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Adam Bede.  George Eliot
Abschnitt 20. Adam macht einen Besuch auf dem Pachthof
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Auf dem leeren Wagen fuhr Adam von seiner Arbeit zurück, und es war daher noch nicht sieben Uhr, als er schon die Kleider gewechselt hatte und zu seinem Besuch auf dem Pachthof sich anschickte.

»Warum hast du denn Sonntagskleider angezogen?« fragte Lisbeth fast vorwurfsvoll, als er aus seiner Schlafkammer herunterkam. »Du wirst doch nach der Schule nicht deinen besten Rock anziehen?«

»Nein, Mutter,« erwiderte Adam ruhig; »ich gehe nach dem Pachthof, und vielleicht nachher noch nach der Schule; mußt dich daher nicht ängstigen, wenn's mir ein bißchen spät wird. Seth wird in 'ner halben Stunde wieder zu Haus sein, er ist bloß ins Dorf gegangen; du wirst mich also nicht entbehren.«

»Ja, aber warum hast du denn deine besten Kleider für den Pachthof angezogen? Poysers haben dich doch gestern darin gesehen, sollte ich meinen. Was soll das nun wieder heißen, daß du den Werktag so zum Sonntag machst? Wer dich nicht in der Arbeitsjacke sehen mag, mit dem sollt'st du gar keinen Verkehr haben.«

»Guten Abend, Mutter, ich darf nicht länger warten,« sagte Adam, setzte seinen Hut auf und ging hinaus.

Aber er war kaum ein paar Schritte aus der Thür, als Lisbeth der Gedanke quälte, sie habe ihn geärgert. Natürlich war der geheime Grund ihrer Vorwürfe wegen der Sonntagskleider nichts anderes als der Verdacht, daß er sie Hettys wegen angezogen habe, aber die Sorge um die Liebe ihres Sohnes ging ihr doch näher als alle üble Laune. Sie eilte hinter ihm her, faßte ihn am Arm und sagte: »Nein, mein Junge, du wirst doch nicht im Ärger von deiner alten Mutter weggehen, wenn sie nichts zu thun hat als stille zu sitzen und an dich zu denken?«

»Nein, nein,« erwiderte Adam ernst, indem er stehen blieb und ihr die Hand auf die Schultern legte, »ich habe mich gar nicht geärgert. Aber ich möchte dich um deiner selbst willen bitten, daß du mich ruhig thun läßt, was ich mir zu thun vorgenommen habe. Ich werde mein Lebelang immer ein guter Sohn gegen dich sein. Aber ein Mann hat noch andere Gefühle als gegen Vater und Mutter, und du mußt mir nicht Leib und Seele beherrschen wollen. Darin mußt du dich schon ergeben, daß ich dir nicht nachgeben werde, wenn ich ein Recht habe, nach meinem Willen zu handeln. Laß uns also darüber nicht weiter reden.«

»Ei!« sagte Lisbeth und stellte sich als fühlte sie nicht, worauf die Worte ihres Sohnes zielten – »ei, wer sieht dich denn lieber in deinem besten Zeuge als deine Mutter? Und wenn du dir das Gesicht gewaschen hast so rein wie die weißen, glatten Kieselsteine im Bache und dir das Haar so glatt gekämmt hast und die Augen dir glänzen – was sollte deine alte Mutter wohl lieber sehen? Und deine Sonntagskleider kannst du meinetwegen anziehen, wann du willst; ich werde dir kein Wort mehr darüber sagen.«

»Schon gut, Mutter, schon gut; guten Abend also,« sagte Adam, küßte sie und eilte fort. Er sah, daß es unmöglich sei, dies Gespräch anders zu beenden. Lisbeth blieb stehen, hielt sich die Hand übers Auge und sah ihm nach, bis er ihr aus dem Gesicht verschwunden war. Sie verstand vollkommen was Adam mit seinen Worten gemeint hatte, und als sie sich nun langsam ins Haus zurückwandte, sagte sie laut zu sich – sie sprach immer laut mit sich in den langen Tagen, wo ihr Mann und ihre Söhne an der Arbeit waren –: »Ach ja, ich werde wohl bald zu hören bekommen, daß er sie eines Tags hier ins Haus bringen will, und sie wird dann Herr sein über mich, und ich muß vielleicht zusehen, daß sie die Schüsseln mit dem blauen Rande in Gebrauch nimmt und entzwei bricht, und ist noch nie eine entzwei gegangen, seit mein Alter und ich sie auf dem Jahrmarkt kauften, nächsten Pfingsten werden's zwanzig Jahr. Ja,« fuhr sie lauter fort, indem sie ihr Strickzeug vom Tisch nahm, »aber so lange ich lebe, soll sie keine Strümpfe stricken für die Jungen, und wenn ich erst tot bin, dann wird er schon dran denken, daß ihm keiner die Strümpfe so recht machen kann für sein Bein und seinen Fuß wie seine alte Mutter. Die versteht gewiß nichts vom Abnehmen und Hackeneinstricken, dafür steh' ich, und die Zehen wird sie ihm so lang stricken, daß er keinen Stiefel darüber ziehen kann. Das kommt davon, wenn einer so 'n Kind von einem Mädchen heiratet. Ich war über dreißig und mein Alter auch, als wir uns heirateten, und wir waren doch noch jung genug. Wenn die erst dreißig ist, dann wird sie 'ne alte Schachtel sein, weil sie so früh geheiratet hat, ehe sie mal alle Zähne hatte.«

Adam ging so rasch, daß er noch vor sieben Uhr am Hofthore war. Martin Poyser und der Großvater waren noch nicht wieder von der Wiese zurück; alle Welt war auf der Wiese, selbst der schwarzbraune Dachshund, und der Bullenbeißer hielt Wache auf dem Hofe, und als Adam an die Hausthür kam, stand sie weit offen, und auf dem schönen, reinlichen Flur war keine Seele. Aber er konnte sich schon denken, wo Frau Poyser und noch jemand anders sein würden, gewiß ganz nahebei; er klopfte also an die Thür und fragte ziemlich laut: »Frau Poyser zu Haus?«

»Nur herein, Herr Bede,« rief Frau Poyser aus der Milchkammer; so redete sie ihn immer an, wenn er sie in ihrem Hause besuchte. »Kommen Sie nur in die Milchkammer, wenn Sie wollen, ich kann jetzt grade nicht vom Käse weg.«

Adam trat in die Milchkammer, wo Frau Poyser und Nanny den ersten Abendkäse auspreßten.

