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Adam Bede.  George Eliot
Abschnitt 31. In Hettys Schlafkammer
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Es war nicht mehr hell genug, um ohne Licht zu Bett zu gehen, selbst nicht, wo es so früh geschah wie bei Frau Poyser, und als Hetty, bald nachdem Adam fort war, endlich zu Bett ging, nahm sie ein Licht mit und riegelte die Thür hinter sich zu.

»Nun wollte sie den Brief lesen. Der Inhalt mußte tröstlich sein, war gewiß tröstlich. Wie konnte Adam die Wahrheit wissen?!

Sie setzte das Licht hin und nahm den Brief zur Hand. Er hatte einen feinen Rosenduft, bei dem es ihr war als stände Arthur dicht neben ihr. Sie führte ihn an die Lippen und für wenige Augenblicke riß ein Strom von Erinnerungen jede Befürchtung hinweg. Aber ihr Herz fing an seltsam zu zittern und die Hand bebte ihr, als sie das Siegel brach. Sie las langsam; es wurde ihr nicht leicht eine vornehme Handschrift zu lesen, obwohl Arthur sich alle Mühe gegeben hatte, deutlich zu schreiben.

»Teuerste Hetty!

Als ich dir sagte, ich liebte dich, da sagte ich die Wahrheit, und nie werde ich unsere Liebe vergessen. Mein Lebenlang werde ich dir immer ein treuer Freund sein. Das hoffe ich dir in mancherlei Art beweisen zu können. Wenn ich in diesem Briefe etwas sage, was dich schmerzt, glaube nicht, daß es aus Mangel an Liebe und Zärtlichkeit geschieht, denn alles könnte ich für dich thun, wenn ich wüßte, daß es wirklich zu deinem Besten wäre. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß meine kleine Hetty Thränen vergießt und ich nicht bei ihr bin, sie wegzuküssen. Und wollte ich nur meiner eigenen Neigung folgen, so wäre ich in diesem Augenblicke bei ihr statt an sie zu schreiben. Es wird mir recht schwer, von ihr zu scheiden, noch schwerer, etwas zu schreiben, was unfreundlich scheinen kann und doch aus der wahrsten Freundlichkeit kommt.

»Liebe, liebe Hetty, so süß mir unsere Liebe gewesen ist, so süß es für mich sein würde, dich immer zu lieben, so fühle ich doch, es wäre für uns beide besser gewesen, wenn wir dies Glück nie gekannt hätten, und ich erkenne es für meine Pflicht, dich zu bitten, hinfort mich so wenig zu lieben und an mich zu denken wie du kannst. Alle Schuld trifft mich allein; obgleich ich der Sehnsucht bei dir zu sein nicht zu widerstehen vermochte, so habe ich doch dabei immer gefühlt, deine Neigung zu mir könne dir Gram verursachen. Ich hätte mich von meinen Gefühlen nicht fortreißen lassen müssen, und ich hätte es auch nicht gethan, wenn ich ein besserer Mensch wäre als ich bin, aber da sich das Vergangene nicht ändern läßt, so bin ich wenigstens verpflichtet, dich vor jedem Übel zu bewahren, das zu verhindern in meiner Macht steht. Und da fühle ich denn, daß es ein großes Übel für dich sein würde, wenn du fortführest, so fest an mir zu hangen, daß du an keinen andern Mann dächtest, der dich mit seiner Liebe glücklicher machen könnte, als ich je vermag, und wenn du fortführest, von der Zukunft etwas zu erwarten, was doch unmöglich ist. Denn, meine liebe Hetty, thäte ich, wovon du mal zu mir gesprochen hast und heiratete dich, so hieße das nicht dich glücklich, sondern unglücklich machen, wie du später selbst empfinden würdest. Ich weiß, du kannst nie glücklich werden, wenn du nicht einen Mann von deinem eigenen Stande heiratest, und wenn ich dich jetzt heiratete, so würde ich zu dem Unrecht, was ich schon gethan habe, nur neues hinzufügen und überdies die Pflichten verletzen, die ich sonst in der Welt habe. Du kennst die Welt nicht, liebe Hetty, in der ich leben muß, und würdest sie bald nicht leiden mögen, weil es so wenig gäbe, worin wir beide gleich wären.

