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Adam Bede.  George Eliot
Abschnitt 51. Sonntag Morgen
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Lisbeths Erkältung war doch nicht ernsthaft genug, um Dina noch eine zweite Nacht vom Pachthofe fern zu halten, da ihre Tage dort gezählt waren, und am Abend nahmen die Freunde Abschied. »Auf lange!« hatte Dina gesagt, als sie Lisbeth ihren Entschluß mitteilte.

»Dann wird es wohl bei mir fürs Leben sein,« antwortete Lisbeth, »und ich sehe dich nie wieder. Auf lange! Ich habe nicht mehr lange zu leben. Und ich werde schlimm krank werden und sterben, und du kannst mich nicht besuchen, und noch im Tode wird mich nach dir verlangen.«

Das war der Grundton ihres Gejammers den ganzen Tag gewesen, denn Adam war nicht zu Haus, und darum legte sie sich beim Klagen keinen Zwang an. Sie hatte die arme Dina recht gequält, indem sie immer und immer wieder auf die Frage zurückkam, warum sie denn fortmüsse und alle ihre Gründe nicht gelten lassen wollte, weil sie ihr bloß Einfälle und »Obsternation« zu sein schienen, und noch mehr endlich hatte sie sie gequält, indem sie immer ihr Bedauern wiederholte, daß sie »keinen von den beiden Jungens« nähme und ihre Tochter würde.

»Zu Seth kannst du dich nicht entschließen,« meinte sie; »er ist dir vielleicht nicht klug genug, aber recht gut würde er gegen dich sein; wenn ich krank bin, dann thut er alles für mich so hübsch anstellig, und die Bibel und das Kirchengehen – dafür ist er ja ebenso sehr wie du. Aber vielleicht ziehst du einen Mann vor, der nicht just von demselben Schnitt ist wie du selbst: den Bach, der Wasser hat, den dürstet's nicht nach Regen. Adam – das wäre der rechte für dich, ja, ja, das weiß ich bestimmt, und er würde schon dahin kommen, daß er dich rechtschaffen lieb hätte, wenn du nur hier bliebst. Aber er ist so hart wie 'ne Eisenstange und läßt sich nicht biegen, nicht hierhin oder dorthin. Der wäre ein guter Mann für jedes Mädchen, wer's auch sein möchte, so angesehen und so klug wie er ist. Und wenn der einen lieb hat, das ist 'ne Pracht; es thut mir ordentlich gut, wenn er mich nur ansieht und so recht freundlich ist.«

Dina bemühte sich, durch kleine häusliche Verrichtungen, bei denen sie in Bewegung bleiben mußte, den prüfenden Blicken und forschenden Fragen der Alten sich zu entziehen. Und sobald Seth abends nach Haus kam, setzte sie sich den Hut auf, um fortzugehen. Das letzte Lebewohl ging Dina recht zu Herzen, und noch mehr rührte es sie, als sie nach einer Weile über die Felder zurückblickte und die alte Frau noch immer an der Thür stehen sah, wie sie ihr nachblickte, bis sie den matten, alten Augen nur noch ein unscheinbarer Fleck war. »Der Gott der Liebe und des Friedens sei mit ihnen,« betete Dina, als sie bei der letzten Biegung des Weges sich nochmals umsah. »Beglücke sie, Herr, nach dem Maße der Tage, wo du sie betrübt hast, und der Jahre, wo sie Übles erlebten. Dein Wille ist es, daß ich von ihnen scheide; laß mich keinen Willen haben als deinen.«

Endlich wandte sich Lisbeth ins Haus zurück und setzte sich zu Seth in die Werkstatt, der ein kleines Arbeitskästchen machte, welches er Dina vor der Abreise noch geben wollte.

»Du siehst sie doch noch am Sonntag, ehe sie weggeht?« waren ihre ersten Worte. »Wenn du irgend was nutz wärest, dann brächtest du sie Sonntag Abend wieder mit, daß ich sie noch einmal sehe.«

»Nein, Mutter,« erwiderte Seth, »Dina käme gewiß von selbst, wenn sie's für recht hielte, und ich brauchte ihr nicht zuzureden. Aber sie meint, es hieße dich nutzlos quälen, wenn sie bloß herkäme, um noch mal Abschied zu nehmen.«

»Wenn Adam sie leiden möchte und heiraten wollte, dann ginge sie gewiß nicht weg, das weiß ich, aber mir geht alles so konträr,« brach Lisbeth verdrießlich aus.

