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Der Hauspatient.  Arthur Conan Doyle
Buch. Der Hauspatient
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Wenn ich die Serie der lose zusammengestellten Memoiren ansehe, mit deren Hilfe ich einige der besonders hervorstechenden Geistesgaben meines Freundes Sherlock Holmes beschrieben habe, dann sehe ich mich vor der Schwierigkeit, welchen der vielen Fälle ich auswählen soll, mit welchen Geschichten ich sein Genie am besten illustrieren kann. Es gibt zwar Fälle, in denen man Sherlock Holmes' >tour de force< des analytischen Argumentierens und den besonderen Wert seiner Untersuchungsmethoden sehr gut studieren kann, aber gerade diese Fälle waren ein wenig allgemeiner Art, so daß sie für das Publikum vielleicht nicht sonderlich interessant sind, andererseits konnte er sich natürlich auch mit Forschungen befassen, in denen die Tatsachen sehr bemerkenswert und dramatisch waren, wo aber seine Methoden nicht so gut herauskommen, wie sein Biograph es sich gewünscht hätte. Die kleine Sache, die ich unter dem Titel >Studie in Scharlachrot, herausgegeben habe, und eine zweite, die mit dem Verlust der >Gloria Scott< zusammenhing, sollen als Beispiele der Schwierigkeiten dienen, die den Geschichtsschreiber zu allen Zeiten bedroht haben. Möglicherweise wird in der Geschichte, die ich nun schreiben werde, mein Freund nicht in das rechte Licht gerückt, jedoch sind die Ketten der Ereignisse so seltsam, daß ich es nicht übers Herz bringen kann, die ganze Serie auszulassen.

Es war ein sehr drückender Tag im Sommer gewesen. Wir hatten die Fenstervorhänge halb heruntergelassen, und Holmes hatte sich auf dem Sofa zusammengerollt. Immer wieder und wieder las er einen Brief, den er am Morgen erhalten hatte. Von mir kann ich wohl sagen, daß ich während der Zeit meines Militärdienstes in Indien gelernt habe, besser mit der Hitze als mit der Kälte fertig zu werden. Auch wenn das Thermometer über 90 Grad Fahrenheit steigt, bereitet mir das keine Schwierigkeiten. Aber die Zeitung war an diesem Tag uninteressant. Alle Freunde waren der Stadt entflohen, und ich sehnte mich nach schattigen Wäldern oder der Südsee. Mein mageres Bankkonto zwang mich immer wieder, die Ferien weiter zu verschieben. Für meinen Freund bot weder die See noch das Landleben Attraktion und Erholung. Er hatte es einfach gern, wenn er hier, umgeben von fünf Millionen Menschen, auf seinem Sofa lag, wenn er seine Briefsachen um sich herum ausgebreitet hatte und darin herumsuchen konnte, wenn er auf jedes kleine Gerücht von einem unaufgeklärten Verbrechen reagieren konnte. Naturbewunderung hatte inmitten seiner vielen Begabungen keinen Platz. Die einzige Ausnahme, daß er einmal den Übeltätern in der Stadt den Rücken kehrte, war, wenn er einmal seinen Bruder auf dem Lande besuchte.

Da Holmes zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt war, warf ich die langweilige Zeitung zur Seite, legte mich in meinem Sessel zurecht und träumte vor mich hin. Plötzlich brach die Stimme meines Freundes mitten hinein in meine Träumereien.

»Sie haben völlig recht, Watson«, sagte er. »Dies ist auch wirklich ein lächerlicher Versuch, ein Streitgespräch zu beend en.«

»Reichlich lächerlich«, antwortete ich. Plötzlich ging mir auf, daß er genau das ausgesprochen hatte, was ich gerade gedacht hatte. Ich fuhr aus meinem Sessel auf und sah ihn mit der größten Verwunderung an. »Nanu, was ist denn dies, Holmes!« rief ich. »Das übertrifft mal wieder alles, was ich mir vorstellen kann.

Er lachte herzlich über meinen perplexen Gesichtsausdruck. »Sie erinnern sich doch«, sagte er, »daß ich Ihnen vor einiger Zeit ein paar Aufzeichnungen von Edgar Allen Poe vorlas. Dort denkt ein Anhänger der logischen Argumentation den unausgesprochenen Gedankenfaden seines Freundes mit. Sie haben die Sache einfach abgetan und sprachen von der >tour de force< des Autors. Ich erzählte Ihnen zwar, daß auch ich diese Gewohnheit praktiziere, da hielten Sie mich für unglaubwürdig.«

»Aber nein, nein!«

»Vielleicht nicht so sehr mit Worten, mein lieber Watson, aber in Ihrem Gesicht stand der Unglaube geschrieben. Ihre Augen brauen sprachen Bände. Als ich eben also beobachtete, wie Sie die Zeitung hinwar fen und sich zum Nachdenken zurechtsetzten, da hatte ich eine glückliche Gelegenheit, Ihre Gedanken zu lesen und schließlich in den Fluß Ihrer Gedankenketten einzubrechen, um damit zu beweisen, daß ich genau wußte, woran Sie gedacht haben.«

Ich war noch nicht zufrieden. »In dem Beispiel, das Sie mir vorgelesen haben«, sagte ich, »bezog der Logiker sein Wissen aus der Tätigkeit dessen, was er beobachtete. Wenn ich mich richtig erinnere, stolperte er über Steine, als er hinauf in den Himmel sah. Aber ich habe nur still in meinem Sessel gesessen. Welche Schlüsse sollten Sie daraus ziehen können?«

»Sie tun sich selber Unrecht, Watson, schließlich hat der Mensch doch Gesichtsausdrücke mitbekommen, um damit seine Emotionen auszudrücken. Das tun Sie, wie jeder andere Mensch auch.«

»Wollen Sie nun behaupten, Sie könnten meine Gedanken aus meinen Gesichtszügen herauslesen?«

»Aus Ihren Gesichtszügen, ja, aber ganz besonders aus Ihren Augen. Vielleicht wissen Sie selber nicht, auf welche Weise Sie Ihre Tagträumereien offenbart haben?«

»Nein, ich habe keine Ahnung.«

»Dann will ich es Ihnen erzählen. Erst als Sie Ihre Zeitung hingeworfen haben, bin ich auf Sie aufmerksam geworden. Eine Weile haben Sie mit einem ausdruckslosen Gesicht dagesessen.

