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Oliver Twist.  Charles Dickens
Kapitel 39. Einige alte Bekannte treten auf, und Fagin und Monks stecken die Köpfe zusammen
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In der Nacht, die jenem Abend folgte, wachte Mr. William Sikes aus tiefem Schlummer auf und fragte schlaftrunken, wie spät es sei. Das Zimmer, in dem er sich befand, war keines von denen, die er vor dem Chertseyschen Einbruch bewohnt hatte, wenn auch das Haus nicht weit davon entfernt lag. Es war ein schmutziges, schlecht möbliertes Loch, und alle Anzeichen deuteten darauf hin, daß Mr. Sikes sich in materieller Not befand, worauf auch sein bleiches, abgezehrtes Äußere hinwies.

Der Einbrecher lag auf seinem Bett in einen hellfarbigen Mantel gehüllt und mit einem Gesicht, das durch seine Totenblässe und durch seine Unrasiertheit gegen früher nicht gewonnen hatte. Sein Hund saß neben dem Bett und blickte ihn bald ernst an, bald spitzte er die Ohren und stieß ein dumpfes Knurren aus, wenn einmal ein Geräusch von der Straße herüber in das Haus drang.

Am Fenster saß eine Frauensperson mit der Ausbesserung alter Kleidungsstücke beschäftigt, in der man unschwer Nancy erkennen konnte, die ebenfalls sehr blaß und ausgehungert aussah. Sie beantwortete die Frage, die Sikes an sie stellte.

»Noch nicht sieben vorüber,« sagte sie. »Wie fühlst du dich heute abend, Bill?«

»Dünn wie Wasser,« brummte Sikes und stieß einen seiner gewohnten Flüche aus. »Komm her, hilf mir, von diesem verdammten Hundelager aufstehen.«

Sikes' Laune hatte offenbar durch seine Krankheit nicht gewonnen, denn während Nancy ihn stützte und zu einem Sessel führte, schlug er nach ihr und stieß eine Flut von Flüchen aus.

»Was flennst du da,« brummte er, »laß das Gewinsel. Scher dich zum Teufel, wenn du nichts Besseres weißt, verstanden?«

»Ja doch, Bill,« antwortete das Mädchen und zwang sich zu einem Lächeln. »Sei nicht so hart zu mir.«

»Warum nicht,« schrie Mr. Sikes.

»So viele, viele Nächte,« sagte sie, und in ihrer Stimme klang etwas wie weibliche Zärtlichkeit, »so viele, viele Nächte habe ich geduldig bei dir gesessen und dich gepflegt, als ob du ein Kind wärest. Du würdest nicht so hart zu mir sein, wenn du daran gedacht hättest, Bill. Sag nur ein Wort.«

»Nun ja, meinetwegen,« knurrte Sikes. »Aber Himmel und Hölle, warum flennst du denn wieder?«

»Es ist nichts,« seufzte Nancy und warf sich in einen Stuhl. »Achte nicht darauf, es ist gleich vorüber.«

»Was ist vorüber?« fragte Mr. Sikes grimmig. »Was hast du wieder für Dummheiten im Kopf? Steh auf und geh an deine Arbeit, verschone mich mit solchem dummen Weiberzeugs.«

Zu jeder andren Zeit würde diese Aufforderung und der Ton, in der sie gesprochen wurde, die beabsichtigte Wirkung gehabt haben, aber Nancy war zu erschöpft; sie ließ den Kopf auf die Brust sinken und wurde ohnmächtig, noch ehe Sikes zu einem Fluch ansetzen konnte. Er wußte nicht recht, was er in diesem Falle tun sollte, und rief nach Hilfe, da sein Geschimpfe seine Wirkung versagte.

»Was gibts, mei Lieber?« fragte der Jude und blickte zur Türe hinein.

»Vielleicht kannst du dem Frauenzimmer helfen,« rief ihm Sikes ungeduldig zu. »Steh nicht herum und schwätz nicht. Schau mich nicht so dumm an.«

Mit einem Ausruf der Verwunderung eilte Fagin dem Mädchen zu Hilfe, während Mr. John Dawkins – vulgo der Baldowerer –, der dem ehrwürdigen alten Herrn in das Zimmer gefolgt war, hastig ein Bündel in die Ecke warf und Master Charley Bates, der dicht hinter ihm drein kam, eine Flasche aus der Hand riß, sie mit den Zähnen entkorkte und der Ohnmächtigen einige Tropfen in den Mund goß, nachdem er vorerst vom Inhalt einen Schluck gekostet hatte.