Seth schwieg einen Augenblick und sah dann leicht errötend seiner Mutter ins Gesicht und sagte mit etwas gedämpfter Stimme: »Wie, hat sie dir so etwas gesagt, Mutter?«

»Gesagt? Nein, die sagt gar nichts. Aber ihr Männer seht nichts, als bis es euch die Leute selbst sagen.«

»Nun, und warum glaubst du's denn, Mutter? Wer hat dir die Geschichte in den Kopf gesetzt?« »Das ist ganz einerlei; mein Kopf ist nicht so hohl, da braucht keiner was hineinzusetzen. Daß sie ihn lieb hat, das weiß ich so gut, wie daß der Wind hier in die Thür hereinweht, und das ist genug. Und er entschlösse sich wohl, sie zu heiraten, wenn er nur wüßte, daß sie ihn lieb hat; aber daran denkt er gewiß nicht, wenn ihm nicht einer die Augen öffnet.«

Die Andeutung der Mutter über Dinas Neigung zu Adam war Seth nicht grade neu, aber bei ihren letzten Worten fing er an zu besorgen, sie habe vielleicht selbst vor, Adam die Augen zu öffnen. Wie Dina gesonnen sei, wußte er freilich nicht bestimmt, aber wie es bei Adam bestellt sei, glaubte er ganz sicher zu wissen.

»Nein, Mutter, nein,« erwiderte er mit ganzem Ernst, »du darfst nicht dran denken, über so etwas mit Adam zu sprechen. Du hast kein Recht zu sagen wie Dina gesonnen ist, wenn du's nicht von ihr selbst weißt, und wenn du Adam so etwas sagtest, das führte nur zu Unheil; er ist sehr dankbar und freundlich gegen Dina, aber sie zur Frau zu nehmen, dahin gehen seine Gedanken nicht, und ebensowenig glaube ich, daß Dina ihn nimmt. Nach meiner Meinung will sie überhaupt nicht heiraten.«

»Pah!« sagte Lisbeth ungeduldig; »das meinst du blos, Weil sie dich nicht hat haben wollen. Dich nimmt sie doch nie und da könnest du sie wohl deinem Bruder gönnen.«

Das war selbst dem sanften Seth zu viel. »Mutter,« sagte er im Tone ernster Abwehr, »das mußt du nicht von mir denken. Ich nähme sie so herzlich gerne zur Schwester, wie du sie zur Tochter nähmest. Ich denke bei der Sache gar nicht mehr an mich selbst, und du kränkst mich tief, wenn du das je wieder sagst.«

»Gut, gut, dann sollest du mir aber nicht so dazwischen fahren und sagen, die Sache stände nicht so wie ich meine.«

»Aber, Mutter,« entgegnete Seth, »du thätest Dina Unrecht, wenn du Adam sagtest, was du von ihr denkst. Das könnte nur schaden; Adam würde sich unbehaglich fühlen, wenn er ihre Empfindung nicht erwiderte. Und ich bin ziemlich sicher, daß er nichts der Art empfindet.«

»I, mit deiner Sicherheit bleib mir weg; davon verstehst du nichts. Warum geht er immer zu Poysers, wenn nicht ihretwegen? Er geht jetzt noch mal so oft hin als früher. Vielleicht weiß er's selbst nicht, daß er bloß ihretwegen hingeht – so wenig als er's weiß, daß ich ihm Salz in die Suppe thue, aber entbehren würde er's bald genug, wenn es nicht drin wäre. Ans Heiraten wird er nie denken, wenn man ihn nicht drauf bringt, und wenn du deine Mutter ein bißchen lieb hättest, dann würd'st du's ihm sagen, damit er sie hier hält und sie mir das Leben erheitert, ehe ich zu meinem Alten unter dem Weißdorn in die Erde komme.«

»Nein, Mutter,« sagte Seth, »halte mich nicht für unfreundlich, aber es wäre gegen mein Gewissen, wenn ich mir herausnähme zu sagen, wie Dina im Herzen fühlt. Und überdies würde ich Adam zu verletzen fürchten, wenn ich ihm überhaupt vom Heiraten spräche, und ich rate dir auch, es zu lassen. Und wenn du dich über Dina nur nicht völlig täuschest! Nach dem, was sie mir am letzten Sabbath gesagt hat, glaube ich ganz bestimmt, sie will gar nicht heiraten.«