Dann haben Sie auf das erst neulich gerahmte Bild von General Gordon gestarrt, und ich beobachtete, wie sich der Ausdruck in Ihrem Gesicht veränderte. Ihre Tagträume hatten begonnen. Aber Sie kamen nicht weit. Ihre Augen wanderten zu dem ungerahmten Porträt von Henry Ward Beecher, das auf Ihrem Bücherregal steht. Dann wanderte der Blick die Wand auf und nieder. Natürlich ist klar, was das bedeutet. Sie haben sich gedacht, wenn dieses Bild gerahmt wäre, dann würde es gerade den freien Platz ausfüllen und ein gutes Gegenstück zu dem Bild von General Gordon sein.«

»Sie sind mir wirklich bestens gefolgt«, rief ich.

»Soweit war alles klar. Aber nun ging der Blick zurück zu Beecher. Sie haben das Bild sehr scharf angesehen, so als wollten Sie jeden einzelnen seiner Züge studieren. Die Augen blieben an dem Bild hängen, sie bewegten sich nicht mehr weiter, sie starrten weiter auf die gegenüberliegende Wand, und Ihr Gesicht war sehr gedankenvoll. Sie haben über Beechers Karriere nachgedacht. Nun war mir klar, daß Sie nicht an Beecher denken konnten, ohne daß Ihnen die Mission in den Sinn kam, die er in der Zeit des Bürgerkrieges für den Norden Amerikas unternahm. Ich erinnere mich nämlich noch sehr gut daran, wie ungehalten, ja zornig Sie waren über den Empfang, den unsere Leute ihm bereitet haben. Sie haben sich damals so leidenschaftlich mit ihm befaßt, daß ich mir nicht vorstellen kann, daß Sie heute an Beecher denken können, ohne sich auch dieses ins Gedächtnis zu rufen. Dann wanderten einen Augenblick später Ihre Augen fort von dem Bild. Mir war klar, daß Sie Ihre Gedanken nun dem Bürgerkrieg im allgemeinen zugewandt hatten. Ich beobachtete, wie Sie die Lippen aufeinander preßten. Ihre Augen leuchteten auf, und die Hände ballten sich zu Fäusten. Sie dachten über die Galanterien nach, die beide Seiten in diesem verzweifelten Kampf gezeigt haben. Aber dann wurde Ihr Gesicht wieder traurig. Sie schüttelten den Kopf. Sie waren traurig über die vielen unnötig geopferten Menschenleben. Ihre Hand wanderte nach der eigenen alten Wunde. Dann huschte ein Lächeln über Ihr Gesicht. Sie dachten darüber nach, auf welche lächerliche Weise die internationale Ordnung hergestellt wird. In diesem Augenblick stimmte ich mit Ihnen überein. Es ist wirklich dumm und lächerlich, auf eine solche Weise mit solchen Problemen umzugehen. Ich freue mich, daß ich Ihnen richtig gefolgt bin. Meine Schlußfolgerung war richtig. «

»Absolut! « rief ich. »Und nun, da Sie es mir erklären, muß ich sagen, daß ich noch genauso verwundert bin wie vorher.« »Es war einfach, mein lieber Watson, lassen Sie sich das sagen. Ich wäre nicht so in Ihre Gedankenwelt eingebrochen, wenn Sie mir nicht neulich Ihren Unglauben so deutlich vorgeführt hätten. Aber der Abend hat ein frisches Lüftchen gebracht. Sollen wir nicht ein wenig durch London wandern?«

Ich war herzlich froh über diesen Vorschlag, denn unser kleines Wohnzimmer ging mir auf die Nerven. Drei Stunden bummelten wir so herum und beobachteten das ständig wechselnde Kaleidoskop des Lebens, das wie Ebbe und Flut in die Fleet Street und den Strand hineinflutete und wieder hinausebbte. Er unterhielt mich in seiner charakteristischen Art, indem er die Abläufe um uns herum scharf beobachtete, Details entdeckte und Schlußfolgerungen daraus zog. Dieses feine Können, die Kunst der Schlußfolgerung verblüffte und amüsierte mich immer wieder. Es war schon 10 Uhr, als wir endlich wieder in der Baker Street ankamen. Eine Kutsche wartete vor unserer Tür.

»Hm, ein praktizierender Allgemeinmediziner, wenn ich mich nicht täusche«, sagte Holmes, »ist noch nicht lange im Beruf, hat aber gut zu tun. Ich kann mir vorstellen, daß er gekommen ist, uns zu konsultieren. Gut, daß wir gerade heimkehren. «

Ich war inzwischen soweit mit Holmes' Methoden vertraut, daß ich dem Faden seiner Argumentation gut folgen konnte. Im Schein des Laternenlichtes konnten wir in das Innere des Wagens schauen. In einem offenen, geflochtenen Korb waren eine ganze Reihe medizinischer Instrumente versammelt.

Daraus hatte Holmes die schnelle Schlußfolgerung gezogen. Das Licht in unserem Fenster zeigte uns an, daß dort tatsächlich ein Besucher angekommen war. Ich war neugierig geworden, was ein Berufskollege von mir um diese Nachtzeit noch wollte, und ging hinter Holmes her in unser Heiligtum. Ein Mann mit blassem, beinahe wächsernem Gesicht und einem sandfarbenen Backenbart erhob sich aus einem der Sessel, als wir eintraten. Sein Alter schätzte ich so um die drei- oder vierunddreißig, die ungesunde Hautfarbe und der müde Gesichtsausdruck sprachen lebhaft von einem Leben, das ihm die Kraft aussaugte und die Jugend stahl. Er schien sehr einfühlsam und in seiner Art zurückhaltend zu sein. Die schmale, weiße Hand, mit der er sich auf den Kamin stützte, als er aufstand, schien eher einem Künstler zu gehören als einem Chirurgen.

Gekleidet war der Besuc her in einen einfachen, nüchternen, schwarzen Frackmantel. Dazu trug er dunkle Hosen und eine Krawatte mit ein paar winzigen Farbtupfern.

»Guten Abend, Doktor«, sagte Holmes vergnügt. »Ich freue mich, daß Sie nicht länger als ein paar Minuten auf uns zu warten brauchten.«

»Haben Sie mit meinem Kutscher gesprochen?«

»Aber nein, die Kerze hier auf dem Schreibtisch hat mir das verraten. Bitte nehmen Sie doch wieder Platz, und lassen Sie uns wissen, was ich für Sie tun kann. «

»Ich bin Dr. Percy Trevelyan«, sagte unser Besucher. »Ich wohne in Brook Street Nr. 403.«

»Sind Sie nicht der Autor einer Monographie über Nervenleiden?« fragte ich.