»Pump ihr mit 'nem Blasebalg 'n bissel frische Luft ein, Charley,« riet er; »und reiben Sie ihr die Hände, Fagin, Bill kann ihr die Kleider aufbinden.«

Nach kurzer Zeit kam Nancy wieder zu sich, wankte zu einem Stuhl am Bett, verbarg ihr Gesicht in den Kissen und überließ es Mr. Sikes, den Neuangekommenen seine Meinung über ihr unerwartetes Erscheinen auszudrücken.

»Welcher Teufelswind hat Euch denn hergeblasen?« fragte Sikes Fagin.

»Gar ka Teufelswind,« antwortete der Jude. »Ich hab dir eppes Schenes mitgebracht. Baldowerer! schnür emol das Bündel auf und zeig dem Bill, wofor wir ausgegeben haben all unser Geld.«

Der Baldowerer öffnete das Bündel, und Charley Bates leerte es unter überschwenglichen Lobpreisungen aus.

»Da schau mal her, Bill,« sagte er. »Eine Kaninchenpastete, so fein und zart, daß einem die Knochen auf der Zunge zerschmelzen. Und hier einen feinen Tee – und Zucker – und Brot – und frische Butter – und feinen Käse – na also, was sagst du dazu?«

Damit stellte er eine versiegelte Weinflasche auf den Tisch.

»Das wird Ihnen gut bekommen, Billeben,« sagte der Jude und rieb sich vergnügt die Hände.

»Ja, ja, weiß schon,« knurrte Sikes. »Zwanzigmal hätt ich krepieren können, und du hättest nicht einen Finger für mich gerührt. Also, was sollen diese Firlefanze, du Schuft? Und warum hast du mich drei Wochen lang im Stich gelassen?«

»Da hör nur einer,« rief der Jude achselzuckend. »Wir kommen und bringen ihm die feinsten Sachen!«

»Die Sachen sind an und für sich ganz gut,« bemerkte Sikes ein wenig besänftigt; »aber ich frag' dich, was soll das heißen, daß du mich hier krank und ohne Geld und vom Nötigsten entblößt hast liegen lassen? Ohne dich um mich auch nur so viel zu kümmern wie um einen Hund?«

»Ich bin doch gar nicht in London gewesen, mei Lieber, länger als eine Woche.«

»Und die andern vierzehn Tage?« fragte Sikes.

»Habs nicht ändern können,« entschuldigte sich Fagin. »Es sind mer zu viel Ohren hier, als daß ich dir Gründe nennen könnte. Mei Ehrenwort.«

Sikes warf ihm einen Blick voll Verachtung zu und rief: »Jungens, schneidet mir jetzt von der Pastete ab, daß ich den Geschmack von seinem Ehrenwort, das er gerade erwähnt hat, los werd', sonst sterb ich vor Ekel.«

»Sein Se so doch nich so bös, mei Lieber,« schmeichelte der Jude unterwürfig. »Ich hab' Ihnen niemals vergessen! Niemals, Bill.«

»Ja, ja,« fiel Sikes bitter ein. »Sie gehen Ihren Geschäften nach, während ich hier im Fieber liege. Ich hab' für Sie alles mögliche tun müssen, als ich frisch und gesund war. Und billig genug; und arm bin ich dabei geblieben und hätt sterben und verrecken müssen, wär die Nancy nicht gewesen.«

»Scho recht,« sagte der Jude. »Sehr gut. Die Nancy ist e Prachtmädel! Aber wer hat sie so gut erzogen, wenn nicht der arme alte Fagin? Hätten Sie sie gehabt ohne mich?«

»Schon gut,« rief Nancy und kam hastig herbei. »Laß ihn zufrieden.«

Ihr Erscheinen gab dem Gespräch eine andre Wendung, und die beiden Jungen schenkten ihr auf einen Wink des schlauen alten Juden ein Glas Branntwein ein.