»Nun, das Haus kommt Ihnen wohl vor wie rein ausgestorben,« sagte Frau Poyser, als er in der Thür stehen blieb; »es ist alles auf der Wiese, aber mein Mann muß bald hereinkommen; sie wollen das Heu heute nacht in Haufen stehen lassen und es morgen mit dem früh'sten hereinholen Ich habe Nanny hier behalten müssen, weil Hetty heute abend Johannisbeeren pflücken muß; mit dem Obst geht's einem immer verkehrt, man muß es abnehmen, wenn man alle Hände voll zu thun hat. Und den Kindern kann man das Abpflücken nicht anvertrauen, bei denen geht mehr in den Mund als in den Korb; eben so gut könnte man das Obst von den Wespen pflücken lassen.«

Adam hätte gern gesagt, er wolle bis Poyser zurückkäme, in den Garten gehen, aber er hatte doch nicht ganz den Mut und erwiderte daher: »dann könnt' ich wohl in der Zeit Ihr Spinnrad vornehmen und nachsehen, was daran zu thun ist. Vielleicht steht's im Hause, an einer Stelle, wo ich's finden kann?«

»Nein, ich hab's weggestellt, ins Wohnzimmer, aber Sie können's überhaupt lassen, bis ich es Ihnen selbst zeigen kann. Jetzt möchte ich lieber, Sie gingen in den Garten und sagten Hetty, daß sie mir Totty herschickt. Das Kind kommt gewiß herein, wenn mans ihr sagt, und Hetty, das seh' ich schon, läßt sie zu viel Johannisbeeren essen. Sie thäten mir einen rechten Gefallen, Herr Bede, wenn Sie hingingen und sie mir herschickten; auch stehen die York- und Lancasterrosen grade so schön im Garten, Sie werden recht Ihre Freude daran haben. Aber vorher nehmen Sie wohl ein Glas Molken; ich weiß, Sie trinken gern Molken; ja, das thun so ziemlich alle Leute, die sie nicht selbst auszupressen brauchen.«

»Das nehm' ich mit Dank an, Frau Poyser,« erwiderte Adam; »ein Schluck Molken ist mir immer eine Erquickung; ich trinke sie lieber als Bier.«

»Ja, ja,« sagte Frau Poyser, nahm eine kleine, weiße Schale von dem Bort und faßte damit in das Molkenfaß; »Brot riecht jeder gern, nur der Bäcker nicht. Fräulein Irwine sagt immer zu mir: »O, Frau Poyser, wie beneide ich Sie um Ihre Milchkammer und um Ihre Hühner; wirklich so 'n Bauernhaus ist doch ganz wunderschön.« Und ich antworte ihr denn: »Ja wohl, ein Bauernhaus ist ganz wunderschön für den, der's bloß von außen ansieht und das Heben und Herumstehen und Abhetzen drinnen nicht kennt, was dazu gehört.«

»Nun, Frau Poyser, Sie würden doch nirgends wo anders leben mögen als in einem Bauernhause, so gut haben Sie Ihres im Stande,« erwiderte Adam und nahm die Schale, »und was hübscheres kann man doch nicht sehen, als eine schöne Milchkuh, die bis an die Knie im Grase weidet, und die frische Milch, die im Eimer schäumt, und die frische Butter, die zum Verkauf fertig steht, und die Kälber und den Hühnerhof. Da, dies trink' ich auf Ihre Gesundheit; mögen Sie immer kräftig genug sein, selbst nach Ihrer Milchkammer zu sehen und allen Pachterfrauen der Grafschaft ein Beispiel zu geben.«

Frau Poyser war nicht so schwach, sich dabei ertappen zu lassen, daß sie zu einer Schmeichelei gelächelt hätte, aber über ihr Gesicht stahl sich doch ein behagliches Selbstgefühl wie ein Sonnenstrahl und gab ihren blaugrauen Augen einen sanfteren Ausdruck, als sie Adam beim Molkentrinken ansah. O, den Trank glaube ich jetzt noch zu schmecken; er hat einen so zarten Wohlgeschmack, daß man ihn kaum von einem Duft unterscheiden kann, und gleitet einem so glatt und wohlthuend herunter, daß sich die Einbildungskraft mit einer stillen, glücklichen Träumerei erfüllt. Und vor meinen Ohren ertönt die leise Musik der durchsickernden Tropfen, die sich mit dem Gezwitscher eines Vogels draußen vor dem Drahtfenster mischt; denn das Fenster geht nach dem Garten und ist von hochstämmigen Schneebällen überschattet.

»Nehmen Sie nicht noch ein wenig, Herr Bede?« fragte Frau Poyser, als Adam die Schale hinsetzte.

»Nein, ich danke; ich will jetzt in den Garten gehen und Ihnen die Kleine herschicken.«

»Ja, thun Sie das; sagen Sie ihr, sie sollte zu Mama in die Milchkammer kommen.«

Adam ging über den Hof nach dem kleinen hölzernen Pförtchen, welches in den Garten führte. Einst der wohlgepflegte Küchengarten eines Edelhofes, war er jetzt – wenn man von der hübschen, steinernen Mauer mit der steinernen Bedachung, die ihn auf einer Seite einschloß, absah – ein rechter Bauerngarten mit tüchtigen Winterblumen, unbeschnittenen Obstbäumen und allerlei Gemüse, die in ungeordnetem Überfluß wuchsen. In der damaligen Jahreszeit, wo Büsche, Laub und Blumen in voller Üppigkeit standen, einen in diesem Garten zu suchen, hieß beinahe verstecken spielen. Die hohen Stockrosen begannen eben zu blühen und stachen einem mit ihrem Rot, Weiß und Gelb ins Auge, Flieder und Schneebälle wuchsen groß und unordentlich umher, weil sie nie gezogen wurden; hochrote Bohnen und späte Erbsen bildeten wahre Laubwände; hier zog sich eine Hecke von buschigen Lambertsnüssen entlang, und da hinaus stand wieder ein ungeheurer Apfelbaum, unter dessen tief herabhängenden Zweigen nichts wachsen konnte. Aber was kam drauf an, ob hier und da auf einem Fleckchen Land nichts wuchs. Der Garten war ja so groß. Große Bohnen gab's immer im Überfluß – neun oder zehn Schritte mußte Adam machen, bis er den Grasweg zu Ende war, der neben den Beeten herlief, und für andere Gemüse war so überflüssig viel Platz da, daß bei der wechselnden Bebauung sich jedes Jahr ein stattliches Beet von Kreuzkraut fand. Die Rosenstöcke selbst, bei denen Adam stehen blieb, um eine Rose zu pflücken, sahen aus, als ob sie wild wüchsen; sie standen alle in Büschen unordentlich zusammen und prunkten grade mit weit offener Blütenkrone; meist waren sie von der weiß und rot gestreiften Art, die unstreitig von der Vereinigung der beiden Häuser York und Lancaster herrührt. Adam wählte verständig eine noch feste Provencerrose, die zwischen den voll aufgeblühten, geruchlosen Blumen wie halb erstickt hervorsah, und indem er auf das Ende des Gartens zuschritt, wo, wie er sich erinnerte, die größte Reihe von Johannisbeerbüschen, nicht weit von der großen Taxuslaube, war, hielt er sie in der Hand, weil er ungenierter auftreten zu können meinte, wenn er etwas in der Hand habe.