»Und da ich dich nicht heiraten kann, so müssen wir scheiden, so müssen wir versuchen, nicht mehr wie Liebende für einander zu fühlen. Ich bin unglücklich, da ich dies sage, aber es kann nicht anders sein. Richte deinen Zorn auf mich, mein liebes Herz, ich verdiene das, aber glaube nicht, daß ich nicht immer für dich sorgen, immer dankbar gegen dich sein, immer an meine Hetty mich erinnern werde, und wenn ein Unglück kommen sollte, welches wir jetzt nicht vorhersehen, so verlasse dich darauf, daß ich alles thun werde, was in meinen Kräften steht.

»Ich habe dir gesagt, wohin du einen Brief an mich adressieren kannst, wenn du mir schreiben willst, aber ich schreibe es noch mal unter diesen Brief, falls du es vergessen hättest. Schreibe nicht anders, als wenn ich wirklich etwas für dich thun kann; denn, liebste Hetty, wir müssen versuchen, so wenig an einander zu denken wie möglich. Vergieb mir und suche mich ganz zu vergessen, – nur nicht das eine, daß ich, so lange ich lebe, bin und bleibe

Dein liebevoller Freund

Arthur Donnithorne.«

Langsam hatte Hetty den Brief gelesen, und als sie nun aufblickte, sah ihr aus dem alten trüben Spiegel ein bleiches Gesicht entgegen, ein marmorblasses Gesicht mit den runden Formen eines Kindes, aber mit einem tieferen Jammer als je ein Kind empfindet. Hetty sah das Gesicht nicht, sie sah nichts, sie fühlte nur, daß sie kalt und krank war und bebte. Der Brief zitterte ihr hörbar in der Hand. Sie ließ ihn fallen. Es war ein erschreckliches Gefühl, diese Kälte, dieses Beben; es benahm ihr die Gedanken, die es erst veranlaßt hatten, und Hetty stand auf und nahm einen warmen Mantel aus dem Kleiderschranke, hüllte sich hinein und saß als dächte sie nur daran warm zu werden. Mit festerer Hand nahm sie den Brief wieder auf und las ihn von neuem durch. Diesmal kamen ihr die Thränen, große, dicke Thränen, die ihr das Auge trübten und das Papier benetzten. Sie fühlte nur, Arthur sei grausam, grausam so zu schreiben, grausam sie nicht zu heiraten. Gründe, weshalb er sie nicht heiraten könne, gab es für sie nicht; wie hätte sie glauben können, die Erfüllung alles dessen, was sie herbeigesehnt, wovon sie geträumt hatte, könne sie unglücklich machen? Es fehlten ihr alle Gedanken, um sich von dem Unglück einen Begriff zu machen.

Als sie den Brief wieder hinwarf, erblickte sie ihr Gesicht im Spiegel; jetzt war es gerötet und von Thränen naß; es war ihr fast wie ein Freund, gegen den sie klagen könne, der Mitleid mit ihr haben werde. Sie stützte sich auf den Arm und beugte sich vor und sah hinein in die dunkeln überströmenden Augen und auf den bebenden Mund, und sah, wie die Thränen immer dicker und dicker kamen, und wie der Mund vor Schluchzen krampfhaft zuckte.

Die Zerstörung ihrer ganzen kleinen Traumwelt, der zermalmende Schlag auf ihre junge Leidenschaft traf ihre vergnügungssüchtige Natur mit einem überwältigenden Schmerze, der jeden Widerstand vernichtete und ihren Verdruß für den Augenblick beseitigte. Sie saß und schluchzte, bis das Licht ausging, und warf sich dann erschöpft, leidend, betäubt vom Weinen, in ihren Kleidern aufs Bett und schlief ein.