»Eh, du bist grade so konträr wie die andern auch. Wenn es was wäre, was ich nicht wünschte, dann geschäh' es gewiß bald genug.«

Damit erhob sich Lisbeth von der Bank und verließ die Werkstatt, wo Seth in großer Sorge wegen des Vorhabens seiner Mutter zurückblieb. Er tröstete sich indes bald, indem er sich überlegte, seit Adams großem Unglück habe sich Lisbeth immer sehr gehütet, mit ihm über sein Gefühl und seine Neigungen zu sprechen, und sie würde daher auch jetzt kaum wagen, diesen allerzartesten Punkt zu berühren. Und wenn sie es denn doch thäte, so hoffte er, Adam würde nicht sehr darauf achten.

In dieser Ansicht der Dinge hatte Seth recht; Lisbeth war selbst zu bange, um so leicht mit der Sprache herauszugehen, und in den nächsten Tagen waren die Gelegenheiten, mit Adam allein zu sprechen, zu kurz und zu selten, als daß sie sich dazu versucht gefühlt hätte. Aber in ihren langen, einsamen Stunden brütete sie über den traurigen Gedanken wegen Dinas, bis diese kaum noch zu bändigen waren und jeden Augenblick aus ihrem stillen Neste auszufliegen drohten. Und am Sonntag Morgen, als Seth nach Treddleston zur Predigt ging, da kam die gefährliche Gelegenheit.

Der Sonntag Morgen war für Lisbeth die glücklichste Zeit der ganzen Woche; denn da in Hayslope erst am Nachmittag Gottesdienst gehalten wurde, so blieb Adam immer zu Haus und las, und dabei konnte sie es schon wagen, ihn mal zu unterbrechen. Und zudem hatte sie Sonntags immer ein besseres Essen auf dem Feuer, sehr oft für Adam und sich selbst ganz allein, wenn Seth den ganzen Tag wegblieb und wenn der Braten vor dem hellen Feuer in der reinlichen Küche so lecker roch und die Wanduhr so sonntäglich friedlich tickte und ihr Liebling Adam in seinen besten Kleidern neben ihr saß und grade nichts Wichtiges vorhatte, so daß sie ihm das Haar streicheln konnte, wenn's ihr einfiel, und er sie dann ansah und anlächelte, während Gyp ein wenig eifersüchtig seinen Kopf dazwischensteckte – dann hatte die arme Lisbeth den Himmel auf Erden.

Am meisten las Adam Sonntags morgens in seiner großen Bilderbibel, und auch heute lag sie auf dem runden, weißen, tannenen Küchentisch vor ihm; trotz des Feuers hatte er sich dahin gesetzt, weil er wußte, die Mutter habe ihn gern in der Nähe, und weil es der einzige Tag in der Woche war, wo er ihr den Gefallen thun konnte. Es war hübsch, Adam in der Bibel lesen zu sehen; in der Woche kam er nie dazu, und so war sie ihm ein Festtagsbuch und er fand darin Geschichte, Lebensbeschreibung und Poesie. Die eine Hand in die Weste geschoben, die andere frei um umzuschlagen, so las er manche Stunde und im Laufe des Morgens wechselte der Ausdruck seines Gesichts mannigfaltig. Bisweilen bewegten sich seine Lippen leise mit – wenn er grade eine Rede las, wie er sie etwa selbst hätte halten können, z.B. Samuels letzte Rede an das Volk; dann wieder zog er die Augenbrauen hoch und seine Mundwinkel zitterten ein wenig vor wehmütiger Teilnahme – das war, wenn ihn eine Geschichte besonders rührte, vielleicht die Geschichte von dem Wiedersehen des alten Isaak mit seinem Sohne; dann wieder beim Neuen Testament nahm sein Gesicht einen feierlichen Ausdruck an und er nickte dann und wann beistimmend mit dem Kopfe oder hob eben die Hand auf und ließ sie wieder sinken, und wieder an einem andern Morgen, wenn er in den apokryphischen Büchern las, die er sehr liebte, lächelte er vergnügt zu den scharfschneidenden Worten des Sohnes Sirach, oder nahm sich auch wohl die Freiheit, gelegentlich von einem apokryphischen Schriftsteller abzuweichen. Denn Adam kannte seine neununddreißig Artikel so gut, wie es sich für ein rechtes Mitglied der englischen Hochkirche ziemte.

