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Raskolnikow ging ihm nach.

»Was soll das bedeuten?!« rief Swidrigailow, sich umwendend. »Ich hab Ihnen doch, glaube ich, gesagt ...«

»Das bedeutet, daß ich Sie jetzt nicht mehr loslasse.«

»Wa-as?«

Beide blieben stehen und sahen einander eine Minute lang an, als wollten sie sich messen.

»Aus allen Ihren halbbetrunkenen Erzählungen«, sagte Raskolnikow schroff, »habe ich positiv erfahren, daß Sie Ihre gemeinen Absichten gegen meine Schwester nicht nur nicht aufgegeben haben, sondern mit ihnen mehr als je beschäftigt sind. Mir ist es bekannt, daß meine Schwester heute früh irgendeinen Brief bekommen hat. Sie konnten die ganze Zeit nicht ruhig sitzen ... allerdings konnten Sie unterwegs irgendeine Braut aufgegabelt haben, aber das hat nichts zu sagen. Ich möchte mich persönlich überzeugen ...«

Raskolnikow hätte wohl kaum angeben können, was er jetzt vorhatte und wovon er sich persönlich überzeugen wollte.

»So! Wollen Sie, daß ich sofort die Polizei rufe?«

»Ruf nur!«

Sie standen wieder eine Minute einander gegenüber. Swidrigailows Gesicht veränderte sich plötzlich. Als er sich überzeugt hatte, daß Raskolnikow vor seiner Drohung nicht erschrak, nahm er plötzlich eine sehr heitere und freundschaftliche Miene an.

»Was sind Sie für ein Mensch! Ich hatte absichtlich mit Ihnen kein Wort von Ihrer Sache gesprochen, obwohl mich selbstverständlich die Neugierde plagt. Es ist ja eine ganz phantastische Sache. Ich hatte es auf ein anderes Mal verschoben, aber Sie können auch einen Toten reizen ... Gut, kommen Sie mit, ich sage Ihnen aber im voraus: Ich gehe jetzt bloß auf einen Sprung nach Hause, um Geld zu holen; dann sperre ich meine Wohnung ab, miete mir eine Droschke und fahre für den ganzen Abend auf die Inseln hinaus. Sie werden doch nicht mitkommen.«

»Ich aber gehe in die Wohnung mit, doch nicht zu Ihnen, sondern zu Ssofja Ssemjonowna, um mich zu entschuldigen, daß ich nicht bei der Beerdigung war.«

»Wie Sie wünschen, Ssofja Ssemjonowna ist jetzt aber nicht zu Hause. Sie ist mit allen Kindern zu einer Dame gegangen, zu einer vornehmen alten Dame, einer früheren alten Bekannten von mir, die Vorsteherin von Waisenanstalten ist. Ich bezauberte diese Dame, indem ich für alle drei Kinder Katerina Iwanownas Geld einzahlte und außerdem noch einen Betrag für die Anstalten spendete. Zuletzt erzählte ich die ganze Geschichte Ssofja Ssemjonownas, sogar mit allen Einzelheiten, ohne etwas zu verschweigen. Der Effekt war unbeschreiblich. Darum wurde Ssofja Ssemjonowna für heute ins Hotel bestellt, wo sich meine Dame, die von der Sommerfrische kommt, vorübergehend aufhält.«

»Macht nichts, ich werde doch zu ihr hinaufgehen.«

»Wie Sie wollen, wir sind aber doch keine Weggenossen! Nun, gleich sind wir da. Sagen Sie, ich bin überzeugt, daß Sie mich darum so argwöhnisch ansehen, weil ich bisher selbst so diskret war und Sie mit meinen Fragen nicht behelligte ... Sie verstehen doch? Das kam Ihnen ungewöhnlich vor; ich wette, daß es so ist! Nun, da soll man noch diskret sein!«

»Und an der Türe horchen!«

»Ah, Sie meinen das!« sagte Swidrigailow lachend. »Ja, ich müßte mich wundern, wenn Sie nach alledem diese Bemerkung nicht gemacht hätten. Ha-ha! Ich habe zwar manches davon verstanden, was Sie damals ... dort ... angestellt und Ssofja Ssemjonowna selbst erzählt haben, aber was ist das eigentlich? Ich bin vielleicht ein sehr zurückgebliebener Mensch und kann nichts mehr verstehen. Erklären Sie es mir um Gotteswillen, mein Liebster! Erleuchten Sie mich mit Ihren allerneuesten Prinzipien.«

»Sie können gar nichts gehört haben, Sie lügen!«

»Aber ich meine gar nicht das (obwohl ich wirklich manches gehört habe), nein, ich meine nur das, daß Sie fortwährend stöhnen und seufzen. Der Schiller in Ihnen wird jeden Augenblick verlegen. Und jetzt erklären Sie auch noch, man dürfe nicht an fremden Türen horchen. Wenn dem so ist, so gehen Sie hin und sagen Sie den Behörden, daß mit Ihnen so ein Zufall passiert ist: In der Theorie ist ein kleiner Fehler unterlaufen. Wenn Sie aber überzeugt sind, daß man an fremden Türen nicht horchen darf, aber das Recht hat, alte Weiber zu seinem eigenen Vergnügen mit beliebigen Gegenständen zu erschlagen, so fahren Sie doch schnell irgendwohin nach Amerika! Fliehen Sie, junger Mann! Vielleicht ist noch Zeit. Ich spreche jetzt aufrichtig. Haben Sie vielleicht kein Geld? Ich will Ihnen welches für die Reise geben.«

»Ich denke gar nicht daran«, unterbrach ihn Raskolnikow angeekelt.