Seine bleichen Wangen erröteten vor Freude, als er wahrnahm, daß ich sein Werk kannte. »Ich höre so wenig davon, ich glaubte schon, mein Buch sei inzwischen gestorben. Mein Verleger hat mir ziemlich deprimierende Verkaufszahlen genannt. Sie sind sicherlich selber Mediziner?«

»Ich bin pensionierter Militärarzt.«

»Nervenkrankheiten waren immer mein Steckenpferd. Ich hätte dieses Gebiet gerne richtig zu meinem Spezialgebiet ausgebaut, aber man muß nehmen, was man bekommt. Aber ich wollte nicht diese Frage mit Ihnen erörtern, Mr. Holmes, ich weiß, wie wertvoll Ihre Zeit ist. Mich führt ein anderer Grund zu Ihnen. In der Brook Street sind ein paar recht merkwürdige Dinge geschehen, und heute haben sie nun solche Formen angenommen, daß ich mir geschworen habe, es nicht länger anzusehen, Mr. Holmes, sondern noch zur gleichen Stunde Sie um Hilfe zu bitten.

«

Holmes setzte sich und zündete seine Pfeife an. »Beides, Rat und Hilfe, sollen Sie gerne haben«, sagte er, »lassen Sie mich bitte genau wissen, was sich bei Ihnen ereignet hat.«

»Ein oder zwei der Begebenheiten sind so banal«, sagte Dr. Trevelyan, »daß ich mich beinahe schäme, sie zu erzählen. Aber die Sache erscheint mir so unerklärlich und die neueste Entwicklung ist so seltsam, daß ich alles vor Ihnen ausbreiten werde, und Sie sollen dann beurteilen, was wichtig ist und was nicht.

Gleich zu Anfang muß ich Ihnen von meinem akademischen Werdegang berichten. Ich habe an der Londoner Universität studiert, und ich hoffe, daß Sie nicht glauben, daß ich mich selber besonders herausstreichen möchte, aber meine Professoren hielten mich für einen begabten und vielversprechenden Studenten. Nach meiner Graduierung bin ich zunächst weiter in der Forschung geblieben. Daneben hatte ich einen kleinen Arbeitsplatz im Kings -College- Krankenhaus inne. Ich hatte das Glück, daß meine Forschung das Interesse aller erregte.

Schließlich gewann ich den Bruce-Pincerton-Preis und eine Medaille für das Buch über die Nervenleiden, das Ihr Freund soeben erwähnt hat. Es ist nicht zuviel gesagt, wenn ich behaupte, daß damals der Eindruck entstand, ich habe eine große Karriere vor mir.

Aber meine große Schwierigkeit war, daß ich Kapital brauchte und keines besaß. Sie verstehen sicherlich, daß ein Spezialist, der sich ein großes Ziel gesetzt hat, sich nirgend anders niederlassen kann als in einer von einem halben Dutzend Straßen um den Cavendish Square herum. Und gerade dort sind die Mieten sehr hoch, ganz zu schweigen von den teuren Einrichtungen. Neben diesem Kapital, dagerst einmal investiert werden muß, braucht er soviel Vermögen in der Hinterhand, daß er sich ein paar Jahre lang erhalten kann, ohne daß ihm die Patienten Geld einbringen. Außerdem braucht er eine elegante Kutsche und Pferde. Das konnte ich niemals aufbringen. Meine einzige Hoffnung bestand darin, zu sparen, um vielleicht in zehn Jahren einmal mein Namensschild anbringen zu können. Plötzlich geschah jedoch etwas, was mir ganz neue Aussichten eröffnete.

Eines Tages besuchte mich ein Herr, der mir völlig fremd war und der sich Mr. Blessington nannte. Dieser Herr betrat eines schönen Morgens mein Zimmer und verwickelte mich sofort in ein Geschäftsgespräch.

>Sind Sie der gleiche Dr. Percy Trevelyan, der eine erfolgreiche Karriere begonnen hat und der gerade einen Preis gewonnen hat?< fragte er.

Ich verbeugte mich.

>Antworten Sie mir ehrlich<, fuhr er fort, >denn es wird zu Ihrem Besten sein. Sie sind klug genug, um ein wirklich erfolgreicher Mann zu sein. Besitzen Sie Takt?< Bei dieser sehr offenen Frage konnte ich ein Lächeln nicht unterdrücken.

>Ich glaube schon, daß ich meinen Teil von dieser guten Gabe abbekommen habe.< >Und schlechte Angewohnheiten? Alkohol? Sagen Sie ehrlich, wie ist es damit?< >Aber ich bitte Sie, Sir<, rief ich.

>Richtig, richtig, ganz in Ordnung, Sir, aber ich muß Sie fragen. Und mit all Ihren Qualitäten haben Sie keine eigene Praxis?< Ich zuckte die Schultern.

>Kommen Sie, kommen Sie<, sagte er auf sehr eindringliche Weise, >die alte Geschichte, wie ich mir denken konnte. Mehr im Gehirnkasten als in der Tasche, was? Wie würde es Ihnen gefallen, Ihre Praxis in der Brook Street zu beginnen?< Ich starrte ihn verwundert an.

>Oh, dabei geht es eigentlich nicht so sehr um Sie<, sagte er. >Es handelt sich vielmehr um mich.

Ich werde Ihnen gegenüber völlig ehrlich sein, mir würde es selber gefallen, wenn Sie sich dort niederlassen würden. Ich habe ein paar Tausender übrig, die ich gerne investieren möchte. Sehen Sie, und ich dachte, damit könnte ich Ihnen vielleicht auf die Beine helfen.< >Aber warum denn nur?< fragte ich atemlos.

>Ach was, es ist einfach eine Spekulation, weiter nichts. Eine Spekulation ist so sicher wie die andere.< >Was soll ich tun?< >Das will ich Ihnen erklären. Ich miete das Haus, möbliere es, zahle den Lohn an das Personal und übernehme praktisch alle laufenden Kosten. Alles, was Sie zu tun haben, ist, daß Sie in Ihrem Sprechzimmer sitzen und auf Patienten warten. Sie könne n von mir aus sogar ein Taschengeld bekommen.

Danach werden Sie mir drei Viertel Ihres Einkommens überlassen, und das eine Viertel behalten Sie für sich.< Es war schon ein merkwürdiger Vorschlag, Mr. Holmes, den dieser Blessington mir da machte.