Lisbeth saß ihm immer gegenüber, wenn sie nicht grade nach dem Essen zu sehen hatte und beobachtete ihn, bis sie es dann nicht länger aushalten konnte und zu ihm treten und ihn liebkosen mußte, damit er sie ansähe. Heute las er im Evangelium Matthäi, und Lisbeth blieb einige Minuten bei ihm stehen, streichelte ihm das Haar, welches heute noch glatter war als gewöhnlich, und sah sich mit stiller Verwunderung die geheimnisvollen Buchstaben in dem großen Buche an. Sie fuhr mit ihrer Liebkosung länger als gewöhnlich fort, weil er sich bei ihrer Annäherung im Stuhl zurückgelehnt, sie zärtlich angeblickt und gesagt hatte: »Ei, Mutter, du siehst ja heute so frisch und gesund aus! Aber sieh', Gyp will auch 'nen Blick von mir; er kann's nicht vertragen, daß ich dich am liebsten habe.« Lisbeth erwiderte nichts, sie hatte zu viel auf dem Herzen. Grade in dem Augenblick schlug Adam ein Blatt um und auf der neuen Seite stand ein Bild – das Bild des Engels auf dem schweren Stein, der von des Grabes Thür gewälzt ist. Dieses Bild war Lisbeth eingefallen, als sie Dina zum erstenmal sah, und jetzt mußte sie bei dem Bilde immer an Dina denken, und kaum hatte Adam das Blatt umgeschlagen und das Buch ein wenig seitwärts gehoben, damit die Mutter den Engel auch sehen könnte, als sie ausrief: »Das ist sie, das ist Dina.«

Adam lächelte, sah sich das Gesicht des Engels genauer an und sagte:

»Ja, es hat 'ne gewisse Ähnlichkeit, aber Dina ist hübscher.«

»Nun, wenn du sie so hübsch findest, warum hast du sie denn nicht lieb?«

Überrascht blickte Adam auf. »Ei, Mutter, glaubst du denn, ich hielte nicht große Stücke auf Dina?«

»Das muß nicht weit her sein,« erwiderte Lisbeth, indem sie zwar über ihre Kühnheit erschrak, aber doch auch fühlte, das Eis sei nun mal gebrochen und das Wasser müsse seinen Lauf haben, es koste was es wolle. »Was heißt das, große Stücke auf etwas halten, was zehn Stunden weit weg ist? Wenn du sie lieb genug hättest, dann ließest du sie nicht weggehen.«

»Aber ich habe kein Recht, sie zu hindern, wenn sie's für gut findet,« sagte Adam und sah ins Buch, als wolle er weiter lesen. Er sah wieder Klagen kommen, die doch zu nichts führten. Lisbeth setzte sich wieder auf den Stuhl ihm gegenüber und bemerkte:

»Aber sie dächte schon nicht daran, wenn du nicht so konträr wärst« – über diese allgemeine Andeutung wagte sich Lisbeth noch nicht hinaus.

»Konträr, Mutter?« meinte Adam und blickte mit einiger Besorgnis auf. »Was hab' ich denn gethan? Was meinst du damit?«

»Ei, du siehst und hörst nichts als dein Rechnen und deine Arbeit,« sagte Lisbeth weinerlich. »Und meinst du denn, du kannst immer so weiter leben, als wenn du von Holz wärst? Und was fängst du wohl an, wenn ich erst hinüber bin und du keinen hast, der für dich sorgt and dir des Morgens dein bißchen gutes Essen giebt?«

»Was hast du vor, Mutter?« fragte Adam, schon etwas gereizt durch diese weinerliche Rede, »Ich begreife nicht, wo du hinauswillst. Kann ich etwas für dich thun, dann sag' es doch.«

»Ja gewiß kannst du was für mich thun. Du könntest wohl dafür sorgen, daß ich jemand bei mir hätte, der mir hülfe und mich pflegte, wenn ich krank bin, und gut zu mir wäre.«

»Nun, Mutter, wessen Schuld ist es denn, daß wir noch keine schickliche Person zur Hilfe im Hause haben? Ich möchte dir ja gern alle Arbeit ersparen. Wir können's haben, das hab' ich dir oft genug gesagt. Es wäre für uns alle besser.«