»Ich verstehe (machen Sie sich übrigens keine Mühe: Wenn Sie nicht wollen, so brauchen Sie nicht viel zu sprechen); ich verstehe, was für Fragen Sie jetzt beschäftigen: Vielleicht moralische? Die Fragen des Bürgers und Menschen? Lassen Sie sie lieber beiseite; was brauchen Sie jetzt diese Fragen? He-he! Weil Sie noch immer Bürger und Mensch sind? Wenn Sie es sind, so hätten Sie sich auch nicht hineinmischen sollen; Sie hätten nicht eine Sache unternehmen sollen, der Sie nicht gewachsen sind. Nun, erschießen Sie sich; oder haben Sie keine Lust dazu?«

»Mir scheint, Sie wollen mich jetzt absichtlich reizen, damit ich Sie gehen lasse ...«

»Was sind Sie für ein Kauz! Nun sind wir aber schon da, gehen Sie, bitte, die Treppe hinauf. Sehen Sie, hier ist der Eingang zu Ssofja Ssemjonowna. Sie sehen doch, es ist niemand da! Sie glauben es nicht? Fragen Sie dann die Kapernaumows; ihnen pflegt sie ihren Schlüssel abzugeben. Da ist auch Madame de Kapernaumow selbst. Was? (Sie ist ein wenig taub.) Ist sie fort? Wohin? Nun, haben Sie es gehört? Sie ist nicht zu Hause und kommt vielleicht erst spät am Abend heim. Nun, kommen Sie jetzt zu mir. Sie wollten doch auch zu mir? So, jetzt sind Sie bei mir. Madame Rößlich ist nicht zu Hause. Diese Dame ist ewig beschäftigt, aber ich versichere Ihnen, sie ist eine gute Frau, vielleicht könnte sie auch Ihnen nützlich sein, wenn Sie vernünftiger wären. Nun, sehen Sie, hier nehme ich aus dem Schreibtisch dieses fünfprozentige Staatspapier (sehen Sie, wieviel ich davon noch habe!), dieses aber wird heute noch umgewechselt. Nun, haben Sie es gesehen? Jetzt habe ich keine Zeit mehr zu verlieren. Der Schreibtisch wird abgeschlossen, die Wohnung wird abgeschlossen, und wir sind wieder auf der Treppe. Nun, wollen Sie, daß ich eine Droschke miete? Ich fahre ja auf die Inseln hinaus. Wollen Sie nicht mitkommen? Ich nehme diesen Wagen zur Jelagin-Insel; was? Sie weigern sich? Sie halten es nicht mehr aus? Wollen wir doch etwas spazieren fahren, macht nichts. Ich glaube, ein Regen zieht auf, macht nichts, wir stellen das Verdeck auf ...«

Swidrigailow saß schon im Wagen. Raskolnikow sagte sich, daß sein Verdacht wenigstens in diesem Augenblick unbegründet sei. Ohne ein Wort zu antworten, drehte er sich um und ging zurück in der Richtung zum Heumarkt. Hätte er sich unterwegs auch nur einmal umgewandt, so würde er gesehen haben, daß Swidrigailow, nachdem er kaum mehr als hundert Schritte gefahren war, den Kutscher bezahlte und wieder aufs Trottoir trat. Er konnte aber nichts mehr sehen und war um die Ecke gebogen. Ein tiefer Ekel trieb ihn von Swidrigailow fort. »Wie konnte ich nur, auch nur einen Augenblick, etwas von diesem rohen Bösewicht, von diesem Wollüstling und Schurken erwarten!« rief er unwillkürlich aus. Raskolnikow hatte dieses Urteil allerdings allzu voreilig und leichtsinnig gefällt. Im ganzen Gebaren Swidrigailows lag etwas, was ihm wenigstens eine gewisse Originalität, wenn nicht etwas Geheimnisvolles verlieh. Was aber seine Schwester betraf, so war Raskolnikow dennoch fest überzeugt, daß Swidrigailow sie nicht in Ruhe lassen würde. Aber es war ihm schon allzu schwer und unerträglich, an all das zu denken!

Seiner Gewohnheit gemäß war er schon nach den ersten zwanzig Schritten, als er allein geblieben war, in tiefe Nachdenklichkeit versunken. Er ging auf die Brücke, blieb am Geländer stehen und begann in das Wasser zu starren. Indessen stand hinter ihm Awdotja Romanowna.

Er war ihr am Anfange der Brücke begegnet, war aber an ihr vorbeigegangen, ohne sie bemerkt zu haben. Dunjetschka hatte ihn noch nie in dieser Verfassung auf der Straße gesehen und war beinahe erschrocken. Sie blieb stehen und wußte nicht, ob sie ihn anrufen solle oder nicht? Plötzlich sah sie Swidrigailow, der sich schnell vom Heumarkt her näherte.

Jener schien aber geheimnisvoll und vorsichtig näher zu kommen. Er ging nicht auf die Brücke, sondern blieb abseits auf dem Trottoir stehen, wobei er sich die größte Mühe gab, von Raskolnikow nicht gesehen zu werden. Dunja hatte er schon längst bemerkt und machte ihr Zeichen. Ihr schien es, daß er sie mit seinen Zeichen bat, den Bruder nicht anzurufen und in Ruhe zu lassen, und sie zu sich heranwinkte.

Dunja tat auch so. Sie ging leise um den Bruder herum und näherte sich Swidrigailow.

