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Adam Bede.  George Eliot
Abschnitt 14. Die Heimkehr
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Während jener Abschied im Wäldchen stattfand, gab es in der Hütte auch einen Abschied, und Lisbeth stand mit Adam in der Thür und strengte ihre alten Augen an, um den letzten Blick von Seth und Dina zu erhaschen, die den gegenüberliegenden Abhang hinaufgingen.

»Ach, ich sehe sie ungern weggehen,« sprach sie zu Adam, indem sie wieder ins Haus traten. »Ich hätte sie gern bei mir behalten, bis ich auch sterbe und zu meinem Alten in die Erde gelegt werde. Sie muß einem das Sterben leicht machen; sie spricht so sanft und geht so leise. Ich könnte beinahe glauben, das Bild in deiner neuen Bibel solle sie sein, der Engel auf dem großen Stein beim Grabe. Wenn ich eine Tochter haben könnte wie sie, da hält' ich nichts gegen, aber die was wert sind, die heiratet ja keiner.«

»Nun, Mutter, ich hoffe, sie wird noch deine Tochter; Seth mag sie gern leiden, und hoffentlich gewinnt sie ihn mit der Zeit auch noch lieb.«

»Was sprichst du da wieder her? Sie fragt gar nichts nach Seth. Sie geht stundenweit weg. Wie soll sie ihn da wohl lieb gewinnen, möcht' ich wissen. Grade als wenn das Brot aufgehen sollte ohne Sauerteig! Das hättest du doch aus deinen Rechenbüchern lernen können, dünkt mich; sonst könnest du ebensogut gewöhnliche Bücher lesen wie Seth.«

»Nein, Mutter,« antwortete Adam lachend, »die Zahlen sagen einem wohl mancherlei, und ohne sie könnten wir nicht viel anfangen, aber von des Menschen Herz sagen sie nichts. Das Herz ist ein ganz apartes Exempel. Aber Seth ist ein so braver Bursch, wie je einer den Hammer geführt hat, und Verstand hat er auch genug und sieht auch gut aus und hat dieselben Ansichten wie Dina. Er verdient wohl sie zu bekommen, obschon sie ein fein Stück Arbeit ist, das ist nicht zu leugnen. Solche Mädchen kommen nicht jeden Tag aus der Werkstatt.«

»Ja, du nimmst immer Seth seine Partie. So bist du stets gewesen von Kindesbeinen an; immer mußte er die Hälfte von allem abhaben. Aber was braucht Seth ans Heiraten zu denken? Er ist erst dreiundzwanzig Jahr und sollte lieber noch etwas lernen und sich 'nen Groschen ersparen. Und was das betrifft, daß er sie verdient, – sie ist zwei Jahr älter als Seth, beinah so alt wie du. Aber so geht's in der Welt: die Menschen wählen immer das Entgegengesetzte, grade wie man's beim Schweinefleisch macht – zu jedem Stück gutes Fleisch eine schlechte Beilage.«

Frauen sind bisweilen so gestimmt, daß alles was sein könnte, in ihren Augen einen vorübergehenden Reiz hat gegen das was ist, und da Adam nicht selbst Lust hatte, Dina zu heiraten, so war Lisbeth sehr ungehalten darüber – so ungehalten wie sie gewesen sein würde, wenn er sie wirklich hätte heiraten wollen und sich so um Meister Jonathans Tochter und sein Geschäft gebracht hätte.

Es war halb neun vorbei, als Adam und seine Mutter sich so unterhielten, und als Hetty zehn Minuten darauf in die Einfahrt zum Pachthof einbog, sah sie Dina und Seth von der andern Seite herankommen und blieb stehen, um auf sie zu warten. Auch sie hatten sich wie Hetty auf dem Rückwege aufgehalten, weil Dina in der Stunde des Abschieds Seth durch tröstenden Zuspruch aufzurichten versuchte. Als sie aber Hetty sahen, blieben sie stehen und gaben sich die Hand; Seth wandte sich nach Hause zurück und Dina ging allein weiter.