Ich will Sie nicht mit dem Bericht langweilen, wie wir gefeilscht und verhandelt haben, bis die Sache schließlich spruchreif war. Jedenfalls konnte ich im nächsten Quartal in das Haus einziehen. Die Finanzierung der Praxis lief so, wie er es mir vorgeschlagen hatte. Er selber zog auch in das Haus ein und lebt seither als Patient bei mir. Er hat ein etwas schwaches Herz und braucht viel medizinischen Rat. Die beiden besten Zimmer des Hauses im ersten Stockwerk richtete er sich als Wohnzimmer und Schlafzimmer ein. Er ist ein seltsamer Mann, der seltsame Angewohnheiten hat. Er geht selten aus, menschliche Gesellschaft ist ihm zuwider. Dennoch führte er ein sehr unregelmäßiges Leben. In einem Punkt jedoch war er die Pünktlichkeit in Person, jeden Abend um die gleiche Zeit kam er in mein Sprechzimmer und examinierte die Bücher, von jeder Guinea, die ich verdient hatte, gab er mir fünf Shillinge und drei in seinem Sessel saß und mich mit leerem, verzerrtem Gesicht anstarrte. Seine mysteriöse Krankheit hatte ihn wieder in ihren Krallen. Mein erstes Gefühl war, wie ich schon sagte, Mitgefühl und Entsetzen, mein zweites, das muß ich leider zugeben, berufliche Zufriedenheit. Ich notierte Puls und Temperatur meines Patienten, kontrollierte die Steifheit seiner Muskeln und untersuc hte die Reflexe. Nichts war eigentlich abnormal. Und das paßte auch gut in das Bild, das ich mir inzwischen von dieser Krankheit gemacht hatte. Meistens erziele ich recht gute Resultate, wenn ich meine Patienten das Mittel >Amylnitrite< inhalieren lasse. Ich hatte also beste Gelegenheit, dieses Mittel nun auch an diesem Patienten auszuprobieren. So ließ ich meinen Patienten, wie er war, in seinem Sessel sitzen und ging, mir die Flasche zu holen. Ich fand sie jedoch nicht so schnell. Alles in allem war ich wohl fünf Minuten fort. Stellen Sie sich mein Erstaunen vor, als ich in mein Sprechzimmer zurückkehrte. Der Patient war fort. Das Zimmer war leer. Natürlich eilte ich zuerst in mein Wartezimmer. Auch das war leer, auch der Sohn war verschwunden. Die Tür der Halle war geschlossen, aber nicht mit einem Schlüssel verschlossen gewesen. Mein Page, der die Patienten hereinläßt, ist neu bei mir. Besonders schnell ist er nicht. Er wartet unten und führt die Patienten zu mir herein, wenn ich nach ihm läute. Er hatte nichts von den beiden Männern gesehen oder gehört. Die Affäre war einfach rätselhaft.

Kurz danach kam Mr. Blessington von seinem Spaziergang heim. Ich erzählte ihm nichts von dem, was vorgefallen war, denn, um ehrlich zu sein, hatte ich es mir angewöhnt, so wenig wie möglich mit ihm zu reden.

Nun ja, ich glaubte, ich hätte meinen russischen Patienten zum letzten Mal gesehen. So können Sie sich also meine Verwunderung vorstellen, als die zwei heute Abend wieder mein Sprechzimmer betraten, gerade wie gestern.

>Also, lieber Doktor, wir müssen uns wirklich entschuldigen, daß wir gestern so einfach verschwunden sind<, sagte mein Patient.

>Ich muß schon sagen, daß mich das sehr überrascht hat<, sagte ich.

>Na ja<, sagte er, >es war so, daß ich aus meiner Attacke wieder zu mir kam, mein Verstand jedoch noch so umnebelt war, daß ich nicht mehr wußte, wo ich mich befand. Mir schien, daß ich in einem völlig fremden Raum erwachte. Ich ging einfach los und auf die Straße, während Sie fort waren.< >Und ich<, sagte der Sohn, >sah, wie mein Vater an der Tür des Wartezimmers vorbeiging. Ich glaubte natürlich nichts anderes, als daß die Konsultation zu Ende sei. Erst als wir wieder zu Hause waren, entdeckte ich, wie die Dinge in Wirklichkeit gelaufen waren.< >Na gut<, sagte ich lachend, >dann ist ja weiter nichts geschehen, als daß ich etwas zum Rätselraten gehabt habe. Sir, wenn Sie also wieder ins Wartezimmer gehen wollen, dann will ich mit der Untersuchung Ihres Vaters fortfahren, die gestern so abrupt abgebrochen wurde.< Eine halbe Stunde lang habe ich mich mit den Symptomen des alten Mannes befaßt, alle Einzelheiten durchgesprochen, dann gab ich ihm eine Verschreibung, und er ging am Arm seines Sohnes davon.

Ich habe Ihnen ja schon erzählt, daß Mr. Blessington diese Stunde des Tages für seinen täglichen Spaziergang benutzte. Kurze Zeit, nachdem Vater und Sohn mich verlassen hatten, kam er heim und ging die Treppe hoch zu seiner Wohnung. Einen Augenblick später stürmte er jedoch die Treppe herunter und stürzte direkt zu mir ins Sprechzimmer. In seiner Panik schien er wie von Sinnen.

>Wer ist in meinem Zimmer gewesen?< schrie er. >Niemand<, antwortete ich.

>Das ist eine Lüge!< brüllte er. >Kommen Sie und schauen Sie sich das an!< Ich bemerkte überrascht seine grobe Ausdrucksweise, denn er schien vor Angst außer sich zu sein. Wir gingen gemeinsam die Treppe hinauf, und er zeigte mir die Fußabdrücke auf dem hellen Teppich.

>Sie glauben doch nicht, daß das meine sind?< schrie er.

Es waren deutlich größere Fußabdrücke, als er sie hätte produzieren können, und ganz frisch waren sie auch. Es hatte am Nachmittag stark geregnet. Diese Patienten waren die einzigen, die mich konsultiert hatten. Es mußte wohl so gewesen sein, daß der Mann, der im Wartezimmer gesessen hatte, hinauf in die Wohnung meines Hauspatienten gegangen war, als ich mit dem anderen beschäftigt war. Nichts war gestohlen oder auch nur berührt worden. Aber die Fußspuren waren ein deutliches Anzeichen dafür, daß hier jemand herumgelaufen war.

