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Adam Bede.  George Eliot
Abschnitt 5. Der Rektor
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Starke Regengüsse fielen an dem Vormittage, und in tiefen Rinnen lief das Wasser die Sandwege entlang in dem Garten der Pastorei zu Broxton; die großen Provencer Rosen waren jämmerlich vom Winde zerzaust und vom Regen zerschlagen, und all die zartstämmigen Blumen auf den Beeten waren niedergedrückt und mit nasser Erde bespritzt. Ein trübseliger Morgen, denn die Heuernte sollte bald beginnen, und nun standen die Wiesen wahrscheinlich unter Wasser.

Aber wer eine hübsche Häuslichkeit hat, findet an Regentagen im Hause Unterhaltung, an die er sonst nicht gedacht hätte. Wäre es nicht ein so regnichter Morgen gewesen, so hätte Pastor Irwine nicht im Eßzimmer mit seiner Mutter Schach gespielt, und er hat seine Mutter und sein Schachspiel lieb genug, um mit ihrer Hilfe einige trübe Stunden sehr vergnüglich hinzubringen. In dies Eßzimmer führe ich den Leser und stelle ihm den ehrwürdigen Herrn Adolph Irwine vor, Rektor von Broxton, Vikar von Hayslope und Vikar von Blythe, im Besitz also mehrerer Pfründen auf einmal, und doch würde auch der strengste Kirchenverbesserer ihm nicht gram sein können. [Fußnote] Wir wollen leise eintreten und in der offenen Thür stehen bleiben, damit wir den glatthaarigen braunen Hühnerhund nicht wecken, der mit seinen beiden Jungen da in der Ecke schläft, noch auch den kleinen Mopshund, der, das schwarze Maul emporgerichtet, schlummert wie ein schläfriger Präsident.

Das Zimmer ist groß und hoch; an einem Ende ein breites vorspringendes Fenster; die Wände sind neu und noch nicht gemalt, die Möbel mögen ursprünglich kostbar gewesen sein, sind aber jetzt alt und abgebraucht, und das Fenster hat keine Vorhänge. Die rote Decke auf dem großen Eßtisch ist sehr fadenscheinig, obgleich sie gegen die toten Wände angenehm genug absticht; aber auf dieser Decke steht ein Präsentierteller von massivem Silber mit einer Wasserkaraffe, und zwei größere von derselben Arbeit auf dem Büffet tragen in der Mitte ein deutlich eingraviertes Wappen. Der Leser vermutet sogleich, daß die Bewohner dieses Hauses mehr altes Blut als alten Reichtum haben, und ist gewiß schon darauf gefaßt, der Herr Pastor habe eine feingeschnittene Nase und Oberlippe; für jetzt aber können wir nur sehen, daß er einen breiten, graden Rücken hat und einen Überfluß an gepudertem Haar, welches ganz zurückgekämmt ist und hinten in einen schwarzen Haarbeutel ausläuft – ein altmodischer Zug; der Herr ist also nicht mehr ganz jung. Vielleicht dreht er sich mit der Zeit mal um, und inzwischen können wir uns die stattliche Dame, seine Mutter, ansehen, eine schöne bejahrte Brünette, deren prächtig frischer Teint aus dem reinen weißen Battist und Spitzenwerk, welches Kopf und Hals ziemlich dicht umgiebt, sich recht gut abhebt. Trotz ihrer behaglichen Leibesfülle hält sie sich so grade wie eine Statue der Ceres, und ihr dunkles Gesicht mit der zart gebogenen Nase, dem festen stolzen Mund und den kleinen tiefen schwarzen Augen hatten einen so scharfen und sarkastischen Ausdruck, daß man sich leicht vorstellen kann, sie habe statt der Schachfiguren ein Spiel Karten vor sich und sei am Wahrsagen. Die kleine Hand, mit der sie grade die Königin anfaßt, ist reich geschmückt mit Perlen, Diamanten und Türkisen, und ein großes schwarzes Spitzentuch ist sorgfältig hinten über ihre Haube gebreitet und fällt in scharfem Kontrast auf das faltige Weißzeug am Halse. Es muß 'ne hübsche Zeit kosten, die alte Dame des Morgens anzukleiden! Aber es scheint ganz natürlich, daß sie sich so trägt: sie ist offenbar eine jener königlichen Erscheinungen, die nie an ihrem göttlichen Rechte gezweifelt haben und bei denen nie jemand so abgeschmackt gewesen ist, es zu bestreiten.

»Da, Dauphin, was meinst du dazu?« sagt die prächtige alte Dame, indem sie ihre Königin sehr ruhig hinsetzt und die Arme kreuzt; »es sollte mir sehr leid thun, wenn ich dir mit irgend einem Worte zu nahe träte!«

»O, du hast mich behext, du Zauberin! Wie soll ein Christenmensch je eine Partie von dir gewinnen? Ich hätte das Schachbrett mit Weihwasser besprengen sollen, ehe wir anfingen. Mit rechten Dingen ist es doch nicht zugegangen, das wirst du wohl selbst einräumen.«

»Das kennt man, das haben die Besiegten von großen Eroberern immer gesagt. Aber sieh doch, da scheint uns die liebe Sonne auf das Schachbrett und zeigt dir noch deutlicher, was das für ein schlechter Zug war mit dem Bauer. Nun, willst du Revanche haben?«

»Nein, Mutter, ich überlasse dich deinem eigenen Gewissen, nun sich's draußen aufklärt. Wir müssen hinaus und ein bißchen im Schmutz herumtraben – nicht wahr, Juno?« Das galt dem braunen Hühnerhund, der bei dem Klange der Stimmen aufgesprungen war und seinem Herrn die Schnauze einschmeichelnd aufs Bein gelegt hatte.

