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Der geheime Seerechtsvertrag.  Arthur Conan Doyle
Buch. Der geheime Seerechtsvertrag
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Kurz nach meiner Heirat im Juli hatte Sherlock Holmes drei interessante Fälle. Mir war es vergönnt, ihn zu begleiten und seine Methoden zu studieren. Diesen Juli werde ich niemals vergessen. In meinen Notizen habe ich sie unter den Stichworten >The second Stair< >The Adventure of the Naval Treaty< und >The Adventures of the Tired Captain<, festgehalten. Der erste dieser Fälle hat jedoch so sehr mit öffentlichen Interessen zu tun, Namen aus dem Königshaus müßten genannt werden, daß es wohl Jahre dauern kann, bis ich daran denken kann, diese Geschichten zu veröffentlichen. Allerdings ist dies auch gleichzeitig ein Fall, an dem man wie an keinem anderen die analytischen Methoden, Sherlock Holmes' studieren kann. Auf alle, die daran mitgearbeitet haben, hat er den stärksten Eindruck hinterlassen. In meinem Besitz befindet sich immer noch der fast wortwörtliche Report eines Interviews, in dem zwei so berühmte Leute wie Monsieur Dubugue von der Pariser Polizei und Fritz von Waldbaud ein wohlbekannter Spezialist, versucht hatten, die wirklichen Hintergründe des Falles zu demonstrieren.

Beide hatten ihre Energie verschwendet und waren auf dem Holzweg gelandet. Sicherlich wird das neue Jahrhundert angebrochen sein, bevor man es wagen kann, diese Erinnerungen zu veröffentlichen.

Inzwischen schaue ich mir den Stoff zu der zweiten Geschichte, auf meiner Liste an. Sie ist ebenfalls von nationaler Bedeutung: In diesem Falle haben Ereignisse stattgefunden, die der Sache einen ganz eigenen, einzigartigen Charakter geben.

Während meiner Schulzeit war ich eng mit Percy Phelps befreundet, einem Jungen in meinem Alter. Er war ein intelligenter Bursche. Jeden Preis, den die Schule zu vergeben hatte, gewann er.

Am Ende seiner Schulzeit gewann er ein Stipendium für die Universität, so daß er seine triumphale Karriere in Cambridge fortsetzen konnte. Er hatte, wenn ich mich recht erinnere, Verbindungen zu ganz ausgezeichneten Leuten. Schon als kleine Jungen wußten wir, daß der Bruder seiner Mutter der große konservative Politiker Lord Holdhurst war. Diese hohe Verwandtschaft hat ihm in der Schule allerdings wenig genützt. Im Gegenteil, wir hatten Spaß daran, ihm besonders beim Sport einiges auszuwischen. Aber als er hinaus in die Welt kam, da sahen für ihn die Dinge anders aus. Seine eigene Tüchtigkeit sowohl als auch die Verbindung zu einflußreichen Leuten hatte ihm geholfen, eine gute Stellung im diplomatischen Dienst zu bekommen. Allerdings hatte ich ihn völlig vergessen, bis mich eines Tages folgender Brief erreichte:

Briarbrae, Woking.

Mein lieber Watson, sicher erinnern Sie sich noch an >Tadpole< Phelps, den Jungen aus der fünften Klasse, als Sie selber in der dritten waren. Ebenso werden Sie gehört haben, daß ich durch Einfluß meines Onkels einen guten Posten im Innenministerium bekommen habe. Ich habe eine Stellung inne, in der man mir Vertrauen und Ehre entgegengebracht hat, bis ein schreckliches Unglück meiner Karriere ein plötzliches Ende gesetzt hat.

Es wäre sinnlos, wenn ich mich Ihnen gegenüber jetzt in allen Einzelheiten über die schrecklichen Geschehnisse ergehen würde. Falls Sie mir den Gefallen tun, um den ich Sie jetzt bitten werde, muß ich Ihnen sowieso die Details berichten. Selber habe ich mich gerade von einem neunwöchigen Nervenfieber erholt, fühle mich jedoch noch sehr schwach. Glauben Sie, daß Sie und Ihr Freund Sherlock Holmes mich hier besuchen könnten? Ich möchte gerne seine Ansicht in meinem Fall hören, obgleich mir von Seiten, die es wissen müßten, immer wieder versichert wird, es könne nichts mehr getan werden. Versuchen Sie bitte, ihn zu diesem Besuch bei mir zu überreden, sobald es eben möglich ist. Die Minuten erscheinen mir wie Stunden, während ich hier unter diesem furchtbaren Druck lebe. Vielleicht ist Ihr Freund verärgert, daß ich ihn nicht schon früher um Hilfe gebeten habe. Bitte, versichern Sie ihm, daß dies nicht geschehen ist, weil ich sein Talent vielleicht nicht anerkannt hätte. Es ist geschehen, weil ich nach diesem furchtbaren Schlag sehr schwer krank war. Aber nun ist mein Kopf wieder klar genug, daß ich denken kann, wenn ich mich auch noch nicht allzu sehr anstrengen darf, um keinen Rückfall zu bekommen. Ich bin immer noch so schwach, daß ich auch diesen Brief nicht selber schreiben kann, sondern ihn diktiere. Bitte versuchen Sie, ihn hierher zu mir zu bringen.

Ihr alter Schulkamerad, Percy Phelps In diesem Brief war ein Ton, der mich sehr tief berührte. Da war dieses erbarmungswürdige Wiederholen der Bitte, Sherlock Holmes zu hole n. Ich war so bewegt, daß ich alles darangesetzt hätte, Sherlock Holmes zu bewegen, den Fall zu, übernehmen. Aber Sherlock Holmes liebte seinen Beruf, und er war immer bereit, einem Klienten zu helfen. Meine Frau war der gleichen Meinung wie ich, es sollte keine Minute versäumt werden, der Brief' mußte Sherlock Holmes sofort vorgelegt werden. Und so befand ich mich eine Stunde nach dem Frühstück wieder in unserer alten Wohnung in der Baker Street.

Holmes hatte sich an einem Seitentischchen niedergelassen. In, seinen Morgenmantel gehüllt, arbeitete er an chemischen Experimenten. Eine große, rundgeformte Retorte kochte brodelnd über der blauen Flamme des Bunsenbrenners. Die destillierte Flüssigkeit tropfte in ein Zweilitermaß. Bei meinem Eintreten `hatte mein Freund kaum aufgesehen. Ich merkte, daß seine Untersuchungen sehr bedeutungsvoll für ihn waren. So setzte ich mich in einen der Sessel und wartete. Er tauchte in die eine oder andere Flasche, zog ein paar Tropfen dieser oder jener Flüssigkeit mit seiner Glaspipette heraus. Schließlich stand er auf und brachte eines der Teströhrchen mit einer Lösung zum Tisch herüber. In der rechten Hand hielt er ein Stückchen Lackmuspapier.

»Sie kommen in einem kritischen Augenblick, Watson«, sagte er, »wenn dieses Papier blau bleibt, ist alles in Ordnung. Wenn es sich rot färbt, dann könnte es einem Mann das Leben kosten.« Wieder tauchte er es in das Reagenzglas, und sofort färbte es sich in ein dumpfes, schmutziges, dunkles Rot. »Hm, das habe ich mir doch gedacht! « rief er. »Ich stehe Ihnen zur Verfügung, Watson. Tabak ist in dem persischen Pantoffel.« Wieder hatte er sich dem Tisch zugewandt. Er schrieb mehrere Telegrammbögen voll, die er dem Pagen übergab. Dann warf er sich in seinen Sessel, dem meinen gegenüber, zog die Knie an, bis die Arme die langen, schlanken Beine umklammert hatten.

»Ein durchsichtiger kleiner Mord«, sagte er, »ich hoffe, daß Sie etwas Besseres für mich auf Lager haben. Sie sind der stürmische Bote des Verbrechens, Watson. Was ist es?«

Ich reichte ihm den Brief, und er las ihn, aufmerksam und konzentriert.

»Er gibt nicht gerade viele Einzelheiten preis«, sagte er, als er mir den Brief zurückgab.

»Genaugenommen gar nichts.«

»Und doch ist das Schreiben sehr interessant.«

»Er hat den Brief nicht eigenhändig geschrieben.«

»Genau das meine ich, es ist die Handschrift einer Frau.«

»Ach was, kann das sein? Es müßte eine Männerhandschrift sein«, rief ich.

»Nein, mein Freund, eine Frauenhandschrift. Und diese Frau hat dazu einen seltsamen Charakter.

Sehen Sie, wenn man eine Untersuchung beginnt, dann sind solche Hinweise schon einmal sehr wichtig. Da ist ein Mensch auf Gedeih und Verderb einem anderen Menschen ausgeliefert, steht einem Menschen nah, der eine so außergewöhnliche Natur hat. Mein Interesse an diesem Fall ist schon geweckt. Wenn Sie bereit sind, dann machen wir uns gleich auf die Reise nach Woking, um diesen Diplomaten zu besuchen, der in eine so üble Falle geraten ist und der seine Briefe einer so interessanten Dame diktiert. «

Wir hatten das Glück, den frühen Zug von Waterloo aus noch gerade zu erreichen. In weniger als einer Stunde befanden wir uns inmitten der Föhren- und Heidelandschaft von Woking.

>Briarbrae< war, wie sich herausstellte, ein großes Herrenhaus, das sich einige Minuten von der Bahnstation entfernt inmitten eines schönes Parks befand. Wir gaben unsere Karten ab und wurden gleich in ein sehr elegantes Zimmer geführt, wo ein breitschultriger Mann uns gastfreundlich empfing. Der Mann war um die vierzig Jahre alt, eher vierzig jedenfalls als dreißig, aber seine Wangen waren frisch, und die Augen leuchteten so vergnügt, daß man von ihm eher den Eindruck eines unbeschwert fröhlichen Jungen hatte, der in jedem Augenblick einen neuen Streich aushecken konnte.

»Ich bin froh, daß Sie gekommen sind«, sagte er und schüttelte uns ausgiebig die Hände. »Percy hat schon den ganzen Vormittag lang nach Ihnen gefragt. Ach, der arme alte Kerl hält sich an jedem Strohhalm fest. Seine Eltern haben mich gebeten, Sie zu empfangen. Ihnen selber ist es zu schmerzlich, allein schon an das Unglück erinnert zu werden. «

»Bisher haben wir noch keinerlei Anhaltspunkte«, stellte Sherlock Holmes fest, »Sie selber sind wohl kein Mitglied der Familie, nicht wahr?«

Unser neuer Bekannter sah uns überrascht an, dann sa h er an sich herunter und begann zu lachen.

»Natürlich, da ist ja mein Monogramm >J. H.< auf dem Medaillon. Einen Augenblick habe ich wirklich geglaubt, Sie hätten etwas Cleveres vollbracht«, sagte er. »Ich bin Joseph Harrison.

Percy wird meine Schwester Annie heiraten, so werden wir durch Heirat Verwandte werden. Sie werden meine Schwester in seinem Zimmer finden, denn sie hat ihn in diesen zwei Monaten gepflegt. Vielleicht ist es besser, wenn wir gleich zu ihm gehen, denn er erwartet Sie ungeduldig.

