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Der Morgen, der auf die für Pjotr Petrowitsch verhängnisvolle Aussprache mit Dunjetschka und Pulcheria Alexandrowna folgte, wirkte auch auf ihn erschütternd. Zu seinem größten Leidwesen war er gezwungen, das, was ihm noch gestern als ein, wenn auch sich tatsächlich abgespielt habendes, doch beinahe phantastisches und unmögliches Ereignis erschienen war, als eine vollzogene und unwiderrufliche Tatsache anzusehen. Die schwarze Schlange der gekränkten Eitelkeit nagte die ganze Nacht an seinem Herzen. Gleich nachdem er aufgestanden war, blickte er in den Spiegel. Er fürchtete, daß ihm in der Nacht die Galle übergelaufen sei. Aber in dieser Hinsicht war vorläufig alles in Ordnung, und nachdem Pjotr Petrowitsch sein edles, weißes, in der letzten Zeit etwas verfettetes Antlitz betrachtet hatte, fand er für einen Augenblick Trost in der vollen Überzeugung, irgendwo eine andere Braut, vielleicht sogar eine bessere, finden zu können; aber er ließ diesen Gedanken sofort fallen und spuckte energisch auf die Seite, wodurch er ein stummes, doch sarkastisches Lächeln bei seinem jungen Freunde und Zimmergenossen Andrej Ssemjonowitsch Lebesjatnikow weckte. Pjotr Petrowitsch bemerkte dieses Lächeln und kreidete es sofort seinem jungen Freunde an. In der letzten Zeit hatte er ihm schon recht viel angekreidet. Seine Wut verdoppelte sich, als er plötzlich einsah, daß er Andrej Ssemjonowitsch eigentlich nichts über seine gestrigen Erfolge hätte mitzuteilen brauchen. Das war der zweite Fehler, den er gestern in der Erregung und Gereiztheit, aus übermäßiger Expansivität begangen hatte. Diesen ganzen Morgen folgte wie absichtlich eine Unannehmlichkeit auf die andere. Selbst im Senat erwartete ihn ein Mißerfolg in einer Sache, um die er sich bemühte. Besonders hatte ihn der Wirt der Wohnung gereizt, die er angesichts der baldigen Heirat gemietet hatte und auf eigene Rechnung instandsetzen ließ. Dieser Wirt, ein reichgewordener deutscher Handwerker, wollte um keinen Preis von dem soeben abgeschlossenen Vertrag zurücktreten und verlangte die Bezahlung der im Vertrage vorgesehenen Entschädigung, obwohl Pjotr Petrowitsch ihm die Wohnung beinahe ganz neu instandgesetzt zurückgab. Ebenso wollte man auch im Möbelgeschäft keinen einzigen Rubel von der Anzahlung für die bereits gekauften, aber noch nicht in die Wohnung geschafften Möbel zurückzahlen.

– Ich werde doch nicht der Möbel wegen heiraten! – sagte sich Pjotr Petrowitsch, mit den Zähnen knirschend; zugleich erwachte in ihm eine neue verzweifelte Hoffnung: – Ist denn alles in der Tat so unwiderruflich verloren und erledigt? Soll ich nicht noch einmal versuchen? – Der Gedanke an Dunjetschka saß ihm wie ein Splitter im Herzen. Mit Qual ertrug er diesen Augenblick, und wenn er jetzt Raskolnikow durch einen bloßen Wunsch hätte töten können, so hätte Pjotr Petrowitsch diesen Wunsch unverzüglich ausgesprochen.

– Es war auch ein Fehler, daß ich ihnen gar kein Geld gab – dachte er, als er nun traurig in das kleine Zimmer Lebesjatnikows zurückkehrte: – Und warum bin ich, zum Teufel, so ein Jude geworden?! Es war sogar gar keine Berechnung dabei! Ich hatte die Absicht, sie in Armut zu halten und sie so weit zu bringen, daß sie mich für ihre Vorsehung halten, sie aber stellen so was an! ... Pfui! ... Nein, hätte ich während dieser ganzen Zeit beispielsweise fünfzehnhundert Rubel für die Mitgift, für Geschenke, für allerlei Schächtelchen, Necessaires, Anhängsel, Stoffe und sonstigen Kram aus dem Geschäft von Knoop oder aus dem Englischen Magazin ausgegeben, so stünde die Sache besser und ... sicherer! Dann hätten sie mir nicht so leicht absagen können! Diese Leute sind doch so, daß sie es unbedingt für ihre Pflicht gehalten hätten, mir im Falle einer Absage die Geschenke und das Geld zurückzugeben; die Rückgabe würde ihnen aber schwer fallen und leid tun! Auch das Gewissen würde ihnen zugesetzt haben: wie kann man bloß einen Menschen davonjagen, der bisher so freigebig und feinfühlend war? ... Hm! Das war ein Fehler von mir! –

Pjotr Petrowitsch knirschte noch einmal mit den Zähnen und nannte sich auf der Stelle einen Dummkopf – natürlich nur bei sich.