Ich wunderte mich ein bißchen, wie sehr Mr. Blessington sich über die Sache erregte. Wenn diese Zeichen wohl reichten, jemanden ein bißchen unruhig zu machen, so schien mir sein Verhalten sehr übertrieben. Er ist buchstäblich weinend auf einem Stuhl zusammengebrochen. Ich konnte ihn kaum dazu bringen, zusammenhängend zu reden. Er hat mir dann vorgeschlagen, ich möchte mich an Sie wenden. Das habe ich eingesehen. Der Vorfall ist schon merkwürdig, wenn ich auch glaube, daß er die Sache stark überbewertet. Wenn ich Sie also bitten darf, mit mir in meinem Wagen zurück in meine Praxis zu fahren, dann wäre es zumindest möglich, ihn ein wenig zu beruhigen. Ich kann mir diese seltsamen Vorkommnisse wirklich nicht erklären.«

Sherlock Holmes hatte dieser langen Geschichte mit großer Aufmerksamkeit gelauscht, ein Zeichen, daß sein Interesse hell- wach war. Sein Gesicht war so ruhig und ausdruckslos wie immer, aber die Lider fielen ihm schwerer über die Augen, und der Rauch seiner Pfeife kräuselte immer dicker zur Decke empor. Alles Zeichen, daß die Geschichte .des Doktors ihn neugierig gemacht hatte. Kaum hatte unser Besucher zu sprechen aufgehört, da sprang Sherlock Holmes auch schon auf und reichte mir ohne weitere Worte meinen Hut, nahm seinen eigenen vom Tisch und folge Dr. Trevelyan zur Tür. Eine Viertelstunde später befanden wir uns vor der Haustür des Arztes in der Brook Street. Es war eines der ernsten, nüchternen Häuser, wie sie für das Westend und eine Arztpraxis in der Gegend üblich sind. Ein kleiner Page ließ uns herein. Sofort gingen wir die mit guten Teppichen ausgelegte Treppe hinauf.

Ein merkwürdiger Zwischenfall hielt uns mitten auf der Treppe auf. Das Licht auf dem oberen Flur wurde plötzlich ausgeblasen, und aus der Dunkelheit kam eine dünne, zittrige Stimme:

»Ich habe eine Pistole, und ich schwöre, daß ich schießen werde, wenn auch nur einer einen Schritt näher kommt.« »Also, das ist nun wirklich ein bißchen viel, Mr. Blessington! « rief Dr.

Trevelyan.

»Oh, Sie sind es, Doktor«, stieß der Mann mit einem erleichterten Seufzer aus. »Aber was ist mit den beiden anderen Herren. Sind sie wirklich, was sie zu sein vorgeben?«

Uns war bewußt, daß er uns aus der Dunkelheit heraus scharf beobachtete. Endlich sagte die Stimme:

»Ja, ja, alles in Ordnung. Sie können heraufkommen. Es tut mir leid, daß ich Sie mit meinen Vorsichtsmaßregeln geärgert habe. «

Während er sprach, hatte er das Gas wieder angezündet. Vor uns stand ein seltsamer Mensch.

Nicht nur seine Stimme, sondern die ganze Gestalt verriet, daß er mit den Nerven völlig am Ende war. Der Mann war sehr fett, aber vor kurzem schien er noch fetter gewesen zu sein, denn die Hautfalten hingen in losen Taschen von seinem Gesicht herunter wie die Backen eines Bluthundes. Er hatte eine kränkliche Hautfarbe. Sein dünnes, sandfarbenes Haar schien sich vor Erregung zu sträuben. Er hielt immer noch die Pistole in der Hand, steckte sie aber in die Tasche, als wir näher kamen.

»Guten Abend, Mr. Holmes«, sagte er, »ich bin Ihnen wirklich sehr dankbar, daß Sie zu mir herübergekommen sind. Niemand benötigt Ihren Rat dringender als ich. Ich nehme an, daß Dr.

Trevelyan Ihnen schon berichtet hat, daß jemand unerlaubt in meine Wohnung eingedrungen ist?«

»So ist es«, sagte Sherlock Holmes, »bitte, Mr. Blessington, erzählen Sie uns jetzt: Wer waren diese zwei Männer, und aus welchem Grunde bedrohen sie Sie?«

»Mr. Holmes«, sagte der Mann in seiner nervösen Art, »das kann man natürlich schwer sagen.

Sie erwarten doch wohl nicht, daß ich Ihnen darauf antworte, Mr. Holmes.«

»Wollen Sie damit sagen, daß Sie es nicht wissen?« »Kommen Sie doch her! Bitte kommen Sie hier herein.«

Er führte uns in ein Schlafzimmer, daß sehr geräumig war und gemütlich eingerichtet.

»Sehen Sie das da«, sagte er und zeigte auf eine große schwarze Kiste am Ende seines Bettes.

»Ich bin niemals ein reicher Mann gewesen, Mr. Holmes, niemals. Ich konnte nur einmal etwas investieren, wie Dr. Trevelyan Ihnen bestimmt erzählt haben wird. Aber ich vertraue den Bankleuten nicht. Niemals würde ich einem Bankmann vertrauen, Mr. Holmes. Ganz unter uns, Mr. Holmes, das wenige, was ich besitze, ist hier in diesem Kasten. Und nun verstehen Sie sicherlich, was es für mich bedeutet, wenn fremde Elemente in meine Wohnung eindringen. «

Holmes sah Blessington fragend an und schüttelte den Kopf. »Ich kann Ihnen nicht helfen, wenn Sie versuchen, mit der Wahrheit hinter dem Berge zu halten.«

»Aber ich habe Ihnen alles erzählt.«

Mit einem Ausdruck des Abscheus drehte sich Holmes auf dem Absatz um.

»Gute Nacht, Dr. Trevelyan«, sagte er.

»Und kein Rat für mich?« stöhnte Blessington mit brechender Stimme.

»Mein einziger Rat an Sie, Sir, ist, die Wahrheit zu sagen.« Einen Augenblick später waren wir wieder auf der Straße und wanderten heimwärts. Wir hatten bereits die Oxford Street überquert und waren halbwegs die Harley Street heruntergegangen, bevor ich aus meinem Freund ein Wort hörte.

»Es tut mir leid, daß ich Sie wegen eines Narrenspieles aus dem Haus gelockt habe, Watson«, sagte er, »wenn wir auf den Boden der Tatsachen gelangen -könnten, wäre der Fall sicherlich sehr interessant.«

»Ich begreife sehr wenig davon«, sagte ich.

