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Adam Bede.  George Eliot
Abschnitt 10. Dina besucht Lisbeth
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Um fünf Uhr kam Lisbeth mit einem großen Schlüssel in der Hand die Treppe hinunter; es war der Schlüssel von der Kammer, wo ihr Mann tot lag. Den ganzen Tag war sie nur selten in laute, schmerzliche Klagen ausgebrochen, war beständig in Bewegung gewesen und hatte die Vorbereitungen zum Begräbnis so andächtig und sorgsam getroffen, als wäre es eine gottesdienstliche Handlung. Sie hatte ihren kleinen Vorrat von gebleichtem Leinen hervorgeholt, welches sie seit Jahren für diesen äußersten Fall bereit hielt; es schien ihr wie gestern, jener Tag, seit welchem schon so viele, viele Sommer verstrichen waren: als sie ihrem Matthis gesagt hatte, wo dies Leinen läge, damit er es ja finden und herausnehmen könnte nach ihrem Tode, denn sie war älter als er. Dann hatte sie mit der äußersten Sauberkeit die geweihte Kammer gereinigt und jede Spur des täglichen Lebens daraus entfernt. Das kleine Fenster, welches bisher das kalte Mondlicht wie die warme Morgensonne ungehindert den Schlummer des Arbeitsmannes hatte bescheinen lassen, mußte nun durch ein schneeweißes Laken verdunkelt werden; denn jetzt schlief der Mann den Schlaf, der unter dem nackten Dache des Armen so heilig gilt wie unter den Plafonds reicher Paläste. Selbst einen lang vernachlässigten und unmerklichen Riß in dem bunten Stück von Bettbehang hatte Lisbeth ausgebessert; denn die Augenblicke waren gezählt und kostbar, wo sie dem stillen Leichnam, den sie in allen ihren Gedanken eine Art Bewußtsein zuschrieb, durch kleine Dienste ihre Achtung und Liebe beweisen konnte. Unsre Toten sind nie tot für uns, so lange wir sie nicht vergessen haben; wir können sie noch betrüben und verletzen; sie wissen von unsrem Schmerz und unsrer Trauer, daß ihr Platz nun leer ist, von jedem Kusse, den wir dem kleinsten Zeichen der Erinnerung an sie geben. Und alte Bauerfrauen glauben am allermeisten, daß ihre Toten Bewußtsein haben. An ein anständiges Begräbnis für sich selbst hatte Lisbeth Jahre lang gedacht und dabei die unbestimmte Erwartung gehegt, sie würde es wissen, wenn man sie auf den Kirchhof trüge und ihr Mann mit den Söhnen ihrer Leiche folgte, und nun sah sie es als etwas großes an, daß ihr Matthis vor ihr anständig begraben würde – dort unter dem Weißdornbusch, wo sie einst im Traume sich im Sarge gesehen und dabei doch in das Sonnenlicht geblickt und die weißen Blüten gerochen hatte, die so dicht standen an jenem Sonntag, wo sie nach Adams Geburt ihren Kirchgang hielt.

Aber nun war sie mit allem fertig, was heute in der Totenkammer geschehen konnte, und alles hatte sie selbst gethan; nur ihre Söhne hatten ihr etwas dabei geholfen, denn aus dem Dorfe wollte sie bei Leibe keinen haben, und ihr Liebling Dorchen, die alte Haushälterin bei Meister Burge, welche bei der ersten Nachricht von Matthis' Tode hergekommen war, um sie zu trösten, konnte nicht mehr klar aus den Augen sehen und also auch nur wenig helfen. Lisbeth hatte die Thür zugeschlossen und, den Schlüssel noch in der Hand, warf sie sich müde auf einen Stuhl mitten auf dem Flur, wo sie in gewöhnlichen Zeiten sich nie hingesetzt haben würde. Um die Küche hatte sie sich den Tag gar nicht bekümmert; sie war schmutzig von vielen Fußtritten, und Kleider und andere Sachen lagen unordentlich umher. Aber was zu jeder andern Zeit für Lisbeths Ordnungsliebe und Reinlichkeit unerträglich gewesen wäre, das schien ihr jetzt grade in Ordnung; es war ganz recht, daß es auffallend und unordentlich und unglücklich im Hause aussah, nun ihr alter Mann ein so trauriges Ende gefunden hatte: die Küche durfte nicht so aussehen, als wenn gar nichts vorgefallen wäre. Adam war von der Aufregung und Anstrengung des Tages und der harten Arbeit der vorigen Nacht überwältigt, auf einer Bank in der Werkstatt eingeschlafen, und Seth machte in der kleinen Hinterstube Feuer an, um seiner Mutter eine Tasse Thee zu bereiten.