« Wir wurden in ein ebenerdiges Schlafzimmer geführt. Es war halb als Wohnzimmer, halb als Schlafzimmer möbliert. Blumen waren in jeder Ecke und auf jedem Plätzchen arrangiert. Ein junger Mann lag blaß und müde auf dem Sofa in der Nähe des offenen Fensters, durch das der schwere Duft des Blumengartens und die wohltuende Sommerluft hineinströmten. Neben ihm saß eine junge Frau. Die Dame erhob sich, als wir eintraten.

»Soll ich lieber gehen, Percy?«

Er klammerte sich an ihre Hand, um sie zum Bleiben zu bewegen. »Prima, Sie wiederzusehen, Watson«, sagte er freundlich. »Mit diesem Schnauzbart hätte ich Sie niemals wiedererkannt. Und das ist Ihr vielgefeierter Freund Sherlock Holmes?«

Ich stellte ihn mit ein paar Worten vor, dann nahmen wir alle Platz. Der breite junge Mann hatte uns verlassen, aber das Mädchen war geblieben. Ihre Hand hatte sie auf die des Kranken gelegt.

Sie war eine aufregende junge Frau, zwar ein wenig kurz geraten und zur Fülle neigend, aber zugleich hatte sie eine wunder-schöne, olivenfarbene Gesichtsfarbe und große, dunkle italienische Augen. Prächtiges schwarzes Haar umrahmte das Gesicht. Ihre frischen Farben ließen das bleiche Gesicht des Kranken noch bleicher und kränker erscheinen.

»Ich möchte nicht viel Zeit verlieren«, sagte er und erhob sich von seinem Sofa, »ich werde mich ohne große Vorreden in die Geschichte stürzen. Mr. Holmes, ich war ein glücklicher und erfolgreicher Mensch. Ich stand kurz vor meiner Hochzeit, als dieses schreckliche Unglück über mich hereinbrach. Meine ganze Zukunft ist ruiniert. Ich hatte, wie Watson Ihnen sicherlich mitgeteilt hat, durch den Einfluß meines Onkels, Lord Holdhurst, eine gute Stellung im Innenministerium. Ich bin sehr schnell in eine verantwortliche Position hineingewachsen. Als mein Onkel Außenminister wurde, vertraute er mir mehrere verantwortungsvolle Missionen an, die ich alle zu einem guten und erfolgreichen Ende gebracht habe. Schließlich kam es, daß er das größte Vertrauen in mein Können und meinen Takt legte. Vor etwa zehn Wochen - um genau zu sein: Es war am dreiundzwanzigsten Mai - rief er mich in sein privates Büro. Er machte mir Komplimente wegen meiner guten Arbeit und unterrichtete mich dann, daß er mir einen neuen Auftrag anvertrauen wolle.

>Dies<, sagte er und nahm eine große graue Rolle Papier aus seinem Schreibtisch, >ist das Original eines Geheimvertrages zwischen England und Italien. Leider muß ich zugeben, daß Gerüchte über dieses Papier in die Zeitung gelangt sind. Es ist nun aber von ungeheurer Wichtigkeit, daß nichts an die Öffentlichkeit gelangt. Die französische sowohl als auch die russische Botschaft würde ungeheure Summen zahlen, wenn sie an den Inhalt dieser Papiere herankämen. Eigentlich dürften sie meinen Schreibtisch überhaupt nicht verlassen, aber es ist unbedingt notwendig, die Dokumente zu kopieren. Du hast doch einen Schreibtisch in deinem Büro?< >Ja, Sir.< >Dann nimm den Vertrag und schließ ihn gut bei dir ein. Ich, werde Anweisungen geben, daß du zurückbleiben kannst, wenn die anderen Feierabend haben. Dann kannst du das Dokument in Ruhe abschreiben, ohne daß dir jemand über die Schulter sieht. Wenn du fertig bist, sollst du das Schriftstück sowohl als auch die Abschrift in deinem Schreibtisch verschließen und mir morgen früh persönlich überreichen.< Ich nahm also die Papiere und...«

»Entschuldigen Sie einen Augenblick«, sagte Sherlock Holmes, »waren Sie alleine während dieses Gespräches? »Absolut.«

»Fand das Gespräch in einem großen Zimmer statt?«

»Dreißig Fuß nach jeder Seite.«

»Und Sie befanden sich in der Mitte des Raumes?«

»Ja, so ungefähr.«

»Und Sie haben nicht überlaut zusammen gesprochen? «

»Nein. Die Stimme meines Onkels ist bemerkenswert leise. Ich habe fast nichts gesagt. «

»Bitte, fahren Sie fort«, sagte Holmes und schloß die Augen. »Ich tat genau, worum er mich gebeten hatte. Ich wartete, bis die anderen Angestellten nach Hause gegangen waren. Einer von ihnen, der mit mir das Büro teilt, hatte einige Arbeit nachzuholen. Während er in unserem Zimmer arbeitete, ging ich zum Dinner. Als ich zurückkehrte, war er fort. Ich wollte mich nun mit meiner Arbeit ein bißchen beeilen, denn Joseph, Mr. Harrison, den Sie soeben getroffen haben, war in der Stadt, und wir wollten gemeinsam mit dem Elf-Uhr-Zug nach Woking fahren.

Es lag mir daran, diesen Zug noch zu erreichen.

Als ich mir den Vertrag näher betrachtete, begriff ich, daß er wirklich von großer Wichtigkeit war, mein Onkel hatte nicht übertrieben. Ohne jetzt Details preiszugeben, kann ich wohl sagen, daß es um die Position Großbritanniens in der Dreier-Allianz ging. Es wurde angedeutet, welche politischen Maßnahmen ergriffen werden würden, wenn die französische Flotte im Mittelmeer die Oberhand über die italienische gewänne. Es handelte sich um Fragen des Seerechtes.

Unterschrieben war dieser Vertrag von hohen Würdenträgern. Ich hatte mich also mit dem Inhalt vertraut gemacht und begann mit der Arbeit.

Es war ein längeres Schriftstück und in französischer Sprache abgefaßt. Zwar arbeitete ich zügig voran, aber um neun Uhr hatte ich erst neun Artikel fertig geschriebe n. Die Aussicht, meinen Zug noch zu erreichen, erschien mir aussichtslos. Ich fühlte mich schläfrig und ein wenig leer im Kopf, teils lag das an dem schweren Dinner, teils an der Arbeit eines langen Tages. So dachte ich, daß mich eine Tasse Kaffee wieder frischer machen könnte. Ein Nachtwächter bleibt die ganze Nacht im Gebäude. Er sitzt in seiner kleinen Loge unter der Treppe. Für Leute, die spät noch arbeiten, macht er auf einer Spiritusflamme Kaffee. Ich klingelte ihn deshalb herbei. Auf mein Klingeln erschien jedoch eine Frau, eine große, ältere Frau. Sie hatte ein grobes Gesicht und trug eine Schürze. Sie sei die Frau des Nachtwächters, erklärte sie, und ich gab ihr meinen Auftrag.

Ich schrieb zwei weitere Artikel und war müder denn zuvor. So stand ich auf und wanderte im Zimmer umher, um die Glieder ein bißchen zu strecken. Mein Kaffee war immer noch nicht gekommen. Allmählich fragte ich mich, aus welchem Grund er mir noch nicht gebracht worden war. Ich öffnete die Tür und starrte den Korridor hinunter. Es war ein gerader Flur, schwach beleuchtet und der einzige Ausgang aus dem Zimmer, in dem ich arbeitete. Dieser Flur endet an einer gewundenen Treppe, an dessen Fuß sich die Loge des Pförtners befindet. Auf der halben Treppe befindet sich ein Absatz, von dem ein weiterer Flur nach rechts abzweigt. Dieser zweite Flur führt über eine weitere kleine Treppe zu einer Seitentür, die vom Dienstpersonal und auch von den Angestellten als Abkürzungsweg benutzt wird. Hier ist eine kleine Skizze des Gebäudes.«

»Danke, ich kann Ihnen recht gut folgen«, sagte Sherlock Holmes.

»Es ist von größter Wichtigkeit, daß Sie von diesem Punkt Notiz nehmen. Ich ging die Treppe hinunter, kam in die Halle und fand den Nachtwächter fest schlafend in seiner Loge, während das Wasser auf dem Spirituskocher verkochte. Das kochende Wasser war auf den Fußboden gespritzt. So nahm ich den Kessel von der Flamme und blies sie aus. Gerade hatte ich meinen Arm ausgestreckt, um ihn zu wecken, als über meinem Kopf die Klingel schrillte. Erschrocken wachte der Mann auf.

>Mr. Phelps, Sir!< sagte er verwundert.

>Ich bin heruntergekommen, um zu sehen, wo mein Kaffee bleibt.< >Den Kessel hatte ich schon aufgesetzt, dann muß ich eingeschlafen sein, Sir.< Er sah mich an, dann die Klingel, die immer noch zitterte, dann wieder mich.

>Wer hat da eben geläutet?< >Die Klingel<, rief ich, >wessen Klingel ist es?< >Es ist Ihre Klingel Sir, die Klingel aus Ihrem Zimmer.< Eine kalte Hand schien sich um mein Herz zu legen. Jemand war in das Zimmer gelangt, in dem ein Geheimnis offen auf dem Tisch lag. Wie ein Wilder lief ich die Treppe hinauf und durch die Gänge in mein Zimmer. Niemand begegnete mir im Flur, Mr. Holmes. Alles war, wie ich es verlassen hatte. Nur das Dokument, das mir anvertraut war, lag nicht mehr auf seinem Platz. Es war fort. Die Kopie war zwar noch da, aber das Original war verschwunden.«

Holmes richtete sich gerade auf und rieb sich die Hände. Dies war ein Problem nach seinem Herzen, soviel war mir klar. »Bitte, was haben Sie dann gemacht?« murmelte er.

»Mir wurde sofort klar, daß der Dieb durch die Seitentür gekommen sein mußte. Wenn er den anderen Weg genommen hätte, dann hätte ich ihn ja treffen müssen.«

»Haben Sie sich davon überzeugt, daß sich niemand im Flur versteckt gehalten hat? Sie sagten, der Korridor sei nur sehr schwach beleuchtet gewesen.«

»Das ist völlig unmöglich. In diesem Flur kann sich nicht einmal eine Ratte verstecken. Es gibt keine Ecken, nichts dergleichen, kein Versteck.«

»Danke. Bitte, fahren Sie fort.«

»Der Pförtner hatte me in bleiches, erschrecktes Gesicht gesehen. Nichts Gutes ahnend, war er mir gefolgt. Nun liefen wir gemeinsam durch die Korridore und wieder die Treppe hinunter, die zu der Charles Street führt. Die Tür war zu, aber nicht abgeschlossen. Wir rissen sie auf und rannten hinaus. Ich kann mich noch genau erinnern, daß die Turmuhr einer Kirche in diesem Augenblick dreimal schlug. Es war Viertel vor zehn Uhr.«

»Das ist ein sehr wichtiger Punkt«, sagte Sherlock Holmes und machte sich eine Notiz auf seiner Manschette.