»Gehen wir schneller«, flüsterte ihr Swidrigailow zu. »Ich möchte nicht, daß Rodion Romanowitsch von unserer Zusammenkunft erfährt. Ich sage Ihnen gleich, daß ich soeben mit ihm hier in der Nähe in einer Wirtschaft gesessen habe, wo er mich selbst aufgesucht hatte, und ich wurde ihn nur mit Mühe los. Er weiß irgendwie von meinem Briefe an Sie und hat einen Verdacht. Sie haben es ihm natürlich nicht erzählt? Und wenn Sie es nicht waren, wer dann?«

»Nun sind wir schon um die Ecke gekommen,« unterbrach ihn Dunja, »mein Bruder wird uns nicht mehr sehen. Ich erkläre Ihnen, daß ich mit Ihnen nicht weiter gehen will. Sagen Sie mir alles hier; Sie können ja alles auf der Straße sagen.«

»Erstens kann man das alles unmöglich auf der Straße sagen; zweitens müssen Sie auch Ssofja Ssemjonowna anhören; drittens werde ich Ihnen einige Dokumente zeigen ... Und schließlich, wenn Sie sich weigern, zu mir zu kommen, verzichte ich auf alle Erklärungen und gehe sofort weg. Dabei bitte ich Sie nicht zu vergessen, daß ein außerordentlich interessantes Geheimnis Ihres geliebten Bruders sich vollkommen in meinen Händen befindet.«

Dunja blieb unentschlossen stehen und blickte Swidrigailow durchdringend an.

»Was fürchten Sie?« versetzte er ruhig. »Die Stadt ist doch kein Dorf. Und im Dorfe haben Sie mir mehr Schaden zugefügt als ich Ihnen; hier aber ...«

»Ist Ssofja Ssemjonowna vorbereitet?«

»Nein, ich habe ihr kein Wort gesagt und bin auch nicht ganz sicher, ob sie zu Hause ist. Übrigens ist sie wahrscheinlich zu Hause. Sie hat heute ihre Verwandte beerdigt – das ist kein Tag, um Besuche zu machen. Vorläufig will ich mit niemand davon reden und bereue sogar teilweise, daß ich es Ihnen mitgeteilt habe. Die geringste Unvorsichtigkeit kommt in diesem Falle einer Denunziation gleich. Ich wohne hier in diesem Hause, nun sind wir gleich da. Das ist der Hausknecht von meinem Hause; der Hausknecht kennt mich sehr gut; da grüßt er mich; er sieht, daß ich mit einer Dame gehe, und hat sich schon natürlich ihr Gesicht gemerkt; daß kann Ihnen aber von Nutzen sein, wenn Sie sich sehr fürchten und mir nicht trauen. Entschuldigen Sie, daß ich so offen spreche. Ich selbst wohne in Aftermiete. Ssofja Ssemjonowna wohnt neben mir Wand an Wand, auch in Aftermiete. Das ganze Stockwerk ist voller Mieter. Was fürchten Sie denn wie ein Kind? Oder komme ich Ihnen so schrecklich vor?«

Swidrigailows Gesicht verzerrte sich zu einem herablassenden Lächeln; aber er wollte gar nicht lächeln. Sein Herz klopfte, und sein Atem stockte. Er sprach absichtlich laut, um seine immer anwachsende Erregung zu verbergen; aber Dunja hatte diese eigentümliche Erregung gar nicht bemerkt; die Frage, ob sie ihn wie ein Kind fürchte und ob er ihr so schrecklich sei, hatte sie zu sehr gereizt.

»Ich weiß zwar, daß Sie ein Mensch ... ohne Ehre sind, aber ich fürchte Sie nicht im geringsten. Gehen Sie voraus«, sagte sie mit scheinbarer Ruhe, aber ihr Gesicht war sehr blaß.

Swidrigailow blieb vor Ssonjas Wohnung stehen.

»Erlauben Sie, daß ich mich erkundige, ob sie zu Hause ist ... Nein, sie ist nicht da, dieses Pech! Aber ich weiß, daß sie sehr bald kommen kann. Wenn sie ausgegangen ist, so doch nur zu einer Dame wegen der Waisen, deren Mutter gestorben ist. Ich habe mich hineingemischt und manches besorgt. Wenn Ssofja Ssemjonowna nach zehn Minuten noch nicht zurück ist, so schicke ich sie selbst zu Ihnen; wenn Sie wollen, heute noch. Nun, hier ist meine Wohnung, da sind meine beiden Zimmer. Hinter der Tür wohnt meine Wirtin, Frau Rößlich. Nun schauen Sie her, ich will Ihnen meine Hauptdokumente zeigen: diese Tür führt aus meinem Schlafzimmer in zwei vollkommen leere Zimmer, die zu vermieten sind. Hier sind sie ... das müssen Sie sich etwas aufmerksamer ansehen ...«

Swidrigailow bewohnte zwei recht geräumige möblierte Zimmer. Dunjetschka sah sich mißtrauisch um, merkte aber weder in der Ausstattung, noch in der Lage der Zimmer etwas Besonderes, obwohl ihr einiges doch hätte auffallen müssen; zum Beispiel, daß Swidrigailows Wohnung zwischen zwei anderen leeren Wohnungen lag. Der Eingang zu ihm war nicht direkt vom Korridor aus, sondern durch zwei Zimmer der Wirtin, die fast leer waren. Swidrigailow sperrte die verschlossene Tür im Schlafzimmer auf und zeigte Dunja eine leere Wohnung, die gleichfalls zu vermieten war. Dunjetschka blieb an der Schwelle stehen, ohne zu begreifen, warum man sie aufforderte, es zu sehen, aber Swidrigailow beeilte ich, es ihr zu erklären.