Aber er war noch nicht weit von den Rosen weg, als er einen Zweig schütteln und eine Knabenstimme sagen hörte:

»Da, Totty, hier! halt deine Schürze auf! So, das ist ein artig Kind.«

Die Stimme kam oben aus den Zweigen eines großen Kirschbaums, wo Adam ohne Schwierigkeit eine kleine Gestalt in einem blauen Kittel entdeckte, die, wo der Baum am vollsten saß, sich bequem hingehockt hatte. Gewiß stand Totty unter dem Baum, hinter den Erbsen. Ja wohl stand sie da; der Hut hing ihr hinten auf den Nacken, ihr dickes Gesicht, mit rotem Saft schrecklich beschmiert, war nach dem Kirschbaum hinauf gerichtet, ihr kleines, rundes Mundstück und die rotbesteckte Schürze hielt sie weit auf, um die versprochene Sendung von oben aufzufangen. Leider muß ich gestehen, mehr als die Hälfte der Kirschen waren nicht saftig und rot, sondern hart und gelb, aber Totty hielt sich bei nutzlosem Bedauern nicht weiter auf und sog schon die drittbeste Kirsche aus, als Adam sagte: »Da, Totty, du hast nun deine Kirschen; lauf jetzt damit ins Haus zur Mutter, sie will dich sehen, sie ist in der Milchkammer. Da, lauf jetzt gleich hin; bist auch ein artig Kind.«

Bei diesen Worten hob er sie auf und küßte sie, was Totty für eine langweilige Unterbrechung ihres Kirschenessens hielt, und als er sie niedersetzte, trabte sie ganz still nach dem Hause und aß unterwegs ihre Kirschen.

»Und du Thoms! sieh dich vor, Junge; du bestiehlst den Kirschbaum wie ein Vogel; daß man nicht nach dir schießt!« rief ihm Adam zu, indem er nach den Johannisbeeren weiter ging.

Am Ende der Hecke sah er einen großen Korb; Hetty konnte also nicht weit sein, und Adam war es schon zu Mut, als sähe sie ihn an. Als er aber um die Ecke bog, stand sie mit dem Rücken gegen ihn und beugte sich nach den untersten Zweigen hinab. Auffallend, daß sie ihn nicht hatte kommen hören! Aber vielleicht hatte sie selbst zu viel Geräusch gemacht in den Blättern. Als sie bemerkte, daß jemand bei ihr sei, fuhr sie zusammen, so heftig, daß sie das Gefäß mit den Johannisbeeren fallen ließ und dann, als sie Adam erkannte, ging ihre Blässe plötzlich in tiefe Röte über. Bei diesem Erröten schlug sein Herz vor neuer Seligkeit. Nie zuvor war Hetty sonst bei seinem Anblick rot geworden.

»Ich habe Euch erschreckt,« sagte er in dem herrlichen Gefühle, daß es ganz einerlei sei, was er sage, da ihm Hetty eben so zu fühlen schien, wie er selbst; »laßt mich auch die Johannisbeeren wieder auflesen.«

Das war bald geschehen, da sie dicht zusammen ins Gras gefallen waren, und als Adam sich erhob und ihr das Gefäß zurückgab, sah er ihr mit der unterdrückten Zärtlichkeit, die den ersten Augenblicken hoffnungsreicher Liebe eigen ist, grade in die Augen.

Hetty wandte ihre Augen nicht ab, das Erröten war gewichen, und sie begegnete seinem Blick mit einer stillen Wehmut, die Adam gern sah, weil er auch diese nie zuvor an ihr bemerkt hatte.

»Es sind nicht viel Johannisbeeren mehr übrig,« sagte sie; »ich bin gleich fertig.«

»Ich will Euch helfen,« erwiderte Adam und holte den großen schon fast ganz gefüllten Korb näher heran.

Nicht ein Wort weiter sprachen sie, wahrend sie die Beeren lasen. Adams Herz war zu voll, um zu sprechen, und er glaubte, Hetty wisse alles, was er darin habe. Seine Nähe war ihr doch nicht gleichgültig: sie war rot geworden bei seinem Anblick und dann dieser Zug von Wehmut – konnte der etwas anderes bedeuten als Liebe? Er war ja das Gegenteil von ihrer gewöhnlichen Art, die ihm so oft den Eindruck der Gleichgiltigkeit gemacht hatte. Während sie die Beeren pflückte, konnte er immer nach ihr hinblicken und sehen, wie die Strahlen der Abendsonne am Boden entlang durch die dichten Zweige des Apfelbaums sich stahlen und ihr auf den runden Wangen und dem vollen Nacken ruhten, als wären sie selbst in sie verliebt. Es war für Adam die Zeit, welche ein Mann im spätem Leben am wenigsten vergessen kann – die Zeit, wo er glaubt, daß das erste Mädchen, welches er je geliebt, durch ein kleines Etwas, ein Wort, einen Ton, einen Blick, ein Zittern der Lippe oder ein Zucken des Augenlides verrät, daß sie ihn zum wenigsten wiederzulieben anfängt. Das Zeichen ist so unbedeutend, kaum bemerkbar für Ohr oder Auge, keinem dritten zu beschreiben, es ist nur, als wenn eine Feder sich rührt, und doch scheint es das ganze Sein des Mannes verändert, sein unruhiges Sehnen in ein süßes Vergessen alles anderen, nur des seligen Augenblickes nicht, getaucht zu haben. So manches von dem Glück unsrer Jugend verschwindet uns gänzlich aus dem Gedächtnis: nie können wir die Freude uns wieder vor die Seele führen, mit der wir unser Köpfchen an der Mutter Brust legten oder auf dem Rücken unsres Vaters ritten; und wenn auch diese Freude gewiß mit verwebt ist in unsre Natur, wie das Sonnenlicht längst vergangener Morgenstunden verwebt ist in die zarte Reife der Aprikose, – aus unserer Erinnerung ist sie für immer verschwunden und an eine solche Freude der Kindheit können wir nur glauben. Aber der erste glückliche Augenblick in unsrer ersten Liebe ist eine Vision, die uns immer und immer wiederkehrt und unsre ganze Empfindung so tief und eigen durchschauert, wie die Wiederkehr eines süßen Duftes, den wir in längst entschwundener glücklicher Stunde eingesogen haben. Es ist eine Erinnerung, die unsre Zärtlichkeit verschönt, die Raserei der Eifersucht nährt und dem Todeskampfe der Verzweiflung den letzten Stachel giebt.