»Der Abend war sehr dunkel. Ein dünner, warmer Regen fiel. In der Charles Street war keine Menschenseele zu sehen, aber wie üblich war in der Whitehall starker Verkehr. Wir liefen den Bürgersteig entlang, ohne Mantel und Hut, wie wir gerade waren. An der Ecke trafen wir auf einen Polizisten.

>Ein Diebstahl ist geschehen<, rief ich atemlos, >ein Dokument von großem Wert ist aus dem Innenministerium gestohlen worden. Ist jemand hier vorbeigekommen.< >Ich stehe seit einer Viertelstunde an dieser Ecke, Sir<, sagte der Mann, >die einzige Person die hier vorbeigekommen ist, ist eine ältere Frau -, ziemlich große Frau mit einem grauen Schal.< >Ah, das ist bloß meine Alte<, sagte der Nachtwächter, >sonst niemand?< Was, wenn ich nun das Opfer eines außergewöhnlichen Unglücksfalles geworden wäre? Man kalkuliert das Unglück jedoch nicht ein, wenn es um diplomatische Belange geht. Ich war ruiniert, schändlich ruiniert, hoffnungslos ruiniert. Was in der nächsten Stunde geschah, weiß ich nicht mehr recht. Ich glaube, ich habe eine fürchterliche hysterische Szene gemacht. Irgendwie habe ich so eine Ahnung, daß ein Dutzend Beamter um mich herumstanden und mich zu beruhigen versuchten. Einer von ihnen brachte mich zum Bahnhof Waterloo und half mir in den Zug nach Woking. Vermutlich hätte er mich auch ganz heimbegleitet, wenn nicht zufällig Dr.

Ferrier, der in meiner Nähe wohnt, mit dem gleichen Zug nach Hause fuhr. Der Arzt kümmerte sich sehr freundlich um mich. Es ist auch nur gut, daß er da war, denn auf der Fahrt bekam ich einen Tobsuchtsanfall. Ich muß mich irrsinnig aufgeführt haben, bevor wir endlich heimkamen.

Sie können sich den Schrecken meiner Familie vorstellen, als sie zur Nachtzeit vom Doktor aus den Betten geklingelt wurde und er mich in diesem Zustand meiner Familie übergeben mußte.

Die arme Annie war hier. Annie und meine arme Mutter waren völlig verstört. Dr. Ferrier hatte sich durch den Beamten am Bahnsteig in Waterloo gerade soweit informieren können, daß er meiner Familie in groben Zügen den Hergang des Geschehens berichten konnte. Aber seine Version der Geschichte machte die Sache für meine Familie nicht eben besser. Alle begriffen sofort, daß ich ernsthaft krank war und wahrscheinlich eine lange Zeit brauchen würde, um mich wieder zu erholen. So wurde der arme Joseph aus seinem Zimmer herauskomplimentiert, und es wurde in ein Krankenzimmer für mich umgewandelt. Hier habe ich nun neun lange Wochen gelegen, Mr. Holmes, bewußtlos und mit furchtbarem Fieber. Nur Miss Harrison und der sorgfältigen Betreuung meine s Arztes habe ich es zu verdanken, daß ich heute wieder soweit hergestellt bin, daß ich mit Ihnen reden kann. Miss Harrison hat mich tagsüber gepflegt, nachts kam eine angestellte Pflegerin. Es war nötig, daß ständig jemand um mich war, denn wenn ich wieder einen Anfall bekam, war ich zu allem fähig. Langsam jedoch kehrte mein Verstand zurück. Aber erst richtig klar und vernünftig denken kann ich erst seit drei Tagen wieder. Als ich wieder zu mir kam, habe ich als erstes Mr. Forbes telegraphiert, der den Fall ja zu bearbeiten hat.

Er kam zu uns heraus. Er versicherte mir, daß alles Erdenkliche getan worden sei, daß es jedoch keinerlei Spuren oder Hinweise gebe. Der Pförtner und seine Frau waren zu wiederholten Malen verhört worden, aber aus ihnen war nichts herauszubekommen. Die Polizei hat den jungen Gorot in Verdacht. Sie erinnern sich, daß mein Kollege nach der allgemeinen Arbeitszeit noch zurückblieb, weil er etwas aufzuarbeiten hatte. Aber der Verdacht steht auf dünnen Beinen, er begründet sich nämlich nur auf die Tatsache, daß er zurückblieb, und auf seinen französischen Namen. Aber ich hatte mit der Arbeit erst begonnen, als er schon gegangen war. Außerdem stammt er zwar aus einer hugenottischen Familie, aber er lebt in britischer Tradition wie Sie und ich. Es ist im übrigen auch nichts gefunden, was ihn hätte verdächtig machen können. So wurde der Verdacht gegen ihn fallengelassen. Nun wende ich mich an Sie, Mr. Holmes, denn Sie sind wirklich meine letzte Hoffnung. Wenn auch Sie versagen, dann sind meine Ehre sowohl als meine Berufsziele ein für allemal dahin.«

Der Kranke war in seine Kissen zurückgesunken, ermattet durch den langen Bericht. Die Frau goß ihm ein Glas einer anregenden Medizin ein. Holmes saß schweigend in seinem Sessel. Er hatte seinen Kopf zurückgelehnt und die Augen geschlossen. In dieser Haltung wirkte er für Fremde müde und uninteressiert, aber ich weiß, daß sein Geist in solchen Augenblicken sehr intensiv beschäftigt ist.

»Ihr Bericht war sehr exakt und genau«, sagte er schließlich, »so daß ich Ihnen nur noch ein paar Fragen stellen muß. Aber eine Frage ist unerhört wichtig: Haben Sie jemandem erzählt, daß Sie einen Spezialfall zu bearbeiten hatten?«

»Nein, niemandem.«

»Auch nicht Miss Harrison?«

»Nein, denn zwischen der Auftragserteilung und Ausführung war ich nicht wieder in Woking gewesen.«

»Und Sie haben in der Zwischenzeit auch keinen Ihrer Freunde und Verwandten gesehen?«

»Nein, niemanden.«

»Kannten sich Ihre Familienmitglieder in den Räumlichkeiten aus?«

»O ja, alle waren schon einmal durch das Innenministerium geführt worden. «

»Nun, es spielt ja auch keine Rolle, wenn Sie sagen, daß Sie mit niemandem über den wichtigen Auftrag gesprochen haben. »Ich habe wirklich mit niemandem darüber gesprochen.« »Was wissen Sie von dem Pförtner?

»Nichts, außer daß er ein alter Soldat ist.«

»In welchem Regiment?«

»Soweit ich weiß, war er bei den Goldstream Guards.«

»Vielen Dank. Alle weiteren Einzelheiten werde ich wohl von Forbes erfahren. Die offizielle Polizei arbeitet ganz ausgezeichnet, wenn es darum geht, Detailwissen anzuhäufen, wenn sie auch nicht immer recht in der Lage sind, sie für sich nutzbar zu machen. Ah, was für eine herrliche Blume doch die Rose ist! « Ei ging an der Couch vorbei zu dem offenen Fenster, dann nahm er den gebeugten Stengel einer Moosrose in die Hand und schaute auf die feinen Farbabstimmungen von Rot und Grün. Dieser Zug erschien mir neu an ihm, denn ich hatte noch nie vorher bemerkt, daß er sich für die Natur interessierte.

»Nirgendwo ist die Kunst der logischen Schlußfolgerung nötiger als in der Religion«, sagte er und lehnte sich gegen die Fensterläden zurück, »von einem logisch denkenden Menschen kann sie wie eine exakte Wissenschaft aufgebaut werden. Unsere höchste Zusicherung, daß die Vorsehung es gut mit uns meint, scheint mir in den Blumen zu liegen. Alles andere, unsere Kraft, Wünsche, Nahrung gehören notwendigerweise zum Leben dazu. Die Rose jedoch ist ein Extra.

Ihr Duft und ihre Farben sind eine Bereicherung des Lebens, nicht eine Lebensnotwendigkeit an sich. Nur Güte kann soviel extra geben. Darum sage ich noch einmal, daß meine Hoffnung in dieser Blume begründet ist. « Percy Phelps und seine Pflegerin hatten Sherlock Holmes mit sehr überraschten, jedoch auch enttäuschten Gesichtern angesehen. Mit der Rose in der Hand war er in Schwärmereien versunken. Noch einige Minuten redete er so philosophisch dahin, bis ihm die junge Dame ins Wort fiel:

»Haben Sie eine Idee, Mr. Holmes? Können Sie uns sagen, ob Sie diesen Fall werden lösen können?« Ein Hauch von Schärfe war in ihrer Stimme.

»Oh, das Rätsel! « sagte er und richtete sich voll auf, so als sei er soeben wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgekehrt. »Nun, ich will zugeben, daß der Fall sehr verwickelt und hintergründig ist. Ein wahrhaft komplizierter Fall. Aber ich verspreche Ihnen, daß ich mich darum kümmern werde. Ich lasse Sie dann alle Ergebnisse wissen.«

»Haben Sie schon einen Anhaltspunkt?«

»Sie haben mir deren sieben mitgeteilt, aber ich muß erst nachprüfen, welchen Wert jeder einzelne Anhaltspunkt hat.«

»Verdächtigen Sie jemanden?«

»Ich verdächtige mich selber!«

»Was?«

»Ich habe den Verdacht, zu schnell zu einer Lösung zu kommen. «

»Dann sollten Sie zurück nach London fahren und Ihre Lösungsmöglichkeiten nachprüfen.«

»Das ist ein ausgezeichne ter Rat, Miss Harrison«, sagte Holmes und erhob sich, »ich denke, daß wir nichts Besseres tun können, Watson. Bitte, geben Sie sich keiner falschen Hoffnung hin, Mr.

Phelps, diese Affäre ist sehr verwickelt.«

»Ich fiebere Ihrem Wiederkommen entgegen.«

»Wir werden morgen mit dem gleichen Zug wieder hier sein. Möglicherweise müssen Sie sich aber auf eine negative Antwort gefaßt machen.«

»Der Himmel segne Sie für das Versprechen, überhaupt wiederzukommen«, rief unser Klient aus.

»Dies Wissen, daß überhaupt etwas unternommen wird, flößt mir neues Leben ein. Übrigens habe ich einen Brief von Lord Holdhurst bekommen. «

»Was schreibt er Ihnen?«

»Er schreibt einen kühlen, jedoch keinen harten Brief. Ich glaube, daß meine schlimme Krankheit ihn von Härte abgehalten hat. Er wiederholt mir, daß die Affäre weiterhin nichts von ihrer Bedeutung eingebüßt hat, daß jedoch keinerlei Schritte wegen meiner Zukunft - er meint damit meine Entlassung - unternommen werden sollen, bis meine Gesundheit vollkommen wiederhergestellt ist und ich Gelegenheit gefunden habe, mein Unglück wieder in Ordnung zu bringen.«

»Das ist doch sehr vernünftig und einsichtig«, sagte Holmes. »Kommen Sie, Watson, wir haben ein langes Tagewerk in London vor uns.«

Mr. Joseph Harrison fuhr uns zum Bahnhof, und bald saßen wir in dem Zug nach Portsmouth.