Die Dämmerung war eben angebrochen, als Hetty mit einem Gefühl von dumpfem Schmerz erwachte, dessen Ursache ihr allmählich klar wurde, als sie bei dem spärlichen Lichte die Gegenstände um sich her zu erkennen begann. Und nun kam der beängstigende Gedanke, daß sie ihr Elend nicht nur tragen, sondern auch verbergen müsse bei dem traurigen Tageslichte, das nun angebrochen war. Sie konnte nicht länger liegen bleiben, sie stand auf und ging an den Tisch; da lag der Brief; sie öffnete ihre kleine Schatzkammer, da lagen die Ohrringe und das Medaillon, die Zeichen ihres kurzen Glücks, die Zeichen des lebenslangen Jammers, der nun folgen sollte. Indem sie die kleinen Schmucksachen ansah, die sie einst als die Bürgschaft ihres künftigen Paradieses von Schmuck so zärtlich betrachtet und geliebkost hatte, durchlebte sie die Augenblicke wieder, wo er sie ihr mit so zärtlichen Schmeicheleien, so wunderbar schönen Worten, so glühenden Blicken gegeben hatte, daß sie vor Entzücken ganz verwirrt und überrascht war; es war ja alles so viel süßer, als sie je etwas für möglich gehalten hatte. Und der Arthur, der so zu ihr gesprochen, sie so angeblickt hatte, der jetzt hier bei ihr war, von dessen Arme sie sich umfaßt, dessen Wange sie an ihrer, ja von dessen Atem sie sich angeweht fühlte – das war der grausame, grausame Arthur, der den Brief geschrieben hatte – den Brief, den sie hastig ergriff und zerdrückte und dann wieder öffnete, um ihn nochmal zu lesen. Halb betäubt, wie ihr von dem Weinen am gestrigen Abend der Kopf war, mußte sie noch einmal nachsehen, ob ihre jammervollen Gedanken wirklich wahr seien, ob der Brief wirklich so grausam sei. Sie ging nahe ans Fenster, wo der Lichtschein der Dämmerung am hellsten war – ja! der Brief war noch schlimmer, noch grausamer. Sie zerknitterte ihn vor Zorn, sie haßte den Schreiber dieses Briefes, haßte ihn grade deshalb, weil sie mit all ihrer Liebe an ihm hing – all der mädchenhaften Leidenschaft und Eitelkeit, aus der bei ihr die Liebe bestand.

Heute hatte sie keine Thränen; die hatte sie alle gestern Abend ausgeweint, und nun empfand sie jenen Jammer, wo das Auge trocken ist, aber das Herz blutet, der schlimmer ist als der erste Schlag, weil er außer der Gegenwart auch die Zukunft umfaßt. Jeden Morgen in der endlosen Reihe, soweit ihre Einbildungskraft hinausdenken konnte, würde sie aufstehen müssen und fühlen, daß der Tag für sie keine Freude haben werde. Denn keine Verzweiflung ist so vollständig als die in den ersten Augenblicken unsres ersten großen Schmerzes, wenn wir noch nicht erfahren haben, was es heißt, erst leiden und dann genesen, erst verzweifeln und dann wieder hoffen. Als Hetty langsam träge die Kleider auszog, die sie die ganze Nacht angehabt hatte, um sich zu waschen und das Haar zu kämmen, da hatte sie das schmerzliche Gefühl, ihr Leben würde fortan in demselben traurigen Einerlei hingehen: immer würde sie thun müssen, woran sie keine Freude habe, immer dieselbe alte Arbeit verrichten, Leute sehen, nach denen sie nichts frage, zur Kirche gehen und nach Treddleston und zur Frau Best zum Thee, und nie sich glücklich fühlen. Die kurze Seligkeit ihres Liebestraums hatte ihr für immer all die kleinen Freuden vergiftet, die früher das Glück ihres Lebens gewesen waren: das neue Kleid zum Jahrmarkt in Treddleston, die Gesellschaft bei Pachter Lucas auf der Kirchweih in Broxton, die Freier, denen sie erst eine lange Zeit Nein sagen wollte, und die Aussicht auf die Hochzeit, die endlich doch käme mit dem seidenen Rock und den vielen Kleidern auf einmal – alles das war ihr nun schal und traurig, alles war ihr langweilig, und für immer trug sie ein hoffnungsloses Sehnen und Verlangen in sich.