»Schauen Sie, bitte, hier hinein, in dieses zweite große Zimmer. Beachten Sie diese Tür, sie ist abgeschlossen. Neben der Tür steht ein Stuhl, der einzige Stuhl in beiden Zimmern. Ich brachte ihn aus meiner Wohnung, um bequemer horchen zu können. Dort, gleich hinter der Tür, steht der Tisch Ssofja Ssemjonownas: dort saß sie und sprach mit Rodion Romanowitsch. Und ich horchte hier, auf diesem Stuhle sitzend, zwei Abende hintereinander, beide. Male je zwei Stunden – und konnte natürlich manches erfahren, – wie glauben Sie?«

»Haben Sie gehorcht?«

»Ja, ich habe gehorcht. Jetzt wollen wir aber zu mir gehen, hier kann man nicht mal sitzen.«

Er führte Awdotja Romanowna in sein erstes Zimmer zurück, das ihm als Empfangszimmer diente, und bot ihr einen Stuhl an. Er selbst setzte sich ans andere Ende des Tisches, mindestens einen Klafter von ihr entfernt, aber in seinen Augen brannte wohl wieder das gleiche Feuer, das Dunjetschka schon einmal er schreckt hatte. Sie fuhr zusammen und sah sich noch einmal argwöhnisch um. Diese Bewegung war unwillkürlich, sie wollte ihren Argwohn offenbar nicht zeigen. Aber die isolierte Lage der Wohnung Swidrigailows fiel ihr doch auf. Sie wollte schon fragen, ob wenigstens seine Wirtin zu Hause sei, fragte aber nicht ... aus Stolz. Zudem war in ihrem Herzen auch noch ein anderer Schmerz, viel größer als die Angst für sich selbst. Die Qual war unerträglich.

»Hier ist Ihr Brief«, begann sie, indem sie denselben auf den Tisch legte. »Ist es denn möglich, was Sie da schreiben? Sie machen Anspielungen auf ein Verbrechen, das mein Bruder verübt haben soll. Die Anspielung ist viel zu deutlich, Sie dürfen jetzt nicht mit Ausflüchten kommen. Nun sage ich Ihnen, daß ich dieses dumme Märchen schon vor Ihnen gehört habe und keinem Wort davon glaube. Es ist ein gemeiner und lächerlicher Verdacht. Ich kenne die Geschichte und weiß, wie und warum man sie erfunden hat. Sie können keinerlei Beweise haben, Sie haben aber versprochen, alles zu beweisen: sprechen Sie doch! Aber ich sage Ihnen gleich, daß ich Ihnen nicht glaube! Ich glaube es nicht!«

Dunjetschka sagte dies, sich überstürzend, mit großer Hast, und das Blut stieg ihr für einen Augenblick in den Kopf.

»Wenn Sie mir nicht glaubten, wäre es dann möglich, daß Sie riskiert hätten, allein zu mir zu kommen? Warum sind Sie dann hergekommen? Aus bloßer Neugier?«

»Quälen Sie mich nicht, sprechen Sie, sprechen Sie!«

»Es ist nicht zu leugnen, daß Sie ein tapferes Mädchen sind. Bei Gott, ich glaubte, Sie würden Herrn Rasumichin bitten, Sie hierher zu begleiten. Aber er war weder mit Ihnen noch in Ihrer Nähe; ich habe mich davon überzeugt. Das ist kühn, folglich wollten Sie Rodion Romanowitsch schonen. Bei Ihnen ist übrigens alles göttlich ... Was aber Ihren Bruder betrifft, – was kann ich Ihnen da sagen? Sie haben ihn doch eben selbst gesehen. Nun, wie sieht er aus?«

»Sie begründen doch alles nicht darauf!«

»Nein, nicht darauf, sondern auf seinen eigenen Worten. Zwei Abende hintereinander hat er hier Ssofja Ssemjonowna besucht. Ich zeigte Ihnen, wo sie gesessen haben. Er hat ihr alles gebeichtet. Er ist der Mörder. Er hat die alte Beamtenwitwe, die Wucherin, ermordet, bei der er auch selbst zu versetzen pflegte; er hat auch ihre Schwester, die Händlerin Lisaweta, ermordet, die zufällig während der Ermordung der Schwester gekommen war. Er hat sie beide mit einem Beil ermordet, das er mitgebracht hatte. Er ermordete die beiden, um sie zu berauben, und hat sie auch beraubt; er hat Geld und noch irgendwelche Gegenstände mitgenommen ... Das alles hat er selbst Wort für Wort Ssofja Ssemjonowna erzählt, die allein das Geheimnis weiß, aber am Morde weder durch Wort noch durch Tat teilgenommen hat; sie hat sich davor vielmehr ebenso entsetzt wie Sie jetzt. Sie können ruhig sein: sie wird ihn nicht verraten.«

»Das kann nicht sein!« stotterte Dunjetschka mit totenblassen Lippen; sie rang um Atem. »Es kann nicht sein, es gibt keine, nicht die geringste Ursache, gar keinen Grund ... Es ist eine Lüge, eine Lüge! ...«

»Er hat geraubt, das ist der ganze Grund. Er hat sich das Geld und die Sachen angeeignet. Allerdings hat er, nach seinem eigenen Geständnis, weder aus dem Geld noch aus den Sachen Nutzen gezogen, sondern hat sie irgendwo unter einem Stein versteckt, wo sie auch heute noch liegen. Aber nur deshalb, weil er nicht wagte, daraus Nutzen zu ziehen.«

»Ist es denn möglich, daß er imstande wäre, zu stehlen, zu rauben? Daß er daran auch nur denken konnte?« rief Dunja und sprang vom Stuhle auf. »Sie kennen ihn doch, Sie haben ihn gesehen? Kann er denn ein Dieb sein?«

Sie flehte Swidrigailow gleichsam an; sie hatte ihre ganze Angst vergessen.

