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Oliver Twist.  Charles Dickens
Kapitel 49. Monks und Mr. Brownlow treffen zusammen
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Es dunkelte bereits, als Mr. Brownlow mit zwei Männern, die einen dritten hielten und durch das geöffnete Tor drängten, vor seinem Hause einer Droschke entstieg. Schweigend ging Mr. Brownlow voran; widerstrebend folgte ihm Monks, von den beiden handfesten Männern geführt.

An der Türe blieb Monks stehen und schien sich weigern zu wollen, weiter zu gehen.

»Entweder – oder,« sagte Brownlow entschlossen. »Wenn er nicht pariert, dann schleppt ihr ihn einfach auf die Straße hinunter, ruft nach der Polizei und klagt ihn in meinem Namen als Verbrecher an.«

»Wie können Sie sich unterstehen – – –?« fuhr Monks auf.

»Und wie können Sie sich unterstehen, mich zum Äußersten zu drängen,« unterbrach ihn Mr. Brownlow. »Gut, lassen Sie ihn los. So, Sir, jetzt können Sie gehen, wohin Sie wollen, aber ich gebe Ihnen mein Wort, im nächsten Augenblick werden Sie wegen Betrug und Diebstahl verhaftet sein. Ich bin fest entschlossen, – tun Sie was Sie wollen, Ihr Blut komme auf Ihr eigenes Haupt.«

»Wer hat Ihnen erlaubt, mich auf offener Straße aufgreifen und von diesen Halunken hierher bringen zu lassen!«

»Das habe ich allein zu verantworten,« erwiderte Mr. Brownlow. »Sie können sich ja wegen Freiheitsberaubung beklagen; es hat in Ihrer Gewalt gestanden, sich zu entfernen – während der ganzen Fahrt, aber es erschien Ihnen rätlich, sich still zu verhalten. Wenn Sie die Behörden gegen mich anrufen wollen, – tun Sie es, aber sein Sie überzeugt, daß ich dann nicht Gnade für Recht ergehen lassen werde.«

Monks wurde unschlüssig.

»Besinnen Sie sich rasch,« fuhr Mr. Brownlow gelassen fort. »Wenn Sie wünschen, daß ich meine Anklagen öffentlich vorbringe und Sie der Polizei übergebe, so wissen Sie, was Sie zu tun haben. Wenn Sie dagegen meiner Nachsicht vertrauen und der Milde derer, denen Sie schweres Unrecht zugefügt haben, dann setzen Sie sich hier auf diesen Stuhl. Er ist bereits seit zwei Tagen für Sie vorbereitet.«

Monks murmelte etwas Unverständliches vor sich hin, zögerte aber noch immer.

»Beeilen Sie sich,« sagte Mr. Brownlow kalt. »Ein Wort von mir, und es gibt für Sie keine Wahl mehr.«

»Gibt es –« fragte Monks mit bebender Stimme, »– gibt es – keinen Mittelweg?«

»Keinen.«

Monks blickte den alten Herrn ängstlich an, dann schritt er in das Zimmer voraus und setzte sich achselzuckend nieder.

»Verriegelt ihr die Türe von draußen,« befahl Mr. Brownlow den beiden Männern, »und kommt erst herein, wenn ich klingele.«

Die Männer gehorchten.

»Das ist ja eine recht hübsche Behandlung, Sir,« begann Monks und legte Hut und Mantel ab, als sie allein waren, »– und noch dazu von dem ältesten Freund meines Vaters.«

»Eben weil ich der älteste Freund Ihres Vaters war, junger Mann,« erwiderte Mr. Brownlow, »und weil einst die schönsten Hoffnungen meiner Jugendzeit mit ihm verknüpft waren und dem holden Wesen, das so frühzeitig von der Erde genommen wurde und mich einsam hier zurückließ – und einst meine Frau hätte werden sollen, und weil mein freudearmes Herz an ihm hing seit jener Zeit und ihm treu blieb bis zum Tode, – eben deshalb lasse ich noch immer Milde gegen Sie walten. Ja, ja, Edward Leeford, noch immer lasse ich Milde Ihnen gegenüber walten, – Ihnen gegenüber, der Sie erröten müßten, dieses Namens so unwürdig zu sein.«

»Was hat das alles mit der Sache zu tun?« fragte Monks verstockt.