Lisbeth war ganz allein in ihrer Küche. Mit starren Augen blickte sie um sich her auf den Schmutz und die Unordnung, wo die helle Nachmittagssonne traurig hereinschien; es stimmte das zu der traurigen Verwirrung in ihrem Innern – jener Verwirrung, welche die ersten Stunden nach einem plötzlichen Schicksalsschlage bezeichnet. Zu jeder andern Zeit wäre Lisbeths erster Gedanke gewesen »wo ist Adam?« Aber der plötzliche Tod ihres Mannes hatte diesem für jetzt wieder den ersten Platz in ihrem Herzen gegeben, den er vor sechsundzwanzig Jahren einnahm: sie hatte seine Fehler vergessen, wie wir die kleinen Leiden unserer entschwundenen Kindheit vergessen, und dachte nur noch an seine Freundlichkeit in den ersten Jahren ihrer Ehe und an seine Geduld im Alter. So schaute sie mit leeren Blicken um sich, als Seth hereinkam, einige Ordnung machte und den kleinen runden Küchentisch säuberte, um den Thee für seine Mutter darauf zu setzen.

»Was schaffst du da?« fragte sie beinahe verdrießlich.

»Ich bring' dir 'ne Tasse Thee,« antwortete Seth zärtlich; »die wird dir gut thun, und dann will ich hier ein bißchen aufräumen, damit es etwas freundlicher aussieht.«

»Freundlicher aussieht! Wie kannst du nur davon sprechen? Laß es sein, laß es gut sein. Für mich giebt's nichts freundliches mehr,« fuhr sie fort und die Thränen kamen ihr in die Augen, »nun dein armer Vater tot ist, für den ich genäht habe und gewaschen und gekocht dreißig Jahre lang, und immer war er so mit allem zufrieden, was ich für ihn that, und so geschickt war er und that meine Arbeit, wenn ich selbst krank war, und brachte mir alles oben ans Bett, so schön wie's nur sein konnte, und den Jungen, der so schwer war wie zwei andre Kinder, trug er ein paar Stunden weit, ohne zu murren, weil ich meine Schwester besuchen wollte, die Weihnachten darauf starb. Und der ist nun ertrunken in dem Bache, wo wir an unserm Hochzeitstage herübergegangen sind hier nach Hause, und gestorben ist er, und ich war nicht dabei, sondern schlief ruhig in meinem Bett, als wenn's mich nichts anginge. Ach, daß ich das erleben muß – laß mich zufrieden, Kind, laß mich, ich will keinen Thee; es ist mir einerlei, ob ich je wieder esse oder trinke. Wenn eine Brücke an einem Ende einstürzt, warum soll das andere Ende noch stehen bleiben? Am besten, ich sterbe auch und folge meinem Alten. Er hat mich gewiß nötig.«

Hier ging Lisbeth von Worten in Klagen und Stöhnen über und wiegte sich auf ihrem Stuhle hin und her. Da Seth seiner Mutter gegenüber immer schon etwas schüchtern war, weil er wohl fühlte, daß er keinen Einfluß auf sie habe, so versuchte er gar nicht, ihr zuzureden oder sie zu beruhigen; er sah ein, das helfe doch nichts, bis dieser Anfall vorüber sei, und ging wieder leise in das Hinterstübchen zurück, wo er seines Vaters Kleider, die seit dem Morgen zum Trocknen aushingen, zusammenlegte und sich sonst zu schaffen machte, immer möglichst geräuschlos, um seine Mutter nicht noch mehr zu reizen.