»Aber erst muß ich hinaufgehen und Anna sprechen; als ich vorhin zu ihr wollte, mußte ich gerade zu Tholers Begräbnis.«

»Das ist ganz nutzlos, Kind; sie kann dich nicht sehen; Käthchen sagt, ihr Kopfweh sei heute früh schlimmer als je.«

»O, sie sieht und spricht mich trotzdem gern; dazu ist sie nie zu krank.«

Wenn sich der Leser erinnert, wie manches Wort wir Menschen so ganz absichtslos oder gewohnheitsmäßig hinsprechen, so wird's ihn nicht sehr verwundern zu hören, daß in den fünfzehn Jahren, wo Irwines Schwester, Anna, leidend gewesen war, dieser selbe Einwand viele hundertmale genau so geäußert und mit derselben freundlichen Antwort zurückgewiesen wurde. Stattliche alte Damen, die des Morgens lange bei der Toilette sind, haben für kränkliche Töchter oft wenig übrig.

Aber während Irwine noch ruhig dasaß, sich in seinem Stuhl zurücklehnte und dem Hunde den Kopf streichelte, trat der Bediente in die Thür und sagte: »Entschuldigen Sie, Herr Pastor, Josua Rann möchte Sie sprechen, wenn Sie einen Augenblick Zeit hätten.«

»Führt ihn hier herein,« sagte Madame Irwine und nahm ihr Strickzeug; »ich höre immer gerne zu, wenn Meister Rann etwas zu sagen hat. Er hat gewiß schmutzige Füße; sorgt dafür, Carrol, daß er sich ordentlich abputzt.«

Binnen zwei Minuten erschien Meister Rann mit sehr tiefen Verbeugungen an der Thür, doch rührte diese Höflichkeit den Mops wenig; er fing vielmehr scharf an zu bellen und beschnüffelte dem Fremden die Beine, während die beiden jungen Hunde Meister Ranns dicke Waden und seine groben wollenen Strümpfe mit großem Pläsir beknurrten und bekrabbelten. Inzwischen drehte sich der Pastor auf seinem Stuhle und sagte:

»Nun, Josua, was giebt's neues in Hayflope, daß Ihr an diesem nassen Morgen herüberkommt? Setzt Euch, setzt Euch! die Hunde dürfen Euch nicht stören; stoßt sie gelinde aus dem Wege. Hier, Mops! willst du her?«

Es ist ein wahres Vergnügen, gewisse Leute sich umdrehen zu sehen, so angenehm wie ein plötzlicher warmer Luftstrom im Winter oder wie das Aufflackern der Flamme im Kamin in kalter Dämmerstunde. Pastor Irwine gehörte zu diesen gewissen Leuten. Er hatte mit seiner Mutter dieselbe Art von Ähnlichkeit, wie das Bild eines Freundes, das wir in liebender Erinnerung tragen, oft mit dem Freunde selbst hat: die Züge waren alle edler, das Lächeln schöner, der Ausdruck herzlicher. Wäre sein Gesicht weniger fein geschnitten gewesen, so hätte man's ein lustiges Gesicht nennen können, aber für diese Mischung von Gutmütigkeit und Vornehmheit war das nicht das rechte Wort.

Meister Rann suchte sich mit vieler Mühe das Ansehen zu geben, als wenn ihn seine Beine nichts angingen, obschon er sich bald von dem einen, bald von dem andern die jungen Hunde abschütteln mußte. Die Einladung Platz zu nehmen lehnte er ab.

»Ich danke Ew. Ehrwürden; wenn Sie erlauben, bleibe ich lieber stehen, das paßt sich doch besser. Ich hoffe, Sie sind wohl, ja? und Madame Irwine auch und die Fräulein Schwestern ebenso?«

»Danke, Josua; es geht. Ihr seht, wie blühend meine Mutter aussieht; wir jungen Leute sind nichts dagegen. Aber was bringt Ihr?«

»Na, Herr Pastor, ich hatte so in Broxton was zu thun, und da hielt ich es doch für recht hier vorzusprechen und Ihnen anzuzeigen, was im Dorfe vorgeht. So was hab' ich mein Tage noch nicht erlebt und ich wohne doch schon nächsten St. Thomas sechzig Jahre da und habe den Osterzins für Pastor Blick eingesammelt, ehe Ew. Ehrwürden zu uns kamen, und bei jedem Glockenläuten bin ich gewesen und bei jedem Grabe und habe im Chor mitgesungen, lange ehe Barthel Massey hier war, von dem niemand weiß, wo er herstammt, mit seinem Wechselsingen und den schönen Liedern, wo niemand mitkann als er selbst. Ich weiß, was sich für einen Küster gehört und weiß auch, daß ich es an der Achtung für Ew. Ehrwürden und für die Kirche und den König fehlen ließe, wenn ich solche Dinge nicht zur Anzeige brächte. Ich war so überrascht darüber und wußte vorher nichts davon und war so ganz ratlos, als wenn ich mein Handwerkszeug verloren hätte, und die letzte Nacht habe ich nicht mehr als vier Stunden geschlafen, und so 'nen schlechten Schlaf hab' ich gehabt, daß ich besser wach geblieben wäre.«

»Aber was ist denn nur los, Josua? Heraus mit der Sprache; sind die Diebe wieder in der Kirche gewesen?«

»Diebe! das nicht, Herr – und doch kann ich wohl sagen, es sind Diebe gewesen und es ist ein Diebstahl an der Kirche. Die Methodisten meine ich, die gewiß noch die Oberhand gewinnen im Kirchspiel, wenn Ew. Ehrwürden und Seine Ehren Herr Donnithorne nicht ein Einsehen haben und dagegen auftreten. Nicht als ob ich Ihnen was vorschreiben wollte, Herr Pastor; so weit vergess´ ich mich nicht, daß ich klüger sein wollte, als die es besser verstehen müssen. Aber klug oder nicht klug – was ich zu sagen habe, das sage ich: die junge Methodistin bei Poysers hat gestern abend auf der Gemeindewiese gepredigt und gebetet, so gewiß wie ich hier vor Ew. Ehrwürden stehe.«

»Auf der Gemeindewiese gepredigt!« erwiderte der Pastor, sichtlich überrascht, aber ohne jede Aufregung. »Wie? das blasse hübsche Mädchen, welches ich bei Poysers gesehen habe? Daß sie eine Methodistin oder Quäkerin oder so etwas ist, sah ich wohl an ihrer Kleidung, aber daß sie auch predigte, wußte ich nicht.«