»Es sind darin Tausende, Millionen von Kombinationen und Kategorien möglich, Awdotja Romanowna. Der Dieb stiehlt, dafür weiß er auch selbst, daß er ein Schuft ist; aber ich hörte, daß ein anständiger Mensch die Post beraubt hat; wer kann es wissen, vielleicht glaubt er wirklich, daß er eine brave Tat vollbracht hat! Natürlich würde ich es nicht geglaubt haben, ebensowenig wie Sie, wenn ich es aus zweiter Hand erfahren hätte. Aber meinen eigenen Ohren mußte ich glauben. Er hat Ssofja Ssemjonowna auch alle Gründe erklärt; sie aber glaubte zuerst auch den eigenen Ohren nicht, endlich glaubte sie es den eigenen Augen. Er hat ihr doch alles persönlich mitgeteilt.«

»Was waren es denn für Gründe?«

»Es ist eine lange Geschichte, Awdotja Romanowna. Es ist hier, wie soll ich es Ihnen sagen, eine eigene Theorie dabei, dasselbe, warum ich finde, daß zum Beispiel ein einzelnes Verbrechen erlaubt ist, wenn sein Hauptziel gut ist! Es ist natürlich für einen jungen Mann mit Vorzügen und maßlosem Ehrgeiz auch kränkend, zu wissen, daß, wenn er zum Beispiel nur dreitausend Rubel hätte, seine ganze Karriere, die Zukunft seiner Lebensziele sich anders gestaltet haben würden; aber er hat diese dreitausend Rubel nicht. Fügen Sie hinzu die Reizbarkeit und die Erbitterung infolge des Hungers, der engen Wohnung, der abgerissenen Kleidung, infolge der klaren Einsicht seiner häßlichen sozialen Lage, zugleich aber auch der Lage seiner Mutter und Schwester. Am meisten aber der Ehrgeiz, Stolz und Ehrgeiz – aber Gott weiß, vielleicht hat er dabei auch gute Eigenschaften ... Ich klage ihn ja nicht an, glauben Sie es nur nicht. Es ist auch nicht meine Sache. Er hatte auch eine eigene kleine Theorie, eine gar nicht so üble Theorie, daß die Menschen, sehen Sie, in ›Material‹ und in ›besondere Menschen‹ eingeteilt werden, das heißt in solche, für die, infolge ihrer hohen Stellung, das Gesetz nicht gilt, die vielmehr selbst die Gesetze für die übrigen Menschen, für das Material, für den Kehricht aufstellen. Die Theorie ist gar nicht übel, une théorie comme une autre. Napoleon hat ihn furchtbar begeistert, oder vielmehr die Überzeugung, daß sehr viele geniale Menschen das einzelne Verbrechen nicht als Übel ansahen, sondern sich darüber hinwegsetzten. Ich glaube, er hat sich eingebildet, daß auch er ein genialer Mensch ist, das heißt, er war wohl eine Zeitlang davon überzeugt. Er litt sehr und leidet auch jetzt noch unter dem Gedanken, daß er es fertiggebracht habe, eine Theorie aufzustellen, aber nicht imstande gewesen sei, sich, ohne nachzudenken, darüber hinwegzusetzen, daß er also kein genialer Mensch sei. Und das ist für einen ehrgeizigen jungen Mann erniedrigend, und in unserer Zeit ganz besonders ...«

»Und die Gewissensbisse? Sie sprechen ihm jedes sittliche Gefühl ab? Ist er denn so?«

»Ach, Awdotja Romanowna, jetzt hat sich alles getrübt, das heißt, es war wohl nie in besonderer Ordnung gewesen. Die russischen Menschen sind überhaupt ›breite‹ Menschen, Awdotja Romanowna, so breit wie die Erde, und außerordentlich geneigt zum Phantastischen und Unordentlichen, es ist aber ein Unglück, ›breit‹ zu sein, ohne wirkliche Genialität zu besitzen. Erinnern Sie sich noch, wieviel wir beide in dieser Art und über das gleiche Thema gesprochen haben, so oft wir nach dem Abendessen auf der Gartenterrasse saßen? Sie haben mir damals diese ›Breite‹ vorgeworfen. Wer weiß, vielleicht sagten Sie das gerade in derselben Zeit, als er hier lag und das seinige dachte. Unsere gebildete Gesellschaft hat ja keine besonders heiligen Überlieferungen, Awdotja Romanowna; höchstens stellt sich jemand solche aus Büchern zusammen ... oder konstruiert sie aus alten Chroniken. Das sind aber doch meistenteils Gelehrte und, wissen Sie, in ihrer Art Schlafmützen, so daß es für einen Mann der Gesellschaft sogar unpassend ist. Übrigens sind Ihnen meine Ansichten überhaupt bekannt; ich klage absolut niemand an. Ich selbst bin ein Zärtling und Nichtstuer und halte mich daran. Wir haben ja mehr als einmal darüber gesprochen. Ich hatte sogar das Glück, daß Sie sich für meine Ansichten interessierten ... Sie sind sehr blaß, Awdotja Romanowna!«

»Ich kenne diese seine Theorie. Ich habe seinen Artikel in der Zeitschrift gelesen, über die Menschen, denen alles erlaubt ist ... Rasumichin hat mir den Artikel gebracht.«

»Herr Rasumichin? Einen Artikel Ihres Bruders? In einer Zeitschrift? Es gibt einen solchen Artikel? Ich wußte es gar nicht. Das muß aber interessant sein! Wo wollen Sie denn hin, Awdotja Romanowna?«

»Ich will Ssofja Ssemjonowna sehen«, sagte Dunjetschka mit schwacher Stimme. »Wie komme ich zu ihr? Vielleicht ist sie schon heimgekommen; ich will sie unbedingt sofort sehen, Sie soll ...«

Awdotja Romanowna konnte nicht weitersprechen; ihr Atem stockte buchstäblich.