»Ach, du mit deiner schicklichen Person! Damit meinst du so 'n Mädchen aus dem Dorfe oder aus Treddleston, die ich nie gesehen habe. Lieber legt' ich mich selbst in den Sarg, eh' ich tot bin, als daß ich mich von solchen Leuten hineinlegen lasse.«

Adam schwieg und versuchte weiter zu lesen. Härter konnte er an einem Sonntagmorgen nicht gegen die Mutter sein. Aber Lisbeth war schon zu weit gegangen, als daß sie sich hätte beherrschen können und fing sofort wieder an:

»Du weißt recht gut, wen ich bei mir haben möchte. Es sind nicht viele Leute, nach denen ich schicke, damit sie mich besuchen. Und du hast sie selbst oft genug geholt.«

»Du meinst Dina, Mutter, das ist klar,« sagte Adam. »Aber darauf mußt du deinen Sinn nicht stellen, das kann ja nicht sein. Wenn Dina auch in Hayslope bliebe, so könnte sie doch ihre Tante nicht verlassen; sie ist da wie Kind im Hause und hat gegen Poysers mehr Verpflichtungen als gegen uns. Hätt' es sich so gemacht, daß sie Seth genommen hätte, das wär' ein rechter Segen für uns gewesen, aber wir können im Leben nicht alles nach Wunsch haben. Du mußt dich schon daran gewöhnen, ohne sie fertig zu werden.«

»Nein, aber ich kann mich nicht daran gewöhnen; sie ist für dich grade wie gemacht, und Gottes Wille ist es, daß er sie zu uns geschickt hat, das laß ich mir nicht ausreden. Wenn sie auch zu den Methodisten gehört, was kommt darauf an? Das vergeht wohl in der Ehe.«

Adam lehnte sich im Stuhl zurück und sah seine Mutter an. Jetzt begriff er, wo sie von Anfang an hinausgewollt hatte. Der Wunsch, den sie äußerte, erschien ihm möglichst unverständlich und unausführbar, aber unwillkürlich fühlte er sich doch ergriffen bei diesem ganz neuen Gedanken. Indes die Hauptsache mußte für ihn sein, ihn seiner Mutter so rasch wie möglich auszureden.

»Mutter,« erwiderte er nachdrücklich, »du redest ins Blaue hinein. Laß mich so was nicht wieder hören. Von unmöglichen Dingen reden, dabei kommt nichts heraus. Dina ist nicht fürs Heiraten; ihr Herz hängt an ganz andern Dingen.«

»Ja freilich,« erwiderte Lisbeth ungeduldig, »ja freilich ist sie nicht fürs Heiraten, wenn die, welche sie gern nähme, den Mund nicht aufthun. Ich wäre auch nicht fürs Heiraten gewesen, wenn dein Vater den Mund nicht aufgethan hätte, und dich hat sie so lieb, wie ich je meinen armen Matthis gehabt habe.«

Das Blut schoß Adam ins Gesicht und einige Augenblicke lang verging ihm fast die Besinnung; die Mutter und die Küche waren für ihn verschwunden, und er sah nur Dinas Gesicht und ihren Blick sich zugewandt. Es war ihm, als erstehe Freude und Glück vom Tode. Aber rasch erwachte er von diesem Traum – das Erwachen war kalt und traurig; es wäre ja sehr thöricht gewesen, zu glauben, was seine Mutter sagte; sie konnte keinen Grund dazu haben. Es drängte ihn, seinen Unglauben möglichst stark auszudrücken – wollte er vielleicht ihre Gründe hören, wenn sie welche hätte?

»Warum sagst du so was, Mutter, wozu du keinen Grund hast? Du hast doch gar kein Recht, so zu sprechen.«

»Dann hab' ich auch kein Recht zu sagen, daß ich alt werde, obschon ich es jeden Morgen beim Aufstehen fühle. Deinen Bruder hat sie doch nicht lieb, sollt' ich meinen, oder doch? Ihn will sie nicht, nicht wahr? Daß sie aber gegen dich ganz anders ist als gegen Seth, das hab' ich doch gesehen. Ob Seth ihr nahe kommt, daß ist ihr so einerlei als wenn's Gyp wäre. Aber wenn du dich beim Frühstück neben sie setzest und sie ansiehst, dann zittert sie über und über. Du meinst wohl, deine Mutter hätte keine Augen! Ich bin älter als du, mein Junge.«

»Aber woher weißt du denn, ihr Zittern bedeutet Liebe?« fragte Adam ängstlich.