Sherlock Holmes war tief in Gedanken versunken, bis wir zur Clapham Junction kamen. »Es ist doch schon herzerhebend, mit einem dieser Züge wieder nach London zurückzukehren, von allen Seiten kommen sie. Und es ist interessant, die Häuser zu betrachten.«

Ich glaubte, er hätte sich einen Scherz erlaubt, denn die Häuser sahen eher nüchtern und vielleicht ein bißchen trübe aus. Aber er erklärte auch schon, was er meinte.

»Sehen Sie sich diese riesigen, isoliert stehenden Gebäudekomplexe an, die sich über den Schiefer erheben wie Inseln aus Stein in einem bleigrauen Meer.«

» Internatsschulen. «

»Leuchttürme, mein Lieber! Lichtstrahlen für die Zukunft. Kapseln mit Hunderten von kleinen, hellen Samenkörnern. Aus jeder Kapsel wird ein schöneres, weiseres England der Zukunft entspringen. Glauben Sie, daß Phelps trinkt?«

»Das glaube ich nicht.«

»Nein, ich glaube das auch nicht, aber man muß an alles denken. Der arme Teufel hat sich wirklich in unergründliche Tiefen hineinma növriert. Es ist die Frage, ob wir in der Lage sind, ihn wieder an Land zu ziehen. Was halten Sie von Miss Harrison?«

»Ein Mädchen mit festem Charakter.«

»Ja, ich glaube schon, daß sie sogar einen guten Charakter hat. Sie und ihr Bruder sind die einzigen Kinder eines Eisenwarenhändlers in Northumberland. Phelps hat sich mit ihr verlobt, als er letztes Jahr auf Reisen war. Sie kam hierher, um seiner Familie vorgestellt zu werden. Ihren Bruder hatte sie im Gefolge. Dann kam das Unglück. Sie blieb, um ihren kranken Liebsten zu pflegen, während ihr Bruder, der sich ebenfalls dort sehr wohl fühlte, auch gleich mit dort blieb.

Sehen Sie, ich habe ein paar Erkundigungen eingezogen. Aber wir werden den ganzen Tag brauchen, um uns weiter zu erkundigen.«

»Meine Praxis ... «, sagte ich.

»Oh, Sie finden Ihre eigenen Fälle interessanter als meine!« sagte Sherlock Holmes mit einer kleine Feindseligkeit in der Stimme.

»Ich wollte sagen, daß ich meine Praxis ein oder zwei Tage allein lassen kann, weil zu dieser Jahreszeit sowieso nicht soviel zu tun ist. «

»Ausgezeichnet!« sagte er und hatte seine gute Laune schon wieder gefunden. »Dann wollen wir uns die Sache einmal zusammen ansehen. Ich glaube, das beste wird sein, wenn wir zunächst einmal Forbes besuchen. Von ihm werden wir vermutlich Einzelheiten erfahren, damit wir erfahren, von welcher Seite wir das Problem angehen können.«

»Sie sagten, Sie hätten schon einen Hinweis?«

»Mehrere sogar, aber wir müssen erst herausfinden, was sie wert sind. Und dazu brauchen wir noch mehr Einzelheiten. Das Verbrechen, das man am schwersten aufspüren kann, ist jenes, für das man keinen Grund sieht. Na ja, hier ist aber nichts grundlos geschehen. Wer profitiert dabei?

Da wäre der französische Botschafter und der russische, und da ist jemand, der das Dokument an einen von beiden verkaufen kann. Lord Holdhurst darf ebenfalls nicht vergessen werden.«

»Lord Holdhurst!«

»Na ja, es wäre doch möglich, daß ein Staatsmann sich in einer Position befindet, wo er nicht sonderlich traurig wäre, wenn ein Dokument unglücklicherweise plötzlich verschwinden würde.«

»Aber das können Sie doch wohl einem Staatsmann, der einen so ehrenhaften Ruf hat wie Lord Holdhurst, nicht unterschieben!«

»Möglich ist alles, und ausschalten dürfen wir nichts. Wir werden den edlen Herrn heute besuchen und einmal sehen, was er uns zu sagen hat. Inzwischen habe ich einige Nachforschungen in Gang gesetzt.«

»Schon?«

»Ja. Ich habe vom Bahnhof Woking aus Telegramme an jede Abendzeitung geschickt. Diese Anzeige wird in jeder Zeitung erscheinen.«

Er reichte mir ein Blatt aus seinem Notizbuch. Mit Bleistift war dort hingeworfen: >Zehn Pfund Sterling Belohnung für die Nummer des Mietwagens, der am Abend des 23. Mai um Viertel vor zehn Uhr eine Fahrt zum Innenministerium gemacht hat. Antwort an Baker Street 221B.< »Sind Sie so sicher, daß der Dieb mit dem Mietwagen kam?«

»Wenn nicht, kann es ja auch nichts schaden. Aber wenn Mr. Phelps recht hat und es kein Versteck auf den Fluren und Korridoren gibt, dann muß diese Person von außen gekommen sein.

Wenn er aber an einem so nassen Abend von außen gekommen ist und keine Spuren auf dem Linoleum hinterlassen hat, das ja schon wenige Minuten später untersucht worden ist, dann besteht durchaus die Möglichkeit, daß er mit dem Wagen gekommen ist. Ich glaube, wir können einmal ganz sicher sein, daß sich dieser Jemand einen Mietwagen genommen hat. «

»Das klingt plausibel.«

»Das ist einer meiner Hinweise, von denen ich gesprochen habe. Vielleicht führt er uns zu irgend etwas. Und dann ist da natürlich die Klingel. - Dies ist wirklich der markanteste Punkt an dem ganzen Fall. Warum sollte er den Klingelzug ziehen? War es wirklich der Dieb, der das aus purem Übermut tat? Oder hat es jemand getan, der ein Verbrechen verhindern wollte? Oder war es ...« Wieder versank er in den Zustand tiefsten Nachdenkens, aus dem er gerade erst erwacht war. Aber mir, der ich seine Launen und Stimmungen so gut kannte, schien es, als sei ihm da gerade eben etwas aufgegangen.

Zwanzig Minuten nach drei Uhr hatten wir unsere Wohnung erreicht. Nach einem eiligen Mittagsmahl am Buffet eilten wir sofort weiter nach Scotland Yard. Holmes hatte inzwischen ein Telegramm an Forbes geschickt, und dieser erwartete uns schon. Er war ein kleiner Mann, fuchsgleich, mit einem scharfen und keineswegs freundlichen Gesicht. Er verhielt sich uns gegenüber sehr kühl und zurückhaltend, und das um so mehr, als er erfuhr, was wir von ihm wollten.

»Ich habe von Ihren Methoden gehört«, sagte er giftig. »Sie haben gar keine Hemmungen, alle Informationen zu benutzen, die die Polizei Ihnen geben kann und will. Und dann gehen Sie hin und bringen den Fall zu Ende und stecken alles Verdienst für sich ein und bringen die Polizei dabei in Verruf.«

»Aber ganz im Gegenteil! « sagte Sherlock Holmes. »Von meinen dreiund fünfzig Fällen ist mein eigener Name nur in dreien erschienen, und die Polizei durfte in neunundvierzig Fällen das Verdienst einstecken. Ich nehme es Ihnen nicht übel, daß Sie das nicht wissen, denn Sie sind ja noch jung und haben wenig Erfahrung, aber wenn Sie in Ihrer Laufbahn vorankommen wollen, dann sollten Sie mit mir zusammen und nicht gegen mich arbeiten.«

»Ich bin dankbar für jeden Hinweis«, sagte der Detektiv, nun schon sehr viel zuvorkommender.

»Dieser Fall hat mir wirklich noch nicht viel Gutes eingebracht.«

»Was haben Sie inzwischen unternommen?«

»Tangey, der Pförtner, ist überwacht worden. Er hat als gutbeleumundeter Soldat die Kavallerie verlassen. Es gibt nichts, was man gegen ihn sagen könnte. Allerdings ist seine Frau nicht ganz astrein. Möglicherweise weiß sie mehr, als sie zugibt.«

Ist auch sie beschattet worden?«

»Wir haben eine weibliche Detektivin auf sie angesetzt. Die Frau trinkt. Unsere Agentin hat sie zweimal im angetrunkenen Zustand erwischt. Aber wir konnten nichts aus ihr herausbringen. «

»Soviel ich weiß, waren die Pfänder in ihrem Haus?«

»Ja. Aber die Schulden sind bezahlt worden.«

»Woher kam das Geld?«

»Oh, das ist in Ordnung. Seine Pension wurde fällig. Kein Anzeichen dafür, daß es irgendwelche dunklen Geldquellen gab.«

»Was für eine Erklärung hat sie abgegeben, daß sie die Klingel beantwortet hat, als Mr. Phelps seinen Kaffee haben wollte?«

»Sie sagte, ihr Mann sei sehr müde gewesen, und sie habe ihn entlasten wollen.«

»Na ja, etwas später wurde er fest schlafend in seinem Sessel gefunden. Das paßt also zusammen.

Es spricht also nichts gegen die Frau als höchstens ihr Charakter. Haben Sie sie gefragt, weshalb sie an jenem Abend in einer solchen Hast das Innenministerium verlassen hat? Sie hat damit die Aufmerksamkeit eines Polizisten auf sich gelenkt. «

»Sie sagt, sie sei später als üblich dran gewesen und wollte schnell heimkommen.«

»Haben Sie sie darauf hingewiesen, daß Mr. Phelps zwanzig Minuten später als sie aufgebrochen ist und trotzdem noch vor ihr in ihrer Wohnung angekommen ist?«

»Sie erklärte das mit dem Unterschied zwischen einem Pferdeomnibus und einer Droschke.«

»Hat sie erklären können, weshalb sie, als sie heimkam, in die Küche geflüchtet ist?«

»Weil sie dort Geld hatte, mit dem sie den Pfänder hätte bezahlen kö nnen. «

»Wenigstens hatte sie auf alle Fragen eine Antwort bereit. Haben Sie sie gefragt, ob sie jemanden getroffen hat, der in der Charles Street herumbummelte, als sie fortging?«

»Sie hat nur den Polizisten gesehen.«

»Na, Sie scheinen sie ja kräftig ins Kreuzverhör genommen zu haben. Was haben Sie sonst noch gemacht?«

»Auch der Angestellte Gorot ist in diesen neun Wochen überwacht worden. Aber ebenfalls ohne Resultat. Es läßt sich nichts gegen ihn finden.«

»Was noch?«

»Nein, weiter hatten wir nichts, woran wir uns halten konnten, keine Zeugen, nichts.«

»Haben Sie eine Theorie, wer die Klingel gezogen haben könnte? «

»Ich muß schon sagen, diese Sache erschlägt mich irgendwie. Wer immer das getan haben mag, ein ganz kühler Kopf muß es schon gewesen sein. Also, hingehen und sich auf diese Weise bemerkbar machen!«

»Ja, eine merkwürdige Sache ist das schon. Vielen Dank für alle Informationen. Wenn ich Ihnen diesen Kerl übergeben kann, dann sollen Sie gewiß von mir hören. Kommen Sie, Watson.«

»Wohin gehen wir jetzt?« fragte ich, nachdem wir das Polizeigebäude verlassen hatten.