»Alles ganz recht,« sagte Sikes, nachdem er wiederholt der Branntweinflasche zugesprochen, »aber heut abend muß ich noch Geld von Ihnen haben.«

»Nicht e Penny hab' ich bei mir,« wandte der Jude ein.

»Desto mehr zu Hause, und ich muß etwas haben.«

»Was sagt man,« rief Fagin, die Hände verzweifelt gen Himmel erhebend. »Nicht so viel hab' ich, um auch bloß –«

»Egal, heraus mit dem Geld!« schrie Sikes.

»Schon gut, schon gut,« besänftigte ihn Fagin. »Ich werd' den Baldowerer schicken.«

»Das werden Sie bleiben lassen,« fuhr Sikes auf. »Der kommt dann nicht wieder. Nein, Nancy wird mitgehen und es holen, und ich leg mich unterdessen hin und schlaf.«

Nach langem Feilschen kamen sie endlich überein, daß Sikes drei Pfund und vier Schillinge bekommen sollte, dann ging der Jude hinaus, und Sikes legte sich unverzüglich übers Bett.

– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

In der Behausung des Juden saßen Toby Crackit und Mr. Chitling beim fünfzehnten Spiel Cribbage.

»Niemand hier gewesen, Toby?« fragte der Jude.

»Nicht eine Seele,« antwortete Mr. Crackit und zerrte an seinem Hemdkragen. »Wieviel krieg ich, daß ich das Haus solang behütet habe? Gott verdamm mich, ich bin so blöd wie ein Geschworener, und es hätt nicht viel gefehlt, wär ich eingeschlafen. Verflucht langweilig hier.«

Dabei steckte er seinen Kartengewinn mit einer Miene der Geringschätzung in die Westentasche und entfernte sich mit weltmännischer Miene. Tom Chitling schickte ihm einen bewundernden Blick nach und erklärte, einen so eleganten Menschen hätte er wirklich noch nie gesehen.

»Freilich, freilich,« gab der Jude höflich zu.

»Man kann sich was drauf einbilden, nicht wahr, Fagin?« fragte Tom.

»Nu, gewiß, mei Lieber, selbstverständlich,« sagte Fagin. »Die andern sind doch bloß eifersüchtig, weil er sich nicht mit ihnen abgebt.«

»Ja, ja,« rief Tom triumphierend. »Das stimmt. Ausgeplündert hat er mich freilich ratzekahl, aber ich kann mir schon wieder was verdienen, nicht wahr, Fagin?«

»Natürlich kannst du dir was verdienen, und je eher, Tom, um so besser. Verlier keine Zeit. Baldowerer, Charley, macht euch alle auf die Socken. Es ist bald zehn! Und noch nicht einer von euch hat einen Finger gerührt und einen Penny verdient.«

Tom Chitling beständig mit Witzen aufziehend, entfernten sich die beiden mit ihm, und als sie fort waren, wendete sich der Jude an Nancy.

»Ich will dir jetzt holen gehen das Geld,« sagte er. »Hier hab' ich den Schlüssel zu dem kleinen Schrank, wo ich aufheb die kleinen Sachen, die die Jungens mir nach Hause bringen, mei Schatz. Ich schließ gar nicht erst ab; ich hab' ja doch sowieso kei Geld drin – hihi; das wär doch überflüssig; das Geschäft geht miserabel. Es lohnt sich nicht. Ich machs nur so des Spaßes wegen, damit das junge Volk nicht verhungert. – Halt! Wer ist das?! Was ist das? Horch!« rief er plötzlich ängstlich und verbarg den Schlüssel an seiner Brust.

Nancy saß mit unterschlagenen Armen am Tisch, offenbar vollständig uninteressiert, ob jemand käme oder ginge, bis das Gemurmel von Männerstimmen an ihr Ohr schlug. Dann nahm sie blitzschnell ihren Hut und Schal ab und warf beides unter den Tisch. Als der Jude sie erstaunt ansah, murmelte sie, es sei ihr sehr heiß, und stellte sich krank. Fagin achtete nicht darauf.

»Es is nur,« sagte der Jude anscheinend verdrießlich, daß sie gestört wurden, »es is nur der Mann, den ich erwarte. Er kommt jetzt die Treppe hinunter. Red nix von dem Geld in seiner Gegenwart, mei Kind, er bleibt nicht lang hier, – keine zehn Minuten, mei Schatz.« Seinen knochigen Zeigefinger an die Lippen legend, ging er mit einem Licht zur Tür und öffnete sie im selben Augenblick, als der Fremde eintreten wollte. Es war Monks.