»I, was soll es denn bedeuten? Haß doch wohl nicht. Und warum sollte sie dich auch nicht lieb haben? Man muß dich ja lieb haben; giebt's denn wohl einen hübscheren und gescheiteren Burschen? Und mit ihrer Methodisterei, das hat nichts zu sagen; das ist nur wie ein bißchen Gewürz in der Suppe.«

Adam hatte die Hände in die Taschen gesteckt und sah in das Buch vor sich auf dem Tische, aber die Buchstaben schwammen ihm vor den Augen. Er zitterte wie ein Goldsucher, der ein deutliches Anzeichen von Gold vor sich sieht und sich doch in demselben Augenblick enttäuscht findet. Er konnte dem Blick seiner Mutter nicht trauen; sie hatte gesehen, was sie zu sehen wünschte. Und doch – und doch, nun sie ihm davon gesprochen hatte, fiel ihm so manches ein, manche bloße Kleinigkeit, die ihm zu bestätigen schien, was die Mutter gesagt hatte, wie leichtes Wellengekräusel das Wehen eines fast unmerklichen Luftzuges beweist.

Lisbeth bemerkte seine Bewegung und fuhr tapfer fort:

»Und du wirst auch schon finden, wie sehr du sie vermißt, wenn sie fort ist. Du hast sie lieber als du selbst weißt. Du folgst ihr immer mit den Augen wie dein Hund dir folgt.«

Länger konnte Adam es nicht aushalten; er stand auf, nahm seinen Hut und ging hinaus ins Freie.

Auf den Feldern lag der Sonnenschein, der erste herbstliche Sonnenschein, an dem wir merken, daß es nicht mehr Sommer ist, auch wenn das Laub der Linden und Kastanien sich nicht schon leise färbte – der Sonntagssonnenschein, der für den Arbeitsmann so friedlich ruhig ist, – der Morgensonnenschein, in welchem noch zarter Tau auf dem feinen Gespinst im Schatten belaubter Hecken glitzert.

Adam hatte Ruhe nötig; er war erstaunt, wie mächtig dieser neue Gedanke an Dinas Liebe ihn ergriffen hatte, wie unter seinem überwältigenden Einfluß alle andern Empfindungen vor dem heftigen Verlangen zurücktraten, zu wissen, ob Dina ihn wirklich liebe. Seltsam, daß ihm bis zu diesem Augenblick nie die Möglichkeit eingefallen war, sie könnten sich jemals lieben; und doch ging jetzt all sein Sehnen plötzlich auf diese Möglichkeit; über seine eigenen Wünsche hatte er so wenig Zweifel und Bedenken, wie der Vogel, welcher der Öffnung zufliegt, durch die das Tageslicht hereindringt und die freie Himmelsluft.

Der herbstliche, sonntagliche Sonnenschein gab ihm Frieden, nicht so, daß er sich mit Ergebung auf die Enttäuschung vorbereitet hätte, wenn seine Mutter, wenn er selbst sich in Bezug auf Dina irre; der Frieden lag in der sanften Belebung seiner Hoffnungen. Dinas Liebe und der ruhige Sonnenschein waren einander so ähnlich, schienen ihm so völlig eins, daß er an beide zugleich glaubte. Und Dina war mit den wehmütigen Erinnerungen seiner ersten Leidenschaft so verwachsen, daß er ihnen mit der Liebe zu ihr nicht untreu wurde, sondern eine neue Weihe gab. Ja, seine Liebe zu ihr war aus jener ersten emporgewachsen, war der Mittag jenes Morgens.