»Also das ist doch einmal klar, es gibt mindestens zwei Männer, vielleicht auch mehr, die einen guten Grund haben, an den Blessington heranzukommen. Ich bin mir ziemlich sicher, daß sowohl bei der ersten als auch bei der zweiten Gelegenheit der jüngere Mann bei Blessington eingedrungen ist, während der zweite versuchte, den Doktor zu beschäftigen.«

»Und die Katalepsie?«

»Gute Imitation, Watson. Ich würde es zwar einem Experten nicht direkt ins Gesicht sagen wollen, aber es ist so. Es handelt sich ja um eine Krankheit, die man leicht imitieren kann. Ich habe es selber schon ausprobiert.«

»Und dann?«

»Es war schlicht Zufall, daß Blessington beide Male ausgegangen war. Ihr Grund, diese ungewöhnliche Stunde der Konsultation zu wählen, war vermutlich, daß sie es vermeiden wollten, daß irgendwelche anderen Patienten im Warteraum sein sollten. Nun wollte es der Zufall, daß gerade diese Stunde Blessington für seinen Spaziergang wählte. Dies zeigt mir, daß einer des anderen tägliche Routine sehr wenig kannte. Wenn sie nur auf Raubzug ausgewesen wären, hätten sie wenigstens den Versuch unternommen, die Wohnung zu durchsuchen.

Nebenbei gesagt, ich kann es dem Gesicht eines Menschen wohl ablesen, wenn er Angst um die eigene Haut hat. Es ist einfach unmöglich, daß dieser Mann zwei tödliche Feinde hat, ohne daß er selber es weiß. Ich bin mir völlig im klaren, daß er genau weiß, wer diese Männer sind und daß er Grund genug hat, das auf keinen Fall zu verraten. Möglicherweise hat er morgen mehr Lust, mit uns zu reden. «

»Gibt es keine Alternative«, schlug ich vor, »es ist unwahrscheinlich, gebe ich zu. Aber man könnte einmal darüber reden. Kann die Geschichte von dem kataleptischen Russen und seinem Sohn nicht die Erfindung vo n Dr. Trevelyan sein, der selber einen Blick in das Zimmer getan hat? «

Im Schein der Laterne sah ich das amüsierte Lächeln Holmes' über meine brillante Idee. »Mein lieber Freund«, sagte er, »diese Idee ist mir natürlich auch schon gekommen. Aber ich entsc hied mich bald dafür, daß der Doktor glaubwürdig und seine Geschichte echt ist. Dieser junge Mann hat auf dem Teppich der Treppe Fußspuren von einer Deutlichkeit hinterlassen, daß es beinahe unnötig war, auch die im Zimmer sich noch anzusehen. Diese Fußspuren waren an den Spitzen breit, während die von Blessington spitz zuliefen. Sie waren auch 6 Zentimeter länger als die des Doktors. Wenn Sie diese Tatsachen betrachten, werden Sie sehen, daß es jemand anders gewesen sein muß. Aber wir können ruhig darüber schlafen, denn es sollte mich doch sehr wundern, wenn wir morgen nicht mehr von der Geschichte hören werden. « Sherlock Holmes' Prophezeiung wurde bald und auf eine dramatische Art und Weise erfüllt. Im ersten Licht des frühen Tages stand er am nächsten Morgen um halb acht vor meinem Bett. Er war in seinen alten Morgenmantel gehüllt. »Ein Wagen wartet unten auf uns, Watson. «

»Was ist denn los?«

»Die Brook-Street-Geschichte.« »Frische Neuigkeiten?«

»Tragische. Aber der Fall ist nicht eindeutig«, sagte er und zog die Fenstervorhänge auf. »Sehen Sie sich das an. Ein Blatt, aus einem Notizbuch gerissen, mit den Worten >Um Gottes willen, kommen Sie sofort< in Bleistift hingeworfen. Unser Freund, der Doktor, scheint einen ziemlichen Schock erlitten zu haben, als er das schrieb. Kommen Sie, mein Lieber, dies ist ein Notruf.«

Eine Viertelstunde später befanden wir uns wieder im Haus des Arztes. Er kam uns entgegen und begrüßte uns. Aber in seinem Gesicht war der ausgestandene Schrecken noch deutlich zu lesen.

»Oh, was für eine Geschichte!« rief er und preßte sich die Hände gegen die Schläfen.

»Was ist geschehen?«

»Blessington hat sich umgebracht.« Holmes pfiff.

»Ja, er hat sich in der letzten Nacht erhängt.«

Wir waren inzwischen ins Haus getreten, und Holmes nötigte uns in ein Zimmer, das offenbar als Wartezimmer benutzt wurde.

»Ich weiß kaum mehr, was ich tue«, stöhnte er. »Die Polizei ist , schon oben. Es hat mich schrecklich mitgenommen.«

»Wie haben Sie es entdeckt?«

»Er bekommt jeden Morgen in aller Frühe eine Tasse Tee ins Zimmer gebracht. Als das Mädchen das Zimmer betrat, hing der arme Kerl mitten im Raum. Er hatte einen Strick um einen Haken geschlungen, an dem sonst eine schwere Lampe hängt. Er hat sich von genau dem schwarzen Kasten abgestoßen, den er uns gestern noch gezeigt hat.«

Eine Zeitlang stand Holmes in tiefen Gedanken da.

»Mit Ihrer Erlaubnis«, sagte er schließlich, »möchte ich jetzt nach oben gehen und mir die Szene selber ansehen. « Wieder stiegen wir zusammen die Treppe empor. Der Doktor folgte uns.

Es war ein scheußlicher Anblick, der uns im Schlafzimmer erwartete. Ich hatte bereits erwähnt, wie faltig die Haut um Blessingtons Gesicht gehangen hatte. Aber als er dort am Haken hing, war dieser Eindruck noch verstärkt. Das Gesicht war kaum noch menschlich zu nennen. Der Hals trat hervor wie der eines gerupften Huhnes und ließ den Rest noch absurder und scheußlicher erscheinen. Angezogen war er nur mit einem langen Nachthemd. Geschwollene Fesseln und ein Paar häßlicher Füße schauten darunter hervor. Neben dem Erhängten stand ein hübscher junger Polizist, der sich Notizen in sein Buch machte.