Hetty, über die roten Traubenbüschel gebeugt, die Sonnenstrahlen durch der Zweige Grün, das lange Ende des dicht bewachsenen Gartens dahinter, er selbst so bewegt, als er auf sie hinsah und glaubte, daß sie an ihn denke und daß es des Redens nicht bedürfe – alles behielt Adam bis an sein Lebensende im Gedächtnis.

Und Hetty? Wir wissen schon, daß Adam sich über sie täuschte. Gleich manchem andern glaubte er, die Zeichen der Liebe für einen andern seien Zeichen der Liebe für ihn selbst. Als Adam sich ihr näherte, ohne daß sie ihn bemerkte, war sie wie gewöhnlich ganz versunken in den Gedanken, wann Arthur wohl zurückkäme; jeder Fußtritt eines Mannes hätte grade so auf sie gewirkt; sie würde geglaubt haben, es sei Arthur, ehe sie hätte hinsehen können, und das Blut, welches in der Aufregung dieses plötzlichen Gefühls ihre Wange verließ, wäre bei dem Anblick jedes andern eben so gut zurückgeströmt, als da sie Adam vor sich sah. Er glaubte nicht mit Unrecht, daß eine Veränderung über sie gekommen sei: die Ängstlichkeiten und Besorgnisse einer ersten Leidenschaft, die sie durchbebte, waren stärker geworden als ihre Eitelkeit und hatten ihr zum erstenmal jenes Gefühl hilfloser Abhängigkeit von der Empfindung eines andern gegeben, welches selbst in dem oberflächlichsten Mädchen den Sinn der Frauen für Anhänglichkeit und Verehrung gegen die Männer wach ruft und es für die Freundlichkeit, gegen die es vorher so hart war, empfänglich macht. Zum erstenmal fühlte Hetty, daß in Adams schüchterner und doch männlicher Zärtlichkeit etwas beruhigendes für sie liege; sie wünschte liebevoll behandelt zu werden – o, es war so schwer, nach jenen Augenblicken glühender Liebe diese Leerheit der Trennung, des Schweigens, der scheinbaren Gleichgiltigkeit zu tragen! Sie fürchtete nicht, daß Adam sie mit Liebesworten und Schmeichelreden belästigen werde wie ihre andern Verehrer, er war ja immer so zurückhaltend gegen sie gewesen; ohne jede Befürchtung konnte sie sich an dem Bewußtsein erfreuen, daß dieser starke, brave Mann sie liebe und bei ihr sei. Es kam ihr nicht entfernt in den Sinn, daß Adam auch bemitleidenswert sei, daß Adam auch einst leiden müsse.

Hetty war nicht das erste Mädchen, wie wir alle wissen, welches gegen den Mann, der sie vergeblich liebte, freundlicher wurde, weil sie selbst einen andern zu lieben begonnen hatte. Das ist eine alte Geschichte, sehr alt, aber Adam wußte nichts davon, und so trank er die süße Täuschung in sich hinein.

»So, nun ist's genug,« sagte Hetty nach kurzer Weile. »Einige will Tante noch an den Büschen sitzen lassen. Jetzt will ich sie hineintragen.«

»Es ist doch gut, daß ich hier bin und den Korb tragen kann,« sagte Adam; »für Eure kleinen Arme wär' er viel zu schwer.«

»Doch nicht, mit beiden Händen könnt' ich ihn tragen.«

»O sicher,« sagte Adam lächelnd, »und Ihr würdet damit so langsam ins Haus schleichen wie eine kleine Ameise, die eine Raupe trägt. Habt Ihr je diesen kleinen Tierchen zugesehen, wenn sie sich mit Dingen schleppen, viermal so groß wie sie selbst?«

»Nein,« antwortete Hetty gleichgiltig; was ging sie das Leben der Ameisen an?

»Ich habe sie oft beobachtet, als ich noch ein Junge war. Aber jetzt, seht Ihr, kann ich den Korb mit einem Arme tragen so leicht wie eine leere Nußschale, und mit dem andern Arm Euch stützen. Wollt Ihr meinen Arm nehmen? Solche starke Arme wie meine sind dazu gemacht, daß so kleine wie Eure sich darauf stützen.«

Hetty lächelte matt und legte ihren Arm in seinen. Adam blickte zu ihr nieder, aber ihre Augen waren träumerisch nach einer andern Ecke des Gartens gerichtet.

»Seid Ihr je nach Eagledale gewesen?« fragte sie, indem sie langsam weiter gingen.

»Ja wohl,« antwortete Adam erfreut, daß sie ihn etwas fragte, was ihn selbst betraf; »vor zehn Jahren bin ich mal mit Vater hingewesen, der da was zu thun hatte. Es ist 'ne merkwürdige Gegend, Felsen und Höhlen, so was habt Ihr Euer Lebtag noch nicht gesehen. Eh' ich dagewesen war, wußte ich gar nicht, was Felsen sind.«

»Wie lange wart Ihr unterwegs?«

»Nun, wir mußten doch beinahe zwei Tage marschieren. Aber für einen, der ein gutes Pferd hat, ist's nur 'ne Tagereise. Der Kaptän braucht gewiß nur zehn Stunden, so 'n guter Reiter wie der ist. Und es sollte mich gar nicht wundern, wenn er morgen schon zurückkäme; er ist zu thätig und hält's in dem einsamen Orte nicht lange allein aus, denn da wo er angeln will, ist bloß ein ganz kleines Wirtshaus. Ich wollte, er hätte erst das Gut übernommen; das wäre so recht was für ihn, er hätte dann viel zu thun und würde seine Sache gut machen trotz seiner jungen Jahre; auf vieles versteht er sich besser als mancher andere der doppelt so alt ist. Neulich war er sehr freundlich gegen mich und sagte, er wolle mir Geld leihen, damit ich selbst ein Geschäft anfangen könnte, und wenn es sich so machen sollte, so würde ich es lieber ihm zu danken haben als irgend wem sonst auf der Welt.«

Der arme Adam! Es trieb ihn von Arthur zu sprechen, weil er glaubte, Hetty würde mit Vergnügen hören, daß der junge Herr so freundlich gegen ihn sei und ihn unterstützen wolle; es hing ja mit seiner eigenen Zukunft zusammen, und die wollte er ihr gern in günstigem Lichte zeigen. Und wirklich hörte Hetty auch mit einer Teilnahme zu, die ihren Augen neuen Glanz gab, und ein leises Lächeln auf ihre Lippen rief.