Aber Seth? Würde der sich nicht verletzt fühlen? Schwerlich; in der letzten Zeit hatte er ganz zufrieden geschienen und eigennützige Eifersucht war ihm fremd; er war auf Adam nie eifersüchtig gewesen, weil ihn die Mutter vorzog. Aber hatte er vielleicht auch etwas bemerkt wie die Mutter? Adam sehnte sich das zu erfahren; der Beobachtung seines Bruders glaubte er mehr vertrauen zu dürfen als der seiner Mutter. Er wollte mit Seth sprechen, ehe er zu Dina ginge, und in dieser Absicht wandte er sich ins Haus zurück und fragte die Mutter:

»Hat Seth dir vielleicht gesagt, wann er zurückkommen wollte? Ist er wohl zu Tisch wieder da?«

»Ja, Junge, er kommt sicher zu Tisch. Er ist nicht nach Treddleston, er ist anderswohin zum Predigen und Beten.«

»Hast du 'ne Ahnung, wo er hin sein mag?« fragte Adam. »Nein, aber er geht sehr oft nach der Gemeindewiese. Du weißt mehr von seinem Thun und Treiben als ich.«

Gern wäre Adam dem Bruder entgegen gegangen, aber er mußte sich begnügen, in den nahen Feldern umher zu gehen und ihm da aufzupassen. Eine Stunde hatte er gewiß noch zu warten, weil Seth schwerlich lange vor Tisch, das heißt vor zwölf Uhr zurückkam. Aber still sitzen und wieder lesen, das konnte Adam nicht, und so schlenderte er am Bache entlang und lehnte sich an die Weiden, und seine Augen blickten scharf und begierig aus, als sähen sie etwas sehr lebhaft vor sich, aber sie sahen nicht den Bach noch die Weiden, nicht die Felder noch den Himmel. Immer wieder und wieder brach in seine Vision die Verwunderung herein, wie mächtig dieses neue Gefühl sei, wie mächtig und süß diese neue Liebe, – eine Verwunderung, wie sie etwa jemand über die Steigerung seiner Kraft empfindet, wenn er eine Kunst wieder aufnimmt, die er eine Zeitlang beiseite gesetzt hat. Wie geht es zu, daß die Dichter uns so viel Schönes zu sagen wissen über unsere erste Liebe und so wenig über die spätere? Sind ihre ersten Gedichte ihre besten? Oder sind nicht die die besten, welche aus größerem Gedankenreichtum, aus breiterer Erfahrung, aus tiefer wurzelnden Empfindungen hervorgehen? Die Flötenstimme eines Knaben hat ihren eigenen frühlingshaften Reiz, aber für den Mann geziemt sich vollerer, tieferer Klang.

Endlich sah Adam den Bruder in der Ferne herankommen und eilte ihm entgegen. Seth war überrascht und dachte, es sei etwas Ungewöhnliches vorgefallen, aber als Adam näher herankam, sagte sein Gesicht deutlich genug, daß es wenigstens nichts Schlimmes sei.

»Wo bist du gewesen?« fragte Adam, als sie nebeneinander hergingen.

»Auf der Gemeindewiese,« antwortete Seth. »Dina hat vor einer kleinen Versammlung gepredigt, bei Schwefel, wie sie ihn nennen. Die Leute da an der Gemeindewiese gehen sonst fast nie zur Kirche, aber auf Dina hören sie doch. Sie hat heute mächtig gesprochen über die Worte: »Ich bin gekommen, zu rufen die Sünder zur Buße, und nicht die Gerechten.« Dabei kam etwas vor, was sich recht hübsch ansah. Die Frauen bringen meist ihre Kinder mit, und heute war da ein derber krausköpfiger Junge, ungefähr drei oder vier Jahr alt, den ich sonst noch nicht gesehen habe. Zuerst als ich das Gebet sprach und während des Gesanges, da war er so unnütz wie was sein konnte, aber als wir uns alle hinsetzten und Dina zu sprechen anfing, da stand der kleine Kerl mit einem Mal stockstill und sah sie mit aufgesperrtem Munde an und mit einem Mal lief er von seiner Mutter weg zu Dina und zerrte sie am Kleide wie ein kleines Hündchen, damit sie sich um ihn bekümmere. Da nahm ihn Dina und setzte ihn sich auf den Schoß, während sie fortfuhr zu sprechen, und er war ganz artig und still, bis er einschlief, und seine Mutter weinte förmlich über den Anblick.«

»Es ist recht schade, daß sie nicht selbst Mutter ist,« sagte Adam; »die Kinder haben sie alle so lieb. Glaubst du wohl, daß sie ganz bestimmt gegen das Heiraten ist, Seth? Glaubst du, daß ihr Sinn sich gar nicht ändern läßt?«

Adam sprach diese Worte in einem so eigentümlichen Tone, daß Seth ihn verstohlen anblickte, ehe er antwortete:

»Ich thäte unrecht, wenn ich sagte, ihr Sinn wäre gar nicht zu ändern. Wenn du aber dabei an mich denkst, – ich denke nicht mehr daran, daß sie je meine Frau werden kann; sie nennt mich Bruder, und das ist mir genug.«

»Aber glaubst du wohl, daß sie sonst jemand so liebgewinnen könnte, um ihn zu heiraten?« fragte Adam etwas schüchtern.

