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Oliver Twist.  Charles Dickens
Kapitel 44. Nancy wird verhindert, ihr Versprechen einzulösen
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So geschickt in allen Verstellungskünsten Nancy auch war, so konnte sie dennoch die Gemütsbewegung nicht gänzlich verbergen, die sie erfüllte. Der listige Jude sowohl, wie der rohe Sikes hatten sie gar oft in Pläne eingeweiht, die unbedingt geheim gehalten werden mußten, und Nancy hatte sie niemals enttäuscht, so tief auch der Groll war, den sie in ihrem Herzen gegen den Juden nährte. Aber jetzt gab es für sie Augenblicke, wo sie ihm gegenüber Reue fühlte und eine leise Furcht sie beschlich, ihre Enthüllungen könnten zur Folge haben, daß er indirekt durch sie der Gerechtigkeit in die Hände fallen würde. Eine Zeitlang kämpfte sie mit sich, ob sie das Rose Maylie gegebene Versprechen einhalten solle. Dann aber blieb sie bei ihrem Entschlusse.

Aber solche Kämpfe hinterließen ihre Spuren. Nancy wurde blaß und magerte ab und zwar derart, daß es schon binnen wenigen Tagen deutlich sichtbar war. Sie war verändert, gab zuweilen nicht acht auf das, was sich vor ihren Augen begab, nahm keinen Anteil mehr an den Gesprächen, bei denen sie früher oft die lauteste gewesen. Dann wieder lachte sie ohne Grund, und man sah ihr an, daß sie sich absichtlich zwang, heiter zu erscheinen.

Der Abend des Sonntags nahte heran. Sikes und der Jude redete mitsammen, dann hielten sie plötzlich inne, als die Turmuhren anfingen zu schlagen. Auch Nancy blickte auf von ihrem Schemel und lauschte. Es war elf Uhr.

»Eine Stunde vor Mitternacht,« brummte Sikes und warf einen Blick durch den Fensterladen. »Finster und stürmisch. Eine gute Nacht für ein Geschäft wie unsres.«

»E Pech haben wir,« erwiderte Fagin, »e Mordspech, Billleben, daß wir gerade nix in Aussicht haben heinte Nacht.«

»Diesmal stimmt's,« versetzte Sikes mürrisch. »Schade drum. Ich wär gerade heute so gut aufgelegt gewesen.«

Fagin seufzte und machte ein niedergeschlagenes Gesicht.

»Wir müssen später die verlorene Zeit wieder hereinbringen,« sagte Sikes.

»So recht, mei Freind,« lobte Fagin und klopfte ihm vorsichtig auf die Schulter. »Es tut meinen alten Ohren wohl, so etwas aus Ihrem Munde zu hören.«

»Mir wird schon übel, wenn ich Ihre alte Pfote auf meiner Schulter spür'; nehmen Sie sie weg!« sagte Sikes unwillig und schlug die Hand des Juden beiseite.

»Ich weiß, Sie sind nervös, Bill,« entschuldigte sich Fagin, entschlossen, sich nicht beleidigen zu lassen. Dann zupfte er Sikes am Ärmel und deutete heimlich auf Nancy, die den Hut aufgesetzt hatte und das Zimmer verlassen wollte.

»Hallo!« schrie Sikes. »Wohin denn jetzt noch?«

»Nicht weit.«

»Was ist das für eine Antwort,« fuhr Sikes auf. »Wo du hingehst, will ich wissen.«

»Ich sage doch: nicht weit.«

»Und ich will wissen: wohin!« schrie Sikes. »Hast du verstanden!«

»Ich weiß selber nicht, wohin,« brummte Nancy.

»Aber ich weiß es,« rief Sikes, mehr um zu widersprechen, als weil er wirklich irgendwelchen Verdacht gehabt hätte. »Nirgendswohin. Setz dich.«

»Ich will nicht,« erwiderte das Mädchen, »ich muß ein bißchen Luft schöpfen.«

»Dann steck' den Schädel zum Fenster naus,« riet ihr Sikes.