»Es ist aber so gewiß wahr wie was!« erwiderte Meister Rann und machte eine Pause, die für drei Ausrufungszeichen gelten konnte; »sie predigte gestern abend auf der Gemeindewiese und hat Schmieds Lieschen so ins Gewissen geredet, daß sie seitdem in einer Ohnmacht liegt.«

»Nun, Schmieds Lieschen sieht so gesund aus, die wird sich schon wieder erholen. Fiel sonst noch wer in Ohnmacht?«

»Das kann ich grade nicht sagen. Aber kein Mensch kann wissen, wie das noch kommt, wenn wir jede Woche so 'ne Predigt haben wie gestern; es wird nicht auszuhalten sein im Dorfe. Denn diese Methodisten reden ja den Leuten ein, wenn man einen Krug Bier extra tränke und sich's 'n bißchen gut sein ließe, dann führe man so sicher zur Hölle, wie zweimal zwei vier ist. Nun bin ich doch kein Zechbruder oder 'n Trinker – das kann mir keiner nachsagen – aber Ostern oder zur Weihnachtszeit habe ich gern 'n Quart extra, und das ist wohl natürlich, wenn wir das Rundsingen thun und man's umsonst haben kann; und wenn ich die Zinsen einsammle, und auch sonst trinke ich wohl ab und zu mein Glas Bier, rauche meine Pfeife dazu, und verplaudre die Zeit gemütlich bei Casson in der Wirtsstube; und ich bin doch in der wahren Kirche aufgewachsen, Gott sei Dank, und habe Küsterdienste gethan diese zweiunddreißig Jahre her, und muß wohl wissen, was Kirche und Religion ist.«

»Nun, was ratet Ihr, Josua? Was müßte nach Eurer Meinung geschehen?«

»Ja, Ew. Ehrwürden! daß wir gegen die junge Frauensperson etwas vornehmen, dafür bin ich grade nicht. Wenn sie nur das Predigen lassen wollte, so wär' sie ganz gut, und ich höre auch, daß sie bald wieder von hier fortgeht in ihre Heimat. Sie ist Poysers leibliche Nichte, und ich möchte nichts sagen was den Leuten auf dem Pachthof gegen ihre Ehre ginge, denn seitdem ich Schuhmachermeister bin, habe ich da jedem das Maß zu den Schuhen genommen, klein und groß. Aber da ist der Willem Maskery, Herr Pastor; das ist der aufrührerischste von der ganzen Sorte, und es ist mir ganz so, daß er das Mädchen gestern abend zum Predigen aufgehetzt hat, und gewiß bringt er uns auch noch anderes Predigervolk von Treddleston her, wenn man ihn nicht etwas unterduckt, und gut wäre es, meine ich, wenn man ihn wissen ließe, daß er für die Kirche und die Pfarre keine Arbeit mehr bekäme und daß er nicht mehr zur Miete bleiben könnte in dem Hause und Hofe, die unserm Gutsherrn gehören.«

»Schön, aber Ihr sagt doch selbst, Josua, so viel Ihr wüßtet, habe bisher noch niemand auf der Gemeindewiese gepredigt, und warum glaubt Ihr denn jetzt, daß es in Zukunft wieder geschieht? Die Methodisten predigen gewöhnlich nicht in so kleinen Dörfern wie Hayslope, wo die paar Bauern des Abends viel zu müde sind, um sie anzuhören; ebensogut könnten sie auf den Hügeln predigen, wo kein Mensch wohnt. Und Willem Maskery kann doch selbst keine Predigt halten, so viel ich weiß.«

»Nein, Herr Pastor; der hat nicht die Gabe, die Worte an einander zu reihen ohne ins Buch zu sehen; er würde so fest stecken bleiben, wie eine Kuh in nassem Lehm. Aber sonst ist seine Zunge lose genug; er spricht schlecht von seinen Nachbarn und hat von mir gesagt, ich wär' 'n blinder Pharisäer. Ein schöner Mißbrauch von Gottes Wort, solche Beinamen für Leute auszusuchen, die älter und würdiger sind als er selbst! Und was noch schlimmer ist, er hat sogar von Ew. Ehrwürden sehr unziemlich gesprochen, und ich könnte Ihnen Leute stellen, die es beschwören wollen, daß er Sie einen »stummen Hund« und einen »schlechten Hirten« genannt hat. Sie entschuldigen wohl, daß ich Ihnen so was wieder sage.«

»Sagt's lieber nicht wieder, Josua, das ist besser. Böse Nachrede laßt lieber sterben. Der Wilhelm Maskery ist doch im Grunde kein schlechter Mensch. In früherer Zeit war er ein wüster, versoffener Nichtsnutz, wie man mir sagt, der seine Arbeit vernachlässigte und seine Frau prügelte; aber jetzt ist er fleißig und ordentlich, und er und seine Frau scheinen gut mit einander auszukommen. Könnt Ihr mir einen Beweis bringen, daß er sich in Dinge mischt, die ihn nichts angehen, und bei seinen Nachbarn Unfrieden stiftet, so würde ich es für meine Pflicht als Geistlicher und als obrigkeitliche Person halten, dagegen einzuschreiten. Aber es paßte sich schlecht für so verständige Leute wie Ihr und ich, viel Aufhebens von solchen Kleinigkeiten zu machen, als sähen wir die Kirche in Gefahr, weil Wilhelm Maskery seine Zunge nicht im Zaume hält oder weil ein junges Mädchen einer Handvoll Leuten auf der Gemeindewiese ins Gewissen redet. Leben und leben lassen, Josua – das gilt in der Religion so gut wie in andern Dingen. Fahrt Ihr nur fort, als Küster und Totengräber Eure Pflicht zu thun, so gut wie Ihr sie immer gethan habt, und macht solche vortreffliche dicke Stiefel für Eure Nachbarn, dann wird's in Hayslope wohl nicht so schlimm werden, darauf verlaßt Euch.«

»Ew. Ehrwürden sind sehr freundlich, und ich fühle auch wohl, da Sie nicht in unserm Dorfe wohnen, so liegt mir um so mehr auf den Schultern.«