»Nun,« meinte Seth nach einigem Zögern, »es ist mir in der letzten Zeit bisweilen durch den Kopf gegangen, daß das wohl möglich wäre, aber niemals läßt sich Dina durch die Liebe zur Kreatur von dem Wege abbringen, den Gott, wie sie glaubt, ihr vorgezeichnet hat. Wenn sie dächte, es sei nicht sein Wille, dann hat keine Liebe Gewalt über sie. Und darüber schien sie immer mit sich einig zu sein, daß Gott sie bestimmt habe, für andere zu sorgen und sich selbst keine Stätte zu gründen in dieser Welt.«

»Aber wenn es nun,« sagte Adam ernsthaft, »ich sage, wenn es nun jemand gäbe, der ihr volle Freiheit ließe und sie in nichts hinderte, dann könnte sie doch ebenso gut als verheiratete Frau noch ziemlich dasselbe thun, als jetzt wo sie ledig ist. Andere Mädchen von ihrer Art haben auch geheiratet – ich meine nicht grade solche wie sie, sondern Mädchen, welche predigten und die Kranken und Bedürftigen pflegten, z.B. die Madame Fletcher, von der sie bisweilen spricht.«

Seth ging ein neues Licht auf. Er wandte sich um, legte Adam die Hand auf die Schulter und sagte: »Wie, soll sie dich denn nehmen, Bruder?«

Adam sah Seth bedenklich in die forschenden Augen und antwortete: »Würde es dich kränken, wenn sie mich lieber hätte als dich?«

»Nein,« sagte Seth warm und herzlich, »wie kannst du das von mir denken? Hab' ich denn für deinen Kummer so wenig Mitgefühl gehabt, daß ich mich über deine Freude nicht mit freuen sollte?«

Einige Augenblicke gingen sie schweigend weiter, dann sagte Seth:

»Ich habe keine Ahnung davon gehabt, daß du je daran dächtest, sie zur Frau zu nehmen.«

»Aber hilft's mir denn was, wenn ich daran denke?« sagte Adam – »was meinst du? Mutter hat mir heute Morgen so viel vorgesprochen, daß ich gar nicht mehr weiß wo ich bin. Sie ist fest überzeugt, Dina habe mich recht lieb und nähme mich gern. Aber ich fürchte, sie spricht ohne Grund. Ich möchte wissen, ob du auch was bemerkt hast.«

»Ja, das ist 'ne schwere Frage,« sagte Seth, »und ich möchte nicht gerne was Unrechtes sagen; zudem, wir haben kein Recht, uns in anderer Leute Gefühl zu mischen, wenn sie nicht selbst davon sprechen.« Hier schwieg Seth, dachte nach und fuhr dann fort: »Aber du kannst sie ja selbst fragen. Sie hat's mir nicht übel genommen, als ich sie fragte, und du hast mehr Recht dazu als ich, bloß daß du nicht zur Gemeinde gehörst. Aber Dina hält's nicht mit denen, welche die Gemeinde ganz für sich behalten wollen. Sie zieht ganz gern Leute in die Gemeinde hinein, wenn sie nur Verlangen tragen selig zu werden. Die Brüder in Treddleston sind nicht alle damit zufrieden.«

»Weißt du vielleicht, wo sie heute Nachmittag ist?« fuhr ihm Adam dazwischen.

»Sie sagte, sie ginge heute nicht mehr vom Pachthof,« erwiderte Seth; »es ist der letzte Sabbath, den sie hier ist, und sie will den Kindern aus der großen Bibel vorlesen.«

»Dann geh' ich heute Nachmittag zu ihr; wenn ich auch in die Kirche ginge, meine Gedanken wären doch immer bei ihr. Sie müssen heute den Lobgesang ohne mich singen« – das sagte Adam nicht, aber er dachte es.