»Nichts,« antwortete Mr. Brownlow. »Ich weiß, der Name gilt Ihnen nichts. Aber es war ihr Name, und ich kann nur sagen, es freut mich, daß Sie ihn abgelegt haben – ja, ja, es freut mich.«

»Das alles klingt wunderschön,« begann Monks wieder nach einer Pause, »aber was wollen Sie von mir?«

»Sie haben einen Bruder, dessen Name ich Ihnen nur ins Ohr zu flüstern brauchte, als ich auf der Straße hinter Ihnen her kam –, und es hatte genügt, daß Sie sich nicht weiter zur Wehr setzten.«

»Ich habe keinen Bruder,« fuhr Monks auf. »Sie wissen, daß ich der einzige Sohn meines Vaters bin. Sie wissen das so gut wie ich.«

»Hören Sie jetzt auf das, was ich weiß und was Sie vielleicht noch nicht wissen,« sagte Mr. Brownlow. »Die Angelegenheit wird Sie schon interessieren. Ich weiß, daß Sie der einzige und entartete Sproß jener Ehe sind, die Ihr unglücklicher Vater aus falschem Ehrgeiz, fast als er noch ein Knabe war, geschlossen hat – jawohl, der einzige und entartete Sprößling.«

»Lassen Sie, bitte, Ihre Injurien beiseite, – sie verfehlen ihre Wirkung,« unterbrach ihn Monks höhnisch.

»Ich weiß ferner,« fuhr der alte Herr unbeirrt fort, »welches Elend und jahrelanges Herzeleid jene schändlich gekuppelte Ehe zur Folge hatte; ich weiß, wie das unglückliche Paar mit Ketten beladen sein Leben dahinschleppte, ich weiß, wie auf kalte Förmlichkeit offener Zwist folgte, und Mißfallen auf Gleichgültigkeit und Haß auf Mißfallen, und Abscheu auf Haß, bis endlich beide die Ketten zerrissen. Aber am Herzen Ihres Vaters nagte diese unglückliche Ehe noch jahrelang.«

»Ja, ja, sie ließen sich scheiden,« gab Monks zu, »aber was weiter?«

»Als sie für eine Zeitlang getrennt lebten,« fuhr Mr. Brownlow fort, »und Ihre Mutter sich dem auf dem Kontinente üblichen lockeren Lebenswandel hingab, während ihr Gatte, der um viele Jahre jünger war als sie, einsam in England lebte, aller Hoffnungen auf eine bessere Zukunft beraubt, da schaffte er sich schließlich einen neuen Freundeskreis. Diese Tatsache kennen Sie doch wenigstens?«

»Nein,« sagte Monks, »ich kenne sie nicht,« und er stampfte entschlossen auf den Boden, »nein, ich kenne sie nicht.«

»Ihr Gesicht sagt mir, daß Sie es sehr wohl wissen und mit Bitterkeit des Umstandes gedenken,« versetzte Mr. Brownlow. »Ich spreche von einer Zeit, die jetzt fast fünfzehn Jahre zurückliegt. Sie waren damals nicht älter als fünf Jahre und Ihr Vater erst einundvierzig. Soll ich auf die Ereignisse zurückgreifen, die kurz darauf folgten, oder wollen Sie mir das ersparen und mir selber die Wahrheit enthüllen?«

»Ich habe nichts zu enthüllen,« versetzte Monks. »Es wird Ihnen nichts andres übrig bleiben, als die Sache selber zur Sprache zu bringen.«

»Also: diese neuen Freunde,« begann Mr. Brownlow wieder, »waren ein Marineoffizier, der im Ruhestand lebte und dem ein halbes Jahr vorher die Gattin starb. Sie ließ zwei Kinder zurück; beides Mädchen. Die eine neunzehn, die andre damals ein Kind noch von zwei bis drei Jahren.«

»Wozu erzählen Sie mir das alles?« fragte Monks spöttisch.