»Jetzt ist das Gespräch mit Lord Holdhurst dran, dem Kabinettsminister und späteren Premierminister von England.« Wir hatten Glück und trafen Lord Holdhurst noch in seinem Büro in der Downing Street. Als Holmes seine Karte hineinschickte, wurden wir sogleich vorgelassen.

Der Staatsmann empfing uns mit seiner altmodischen Höflichkeit, für die er bekannt ist. Er schob uns zwei bequeme Sessel rechts und links vom Kamin hin. Er selbst stand vor uns auf dem Teppich. Ich betrachtete verstohlen seine schlanke Figur, die scharfen Züge seines gedankenvollen Gesichtes und das wellige Haar, in das sich vorzeitig einiges Grau hineingemischt hatte. Mir schien, daß er genau das war, was er repräsentierte und was man so selten findet, einen edlen Menschen, der auch wirklich und wahrhaftig edel ist.

»Ihren Namen kenne ich, Mr. Holmes«, sagte er lächelnd. »Und selbstverständlich ahne ich auch, weshalb Sie mich jetzt besuchen. Es gibt nur eine Aufregung im Innenministerium, die es wert ist, Ihre Aufmerksamkeit zu erregen. In wessen Interesse arbeiten Sie bitte?«

»Im Interesse von Mr. Percy Phelps«, antwortete Sherlock Holmes.

»Ah, mein unglücklicher Neffe. Sie verstehen, daß unsere verwandtschaftliche Beziehung es mir unmöglich macht, ihn zu schützen. Ich fürchte, dieser Vorfall muß leider einen ungünstigen Einfluß auf seine Karriere haben.«

»Aber ist denn das Dokument gefunden worden?«

»Ach, wenn es das wäre, so stünde die Sache ganz anders.«

»Ich habe da ein oder zwei Fragen, Lord Holdhurst, die ich gerne an Sie gerichtet hätte.«

»Ich werde Ihnen gerne alle Informationen geben, die ich Ihnen geben kann.«

»War es in diesem Zimmer, wo Sie ihm den Auftrag erteilten, das Dokument zu kopieren?«

»Ja, es war hier.«

»Könnte Sie jemand abgehört haben?«

»Das steht außer Frage.«

»Haben Sie irgendjemandem gegenüber erwähnt, daß Sie vorhatten, jemandem den Auftrag zu geben, den Vertrag zu kopieren? «

»Niemals.«

»Und dessen sind Sie ganz sicher?« »Absolut.«

»Nun, da Sie niema ndem etwas gesagt haben und Mr. Phelps auch nicht über den Auftrag gesprochen hat und niemand von der Sache etwas wußte, so muß das Erscheinen des Diebes zufällig erfolgt sein. Er sah seine Chance und nahm das Dokument an sich.« Der Staatsmann lächelte.

»Das ist Ihr Gebiet, nicht meines«, sagte er.

»Es gibt noch einen wichtigen Punkt, den ich gerne mit Ihnen besprechen möchte«, sagte er. »Sie befürchteten sehr große und böse Konsequenzen, wenn das Geheimnis dieses Vertrages herauskommen würde. «

Ein Schatten huschte über das Gesicht des Staatsmannes.

»Sehr große Konsequenzen, wirklich!« sagte er.

»Und ist etwas davon eingetroffen?«

»Noch nicht.«

»Wenn Einzelheiten des Vertrages, sagen wir, die französische oder russische Botschaft erreicht hätten, hätten Sie etwas davon gehört? «

»Das hätten wir ganz gewiß«, sagte Lord Holdhurst mit ernstem Gesicht.

»Aber es sind nahezu zehn Wochen vergangen, und es ist nichts geschehen. Könnte man nicht annehmen, daß inzwischen der Vertrag oder Teile daraus ihr Bestimmungsziel erreicht haben?«

Lord Holdhurst zuckte mit den Schultern.

»Wir können doch wohl kaum annehmen, Mr. Holmes, daß der Dieb den Vertrag gestohlen hat, um ihn sich einzurahmen und an die Wand zu hängen.«

»Vielleicht wartet er auf einen besseren Preis?«

»Wenn er noch viel länger wartet, wird er überhaupt keinen Preis mehr erzielen. In ein paar Monaten wird der Inhalt des Vertrages niemandem ein Geheimnis mehr sein. «

»Das ist sehr wichtig«, sagte Sherlock Holmes.

»Vielleicht ist der Dieb von einer plötzliche n Krankheit erwischt worden.«

»Von einem plötzlichen Nervenfieber etwa?« fragte der Staatsmann und warf ihm einen schnellen Blick zu.

»Das habe ich nicht gesagt«, sagte Sherlock Holmes ruhig. »Und nun, Lord Holdhurst, haben wir wirklich schon zuviel von Ihrer kostbaren Zeit in Anspruch genommen. Wir wünschen Ihnen einen guten Tag.«

»Und alles Gute für Ihre Untersuchungen, mag der Verbrecher auch sein, wer er mag!« sagte der Edelmann, als er uns mit einer Verbeugung verabschiedete.

»Das ist wirklich einmal ein edler Mensch«, sagte Sherlock Holmes, als wir nach Whitehall hinauskamen. »Aber er hat schwer zu kämpfen, um seine Position zu halten. Er ist nicht reich und hat viele Verpflichtungen. Sie haben es doch sicherlich auch bemerkt, daß seine Schuhe repariert waren. Nun, Watson, will ich Sie aber nicht länger von Ihrem eigentlichen Beruf aufhalten. Ich selber werde heute auch nicht mehr viel unternehmen, es sei denn, der Kutscher des Mietwagens meldet sich auf meine Anzeige. Aber ich würde mich sehr freuen, wenn Sie morgen wieder mit mir nach Woking kämen. Wir nehmen den gleichen Zug wie gestern.«

Am nächsten Morgen traf ich ihn verabredungsgemäß, und wir reisten gemeinsam nach Woking.

Auf seine Anzeige hatte er keine Antwort bekommen, und der ganze Fall war dunkel wie vorher.

Er konnte, wenn er wollte, die stoische Ruhe eines Indianers annehmen, dem man es auch nicht vom Gesicht ablesen kann, ob er glücklich oder unglücklich ist. Und so wußte ich nicht, ob er mit der Entwicklung der Dinge zufrieden war oder nicht. Er erzählte mir von dem System eines gewissen Franzosen namens Bertillon, der Verbrecher an gewissen Körpermaßen erkennen wollte. Er äußerte sich über die Erfindung dieses Mannes sehr enthusiastisch.

Unser Klient wurde immer noch von seiner treuen Pflegerin betreut. Aber er sah schon viel besser aus als vorher. Als wir zu ihm ins Zimmer traten, stand er ohne Schwierigkeiten von der Couch auf und begrüßte uns.

»Irgendwelche Neuigkeiten?« fragte er.

»Ich muß Ihnen leider einen negativen Report bringen. Aber das haben Sie ja sicherlich auch nicht anders erwartet«, sagte Holmes. »Ich habe mit Forbes gesprochen und ebenfalls mit Ihrem Onkel. Außerdem habe ich zwei verschiedene Arten von Nachfragen in Gang gesetzt.

Irgendwohin wird das sicherlich führen.«

»Aber sind Sie inzwischen nicht entmutigt, nicht von der Hoffnungslosigkeit der Sache überzeugt?«

»Aber keineswegs.«

»Dafür segne Sie Gott! Danke, daß Sie das sagen«, rief Miss; Harrison. »Wenn wir unseren Mut behalten und unser Patient die Geduld, dann muß die Wahrheit doch endlich herauskommen. «

»Wir haben heute mehr Nachrichten für Sie, als Sie für uns«, sagte Mr. Phelps und setzte sich wieder auf das Sofa.

»Ich habe darauf gehofft, daß Sie etwas für uns hätten.«

»Ja. Wir hatten in der letzten Nacht ein Abenteuer, das leicht ernst hätte ausgehen können.« Sein Gesicht überschattete sich, als er das sagte, und Furcht schlich sich in seinen Blick. »Wissen Sie«, sagte er langsam, »ich kann zwar nicht beweisen, woher mir dieser Gedanke kommt, aber irgendwie habe ich das Gefühl, der Mittelpunkt einer monströsen Verschwörung zu sein. Jemand scheint es nicht nur auf meine Ehre, sondern auch auf mein Leben abgesehen zu haben. «

»Ah!« rief Holmes.

»Das klingt alles so unglaublich, denn ich habe, soviel ich weiß, auf der ganzen Welt keinen einzigen Feind. Und doch zeigen mir die Erlebnisse der letzten Nacht, daß es wohl doch so sein muß.«

»Bitte, erzählen Sie doch.«

Wissen Sie, letzte Nacht war die erste Nacht, in der ich ohne Pflegerin hier geschlafen habe. Es ging mir soviel besser, daß ich dachte, ich könne vielleicht auch ohne sie auskommen. Aber ich hatte auf jeden Fall ein Nachtlicht brennen lassen. Na, so gegen zwei Uhr war ich in leichten Schlummer gesunken, als ich von einem vagen Geräusch geweckt wurde. Es war wie das Geräusch einer Maus, wenn sie am Holzfußboden nagt. Eine Weile lag ich wach und horchte und war schließlich überzeugt, daß ich eine Maus gehört hätte. Aber das Geräusch wurde schließlich lauter, und plötzlich kam vom Fenster her ein scharfes, metallisches Klicken. Verwundert saß ich aufrecht im Bett: Nun hatte ich keinen Zweifel mehr daran, was das Geräusch zu bedeuten hatte.

Jemand versuchte, von außen das Fenster aufzuhebeln. Es folgte eine Pause von zehn Minuten, so als wolle jemand prüfen, ob ich durch das Geräusch geweckt worden war. Dann hörte ich ein leichtes Knacken, und das Fenster wurde von außen vorsichtig geöffnet. Meine Nerven, die immer noch nicht so ganz in Ordnung sind, waren inzwischen aufs äußerste gespannt. Mehr konnte ich nun nicht ertragen. Ich sprang aus dem Bett und riß die Läden auf. Ich konnte wenig sehen, denn die Gestalt war weg wie der Blitz. Der Einbrecher war in einen Umhang gehüllt, der auch den unteren Teil des Gesichtes verdeckte. Eines weiß ich jedoch gewiß, er hatte eine Waffe in der Hand. Es schien mir ein langes Messer zu sein, ich habe es deutlich glitzern gesehen, als er um die Ecke lief.«

»Das ist nun wirklich einmal interessant«, sagte Holmes. »Und bitte, was haben Sie dann gemacht?«

»Wenn ich mich kräftiger gefühlt hätte, wäre ich ihm durch das offene Fenster gefolgt. Aber so, wie es um mich stand, habe ich stattdessen geklingelt und das ganze Haus auf die Beine gebracht.