»Gewiß, gewiß! und seht Euch ja vor, Josua, daß Ihr die Kirche in den Augen der Leute nicht herabsetzt, indem Ihr aus einer Kleinigkeit viel macht. Ich verlasse mich nun auf Eure gute Einsicht, daß Ihr durchaus keine Notiz nehmt von dem, was Wilhelm Maskery über Euch und mich sagen mag. Ihr und Eure Nachbarn könnt nach wie vor vernünftig Euer Glas Bier trinken, wenn die Arbeit des Tages vorbei ist, darin ist nichts Unrechtes, und wenn Wilhelm Maskery das nicht mitthun will, sondern lieber in die Betstunde nach Treddleston geht – nun gut, das geht Euch nichts an, wenn er nur Euch thun läßt, was Ihr wollt. Und wenn einer oder der andere über uns herzieht, darum müssen wir uns nicht kümmern, so wenig wie der alte Kirchturm um das Gekrächz der Raben. Wilhelm Maskery kommt jeden Sonntag Nachmittag in die Kirche und thut am Werktag fleißig seine Stellmacherarbeit, und so lange er das thut, müssen wir ihn in Ruhe lassen.«

»Ja aber, Herr Pastor, in der Kirche sitzt er immer und schüttelt mit dem Kopfe, und bei unserm Singen sieht er immer so mürrisch und spöttisch drein, daß ich ihm gerne übers Maul führe – Gott verzeih mir und Madame Irwine auch und Sie, Herr Pastor, auch, daß ich mich in Ihrer Gegenwart so ausdrücke. Und er hat auch gesagt, unser Weihnachtssingen wäre nicht besser, als wenn Dornen unter einem Topfe knisterten«

»Nun, er hat wohl ein schlechtes Ohr für Musik, Josua; wenn Leute ein Brett vorm Kopfe haben, dann wißt Ihr ja, ist nichts mit ihnen zu machen. Auch werden die andern Leute in Hayslope wohl nichts auf seine Meinung geben, so lange Ihr den Gesang so gut leitet wie bisher.«

»Ja freilich, Herr, aber das Herz dreht sich einem im Leibe um, wenn mit der heiligen Schrift so'n Mißbrauch getrieben wird. Ich weiß so gut, was in der Bibel steht, wie er, und die Psalmen könnte ich im Schlafe hersagen ganz durch, wenn man mich in den Arm kniffe, aber mein eigenes Geschwätz da hinein zu mengen, das fände ich doch sehr unpassend. Das wäre grade, als wenn ich den Abendmahlskelch mit nach Hause nähme und beim Essen daraus tränke.«

»Sehr verständig bemerkt, Josua, aber wie ich schon vorhin sagte« –

Hier ließen sich Fußtritte und das Geklirr von Sporen auf dem steinernen Pflaster des Flurs vernehmen, und eine hellklingende Stimme rief an der Stubenthür:

»Frau Pate, ich bin's! Arthur! Darf ich hineinkommen?«

»Herein, geschwind herein!« antwortete Madame Irwine in dem tiefen halb männlichen Tone, der kräftigen alten Damen eigen ist, und herein trat ein junger Herr in einem Reitrock, der seinen rechten Arm in einer Binde trug, und nun ging's an jenes lustige Durcheinander von lachenden Ausrufen und freundlichen Begrüßungen und »wie geht's? wie geht's?« und von munterm Gebell und Schweifwedeln seitens der vierfüßigen Hausgenossen, welches alles beweist, daß der Besucher mit dem Wirt auf dem besten Fuße steht. Der junge Herr war Arthur Donnithorne, in Hayslope unter den verschiedenen Namen »der junge Herr«, »der Erbe« und »der Kaptän« bekannt. Er war nur Kapitän in der Grafschaftsmiliz, aber für die Bauern in Hayslope und der ganzen Umgegend war er in viel höherem Sinne Kapitän, als alle die jungen Herren von demselben Rang in der Armee; in ihren Augen überstrahlte er sie alle wie der Jupiter die Milchstraße. Wollt ihr etwas genauer wissen, wie er aussah, so nehmt das Bild von irgend einem jungen Engländer, den ihr auf dieser oder jener Seite des Kanals getroffen habt – mit rotbraunem Backenbart, bräunlichem Haar, klarer Gesichtsfarbe, rein gewaschen, wohl erzogen, mit zarten weißen Händen, aber doch danach aussehend, als könnte er die Arme gut gebrauchen und beim Boxen seinen Mann stehen; und was die Kleinigkeiten des Kostüms angeht, so bin ich nicht Schneider genug, um mit der gestreiften Weste, dem langschoßigen Rock und den niedrigen Stulpenstiefeln aufzuwarten. Der Kapitän nahm einen Stuhl und sagte: »Aber ich sehe zu meinem Bedauern, ich habe Josua unterbrochen; er hat noch was zu sagen.«

»Wenn Ew. Ehren gnädigst erlauben wollen,« erwiderte Josua mit tiefer Verbeugung, »ich habe Sr. Ehrwürden noch etwas mitzuteilen, das mir vorher ganz aus dem Sinn gekommen war.«

»Nur schnell heraus damit, Josua,« sagte der Pastor.

»Vielleicht, Herr Pastor, haben Sie noch nicht gehört, daß Matthis Bede tot ist; er ist diesen Morgen ertrunken oder vielmehr letzte Nacht, im Weidenbach, an der Brücke grade vor seinem Hause.«

»O, o,« riefen beide Herren zugleich ans, und zeigten großes Interesse an der Nachricht.