Nachdem Lisbeth einige Minuten laut gestöhnt hatte, hielt sie plötzlich inne und sagte laut zu sich selbst:

»Ich muß mich doch nach Adam umsehen, ich weiß gar nicht, wo er hingekommen ist, und er muß mit mir vor Dunkelwerden nach oben gehen; die Minuten, wo wir den Mann noch im Hause haben und ansehen können, gehen hin wie schmelzender Schnee.«

Seth hörte das, trat wieder in die Küche zu seiner Mutter und sagte: »Adam schläft in der Werkstatt, Mutter; wecke ihn lieber nicht; er ist ganz angegriffen von aller Arbeit und Trübsal.«

»Ihn wecken? Wer will ihn denn wecken? Wenn ich ihn ansehe, davon wacht er doch nicht auf! Ich habe den Jungen ganze zwei Stunden nicht gesehen und weiß beinah' nicht mehr, ob er gewachsen ist, seitdem sein Vater ihn trug.«

Adam saß auf einer Bank, den Kopf in die Hand gestützt, sein Oberarm ruhte auf der langen Hobelbank. Es schien, als habe er sich einige Minuten ausruhen wollen und sei sofort fest eingeschlafen in dieser Stellung wehmütigen, abgespannten Nachdenkens. Sein Gesicht, noch ungewaschen, sah blaß und schmutzig aus, das Haar hing ihm wüst um die Stirn, und die geschlossenen Augen waren eingefallen vom Nachtwachen und Leiden. Die Augenbrauen waren zusammengekniffen, und sein ganzes Gesicht trug den Ausdruck der Ermattung und des Schmerzes. Gyp war offenbar besorgt, er saß auf den Hinterbeinen, hatte die Schnauze auf das ausgestreckte Bein seines Herrn gelegt und leckte abwechselnd die regungslos herabhängende Hand und blickte horchend nach der Thür. Das arme Tier war hungrig und unruhig, wollte aber doch seinen Herrn nicht verlassen und wartete ungeduldig auf irgend eine Änderung der Lage. Als nun Lisbeth in die Werkstatt trat und so leise sie konnte auf Adam zuging, wurde ihre Absicht, den Sohn nicht zu wecken, sofort durch den Hund vereitelt; in seiner Aufregung konnte er es nicht lassen, einmal laut zu bellen, und sogleich öffnete Adam die Augen und sah seine Mutter vor sich stehen. Er glaubte noch zu träumen, denn sein Schlaf war kaum etwas anderes gewesen, als daß er, fieberhaft und wüst, alles wieder durchlebte, was seit Tagesanbruch vorgefallen war, und seine Mutter mit ihrem grämlichen Jammer war ihm nicht einen Augenblick aus dem Sinn gekommen. Der Hauptunterschied zwischen der Wirklichkeit und dem Traumbild war, daß ihm im Traume unaufhörlich Hetty leibhaftig entgegentrat und sich seltsam verschlang mit Vorgängen, wobei sie nichts zu thun hatte. Selbst am Weidenbach war sie; sie ärgerte seine Mutter, indem sie ins Haus kam, und als er im Regen nach Treddleston zum Totenbeschauer ging, traf er sie in ganz nassen Kleidern. Aber wo ihm auch Hetty erschien, seine Mutter kam bald dazu, und er war daher gar nicht überrascht, daß sie vor ihm stand, als er die Augen aufschlug.

»Ach, mein Sohn, mein Sohn!« brach Lisbeth sofort von neuem schluchzend aus – denn frischer Schmerz fühlt sich gedrungen, seinen Verlust und seine Klagen an jeden neuen Vorgang anzuknüpfen – »jetzt hast du bloß noch deine alte Mutter zur Last und Plage: dein armer Vater wird dich nicht mehr ärgern, und deine Mutter thut auch am besten, ihm zu folgen – je eher je besser; ich bin ja doch zu nichts mehr nutz; ein alter Rock paßt wohl einen andern zu flicken, aber zu was anderm ist er nicht zu gebrauchen. Du nimmst nun gewiß gern 'ne Frau, die für dich kocht und sorgt, und ich bin dann doch bloß 'ne Last und muß in der Ecke sitzen. (Adam drehte und wand sich unbehaglich hin und her; er fürchtete nichts mehr, als seine Mutter von Hetty sprechen zu hören.) Wenn aber dein alter Vater am Leben geblieben wäre, der hätte mich nie zurückgesetzt gegen eine andere; er hätte ja ohne mich so wenig fertig werden können, wie die eine Hälfte der Schere ohne die andere. Ach, wir hätten beide zusammen sterben sollen, dann hätt' ich den heutigen Tag nicht erlebt, und ihr hättet uns zusammen begraben können.«