»Es genügt mir nicht, ich will ein bissel auf die Straße.«

»Nein, das wirst du nicht,« antwortete Sikes, stand auf, schloß die Türe ab, steckte den Schlüssel zu sich, riß ihr den Hut vom Kopf und schleuderte ihn auf einen Schrank hinauf. »So,« rief er, »und jetzt ruhig hier geblieben, verstanden!«

»Des Hutes wegen bleib' ich nicht hier,« fuhr Nancy auf und wurde totenblaß. »Was soll das heißen, Bill!«

»Sie ist verrückt,« brummte Sikes, sich an Fagin wendend, »sonst hätt' sie nicht die Courage.«

»Du wirst es noch so weit treiben, daß ich in meiner Verzweiflung irgendwas anstelle,« keuchte Nancy, beide Hände auf die Brust pressend, als wolle ihr das Herz zerspringen. »Laß mich hinaus, verstanden?! Noch diese Minute, jetzt in diesem Augenblick.«

»Nein.«

»Sagen Sie ihm, daß er mich fortläßt; ich rat' es ihm. Hörst du, was ich sage,« rief Nancy und stampfte wütend mit dem Fuß auf den Boden.

»Natürlich hör' ich,« wiederholte Sikes spöttisch. »Und wenn du jetzt noch mehr schreist, laß ich dir den Hund an die Kehle springen. Du bist wohl ganz verrückt, dumme Gans?«

»Laß mich gehen,« beharrte das Mädchen auf ihrem Willen. Dann setzte sie sich auf den Boden vor die Türe nieder und sagte: »Ich bitte dich, laß mich gehen. Du weißt nicht, was du tust, du weißt es wirklich nicht. Bloß eine Stunde will ich hinaus.«

»Da soll mich doch der Teufel in Stücke reißen,« schrie Sikes und packte sie grob am Arm, »wenn das Weibsbild nicht ganz und gar verrückt geworden ist. Marsch aufgestanden!«

»Nicht eher, als bis du mich gehen läßt, nicht eher,« kreischte Nancy.

Sikes paßte eine Gelegenheit ab, um ihr mit einem Ruck die Hände auf den Rücken zu drehen und sie auf diese Weise, so heftig sie sich auch sträubte, in die anstoßende kleine Stube zu schleppen, wo er sich auf eine Bank setzte, sie in einen Stuhl warf und mit Gewalt festhielt. Sie wehrte sich ununterbrochen und bettelte dann wieder dazwischen, bis es zwölf Uhr geschlagen hatte. Dann gab sie ermattet ihre Absicht auf. Sikes stieß noch ein paar Flüche und Drohungen aus, ließ ihr dann Zeit, sich wieder zu erholen, und kehrte zu Fagin zurück.

»Ganz und gar verrückt ist das Weibsbild,« brummte der Einbrecher und wischte sich den Schweiß vom Gesicht.

»Da haben Sie wohl recht, Billleben,« meinte Fagin nachdenklich, »da haben Sie wohl recht.«

»Was ihr wohl heute in den Kopf gefahren ist, gerade jetzt gegen Mitternacht auszugehen? Was meinen Sie, Fagin?« fragte Sikes. »So reden Sie doch! Sie kennen sie doch besser als ich. Was soll das heißen?«

»Eigensinn, Billleben, Eigensinn, sonst nix.«

»Nun ja, natürlich,« brummte Sikes. »Und ich hab' schon geglaubt, ich hätte sie untergekriegt. Aber so schlimm wie heute war sie noch nie.«

»Schlimmer als je,« sagte Fagin nachdenklich. »Mein ganzes Leben lang hab' ich sie noch nicht so aufgeregt gesehen wegen einer geringfügigen Geschichte.«

»Ich auch nicht,« brummte Sikes. »Ich glaube, sie hat noch etwas vom Fieber in sich.«

»Wahrscheinlich.«

»Ich werd' ihr zur Ader lassen, ohne den Doktor deshalb zu rufen,« höhnte Sikes, »wenn sie noch einmal einen Anfall kriegt.«

Fagin nickte ausdrucksvoll. Inzwischen kam Nancy wieder heraus aus dem Nebenzimmer und nahm ihren alten Platz wieder ein. Ihre Augen waren geschwollen und gerötet. Sie wiegte sich hin und her, schüttelte den Kopf und brach dann plötzlich in lautes Lachen aus.

»Was heißt denn das schon wieder!« rief Sikes mit einem erstaunten Blick auf den Juden.

Fagin gab ihm einen Wink, das Mädchen nicht weiter zu beachten, und ein paar Minuten später saß sie wieder da wie vorhin. Fagin flüsterte Sikes zu, er solle still bleiben, dann nahm er seinen Hut und sagte beiden gute Nacht. An der Türe blieb er einen Augenblick stehen, drehte sich noch einmal um und bat, man möge ihm die dunkle Treppe hinunterleuchten.