Es hat allerdings eine Weile gedauert, denn der Klingelkasten ist in der Küche, und die Hausangestellten schlafen oben. Weil so schnell niemand kam, rief ich. Joseph kam herunter, der dann die anderen weckte. Joseph und der Pferdeknecht fanden Spuren unterhalb des Fensters.

Aber das Wetter war trocken in der letzten Zeit. Und so war es hoffnungslos, die Spur noch weiter im Gras zu verfolgen. Es gibt jedoch eine Stelle am Holzzaun zur Straße hin, die Anzeichen aufweist, als sei jemand herübergeklettert. Jedenfalls erzählten sie mir das. Ich habe der Ortspolizei noch nichts gesagt, denn ich wollte erst einmal hören, was Sie dazu zu sagen haben.«

Die Geschichte unseres Klienten schien großen Eindruck auf Sherlock Holmes zu machen. Er war aufgesprungen und lief in kaum zu kontrollierender Erregung durch das Zimmer.

»Ein Unglück kommt selten allein«, sagte Phelps. Er lächelte, obgleich man ihm ansah, daß dieses Abenteuer ihn ziemlich mitgenommen hatte.

»Sie haben wirklich Ihren Teil abbekommen«, sagte Sherlock Holmes. »Glauben Sie, daß Sie in der Lage sind, mit mir um das Haus herumzugehen?«

»O ja, ein bißchen Sonnenschein wird mir guttun. Joseph wird uns sicherlich begleiten.«

»Und ich komme auch mit«, sagte Miss Harrison.

»Das wäre mir aber nicht recht«, sagte Sherlock Holmes und schüttelte den Kopf. »Ich möchte Sie bitten, hier ganz genauso sitzen zu bleiben, wo Sie sind.«

Die junge Frau nahm wieder Platz, aber man merkte ihr an, daß ihr der Plan wenig gefiel. Ihr Bruder war jedoch inzwischen zu uns gekommen und begleitete uns. Wir gingen um den Rasen herum, bis wir außen vor dem Fenster des jungen Diplomaten angekommen waren. Dort gab es, wie er berichtet hatte, Spuren unter dem Fenster, aber sie waren sehr undeutlich und verwischt.

Holmes hatte sich einen Augenblick darüber gebeugt. Dann richtete er sich wieder auf und zuckte mit den Schultern.

»Ich glaube nicht, daß irgend jemand in der Lage ist, diese Spuren noch zu lesen«, sagte er. »Wir wollen um das Haus herumgehen und uns überlegen, weshalb der Einbrecher gerade dieses Fenster gewählt hat. Ich kann mir vorstellen, daß es gewiß leicht gewesen wäre, ins Wohn- oder Eßzimmer einzudringen, und dort gäbe es doch sicherlich auch mehr zu holen.«

»Dort kann man allerdings auch leichter von der Straße aus beobachtet werden«, sagte Joseph Harrison.

»Ah ja, natürlich. Und hier ist eine Tür, durch die er es hätte versuchen können. Wohin führt sie eigentlich?«

»Das ist der Seiteneingang für die Händler. Sie ist natürlich nachts verschlossen.«

»Ist bei Ihnen jemals eingebrochen worden?«

»Nein, niemals«, sagte unser Klient.

»Haben Sie viel Gold- oder Silbersachen oder dergleichen Sachen im Haus, für die sich Einbrecher interessieren?«

»Nein, nichts von wirklichem Wert.«

Holmes streifte um das Haus herum, die Hände in den Taschen und mit so sorgloser Miene, wie es bei ihm sonst nicht üblich war.

»Ach, übrigens«, wandte sich Sherlock Holmes an Joseph Harrison, »Sie haben die Stelle gefunden, wo der Einbrecher über den Zaun geklettert ist. Können Sie uns die Stelle zeigen?«

Der dicke junge Mann führte uns zu einer Stelle, wo ein Stück aus dem oberen Teil des Holzzaunes herausgebrochen war. Holmes riß das herunterhängende Stück Holz ab.

»Und Sie glauben, daß dies letzte Nacht geschehen ist? Mir scheint die Stelle ziemlich alt zu sein.«

»Na ja, schon möglich.«

»Es sind auch keine Anzeichen vorhanden, daß jemand über den Zaun gesprungen ist. Nein, nein, hier finden wir nichts, was uns weiterhelfen könnte. Wir wollen in das Schlafzimmer zurückkehren und alles noch einmal in Ruhe bereden.«

Percy Phelps ging sehr langsam und lehnte sich auf den Arm seines Schwagers. Holmes jedoch ging schnellen Schrittes über den Rasen. Bevor die anderen nachkamen, hatten wir das offene Fenster schon erreicht.

»Miss Harrison«, sagte Sherlock Holmes sehr ernst und eindringlich, »ich möchte Sie sehr dringlich bitten, sich den ganzen Tag in diesem Zimmer aufzuhalten. Lassen Sie sich durch nichts verführen, diesen Raum zu verlassen. Das ist von allergrößter Wichtigkeit. «

»Gewiß, wenn Ihnen so sehr daran liegt«, sagte das Mädchen sehr erstaunt.

»Und wenn Sie selber schlafen gehen, dann schließen Sie dieses Zimmer von außen ab und stecken den Schlüssel zu sich. Wollen Sie mir das versprechen?«

»Aber Percy?«

»Er wird mit uns nach London fahren.«

»Und ich muß hier bleiben?«

»Ja, bitte. Um seinetwillen. Sie können ihm damit einen Dienst erweisen. Schnell, versprechen Sie es mir!«

Sie nickte ihm schnell zu, bevor die anderen vollends herangekommen waren.

»Warum sitzt du hier drinnen und brütest? Komm heraus in den Sonnenschein, Annie! «

»Nein, vielen Dank, Joseph. Ich habe ein wenig Kopfschmerzen, und hier im Zimmer ist es angenehm kühl und beruhigend. «

»Was schlagen Sie nun vor?« fragte unser Klient.

»Während wir hier eine kleine Affäre untersuchen, dürfen wir, die große nicht aus dem Auge lassen. Sie wären mir eine große Hilfe, wenn Sie mich nach Lo ndon begleiten würden.« »Wann, jetzt gleich?«

»Na ja, sobald Sie es einrichten können. Sagen wir, in einer Stunde. «

»Eigentlich fühle ich mich ja schon wieder ziemlich kräftig. Also, wenn es Ihnen wirklich eine Hilfe ist...«

»Die größte Hilfe.«

»Und Sie möchten, daß ich über Nacht bleibe?«

»Das wollte ich Ihnen gerade vorschlagen.«

»Wenn dann mein Freund von letzter Nacht kommt und mir einen erneuten Besuch abstatten möchte, dann sieht er, daß der Vogel ausgeflogen ist. Sie wissen es wohl am besten, Mr. Holmes, sagen Sie nur, was wir tun sollen. Möchten Sie vielleicht, daß Joseph auch mitkommt? Er könnte sich um mich kümmern.«

»O nein, das ist nicht nötig. Mein Freund Watson ist ja Mediziner. Das wissen Sie ja auch. Er wird sich gut um Sie kümmern.. Wenn Sie erlauben, können wir bis zum Essen bleiben und uns dann zu dritt auf den Weg nach London machen.«

Wie Holmes angeordnet hatte, wurde es gemacht. Miss Harrison entschuldigte sich, daß sie das Schlafzimmer nicht verlassen, wolle, ganz so, wie Sherlock Holmes es ihr geraten hatte. Ich ahnte nicht, was hinter dem Manöver meines Freundes steckte: Vielleicht wollte er sie einfach ein wenig von Phelps fernhalten, der vor lauter Freude über die wiederkehrende Gesundheit mit, uns zusammen im Eßzimmer aß. Holmes hatte jedoch eine noch aufregendere Überraschung für uns.

Nachdem wir zusammen zum Bahnhof gefahren waren und es uns gerade im Zugabteil gemütlich machen wollten, verabschiedete Sherlock Holmes sich und verkündete, er habe nicht die Absicht, Woking zu verlassen.

»Es gibt da ein paar Dinge, über die ich mir gerne Klarheit verschaffen möchte, bevor ich gehe«, sagte er.

»Ihre Abwesenheit wird mir hilfreich sein. Watson, Sie sollten mit unserem Freund hier nach London fahren und sich dort sofort mit ihm zusamme n in die Baker Street begeben. Dort bleiben Sie dann so lange, bis ich wiederkomme. Ein Glück, daß Sie alte Schulkameraden sind. So werden Sie sich doch eine Menge zu erzählen haben. Mr. Phelps kann heute nacht in unserem Gästezimmer schlafen. Ich werde bestimmt zum Frühstück dort sein, denn es gibt einen Zug, der um 8 Uhr am Bahnhof Waterloo einläuft. «

»Und was ist mit den Untersuchungen in London?« fragte Phelps bedauernd.

»Das kann bis morgen warten. Im Augenblick werde ich hier nötiger gebraucht als in London.«

»Dann können Sie meiner Familie mitteilen, daß ich spätestens morgen abend wieder zu Hause sein werde«, sagte Phelps noch, als der Zug sich schon in Bewegung setzte.

»Ich glaube nicht, daß ich jetzt zu Ihrer Familie zurückkehre«, rief Holmes uns nach und winkte vergnügt mit der Hand hinter uns her, während der Zug aus dem Bahnhof rollte. Phelps und ich diskutierten Sherlock Holmes' seltsames Benehmen, aber keiner von uns beiden konnte einen einleuchtenden Grund für diese neue Entwicklung geben.

»Ich nehme an, daß er nach weiteren Hinweisen auf den Einbruch von der letzten Nacht suchen wird, wenn es überhaupt ein Einbruch war, denn ich glaube nicht daran, daß es sich um einen gewöhnlichen Dieb gehandelt hat.«

»Was meinen Sie denn?«

»Sie können es auf meine schwachen Nerven zurückführen, aber auf mein Wort, ich glaube, daß eine tiefgreifende politische Konspiration um mich herum vorgeht. Aus irgendeinem Grunde, den ich Ihnen aber nicht nennen kann, weil ich ihn nicht kenne, trachtet mir jemand nach dem Leben.

Es klingt vielleicht weit hergeholt, ja völlig absurd, aber bedenken Sie doch die Tatsachen.