»Seth Bede würde mitgekommen sein und dich angesprochen haben, liebe Hetty,« sagte sie als sie näher kam, »aber er war zu betrübt.«

Hetty antwortete mit einem zierlichen Lächeln, als hätte sie die Worte nicht recht gehört. Ein sonderbarer Gegensatz, diese strahlende, selbstbewußte Schönheit, und Dinas ruhiges, liebevolles Gesicht mit dem offenen Blick, welcher sagte, daß ihr Herz keine stillen Geheimnisse für sich habe, sondern in Empfindungen lebe, die es der ganzen Welt mitzuteilen sich sehne. Hetty mochte Dina so gern, wie sie überhaupt ein Mädchen haben konnte; wie sollte sie auch anders, da Dina immer ein freundliches Wort für sie einlegte, wenn die Tante sie ausschalt, und immer bereit war, ihr Totty abzunehmen, den kleinen Plagegeist, den alle verzogen und an dem Hetty doch auch gar nichts finden konnte? Während ihres ganzen Besuchs auf dem Pachthof hatte Dina gegen Hetty nie einen Tadel oder Vorwurf geäußert; wohl hatte sie ernsthaft mit ihr gesprochen, aber daraus machte sich Hetty nicht viel, ja sie hörte kaum darauf, und was Dina ihr auch sagen mochte, sie streichelte ihr nachher fast jedesmal die hübschen Backen und nähte für sie. Dina war ihr ein Rätsel; Hetty blickte zu ihr auf, wie etwa ein kleines Nestvögelchen, das nur von Zweig zu Zweig flattern kann, den raschen Stößen einer Schwalbe zusehen mag oder dem Aufflug der Lerche; aber solche Rätsel zu lösen, daran lag ihr so wenig wie an der Bedeutung der Bilder in der »Pilgerreise« oder in der alten großen Bibel, mit denen Martinchen und der kleine Thoms sie immer Sonntags quälten.

Dina ergriff Hettys Hand und nahm sie in ihren Arm.

»Du siehst heute abend so glücklich aus, liebes Kind,« sagte sie. »Ich werde oft an dich denken, wenn ich wieder in Snowfield bin und dein Gesicht gerade so vor mir sehe wie jetzt. Es geht mir recht sonderbar: bisweilen wenn ich ganz allein im Zimmer sitze und die Augen geschlossen habe, oder über die Hügel gehe, dann treten die Menschen, die ich gesehen und gekannt habe, und wenn's auch nur wenige Tage waren, vor mich hin und ich höre ihre Stimmen und sehe ihre Blicke und Bewegungen, deutlicher fast als da ich wirklich bei ihnen war und sie mit Händen greifen konnte. Und dann zieht es mich im Herzen mächtig zu ihnen hin, und ich fühle ihr Los wie mein eigenes, und suche Trost, indem ich es vor dem Herrn bringe und sie und mich seiner Liebe anheimgebe. Und darum bin ich gewiß, du wirst mir auch erscheinen im Geiste.«

Sie hielt einen Augenblick inne, aber Hetty sagte nichts.

»Ich habe köstliche Stunden gehabt,« fuhr Dina fort, »gestern abend und heute, zwei so gute Söhne zu sehen, wie Adam und Seth Bede. Sie sind so zärtlich und sorglich gegen ihre alte Mutter. Und sie hat mir erzählt, was Adam all diese Jahre her für seinen Vater und seinen Bruder gethan hat; es ist ganz herrlich, was für ein Geist der Weisheit und Einsicht in ihm ist und wie gern er ihn gebraucht für die Schwachen. Liebe ist auch in ihm, das bin ich gewiß. Ich habe oft unter meinen Bekannten in Snowfield bemerkt, daß die starken und geschickten Männer gegen Frauen und Kinder meist am freundlichsten sind, und es sieht so hübsch aus, wenn sie die kleinen Kinder tragen, als wären sie leicht wie Vögelchen. Und die Kinder scheinen immer einen starken Arm am liebsten zu haben. So wird es auch mit Adam Bede sein. Meinst du nicht auch, Hetty?«

»Ja wohl,« antwortete Hetty zerstreut; ihre Seele war die ganze Zeit im Wäldchen gewesen, und es wäre ihr schwer geworden, zu sagen um was es sich handelte. Dina merkte, daß sie zum Sprechen nicht aufgelegt sei, und da waren sie auch schon an dem Thor des Pachthofs.