»Ssofja Ssemjonowna wird vor Anbruch der Nacht nicht heimkommen. So glaube ich wenigstens. Sie mußte sehr bald zurückkommen, und wenn sie noch nicht da ist, wird sie erst sehr spät kommen ...«

»Ah, du lügst also! Ich sehe ... du hast gelogen ... du hast alles gelogen! Ich glaube dir nicht! Ich glaube nicht! Ich glaube nicht!« schrie Dunjetschka, die den Kopf verloren hatte, in einem echten Anfall von Raserei.

Fast ohnmächtig fiel sie auf einen Stuhl, den ihr Swidrigailow eilig hinschob.

»Awdotja Romanowna, was haben Sie, kommen Sie zu sich! Hier ist Wasser! Nehmen Sie einen Schluck.«

Er spritzte sie mit Wasser an. Dunjetschka fuhr zusammen und kam zum Bewußtsein.

»Die Wirkung war zu stark!« murmelte Swidrigailow vor sich hin mit finsterer Miene. »Awdotja Romanowna, beruhigen Sie sich! Vergessen Sie nicht, daß er Freunde hat. Wir wollen ihn retten, wir wollen ihm helfen. Wollen Sie, daß ich ihn ins Ausland bringe? Ich habe Geld, in drei Tagen verschaffe ich einen Paß. Und was den Mord betrifft, so wird er noch so viele gute Werke tun, daß alles vergessen sein wird, beruhigen Sie sich. Er kann auch noch ein großer Mann werden. Nun, was haben Sie? Wie fühlen Sie sich?«

»Böser Mensch! Er spottet auch noch. Lassen Sie mich ...«

»Wohin denn? Wo wollen Sie hin?«

»Zu ihm. Wo ist er? Wissen Sie das? Warum ist diese Tür verschlossen? Wir sind durch diese Tür hereingekommen, und jetzt ist sie verschlossen. Wann haben Sie Zeit gehabt, sie abzuschließen?«

»Man konnte doch nicht durchs ganze Haus schreien, was wir hier eben sprachen. Ich spotte gar nicht; es ist mir nur zu dumm geworden, diese Sprache zu führen. Wo wollen Sie denn in dieser Verfassung hingehen? Oder wollen Sie ihn verraten? Sie machen ihn noch rasend, und dann wird er sich selbst anzeigen. Vergessen Sie nicht, daß man ihn schon verfolgt, daß man ihm auf der Spur ist. Sie werden ihn nur verraten. Warten Sie: Ich habe ihn eben gesehen und gesprochen; man kann ihn noch retten. Warten Sie, setzen Sie sich, wollen wir es uns zusammen überlegen. Darum habe ich Sie auch herbestellt, um alles unter vier Augen zu besprechen und gut zu überlegen. Setzen Sie sich doch!«

»Auf welche Weise können Sie ihn retten? Kann man ihn denn retten?«

Dunja setzte sich. Swidrigailow nahm an ihrer Seite Platz.

»Das alles hängt von Ihnen ab, von Ihnen allein«, begann er mit funkelnden Augen, fast flüsternd, stotternd und manche Worte nicht zu Ende sprechend.

Dunja wich erschrocken vor ihm zurück. Auch er zitterte am ganzen Leibe.

»Sie ... ein einziges Wort von Ihnen, und er ist gerettet; ich ... ich werde ihn retten. Ich habe Geld und Freunde. Ich will ihn sofort fortschicken, ich werde selbst einen Paß besorgen, zwei Pässe. Einen für ihn und einen für mich. Ich habe Freunde, ich kenne Geschäftsleute ... Wollen Sie? Ich nehme auch für Sie einen Paß ... für Ihre Mutter ... was brauchen Sie Rasumichin! Ich liebe Sie ebenso ... Ich liebe Sie grenzenlos. Lassen Sie mich den Saum Ihres Kleides küssen, lassen Sie mich! Lassen Sie mich! Ich kann nicht hören, wie es raschelt. Sagen Sie zu mir: Tue das – und ich werde es tun! Ich werde alles tun. Ich werde das Unmögliche tun. Woran Sie glauben, werde auch ich glauben. Ich will alles, alles tun! Sehen Sie mich nicht so an, nein, nicht so! Wissen Sie auch, daß Sie mich morden? ...«

Er fing sogar an, irre zu reden. Mit ihm war plötzlich etwas geschehen, als wäre ihm etwas zu Kopf gestiegen. Dunja sprang auf und stürzte zur Tür.

»Öffnet! Öffnet!« schrie sie, um jemand herbeizurufen, und rüttelte die Tür mit den Händen. »Öffnet doch! Ist denn niemand da?!«

Swidrigailow stand auf und kam zur Besinnung. Ein böses und spöttisches Lächeln zeigte sich langsam auf seinen noch zitternden Lippen.

»Dort ist niemand zu Hause«, sagte er langsam, jedes Wort betonend. »Die Wirtin ist fort, und es ist vergebliche Mühe, so zu schreien. Sie regen sich bloß unnütz auf.«

»Wo ist der Schlüssel? Öffne sofort die Tür, sofort, du gemeiner Mensch!«

»Ich habe den Schlüssel verloren und kann ihn nicht finden.«

»Ah! Also ist es eine Vergewaltigung!« schrie Dunja auf. Totenblaß stürzte sie in eine Ecke, wo sie sich schleunigst mit einem Tischchen schützte, das zufällig in der Nähe stand.