»Wie hübsch die Rosen jetzt sind!« fuhr Adam fort und blieb bei den Blumen stehen. »Da, seht! Ich habe mir die hübscheste gestohlen, aber nicht für mich selbst. Ich glaube, die ganz roten hier mit den zarten grünen Blättern sind hübscher als die gestreiften, nicht wahr?«

Er setzte den Korb auf die Erde und nahm die Rose aus dem Knopfloch.

»Sie riecht so schön,« sagte er; »diese gestreiften riechen gar nicht. Steckt sie Euch ans Kleid, und nachher könnt Ihr sie ins Wasser stellen; es wäre schade, wenn sie verwelkte.«

Hetty nahm die Rose und lächelte dabei vor Freude, daß Arthur sobald zurück sein könne, wenn er wolle. Ein Strahl von Hoffnung und Glück leuchtete ihr durch die Seele, und mit einem plötzlichen Anfluge von munterster Laune that sie, was sie schon oft gethan – sie steckte sich die Rose über dem linken Ohr ins Haar. In die zärtliche Bewunderung auf Adams Gesicht mischte sich ein leiser Schatten von widerstrebendem Tadel. Hettys Putzsucht war grade das, worüber sich seine Mutter am meisten ärgern würde, und ihm selbst mißfiel sie auch, soweit ihm etwas an ihr mißfallen konnte.

»Aha,« sagte er, »das ist grade wie die vornehmen Damen auf den Bildern im Schlosse; sie habe meist alle Blumen oder Federn oder goldene Geschichten im Haar, aber mir gefällt das nicht recht; sie erinnern mich immer an die gemalten Weiber vor den Buden auf dem Jahrmarkte in Treddleston. Womit könnte sich ein Mädchen wohl besser putzen als mit seinem eigenen Haar, wenn es sich so kräuselt wie Eures, Hetty? Wenn eine jung und hübsch ist, dann sieht sie um so hübscher aus, je einfacher sie sich kleidet. Dina Morris z. B. sieht sehr nett aus, obschon sie Haube und Kleid so schlicht trägt. Mir kommt vor, ein Mädchengesicht braucht keine Blumen. Es ist selbst beinahe wie eine Blume. Eures gewiß, Hetty.«

»Nun, meinetwegen,« sagte Hetty und nahm zierlich schmollend die Rose wieder ans dem Haar; »ich will mir eine Haube von Dina aufsetzen, wenn wir ins Haus kommen; Ihr könnt dann selbst urteilen, ob ich besser aussehe. Sie hat eine hier gelassen; danach kann ich dann das Muster nehmen.«

»Nein, nein, Ihr braucht gar keine Methodistenhauben zu tragen wie Dina. Wirklich, die Haube ist recht häßlich, und als ich Dina hier im Hause sah, dachte ich, es wäre Unsinn, daß sie sich so absonderlich kleide; aber so recht hab' ich sie mir doch erst angesehen, als sie in voriger Woche Mutter besuchte, und da schien mir, die Haube passe so gut zu ihrem Gesicht wie der Kelch einer Eichel auf die Eichel paßt, und nun möcht' ich sie gar nicht mehr ohne Mütze sehen. Aber Ihr habt ein ganz andres Gesicht, Hetty; ich finde Euch am besten so wie Ihr jetzt seid, ohne allen störenden Schmuck. Es ist grade, als wenn jemand eine gute Melodie singt; da hört man auch nicht gern die Glocken hineinbimmeln.«

Er nahm ihren Arm wieder in seinen und sah zärtlich zu ihr nieder. Er fürchtete, sie werde glauben, er habe sie zurechtweisen wollen, und redete sich ein, wie man so leicht thut, sie habe alle Gedanken, die er nur halb ausgedrückt, ganz durchschaut. Das Glück dieses Abends sollte kein Wölkchen trüben! Nicht um die Welt hätte er schon jetzt zu Hetty von seiner Liebe sprechen mögen; diese aufkeimende Freundlichkeit gegen ihn sollte erst zu unverkennbarer Liebe heranwachsen. In seiner Vorstellung sah er eine lange Zukunft vor sich liegen, gesegnet durch das Glück, daß er Hetty die seine nennen durfte; darum wollte er jetzt mit sehr wenigem zufrieden sein. Er nahm den Korb mit den Johannisbeeren wieder auf, und sie gingen ins Haus.

In der halben Stunde, wo Adam im Garten gewesen war, hatte sich die Scene ganz verändert. Auf dem Hofe war alles lebendig; Martinchen ließ die kreischenden Gänse ins Thor und reizte den Gänserich schändlich durch sein Zischen; die Thür des Speichers knarrte in den Angeln, als Alick, der das Korn ausgeteilt hatte, sie schloß; die Pferde wurden unter vielem Gebell von allen drei Hunden und manchem Peitschenhieb des Pferdeknechts in die Schwemme getrieben, als wenn die großen Tiere, die ihre sanften, klugen Köpfe senkten und mit den zottigen Füßen so vorsichtig auftraten, sich versucht fühlen würden, nach allen Richtungen wild durcheinander zu rennen. Alle Leute waren von der Wiese zurück, und als Hetty und Adam auf den Flur traten, saß der Hausherr auf seinem dreieckigen Stuhl und der Großvater in dem großen Lehnsessel ihm gegenüber, beide in behaglicher Erwartung des Abendbrots, welches schon auf dem Eichentische aufgetragen wurde. Frau Poyser hatte selbst das Tischtuch aufgelegt, ein Tischtuch von hausmachenem Drell mit einem glänzenden karrierten Muster, nicht so glattgebleichtes Zeug, wie man's im Laden kauft, das im Handumdrehen sich verwäscht und vergeht, sondern von selbstgesponnenem Garn mit dem bräunlich weißen Schimmer, den alle verständigen Hausfrauen lieben, weil er für zwei Generationen Dauer verspricht. Der kalte Kalbsbraten, der frische Salat und das gefüllte Rippenstück sahen für hungrige Leute, die um halb eins zu Mittag gegessen hatten, mit Recht verlockend genug aus. Auf dem großen tannenen Tische an der Wand standen blanke, zinnerne Teller und Löffel und Kannen für Alick und die andern Knechte; denn die Herrschaft und das Gesinde genossen ihre Mahlzeit nahe bei einander, was um so angenehmer war, als jede Bemerkung über die Arbeit des kommenden Tages, die etwa der Hausherr fallen ließ, Alick gleich zu hören bekam.