Das stille Zwielicht mit der scheidenden Abendröte und den wenigen, schwach flimmernden Sternen lag auf dem Pachthof; kein Laut war zu hören als das Scharren der Ackerpferde im Stall. Es war etwa eine Viertelstunde nach Sonnenuntergang; die Hühner waren alle schlafen gegangen, und der Bullenbeißer lag auf dem Stroh vor seinem Häuschen, mit dem schwarzbraunen Dachshund zur Seite, als das Zuschlagen des Thores sie aufstörte; mit lautem Gebell gaben die treuen Wächter Antwort, ohne recht zu wissen worauf.

Man mußte das Gebell im Hause gehört haben; als Dina und Hetty näher kamen, trat eine stattliche Figur mit einem roten Gesicht und schwarzen Augen in die Hausthür und füllte sie in der ganzen Breite aus. An Markttagen mochte dies Gesicht ungeheuer gescheit aussehen, bisweilen sogar überlegen verächtlich blicken können; jetzt aber überwog der Ausdruck herzlicher Gutmütigkeit und es schien die Aufschrift zu tragen: »nach genossener Mahlzeit.« Bekanntlich sind große Gelehrte, welche in ihrer Kritik über anderer Leute Gelehrsamkeit die schonungsloseste Härte zeigten, im Privatleben oft nachgiebig und nachsichtig gewesen, und ich habe mir von einem Gelehrten erzählen lassen, der mit der linken Hand sanft seine Zwillinge wiegte, während er mit der rechten die vernichtendsten Spöttereien über einen Gegner ausschüttete, der eine grobe Unkenntnis des Hebräischen verraten hatte. Schwächen und Irrtümer muß man verzeihen – ach, sie sind uns nicht fremd! – aber wer in der wichtigen Frage der hebräischen Accente Unrecht hat, der muß wie ein Feind des Menschengeschlechts behandelt werden. Eine ähnliche Mischung von Gegensätzen fand sich bei Martin Poyser; er hatte eine so vortreffliche Natur, daß er gegen seinen alten Vater freundlicher und ehrerbietiger geworden war als je, seit dieser ihm sein ganzes Vermögen abgetreten hatte, und in allen persönlichen Fragen war niemand nachsichtiger gegen seine Nachbarn als er; aber gegen einen Landwirt, wie der alte Lucas z. B., der seinen Acker nicht gehörig in Ordnung hielt, der vom Anlegen der Hecken und Gräben nicht die Anfangsgründe verstand und beim Ankauf seiner Wintervorräte nur wenig Einsicht bewies, gegen den war Martin Poyser so schneidend und unerbittlich wie der Nordostwind. Der arme Lucas konnte nicht eine Bemerkung machen, nicht einmal übers Wetter, in der nicht Martin Poyser einen Anflug von der Urteilslosigkeit und allgemeinen Unwissenheit gefunden hätte, die sein ganzes landwirtschaftliches Thun und Treiben bezeichnete. Am Markttage mochte er den Menschen nicht seinen Krug Bier an den Mund nehmen sehen, und wenn er ihn nur auf der andern Seite des Weges erblickte, nahmen seine schwarzen Augen sofort einen strengen und kritischen Ausdruck an, der sehr stark abstach gegen den väterlichen Blick, mit dem er jetzt seine beiden Nichten begrüßte. Pachter Poyser hatte sein Abendpfeifchen geraucht und hielt jetzt die Hände in den Taschen, – die einzige Beschäftigung für einen Mann, der nach der Arbeit des Tages noch aufsitzt.

»Ei, ei, Mädel! Ihr seid heut' ein bißchen lange ausgeblieben,« sagte er; »Mutter hat sich schon um euch geängstigt, und unsere Kleine ist dazu noch ein bißchen krank. Und wie hast du die alte Frau Bede verlassen, Dina? Ist sie sehr herunter wegen des Alten? Die letzten fünf Jahre ist er ihr doch eine böse Last gewesen.«

»Sein Tod hat sie sehr angegriffen,« antwortete Dina, »aber heute schien sie schon etwas gefaßt zu sein. Adam war den ganzen Tag zu Haus und arbeitete an dem Sarge für den Vater, und die Mutter hat ihn auch gern in der Nähe. Fast den ganzen Tag hat sie mir von ihm erzählt. Sie hat ein liebevolles Herz, wird aber leider leicht verdrießlich und mißmutig. Ich wollte, sie hätte einen festeren Halt, an dem sie sich in ihren alten Tagen aufrichten könnte.«