Sie schrie nicht; aber sie bohrte ihren Blick in ihren Peiniger und verfolgte scharf jede seiner Bewegungen. Auch Swidrigailow rührte sich nicht vom Fleck und stand ihr gegenüber am andern Ende des Zimmers. Er hatte sogar die Herrschaft über sich wiedererlangt, wenigstens äußerlich. Aber sein Gesicht war so bleich wie früher. Das spöttische Lächeln wich nicht von seinen Lippen.

»Sie sprachen eben von ›Vergewaltigung‹, Awdotja Romanowna. Wenn es eine Vergewaltigung ist, so können Sie sich denken, daß ich die nötigen Maßnahmen ergriffen habe. Ssofja Ssemjonowna ist nicht zu Hause, zu den Kapernaumows ist es weit: Fünf verschlossene Zimmer liegen dazwischen. Schließlich bin ich mindestens zweimal so stark als Sie; außerdem habe ich nichts zu befürchten, denn Sie dürfen sich auch nachher nicht beklagen: Sie werden doch Ihren Bruder nicht verraten wollen? Auch wird es Ihnen niemand glauben: Warum ist ein junges Mädchen allein zu einem alleinstehenden Herrn in die Wohnung gekommen? Also selbst wenn Sie Ihren Bruder opfern, beweisen Sie nichts: Eine Vergewaltigung läßt sich sehr schwer nachweisen, Awdotja Romanowna!«

»Schuft!« flüsterte Dunja entrüstet.

»Wie Sie wollen, aber beachten Sie, bitte, daß ich es nur als bloße Annahme ausgesprochen habe. Nach meiner persönlichen Meinung haben Sie vollkommen recht: Vergewaltigung ist eine Gemeinheit. Ich sagte es nur, damit auf Ihrem Gewissen nicht die geringste Last bleibt, selbst wenn ... selbst wenn Sie sich entschließen, Ihren Bruder freiwillig zu retten, so wie ich es Ihnen vorschlage. Dann haben Sie sich bloß den Umständen gefügt, nun, meinetwegen der Gewalt, wenn Sie sich ohne dieses Wort nicht behelfen können. Denken Sie doch daran: das Schicksal Ihres Bruders und Ihrer Mutter ist in Ihrer Hand. Ich aber werde Ihr Sklave sein mein Leben lang ... hier will ich auf Sie warten ...«

Swidrigailow setzte sich aufs Sofa, acht Schritte von Dunja entfernt. Sie zweifelte nicht mehr an der Unerschütterlichkeit seines Entschlusses. Außerdem kannte sie ihn ja.

Plötzlich holte sie aus der Tasche einen Revolver, spannte den Hahn und stützte die Hand mit dem Revolver auf das Tischchen. Swidrigailow sprang von seinem Platze auf.

»Aha! So ist die Sache!« rief er erstaunt, doch mit einem gehässigen Lächeln. »Das ändert vollkommen den Gang der Ereignisse! Sie erleichtern mir selbst die Sache ganz außerordentlich, Awdotja Romanowna! Wo haben Sie nur den Revolver her? Vielleicht von Herrn Rasumichin? Bah! der Revolver ist doch von mir! Ein alter Bekannter! Und ich habe ihn damals so gesucht! ... Der ländliche Schießunterricht, den ich Ihnen zu erteilen die Ehre hatte, ist also doch nicht unnütz gewesen!«

»Es ist nicht dein Revolver, er gehörte Marfa Petrowna, die du ermordet hast, Bösewicht! In ihrem Hause gehörte dir nichts! Ich nahm ihn mir, als ich zu ahnen begann, wozu du fähig bist. Untersteh dich nur, einen Schritt zu machen, und ich schwöre, daß ich dich töten werde!«

Dunja war ganz außer sich. Sie hielt den Revolver schußbereit.

»Nun, und der Bruder? Ich frage aus bloßer Neugier!« fragte Swidrigailow, noch immer am gleichen Fleck stehend.

»Zeig ihn an, wenn du willst! Nicht von der Stelle! Rühr dich nicht! Ich werde schießen! Du hast deine Frau vergiftet, ich weiß, daß du selbst ein Mörder bist! ...«

»Sind Sie denn fest davon überzeugt, daß ich Marfa Petrowna vergiftet habe?«

»Ja, du! Du hast es mir selbst angedeutet; du hast von Gift gesprochen ... Ich weiß, du bist einmal eigens dazu verreist, um dir Gift zu besorgen ... Du hattest alles vorbereitet ... Das warst du ... Das warst du ganz gewiß ... Schuft!«

»Wenn das auch wahr wäre, so hätte ich es doch nur deinetwegen getan ... du wärest immerhin die Ursache.«

»Du lügst! Ich habe dich immer, immer gehaßt ...«

»Aha, Awdotja Romanowna! Sie haben offenbar vergessen, wie Sie sich im Eifer der Propaganda schon beinahe vergeben hatten und ganz weich geworden waren ... Ich sah es Ihren Äuglein an; erinnern Sie sich noch, abends beim Mondschein, als die Nachtigall schmetterte? ...«

»Du lügst! (Dunjas Augen funkelten vor Wut.) Du lügst, Verleumder!«

»Ich lüge? Gut, mag sein. Ich habe gelogen. Frauen soll man an solche Dinge nicht erinnern. (Er lächelte.) Ich weiß, daß du schießen wirst, du niedliches Tierchen! Nun, schieß doch!«

Dunja hob den Revolver und sah ihn totenblaß, mit erbleichter, zitternder Unterlippe und wie Feuer leuchtenden großen schwarzen Augen an; sie war entschlossen und wartete nur die erste Bewegung von ihm ab. Noch nie hatte er sie so schön gesehen. Das Feuer, das in ihren Augen in dem Augenblick aufleuchtete, als sie den Revolver hob, versengte ihn, und sein Herz krampfte sich zusammen. Er trat einen Schritt vor, und da krachte schon ein Schuß. Die Kugel streifte seine Haare und schlug gegen die Wand hinter ihm. Er blieb stehen und fing leise zu lachen an.

