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Der griechische Dolmetscher.  Arthur Conan Doyle
Buch. Der griechische Dolmetscher
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Obgleich ich Sherlock Holmes nun schon so lange kenne, habe ich ihn doch nie von seiner Familie oder seinem früheren Leben reden hören. Was seine Vergangenheit anbelangte, wai er so zurückhaltend, daß er fast unmenschlich wirkte. Manchmal sah ich in ihm ein isoliertes Phänomen, das ein Gehirn, aber kein Herz besaß. Er besaß ein Übermaß an Intelligenz, wie er ein Defizit an menschlicher Wärme und Sympathie zu haben schien. Wenn es nun auch in das Bild seines völlig unemotionalen Charakters paßte, daß er Frauen ablehnte und eine große Scheu davor hatte, neue Freundschaften zu gründen, so kann man doch schwerlich den, Grund im Charakterlichen sehen, daß er seine Vergangenheit versteckte und jeglichen familiären Hintergrund verschwieg. Ich war zu der Überzeugung gelangt, daß keiner seiner nahen Verwandten mehr lebte und daß er als Waise aufgewachsen war. Um so mehr erstaunte es mich, als er eines Tages von seinem Bruder sprach.

Es war an einem Sommerabend nach dem Tee. Unsere Unterhaltung hatte mehrere Themen umkreist, wir hatten bei den Golfclubs bego nnen und endeten nun bei einer Diskussion um die Ursache der wechselnden Abweichungen der Ekliptik, von da aus waren wir zu der Frage der vererbten oder anerzogenen,, Intelligenz gekommen. Wir diskutierten, wieweit ein Mensch; seine Begabungen und Fähigkeiten seinen Vorfahren zu verdanken hat und wieviel er durch eigenes Training entwickeln kann.

»Nehmen wir Ihren eigenen Fall«, sagte ich. »Aus allem, was Sie mir erzählt haben, scheint es klar, daß Ihre Fähigkeit des Beobachtens und Schlußfolgerns auf Ihr eigenes Trainingssystem zurückzuführen ist. «

»Bis zu einem gewissen Grade, ja«, antwortete er gedankenvoll. »Meine Vorfahren gehören zum Landadel. Sie haben ein in dieser Klasse übliches, normales Leben geführt. Wie auch immer, ich glaube, dies bestimmte Blut, das durch meine Adern fließt, scheint von meiner Großmutter zu stammen. Sie war die Schwester von Verriet, dem großen französischen Künstler. Das Künstlerische im Blut nimmt leicht seltsame Formen an.«

»Woher wissen Sie, daß es Ihnen vererbt ist?«

»Weil mein Bruder Mycroft diese Gabe in einem noch höheren Maße besitzt.«

Das war nun eine Neuigkeit für mich. Wenn es einen zweiten Mann von solchen Geisteskräften in England gab, dann fragte ich mich, wieso weder die Polizei noch die Öffentlichkeit je etwas von ihm gehört hatte. Ich stellte diese Frage und deutete gleichzeitig an, daß es doch sicherlich Bescheidenheit sei, die ihn die Größe seines Bruders herausstreichen ließ. Holmes lachte darüber.

»Mein lieber Watson«, sagte er, »mit Menschen, die Bescheidenheit für eine Tugend halten, stimme ich nicht überein. Der Logiker sollte alle Dinge so sehen, wie sie in Wirklichkeit sind.

Wenn sich einer nun selber klein macht, dann weicht er genauso gut von der Wahrheit ab, als wenn er sich als größer darstellt, als er in Wirklichkeit ist. Wenn ich also sage, daß Mycroft größere Beobachtungskräfte hat als ich, dann sage ich Ihnen ehrlich und lauter die Wahrheit. «

»Ist er jünger als Sie?«

»Nein, sieben Jahre älter.«

»Wie kann es dann kommen, daß niemand ihn kennt?«

»Oh, in seinen eigenen Kreisen ist er recht gut bekannt.«

»Wo befinden sie sich denn, seine Kreise?«

»Im Diogenes Club zum Beispiel.«

Von dieser Institution hatte ich noch niemals etwas gehört, und mein Gesicht mag das auch deutlich ausgedrückt haben. Sherlock Holmes zog seine Uhr hervor.

»Der Diogenes Club ist der seltsamste Club in London. Mycroft ist einer der seltsamsten Menschen. Die Zeit von Viertel vor fünf bis zwanzig Minuten vor acht verbringt er immer dort., Wenn Sie Lust haben, an diesem wunderschönen Abend einen Spaziergang zu unternehmen, dann wäre ich glücklich, Ihnen zwei Kuriositäten vorzustellen. «

Fünf Minuten später waren wir in Richtung Regent Circus unterwegs.

»Sie werden sich inzwischen sicherlich gefragt haben, weshalb Mycroft seine Gabe des Beobachtens nicht für die detektivische Arbeit nutzbar macht. Er kann es nicht. Es ist ihm einfach unmöglich. «

»Aber Sie sagten doch...«

»Ich sagte, daß er mir überlegen ist, was das Beobachten und Schlußfolgern anbelangt. Wenn das Aufdecken eines Verbrechens mit dem Argumentieren im Lehnsessel begänne und endete, dann wäre Mycroft der größte Detektiv, den die Welt je gesehen hätte. Er besitzt jedoch weder Ehrgeiz noch Energie. Er macht sich nicht einmal die Mühe, nachzuprüfen, ob seine eigenen Rückschlüsse auf Wahrheit beruhen. Lieber läßt er sich nachsagen, er habe unrecht, als daß er hingeht und beweist, daß er im Recht ist. Immer wieder habe ich dieses Problem mit ihm durchgesprochen. Schließlich habe ich eine Erklärung gefunden, die sich am Ende auch als richtig erwiesen hat. Es ist ihm einfach unmöglich, die praktischen Punkte herauszuarbeiten, die man braucht, wenn man einem Gericht mit all seinen Schöffen einen Fall vorlegen will. «

»So hat er aus dieser Gabe auch keinen Beruf gemacht?«

»Aber keineswegs! Was für mich Broterwerb bedeutet, ist für ihn ein Steckenpferd. Da er so ungeheuer gut Zahlen im Kopf behalten kann, ist er Buchprüfer in irgendwelchen Departements im Parlament. Mycroft hat eine Wohnung in der Pall Mall, jeden Morgen geht er zum Dienst in die Whitehall, die gerade um die Ecke liegt. Jeden Morgen geht er hin und jeden Abend wieder zurück. Vom Anfang des Jahres bis zum Ende hat er keine andere körperliche Übung. Außer in seinem Diogenes Club wird er auch sonst nirgends gesehen. Und der Club liegt seiner Wohnung direkt gegenüber. «

»Ich habe diesen Namen noch niemals gehört.«

»Das ist sehr gut möglich. Viele Herren der Londoner Gesellschaft sind entweder so schüchtern oder aber so menschenfeindlich, daß sie einfach die Gesellschaft anderer Menschen meiden.