Mitten im Entkleiden hielt sie inne und lehnte sich an den dunkeln, alten Kleiderschrank; Hals und Arme waren nackt, das Haar hing ihr in zarten Ringeln hinab, und Hals, Arme und Haar waren gerade so schön wie in jener Nacht vor zwei Monaten, wo sie vor Eitelkeit und Hoffnung glühend auf und ab gegangen war. Jetzt dachte sie nicht an Hals und Arme, selbst die eigene Schönheit war ihr gleichgültig. Ihre Augen überflogen wehmütig die langweilige alte Kammer, und mit leerem Blick sah sie hinaus in das zunehmende Dämmerlicht. Stieg ihr eine Erinnerung an Dina auf? an die prophetischen Worte, über die sie sich damals geärgert hatte? an die zärtlich flehende Bitte, in ihr eine Freundin in der Not zu sehen? Nein, der Eindruck war zu leicht gewesen, um noch zu haften. Aller Zuspruch und Trost, den ihr Dina hätte geben können, wäre an jenem Morgen Hetty so gleichgültig gewesen wie alles sonst außer ihrer verwundeten Leidenschaft. Sie dachte an nichts, als daß sie nimmermehr hier bleiben könne und das alte Leben fortführen, daß sie eher etwas ganz neues ertragen könne als zurücksinken in den alten Kreislauf ihres alltäglichen Lebens. Am liebsten wäre sie gleich jetzt davongelaufen und hätte nie wieder eins von den alten Gesichtern angesehen. Aber es lag nicht in Hettys Natur, Schwierigkeiten zu trotzen, mit kühnem Wagnis ihre gewohnte Stellung zu verlassen und sich blindlings ins Ungewisse zu stürzen. Sie war eine weichliche und eitle Natur, keine leidenschaftliche, und wenn sie je einen gewaltsamen Schritt thun sollte, so mußte erst die Verzweiflung des Schreckens sie dazu drängen. Ihre Gedanken bewegten sich nur in einem kleinen Kreise von Möglichkeiten, und um aus ihrem jetzigen Leben herauszukommen, entschloß sie sich bald zu dem einen: sie wollte ihren Onkel bitten, er solle sie Kammerjungfer werden lassen; zu einer Stelle würde ihr schon Fräulein Lydias Kammerfrau verhelfen.

Als sie sich das überlegt hatte, machte sie sich das Haar und wusch sich; es schien ihr jetzt eher möglich, hinunter zu gehen und sich zu benehmen wie sonst. Noch heute wollte sie den Onkel fragen. Bei Hettys blühender Gesundheit hätte es zu einem tiefen Eindruck erst viel schwererer geistigen Leiden bedurft, und als sie so nett wie gewöhnlich sich angekleidet und ihr Haar unter der kleinen Haube befestigt hatte, würden einem nicht zu scharf blickenden Beobachter mehr die jugendliche Rundung ihres Gesichts und Halses und ihre dunkeln Augen und Wimpern aufgefallen sein, als eine Spur von Traurigkeit. Aber als sie den zerknitterten Brief aufnahm und in ihren Auszug legte, um ihn wegzuschließen und nicht wieder anzusehen, da drängten bittre Thränen, bittrer als die großen Tropfen gestern Abend, sich ihr in die Augen. Sie trocknete sie rasch; sie durfte am Tage nicht weinen; niemand durfte bemerken, wie unglücklich sie sei; niemand sollte wissen, daß sie betrogen worden, und der Gedanke, daß die Blicke von Tante und Onkel auf ihr ruhen würden, gab ihr die Selbstbeherrschung, die oft ein großes Unglück begleitet. Denn aus ihrem stillen Jammer blickte Hetty auf die Möglichkeit, sie könnten je von dem Vorgefallenen etwas erfahren, wie ein armer, abgezehrter Gefangener an den Schandpfahl denken mag. Sie würden ihr Benehmen schändlich finden und Schande war ihr Qual. So weit hatte die arme, kleine Hetty ein Gewissen. Sie verschloß ihren Auszug und ging an die Arbeit.