»Die Wespe hat mich gestochen! Sie zielte gerade auf den Kopf ... Was ist das? Blut?«

Er nahm ein Tuch aus der Tasche, um das Blut abzuwischen, das in feinem Strome seine rechte Schläfe hinunterrieselte; die Kugel hatte wohl ganz leicht die Kopfhaut gestreift. Dunja ließ den Revolver sinken und sah Swidrigailow halb erschrocken, halb verblüfft an. Sie schien selbst nicht mehr zu begreifen, was sie tat und was da geschah.

»Nun, ein Fehlschuß! Schießen Sie noch einmal, ich will warten«, sagte Swidrigailow leise, noch immer lächelnd, aber sein Lächeln war jetzt finster. »So kann ich Sie packen, noch ehe Sie den Hahn gespannt haben!«

Dunjetschka fuhr zusammen, spannte schnell den Hahn und hob wieder den Revolver.

»Lassen Sie mich!« sagte sie verzweifelnd. »Ich schwöre Ihnen, ich werde wieder schießen ... Ich werde ... töten ...«

»Nun, warum auch nicht ... auf drei Schritte Distanz ist es schwer, nicht zu töten. Nun, und wenn Sie mich nicht töten ... dann ...«

Seine Augen funkelten, er kam zwei Schritte näher.

Dunjetschka drückte ab, – der Revolver versagte!

»Sie haben nicht sorgfältig genug geladen. Macht nichts! Sie haben noch ein Zündhütchen. Bringen Sie es in Ordnung, ich will warten.«

Er stand zwei Schritte vor ihr, wartete und sah sie mit wilder Entschlossenheit, mit einem glühend leidenschaftlichen, schweren Blicke an. Dunja begriff, daß er eher sterben als sie loslassen würde. – Jetzt wird sie ihn sicher töten – auf zwei Schritte Distanz! –

Plötzlich warf sie den Revolver weg.

»Weggeworfen!« sagte Swidrigailow erstaunt und holte tief Atem.

Eine Last fiel ihm plötzlich vom Herzen; vielleicht war es auch nicht die bedrückende Todesangst allein; in diesem Augenblick empfand er wohl kaum etwas. Es war die Erlösung von einem anderen, viel schmerzvolleren und finsteren Gefühl, das er in seiner ganzen Kraft wohl auch selbst nicht hätte bestimmen können.

Er ging auf Dunja zu und nahm sie leicht mit der Hand um die Taille. Sie widersetzte sich ihm nicht, zitterte aber am ganzen Leibe wie ein Espenblatt und sah ihn mit flehenden Augen an. Er wollte ihr etwas sagen, aber seine Lippen verzogen sich nur, und er konnte keinen Ton hervorbringen.

»Laß mich!« sagte Dunja flehend.

Swidrigailow fuhr zusammen: dieses »du« klang schon ganz anders als das von vorhin.

»Du liebst mich also nicht?« fragte er leise.

Dunja schüttelte verneinend den Kopf.

»Und ... kannst nicht? ... Niemals?« flüsterte er voll Verzweiflung.

»Niemals!« flüsterte Dunja.

Es verging ein Augenblick eines schrecklichen stummen Kampfes in Swidrigailows Seele. Mit einem unaussprechlichen Blicke sah er sie an. Plötzlich zog er seine Hand zurück, wandte sich weg, trat schnell ans Fenster und blieb vor ihr stehen.

Es verging noch ein Augenblick.

»Hier ist der Schlüssel! (Er holte ihn aus der linken Manteltasche und legte ihn hinter sich auf den Tisch, ohne sich umzuwenden und ohne Dunja anzusehen.) – Nehmen Sie ihn und gehen Sie schnell fort! ...«

Er starrte unverwandt zum Fenster hinaus.

Dunja trat an den Tisch, um den Schlüssel zu nehmen.

»Schneller! Schneller!« wiederholte Swidrigailow, immer noch ohne sich zu rühren und umzudrehen.

Aber in diesem »Schneller« lag wohl ein schrecklicher Ton.

Dunja verstand diesen Ton, ergriff den Schlüssel, eilte zur Tür, schloß sie schnell auf und stürzte aus dem Zimmer. Nach einer Minute war sie wie wahnsinnig, halb bewußtlos zum Kanal gekommen und lief in der Richtung zur *schen Brücke.

Swidrigailow blieb noch an die drei Minuten am Fenster stehen, endlich wandte er sich langsam um, blickte um sich und fuhr sich leise mit der Hand über die Stirn. Ein eigentümliches Lächeln verzerrte sein Gesicht; ein trauriges, klägliches, schwaches Lächeln, das Lächeln der Verzweiflung. Das Blut, das schon eintrocknete, hatte seine Hand beschmiert; er sah das Blut mit Haß an; dann feuchtete er ein Handtuch an und wusch sich die Schläfe ab. Plötzlich fiel ihm der von Dunja fortgeschleuderte Revolver, der zur Tür geflogen war, in die Augen. Er hob ihn auf und sah ihn sich an. Es war ein kleiner altmodischer Taschenrevolver für drei Schuß; es waren darin noch zwei Kugeln und ein Zündhütchen. Einmal konnte man noch schießen. Er dachte eine Weile nach, steckte sich den Revolver in die Tasche, nahm den Hut und verließ das Zimmer.