Trotzdem haben sie nichts gegen bequeme Sessel und die neuesten Zeitungen einzuwenden. Für diese Herren wurde der Diogenes Club ins Leben gerufen. Die größten Eigenbrötler und ungeselligsten Männer der Stadt sind seine Mitglieder. Kein Clubmitglied darf Notiz von einem anderen nehmen. Unterhaltung ist höchstens im Besucherzimmer erlaubt. Überall sonst herrscht Schweigen. Wer dieses Gebot dreimal übertreten hat und dem Komitee gemeldet ist, kann unter Umständen aus dem Club ausgeschlossen werden. Mein Bruder war einer der Begründer dieses Clubs. Ich bin immer ausgesprochen gerne dort, es herrscht eine sehr wohltuende Atmosphäre.«

Mittlerweile hatten wir die Pall Mall erreicht. Wir waren von der St. James Street hergekommen und wanderten die Straße nun herunter. An einer Tür, ganz in der Nähe des Charlton-Hotels, blieb Sherlock Holmes stehen und machte mir ein Zeichen, nicht zu reden. Dann führte er mich in die Halle. Durch die Glasscheiben konnte ich einen Blick in einen luxuriö s eingerichteten .

Raum werfen. In den vielen kleinen Ecken und Nischen saßen in bequemen Sesseln Herren und lasen Zeitung. Jeder war für sich. Holmes führte mich in ein kleines Zimmer, dessen Blick auf die Pall Mall ging. Dann ließ er mich einige Minuten allein. Bald aber kam er in Begleitung eines Herrn zurück. Das mußte sein Bruder sein. Mycroft war viel größer und breiter als Sherlock.

Seinen Körperbau konnte man schon als korpulent bezeichnen, dennoch hatte das Gesicht, wenn es auch massig und breit wa r, seinen scharfen Blick bewahrt, für den auch Sherlock so berühmt war. Seine Augen, die einen ganz bestimmten grauen Farbton hatten, schienen ständig in weite Fernen zu blicken. Aber es war der gleiche introspektive Blick, den ich so oft bei Sherlock wahrgenommen hatte, wenn er seine größten Kräfte ausspielte.

»Es freut mich sehr, Sie zu treffen, Sir«, sagte er und streckte mir seine breite, etwas fette Hand hin, die ein bißchen wie die schwere Pfote eines Seehundes aussah. »Durch Sherlock höre ich ständig von Ihnen, seinem Biographen. Übrigens, Sherlock, hatte ich dich letzte Woche erwartet.

Ich dachte, du würdest dir meinen Rat einholen wegen des Falles um das Herrenhaus. Ich glaubte tatsächlich, du hättest dich ein wenig übernommen.«

»Nein, ich habe den Fall gelöst«, sagte mein Freund lächelnd »Es war natürlich Adams.«

»Ja, es war Adams.«

»Dessen war ich mir von Anfang an sicher.« Die Brüder hatten sich in einer Fensternische des Besuchszimmers niedergelassen »Für jeden, der Menschen studieren möchte, ist dies genau der richtige Platz«, sagte Mycroft, »sieh dir diese bezaubernden Typen an. Achte einmal auf diese zwei Herren, die da jetzt auf uns zukommen, nur einfach einmal so als Beispiel.«

»Der Billardmarker mit seinem Begleiter?«

»Genau. Was hältst du von dem anderen?«

Die beiden Männer waren vor dem Fenster stehen geblieben. Ein wenig Kreidestaub an der Weste des einen war das einzige, das auf Billard hinwies, jedenfalls galt das für mich. Der andere war ein schmaler, dunkler Mensch, der seinen Hut in den Nacken geschoben hatte und ein Paket unter dem Arm trug. »Sicherlich ein Soldat«, sagte Holmes.

»Erst kürzlich entlassen«, bemerkte der Bruder.

»Soweit ich sehen kann, hat er in Indien seinen Dienst absolviert.«

»Ein Mann mit Kommandogewalt.«

»Königliche Artillerie, könnte ich mir vorstellen«, sagte Sherlock.

»Und Witwer.«

»Aber ein Kind hat er.«

»Kinder, mein lieber Junge, mehrere Kinder.«

»Kommen Sie«, rief ich lachend, »dies hier ist alles ein bißchen viel für mich.«

»Aber das ist doch sicherlich nicht schwer herauszufinden«, antwortete Holmes. »Ein Mann, der sich trägt wie dieser da, der einen solchen Ausdruck von Autorität im Gesicht hat und dazu eine derartig sonnenverbrannte Haut, der kann nur Soldat sein, und zwar Berufssoldat, der eben aus Indien zurückgekehrt ist. «

»Daß er noch nicht lange aus dem Dienst entlassen worden ist, sieht man daran, daß er immer noch die so genannten >Knobelbecher< trägt«, bemerkte Mycroft.

»Er hat nicht den Schritt eines Kavalleristen, und doch trägt er seinen Hut zur Seite hin geneigt.

Man sieht an den Augenbrauen, eine Seite ist heller als die andere. Daß er kein Schwächling zu sein scheint, verrät uns sein Gewicht. So muß er wohl zur Artillerie gehört haben.«

»Er trägt, wie Sie sehen, vollständige Trauerkleidung. Das bedeutet, daß er einen lieben Menschen verloren hat. Er erledigt den Einkauf, so wird ihm wohl die Frau gestorben sein. Sehen Sie, er hat etwas für Kinder eingekauft. Die Klapper verrät uns, daß eines der Kinder noch sehr klein ist. Möglicherweise ist die Frau bei der Geburt des Kindes gestorben. Außer der Klapper trägt er ein Bilderbuch unter dem Arm, was uns beweist, daß er mindestens noch ein zweites Kind zu versorgen hat.«

Ich begann die Bemerkung meines Freundes zu verstehen, sein Bruder habe eine noch schärfere Beobachtungsgabe als er. Er blickte zu mir herüber und lächelte. Mycroft nahm eine Prise Schnupftabak. Ein Stäubchen, das sich auf seine Jacke verirrt hatte, wedelte er mit einem großen seidenen Taschentuch fort. »Ach, übrigens, Sherlock«, sagte er, »ich habe da etwas, das dir gefallen könnte - ein einmaliges Problem, soweit ich das beurteilen kann. Ich kann die Energie nicht aufbringen, die Sache wirklich zu Ende zu verfolgen, aber sie hat mir vergnügliche Stunden und viel interessante Spekulation bereitet. Wenn du die Einzelheiten hören möchtest...«

»Mein lieber Mycroft, es wird mir ein Vergnügen sein.« Der Bruder schrieb etwas auf ein Blatt seines Notizbuches, klingelte, ein Kellner erschien, und Mycroft übergab ihm den Zettel.