»Nur eine von meinen jungen Gehilfinnen,« sagte Fagin, als Monks beim Anblick Nancys zurückprallte. »Bleib sitzen, Nancyleben.«

Sie rückte an den Tisch heran, sah Monks scheinbar gleichgültig an und blickte dann weg. Als Monks aber seine Augen auf Fagin richtete, warf sie verstohlen einen zweiten Blick auf ihn, und zwar einen so forschenden, zielbewußten und scharfen Blick, daß niemand, der diese Veränderung in ihren Zügen beobachtet hätte, geglaubt haben würde, beide Blicke kämen von ein und derselben Person.

»Nu, was gibts Neues?« fragte Fagin.

»Viel Neues.«

»Eppes Gütes?« fragte Fagin zurückhaltend.

»Weder etwas Gutes, noch etwas Schlimmes,« versetzte Monks lächelnd. »Ich habe mich mächtig getummelt. Ich möchte ein paar Worte allein mit dir sprechen.«

Nancy machte nicht die geringsten Anstalten, das Zimmer zu verlassen, trotzdem Monks seine Worte sehr deutlich gesagt hatte. Der Jude fürchtete offenbar, sie könnte von dem Geld anfangen zu reden, deutete daher nach dem oberen Stockwerk und ging mit Monks aus der Stube.

»– – nicht wieder in das Teufelsloch, wo wir damals waren –« Diese Worte hörte Nancy, während die beiden die Treppe emporstiegen. Der Jude lachte und erwiderte etwas, sie verstand es aber nicht. Nach dem Schall der Tritte zu schließen, gingen die beiden in das zweite Stockwerk hinauf. Rasch zog Nancy die Schuhe aus, horchte gespannt und schlich, da alles still blieb, geräuschlos die Treppe hinauf. Ungefähr eine Viertelstunde mochte verflossen sein, da kehrte sie leise wieder in das Zimmer zurück, und gleich darauf kamen die beiden wieder herunter. Monks entfernte sich, und als Fagin nach einiger Zeit mit dem Geld eintrat, setzte sich das Mädchen gerade den Hut auf, wie um sich zum Fortgehen anzuschicken.

»Gott über die Welt, Nancyleben, wie blaß Sie sin,« rief Fagin erschreckt. »Was ist denn los?«

»Nichts, gar nichts,« antwortete Nancy gleichgültig. »Geben Sie schon endlich das Geld her und lassen Sie mich fort. Ich hab' lang genug hier gesessen.«

Seufzend zählte ihr Fagin die Geldstücke in die Hand, sagte ihr gute Nacht, und sie ging. Nancy blieb einen Augenblick auf der offenen Straße stehen, setzte sich dann auf die Stufen vor einer Haustüre und schien offenbar, ganz betäubt und erschöpft, außerstande zu sein, ihren Weg fortzusetzen. Dann sprang sie plötzlich wieder auf, lief in einer andern Richtung, jener entgegengesetzt, in der Sikes' Wohnung lag, fort, so schnell sie ihre Füße tragen konnten. Eine Weile lang mußte sie stehen bleiben, um Atem zu schöpfen, und das schien sie wieder zur Besinnung zu bringen, denn sie rang die Hände und brach in Tränen aus, wie jemand, der einsieht, daß er etwas nicht tun kann, was er sehnlichst wünscht.

Vielleicht brachten ihr die Tränen Linderung, vielleicht sah sie auch ein, daß sie augenblicklich nichts tun könne. Sie kehrte daher um und eilte schnell nach ihrer Wohnung zurück. So aufgeregt sie auch war, bemerkte es dennoch Mr. Sikes nicht, denn die Befriedigung, zu erfahren, daß Fagin das Geld ausgezahlt habe, machte ihn gleichgültig gegen alles andere.