»Und Seth Bede war diesen Morgen bei mir und bat mich, ich mochte Ew. Ehrwürden doch sagen, und sein Bruder Adam ließe Sie noch ganz besonders darum bitten, daß sie das Grab für ihren Vater bei dem Weißdorn graben dürften, weil ihre Mutter davon geträumt hat und es durchaus so zu haben wünscht; sie wären selbst zu Ihnen gekommen, aber sie haben so viel zu thun mit der Totenschau und dergleichen, und ihre Mutter ist so angegriffen und kann sich wegen des Begräbnisses gar nicht beruhigen. Und wenn Ew. Ehrwürden es so für gut finden und die Erlaubnis geben wollen, dann will ich es den Leuten, so wie ich nach Haus komme, durch meinen Jungen sagen lassen, und das ist der Grund, warum ich mir die Freiheit genommen habe, jetzt vor Sr. Ehren dem Herrn Kaptän davon zu sprechen.«

»Gewiß, Josua, gewiß; sie mögen den Platz nur nehmen. Wenn ich ausreite, will ich selbst bei Adam vorsprechen. Aber schickt doch Euren Jungen nur hin und laßt es ihnen sagen, falls ich eine Abhaltung bekommen sollte. Und nun guten Morgen, Josua, geht in die Küche und laßt Euch ein Glas Bier geben.«

»Der arme alte Matthis,« sagte Irwine, als Josua hinaus war; »ich fürchte sehr, er ist nicht bloß im Wasser ertrunken; der Branntwein hat dabei geholfen. Wäre Freund Adam die Last auf weniger traurige Weise abgenommen, so hätte ich mich gefreut; der brave Mensch hat seinen Vater die letzten fünf oder sechs Jahre vom Elend gerettet.«

»Es ist ein wahrer Prachtkerl, dieser Adam,« fiel der Kapitän ein. »Als ich noch ein kleiner Junge war und Adam schon ein strammer fünfzehnjähriger Bursch, bei dem ich das Zimmern lernte, da dachte ich mir immer, wäre ich ein reicher Sultan, dann sollte er mein Großvezir sein. Und ich glaube, er trüge die Beförderung so gut wie der weiseste arme Mann in Tausend und eine Nacht. Wenn ich je in meinem Leben zu Grundbesitz komme und nicht mehr wie jetzt ein armer Teufel bin mit 'n bißchen Taschengeld, dann soll Adam meine rechte Hand sein, er soll mir die Forsten verwalten; davon scheint er mir mehr zu verstehen als alle, die mir sonst vorgekommen sind, und ich bin sicher, er würde noch mal so viel Geld herausschlagen als mein Großvater mit dem elenden alten Satchell, der von der Forstwirtschaft grade so viel versteht wie ein alter Karpfen. Ich habe ein paar Mal mit Großvater darüber gesprochen, aber er hat – weiß Gott warum – eine Abneigung gegen Adam, und ich habe ja noch nichts zu sagen. Aber wie steht's, Ihro Hochwürden? Haben Sie Lust, mit mir auszureiten? Es ist jetzt wunderschön draußen. Wenn's Ihnen recht ist, reiten wir zusammen hinüber; aber ich muß unterwegs auf dem Pachthof vorsprechen, um nach den jungen Hunden zu sehen, die ich bei Poyser in der Kost habe.«

»Aber erst mußt du zum Frühstück hier bleiben, Arthur!« sagte Madame Irwine. »Es ist beinahe zwei Uhr; der Diener muß es gleich hereinbringen.«

»Ich habe auch was auf dem Pachthofe zu thun,« bemerkte der Pastor; »ich muß mir die kleine Methodistin ansehen, die da wohnt; Josua sagte mir eben, sie habe auf der Gemeindewiese gepredigt.«

»O wahrhaftig?!« sagte der Kapitän lachend; »die sieht ja so still aus, wie eine Maus. Sie hat übrigens ganz was Apartes. Das erste Mal als ich sie sah, kam ich ordentlich in Verlegenheit: sie saß vor dem Hause in der Sonne, über ihr Nähzeug gebückt, da ritt ich heran und rief, ohne zu bemerken, daß sie eine Fremde sei: »Ist Martin Poyser zu Haus?« und wahrhaftig, als sie aufstand und mich ansah und kurz antwortete: »er ist drinnen, glaub' ich, ich will gehen und ihn holen,« da fühlte ich mich ganz beschämt, gestehe ich, daß ich sie so kurzweg behandelt hatte. Sie sah aus wie eine heilige Katharina als Quäkerin; sie hat eine Art Gesicht, wie man's nur selten bei unsern gemeinen Leuten findet.«

»Ich hätte große Lust, das Mädchen mal zu sehen, Dauphin!« bemerkte Madame Irwine; »laß sie doch unter irgend einem Vorwande herkommen.«

»Ich weiß nicht, Mutter, ob sich das machen läßt; es ginge für mich nicht gut an, methodistische Reiseprediger zu patronisieren, selbst wenn sie geneigen sollte, sich von einem schlechten Hirten, wie Wilhelm Maskery mich nennt, patronisieren zu lassen. Sie hätten ein bißchen früher kommen sollen, Arthur, um Josuas Anklage gegen seinen Nachbar Maskery zu hören. Der alte Junge hätte mich gern dahin gebracht, daß ich den Stellmacher exkommunizierte und dem Arm der bürgerlichen Gerechtigkeit überlieferte, Ihrem Großvater nämlich, Arthur, der ihn dann von Haus und Hof jagte. Wirklich, wenn ich mich darein mischen wollte, so könnte ich eine so hübsche Geschichte von Haß und Verfolgung in Scene setzen, wie sie die Methodisten für die nächste Nummer ihrer Wochenschrift nur verlangen könnten. Den Schmied und ein halbes Dutzend andrer Dickköpfe zu überreden, sie würden ein gutes Werk für die Kirche thun, wenn sie Wilhelm Maskery mit Stricken und Gabeln aus dem Dorfe jagten, das sollte mir nicht schwer werden, und wenn ich ihnen dann noch ein kleines Goldstück gäbe, um sich nach ihrer Anstrengung tapfer zu betrinken, so wäre das die rechte Höhe für eine so hübsche Posse, wie sie je einer meiner geistlichen Brüder in den letzten dreißig Jahren aufgeführt hat.«

»Aber unverschämt bleibt's doch von dem Manne, dich einen schlechten Hirten und stummen Hund zu nennen,« sagte Madame Irwine; »ich würde ihn in deiner Stelle etwas auf die Finger klopfen; du nimmst es etwas zu leicht, Dauphin.«