»Ah, Mr. Holmes«, sagte er herzlich, als mein Freund eintrat. »Es freut mich, Sie zu sehen.«

»Guten Morgen, Lanner«, antwortete Holmes. »Ich hoffe, daß Sie sich keine Sorgen machen, ich wolle mich hier in Ihren Fall einmischen. Haben Sie die Vorgeschichte gehört, die zu dem Drama geführt hat?«

»Ja, etwas davon habe ich gehört.«

»Haben Sie sich schon eine Meinung gebildet?«

»Soweit ich den Fall überblicke, muß der Mann vor Angst den Verstand verloren haben. Er hat in der Nacht noch in seinem Bett geschlafen. Da ist die Kuhle, in der er gelegen hat. Sie ist wahrhaft tief genug. Um fünf Uhr morgens geschehen viele Selbstmorde. Das etwa muß die Zeit gewesen sein, in der er sich erhängt hat. Er scheint es mit voller Absicht getan zu haben.«

»Wenn man von der Steifheit der Muskeln ausgeht, dann ist er jetzt drei Stunden tot«, sagte ich.

»Ist Ihnen irgend etwas in diesem Zimmer aufgefallen, kam Ihnen etwas anders, seltsam vor?«

»Ich habe einen Schraubenzieher und einige Schrauben in seinem Waschstand gefunden. Und hier sind vier Zigarrenenden, die ich aus dem Kamin geholt habe.«

»Hm«, sagte Holmes. »Haben Sie einen Zigarrenhalter?«

»Nein, ich habe keinen gesehen.«

»Haben Sie denn seine Zigarrentasche gefunden?«

»Ja, sie befand sich in seiner Manteltasche.«

Holmes öffnete das Zigarrenetui und beroch die einzelne Zigarre, die sich noch im Etui befand.

»Oh, die hier ist eine Havanna. Diese anderen Enden sind eine seltsame Sorte von Zigarren, die von den Holländern von den Ost-Indien-Kolonien importiert werden. Sie werden meistens in Stroh gewickelt und sind länger und dünner als die hier sonst üblichen Sorten.« Er nahm die vier Enden auf und examinierte sie mit seinem Taschenvergrößerungsglas.

»Zwei von ihnen wurden mit einem Halter geraucht und zwei ohne«, sagte er, »zwei wurden mit einem sehr scharfen Messer geschnitten und die zwei anderen an der Spitze abgebissen. Die Raucher müssen ausgezeichnete Zähne haben. Dies ist kein Selbstmord. Es handelt sich um einen geplanten, kaltblütigen Mord.«

»Unmöglich!« rief der Inspektor. »Warum unmöglich?«

»Warum sollte jemand einen anderen Menschen auf eine so plumpe Weise ermorden - ihn aufzuhängen!«

»Das werden wir herausfinden müssen.«

»Wie sollten sie hereingekommen sein?«

»Durch die Haustür.«

»Sie war von innen verschlossen.«

»Dann wurde sie verschlossen, nachdem sie gegangen waren.«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich habe die Spuren gesehen. Entschuldigen Sie mich bitte einen Augenblick, gleich werde ich Ihnen weitere Informationen geben. «

Er ging zur Tür herüber und untersuchte auf seine methodische Weise das Schloß. Dann zog er den Schlüssel heraus, der auf der Innenseite steckte, und untersuchte auch diesen. Das Bett, der Teppich, der Sessel, der Kamin und selbstverständlich die Leiche wurden einer gründlichen Untersuchung unterzogen. Schließlich war er zufrieden. Mit Hilfe des Inspektors schnitt er das scheußliche Objekt ab und legte es respektvoll unter ein Bettlaken. »Was ist das für eine Kordel?« fragte er.

»Hiervon abgeschnitten«, sagte Trevelyan und zog ein großes Knäuel unter dem Bett hervor. »Er hatte eine wahnsinnige Angst vor Feuer und hatte diese Kordelknäuel immer unter dem Bett, so daß er aus dem Fenster fliehen konnte, falls das Treppenhaus einmal in Flammen stehen sollte.«

»Das muß ihnen einige Sorge erspart haben«, sagte Holmes gedankenvoll. »Ja, so ist es, die einfachen Tatsachen sind alle ganz klar. Es sollte mich doch überraschen, wenn wir bis zum Mittag nicht auch den Grund für diesen Mord angeben könnten. Diese Fotografie von Blessington, die über dem Kamin dort steht, die würde ich gerne mitnehmen. Sie wird mir bei meinen Nachforschungen behilflich sein.«

»Aber Sie haben uns überhaupt noch nichts erzählt! « sagte der Doktor.

»Oh, die einzelnen Sequenzen sind völlig eindeutig«, sagte Holmes. »Drei Männer sind in die Geschichte verwickelt, ein junger Mann, ein älterer und ein dritter, auf den ich keinen Hinweis habe. Die ersten beiden, das brauche ich wohl kaum zu erwähnen, sind die zwei Herren, die Ihnen die Maskerade von dem russischen Edelmann und dessen Sohn aufgeführt haben. Diese können wir gut beschreiben. Sie wurden von einem Mitwisser, der im Hause wohnen mußte, zur Tür hereingelassen. Ich möchte hier keine guten Ratschläge verteilen, Inspektor, aber es ist sicherlich kein Fehler, den Pagen zu verhaften, denn er ist erst neu im Dienst des Doktors.«

»Der Bengel ist fort«, sagte der Doktor. »Das Hausmädchen und die Köchin haben gerade nach ihm gesucht.«

Holmes zuckte mit der Schulter.

»Sein Teil an diesem Drama war unwichtig«, sagte er. »Jedenfalls sind die Männer der Reihe nach auf Zehenspitzen die Treppe hochgestiegen, der ältere Mann zuerst, dann der jüngere und der Unbekannte hinterdrein.«

»Mein lieber Holmes!« rie f ich bewundernd aus.

»Oh, diese Fußspuren auseinander zu halten ist nicht schwer, Schließlich kennen wir sie ja von gestern Abend her. Sie gingen in Mr. Blessingtons Zimmer und fanden selbstverständlich die Tür verschlossen. Mit Hilfe eines Stückchen Drahtes gelangten sie trotzdem ins Zimmer. Sogar ohne Linse können Sie die Kratzer im Lack sehen, die der Draht hinterlassen hat. Nachdem sie ins Zimmer gedrungen waren, war es sicherlich die erste Tat, den Mann zu knebeln. Möglicherweise hat er fest geschlafe n. Oder aber er war vor Angst und Schrecken so gelähmt, daß er nicht schreien konnte. Diese Wände sind ziemlich dick. Vielleicht hat er sogar einen Schrei ausgestoßen. Jedenfalls konnte niemand ihn hören. Nachdem sie ihn gefesselt haben, haben sie eine Konferenz gehalten, vielleicht gar in der Art einer Gerichtsverhandlung. Diese Verhandlung muß ziemlich lange gedauert haben, denn inzwischen wurden ja zwei Zigarren geraucht. Der ältere Mann hat hier in diesem Korbsessel gesessen, und er hat auch den Zigarrenhalter benutzt.