»Nun, Adam, ich freue mich, Euch zu sehen,« sagte der Hausherr. »Ihr habt also Hetty bei den Johannisbeeren geholfen, he? Nun kommt, setzt Euch, setzt Euch. Es ist wirklich beinahe schon drei Wochen her, daß Ihr nicht mit uns zu Abend gegessen habt, und meine Frau hat wieder so 'n schön gefülltes Rippenstück. Ich freue mich recht, daß Ihr da seid.«

Frau Poyser sah unterdessen im Korbe nach ob die Johannisbeeren auch gut seien. »Hetty, sagte sie, geh' hinauf und schicke mir Molly herunter; sie bringt Totty zu Bett, und ich muß sie jetzt in den Keller nach Bier schicken; Nanny hat noch in der Milchkammer zu thun. Du kannst nach dem Kinde sehen. Aber wie hast du sie nur so herumlaufen lassen können mit Thoms? Sie hat sich ganz vollgegessen an dem Obst und mochte ihr Abendbrot nicht.«

Frau Poyser sagte dies leiser als gewöhnlich, während ihr Mann mit Adam sprach; denn sie hielt strenge auf Anstand, und nach ihrer Ansicht durfte ein junges Mädchen in Gegenwart eines braven Mannes, der sich um sie bewarb, nicht scharf angelassen werden. Das wäre nicht ehrlich Spiel gewesen; jedes Mädchen war einmal jung und hatte ihre Aussichten zum Heiraten; die durften ihr andere Frauen Ehren halber nicht verderben, ebensowenig wie eine Marktfrau, die ihre eigenen Eier losgeworden, einer andern ihre Kunden abspenstig machen darf.

Hetty fand auf die Frage ihrer Tante nicht gleich eine Antwort und lief daher eiligst die Treppe hinauf; Frau Poyser ging hinaus, um nach Martinchen und Thoms zu sehen und sie zum Abendbrot hereinzuholen.

Bald saßen sie alle am Tisch, zwischen den rotwangigen Jungen die blaß aussehende Mutter, zwischen Adam und dem Hausherrn war für Hetty Platz gelassen. Auch Alick war hereingekommen, hatte sich abseits in seine Ecke gesetzt und aß mit seinem Taschenmesser aus einer weiten Schüssel kalte, große Bohnen, die ihm schöner rochen und schmeckten, als die feinste Ananas gethan hätte.

»Wie lang das Mädchen macht, um das Bier abzuzapfen!« sagte Frau Poyser, indem sie das gefüllte Rippenstück vorlegte. »Vielleicht setzt sie den Krug hin und vergißt den Hahn aufzudrehen; bei diesen Mädchens muß man auf alles gefaßt sein; die sind imstande und setzen den Kessel leer aufs Feuer, und 'ne Stunde nachher sehen sie nach, ob's Wasser kocht.«

»Sie holt für die Leute auch,« bemerkte der Hausherr; du hätt'st ihr sagen sollen, sie möchte unsern Krug zuerst bringen.«

»Ihr sagen sollen?« rief Frau Poyser; »ja, ich könnte allen Wind aus meiner Lunge verbrauchen und 'nen Blasebalg dazu nehmen, wenn ich den Mädchens alles sagen wollte, worauf sie in ihrer eigenen Dummheit nicht kommen. Herr Bede, nehmen Sie nicht etwas Essig zu Ihrem Salat? Nein? Ah, da haben Sie recht. Es nimmt dem Fleisch seinen feinen Geschmack. Ja, es sieht schlecht aus mit dem Essen, wenn die Zuthaten das beste sind am Fleisch. Manche Leute machen schlechte Butter und denken, das Salz soll's wieder gut machen.«

Hier wurde Frau Poysers Aufmerksamkeit durch die Ankunft Mollys in Anspruch genommen, die einen großen Henkelkrug, zwei kleine Krüge und vier Kannen trug, alle voll Ale oder Dünnbier – ein interessantes Beispiel, wie viel eine Menschenhand fassen kann. Die gute Molly hatte ihren Mund noch weiter offen als gewöhnlich und hielt beim Gehen die Augen auf das viele Gerät gerichtet, welches sie in der Hand trug, und hatte daher von dem Ausdruck in dem Gesicht ihrer Herrin gar keine Ahnung.

»Molly, so 'n Mädchen wie du ist mir doch noch nicht vorgekommen! Deine Mutter ist 'ne arme Witwe, und ein Zeugnis hast du so gut wie gar nicht gehabt, und mehr als hundertmal hab' ich dir schon gesagt ...«

Molly hatte es nicht blitzen sehen, und der Donner überraschte und erschütterte sie daher doppelt. Ein unbestimmter Schrecken überfiel sie, als habe sie etwas – sie wußte freilich nicht was – nicht recht gemacht; sie wandte sich eilig nach dem tannenen Tische zu, um die Gefäße hinzusetzen, verwickelte sich in ihre Schürze, die losgegangen war, und fiel mit Ach und Krach in eine wahre Sündflut von Bier, worauf Martinchen und Thoms in Lachen ausbrachen und der Hausherr, der seinen Schluck Bier ungern in die Ferne gerückt sah, ein ernsthaftes Halloh ausstieß.

»Da hast du die Bescherung,« ging Frau Poyser in ihrem schneidendsten Tone los, indem sie aufstand und nach dem Schrank ging, während Molly sehr betrübt die zerbrochenen Scherben auflas. »Hab' ich's dir nicht gesagt, daß es so kommen würde? oft genug gesagt? da geht dein ganzer Monatslohn hin, und reicht noch nicht mal für den schönen Krug, den ich zehn Jahr im Hause gehabt habe, und nie ist was damit passiert; aber was du schon für Geschirr zerbrochen hast, seit du hier im Hause bist, das könnte einen Pastor zum Fluchen bringen – Gott verzeih' mir die Sünde; und wenn du Kraut gekocht hättest in einem kupfernen Geschirr, dann wär's dir nicht besser gegangen und du hätt'st dich verbrannt und wärst vielleicht lahm für dein ganzes Leben, und man weiß auch so noch nicht, was dir mal passiert, wenn das so weiter geht; man sollte glauben, du hättest den Veitstanz, wenn man sieht, daß du alles entzwei machst. Es ist eigentlich schade, daß wir dir nicht die Stücke alle aufgehoben haben, damit du sie dir ansehen könntest; freilich was du auch siehst oder hörst, für dich macht's keinen Unterschied; man sollte glauben, du wärst im Feuer gewesen und hart geschmiedet.«

Die arme Molly vergoß reichliche Thränen, und in ihrer Verzweiflung über die schnelle Bewegung, mit der die Bierflut auf Alicks Füße zufloß, wollte sie schon ihre Schürze zum Scheuertuch benutzen, als Frau Poyser, die eben den Schrank öffnete, ihr wieder einen bösen Blick zuwarf.