»Ich habe Mr. Melas gebeten, zu uns herüberzukommen«, sagte er. »Seine Wohnung liegt direkt über meiner. Wir kennen uns flüchtig. Daher wandte er sich an mich, als er selber nicht mehr wußte, wie er sich verhalten sollte. Mr. Melas ist gebürtiger Grieche. Er ist ein ausgezeichneter Linguist. Sein Geld verdient er damit, daß er sich in den Gerichtssitzungen als Übersetzer verdingt. Daneben ist er noch als Führer für die reichen Orientalen tätig, die in den Northumberland-Hotels absteigen. Ich denke, wir überlassen es ihm, uns seine sehr interessante Geschichte zu erzählen.«

Einen Augenblick später gesellte sich ein untersetzter, kräftig gebauter Herr zu uns. Sein olivenfarbenes Gesicht und die kohl-schwarzen Haare wiesen ihn als Südländer aus. Allerdings sprach der Mann wie ein gebildeter Engländer. Er schüttelte Sherlock Holmes herzlich die Hand und war sehr erfreut, daß, dieser Spezialist bereit war, sich seine Geschichte anzuhören.

»Ich fürchte, daß die Polizei mir keinen Glauben schenken wird - darauf kann ich mein Wort verwetten,« sagte er in klagendem Ton. »Nur weil sie selber etwas nicht kennen und verstehen, glauben sie, es gibt diese Sache gar nicht. Aber ich werde nicht wieder ruhig schlafen können, bis ich nicht weiß, was aus dem armen Mann geworden ist, dessen Gesicht so sehr mit Pflastern verklebt war.«

»Ich bin bereit, Ihnen zuzuhören«, sagte Sherlock Holmes. »Heute ist Mittwoch - gut. Es geschah am Montag, ist also nur zwei Tage her, wissen Sie. Mein Nachbar hat Ihnen sicherlich verraten, daß ich Dolmetsche r bin. Ich übersetze alle Sprachen oder wenigstens doch nahezu alle. Aber da ich Grieche bin, in Griechenland geboren, ist meine Muttersprache natürlich Griechisch, und so habe ich auch am meisten mit griechischen Übersetzungen zu tun. Seit vielen Jahren bin ich der Hauptdolmetscher in London. Mein Name ist in allen Hotels gut bekannt.

Es geschieht gar nicht so selten, daß ich zu ungewöhnlichen Tages- und Nachtzeiten zu Fremden gerufen werde, die in Not geraten sind. Es kann auch vorkommen, daß Reisende, die nachts ankommen, sich meines Dienstes bedienen. Es hat mich deshalb gar nicht überrascht, als am Montag abends spät ein Mr. Latimer bei mir klingelte und mich bat, ihn in seinem Wagen zu begleiten. Er war ein modisch gekleideter junger Mann, und der Wagen wartete bereits vor der Tür. Er erklärte mir, daß ein griechischer Geschäftsfreund ihn besuche und daß er nur seiner griechischen Muttersprache mächtig sei, so daß die Hilfe eines Dolmetschers unentbehrlich sei.

Er entschuldigte sich, daß sein Haus ein bißchen weit entfernt sei, es liege nämlich in Kensington. Er schien es sehr eilig zu haben und drängte mich förmlich in die Kutsche.

Der Wagen war sehr viel geräumiger als die üblichen Mietswagen, diese vierrädrigen Gefährte, mit denen London verunziert wird. Die Innenausstattung war ein wenig verschlissen, jedoch von bester Qualität. Mr. Latimer hatte mir gegenüber Platz genommen. Zunächst ging die Fahrt durch Charing Cross und die Shaftesbury Avenue hinauf. Als wir dann jedoch in die Oxford Street gelangten, bemerkte ich, daß dies aber wohl ein Umweg sei, wenn wir nach` Kensington führen.

Auf diese Bemerkung reagierte mein Begleiter auf eine ganz ungewöhnliche Weise. Er zog nämlich aus seiner Tasche einen recht gefährlich aussehenden Schlagstock, der zu allem Überfluß noch mit Blei verstärkt war. Diesen schwang er eine Weile hin und her, so als wollte er die Schlagkraft prüfen. Ohne ein weiteres Wort legte er die Waffe neben sich auf den Sitz. Danach rollte er beide Fenster hoch, die, wie ich zu meiner großen Verblüffung feststellte, innen mit Papier verklebt waren. Nun konnte ich also nicht mehr sehen, welchen Weg wir nahmen.

>Es tut mir leid, daß ich Ihre Sicht ein wenig behindern muß, Mr. Melas<, sagte er. >Der Grund dafür ist, daß ich nicht möchte, daß Sie sehen, wohin wir fahren. Falls Sie sich dort nämlich eines Tages alleine einfinden sollten, könnte es ein bißchen unangenehm für mich werden.< Wie Sie sich gut vorstellen können, war ich über diese Art der Behandlung sehr erschüttert. Mein Begleiter war ein breitschultriger, kraftvoller junger Mann. Ganz abgesehen von seiner Waffe hätte ich im Kampf mit ihm nicht die geringste Chance gehabt.

>Ihr Benehmen ist wirklich höchst seltsam, Mr. Latimer<, stammelte ich. >Es muß Ihnen doch klar sein, daß Sie sich in Ihrer Handlungsweise außerhalb der Legalität befinden.< >Ich habe mir ein paar Freiheiten herausgenommen, ganz gewiß<, sagte er. >Aber ich werde es Ihnen gegenüber wieder gutmachen. Trotzdem, Mr. Melas, muß ich Sie warnen. Falls Sie vorhaben, heute Abend Alarm zu schlagen oder irgend etwas unternehmen, das gegen mein Interesse gerichtet sein könnte, werden Sie sich ernsthaft in Schwierigkeiten befinden. Ich

möchte Sie daran erinnern, daß niemand weiß, wo Sie sich im Augenblick befinden. Ob in meinem Wagen oder in meinem Haus, Sie sind in meiner Gewalt.< Er hatte ganz ruhig gesprochen, aber etwas Schneidendes, Drohendes war im Ton seiner Stimme gewesen. Ich schwieg und fragte mich, warum ich auf diese wunderliche Weise entführt worden war und was dabei herauskommen sollte. Was immer mir auch zustoßen mochte, es war völlig sinnlos, daß ich mich wehrte. Ich konnte nur abwarten, wie sich die Dinge entwickeln würden.