»Adam ist fest genug,« sagte Poyser, welcher diesen Wunsch mißdeutete. »Der gehört nicht zu denen, wo bloß Stroh ist und kein Korn; der wird sich bewähren, wenn es zum Klappen kommt. Für den bürge ich, der bleibt ein guter Sohn bis ans Ende. Hat er nicht gesagt, ob er uns bald besuchen will? Aber herein mit euch,« fügte er hinzu und trat aus der Thür zurück, »ich brauche euch nicht noch länger aufzuhalten.«

Die hohen Gebäude rings um den Hof verdeckten zwar ein gut Stück vom Himmel, aber das große Fenster ließ noch Licht genug herein und jeder Winkel des Flurs war zu sehen.

Frau Poyser saß in dem Wiegestuhl, der aus dem vorderen Wohnzimmer herbeigeholt war, und versuchte Totty in Schlaf zu lullen. Aber Totty hatte nicht die geringste Neigung zu schlafen, und als ihre Cousinen eintraten, richtete sie sich auf und zeigte ein Paar hochrote Backen, die in der leinenen Nachtmütze dicker aussahen als je.

In dem großen von Rohr geflochtenen Lehnstuhl, links vom Kamin, saß der alte Martin Poyser, ein gesundes, wenn auch etwas verfallenes und verblaßtes Ebenbild seines stattlichen, schwarzhaarigen Sohnes, – den Kopf etwas vornüber geneigt und die Ellbogen zurückgeschoben, so daß sein ganzer Vorderarm auf der Stuhllehne ruhen konnte. Sein blaues Taschentuch hatte er sich über die Knie gebreitet, wie er im Hause zu thun pflegte, wenn er es sich nämlich nicht über den Kopf hing, und so sitzend beobachtete er, was um ihn vorging, mit dem ruhigen, ganz nach außen gerichteten Blick eines gesunden Alten, der, nicht mehr beteiligt an innerlichen Vorgängen, die kleinste Nadel auf dem Boden sieht, den kleinsten Bewegungen seiner Umgebung mit einer völlig zwecklosen und absichtslosen Ausdauer folgt, das Flackern der Flamme und die Sonnenstrahlen an der Wand beobachtet, die Quadersteine des Fußbodens zählt, selbst den Zeiger an der Uhr langsam vorrücken sieht und seine Freude daran hat, wenn er in dem Tick-Tack einen Rhythmus oder eine Melodie findet.

»Ist das die Zeit, abends nach Haus zu kommen, Hetty?« fuhr Frau Poyser auf. »Sieh mal, was die Uhr ist; nun? Es geht schon auf halb zehn, und die Mädchen hab' ich vor einer halben Stunde zu Bett geschickt, und das war schon spät genug, da sie um halb fünf wieder 'raus sollen und den Mähern die Suppe geben und backen; und dies liebe Kind hier hat das Fieber, das soll mal einer sehen, und ist noch so wach als wär's Mittagszeit, und keiner konnte mir helfen, ihr die Medizin einzugeben, als dein Onkel, und Mühe genug hat's gemacht, und halb hat sie's noch auf den Nachtrock gegossen, und wenn sie von dem bißchen nicht noch schlimmer wird statt besser, dann will ich's loben. Aber wer sich mal nicht nützlich machen will, der hat immer das Glück und ist aus dem Wege, wenn's was zu thun giebt.«

»Ich bin vor acht Uhr weggegangen, Tante,« erwiderte Hetty etwas schnippisch und warf das Köpfchen in die Höhe. »Aber unsere Uhr geht so viel vor gegen die Uhr auf dem Schlosse, daß ich gar nicht weiß, um welche Zeit ich wohl hier sein werde.«

»Wie? wolltest wohl gar unsre Uhr nach vornehmer Leute Zeit stellen, so?! Und bei der Lampe möchtest du aufsitzen und im Bett liegen, daß die Sonne dich brät wie die Gurken im Glaskasten? Und die Uhr geht doch heute nicht zum erstenmal vor, sollte ich glauben.«

Die Sache war, Hetty hatte wirklich den Unterschied zwischen den beiden Uhren vergessen, als sie dem Kapitän sagte, sie mache sich um acht Uhr auf den Rückweg, und da sie noch dazu langsamer gegangen war, hatte sie sich fast eine halbe Stunde verspätet. Glücklicherweise wurde jetzt die Aufmerksamkeit ihrer Tante von dieser häkeligen Frage durch Totty abgelenkt, die sich endlich überzeugte, daß sie von der Ankunft ihrer Cousinen nichts besonderes zu erwarten hätte, und nun wieder sehr ungestüm zu weinen und Mama, Mama zu schreien anfing.