Lisbeth hielt inne, aber Adam saß in schmerzlichem Schweigen: er durfte heute mit seiner Mutter nur zärtlich sprechen, aber dies Klagen mußte ihn doch verdrießen. Die arme Lisbeth konnte unmöglich wissen, wie ihre Worte Adam berührten, konnte das so wenig wissen, wie ein verwundeter Hund weiß, was die Nerven seines Herrn bei seinem Gewimmer leiden. Wie alle Frauen in solchen Fällen, klagte sie in der Erwartung, getröstet zu werden, und als Adam gar nicht antwortete, trieb sie das nur noch bitterlicher zu klagen.

»Ich weiß wohl, ohne mich wärst du viel besser dran; dann könntest du gehen, wohin du wolltest und heiraten, wen du wolltest. Aber ich will dir nicht hinderlich sein; bringe ins Haus, wen du willst; ich werde den Mund nicht aufthun, gegen keinen; denn wenn man alt wird und nichts mehr kann, dann mag man wohl von Glück sagen, wenn man zu leben und zu essen hat, wenn man auch manches mit hinunterschlucken muß, was einem nicht schmeckt. Und wenn auch dein Herz an einem Mädchen hängt, das dir nichts zubringt und das deinige noch verschwendet, obschon du's viel besser haben könntest, – ich will doch nichts dagegen sagen, nun Vater tot und ertrunken ist; ich tauge ja nicht mehr, als ein altes Heft, wenn die Klinge weg ist.«

»Das konnte Adam nicht länger ertragen; schweigend stand er von der Bank auf und ging aus der Werkstatt in die Küche, aber Lisbeth folgte ihm.

Willst du nicht hinaufgehen und Vater noch mal sehen? Ich bin jetzt oben fertig und er freut sich gewiß, wenn du ihn mal ansiehst; er freute sich immer so, wenn du gut zu ihm warst.«

Adam wandte sich um und sagte: »Ja, Mutter, laß uns hinaufgehen; komm, Seth, wir gehen zusammen.«

Sie gingen hinauf, und die nächsten fünf Minuten war alles still; dann hörte man Fußtritte die Treppe hinunter. Aber Adam blieb oben, er war zu müde und erschöpft, um sich noch dem geschwätzigen Jammer seiner Mutter auszusetzen, und hatte sich zu Bett gelegt. Lisbeth war kaum wieder in der Küche, als sie sich niedersetzte, die Schürze übers Gesicht nahm und wieder zu weinen und zu stöhnen begann und sich hin und her zu wiegen wie vorher. Seth dachte, nun sie oben gewesen seien, würde sie sich wohl allmählich beruhigen, und ging wieder in sein Hinterstübchen, um den Thee bereit zu halten, den zu trinken die Mutter sich nun doch bald entschließen würde.

Einige Minuten hatte sich Lisbeth so hin und her geschaukelt und bei jeder Bewegung vornüber ein dumpfes Stöhnen ausgestoßen, da fühlte sie plötzlich wie sich eine Hand sanft auf die ihrige legte, und hörte eine sanfte, feine Stimme sagen: »liebe Schwester, der Herr hat mich gesandt, damit ich nachsehe, ob ich Euch Trost bringen kann.«

Lisbeth saß still und horchte, ohne sich die Schürze vom Gesicht zu nehmen. Die Stimme war ihr fremd. War es vielleicht ihrer Schwester Geist, der nach so langen Jahren von den Toten wieder zu ihr kam? Sie zitterte und wagte nicht aufzublicken.

Dina glaubte, diese Pause des Erstaunens sei schon an sich eine Erleichterung für die betrübte Frau und sagte zunächst kein Wort, sondern legte ruhig den Hut ab, winkte Seth, der auf den Klang ihrer Stimme mit klopfendem Herzen hereingetreten war, er möge schweigen, und legte ihre Hand hinten aus Lisbeths Stuhl und beugte sich über sie, damit sie merke, es sei ein Freund bei ihr.