Je näher der Abend kam, desto größer wurde Nancys Unruhe, und sie konnte es sichtlich nicht erwarten, bis Sikes, der im Bett lag und beständig Whisky mit heißem Wasser trank, in Schlaf verfallen würde. Es blitzte dabei ein so ungewöhnliches Feuer aus ihren Augen, daß selbst Sikes endlich darauf aufmerksam wurde. Er starrte sie an, stützte sich auf seine Ellbogen, brummte einen Fluch und sagte: »Du siehst ja wie eine Leiche aus! Was hast du denn?«

»Was ich habe?« erwiderte Nancy. »Nichts. Warum schaust du mich so scharf an?«

»Was sind das wieder für Geschichten?« fragte der Einbrecher und schüttelte sie unsanft am Arm. »Was heißt das? Was bedeutet das? Woran denkst du?«

»An so mancherlei, Bill,« erwiderte sie schaudernd und legte die Hände vors Gesicht. »Aber was liegt daran.«

Der gepreßte Ton und ihre gezwungene Fröhlichkeit schienen auf Sikes einen tieferen Eindruck zu machen als der starre entsetzte Blick, den er vorher an ihr gesehen hatte.

»Ich will dir sagen, was es ist,« murmelte er. »Wenn du dich nicht am Fieber angesteckt hast, dann geht etwas in dir vor. Gott verdamm mich – hör' mal: Du wirst doch nicht –«

»Was?« fragte Nancy.

»In ganz London,« brummte Sikes und ließ das Mädchen nicht aus den Augen, »in ganz London läuft kein Mädel herum mit einem mutigeren Herzen als das ihre, – sonst hätt' ich ihr schon vor einem Vierteljahr die Gurgel durchgeschnitten. Sie hat das Fieber – aha, ich seh' schon.«

Das Glas bis auf den Grund leerend, stieß er ein paar Flüche aus und rief nach seiner Arznei. Eilig sprang Nancy auf und goß ihm die Medizin ein.

»So,« sagte der Einbrecher, »jetzt komm' und setz' dich neben mein Bett und mach' dein gewöhnliches Gesicht, – sonst werd' ich dir die Visage zeichnen, daß sie keiner mehr wiedererkennt.«

Nancy gehorchte.

Bald kämpfte Sikes mit dem Schlaf, dann fuhr er wieder auf und starrte umher, immer Nancys Hand festhaltend. Endlich löste sich sein Griff, und er sank zurück.

»Das Laudanum hat gewirkt,« flüsterte Nancy und stand auf. »Aber vielleicht komm' ich doch zu spät.«

Eilig setzte sie ihren Hut auf, warf den Schal über, in immerwährender Angst, Sikes' schwere Hand könnte sich trotz des Schlaftrunkes wieder auf ihre Schultern legen. Dann beugte sie sich sanft über das Bett, drückte dem Einbrecher einen Kuß auf die Lippen, öffnete die Türe und schloß sie geräuschlos hinter sich.

Soeben ging der Nachtwächter die finstere Gasse entlang und rief die erste Hälfte der zehnten Stunde aus.

»Hats schon lange Halb geschlagen?« fragte Nancy ihn hastig.

»In einer Viertelstunde schlägt es zehn,« sagte der Mann und leuchtete ihr mit der Laterne ins Gesicht.

»Höchstens in einer Stunde, vielleicht dann noch nicht, kann ich dort sein,« murmelte Nancy und eilte die Straße hinunter.

Die meisten Läden in den engen Seitengassen, die sie auf ihrem Wege von Smithfield nach dem Westend passierte, waren bereits geschlossen. Die Glocken schlugen eben zehn; ihre Unruhe wuchs. So schnell sie konnte, eilte sie auf dem schmalen Trottoir daher, bald rechts, bald links an die Passanten anstoßend, dann wieder überquerte sie dicht vor den Köpfen der Pferde die überfüllten Straßen und bahnte sich rücksichtslos ihren Weg durch das Gewühl.

»Verrücktes Frauenzimmer,« brummten die Leute hinter ihr drein, wie sie so vorwärts jagte.

In dem vornehmeren Stadtviertel nahm das Gedränge ab, und sie konnte ihre Schritte noch mehr beschleunigen. Endlich erreichte sie ihr Ziel: ein schönes, vornehmes Haus in einer Straße nicht weit von Hydepark. Es schlug elf. Sie trat in die Halle. Der Portiersitz war leer. Unsicher blickte sie sich um und schritt nach der Treppe.