»Hier, mein Herzchen; Mutter nimmt Totty und bleibt bei ihr; Totty ist auch ein gutes Kind und schläft hübsch ein,« sagte Frau Poyser, lehnte sich zurück und schaukelte sich hin und her, während sie ihr Kindchen fest an sich hielt. Aber Totty weinte nur noch lauter und rief: nicht schaukeln, nicht schaukeln!« und mit der wunderbaren Geduld, welche die Liebe auch dem unruhigsten Temperament giebt, richtete sich die Mutter nun in die Höhe, drückte das kleine Köpfchen gegen ihr Gesicht, küßte es und vergaß Hetty auszuschelten.

»Komm, Hetty,« sagte Martin Poyser in versöhnlichem Tone, »komm und hol' dir dein Abendbrot aus der Vorratskammer, und dann kannst du die Kleine etwas nehmen, während die Tante sich auszieht, denn Totty will ohne ihre Mutter nicht zu Bett. Und ich glaube, du könntest auch ein bißchen essen, Dina; da unten die Leute hatten wohl nichts recht's im Hause.«

»Nein, Onkel, ich danke,« erwiderte Dina; »ich habe ganz tüchtig gegessen, ehe ich wegging; Frau Bede hat mir einen Topfkuchen gemacht.«

»Ich brauche kein Abendbrot,« sagte Hetty und nahm ihren Hut ab; »wenn Tante will, kann ich jetzt Totty nehmen.«

»Was ist das nun wieder für ein Unsinn!« fuhr Frau Poyser auf. »Meinst du, du brauchst nicht zu essen und wirst fett von den roten Bändern, die du dir an den Kopf steckst? Den Augenblick holst du dir dein Abendbrot, Kind; ich habe dir ein hübsch Stück kalten Pudding hingestellt, gerade wie du's gern magst.«

Hetty fügte sich schweigend und ging nach der Vorratskammer. Nun wandte sich Frau Poyser an Dina:

»Setz' dich, liebes Kind, und thu' so, als wüßtest du was Bequemlichkeit ist. Die alte Frau freute sich gewiß recht über deinen Besuch, da du so lange geblieben bist?«

»Zuletzt schien sie mich wirklich gerne bei sich zu haben, aber ihre Söhne sagen, für gewöhnlich habe sie junge Mädchen nicht gern um sich, und ganz zu Anfang glaubte ich beinahe, sie wäre böse über meinen Besuch.«

»I, das ist 'ne böse Geschichte, wenn alte Leute die jungen nicht leiden mögen,« bemerkte der alte Martin, indem er seinen Kopf etwas tiefer senkte und das Muster auf dem Steinpflaster des Fußbodens zu studieren schien. »Ja, wer Flöhe nicht gern hat, ist in einem Hühnerstall übel dran,« meinte Frau Poyser; »wir haben alle unsre junge Zeit gehabt, dünkt mich, – wohl oder übel.«

»Aber sie wird sich schon an junge Frauen gewöhnen müssen,« sagte der Hausherr; »darauf ist doch nicht zu rechnen, daß Adam und Seth ihrer Mutter zu Gefallen die nächsten zehn Jahre noch unverheiratet bleiben. Das wäre unverständig. Es ist nicht recht, weder für Alte noch für Junge, daß sie alles nach ihrem Willen haben wollen. Was für den einen gut ist, ist zuletzt auch für die andern gut. Ich bin gerade auch kein Freund von dem frühen Heiraten, wenn das junge Volk noch keinen Apfel vom Holzapfel unterscheiden kann; aber man kann auch zu lange warten.«

»Gewiß das,« sagte Frau Poyser; »wenn man über die Essenszeit wartet, da hat man keine rechte Freude am Essen; man dreht es mit der Gabel hin und her und endlich ißt man's doch nicht; und dann soll das Essen die Schuld haben, und doch hat sie bloß der Magen.«