Langsam nahm Lisbeth die Schürze herunter und schlug schüchtern ihre trüben, dunklen Augen auf. Zuerst sah sie nichts als ein Gesicht, ein feines, blasses Gesicht mit liebevollen, grauen Augen, welches ihr ganz unbekannt war. Ihre Verwunderung stieg: vielleicht war es ein Engel. Aber in demselben Augenblick hatte Dina ihre Hand wieder auf die Lisbeths gelegt, und die alte Frau blickte auf diese Hand hinab. Sie war viel kleiner als ihre eigene, aber nicht weiß und zart, denn Dina hatte nie in ihrem Leben Handschuhe getragen, und man sah ihren Händen an, daß sie von Jugend auf gearbeitet hatte. Lisbeth betrachtete sich die Hand einen Augenblick genau, richtete dann ihren Blick wieder auf Dinas Gesicht und sagte mit etwas mehr Mut, aber noch immer im Tone der Überraschung:

»Ei, Ihr seid ja von unserm Stande!«

»Ja, ich bin Dina Morris und zu Hause arbeit' ich in der Baumwollenspinnerei.«

»Aha!« erwiderte Lisbeth langsam und noch immer verwundert; »Ihr kamt so leise herein wie der Schatten an der Wand und spracht mir ins Ohr, daß ich glaubte, Ihr wärt ein Geist. Ihr habt beinahe ein Gesicht wie der Engel, der auf dem Grabe sitzt in Adam seiner neuen Bibel.«

»Ich komme vom Pachthof. Ihr kennt doch Frau Poyser; sie ist meine Tante und hat mit rechter Betrübnis von Eurem großen Unglück gehört, und ich bin gekommen, um zu sehen, ob ich Euch in Eurer Not beistehen kann; denn ich kenne Eure Söhne Adam und Seth und weiß, daß Ihr keine Tochter habt, und als mir Pastor Irwine erzählte, wie schwer die Hand des Herrn auf Euch liegt, da zog mich das Herz zu Euch, und ich fühlte mich getrieben vom Geiste, herzukommen und Euch in diesem Schmerz eine Tochter zu sein, wenn Ihr mir das erlauben wollt.«

»O, jetzt weiß ich, wer Ihr seid; Ihr gehört zu den Methodisten, wie Seth; er hat mir von Euch erzählt,« sagte Lisbeth unmutig, denn nun, wo das Erstaunen vorüber war, überwältigte sie wieder das Gefühl des Schmerzes. »Ihr werdet auch sagen, diese Trübsal sei etwas Gutes, wie er immer sagt. Aber was hilft es, wenn Ihr mir das vorredet? Mit Eurem Sprechen könnt Ihr meine Wunden nicht heilen. Ihr werdet mich doch nicht überreden, es sei besser für mich, daß mein Alter nicht in seinem Bette starb, wenn er mal sterben mußte, wo der Pastor mit ihm beten und ich bei ihm sitzen und ihm sagen konnte, er solle nicht gedenken der bösen Worte, die ich ihm bisweilen gab, wenn ich ärgerlich war, und ihn erquicken konnte mit Speise und Trank, so lange er noch schlucken konnte. Aber so! Du mein Gott! Umzukommen im kalten Wasser und wir nahe dabei, und wußten doch nichts davon, und ich im Schlaf, als ginge er mich nicht mehr an, als ein Bettler und Herumtreiber, der keine Heimat hat!«

Wieder begann Lisbeth zu weinen und sich auf ihrem Stuhle hin und her zu bewegen, und Dina antwortete:

»Ja, liebe Freundin, Eure Trübsal ist groß. Es wäre Herzenshärtigkeit zu behaupten, Ihr hättet nicht schwer daran zu tragen. Gott hat mich nicht hergeschickt, daß ich es leicht nähme mit Eurer Not, sondern daß ich mit Euch trauerte, wenn Ihr es mir gestatten wollt. Hättet Ihr ein frohes Mahl bereitet und wäret vergnügt mit Euren Freunden, so hieltet Ihr es wohl für eine Freundlichkeit, wenn Ihr mich hereinkommen und Platz nehmen und mit Euch fröhlich sein ließet, denn ihr würdet glauben, ich hätte gern was mit von diesen guten Dingen; aber ich nehme wahrlich lieber teil an Eurer Trübsal und Not, und mir wäre es härter, wenn Ihr mir das verweigertet. Ihr schickt mich doch nicht fort? Ihr seid doch nicht böse, daß ich gekommen bin?«

»Nein, nein; böse?! Wer sagt denn, ich sei böse? Es ist freundlich von Euch, daß Ihr hergekommen seid. Und du, Seth, warum machst du nicht Thee für sie? Du hattest es so eilig, welchen für mich zu machen, ohne daß ich's bedurfte, aber für Leute, die es nötig haben, da denkst du nicht dran. Setzt Euch doch, setzt Euch. Ich danke Euch freundlich für Euren Besuch; Ihr werdet nicht viel davon haben, daß Ihr durch die nassen Felder herkommt wegen so 'ner alten Frau... Nein, eine Tochter hab' ich nicht, habe nie eine gehabt und bin auch nicht unglücklich darüber gewesen; es sind arme, schwache Geschöpfe die Mädchen; ich habe mir immer Jungens gewünscht, die für sich selbst sorgen können. Und die Bursche verheiraten sich ja auch; ich bekomme noch Töchter genug, vielleicht mehr als genug. Aber nun macht Euch den Thee selbst, wie Ihr ihn gern trinkt, denn ich habe heute keinen Geschmack im Munde, es ist mir ganz einerlei, was ich trinke; es hat alles einen bittern Beigeschmack.«

Dina hütete sich wohl zu sagen, sie hätte schon ihren Thee gehabt; sie nahm Lisbeths Einladung sehr willig an, um desto eher die alte Frau zu überreden, daß sie selbst Speise und Trank zu sich nähme, deren sie nach der harten Arbeit und dem langen Fasten bedurfte.

Seth war über Dinas Besuch so glücklich, daß er unwillkürlich dachte, ihre Nähe verdiene mit einem Leben erkauft zu werden, in welchem Kummer auf Kummer unaufhörlich folge; aber schon im nächsten Augenblick machte er sich Vorwürfe; es kam ihm vor, als freue er sich über den traurigen Tod seines Vaters. Indes die Freude über Dinas Nähe behauptete ihr Recht und mußte es behaupten: sie war wie der Einfluß von Luft und Klima, dem nichts wiederstehen kann. Die Empfindung war ihm sogar im Gesicht so deutlich zu lesen, daß seine Mutter darauf aufmerksam wurde und beim Theetrinken bemerkte:

»Du hast wohl recht zu sagen, Trübsal sei gut für uns, Seth, denn du gedeihst dabei. Du siehst aus, als wüßtest du von Kummer und Sorge so wenig, wie damals, wo du als Kind wach in der Wiege lagst. Ja, du lagst immer still mit offenen Augen, und Adam wollte keine Minute still liegen, wenn er erst aufgewacht war. Du warst immer wie ein Beutel mit Mehl, immer glatt, grade wie dein armer Vater. Aber Ihr habt auch denselben Ausdruck,« wandte sich Lisbeth an Dina. »Das kommt wohl daher, daß Ihr beide zu den Methodisten gehört. Ich tadle Euch deshalb nicht; warum solltet Ihr mißmutig sein? und doch, ein bißchen traurig seht Ihr auch aus. Je nun, wenn die Methodisten gern in Not sind, denn kann ja Rat werden; es ist nur schade, daß sie nicht alle Trübsal auf sich nehmen und denen abnehmen können, die nicht so viel Gefallen daran finden. Ich für mein Teil hätte viel übrig gehabt; als mein Alter noch lebte, mußte ich mich plagen von früh bis spät, und nun er mir genommen ist, wär' ich glücklich, wenn ich wieder alles von vorne durchmachen könnte.«