»Leucht' ihm hinunter,« brummte Sikes, sich seine Pfeife stopfend. »Es wäre gar zu schade, wenn er sichs Genick bräche.«

Nancy folgte dem alten Juden die Stiege hinab, die Kerze in der Hand. Unten angelangt, legte Fagin den Finger an die Lippen, zog das Mädchen dicht an sich heran und sagte flüsternd:

»Was ist gewesen, Nancy, mei Schatz?«

»Wie meinen Sie das?« antwortete Nancy ebenfalls flüsternd.

»Die Ursach' möcht ich wissen,« sagte Fagin. »Wenn er schon« – dabei deutete er mit seinem knöchernen Finger die Stiege hinauf – »wenn er schon so roh ist zu dir, – er ist doch ein Viech, Nancyleben, ein brutales Mistviech, – warum willst du dann nicht –«

»Nun?« fragte Nancy, als Fagin innehielt, wobei er mit seinem Mund fast ihr Ohr berührte und sich seine Augen tief in die ihrigen bohrten.

»Es is kei Gelegenheit jetzt,« flüsterte der Jude. »Wir reden e andres Mal drüber. An mir hast du en Freind, Nancyleben, en starken, festen Freind. Ich hab' auch die Mittel, – wenn du dich willst rächen an ihm, wo er dich behandelt wie en Hund – schlimmer als en Hund, denn dem schmeichelt er doch zuweilen, – so komm zu mir, ich sag' dir bloß: komm zu mir. Er ist dir e Freind von gestern, mich kennst du schon jahrelang, Nancyleben.«

»Ja, ja, dich kenn' ich gut,« erwiderte das Mädchen ohne die geringste Erregung. »Gute Nacht.«

Sie wich zurück, als er ihr die Hand reichen wollte, sagte ihm nochmals mit fester Stimme gute Nacht und erwiderte seinen Abschiedsblick mit verständnisvollem Nicken. Dann schloß sie die Türe hinter ihm.

Tief in Grübeln versunken schritt Fagin seinem eigenen Hause zu. Er neigte schon längst zu der Ansicht – und war durch das jetzt Vorgefallene darin bestärkt worden –, daß Nancy, der Roheit des Verbrechers überdrüssig, sich irgendeinen neuen Freund erwählt habe. Ihr verändertes Wesen, ihre Teilnahmslosigkeit an den gemeinsamen Interessen, ihre verzweifelte Ungeduld, um Mitternacht plötzlich aus dem Hause zu wollen, alles das verdichtete sich bei ihm fast zu einem greifbaren Verdacht. Aber der Gegenstand ihrer Neigung befand sich nicht unter seinen Spießgesellen, sagte er sich; der Betreffende müßte, angeleitet von einer so tüchtigen Person wie Nancy, ein wertvoller Gehilfe für ihn sein, folgerte er, und dann galt es, noch ein andres Ziel zu erreichen. Sikes wußte zu viel und seine Rohheiten hatten ihn nur zu oft schwer verletzt. Wenn er beiseite geschafft würde und ein andrer käme an seine Stelle, bedeutete das nur Angenehmes.

Solche und ähnliche Gedanken ließ sich Fagin schon während der kurzen Zeit, die er in der Stube mit dem Einbrecher zusammengesessen, durch den Kopf gehen, und als er Nancy indirekt an der Haustüre auf den Kopf zugesagt hatte, was er sich denke, da hatte sie kein Erstaunen gezeigt, sogar anscheinend verstanden und ihn begriffen. Der Abschiedsblick hatte genug gesagt.

Vielleicht würde sie aber doch vor einem Komplott, Sikes wegzuschaffen, zurückschrecken, und das war gerade eines der wichtigsten Ziele, die erreicht werden mußten. ›Wie‹, dachte sich Fagin, als er nach Hause schlich, ›wie kann ich meinen Einfluß auf sie vergrößern?‹

Menschengehirne wie das seinige sind nicht so leicht um Auskünfte verlegen. Wenn er ihr einen Spion auf die Fersen setzte und den Gegenstand ihrer veränderten Neigung erführe und ihr damit dann drohe, die ganze Geschichte Sikes zu enthüllen – – –? »Ja ja, so gehts,« sagte sich Fagin laut und drohte mit finstrer Miene nach der Richtung, in der er den Verbrecher verlassen hatte. Dann ging er weiter seines Wegs, – mit seinen knochigen Fingern in den Falten seines Kaftans wühlend, als quetsche er mit jeder Bewegung seinem verhaßten »lieben Freunde Sikes« das Leben aus dem Leibe.