»Zu wem wollen Sie denn, Sie, junge Person?« rief ein wohlgekleidetes Stubenmädchen, das eine Türe öffnete, hinter ihr her.

»Ich suche eine Dame hier im Hause,« gab Nancy zur Antwort.

»So so, eine Dame,« war die höhnische Antwort. »Was für eine denn?«

»Miß Maylie.«

Das Dienstmädchen hatte nur einen Blick tugendhafter Geringschätzung und rief einen Mann herbei, damit er Nancy die entsprechende Antwort gebe. Nancy wiederholte ihm ihre Frage.

»Wen soll ich melden?« fragte der Bediente.

»Mein Name ist nicht nötig,« versetzte Nancy.

»Worum handelt es sich?«

»Auch das ist gleichgültig. Ich muß die Dame sprechen.«

»Schauen Sie, daß Sie hinauskommen,« sagte der Bediente und deutete auf das Haustor. »So was gibts hier nicht. Marsch, hinaus!«

»Mit Gewalt bringt Ihr mich nicht hinaus,« rief Nancy heftig, »verlaßt Euch drauf. Ist denn niemand hier,« rief sie und sah sich um, »der für ein armes Mädchen eine Bestellung ausrichtet?«

Ihre Worte machten auf einen gutmütig aussehenden Koch einen guten Eindruck. Er trat hervor und legte sich ins Mittel.

»So richt's doch aus, Joe! Das kannst du doch tun,« sagte er zu dem Bedienten.

»Möcht' wissen, warum,« versetzte der Angeredete. »Du wirst doch nicht glauben, Miß Maylie wird mit einer solchen Person reden?«

Seine Anspielung auf Nancys zweifelhaftes Aussehen rief sofort einen Schwall tugendsamer Entrüstung bei den vier Dienstmädchen, die sich inzwischen angesammelt hatten, hervor, und mit größter Lebhaftigkeit erklärten sie, die Person sei eine Schande ihres Geschlechtes und sie bestünden darauf, daß man sie ohne Gnade und Barmherzigkeit sofort hinauswürfe.

»Tut, was ihr wollt,« sagte Nancy und wendete sich wieder zu den Männern, »aber zuerst erfüllen Sie meine Bitte. Ich bitte Sie um Gottes willen, richten Sie meine Bestellung an die Dame aus.«

Der weichherzige Koch befürwortete ihre Bitte, und schließlich übernahm der Bediente, der zuerst so unwillig gewesen war, die Besorgung.

»Was soll ich sagen?« fragte er, mit einem Fuß bereits auf der Treppe.

»Daß eine junge Frauensperson dringend bitten läßt, mit Miß Maylie allein zu sprechen,« sagte Nancy. »Wenn die Dame nur mein erstes Wort hören will, wird sie sofort wissen, ob sie mich weiter anhören soll oder nicht, und ob ich eine Betrügerin bin.«

»Das muß man sagen,« brummte der Bediente, »den Mund nimmt sie voll genug.«

»Melden Sie der Dame, was ich Ihnen gesagt habe,« erwiderte Nancy entschieden. »Ich werde hier auf Antwort warten.«

Der Bediente ging hinauf, und Nancy blieb bleich und außer Atem stehen und hörte mit zuckenden Lippen die Spottreden an, an denen es das keusche Sylphiden-Quartett nicht fehlen ließ. Dann kam die Nachricht, sie solle die Treppe hinaufgehen.

»Ein anständiger Mensch kommt zu nichts in dieser Welt,« murrte das Dienstmädchen Nummer eins ihr nach.

»Na ja, Messing ist halt mehr wert als Gold,« sagte Nummer zwei spitzig, und die dritte beschränkte sich darauf, ihrer Neugierde, aus welchem Stoff wohl feine Damen sein müßten, – Ausdruck zu geben. Und Nummer vier prägte das Schlagwort: »Pfui Teufel, a' Schand' is!« worauf die Unterhaltung geschlossen wurde.

Ohne darauf zu achten, denn sie hatte wichtigere Dinge auf dem Herzen, folgte Nancy, zitternd am ganzen Leib, dem Bedienten in ein kleines Vorzimmer, das durch eine Hängelampe beleuchtet war. Dann blieb sie allein und wartete.