»Nun, Mutter, du glaubst doch nicht, daß es meine Würde besonders wahren hieße, wenn ich mich gegen Wilhelm Maskerys Schmähungen verteidigen wollte? Und überdies, ich weiß nicht einmal, ob es Schmähungen sind. Ich bin wirklich etwas lässig geworden und hänge schrecklich schwer im Sattel, ganz zu geschweigen, daß ich immer mehr Geld verbaue, als ich übrig habe, und dann über jeden lahmen Bettler wild werde, der mich um einen Groschen bittet. Diese armen abgemagerten Kesselflicker, welche die Menschheit verjüngen zu können meinen, wenn sie des Morgens vor der Arbeit noch eine Predigt halten, haben ganz recht, wenn sie nicht viel von mir halten. Aber da ist unser Frühstück; setzen wir uns. Kommt meine Schwester Käthchen zum Frühstück herunter?« »Fräulein Katharina will sich ihr Frühstück durch das Mädchen hinaufbringen lassen,« antwortete der Bediente; »sie kann Fräulein Anna nicht allein lassen.«

»Dann lassen Sie ihr sagen, ich käme gleich zu ihr. – Sie können Ihren rechten Arm jetzt wieder gut gebrauchen,« fuhr Pastor Irwine fort, da er sah, daß der Kapitän seinen Arm aus der Binde genommen hatte.

»O ja, ziemlich gut, aber der Arzt besteht darauf, daß ich ihn noch eine Zeit lang in der Binde trage. Doch hoffe ich, zu Anfang August zum Regiment gehen zu können. Es ist eine verzweifelt langweilige Geschichte, im Sommer hier auf dem Gute stecken zu müssen, wo es gar nichts zu jagen giebt. Indes am dreißigsten Juli wollen wir schon Lärm machen. Einmal in seinem Leben hat mir mein Großvater Carte blanche gegeben, und ich versichere Sie, die Festlichkeit soll des Anlasses würdig sein. Die Welt wird den großen Tag meiner Mündigkeit nicht zweimal erleben. Und ich habe vor, Frau Patin, Ihnen einen hohen Thron errichten zu lassen, oder vielmehr zwei, einen draußen auf dem Rasen und einen im Tanzsaal; da können Sie denn sitzen und auf uns herabsehen wie eine Göttin des Olymps.«

»Und ich will mein bestes Brokatkleid hervorholen, welches ich vor zwanzig Jahren auf deiner Taufe getragen habe,« antwortete Madame Irwine. »Ach, ich glaube, ich sehe noch deine arme Mutter in ihrem weißen Kleide herumgehen; an jenem Tage sah es mir beinahe wie ein Leichentuch aus, und drei Monate später war es auch ihr Leichentuch, und deine kleine Mütze und das Taufkleid wurden auch mit ihr begraben. Ihr ganzes Herz hing daran. Du kannst Gott danken, Arthur, daß du auf deine Mutter und ihre Familie artest! Wärst du ein schwächliches, schmächtiges, welkes Kind gewesen, ich hätte nie bei dir Gevatter gestanden; ich wäre überzeugt gewesen, du würdest ein Donnithorne; aber du warst solch ein kräftiger, stämmiger, lautschreiender Schelm, daß ich gleich sah, du seiest jeder Zoll ein Tradgett.«

»Aber, da wärst du leicht ein bißchen voreilig gewesen, Mutter,« sagte der Pastor lächelnd; »erinnerst du dich nicht, wie es das letzte Mal mit Juno ihren Jungen war? Eins davon war das wahre Ebenbild seiner Mutter, und doch hatte es zwei oder drei Fehler vom Vater. Natur ist gescheit genug, selbst dich zu täuschen, Mutter.«

»Unsinn, Kind! Die Natur macht nie ein Wiesel in Gestalt eines Bullenbeißers. Du wirst mich nie überzeugen, daß ich die Menschen nicht gleich nach ihrem Äußern taxieren kann. Wenn ich eines Menschen Äußeres nicht leiden kann, dann werde ich ihn selbst auch niemals leiden können, davon sei überzeugt. Ich mag so wenig mit Leuten zu thun haben, die häßlich und unangenehm aussehen, wie ich von Speisen esse, die schlecht aussehen. Wenn sie mich beim ersten Anblicke anwidern, dann laß ich sie ganz wegnehmen. Ein häßliches Schweins- oder Fischauge macht mir ganz übel; es ist wie ein schlechter Geruch.«

»Da wir gerade von Augen sprechen,« bemerkte der Kapitän, – »mir fällt ein, ich habe ein Buch zu Haus, das ich Ihnen mitbringen wollte, Frau Pate. Ich bekam es neulich in einem Paket von London. Ich weiß ja, Sie lieben seltsame Zaubergeschichten. Es sind Gedichte, »lyrische Balladen;« die meisten scheinen mir reines Gewäsch; aber das erste Gedicht ist ganz was besonders, es ist überschrieben: »Der alte Matrose«. Ich kann eigentlich aus der Geschichte selbst nicht recht klug werden, aber sie ist ganz wundersam und ergreifend. Ich will es Ihnen herüberschicken, und noch ein Paar andere Bücher dabei, die Sie sich vielleicht ansehen, Irwine – Flugschriften über Antinomianismus und Evangelismus und so was daher. Was der Buchhändler sich nur dabei denkt, mir so was zuzuschicken! Ich habe ihm geschrieben, er soll mir von jetzt an nichts mehr schicken über etwas auf ismus.«

»Nun, ich liebe diese »ismus« auch nicht sehr, aber ich will mir die Bücher doch ansehen. Man erfährt doch, was in der Welt vorgeht. Jetzt habe ich noch etwas zu besorgen,« fuhr der Pastor fort, indem er aufstand, »und dann bin ich bereit, Sie zu begleiten.«

Das Etwas, welches Irwine zu besorgen hatte, führte ihn die alte steinerne Treppe hinauf. Vor einer Thür stand er still, und klopfte leise. Eine weibliche Stimme hieß ihn hereinkommen, und er trat in ein durch dichte Vorhänge so dunkel gemachtes Zimmer, daß Fräulein Käthchen, die magere Dame in mittleren Jahren, welche neben dem Bett stand, höchstens Licht genug hatte für das Strickzeug, welches neben ihr auf einem kleinen Tische lag. In dem Augenblick freilich hatte sie kaum Licht nötig; sie netzte das kranke Haupt, welches vor ihr auf dem Kissen lag, mit frischem Essig. Die arme Leidende hatte ein kleines, schmales Gesicht; einst vielleicht hübsch gewesen, aber jetzt war es matt und abgezehrt. Käthchen kam ihrem Bruder entgegen und flüsterte ihm zu: »sprich nicht mit ihr, sie kann heute kein Sprechen vertragen.« Annas Augen waren geschlossen, ihre Stirn vor Schmerz zusammengezogen. Der Pastor trat an das Bett, nahm eine von den zarten Händen und küßte sie; ein leiser Druck der kleinen Finger belohnte ihn reichlich für seinen Besuch. Er verweilte noch einen Augenblick, sah sie an und verließ dann das Zimmer mit leisen, leisen Schritten – er hatte die Stiefel ausgezogen und war in Pantoffeln hinaufgekommen.