Zwei Stunden rollten wir dahin, ohne daß ich eine Ahnung hatte, wohin wir fuhren. Aus dem Geratter der Räder kann man nicht viel sagen, manchmal ging es über Kopfsteinpflaster, manchmal über Asphalt. Abgesehen davon aber hatte ich nicht die geringste Ahnung davon, wohin die Reise gehen sollte. Kein Geräusch drang von außen in den Wagen hinein, das mir hätte Aufschluß geben können. Die papierverklebten Fenster ließen keinen Lichtschein durch, und das Glasfenster nach vorne war mit blauen Gardinen verhängt. Um Viertel nach sieben hatten wir die Pall Mall verlassen. Als der Wagen endlich anhielt, zeigte die Uhr zehn Minuten vor neun. Mein Begleiter ließ das Fenster herunter, und ich erhaschte einen Blick auf ein niedriges, mit einem Rundbogen versehenes Tor, über dem eine einzelne Laterne hing. Als ich aus dem Wagen stieg, wurde das Tor aufgeschwungen. Ich ging hindurch und befand mich im Innenhof eines Hauses.

Ich hatte den Eindruck, daß zu beiden Seiten Rasenflächen und Bäume standen, ob ich mich jedoch auf einem Privatgrundstück befand oder mitten auf dem Lande, das kann ich gewiß nicht sagen. Im Haus brannte eine einzelne Lampe. Aber diese war mit buntem Glas versehen und das Licht so niedrig eingestellt, daß ich nur wahrnehmen konnte, daß ich mich in einer Eingangshalle von beträchtlicher Größe befand und daß Bilder an den Wänden hingen. Außerdem konnte ich in dem schwachen Lichtschein gerade noch erkennen, daß der Mensch, der mir das Tor geöffnet hatte, ein kleiner, gemein aussehender Mann mittleren Alters war, der mit gebeugten Schultern dastand. Er drehte sich zu mir um, und an einem kleinen Glitzern um die Augen herum merkte ich, daß er eine Brille trug.

>Ist das Mr. Melas, Harold?< fragte er. >Ja.< >Gut gemacht. Gut gemacht. Nichts für ungut, Mr. Melas. Ich hoffe, Sie nehmen es uns nicht übel, aber wir kommen ohne Ihre Hilfe nicht weiter. Wenn Sie ein faires Spiel spielen, werden Sie es nicht zu bereuen haben. Sollten Sie aber Tricks anwenden, dann gnade Ihnen Gott!< Er sprach in einer nervösen, abgehackten Art, zwischendurch unterbrach er sich mit kleinen kichernden Lachern. Aber es schien mir trotzdem, daß er mehr Angst hatte als der andere.

>Was wollen Sie von mir?< fragte ich.

>Nicht viel. Sie sollen nur einem griechischen Herrn, der uns besucht, ein paar Fragen stellen und uns die Antwort mitteilen. Aber sagen Sie keineswegs mehr, als Ihnen aufgetragen wird, oder ...<, wieder dieses kichernde Lachen, >... oder es wird Ihnen leid tun, daß Sie überhaupt geboren sind.< Während er sprach, hatte er eine Tür geöffnet und mich in ein Zimmer geführt, daß reich ausgestattet schien. Aber wiederum bestand die ganze Beleuchtung aus einer einzigen Lampe, deren Licht sehr weit heruntergeschraubt worden war. Ich hatte den Eindruck, daß das Zimmer ziemlich groß war. Meine Füße versanken fast in dem dicken Teppich, daraus entnahm ich, daß es sich um einen reich ausgestatteten Raum handelte. Ich erhaschte einen Blick auf samtbezogene Stühle und einen sehr großen, hohen Marmorkamin, der, wie mir schien, an beiden Seiten mit japanischen Waffen dekoriert war. Genau unter der Lampe befand sich ein Stuhl. Der alte Mann machte mir ein Zeichen, daß ich mich daraufsetzen sollte. Der jüngere hatte uns verlassen, etwas später kam er jedoch durch eine andere Tür wieder zu uns. Er führte einen Herrn ins Zimmer, der in einen Morgenmantel gekleidet war und der langsam auf uns zuging. Er kam in den Kreis des Lichtes, aber, Sir, als ich ihm ins Gesicht sehen konnte, packten mich Schrecken und Entsetzen über diese Erscheinung. Der Mann war totenblaß und entsetzlich dünn. Die großen, hervorstehenden Augen leuchteten wie die eines Menschen, dessen Geist größer ist als seine körperliche Kraft. Aber nicht seine körperliche Schwäche erschreckte und schockierte mich so sehr. Große Streifen von Heftpflaster waren kreuz und quer über sein Gesicht geklebt. Und auch der Mund war auf diese Weise versiegelt.

>Hast du die Tafel, Harold?< fragte der alte Mann, als die fremde Erscheinung erschöpft in einen Sessel gefallen war. >Hast du seine Hände aufgebunden? Gut, dann gib ihm den Bleistift. Sie werden ihm die Fragen stellen, und er wird die Antwort niederschreiben. Fragen Sie zunächst, ob er willig ist, die Papiere zu unterschreiben.< Die Augen des Mannes sprühten Feuer.

>Niemals!< schrieb er in griechischen Buchstaben auf die Tafel. >Unter keinen Umständen?< hatte ich auf Befehl unseres Tyrannen zu fragen.

>Nur, wenn sie in meiner Gegenwart von einem griechischen Priester, den ich kenne, getraut wird.< Der Mann kicherte auf seine giftig- verschlagene Art. >Du weißt aber, was aus dir wird?< >Was mit mir geschieht, ist mir egal.< Dies sind nur einige Beispiele aus der seltsamen, halb geschriebenen, halb gesprochenen Konversation. Immer wieder hatte ich ihn zu fragen, ob er nachgebe oder die Papiere unterzeichnen wolle. Und immer wieder hatte ich die gleiche eindeutige Antwort zu übersetzen.

Inzwischen war mir jedoch ein guter Gedanke gekommen. Ich begann, den Sätzen kleine eigene Zusätze zuzufügen. Zuerst waren es ganz harmlose Zusätze, um auszutesten, ob unsere Begleiter wirklich kein Griechisch verstanden. Aber sie zeigten keinerlei Reaktion. Da begann ich ein gefährliches Spiel. Unsere Konversation ging nun etwa folgendermaßen: >Deine Starrheit wird dir nichts nützen! Wer sind Sie?< >Das ist mir egal. Ich bin fremd in London.< >Du weißt, was dein Schicksal sein wird. Wie lange sind Sie schon hier?< >Dann ist es ebenso. Drei Wochen.< >Du wirst frei sein, wenn du unterzeichnest. Was ist dies für ein Haus?< >Ich werde niemals unterschreiben. Keine Ahnung.< >Du tust ihr keinen Dienst. Wie heißen Sie?< >Das soll sie mir selber sagen. Kartides.< >Du wirst sie sehen, wenn du unterzeichnest. Woher kommen Sie?< >Dann werde ich sie niemals wiedersehen. Aus Athen.< Noch weitere fünf Minuten, und ich hätte unter den Augen seiner Peiniger seine Geschichte von ihm erfahren. Schon die nächste Frage hätte alles klären können. Plötzlich jedoch ging die Tür auf. Eine Frau betrat das Zimmer.