»Ei was da!« fuhr sie fort, »das Weinen hilft nichts. Du machst nur noch mehr Nässe, die du aufwischen mußt. Ich sage dir, es ist alles bloß dein eigener Leichtsinn; denn keiner braucht was zu zerbrechen, wenn er's nur recht anfaßt. Aber wer von Holz ist, sollte auch bloß mit hölzernen Sachen zu thun haben. Und da muß ich nun den braun und weißen Krug nehmen, den wir das ganze Jahr noch nicht dreimal gebraucht haben, und selbst in den Keller gehen und erkälte mich vielleicht auf den Tod und hole mir 'ne Entzündung ...«

Frau Poyser hatte eben den braun und weißen Krug aus dem Schrank genommen und hielt ihn in der Hand, als ihr etwas am andern Ende der Küche ins Auge fiel. Mochte nun die Erscheinung sie so stark angreifen, weil sie so schon vor nervöser Aufregung zitterte, oder war das Zerbrechen von Krügen ansteckend wie andre Verbrechen – genug sie erschrak und fuhr zusammen, als hätte sie einen Geist gesehen, und der kostbare braun und weiße Krug fiel auf die Erde und Henkel und Gieße waren für immer dahin.

»Ist einem je so was vorgekommen?« sagte sie mit plötzlich herabgestimmtem Tone, nachdem sie sich einen Augenblick ganz entsetzt umgesehen hatte. »Die Krüge müssen behext sein. Es sind diese elenden glattlackierten Henkel, die gleiten einem aus den Fingern wie ein Aal.«

»Nun, da hast du dir hübsch selbst ins Gesicht geschlagen,« rief ihr Mann und stimmte herzlich in das Lachen seiner Jungens ein.

»Du hast gut zusehen und mich auslachen,« erwiderte Frau Poyser; »aber 's ist bisweilen, als wenn das irdene Geschirr lebendig würde und dann fliegt's einem aus der Hand wie ein Vogel. Es ist beinahe wie Glas, das springt auch Wohl, wenn's ganz ruhig dasteht. Was mal entzweigehen soll, das geht entzwei, und ich habe noch nie in meinem Leben etwas zerbrochen, weil ich's nicht fest gehalten hätte; sonst hätte das irdene Geschirr nicht all die Jahre gehalten, was noch von meiner Hochzeit herstammt. Und Hetty, bist du toll? Was soll das heißen, so herunterzukommen, daß man meinen sollte, ein Geist ginge im Hause um?«

Bei diesen Worten der Frau Poyser brach ein neues Gelächter aus, weniger über ihre plötzliche Bekehrung zu einer fatalistischen Ansicht vom Zerbrechen der Krüge, als über die seltsame Erscheinung Hettys, die ihre Tante vorhin erschreckt hatte. Die kleine Hexe hatte ein schwarzes Kleid von ihrer Tante angezogen und es sich rings am Halse festgesteckt, damit sie aussehe wie Dina, hatte sich ihr Haar so glatt wie möglich gekämmt und eine von Dinas Quäkerhauben aufgesetzt. Zu Dinas blassem ernstem Gesicht und sanften, grauen Augen, an welche Kleid und Haube lebhaft erinnerten, standen Hettys runde, rosige Backen und die neckischen schwarzen Augen in einem wirklich lächerlichen Gegensatz. Die beiden Knaben standen von ihren Stühlen auf und sprangen um sie herum und klatschten mit den Händen, und selbst Alick lachte im stillen am ganzen Leibe, als er von seinen Bohnen aufsah. Frau Poyser benutzte diesen Lärm, um Nanny aus der Milchkammer mit dem großen zinnernen Quartmaß in den Keller zu schicken, welches doch einige Aussicht hatte, nicht behext zu sein. »I, Hetty, bist du Methodistin geworden?« sagte Martin Poyser, der sein langsames, behagliches Lachen so recht genoß, wie das dicken Leuten eigen ist. »Du mußt aber dein Gesicht noch ein gut Teil länger ziehen, ehe du dafür passieren kannst, nicht wahr, Adam?« Aber wie kommst du nur dazu, dich so anzuziehen?«

»Adam sagte, er möchte Dinas Tracht lieber leiden als meine,« erwiderte Hetty und setzte sich zimperlich nieder; »er sagte, häßliche Kleider ständen den Leuten besser.«

»Nein, nein!« sagte Adam und sah sie bewundernd an, »ich sagte bloß, mir scheine, sie ständen Dina gut. Aber wenn ich auch gesagt hätte, Ihr sehet gut drin aus, Hetty, so hätte ich nur die Wahrheit gesagt.«

»Nun, und du glaubtest, Hetty wäre ein Geist, he?« sagte Poyser zu seiner Frau, die wieder hereintrat und Platz nahm; »du sähest ja fürchterlich erschrocken aus.«

»Wie ich aussah, darauf kommt wenig an,« erwiderte Frau Poyser; »das Aussehen hilft nichts gegen zerbrochene Krüge und auch gegen das Lachen nicht, wie ich wohl sehe. Herr Bede, es thut mir recht leid, daß Sie so lange auf Ihr Ale warten müssen, aber es kommt diesen Augenblick. Da sind die Kartoffeln, greifen Sie frisch zu; ich weiß, Sie mögen sie gern. Thoms, den Augenblick gehst du zu Bett, wenn du nicht mit dem Lachen aufhörst. Ich mochte überhaupt wohl wissen, was es hier zu lachen giebt. Mir ist das Weinen näher als das Lachen, wenn ich Dina ihre Haube ansehe, und gewissen Leuten würde es nicht schaden, wenn sie ihr noch in andern Stücken ähnlich werden könnten, als daß sie ihre Haube aufsetzen. Es paßt sich für keinen hier im Hause, über meiner Schwester Kind Witze zu machen, die uns eben erst verlassen hat, und von der mir der Abschied recht schwer geworden ist, und das weiß ich, wenn Trübsal über uns käme und ich krank im Bette liegen müßte und die Kinder ins Sterben kämen, – und kein Mensch kann wissen, ob's ihnen nicht einfällt – und die Viehseuche wieder ausbräche und alles drunter und drüber ginge – ja, dann würden wir uns wohl alle freuen, wenn wir Dinas Haube wieder zu sehen bekämen und ihr eigenes Gesicht darunter, ob nun ein Strich dran sitzt oder nicht. Denn sie gehört zu den Dingen, die an einem trüben Tage am hübschesten aussehen und einen am liebsten haben, wenn man sie am meisten bedarf.«

Frau Poyser wußte, wie es scheint, aus Erfahrung, daß das sicherste Gegenmittel gegen das Lächerliche das Schreckliche ist.