»Sie wohnten in einer Gegend,« erzählte Mr. Brownlow weiter, ohne auf die Unterbrechung zu achten, »wo Ihr Vater schließlich seinen Aufenthalt genommen hatte. Bekanntschaft, näherer Verkehr und Freundschaft folgten einander. Ihr Vater besaß Gaben, wie sie wohl wenigen Menschen beschert sind: er war so gütig, so liebevoll und schön wie seine Schwester, und je genauer ihn der alte Offizier kennen lernte, desto lieber gewann er ihn. Ich wollte, es wäre dabei geblieben. Aber eines Tages ging es seiner Tochter geradeso wie ihm.«

Der alte Herr hielt inne. Monks biß sich auf die Lippen und schlug die Augen zu Boden.

»Nach einem Jahr galt Ihr Vater als der Bräutigam des Mädchens,« fuhr der alte Herr fort. »Und dieses edle, makellose Mädchen schenkte ihm ihre erste, wahre und innige Liebe.«

»Ihre Erzählung ist ein wenig langwierig,« bemerkte Monks, unruhig auf seinem Sessel hin und her rückend.

»Wahre und traurige Geschichten,« versetzte Mr. Brownlow, »pflegen immer lang zu sein. Wäre sie unwahr und glücklich gewesen, wäre sie wahrscheinlich sehr kurz. Eines Tages starb jener reiche Verwandte Ihres Vaters, dem zuliebe die erste unglückliche Ehe geschlossen worden war, und hinterließ Ihrem Vater als Heilmittel für sein verpfuschtes Leben – Geld. Ihr Vater mußte nach Rom reisen, wo der Erblasser gestorben war, um die Angelegenheiten zu ordnen. Er erkrankte am selben Tag, als er ankam, und starb kurz darauf ohne Testament, sodaß sein ganzes Vermögen Ihrer Mutter und Ihnen zufiel.«

Monks hatte den Atem angehalten und hörte jetzt Mr. Brownlow gespannt zu. Als dieser schwieg, fuhr er sich erleichtert mit dem Taschentuch über sein erhitztes Gesicht.

Den festen Blick auf ihn gerichtet, fuhr Mr. Brownlow fort: »Bevor Ihr Vater jedoch England verließ, kam er zu mir.«

»Davon hab' ich noch nie gehört,« unterbrach ihn Monks in einem Ton, der Unglauben ausdrücken sollte, jedoch nur schlecht seine unangenehme Überraschung verbarg.

»Er kam zu mir und ließ unter anderem ein Bild zurück, daß er selbst gemalt und das das unglückliche Mädchen darstellte, das er ja nicht mit nach Rom nehmen konnte, da die Reise zu plötzlich gekommen war. Er war voll Angst und Unruhe und von Gewissensbissen fast bis zum Schatten abgezehrt. Er sprach verstört von Ruin und Entehrung, an denen er schuld sei, und vertraute mir an, sein Plan sei, alles, was er besäße, zu Geld zu machen, um seiner Frau und Ihnen einen Teil davon auszusetzen und dann England zu verlassen. Ich erriet, daß er vorhatte, nicht allein zu fliehen. Aber selbst mir gegenüber, seinem alten Jugendfreund, dessen innige Liebe in der heiligen Erde wurzelt, die jetzt ein liebes Wesen deckt, das uns beiden teuer war, – selbst mir gegenüber sprach er sich nicht völlig aus und versprach mir bloß, mir noch einmal zu schreiben, mir alles zu sagen und mich dann zum letztenmal auf dieser Erde zu besuchen. Ich erhielt aber weder einen Brief von ihm, noch habe ich ihn je wiedergesehen.«

Nach kurzem Schweigen fuhr Mr. Brownlow fort:

»Als ich hörte, daß er tot war, begab ich mich an den Schauplatz seiner – wie die Welt es nennen würde – sündigen Liebe, um dem Mädchen, die ihm seine Liebe geschenkt hatte, eine Zuflucht anzubieten. Die Familie hatte jedoch kurze Zeit vorher die Grafschaft verlassen und war bei Nacht und Nebel fortgezogen. Weshalb und wohin, konnte ich nicht erfahren.«

Monks atmete auf und lächelte triumphierend.

»Als Ihr Bruder,« setzte Mr. Brownlow, seinen Stuhl näher an Monks heranrückend, fort, »als Ihr Bruder – ein elendes verwahrlostes Kind – durch eine Fügung des Himmels zu mir geführt und vom Verderben gerettet wurde –«

»Was sagen Sie da!« rief Monks.