Hetty kam jetzt aus der Vorratskammer zurück und sagte: »jetzt kann ich Totty nehmen, Tante, wenn Ihr wollt.«

»Nun, Frau,« sagte Martin, als diese zu zögern schien, weil Totty endlich still war, »laß sie doch von Hetty hinaufbringen, während du dich fertig machst. Du bist müde; es ist hohe Zeit, daß du zu Bett kommst; du holst dir gewiß wieder dein Seitenstechen.«

»Nun ja, sie kann sie hinnehmen, wenn das Kind zu ihr gehen will,« erwiderte Frau Poyser.

Hetty trat nahe an den Lehnstuhl heran, aber ohne ihr gewöhnliches Lächeln und ohne den geringsten Versuch, Totty an sich zu locken; sie wartete einfach, daß die Tante ihr das Kind auf den Arm gebe.

»Willst du zu Hetty gehen, Herzchen, damit Mutter sich fertig machen kann? Dann soll Totty in Mutter ihr Bett und die ganze Nacht da schlafen.«

Aber ehe noch die Mutter geendet hatte, gab Totty schon in der unzweideutigsten Weise ihre Antwort; sie zog die Stirn kraus, kniff ihre kleinen Zähnchen auf die Unterlippe, beugte sich vornüber und schlug Hetty mit ganzer Kraft auf den Arm; dann duckte sie sich wieder an ihre Mutter, ohne ein Wort zu sprechen.

»Ei, ei!« rief der Vater, während Hetty sich nicht rührte, »nicht zu Hetty gehen? das ist ja wie ein kleines Kind; Totty ist ein kleines Mädchen und kein Kind mehr.«

»Es hilft doch nichts, ihr zuzureden,« sagte Frau Poyser; »wenn ihr was fehlt, hat sie immer was gegen Hetty. Vielleicht geht sie zu Dina.«

Dina hatte Hut und Tuch abgelegt und bisher ruhig im Hintergrunde gesessen; sie wollte Hetty bei dem, was ihr eigentlich zukam, nicht gern in den Weg treten. Aber jetzt kam sie hervor, hielt dem Kinde die Arme entgegen und sagte: »komm, Totty, komm zu Dina; ich bringe dich mit Mutter die Treppe hinauf; die arme, arme Mama! Sie ist so müde, sie muß zu Bett.«

Totty wandte ihr Gesicht nach Dina und sah sie einen Augenblick an; dann richtete sie sich auf, streckte die kleinen Ärmchen aus und ließ sich von Dina ihrer Mutter vom Schoß nehmen. Hetty wandte sich ohne jedes Zeichen von Unzufriedenheit ab, nahm ihren Hut vom Tisch und stellte sich hin und wartete gleichgültig, ob ihr noch irgend etwas geheißen würde.

»Du kannst jetzt die Thür abschließen, Poyser; Alick ist schon lange zu Haus,« sagte Frau Poyser, und stand sichtlich erleichtert von ihrem niedrigen Stuhle auf. »Gieb mir das Feuerzeug, Hetty, ich muß das Nachtlicht in meiner Kammer anstecken. Kommt, Vater; Ihr müßt auch zu Bett.«

Die schweren hölzernen Riegel knarrten an den Hausthüren, und der alte Großvater rüstete sich zum Gehen, indem er das blaue Taschentuch zusammenlegte und seinen glänzenden Knotenstock von Wallnußholz aus der Ecke nahm. Frau Poyser verließ nun die Küche, der Großvater und Dina – mit Totty auf dem Arm – folgten, alle gingen im Dunkelwerden zu Bett wie die Vögel. Frau Poyser warf erst noch einen Blick in die Kammer, wo ihre beiden Knaben schliefen, nur um ihre roten, runden Backen in den Kissen zu sehen und einen Augenblick ihr leises, gleichmäßiges Atmen zu hören.

»Nun, Hetty, geh' du auch zu Bett,« sagte Onkel Poyser freundlich, indem er sich nach der Treppe wandte; »du hast gewiß nicht gewußt, daß es schon so spät sei, davon bin ich überzeugt, aber Tante hat sich heute viel quälen müssen. Gute Nacht. Mädchen, gute Nacht.«