicher, Sie haben alles in bester Ordnung. Führen Sie mich nur hin,« sagte der Kapitän, und beide gingen hinüber.