Der jüngere Mann hat dort drüben gesessen, um die Kommode herum liegt noch Zigarrenasche von ihm verstreut. Der dritte Mensch ist auf und ab gegangen. Blessington in all seiner Angst und Aufregung hat sicherlich in seinem Bett gesessen, aber so ganz sicher bin ich mir nicht.

Na ja, der ganze Akt endete damit, daß sie Blessington nahmen und ihn aufhängten. Vermutlich war die Sache vorher arrangiert. Sicherlich haben sie sich auch einen Block oder etwas Ähnliches mitgebracht, der einem Galgen ähnlich sah. Der Schraubenzieher und die Schrauben zeugen davon, daß sie hier etwas dergleichen aufgebaut hatten. Als sie jedoch den Haken sahen, an dem die Lampe hing, war ihnen klar, daß sie sich die Mühe sparen konnten. Schließlich, als die Arbeit getan war, gingen sie fort, und die Türen hinter ihnen wurden von ihrem Komplizen geschlossen und verriegelt.«

Wir hatten dieser Nachkonstruktion von dem, was in der Nacht geschehen war, mit tiefstem Interesse gelauscht. Holmes, der selber auf die feinsten Einzelheiten reagierte, hatte sie in seiner feinen Art konstruiert. Aber selbst als er uns die Abläufe erklärte, konnte ich ihm in seiner logischen Folgerung kaum folgen. Der Inspektor war inzwischen fortgeeilt, um eine Fahndung nach dem Pagen einzuleiten, wä hrend Holmes und ich in die Baker Street zu einem späten Frühstück zurückkehrten.

»Ich werde um drei Uhr zurück sein«, sagte er, als wir unsere Mahlzeit beendet hatten. »Sowohl der Doktor als auch der Inspektor werden um diese Zeit hier sein. Ich hoffe, daß ich bis dahin die letzten kleinen Unklarheiten dieses Falles aufgeklärt haben werde. «

Unsere Besucher trafen zu der angegebenen Zeit ein. Aber es war schon Viertel nach vier, als mein Freund endlich erschien. Von seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, konnte ich folgern, daß es ihm inzwischen gut gegangen war.

»Irgendwelche Neuigkeiten, Inspektor?«

»Wir haben den jungen Pagen, Sir.«

»Ausgezeichnet! Und ich habe die Männer!«

»Dann haben wir sie alle!« riefen alle drei.

»Na ja, wenigstens habe ich ihre Identität festgestellt. Dieser Blessington ist, wie ich schon vermutet habe, im Hauptquartier von Scotland Yard bestens bekannt, ebenso wie seine Mörder keine Neulinge für den Yard sind. Ihre Namen sind Biddle, Hayward und Moffat. «

»Die Worthington-Bank-Bande!« rief der Inspektor. »Ganz richtig«, sagte Holmes.

»Dann muß dieser Blessington in Wirklichkeit Sutton gewesen sein. «

»Genau richtig«, sagte Holmes.

»Nun, dann ist ja alles glasklar«, sagte der Inspektor. Aber Trevelyan und ich schauten einander voller Staunen an und verstanden nichts.

»Sie erinnern sich doch sicherlich an die große Worthington-Bank-Geschichte. Fünf Männer waren beteiligt - diese vier Leute und ein fünfter Mann, Cartwright mit Namen. Tobin, der Wächter, wurde ermordet, aber die Diebe kamen mit siebentausend Pfund davon. Dies war 1875.

Alle fünf wurden sie verhaftet, jedoch die Beweisführung war sehr lückenhaft. Aber Blessington, oder wie er mit richtigem Namen hieß, Sutton, wurde zum Verräter der Bande.

Auf Grund seines Zeugenberichtes wurde Cartwright gehängt. Die anderen bekamen jeder fünfzehn Jahre Zuchthausstrafe. Vor kurzer Zeit wurden sie begnadigt, ein paar Jahre, bevor ihre Zeit eigentlich herum war. Sie machten sich daran, den Verräter zu suchen und den Tod ihres Kameraden zu rächen. Zweimal versuchten sie ihn zu fangen, aber beide Male schlug der Versuch fehl. Beim dritten Mal hat es, wie Sie sehen, geklappt. Gibt es noch etwas, Dr.

Trevelyan, was ich Ihnen erklären müßte?«

»Ich glaube, es ist Ihnen auf Ihre ganz besondere Art gelungen, uns die Tatbestände und Hintergründe zu erklären«, sagte der Doktor. »Kein Zweifel, an jenem Tag, als er so verstört war, da hatte er in der Zeitung von der Entlassung seiner alten Kumpel gelesen.«

»Richtig, sein ganzes Gerede von Einbrüchen war nur, um Sie abzulenken.«

»Aber warum konnte er Ihnen nicht die Wahrheit sagen?« »Mein lieber Sir, er kannte den Charakter seiner alten Gesellen und wollte seine wahre Identität so lange wie möglich verbergen.

Er hatte ein beschämendes Geheimnis zu verbergen. Verstehen Sie, er konnte es nicht über sich bringen, darüber zu reden. Immerhin, er war zwar ein Galgenvogel, aber er lebte doch immerhin im Rahmen des britischen Gesetzes. Ich bezweifle nicht, Inspektor, daß, wenn auch der Schild versagt, der beschützen sollte, das Schwert der Gerechtigkeit immer noch strafen kann.«

So also stand es mit dem ehemaligen Hauspatienten des Dr. Trevelyan aus der Brook Street.

Allerdings sah und hörte Scotland Yard von den drei Mördern nichts mehr. In Polizeikreisen wird angenommen, daß sie unter den Passagieren des vom Schicksal geschlagenen Schiffes >Norah Creina< waren, das mit Mann und Maus vor der portugiesischen Küste, einige Meilen nördlich von Oporto, unterging. Das Gerichtsverfahren gegen den Pagen wurde aus Mangel an Beweisen fallengelassen. Auch das Brook-Street-Geheimnis, wie es später genannt wurde, ist noch nie in Form eines gedruckten Berichtes an die Öffentlichkeit weitergegeben worden.

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