Am Abend, als Poyser seine Pfeife rauchte und darum in seiner besten Laune war, ergriff Hetty den günstigen Augenblick, wo ihre Tante nicht zugegen war, und sagte:

»Onkel, ich möchte, Ihr ließt mich Kammerjungfer werden.«

Der Pachter nahm seine Pfeife aus dem Munde und sah Hetty einige Augenblicke sanft verwundert an. Sie war am Nähen und nähte fleißig weiter.

»Ei, wer hat dir denn das in den Kopf gesetzt, Mädchen?« sagte er endlich, nachdem er noch einmal gepafft hatte, um die Pfeife im Gang zu halten.

»Ich möchte es gern; ich möchte es viel lieber als die Arbeit in der Wirtschaft.«

»Nein, nein! Du denkst dir das bloß so, Mädchen, weil du's nicht kennst. Es wäre nicht halb so gut für deine Gesundheit, noch auch für dein Lebensglück. Ich möchte gern, du bliebst bei uns, bis du einen guten Mann hast; du bist meine leibliche Nichte, und so lange ich eine Heimat für dich habe, lasse ich dich nicht gern in einen Dienst gehen, wenn's auch in einem vornehmen Hause wäre.«

Poyser schwieg und paffte weiter.

»Ich mache gern Handarbeiten,« sagte Hetty, »und bekäme guten Lohn.«

»Ist die Tante ein bißchen scharf gegen dich gewesen?« fragte der Onkel, indem er auf Hettys letzten Grund nicht weiter achtete. »Das mußt du nicht so genau nehmen, mein Kind; sie thut's zu deinem Besten; sie will dir wohl, und nicht viele Tanten hätten so viel für dich gethan wie sie, ohne daß sie mit dir eigentlich verwandt ist.«

»Nein, 's ist nicht der Tante wegen,« antwortete Hetty, »aber ich thäte die andere Arbeit lieber.«

»Daß du ein bißchen davon gelernt hast, das war schon recht, und ich habe auch gleich meine Einwilligung dazu gegeben, als Frau Pomfret sich erbot, es dir zu zeigen. Denn wenn was vorfallen sollte, so ist's immer gut, daß man sich auf eine oder die andere Art zu helfen weiß. Aber daß du bei fremden Leuten in Dienst gehen solltest, Kind, daran habe ich nie gedacht; wir Poysers haben unser eignes Brot gegessen, so weit wir zurückdenken können, nicht wahr, Vater? Ihr hättet es doch nicht gern, wenn eins von Euren Großkindern bei fremden Leuten diente?«

»N–e–i–n,« antwortete der alte Martin und zog das Nein bitter in die Länge, indem er sich vornüber beugte und auf den Boden sah. »Aber das Mädchen artet ganz nach ihrer Mutter. Ich hatte genug zu thun, die bei mir zu behalten und sie heiratete gegen meinen Willen – heiratete einen Menschen, der bloß zwei Stück Vieh hatte, während er auf seiner Pachtung zehn hätte haben müssen; es war kein Wunder, daß sie an der Entzündung starb, ehe sie dreißig alt war.«

So lange hatte der alte Mann nur selten gesprochen, aber die Frage seines Sohnes war ihm wie trockenes Holz auf die glühende Asche eines langjährigen, immer noch fortglimmenden Ärgers gefallen, der ihn stets gegen Hetty gleichgültiger gemacht hatte als gegen die Kinder seines Sohnes. Das bißchen Vermögen ihrer Mutter hatte der Nichtsnutz Sorrel durchgebracht und sein Blut floß ja auch in Hettys Adern.