Ich konnte nur ihre Umrisse erkennen, nahm aber wahr, daß sie hochgewachsen war, stolz und würdig. Sie hatte schwarzes Haar und trug ein loses weißes Gewand.

>Harold!< sagte sie in englischer Sprache, aber mit einem harten Akzent, >ich konnte nicht länger fortbleiben. Es war so einsam da oben mit nur einer... O mein Gott, da ist ja Paul!< Diese letzten Worte waren in Griechisch ausgerufen worden, und im gleichen Augenblick riß der Mann verzweifelt das Pflaster von seinen Lippen und rief >Sophie! Sophie!< und fiel ihr in die Arme. Die Umarmung war nur von Sekundendauer, denn der jüngere Mann packte die Frau und schob sie aus dem Zimmer, während der ältere sein durch Hunger geschwächtes Opfer leicht überwältigen konnte und ihn zur anderen Tür hinausschleppte. Kurze Zeit war ich allein in dem Zimmer. Ich erhob mich von meinem Stuhl und versuchte die Zeit zu nutzen und auf eigene Faust herauszufinden, in was für einem Haus wir uns befanden. Wohl zu meinem Glück kam ich erst gar nicht dazu, etwas zu unternehmen, denn als ich aufblickte, stand der alte Mann im Türrahmen und hatte seinen Blick auf mich gerichtet.

>Das ist alles, Mr. Melas<, sagte er. >Ihnen ist sicherlich klar geworden, daß wir Sie bei einer privaten Verhandlung ins Vertrauen gezogen haben. Wir hätten Ihnen gerne die Mühe erspart.

Aber ein Freund von uns, der uns bisher bei den Verhandlungen geholfen hatte, war gezwungen, plötzlich in seine Heimat zurückzukehren. Wir brauchten jemand an seiner Stelle. Wir waren sehr froh, als wir von Ihnen hörten.< Ich verbeugte mich.

>Hier sind fünf Sovereigns für Sie<, sagte er und kam auf mich zu. >Ich hoffe, daß Ihnen das als Lohn für Ihre Mühe ausreicht. Aber vergessen Sie nicht<, fügte er hinzu und stieß mir kichernd den Finger gegen die Brust, >wenn Sie diesen Dienst auch nur einer menschlichen Seele gegenüber erwähnen, dann möge sich der Himmel über Sie erbarmen!< Es ist mit Worten kaum auszudrücken, wie mich diese armselige Kreatur anekelte, und doch hatte er durchaus das Zeug, mich in Angst und Schrecken zu bannen. Das Lampenlicht beschien jetzt sein Gesicht, so daß ich ihn näher betrachten konnte. Sein nichtssagendes Gesicht war ziemlich blaß. Er trug einen dünnen, ungepflegten Spitzbart. Wenn er sprach, schob er das Gesicht voraus, seine Lippen und Augenlider zuckten, als wäre er mitten in einem Veitstanz. Ich kann es mir kaum anders vorstellen, als daß die kleinen, abgehackten, nervösen Gelächter, die er in die Unterhaltung streute, Zeichen einer nervösen Krankheit waren. Die Furcht, die man vor ihm hatte, wurde von den Augen ausgedrückt, die stahlgrau waren und eiskalt glitzerten und in deren Tiefe eine bösartige, ungestillte Grausamkeit lag.

>Wir werden es sofort erfahren, wenn Sie über uns reden<, sagte er, >wir haben unsere eigenen Informationsquellen. Und nun steht unser Wagen für Sie bereit. Mein Freund wird Sie hinausbegleiten.< In großer Hast wurde ich durch die Eingangshalle geleitet und in den Wagen geschoben. Wieder meinte ich Rasenflächen und Bäume zu bemerken. Mr. Latimer folgte mir auf den Fersen.

Wieder nahm er mir gegenüber Platz. Alles ging schweigend vor sich, kein einziges Wort wurde gewechselt. Wieder fuhren wir dahin, wieder waren die Scheiben hochgezogen. Schließlich, etwas nach Mitternacht, hielt die Kutsche. >Sie werden hier aussteigen, Mr. Melas<, sagte mein Begleiter. >Es tut mir leid, daß Sie noch ein Stück von Ihrer Wohnung entfernt sind, aber ich habe keine andere Wahl. Sollten Sie versuchen, meinem Wagen zu folgen, so wäre das reiner Selbstmord für Sie.< Er hatte die Tür geöffnet, während er noch sprach. Ich hatte kaum die Zeit, herauszuspringen. Der Kutscher schlug auf die Pferde ein, und der Wagen ratterte davon. Verwundert sah ich mich um.

Ich befand mich auf einer mit Heide bewachsenen Gemeindewiese, inmitten von großen Ginsterbüschen. Weiter in der Ferne entdeckte ich eine Reihe von Häusern, in denen hier und dort in den oberen Fenstern noch ein Licht schimmerte. Auf der anderen Seite entdeckte ich die roten Signallampen der Eisenbahn.

Der Wagen, der mich hierher gebracht hatte, war längst außer Sichtweite. Immer noch überlegte ich mir, wo ich mich bloß befinden konnte. Plötzlich kam jemand aus der Dunkelheit auf mich zu. Als er näher kam, stellte sich heraus, daß es ein Eisenbahner war.

>Können Sie mir sagen, wo ich mich hier befinde?< fragte ich. >Wandsworth Common<, sagte er.

>Kann ich von hier aus einen Zug in die Stadt erreichen?< >Wenn Sie in Richtung Clapham Junction gehen<, sagte er, >dann können Sie vielleicht gerade noch den letzten Zug nach Victoria Station erwischen.< Das also war das Ende meines Abenteuers, Mr. Holmes. Ich weiß nicht, wo ich gewesen bin, und ich weiß nicht, mit wem ich gesprochen habe. Ich weiß nur, daß ich Ihnen alles erzählt habe, was ich erlebt habe. Eines jedoch kann ich mit großer Sicherheit sagen, es ist dort etwas sehr Böses im Gange. Ich möchte dem armen Mann helfen, wenn das irgendwie möglich ist. Am Morgen nach meinem Abenteuer habe ich die ganze Geschichte Mr. Mycroft erzählt, und natürlich habe ich auch die Polizei unterrichtet. «

Aufmerksam hatten wir dieser seltsamen Geschichte gelauscht. Eine Weile saßen wir schweigend da. Schließlich sah Sherlock Holmes zu seinem Bruder herüber.

»Irgendwelche Schritte unternommen?«

Mycroft nahm die >Daily News< von einem kleinen Seitentisch.