Dina hütete sich wohl, Lisbeths Gefühl irgendwie zu widersprechen; daß sie sich bei den kleinsten Worten und Handlungen auf eine göttliche Führung verließ, gab ihr stets jenen feinen Takt der Frauen, der auf zartem und regem Mitgefühl beruht. »Ja wohl,« antwortete sie, »das pflegt so zu sein; ich erinnere mich selbst, wie mich nach dem Tode meiner Tante sehnsüchtig verlangte, nachts ihren bösen Husten wiederzuhören, statt der Stille, die mich nun in der Einsamkeit umgab. Aber, liebe Freundin, Ihr müßt noch 'ne Tasse Thee trinken und etwas mehr essen.«

»Wie?« fragte Lisbeth, indem sie die Tasse nahm und schon weniger verdrießlich wurde, »hattet Ihr denn nicht Vater oder Mutter, daß Ihr so trauertet um Eure Tante?«

»Nein, ich habe Vater und Mutter nie gekannt; meine Tante nahm mich schon als ganz kleines Kind zu sich. Sie hatte selbst keine Kinder, da sie nie verheiratet war, und erzog mich mit so viel Liebe, als war' ich ihr eigenes Kind gewesen.«

»Nun, da hat sie gewiß ihre liebe Not mit Euch gehabt, wenn Ihr noch so klein wart und sie ganz allein stand. Aber Ihr wart wohl auch kein wildes Kind; Ihr seht ja aus, als wärt Ihr in Eurem ganzen Leben nicht böse gewesen. Aber was fingt Ihr denn an, als Eure Tante tot war, und warum kamt Ihr nicht hierher, da Frau Poyser ja auch Eure Tante ist?«

Dina merkte, daß Lisbeths Aufmerksamkeit angeregt sei, und erzählte ihr nun die Geschichte ihres früheren Lebens, – wie sie von Jugend auf an schwere Arbeit gewöhnt sei, was für ein Ort Snowfield sei und wie viele Leute sich dort mühsam ernährten, kurz alles, wovon sie glaubte, daß es Lisbeth interessierte. Die alte Frau hörte zu und verlor unter dem milden Einfluß von Dinas Gesicht und Stimme ganz unvermerkt ihren Mißmut. Nach einiger Zeit ließ sie sich auch überreden, daß die Küche in Ordnung gebracht werden durfte; denn Dina hielt darauf, weil sie glaubte, das Gefühl der Ordnung und Ruhe um sie her würde Lisbeth günstig stimmen helfen für das Gebet, welches sie mit ihr zu Gott zu erheben sich sehnte. Seth machte sich draußen zu thun und ließ sie allein, weil er merkte, Dina wünsche es so.

Lisbeth saß und sah ihr zu, wie sie nach ihrer Art ruhig und schnell in der Küche geschäftig war, und sagte endlich: »Ihr versteht wirklich, was Aufräumen heißt, das muß man Euch lassen. Wenn Ihr meine Tochter sein könntet, das wäre mir schon recht: Ihr würdet nicht für schöne Kleider verschwenden, was meine Söhne verdienen. Ihr seid gar nicht wie die Mädchen hier bei uns. Die Leute in Snowfield sind ganz anders, scheint es, als hier herum.«

»Eine andere Lebensweise haben wohl viele da drüben,« antwortete Dina; »ihre Geschäfte sind sehr verschieden, einige arbeiten in der Spinnerei, andere in den umliegenden Gruben und Bergwerken. Aber das Herz des Menschen ist überall dasselbe, und Kinder dieser Welt und Kinder des Lichts giebt es dort so gut wie anderswo. Aber wir haben viel mehr Methodisten da als in dieser Gegend.«

»Nun, ich glaubte nicht, die Methodistenfrauen wären wie Ihr; da ist Willem Maskery seine Frau, eine große Methodistin, wie es heißt, die ist nicht nett anzusehen, gar nicht; ich sähe eben so gern eine Kröte. Und hört mal, es wäre mir ganz recht, wenn Ihr heute Nacht hier bliebet und hier schliefet; ich möchte Euch gern morgen früh im Hause haben. Aber Poysers erwarten Euch wohl heute abend zurück?«

»Nein,« antwortete Dina, »sie erwarten mich nicht, und wenn Ihr's erlaubt, will ich gerne hier bleiben.«