Der kleine Thoms, der ein sehr weiches Herz hatte und seine Mutter zärtlich liebte und außerdem so viel Kirschen gegessen hatte, daß er seine Gefühle noch weniger beherrschen konnte als gewöhnlich, war von dem fürchterlichen Gemälde der Zukunft so ergriffen, daß er anfing zu weinen, und der gutmütige Vater, der mit allen Schwächen, nur nicht mit denen unordentlicher Landwirte, Nachsicht hatte, sagte zu Hetty: »Zieh' die Sachen lieber aus, Kind; der Anblick thut deiner Tante weh.«

Hetty ging wieder hinauf, und die Ankunft des Ales brachte einen angenehmen Wechsel in die Unterhaltung; Adam mußte über das frische Faß seine Meinung abgeben, die natürlich sehr schmeichelhaft für Frau Poyser ausfiel, und dann folgte eine Erörterung über die Geheimnisse eines guten Brauens, über die Thorheit, mit dem Hopfen zu geizen, und die zweifelhaften Ersparnisse, wenn ein Pächter sein eigenes Malz mache. Frau Poyser hatte so manche Gelegenheit, über diese Fragen sich mit Nachdruck zu äußern, daß, als das Abendbrot gegessen, der Bierkrug von neuem gefüllt war und der Hausherr sich seine Pfeife angesteckt hatte, sie wieder in der allerbesten Laune war und auf Adams Wunsch ihm das zerbrochne Spinnrad bereitwillig zur Ansicht holte.

»Aha,« sagte Adam, nachdem er es sorgfältig geprüft hatte, »da muß ein gut Stück dran gedrechselt werden. Es ist ein hübsches Rad. Ich muß es an die Drechselbank hier im Dorfe nehmen und da zurecht machen; bei mir zu Hause habe ich nichts zum Drechseln. Wenn Sie's morgen früh zu Meister Bürge in die Werkstatt schicken, dann will ich's bis Mittwoch fertig machen. Ich habe mir überlegt,« fuhr er fort und sah den Hausherrn an, »ich möchte mich wohl zu Hause ein bißchen darauf einrichten, daß wir etwas feine Tischlerarbeit machen könnten. Ich habe immer in meinen Nebenstunden viel an so kleinen Geschichten gethan und sie bringen viel Geld ein; es ist mehr Arbeit dran als Material. Ich sehe mich für mich und Seth nach so 'nem kleinen Geschäfte um; ich kenne schon jemand in Rosseter, der uns so viel abnimmt, wie wir nur machen können: auch könnten wir ja hier in der Gegend Bestellungen bekommen.«

Pachter Poyser ging lebhaft in diesen Plan ein, durch den Adam allmählich sein eigener Herr werden konnte, und Frau Poyser gab ihre ganze Zustimmung zu dem Plan des beweglichen Küchenschrankes, der Spezereien, Eingemachtes, Küchengerät und Leinenzeug mit der äußersten Raumersparnis, und doch ohne alle Konfusion enthalten sollte. Hetty, nun wieder in ihrer eigenen Kleidung, das Halstuch wegen des warmen Abends ein wenig zurückgeschoben, saß, mit dem Auslesen der Johannisbeeren beschäftigt, nahe am Fenster, wo Adam sie recht gut sehen konnte. Und so ging die Zeit angenehm hin, bis Adam aufstand, um wegzugehen. Man drängte ihn, bald wiederzukommen, aber nicht, länger zu bleiben, denn in dieser arbeitsvollen Zeit wollten die verständigen Leute sich nicht der Gefahr aussetzen, daß sie am andern Morgen um fünf Uhr noch schläfrig wären.

»Ich gehe noch etwas weiter,« sagte Adam; »ich will noch Barthel Massey besuchen; er war gestern nicht in der Kirche, und ich habe ihn die ganze vorige Woche nicht gesehen; ich wüßte mich kaum zu erinnern, daß er jemals die Kirche versäumt hat.«

Wir haben auch nichts von ihm gehört,« bemerkte der Pächter; »die Jungens haben jetzt Ferien, wir können Euch daher nichts sagen.«

»Aber Sie denken doch nicht dran, in dieser späten Stunde noch hinzugehen?« fragte Frau Poyser, indem sie ihr Strickzeug zusammenlegte.

»O, Massey bleibt lange auf,« antwortete Adam. »Jetzt ist noch nicht mal die Abendschule aus. Einige von den Leuten kommen erst spät; sie haben so weit zu gehen. Und Barthel selbst geht nie vor elf Uhr zu Bett.«

»Dann dürfte er nicht bei mir wohnen,« sagte Frau Poyser, »mit all dem Talg, das von den Lichtem auf die Erde läuft, daß man des Morgens ausglitscht, so wie man aufsteht.«

»Ja, elf Uhr ist spät, recht spät,« bemerkte der alte Großvater; »ich habe mein Lebtage nicht so lange aufgesessen, wenn's nicht bei 'ner Hochzeit war oder Kindtaufe oder Kirchweih oder bei Erntebier. Elf Uhr ist spät.«

»Nun, ich bleibe oft bis nach zwölf auf,« sagte Adam lachend, »aber nicht um extra zu essen und zu trinken, sondern um extra zu arbeiten. Gute Nacht, Frau Poyser, gute Nacht, Hetty.«

Hetty konnte ihm bloß zulächeln, aber nicht die Hand geben, denn die war feucht und rot von Johannisbeersaft; die andern aber schüttelten alle herzlich die große Hand, die er ihnen hinhielt, und baten ihn noch zum Abschied, er möge bald wiederkommen.

»Habt ihr das gehört?« sagte Pachter Poyser, als Adam aus der Thür war. »Er bleibt auf bis nach Mitternacht, um Extraarbeit zu thun, das denkt mal! Ihr werdet nicht viele Leute von sechsundzwanzig Jahren finden, die sich mit ihm messen können. Wenn du Adam zum Mann bekommen kannst, Hetty, dann fährst du noch mal in deinem eigenen Korbwagen mit Springfedern, das sollst du sehen.«

Hetty ging gerade mit den Johannisbeeren durch die Küche, und ihr Onkel bemerkte daher nicht, wie sie statt aller Antwort den Kopf ein wenig in die Höhe warf. In einem Korbwagen mit Springfedern zu fahren, das schien ihr jetzt ein ziemlich erbärmliches Los.