»Jeder, der Auskunft über den Verbleib eines griechischen Herrn namens Paul Karatides aus Athen geben kann, wird eine Belohnung erhalten. Mr. Karatides spricht kein Englisch. Ebenso ist eine Belohnung ausgesetzt für einen Hinweis auf den Verbleib einer jungen griechischen Frau, deren Vorname Sophie ist. X2473.«

»Dieser Aufruf ist in allen Tageszeitungen erschienen, aber wir haben keine Antwort erhalten.«

»Hast du die griechische Botschaft versucht?«

»Ich habe mich erkundigt, sie wissen von nichts.«

»Ein Telegramm an das Hauptquartier der griechischen Polizei in Athen.«

»Sherlock hat das ganze Energiepotential der Familie geerbt«, wandte sich Mycroft an mich. »Ja, gut, du übernimmst den Fall und wir st sehen, was du draus machen kannst. «

»Gewiß«, sagte mein Freund und erhob sich, »ich werde dich und Mr. Melas auf dem laufenden halten. In der Zwischenzeit, Mr. Melas, würde ich, wenn ich Sie wäre, sehr gut auf mich aufpassen, denn durch diese Anzeige wissen die Leute ganz genau, daß Sie sie verraten haben.«

Wir gingen zusammen nach Hause. Unterwegs hielt er an einem Telegraphenamt an und gab mehrere Telegramme auf. »Sehen Sie, mein lieber Watson«, sagte er, »der Besuch bei Mycroft bedeutet keine verschwendete Zeit. Auf diese Weise habe ich schon manchen interessanten Fall bekommen. Das Problem, das uns gerade unterbreitet worden ist, hat, wenn manches natürlich auch erst noch geklärt werden müßte, ein paar sehr hervorstechende Züge.«

»Haben Sie Hoffnung, daß Sie es lösen können?«

»Wir wissen ja schon eine ganze Menge, so müßte es merkwürdig zugehen, wenn wir nicht auch noch den Rest erfahren sollten. Sie müssen sich doch auch inzwischen schon eine Theorie gebildet haben, wie die Geschichte, die man uns erzählt hat, zu erklären ist.«

»Na ja, eine vage Idee vielleicht.«

»Was haben Sie denn für eine Idee?«

»Es handelte sich doch um ein griechisches Mädchen. Kann sie nicht von einem Engländer, nämlich von Harold Latimer, entführt worden sein?«

»Entführt? Woher entführt?«

»Vielleicht aus Athen?«

Sherlock Holmes schüttelte den Kopf.

»Latimer versteht kein Wort Griechisch. Die junge Frau aber ist der englischen Sprache einigermaßen mächtig. Das bedeutet, daß sie eine Weile in England gelebt hat, er jedoch nicht in Griechenland. «

»Wenn wir aber nun annehmen, daß sie eine Besuchsreise nach England gemacht hat und daß dieser Harold sie überredet hat, mit ihm zu fliehen?«

»Das ist eher möglich.«

»Dann kommt der Bruder - ich nehme einfach an, daß es sich um ihren Bruder handelt-, er kommt also aus Griechenland und versucht die Verbindung der zwei zu verhindern.

Unglücklicherweise gerät der junge Grieche in die Fänge von Harold Latimer und seines älteren Spießgesellen. Sie halten ihn gefangen, tun ihm Gewalt an und versuchen ihn zu zwingen, Papiere zu unterschreiben, in denen das Vermögen des Mädchens an sie übergeben soll, das er, der Bruder, vielleicht verwaltet. Er geht jedoch nicht darauf ein. Um mit ihm zu verhandeln, brauchen sie einen Dolmetscher. Sie haben zwar zunächst einen, suchen sich aber ' dann Mr.

Melas aus. Dem Mädchen haben sie nichts von der Ankunft des Bruders erzählt. Rein durch Zufall findet sie es heraus.«

»Ausgezeichnet, Watson! « rief Holmes, »ich glaube wirklich, daß Sie gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt sind. Sehen Sie, wir halten alle Karten in den Händen. Alles, was wir zu befürchten haben, ist, daß ihnen einfallen könnte, etwas Gewaltsames zu tun. Wenn sie uns ein bißchen Zeit gönnen, müßten wir sie fassen.«

»Aber wie sollen wir herausfinden, wo das Haus liegt?«

»Wenn Ihre Annahme richtig ist, daß es sich bei dem Mädchen um Sophie Kartides handelt, dann sollten wir ihre Spur wohl finden. Darauf müssen wir unsere Hoffnung gründen, denn der Bruder ist sicherlich als völlig Unbekannter ins Land gekommen. Mir scheint es klar, daß Harold das Mädchen erst vor kurzer Zeit kennen gelernt hat und Beziehungen zu ihr anknüpfte. Wenn sie die ganze Zeit in dem Haus zusammengelebt haben, dann sollte es doch möglich sein, daß wir Antwort auf Mycrofts Zeitungsanzeige bekommen werden. «

Unter diesen Gesprächen hatten wir unsere Wohnung in der Baker Street erreicht. Holmes ging vor mir die Treppe hoch und betrat als erster unser Zimmer. Er gab einen kleinen Ausruf der Überraschung von sich. Neugierig blickte ich ihm über die Schulter, ich war gleichzeitig sehr verwundert. Holmes' Bruder Mycroft saß im Sessel und rauchte.

»Komm herein, Sherlock, kommen Sie, Sir! « sagte er einfach und lächelte über unsere erstaunten Gesichter. »Viel Energie kannst du von mir nicht erwarten, Sherlock, aber mancher Fall interessiert mich eben.«

»Wie bist du so schnell hierher gelangt?«

»Ich habe euch in einem Mietwagen überholt.«

»Gibt es neue Entwicklungen?«

»Ich habe Antwort auf meine Anzeige bekommen.«

»Ah. «

»Ja, und sie kam, als ihr gerade fortgegangen wart.«

»Was sagt sie aus?«

Mycroft nahm ein Stückchen Papier aus der Tasche. »Hier ist es«, sagte er. »Geschrieben mit einer i-Feder auf königlichem cremefarbenem Papier, von einem Mann mittleren Alters und einer schwachen Konstitution.«

Die Nachricht lautete folgendermaßen:

»Sir, in Beantwortung Ihrer Anzeige vom heutigen Tage möchte ich Sie dahingehend informieren, daß mir die beschriebene junge Dame gut bekannt ist. Falls Sie mich besuchen möchten, wäre ich bereit, Ihnen ihre traurige Geschichte zu erzählen. Zur Zeit wohnt sie in >The Myrtles<, Beckenham. Hochachtungsvoll, J. Davenport.«

»Er schreibt von Lower Brixton aus«, sagte Mycroft Holmes. »Was meinst du, Sherlock, sollen wir hinfahren und sehen, was der Mann an Einzelheiten zu berichten hat?«

»Mein lieber Mycroft, das Leben des Bruders ist mir wichtiger als die Geschichte der Schwester.