»Meine arme Schwester!« sagte Martin der jüngere, dem es leid that, diese bittre Erinnerung angeregt zu haben. »Ihr ist's schlecht genug gegangen. Aber Hetty hat so gute Aussicht, einen soliden, verständigen Mann zu bekommen, wie irgend ein Mädchen in unserer Gegend.«

Nach diesem bezeichnenden Wink wandte er sich wieder zur Pfeife und zum Schweigen und sah Hetty an, ob sie nicht ein Zeichen gäbe, daß sie auf ihren thörichten Wunsch verzichtet habe. Aber statt dessen fing Hetty unwillkürlich an zu weinen, halb vor Ärger über die abschlägige Antwort, halb aus der allgemeinen Betrübnis, die sie den Tag über zurückgehalten hatte.

»Ei, ei!« sagte der Onkel und versuchte sie durch Scherz zu beruhigen, »laß doch das Weinen. Das Weinen ist für die, die keine Heimat haben, nicht für die, welche sie loswerden wollen. Was meinst du dazu?« fuhr er zu seiner Frau gewendet fort, die nun wieder auf den Flur kam und mit wilder Geschwindigkeit strickte, als gehörte die Bewegung so notwendig mit dazu wie bei einer Krabbe das unaufhörliche Spiel der Fangarme.

»Was ich meine? Nun, ich meine, die Hühner werden uns bald genug gestohlen werden, wenn das Mädchen den Verschlag des Abends immer offen läßt. Was hast du denn nun wieder, Hetty? worüber weinst du?«

»Ei, sie will Kammerjungfer werden,« antwortete Poyser. »Aber ich habe ihr gesagt, da könnten wir doch noch besser für sie sorgen.«

»Ich konnte mir schon denken, daß sie wieder Mucken im Kopfe hat; den ganzen Tag hat sie den Mund nicht aufgethan. Das kommt all davon, daß sie so viel mit den Dienern vom Schlosse verkehrt; wir waren rechte Thoren, es ihr zu erlauben. Sie glaubt, sie hätte dann ein feineres Leben, als wenn sie bei ihren Verwandten bliebe, bei denen sie aufgewachsen ist von früh auf, als sie nicht größer war als Martinchen. Zu einer Kammerjungfer, denkt sie, gehöre weiter nichts, als schönere Kleider zu tragen wie ihr zukommen, darauf will ich wetten. Von früh bis spät denkt sie bloß daran, was sie sich für Fetzen auf den Leib hängen will, und ich habe sie auch schon oft gefragt, ob sie nicht lieber eine Vogelscheuche auf dem Felde sein möchte, dann wäre sie ganz aus Fetzen inwendig und auswendig. Ich gebe nie meinen Konsens dazu, daß sie Kammerjungfer wird, so lange sie gute Freunde hat, die für sie sorgen, bis sie sich mal verheiratet, aber nicht an so 'nen vornehmen Bedienten, der weder ein gewöhnlicher Mann ist noch ein vornehmer Herr, und bloß von dem lebt, was andere Leute verdienen, und wohl gar seine Hände unter den Rockschoß hält und seine Frau für sich arbeiten läßt.«

»Ja, ja,« meinte Poyser, »sie muß 'nen bessern Mann haben als so einen, und ein besserer ist ja wohl auch nicht weit. Nun hör' auf zu weinen, Mädchen, und geh' zu Bett. Ich weiß schon was besseres für dich, als Kammerjungfer zu werden. Davon laß uns nichts mehr hören.«

Als Hetty hinaufgegangen war, sagte er:

»Ich kann nicht recht daraus klug werden, daß sie weggehen will; ich glaubte, sie hätte eine Neigung für Adam; in der letzten Zeit sah sie mir ganz danach aus.«

»I, das weiß kein Mensch, wofür die ein Herz hat; auf die macht ja alles so wenig Eindruck wie auf 'ne trockne Erbse. Ich glaube, das Mädchen, die Molly – sein Thun hat man auch mit ihr, so ist das nicht – aber ich glaube, wenn sie uns und die Kinder verlassen müßte, das ginge ihr näher als Hetty, und doch ist sie nächsten Michaelis erst ein Jahr bei uns. Aber daß ihr das Kammerjungferwerden im Kopf steckt, das hat sie von den Bedienten; wir hätten auch selbst vorher wissen können, wohin das führe, als wir sie die feine Arbeit lernen ließen; aber da will ich bald genug einen Stock vorstecken.«