»Durch mich aus einer Umgebung von Verbrechern errettet wurde –,« wiederholte Mr. Brownlow. »Ich habe Ihnen doch gesagt, daß meine Erzählung Sie interessieren würde! Ihr verbrecherischer Genosse hat, wie ich merke, meinen Namen verschwiegen, da er ja nicht annehmen konnte, er sei Ihnen bekannt. – Als das arme Kind, wie ich vorhin sagte, durch mich befreit wurde und in meinem Haus nach schwerer Krankheit genaß, da fiel mir schon die Ähnlichkeit mit dem Bilde auf, das mir Ihr Vater gab. Als ich das Kind das erstemal in seinem Elend sah, lag ein Ausdruck in seinem Gesicht, der mich berührte wie ein Traumgesicht aus alter Zeit. Daß das Kind später entführt wurde, ehe ich alles Nähere über seine Vergangenheit erfuhr, das wissen Sie so gut wie ich. Das brauche ich Ihnen nicht erst zu erzählen.«

»Wieso nicht?« fragte Monks hastig.

»Weil Sie es bereits wissen.«

»Ich?«

»Lassen Sie die Lügen beiseite,« versetzte Mr. Brownlow kühl. »Ich werde Ihnen beweisen, daß ich noch viel genauer eingeweiht bin.«

»Sie können mir nichts beweisen! Sie nicht!« stotterte Monks. »Versuchen Sie es doch.«

»Wir werden ja sehen,« sagte der alte Herr und faßte Monks fest ins Auge. »Also: das Kind wurde mir entführt, und alle meine Bemühungen, es wiederzufinden, waren vergeblich. Da Ihre Mutter tot war, waren Sie der Einzige, der das Geheimnis lösen konnte, und da Sie sich, wie ich wußte nach dem Tod Ihrer Mutter, um sich den Folgen schlimmen Lebenswandels zu entziehen, nach Westindien geflüchtet hatten, so folgte ich Ihnen dahin vor einiger Zeit. Sie hätten Westindien schon seit Monaten verlassen, hieß es dort, wahrscheinlich, um wieder nach London zurückzukehren. Wo Sie sich aber befänden, wußte mir niemand zu sagen. Unverrichteter Sache kehrte ich zurück. Niemand Ihrer früheren Bekannten wußte von Ihrem Verbleib. Bei Tag und Nacht streckte ich meine Fühler aus, aber bis heute – bis vor zwei Stunden – waren alle meine Bemühungen vergebens.«

»Nun, jetzt haben Sie mich ja glücklich gefunden«, sagte Monks und stand trotzig auf. »Also, was weiter? Betrug und Diebstahl sind Worte, die sich leicht aussprechen, aber schwer rechtfertigen lassen. Sie faseln da etwas daher von einem Bruder, den ich angeblich hätte, dabei wissen Sie gar nicht einmal, ob die Betreffende überhaupt ein Kind geboren hat.«

»Ich weiß es erst seit vierzehn Tagen,« erwiderte Mr. Brownlow, ebenfalls aufstehend. »Sie haben einen Bruder, das wissen Sie, und Sie kennen ihn. Es war ein Testament vorhanden, aber Ihre Mutter vernichtete es, vertraute Ihnen das Geheimnis an, ehe Sie starb, und legte den unrechtmäßigen Gewinn in Ihre Hände. In dem Testamente stand, es sei die Geburt eines Kindes zu erwarten, und das Kind kam auch zur Welt. Der Zufall führte Ihnen dieses Kind in den Weg, und als Sie es zum ersten Mal sahen, erwachte infolge der Ähnlichkeit mit dem Vater in Ihnen der Argwohn. Sie gingen in das Haus, wo es geboren wurde, und die Beweise über seine Herkunft vernichteten Sie; – die einzigen Beweise für die Herkunft des Knaben liegen auf dem Grunde des Flusses, und das alte Weib, daß sie der Mutter stahl, fault in ihrem Sarge. So waren ihre eigenen Worte, die Sie zu ihrem Helfershelfer, dem Juden, gesprochen haben. Sie sind ein Unwürdiger, ein Lügner, ein Feigling und ein Genosse von Dieben und Verbrechern. Sie haben nach dem Leben eines Mitmenschen getrachtet, der tausendmal besser ist als Sie. Von Jugend an waren Sie Ihrem Vater ein entarteter Sohn. Es gibt kein Laster und keine böse Leidenschaft, der Sie nicht gefröhnt hätten, bis eine scheußliche Krankheit, die Ihnen auf dem Gesicht geschrieben steht, die Folge davon war, Edward Leeford. Wollen Sie das auch noch leugnen?«

»Nein, nein, nein,« rief Monks, zusammenbrechend unter der Last der Beschuldigungen.