Und doch wußten alle Leute von Familie viele Meilen um Broxton und erklärten es laut, Pastor Irwines Schwestern seien so dumm und uninteressant, und recht schade sei es, daß die schöne kluge Madame Irwine so ganz gewöhnliche Töchter habe. Die prächtige alte Dame selbst verdiente wohl, daß man ihretwegen halbe Tagereisen weit fuhr; ihre Schönheit, ihre immer noch bedeutende geistige Befähigung und ihre etwas altmodische Würde paßten zur Abwechslung vollkommen ins Gespräch, neben dem Befinden des Königs, den reizenden neuen Mustern in baumwollenen Stoffen, den letzten Neuigkeiten aus Ägypten, und Lord Soundso's Ehescheidungsprozeß, von welchem Lady Soundso fast den Tod hatte. Aber von den Fräulein Töchtern sprach nie jemand. Nur freilich die armen Leute im Dorfe, welche ihre Hausmittel außerordentlich verehrten und sie immer mit dem allgemeinen Ausdrucke »die Herrschaften« bezeichneten. Fragte man den alten Hiob Dummilow, wer ihm die Flanelljacke geschenkt habe, so bekam man zur Antwort: »die Herrschaften, im vorigen Winter,« und die Witwe Steene wußte viel zu sagen von der Güte der Pillen, die ihr die Herrschaften gegen den Husten gegeben hätten. Für die vornehme Welt indes, wie schon angedeutet, waren die Fräulein Irwines ganz entbehrliche Wesen, unkünstlerische Figuren auf dem Bilde des Lebens, ohne alle Wirkung. Zwar Anna hätte wohl einiges romantische Interesse erregen können, wenn ihr stetes Kopfleiden sich auf eine unglückliche Liebe hätte zurückführen lassen, aber es gab von ihr keine solche Geschichte, weder eine wahre noch eine erfundene, und der allgemeine Eindruck stimmte ganz mit der wirklichen Thatsache überein, daß beide Schwestern alte Jungfern waren aus dem sehr prosaischen Grunde, weil ihnen nie ein annehmbarer Antrag gemacht worden war.

Indes, um einen paradoxen Satz aufzustellen, die Existenz unbedeutender Leute hat doch in der Welt sehr bedeutende Folgen. Es läßt sich nachweisen, daß sie auf den Preis des Brotes und die Höhe des Arbeitslohnes einwirkt, daß sie bei selbstsüchtigen Seelen manche böse Launen, und bei gefühlvollen manche heroischen Thaten veranlaßt, und noch in mancher andern Weise in der Tragödie des Lebens eine ziemliche Rolle spielt. Wenn der schöne, vornehm geborene Pastor, der ehrwürdige Adolph Irwine, nicht diese beiden alten Jungfern zu Schwestern gehabt hätte, sein Los hätte sich ganz anders gestaltet: er hätte sehr wahrscheinlich in jungen Tagen ein hübsches Weib genommen und würde jetzt, wo sein Haar unter dem Puder grau wurde, große Söhne und blühende Töchter haben, – kurz alles das, worin Menschen für die ganze Mühe und Arbeit ihres Lebens reichen Ersatz sehen. Wie die Dinge aber wirklich standen, sah er bei seinen paar hundert Pfund jährlichen Einkommens keine Möglichkeit, die vornehme Dame, seine Mutter, und seine kränkliche Schwester und noch die andere Schwester, die gewöhnlich keine weitere Bezeichnung hatte, standesgemäß zu unterhalten und dabei noch zugleich für eine eigene Familie zu sorgen. Und so war er denn im Alter von achtundvierzig Jahren immer noch Junggeselle, ohne sich aus dieser Entsagung ein Verdienst zu machen; vielmehr pflegte er, wenn einer darauf anspielte, lachend zu antworten, er lasse sich dafür in vielen andern Stücken gehen, die ihm eine Frau nie erlaubt haben würde. Und vielleicht war er der einzige in der ganzen Welt, der seine Schwestern nicht für uninteressant und entbehrlich hielt; denn er gehörte zu den großherzigen, sanften Naturen, die nichts von kleinlicher Mißgunst wissen; genußsüchtig, wenn man will, ohne Begeisterung, ohne brennendes Pflichtgefühl, und doch, wie wir wissen, von einer so zarten sittlichen Empfindung, daß er eine nie ermüdende Zärtlichkeit für stille und einförmige Leiden hegte. Diese seine großherzige Milde ließ ihn auch die Härte seiner Mutter gegen ihre Töchter übersehen, die durch den Gegensatz mit ihrer fast übertriebenen Zärtlichkeit für ihn selbst noch auffallender wurde: er hielt es nicht für Tugend, über unheilbare Fehler zu zürnen.