»Es thäte dir doch leid, wenn du sie gehen lassen müßtest, außer wenn's zu ihrem eigenen Besten wäre,« bemerkte ihr Mann. »Sie ist dir bei der Arbeit recht nützlich.«

»Leid thun? Ja freilich; ich habe sie lieber als sie verdient, die kleine, hartherzige Hexe, die so von uns weggehen möchte. Ich werde sie doch nicht ganze sieben Jahre bei mir haben, sollt' ich meinen, und für sie sorgen und ihr alles beibringen und dann nichts nach ihr fragen. Und dann lasse ich Leinen machen und denke immer, es soll für sie sein zu Laken und Tischtüchern, wenn sie sich mal verheiratet, und sie wird hier im Dorfe bei uns wohnen bleiben und uns nie aus den Augen kommen, und bin doch ein rechter Narr, daß ich überhaupt an sie denke; sie ist ja nicht besser als 'ne Kirsche mit 'nem harten Stein drin.«

»Nun, nun,« sagte Poyser beruhigend, »mach' doch aus 'ner Kleinigkeit nicht so viel. Ich weiß gewiß, sie hat uns lieb, aber sie ist jung und bekommt Dinge in den Kopf, die sie selbst nicht recht versteht. So junge Mädel gehen oft durch und wissen selbst nicht warum.«

Die Antworten ihres Onkels hatten übrigens Hetty nicht nur in ihrer Erwartung getäuscht und Thränen gekostet; sie wirkten auch in einer anderen Richtung. Sie wußte recht gut, wen er bei seinen Anspielungen auf das Heiraten und einen soliden, verständigen Mann im Sinne hatte, und als sie in ihrer Schlafkammer allein war, stellte sich ihr die Möglichkeit, Adam zu heiraten, in einem neuen Lichte dar. Bei Menschen, wo keine starken Neigungen wirken, wo kein Rechtssinn die Herrschaft führt, an dem die aufgeregte Natur sich anklammern und zu, ruhigem Ausharren befestigen kann, ist eine der ersten Wirkungen des Leidens ein verzweifeltes, unbestimmtes Greifen nach dem ersten besten, was die augenblickliche Lage zu ändern vermag. Was die arme Hetty an Übersicht über ihre Zukunft besaß, war niemals mehr als eine beschränkte, unklare Berechnung ihrer eignen möglichen Freuden und Leiden, und jetzt war ihr diese ganz versperrt durch die unbedachteste Reizbarkeit über ihren augenblicklichen Kummer, und sie war zu einem jener krampfhaften, unüberlegten Schritte geneigt, mit denen unglückliche Menschen aus einem vorübergehenden Leiden sich in jahrelanges Elend stürzen.

Warum sollte sie Adam nicht heiraten? Eine Veränderung in ihrem Leben mußte sie haben, einerlei welche. Sie war überzeugt, er würde sie noch immer heiraten wollen, und wie weit er selbst dabei glücklich würde, daran hatte sie noch nie gedacht.

Vielleicht scheint manchem grade diese Überlegung mit ihrem Seelenzustande im schärfsten Widerspruch zu stehen und noch dazu so sehr bald nach dem Unglücksschlage. – Ja, die Entschließungen einer kleinen, unbedeutenden Seele, wie Hetty, im Kampfe mit dem ernsten, traurigen Schicksal, sind seltsam. Die Bewegungen eines kleinen Fahrzeuges, das ohne Ballast in einer stürmischen See umhergeworfen wird, sind auch seltsam. Wie sah es so hübsch aus, als es noch bunt beflaggt im Sonnenschein in seiner ruhigen Bucht lag! Die Schuld, sagt ihr, trifft den, der die Anker lichtete. Wohl, aber das rettet das Schiff nicht, das hübsche, kleine Ding, woran man noch Jahre lang seine Freude hätte haben können.