Warum sollte ein Dieb in ein Schlafzimmer einbrechen, wenn er doch in jedem Wohn- und Eßzimmer viel mehr Beute machen kann? Warum sollte er mit einem langen Messer ausgerechnet in mein Zimmer eindringen wollen?«

»Sind Sie sicher, daß es nicht einfach Einbrecherwerkzeug war? «

»O nein. Es war ein Messer. Dessen bin ich ganz sicher.«

»Aber mit wem haben Sie sich denn so schrecklich verfeindet?«

»Ah ja, das ist eben die Frage.«

»Wenn Holmes auch so denkt, dann paßt alles zusammen. Nehmen wir einmal an, Ihre Theorie sei richtig. Wenn er den Mann dingfest machen kann, der Sie in der letzten Nacht so erschreckt hat, dann führt die Spur dann doch sicherlich zu dem, der sich den Vertrag angeeignet hat. Es wäre doch absurd, daß Sie gleich zwei unbekannte Feinde haben, einen, der Sie beraubt, während der andere Ihnen nach dem Leben trachtet.«

»Aber Holmes sagte doch, daß er nicht nach Briarbrae zurückgehen wollte.«

»Ich kenne Holmes jetzt seit längerer Zeit«, sagte ich. »Aber bisher hat er nie etwas ohne guten Grund gemacht. « Und dann begannen wir von anderen Dingen zu reden.

Es wurde ein mühseliger Tag für mich. Phelps war nach seiner langen Krankheit immer noch schwach, und sein Unglück machte ihn nervös und unzufrieden. Vergeblich versuchte ich„ ihn an Afghanistan und Indien zu interessieren öder ihn in gesell-schaftspolitische Diskussionen zu verstricken, um ihn von seinen traurigen Gedanken abzulenken. Er kam jedoch immer in kurzer Zeit wieder auf seinen verlorengegangenen Vertrag zurück und überlegte, fragte und spekulierte, was Holmes wohl tun würde, welche Schritte Lord Holdhurst unternehmen könnte und was für Nachrichten er wohl am nächsten Morgen erhalten würde. je weiter der Abend voranschritt, desto unerträglicher wurde er in seiner angstvollen Erregtheit.

»Haben Sie wirklich volles Vertrauen zu Holmes? « fragte er einmal.

»Ich habe ihn bemerkenswerte Dinge tun sehen.«

»Aber er hat sicherlich noch niemals einen Fall aufgeklärt, der so dunkel und verworren war wie meiner.«

»Oh, doch, ich habe ihn schon Fälle lösen sehen, wo es viel weniger Hinweise gab als in Ihrem Fall. «

»Aber keinen, wo ein solches Interesse auf dem Spiel stand.«

»Das möchte ich nicht sagen. Ich weiß jedenfalls, daß er in mindestens drei Fällen Mitgliedern der königlichen Familie in sehr schwierigen Angelegenheiten aus der Patsche geholfen hat. In allen drei Angelegenheiten handelte es sich um Angehörige regierender europäischer Königshäuser. Und jedesmal lagen die Dinge sehr kompliziert.«

»Ja, Sie kennen ihn gut, Watson. Er ist ein so undurchschaubarer Mensch. Ich weiß nicht, was ich von ihm halten soll. Glauben Sie, daß er nur einen Funken Hoffnung hat, mir zu helfen? Meinen Sie, daß man von der Erwartung ausgehen kann, daß er die Sache zu einem guten Ende bringen wird?«

»Gesagt hat er nichts.«

»Das ist ein schlechtes Zeichen.«

»Im Gegenteil. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß er zugibt, wenn er eine Spur verloren hat.

Aber wenn er einmal eine Spur hat, sich jedoch noch nicht ganz im klaren ist, dann ist er wirklich verschwiegen. Nun kommen Sie, mein Freund, wir können die Sache nicht ändern, indem wir uns durch sie verrückt machen lassen. Lassen Sie sich überreden, ins Bett zu gehen. Morgen wol- len wir den Dingen mit frischen Kräften ins Auge sehen.«

Es gelang mir schließlich, ihn zu bewegen, ins Bett zu gehen, obgleich mir klar war, daß er in seiner Erregung kaum richtig Schlaf würde finden können. Seine unruhige Stimmung hatte sich auf mich übertragen, denn ich lag selber die halbe Nacht wach, wälzte mich hin und her und dachte mir tausend Theorien aus, wie dieser seltsame Fall zu lösen wäre. Eine Idee war natürlich immer unmöglicher als die andere. Aber warum war Holmes nur in Woking geblieben? Warum hatte er so sorgfältig darauf hingearbeitet, daß die Bewohner von >Briarbrae< nicht wissen sollten, daß er sich in der Nähe aufhielt. Warum hatte er Miss Harrison gebeten, sich den ganzen Tag im Krankenzimmer aufzuhalten? Ich zerbrach mir den Kopf, bis ich schließlich über den vergeblichen Versuchen, eine Lösung zu finden, die alle Fakten abdeckte, einschlief.

Um sieben Uhr des anderen Morgens wachte ich auf. Ich ging gleich zu Phelps hinüber, der müde und mitgenommen aussah, weil er eine schlaflose Nacht verbracht hatte. Seine erste Frage war, ob Holmes schon angekommen sei.

»Er wird hiersein, wie er es versprochen hat«, sagte ich, »weder früher noch später.«

Und ich hatte recht, denn kurz nach elf Uhr hielt ein Mietwagen vor unserem Haus und Sherlock Holmes stieg aus. Wir stan-den beide am Fenster und sahen, daß er seine Hand in einem Verband trug und sein Gesicht blaß und zornig aussah. Er trat ins Haus, aber es dauerte eine kleine Weile, bis er zu uns in die Wohnung kam.

»Er sieht aus wie ein geschlagener Mann«, rief Phelps. Ich mußte zugeben, daß er wirklich genauso aussah.

»Dann scheint der Hinweis zur Lösung doch in der Stadt zu liegen«, sagte ich.

Phelps stöhnte auf..

»Ich weiß nicht«, jammerte er. »Ich habe mir so viel von seiner Rückkehr versprochen. Aber gestern trug er noch keinen Verband. Was kann ihm bloß zugestoßen sein?«

»Sie sind verletzt, Holmes?« fragte ich, als mein Freund zur Tür hereinkam.

»Ach was, so schlimm ist es gar nicht. Ich habe mich nur ein bißchen dumm angestellt«, sagte er und nickte uns einen >Guten Morgen< zu. »Ihr Fall, Phelps, ist wirklich der abgründigste, der mir je begegnet ist.«

»Ich habe ja gefürchtet, daß Sie nicht damit fertig werden würden!«

»Oh, eine bemerkenswerte Erfahrung war es schon!«

»Ihre bandagierte Hand deutet Abenteuer an«, sagte ich. »Wollen Sie uns nicht erzählen, was geschehen ist?«

»Nach dem Frühstück, mein lieber Watson. Vergessen Sie nicht, daß ich heute schon Surreyluft geatmet und dreißig Meilen gereist bin. Von einem Kutscher ist wohl keine Antwort gekommen?

Na ja, man kann nicht alle guten Dinge auf einmal bekommen! «

Der Tisch war schon gedeckt, und als ich gerade klingeln wollte, kam Mrs. Hudson mit Tee und Kaffee. Ein paar Minuten später brachte sie drei zugedeckte Schüsseln herein, und wir setzten uns an den Tisch. Holmes war hungrig wie ein Wolf, ich neugierig und Phelps in einem finsteren, depressiven Zustand.

»Mrs. Hudson hat sich selber übertroffen«, sagte Holmes und deckte den Deckel von einer Schüssel mit Curry-Huhn ab. »Ihre Kochkunst ist zwar begrenzt, aber als Schottin weiß sie genau, wie ein Mensch frühstücken sollte. Was haben Sie da, Watson? «

»Eier und Schinken.«

»Gut! Und was nehmen Sie, Mr. Phelps, Curryhuhn oder Eier? Oder wollen Sie sich selber bedienen?«

»Danke, ich kann nichts essen.«

»Ach was, probieren Sie die Schüssel, die vor Ihnen steht.«

»Danke, ich möchte lieber nichts essen.«

»Auch gut«, sagte Holmes mit einem schelmischen Augenzwinkern. »Aber vielleicht sind Sie so gut und tun mir eine Portion auf?«

Phelps hob den Deckel von der Schüssel ab. Aber im gleichen Augenblick stieß er einen Schrei aus und starrte mit weißem Gesicht auf die Schüssel vor sich. Mitten auf der Platte lag, zu einem kleinen Zylinder zusammengerollt, ein graublaues Papier. Er griff danach, verschlang es mit den Augen, sprang auf und tanzte gleich darauf wie ein Verrückter im Zimmer herum. Er drückte das Papier an seine Brust und schrie und jubelte vor Vergnügen. Dann sank er schlaff und erschöpft in einen Sessel. Die Freude war zuviel für ihn gewesen. Wir mußten ihm Brandy einflößen, um eine Ohnmacht zu verhindern.

»Na, na!« sagte Holmes und klopfte ihm beruhigend auf die Schultern. »Es war wohl doch ein bißchen schlimm von mir, es Ihnen in einer solchen Plötzlichkeit beizubringen. Aber Watson wird Ihnen verraten, daß ich kleinen dramatischen Aufführungen nie ganz widerstehen kann.«

Phelps griff nach seiner Hand und küßte sie.

»Gott segne Sie!« rief er. »Sie haben meine Ehre gerettet.«

»Na ja, meine eigene stand ebenfalls auf dem Spiel, wissen Sie. Für mich ist es genauso schlimm, in einem Fall zu versagen, wie für Sie, einen Auftrag zu verderben.«

Phelps verstaute sein kostbares Dokument in der innersten Tasche seiner Jacke.

»Ich möchte zwar Ihr Frühstück nicht noch länger unterbrechen, aber ich sterbe vor Neugier zu erfahren, wie alles gekommen ist.«

Sherlock Holmes trank eine Tasse Kaffee und wandte seine Aufmerksamkeit dann dem Schinken und den Eiern zu. Dann stand er auf, zündete eine Pfeife an und machte es sich in seinem Sessel gemütlich.

»Ich werde Ihnen jetzt berichten, was ich zuerst tat und wie ich dazu kam, zu tun, was ich hinterher tat«, sagte er. »Nachdem ich Sie am Bahnhof verlassen hatte, unternahm ich einen herrlichen Spaziergang zu einem hübschen Surrey-Dörfchen, Ripley genannt. In einem Gasthof habe ich Tee getrunken, und weil ich ein vorsichtiger Mann bin, habe ich mir noch eine Flasche mit Tee füllen lassen und diese und einen Packen Butterbrote in meinen Taschen verstaut. Bis zum Abend blieb ich in dem Dörfchen. Dann machte ich mich wieder auf den Weg nach Woking.

Als die Sonne unterging, befand ich mich auf der Straße, >Briarbrae< ge-genüber. Na ja, dort habe ich dann gewartet, bis die Straße ganz frei war, zu sehr befahren ist sie ja sowieso nicht.

Und dann bin ich über den Zaun geklettert und so auf Ihr Grundstück gelangt.«

»Aber das Tor war doch sicherlich offen!« stieß Phelps hervor.