»Jedes Wort,« rief der alte Herr »das zwischen Ihnen und Ihrem Helfershelfer gewechselt wurde, kenne ich. Ein Schatten an der Wand hat Ihnen zugehört und es mir verraten. Ein Mord ist von Ihnen verübt worden, wenn auch nicht im körperlichen, so doch im geistigen Sinne.«

»Nein, nein,« unterbrach ihn Monks, »davon weiß ich nichts – nichts. Ich war eben daran, der Sache nachzugehen, da ließen Sie mich festnehmen. Von dem Mord weiß ich nichts. Ich hielt ihn für die Folge eines Streites.«

»Der Mord, den Sie meinen, erfolgte, weil gewisse Geheimnisse, die Sie betrafen, uns verraten worden waren,« erwiderte Mr. Brownlow. »Wollen Sie uns jetzt das ganze Geheimnis enthüllen oder nicht?«

»Ja, das will ich tun.«

»Und den Sachverhalt mit Ihrer Unterschrift und vor Zeugen bestätigen?«

»Meinetwegen auch das.«

»Dann ist nur noch eines nötig,« schloß Mr. Brownlow, »– Sie müssen dem unschuldigen, ehrlichen Jungen, der niemandem etwas zu leide getan hat, – Sie müssen dem armen Oliver wiedererstatten, was ihm gebührt. Sie kennen die Bestimmungen, die sein Vater zu seinen Gunsten testamentarisch niedergelegt hat. Wenn Sie das ausführen, können Sie gehen, wohin Sie wollen.«

Monks, von Furcht und Haß durchwühlt, schritt sinnend heftig auf und nieder, da wurde plötzlich die Türe aufgerissen und Mr. Losberne trat erregt ins Zimmer.

»Man ist dem Mörder auf der Fährte!« rief er. »Heute Abend noch wird man ihn verhaften können. Die Regierung hat eine Belohnung von hundert Pfund für seine Festnahme ausgesetzt.«

»Ich lege fünfzig dazu,« sagte Mr. Brownlow, »und werde es selbst, bis es soweit ist, an Ort und Stelle bekannt geben. Wo ist Mr. Maylie?«

»Harry ist fortgeritten, um mit den Verfolgern des Mörders zusammenzutreffen.«

»Und Fagin?«

»Bis jetzt ist er noch nicht ergriffen, wird es aber bald sein.«

»Haben Sie sich bereits entschlossen, Herr Monks?« fragte Mr. Brownlow flüsternd.

»Ja,« war die Antwort. »Aber versprechen Sie mir, alles geheimzuhalten?«

»Das will ich. Warten Sie, bis ich zurückkomme. Ihre Sicherheit hängt davon ab, daß Sie hier bleiben.«

Und Mr. Brownlow ging mit Mr. Losberne hinaus und verschloß die Türe hinter sich.

»Haben Sie etwas erreicht?« fragte der Doktor flüsternd.

»Vielleicht noch mehr, als ich hoffen konnte. Ich kombinierte mir aus dem, was das arme Mädchen gesagt hat, und dem, was ich schon früher wußte, das nötige und sagte es dem Kerl auf den Kopf zu. Wir müssen jetzt eine neue Zusammenkunft für übermorgen Abend festsetzen. Wir werden ein paar Stunden früher da sein, aber wir alle werden Ruhe brauchen, besonders die junge Dame. Mir kocht das Blut in den Adern, daß das arme ermordete Geschöpf noch nicht gerächt ist. Wohin gehen wir jetzt?«

»Eilen Sie direkt auf die Polizei,« riet Doktor Losberne, »ich werde hier bleiben.«

Und die beiden Herren nahmen hastig Abschied von einander, fiebernd vor Aufregung.