Welch ein Unterschied zwischen dem Eindruck, den ein Mann auf uns macht, wenn wir im vertraulichen Gespräch mit ihm umherschlendern oder ihn in seiner Häuslichkeit sehen, und der Figur, die er spielt, wenn man ihn von einem erhabenen historischen Gesichtspunkte auffaßt oder auch nur mit den Augen eines Kritikers ansieht, der in ihm mehr die Verkörperung eines Systems oder einer Ansicht sieht, als einen Menschen. Herr Roe z.B., der Reiseprediger in Treddleston, hatte unsern Pastor Irwine in einer allgemeinen Schilderung der hochkirchlichen Geistlichkeit des Bezirks eingeschlossen, wonach sie alle den Lüsten des Fleisches ergeben und hochmütig waren, auf die Jagd gingen, ihre Häuser prächtig schmückten, nur fragten, was werden wir essen, was werden wir trinken und womit werden wir uns kleiden, lässig waren, das Brot des Lebens ihren Gemeinden auszuteilen, im besten Falle eine schale, geistlose Moral predigten und mit den Seelen der Leute Schacher trieben, indem sie für die Besorgung ihrer geistlichen Geschäfte in Kirchspielen Geld nähmen, wo sie ihre Pfarrkinder höchstens einmal im Jahre eben zu Gesicht bekämen. Auch wer Kirchengeschichte schreibt, findet in den parlamentarischen Berichten jener Zeit von ehrenwerten Volksvertretern, die sehr für die Hochkirche eifern und ganz frei sind von jeder Sympathie für das »Geschwätz der Methodisten,« Schilderungen über den Zustand der Geistlichkeit, die kaum weniger trübe klingen als die des Herrn Roe. Und ich selbst kann unmöglich behaupten, Pastor Irwine habe in jene allgemeine Darstellung ganz und gar nicht hineingehört. Er hatte wirklich keine sehr hohen Ziele, keinen theologischen Enthusiasmus; wenn man mich scharf ins Verhör nähme, so würde ich gestehen müssen, daß er über die Seelen seiner Pfarrkinder nicht ernstlich in Angst war und es für eine reine Zeitverschwendung gehalten hätte, mit dem alten Vater Taft oder selbst mit dem Schmied erbauliche und dogmatische Gespräche zu führen. Wäre es seine Art gewesen zu theoretisieren, so hätte er sich vielleicht so ausgedrückt: »die einzige gesunde Form, welche die Religion in solchen Gemütern annehmen könne, sei die gewisser dunkler aber starker Empfindungen, die sich reinigend und verklärend über ihre häuslichen und nachbarlichen Pflichten ergössen.« Er hielt die Gewohnheit des Taufens für wichtiger als die Lehre von der Taufe, und nach seiner Ansicht hing der religiöse Gewinn, den der Bauer aus der Kirche heimbringe, wo seine Vorfahren angebetet haben, und von dem geweihten Fleckchen Erde, wo sie begraben liegen, außerordentlich wenig ab von einem klaren Verständnis der Liturgie oder der Predigt. Es ist unzweifelhaft: unser Rektor war nicht, was man heutzutage einen Mann von rechtem Geiste nennt; er trieb lieber Kirchengeschichte als Dogmatik und hatte viel mehr Verständnis für den Charakter der Leute als Interesse für ihre Ansichten; er war weder arbeitsam noch vor den Augen der Leute aufopfernd noch sehr freigebig mit Almosen, und seine Theologie, wie wir sehen, war eine laxe. Sein geistiger Geschmack war ziemlich heidnisch und fand in einem Citat aus Sophokles oder Theokrit eine Leckerei, wie in keinem Spruch aus Jesaias oder Amos. Aber wer einen jungen Hund mit rohem Fleisch füttert, darf sich der wundern, wenn das Tier in späteren Jahren eine feine Zunge hat für ungebratene Schnepfen? Und Irwines Erinnerungen an den Enthusiasmus und Ehrgeiz seiner Jugend waren alle verknüpft mit einer Poesie und Philosophie, die mit der Bibel nichts zu thun hat.

Andrerseits muß ich anführen – denn ich bin ein liebevoller Anwalt für das Andenken des Rektors –, daß er nicht rachsüchtig war (und es hat Philanthropen gegeben, die es waren), daß er nicht unduldsam war (und es geht das Gerücht, gewisse eifrige Theologen seien von dem Fehler nicht ganz frei gewesen), daß er zwar es abgelehnt haben würde, sich für eine öffentliche Sache verbrennen zu lassen, und weit entfernt war, alle seine Habe den Armen zu geben, daß er dafür aber jene barmherzige Liebe hatte, die bisweilen bei sehr strahlender Tugend fehlt, – er war nachsichtig gegen anderer Fehler und sagte nicht gern Übles nach. Er gehörte zu denen – und sie sind nicht häufig – die wir von ihrer besten Seite erst dann kennen lernen, wenn wir sie vom Markt, von der Rednerbühne und der Kanzel in ihr eignes Haus begleiten, wenn wir da hören, mit welcher Stimme sie zu Jung und Alt an ihrem Herde sprechen, und Zeugen sind ihrer umsichtigen Sorgfalt für die täglichen Bedürfnisse ihrer täglichen Genossen, welche all diese Güte als etwas natürliches und selbstverständliches hinnehmen und an Lobreden nicht denken.

Solche Männer haben glücklicherweise in Zeiten gelebt, wo große Mißbräuche wucherten, und sind bisweilen sogar die leibhaftigen Repräsentanten dieser Mißbräuche gewesen. Das ist ein Gedanke, der uns bei der entgegengesetzten Thatsache trösten mag, – daß es nämlich bisweilen besser ist, großen Reformern öffentlicher Mißbräuche nicht über die Schwelle ihres Hauses zu folgen.

Was ihr aber auch jetzt vom Pastor Irwine halten mögt, – wenn ihr ihn an jenem Sommernachmittag auf seinem grauen Hengste, von seinen Hunden begleitet, hättet reiten sehen, stattlich, männlich, aufrecht, ein gutmütiges Lächeln auf den seinen Lippen, mit seinem eleganten jungen Freunde plaudernd, ihr hättet sicher gefühlt, so schlecht er auch zu einer »gesunden« Ansicht vom geistlichen Berufe stimmen möge, stimme er doch ganz vorzüglich zu der friedlichen Landschaft um ihn her.

In hellem Sonnenschein, den ab und zu die Schatten mächtigen Gewölkes unterbrechen, reiten sie den Hügel hinan, wo die hohen Giebel und Ulmen der Pastorei über die kleine weiß angestrichene Kirche emporragen. Bald werden sie in dem Kirchspiel Hayslope sein; der graue Kirchturm und die Bauerhäuser liegen links vor ihnen, und weiter hinaus rechts können sie eben die Schornsteine des Pachthofes sehen.