»Ja. Aber in solchen Sachen habe ich einen ganz besonderen Geschmack. Ich hatte mir diesen Platz ausgewählt, wo die drei Föhren stehen. In ihrem Schutz kletterte ich hinüber, denn ich wollte völlig sicher sein, daß niemand vom Haus aus mich beobachten konnte. Zwischen den Büschen kroch ich auf allen vieren - voran. Schauen Sie doch bloß mal, wie die Knie meiner Hose aussehen! Ich arbeitete mich also so voran, bis ich zu einem dichten Rhododendrongebüsch kam, direkt vor Ihrem Schlafzimmerfenster. Dort hockte ich mich nieder und wartete der Dinge, die kommen würden.

Die Läden in Ihrem Zimmer waren noch nicht verschlossen. Miss Harrison saß am Tisch und las.

Um Viertel nach zehn Uhr klappte sie das Buch zu, befestigte die Läden und zog sich zurück. Ich hörte, wie sie die Tür schloß. Ich bin völlig sicher, auch gehört zu haben, wie sie den Schlüssel im Schloß umdrehte.«

»Den Schlüssel?!« rief Phelps fragend.

»Ja. Ich hatte Miss Harrison Anweisung gegeben, die Tür von außen zu schließen und den Schlüssel mit sich ins Bett zu nehmen. Sie hat meine Anweisungen pünktlich und genau ausgeführt. Ohne ihre Hilfe wäre das kostbare Papier jetzt nicht in Ihrer Tasche. Sie ging dann fort, das Licht war verlöscht, und ich hockte einsam und allein im Rhododendronbusch.

Es war eine schöne, milde Nacht, aber die Wache war trotzdem ein bißchen mühsam. Natürlich machte sich da zunächst einmal die Aufregung breit, die ein Jäger fühlt, wenn er neben dem Strom liegt und auf das große Wild wartet. Es hat aber lange gedauert, Watson, sehr lange. Es dauerte fast so lange wie damals, Watson, als wir zusammen in jenem tödlichen Zimmer hockten und warteten. Damals haben wir das kleine Problem um das gesprenkelte Band gelöst. Die Turmuhr in Woking schlägt die Viertelstunden an. Nun, ich dachte, daß zwischendurch die Turmuhr stehengeblieben war, so langsam verging die Zeit. Aber schließlich, so um zwei Uhr herum, hörte ich einen vorsichtigen Laut. Ein Schlüssel drehte sich im Schloß, und ein Riegel wurde zurückgeschoben. Einen Augenblick später wurde die Tür des Seiteneingangs geöffnet, und Mr. Joseph Harrison trat hinaus in den Mondschein.«

»Joseph!« stieß Phelps hervor.

»Er trug keine Kopfbedeckung, aber um seine Schultern war ein schwarzer Umhang gelegt, mit dem er im Augenblick, falls etwas schiefgehen sollte, sein Gesicht bedecken konnte. Im Schatten der Wand schlich er auf Zehenspitzen dahin. Als er das Fenster erreicht hatte, schob er ein langes Messer durch den Spalt in das Schiebefenster und löste so den Riegel von innen. Dann öffnete er das Fenster und schob das Messer in eine Spalte in den Laden, schob die Stange hoch, mit dem der Laden gesichert war, und bald war auch dieses bewältigt. Von der Stelle aus, wo ich lag, hatte ich einen guten Überblick über das Zimmer. Ich konnte jede seiner Bewegungen verfolgen. Er zündete die zwei Kerzen auf dem Kamin an, und dann schob er in der Nähe der Tür den Teppich zurück. Schließlic h bückte er sich und hob eine breitere Holzplanke heraus. Ein solches Stück wird meistens so gelegt, daß ein Klempner an die Gasleitung heran kann. Hier jedenfalls lag das T-Stück, das die Küche mit Gas versorgt. Aus diesem Versteck zog er diesen kleinen Papierzylinder, legte die Holzplanke wieder zurück, arrangierte den Teppich neu, blies die Kerze aus und lief direkt in meine Arme, denn ich wartete am Fenster auf ihn.

Nun, dieser Master Joseph ist gewalttätiger und bösartiger, als ich es erwartet hatte. Er stürzte sich mit dem Messer auf mich. Ich mußte ihn zweimal greifen und bekam einen Schnitt auf der Hand ab, bis ich ihn überwältigt hatte. Als ich mit ihm fertig war, konnte er nur noch auf einem Auge sehen, aber aus diesem Auge sprühte Mordlust. Aber er hatte dann doch Verstand ge nug, mir die Papiere zu übergeben. Als ich die Papiere hatte, ließ ich den Mann laufen. Aber am nächsten Morgen habe ich alle Einzelheiten an Forbes telegraphiert. Wenn er schnell genug ist, seinen Vogel zu fangen, dann hat er Glück gehabt. Aber ich habe so meinen Verdacht, daß er das Nest leer findet, und das ist vielleicht für das Innenministerium auch besser so. Ich nehme an, daß weder Lord Holdhurst noch Mr. Percy Phelps daran gelegen sein wird, wenn diese Geschichte vor Gericht kommt. «

»Mein Gott«, rief unser Klient atemlos, »wollen Sie wirklich sagen, daß während all dieser zehn Wochen Schmerzen und Krankheit und Kummer die Papiere die ganze Zeit bei mir im Zimmer gewesen sind?«

»Genauso war es.«

»Und Joseph, Joseph ein Verbrecher und ein Dieb.«

»Hm, ja. Ich denke, Josephs Charakter ist komplizierter und schwieriger, als jemand, der sich von äußeren Erscheinungen leiten läßt, annehmen könnte. Er hat, wie ich heute morgen aus ihm herausbekam, ziemlich viel durch Spekulatione n an der Börse verloren. Er war bereit, alles zu tun, um seine geldliche Lage auzubessern. Er ist der absolute Egoist. Weder das Glück seiner Schwester noch Ihr guter Ruf interessierten ihn, als er seine Chance sah. «

Percy Phelps sank in seinen Sessel zur ück.

»In meinem Kopf schwirrt es«, stöhnte er. »Ihre Worte machen mich schwindelig.«

»Die Hauptschwierigkeiten in Ihrem Fall lagen darin«; sagte Holmes auf seine belehrende Weise, »daß zu viele Hinweise vorhanden waren. Das Wichtige wurde von Unwichtigem zugedeckt.

Von allen Fakten, die uns präsentiert wurden, brauchten wir uns nur diejenigen herauszupicken, die wirklich wichtig waren, und diese zu einem Ganzen zusammenzufügen, um so eine bemerkenswerte Kette von Ereignissen zu bekommen. Ich habe Joseph schon im Verdacht gehabt, als Sie erwähnten, daß Sie mit ihm gemeinsam hatten heimfahren wollen. Schließlich war es doch denkbar, daß er im Innenministerium vorbeikam, um Sie abzuholen. Er kannte sich dort gut aus. Als ich hörte, daß jemand mit aller Gewalt versucht hatte, in Ihr Schlafzimmer einzudringen, in dem niemand außer Joseph etwas hätte verstecken können - Sie hatten uns in Ihrem ersten Bericht gesagt, daß Joseph in aller Eile das Zimmer räumen mußte, als Sie krank von dem Arzt heimgebracht worden waren -, da verstärkte sich mein Verdacht zur Gewißheit, zumal noch dieser Einbruch in der allerersten Nacht versucht wurde, in der Sie ohne Krankenschwester waren. Das zeigte mir deutlich, daß der Einbrecher sich sehr gut auskannte.«

»Wie blind ich doch gewesen bin.«

»Ich habe die wichtigen Fakten dieses Falles herausgearbeitet. Die Geschichte hat sich folgendermaßen zugetragen: Joseph Harrison betrat das Innenministerium durch die Seitentür von der Charles Street aus. Da er sich gut auskannte, ging er gerade wegs in das Zimmer, das Sie gerade verlassen hatten. Er sah, daß niemand da war und betätigte den Klingelzug. In dem Augenblick jedoch, als er das tat, fiel sein Blick auf das Dokument auf Ihrem Schreibtisch. Ein einziger Blick zeigte ihm, daß der Zufall ein Dokument von enormem Wert in seine Hände gespielt hatte. Also steckte er es in die Tasche und verschwand. Sie erinnern sich doch, daß der verschlafene Pförtner ein paar Minuten brauchte, bevor er sich über dieses Klingelzeichen wundern konnte. Diese Zeit genügte dem Dieb, um zu fliehen.

Er nahm den nächsten Zug nach Woking. Inzwischen hatte er sich seine Beute genauer angesehen und festgestellt, daß er tat-sächlich ein Staatsgeheimnis erwischt hatte. Er versteckte es an einem sicheren Platz. Jedenfalls glaubte er das. Er hatte sich vor- genommen, es nach zwei oder drei Tagen wieder herauszuneh-men und zu der französischen Botschaft zu bringen. Er versprach sich einen großen Preis davon. Aber dann waren plötzlich Sie da. Ohne weitere Umstände mußte er sein Zimmer räumen. Und von dem Augenblick an befanden sich immer mindestens zwei Leute im Raum, die ihn hinderten, seinen Schatz hervorzuholen. Die Situation muß ihn innerlich wild gemacht haben. Aber schließlich sah er seine Chance. Er versuchte, sich hineinzuschleichen.

Aber er hatte nicht damit gerechnet, daß Sie wach sein würden. Sie erinnern sich, daß Sie an diesem Abend Ihren Schlaftrunk nicht genommen hatten?«

»Ja, daran erinnere ich mich.«

»Ich nehme an, daß er vermutlich noch ein Mittel in Ihren Schlaftrunk gemischt hat, um ihn noch wirkungsvoller zu ma-chen. Er hat Sie sicherlich für halb bewußtlos gehalten. Natür- lich war mir klar, daß er den Einbruchsversuch wiederholen würde, sobald er es in einiger Sicherheit tun konnte. Ich hatte Miss Harrison gebeten, den ganzen Tag im Zimmer zu bleiben, damit er uns nicht etwa zuvorkommen sollte. Dann vermittelte ich ihm den Eindruck, daß die Luft rein war, und versteckte mich, so wie ich es beschrieben habe. Mir war schon ziemlich klar, daß sich die Papiere im Zimmer befinden mußten, aber ich hatte keine Lust, den ganzen Fußboden herausnehmen zu lassen. Ich wollte, daß er mir selber das Versteck zeigte. Und so hat er mir viel Mühe erspart. Noch etwas, das ich erklären müßte?«

»Warum hat er denn bei der ersten Gelegenheit probiert, durch das Fenster ins Zimmer zu gelangen, wenn er auch zur Tür hätte hineingehen können?«

»Um zu der Tür Ihres Zimmers zu kommen, hätte er an sieben Schlafzimmern vorbeigehen müssen. Andererseits konnte er durch das Fenster und über den Rasen auch leichter fortkom-men.

Noch etwas?«

»Glauben Sie«, fragte Phelps, »daß er Mordabsichten hatte? Das Messer war dann doch wohl nur ein Werkzeug.«

»Das kann sein«, sagte Holmes und zuckte mit der Schulter. »Das eine kann ich jedoch mit Gewißheit sagen, daß Mr. Joseph Harrison ein Herr ist, dessen Mildtätigkeit ich nicht gar zu weit trauen würde. «

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