»Schön, und Platz haben wir auch; ich habe mir oben in der kleinen Hinterkammer mein Bett gemacht, da könnt Ihr bei mir schlafen. Ich hätte Euch so gern bei mir, um in der Nacht mit Euch zu sprechen; Ihr habt so 'ne hübsche Art zu reden; sie erinnert mich an die Schwalben, die letztes Jahr unter dem Strohdache nisteten, wenn sie des Morgens zuerst so leise und sanft anfingen zu singen. Ach, was mochte mein Alter die Vögel gern! Und Adam auch, aber dies Jahr sind sie nicht wiedergekommen. Vielleicht sind sie auch tot.«

»Da!« sagte Dina, »jetzt sieht die Küche wieder ordentlich aus, und nun, liebe Mutter – denn heute Nacht bin ich Eure Tochter, wißt Ihr – thut mir den Gefallen und wascht Euch das Gesicht und setzt 'ne reine Haube auf. Erinnert Ihr Euch, was David that, als Gott ihm sein Kind genommen hatte? So lange das Kind noch lebte, fastete er und betete zu Gott, daß er's am Leben ließe, und wollte weder essen noch trinken, sondern lag die ganze Nacht auf der Erde und betete zu Gott um sein Kind. Aber als er hörte, es sei tot, da stand er von der Erde auf und wusch sich und salbte sich und that frische Kleider an und aß und trank; und als sie ihn fragten, wie das komme, daß er aufhöre zu trauern, da das Kind tot sei, da sprach er: »Um das Kind fastete ich und weinte, da es lebte; denn ich gedachte: wer weiß ob mir der Herr gnädig wird, daß das Kind lebendig bleibe. Nun es aber tot ist, was soll ich fasten? kann ich es auch wiederum holen? Ich werde wohl zu ihm fahren, es kommt aber nicht wieder zu mir.«

»Ja, das ist ein wahres Wort,« sagte Lisbeth. »Ja, mein Alter kommt auch nicht wieder zu mir, aber ich werde zu ihm fahren – je eher, je besser. Nun, Kind, mache mit mir was du willst: da in der Schublade ist eine reine Haube, und ich will mir in der Kammer das Gesicht waschen. Und du, Seth, gieb uns Adam seine neue Bibel herunter mit den Bildern; Dina soll uns was vorlesen. Ja, ja, das höre ich gern: ich werde zu ihm fahren, aber er kommt nicht wieder zu mir.«

Dina und Seth dankten Gott in ihrem Herzen für die größere Ruhe, die über Lisbeth gekommen war. Das war es, was Dina mit ihrer Teilnahme und zugleich ihrer Enthaltung von jedem tröstenden Zuspruch bezweckt hatte. Von früh auf hatte sie viel Erfahrung gehabt unter den Kranken und Leidtragenden, unter Menschen, deren Sinn durch Armut und Unwissenheit verhärtet war, und hatte so das feinste Gefühl gewonnen, wie man sie am besten behandle und erweiche und empfänglich mache für die Worte geistlichen Trostes oder geistlicher Nahrung. Sie pflegte zu sagen, sie sei nie sich selbst überlassen, sondern es werde ihr immer von oben gegeben, wann sie schweigen und wann sprechen müsse. Und stimmen wir nicht alle darin überein, rasche Gedanken und edle Impulse Eingebung oder Inspiration zu nennen? Untersuchen wir die geistigen Vorgänge noch so genau, wir müssen doch mit Dina sagen, daß unsere höchsten Gedanken und unsere besten Thaten lauter Eingebung sind.

Ernstes Gebet, Glaube, Liebe und Hoffnung strömten den Abend in der kleinen Küche aus. Und ohne grade einen bestimmten Gedanken zu erfassen, ohne viele religiöse Empfindungen durchzumachen, hatte die arme, alte, mißmutige Lisbeth ein allgemeines Gefühl von Güte und Liebe und empfand, daß Gerechtigkeit diesem Leben zu Grunde liege und darüber walte. Sie konnte ihren Schmerz noch nicht fassen, aber unter dem milden Einflusse von Dinas Geist fühlte sie in jenen Augenblicken, sie müsse geduldig und still sein.