Ich denke, wir sollten Inspektor Gregson von Scotland Yard benachrichtigen und selber geradewegs nach Beckenham fahren. Wir wissen, daß der Tod über dem Mann lauert, und jede Stunde kann von äußerster Wichtigkeit sein.«

»Wir können auch Mr. Melas auf dem Wege abholen«, schlug ich vor, »vielleicht benötigen wir einen Dolmetscher.«

»Gute Idee, Watson«, sagte Sherlock Holmes. »Schicken Sie den Jungen los. Er soll einen Viersitzer besorgen, dann fahren. wir sofort.« Während er seine Anweisungen gab, öffnete er die Tischschublade, und ich sah, wie er einen Revolver in die Tasche steckte. »Ja«, sagte er und beantwortete damit meinen Blick, »von dem, was wir bisher gehört haben, können wir schließen, daß wir es mit einer sehr gefährlichen Bande zu tun haben.«

Es war fast dunkel, als wir wieder in der Pall Mall angelangt waren. Mr. Melas trafen wir allerdings nicht zu Hause an, er sei fortgerufen worden, hieß es.

»Können Sie mir sagen, wohin er gegangen ist?«

»Ich weiß es nicht, Sir«, sagte die Frau, die die Tür geöffnet hatte. »Ich weiß nur, daß er mit einem Herrn in einer Kutsche davonfuhr. «

»Hat der Herr seinen Namen genannt?«

»Nein, Sir.«

»Handelte es sich um einen großen, hübschen, dunklen jungen Menschen? «

»Oh, nein, Sir, es war ein kleiner Herr, der eine Brille trug und ein sehr schmales Gesicht hatte.

Er war sehr freundlich und lachte die ganze Zeit, als wir uns hier unterhielten.«

»Kommen Sie!« rief Sherlock Holmes erregt. »Es scheint wirklich ernst zu werden.« Auf dem Weg nach Scotland Yard bemerkte er: »Diese Männer haben sich Melas wieder geholt. Viel körperliche Courage hat er nicht, das wußten sie von der einen Begegnung. Der Verbrecher hat es fertigbekommen, ihn zu terrorisieren. Sicherlich wollen sie auch seinen professionellen Dienst, aber wenn sie ihn benutzt haben, werden sie ihn bestrafen für etwas, was sie Verrat nennen. «

Wir entschlossen uns, die Eisenbahn zu nehmen und hofften, genauso schnell oder schneller in Beckenham zu sein wie die Kutsche. In Scotland Yard dauerte es jedoch länger als eine Stunde, bis wir Inspektor Gregson erreicht und uns einen Haftbefehl besorgt hatten, ohne den wir das Haus nicht betreten durften. Es war Viertel nach zehn, als wir die London Bridge erreicht hatten, und halb elf, als wir uns auf dem Bahnsteig in Beckenham befanden. Eine Fahrt von einer halben Meile brachte uns nach >The Myrtels<, einem großen Haus, das ein wenig entfernt von der Straße auf einem ansehnlichen Grundstück stand. Wir entließen den Mietwagen und gingen zu Fuß die Auffahrt hinauf.

»Die Fenster sind alle dunkel«, bemerkte der Inspektor. »Das Haus wirkt verlassen.«

»Die Vögel sind ausgeflogen, das Nest ist leer«, sagte Sherlock Holmes.

»Wie können Sie das sagen?«

»Ein Wagen, schwer mit Gepäck beladen, hat vor einer Stunde das Grundstück verlassen.«

Der Inspektor lachte. »Die Wagenspur kann ich im Schein der Gaslaterne auch sehen, aber was wissen Sie von dem Gepäck?«

»Sie haben sicher bemerkt, daß eine Wagenspur in das Grundstück hineinführt und die andere wieder hinaus. Diejenige, die herausführt, ist tiefer, soviel tiefer, daß man mit Sicherheit sagen kann, daß viel Gepäck geladen worden ist.«

»Sie sehen wieder einmal mehr als ich«, sagte der Inspektor und zuckte mit der Schulter. »Es wird nicht leicht sein, die Tür aufzubrechen, aber wir werden es versuchen, wenn uns niemand öffnet. «

In voller Lautstärke betätigte er den Klopfring, und ebenfalls drückte er kräftig auf den Klingelknopf, ohne jedoch Erfolg zu haben. Holmes war fortgegangen. Nach ein paar Minuten war er wieder bei uns.

»Ich habe ein Fenster geöffnet«, sagte er.

»Ein Glück, daß Sie auf dieser Seite des Gesetzes sind, Mr. Holmes, und nicht auf der anderen «, bemerkte der Inspektor, als er zusah, wie geschickt Sherlock Holmes den Fensterriegel beiseite geschoben hatte. »Na, in dem Fall können wir ja wohl ohne Einladung eintreten. «

Einer nach dem anderen stiegen wir in einen großen Raum ein, der offensichtlich das Zimmer war, in dem sich Mr. Melas befunden hatte. Der Inspektor entzündete seine Lampe. Beim Schein der Lampe sahen wir die beiden Türen, die Vorhänge, die Lampe und die japanischen Waffen auf beiden Seiten des Kamins, genau, wie Mr. Melas es beschrieben hatte. Auf dem Tisch standen noch zwei Gläser, eine leere Brandyflasche und die Reste einer Mahlzeit.

»Was ist das?« rief Sherlock Holmes plötzlich.

Wir alle standen still und horchten. Irgendwo über unseren Köpfen war ein leises Stöhnen zu hören. Holmes rannte zur Tür und hinaus in die Halle. Das Geräusch kam aus dem oberen Stockwerk. Er lief die Treppe hinauf, der Inspektor und ich hinterher, während sein Bruder Mycroft uns folgte, so schnell seine massige Gestalt es ihm erlaubte.

Im zweiten Stockwerk sahen wir uns drei Türen gegenüber. Von der mittleren Tür schien dieser schreckliche und beängstigende Ton zu kommen. Manchmal sank er zu einem dumpfen Gemurmel und stieg dann wieder zu einem schrillen, weinerlichen Klagen an. Die Tür war verschlossen, aber der Schlüssel steckte von der Außenseite. Holmes riß die Tür auf und stürmte in das Zimmer. In der nächsten Minute war er schon wieder draußen und hielt sich das Taschentuch vor das Gesicht und die Hand an den Hals.

»Es ist Holzkohle«, sagte er, »geben wir ihm Zeit, es wird sich schnell verziehen. «

Wir lugten in den Raum hinein. Das einzige Licht in diesem Zimmer kam von einer bläulichen Flamme, die auf einem schmalen Messingstand in der Mitte des Zimmers schwelte. Sie warf einen unnatürlichen, bläulichen Lichtschein in Kreisen auf den Boden. Im Schatten, in der äußersten Ecke des Raumes, hockten zwei Gestalten an die Wand gelehnt. Durch die geöffnete Tür kamen in Schwaden die giftigen Dämpfe, die uns husten ließen und uns den Atem nahmen.

Holmes lief die Treppe weiter hoch, um frische Luft zu schöpfen, dann stürzte er in das Zimmer, riß das Fenster auf und warf den Ständer in den Garten.

»Einen Augenblick noch, dann können wir hineingehen«, rief er atemlos und stürzte wieder zu uns heraus. »Wo ist eine Kerze? In der Luft da drinnen ist es sicherlich unmöglich, ein Streichholz zu entzünden. Halten Sie die Lampe durch die Tür. Jetzt wollen wir mal sehen, ob wir sie herausbekommen. Jetzt, Mycroft! «

Wir stürzten auf die vergifteten Männer und zogen sie heraus in die nun gut beleuchtete Halle.

Beide waren bewußtlos. Sie hatten blaue Lippen, geschwollene, aufgedunsene Gesichter und hervorstehende Augen. Ihre Züge waren so verzerrt, daß wir unseren griechischen Dolmetscher nur an seinem schwarzen Bart und der breiten, untersetzten Gestalt erkannten. Und von diesem Mann hatten wir uns vor ein paar Stunden im Diogenes Club verabschiedet.

Seine Hände und Füße waren fest zusammengebunden, und über den Augen hatte er Schwellungen, die von Schlägen herrührten. Der andere Mann war auf die gleiche Weise gebunden. Es war ein großer Mann, im letzten Stadium des Verhungerns. Mehrere Streifen Heftpflaster waren kreuz und quer über sein Gesicht geklebt. Als wir ihn niederlegten, hörte er zu stöhnen auf. Ein Blick genügte, um uns zu sagen, daß für ihn die Hilfe zu spät kam. Mr. Melas jedoch lebte. Mit Hilfe von Brandy und Riechsalz erlebten wir die Freude, daß er nach einer Stunde die Augen wieder öffnete. Ich war von Herzen froh, daß es meine Hand gewesen war, die ihn aus dem dunklen Tal des Todes hervorgezogen hatte.

Er hatte eine einfache Geschichte zu erzählen, die dazu unsere logische Schlußfolgerung bestätigte.

Sein Besucher hatte, nachdem er die Wohnung betreten, einen Schlagring aus dem Ärmel gezogen. Damit hatte er dem armen Mann eine solche Angst gemacht, daß er sich zum zweiten Mal hatte fangen lassen. Es war fast wie eine Hypnose, die der kichernde Rohling an unserem armen unglücklichen Dolmetscher angewandt hatte, denn er konnte nicht von ihm reden, ohne daß er totenblaß wurde und die Hände ihm zitterten. Er war geradewegs nach Beckenham gebracht worden und hatte dort ein zweites Mal als Dolmetscher gedient. Dieses zweite Gespräch war noch dramatischer verlaufen als das erste, denn die beiden Verbrecher drohten ihrem Opfer mit dem Tode, falls er sich immer noch weigerte, die Papiere zu unterschreiben. Schließlich sahen sie ein, daß mit ihm nichts zu machen war, und brachten ihn in sein Gefängnis zurück.

Danach war Mr. Melas dran. Sie hielten ihm seinen Verrat vor, denn sie hatten die Zeitungsanzeige gelesen. Sie schlugen ihm über den Kopf. Er wurde ohnmächtig und erinnerte sich an nichts mehr, bis wir uns über ihn beugten.

Dies also war die Geschichte des griechischen Dolmetschers. In dieser Geschichte blieb manches Rätsel ungelöst. Immerhin besuchten wir jenen Herrn, der uns auf die Anzeige hin geschrieben hatte. Wir erfuhren, daß die unglückliche junge Frau aus einer reichen griechischen Familie stammte. In England hatte sie Freunde besucht. Während dieser Zeit hatte sie einen jungen Mann, Harold Latimer, kennengelernt. Er hatte Macht über sie gewonnen und überredete sie, mit ihm zu fliehen. Ihre Freunde waren durch den Vorfall schockiert und entsetzt. Sie hatten den Bruder in Athen benachrichtigt und sich weiter um nichts mehr gekümmert. Der Bruder kam aus Athen nach London, war allerdings unglücklicherweise in die Fänge von Latimer und seinem Spießgesellen geraten. Dieser war ein Bursche namens Wilson Kemp und einer der übelsten Burschen, die überhaupt leben. Die zwei fanden schnell heraus, daß der Grieche kein Englisch sprechen konnte und ihnen hilflos ausgeliefert war. Sie hielten ihn gefangen, behandelten ihn grausam und gaben ihm nichts zu essen, damit er schließlich weich werden sollte und sein eigenes Vermögen und das seiner Schwester ihnen überschreiben sollte. Die junge Frau wußte nicht, daß der Bruder unter dem gleichen Dach mit ihr wohnte. Für den Fall, daß sie etwas von ihm sehen sollte, hatten sie das schreckliche Pflaster über sein Gesicht geklebt. Ihre weibliche Intuität hatte sie jedoch sofort die Maske durchblicken lassen. Der griechische Dolmetscher war Zeuge ihres ersten Zusammentreffens gewesen. Das arme Mädchen war selber Gefangene in diesem Haus, denn es gab niemanden, der ihr helfen konnte oder wollte. Die einzigen Diener des Haushaltes waren der Kutscher und seine Frau, und die waren Werkzeuge und Konspiranten der Verbrecher. Als sie Wind davon bekamen, daß ihr Geheimnis verraten war, der Bruder aber nicht nachgab, haben sie kurz entschlossen das gemietete Haus verlassen. Sie waren mit dem Mädchen geflohen. Zuerst hatten sie jedoch Rache genommen an dem Mann, der ihnen hatte nicht zu Willen sein wollen, und ebenfalls an dem anderen, der sie verraten hatte. Monate später erreichte uns ein seltsamer Zeitungsausschnitt aus Budapest. Es hieß darin, daß zwei Männer, die mit einer Frau zusammen auf Reisen waren, zu einem tragischen Ende gekommen waren. Die beiden Männer waren erstochen aufgefunden worden. Die ungarische Polizei nahm an, daß sie Streit miteinander gehabt hatten und im Zorn aufeinander losgegangen waren. Holmes, denke ich, war anderer Ansicht. Bis heute glaubt er, daß man nur ein bestimmtes griechisches Mädchen finden müßte, um von ihr zu hören, daß die Untaten, die an ihrem Bruder begangen worden waren, nun gerächt waren.

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