Nachdem er zu diesem Schlusse gekommen war, kehrte er noch doppelt so wütend und gereizt nach Hause zurück, als er fortgegangen war. Die Vorbereitungen zum Totenmahl im Zimmer Katerina Iwanownas erregten zum Teil seine Neugier. Von diesem Totenmahl hatte er schon gestern manches gehört; er glaubte sich sogar erinnern zu können, daß man auch ihn eingeladen hatte, aber bei seinen anderen Sorgen hatte er das alles überhört. Er erkundigte sich schnell bei der Frau Lippewechsel, die in Abwesenheit Katerina Iwanownas (die auf dem Friedhof war) das Tischdecken besorgte, und erfuhr, daß das Totenmahl sehr feierlich sein würde, daß fast alle Mieter, darunter auch solche, die den Verstorbenen gar nicht gekannt hatten, eingeladen seien, daß sogar Andrej Ssemjonowitsch Lebesjatnikow, trotz seines kürzlichen Streites mit Katerina Iwanowna, eingeladen sei, und schließlich, daß auch er selbst, Pjotr Petrowitsch, nicht nur eingeladen sei, sondern als der beinahe vornehmste Gast unter allen Mietern sogar mit großer Ungeduld erwartet werde. Auch Amalia Iwanowna selbst war trotz aller vorgefallenen Unannehmlichkeiten mit großer Ehre eingeladen worden, und darum wirtschaftete und bemühte sie sich jetzt fast mit Genuß: außerdem war sie festlich geputzt, obwohl in Trauer, und hatte lauter neue und seidene Sachen an, worauf sie sehr stolz war. Alle diese Tatsachen und Nachrichten brachten Pjotr Petrowitsch auf einen gewissen Gedanken, und er kehrte etwas nachdenklich in sein, das heißt Andrej Ssemjonowitsch Lebesjatnikows Zimmer zurück. Er hatte nämlich erfahren, daß unter den Eingeladenen sich auch Raskolnikow befand.

Andrej Ssemjonowitsch war diesen ganzen Morgen aus irgendeinem Grunde zu Hause. Zwischen diesem Herrn und Pjotr Petrowitsch hatten sich eigentümliche, übrigens auch natürliche Beziehungen gebildet: Pjotr Petrowitsch verachtete und haßte ihn sogar grenzenlos, fast von dem Tage an, an dem er sich bei ihm einlogiert hatte, empfand vor ihm aber zugleich eine gewisse Angst. Er war bei ihm nach seiner Ankunft in Petersburg nicht bloß aus kleinlicher Sparsamkeit abgestiegen: obwohl dies fast der wichtigste Grund war, hatte er auch noch andere Gründe. Schon in der Provinz hatte er über Andrej Ssemjonowitsch, seinen früheren Mündel, als über einen der hervorragendsten jungen Progressisten gehört, der sogar eine bedeutende Rolle in gewissen interessanten und legendären Kreisen spiele. Dies überraschte Pjotr Petrowitsch. Alle diese mächtigen, allwissenden, alles verachtenden und alles entlarvenden Kreise flößten Pjotr Petrowitsch schon längst eine eigentümliche, wenn auch unbestimmte Angst ein. Er selbst konnte sich, besonders da er in der Provinz lebte, über diese Dinge keinerlei einigermaßen genauen Begriff machen. Er hatte wie die anderen gehört, daß es besonders in Petersburg allerlei Progressisten, Nihilisten, Entlarver und dergleichen gäbe, aber er übertrieb und verdrehte gleich vielen anderen den Sinn und die Bedeutung dieser Benennungen ins Unsinnige. Am meisten fürchtete er seit einigen Jahren Entlarvungen, und dies war der Hauptgrund seiner ständigen, übertriebenen Unruhe, die er besonders bei dem Gedanken, seine Tätigkeit nach Petersburg zu verlegen, empfand. In dieser Beziehung war er sozusagen eingeschüchtert, wie es zuweilen kleine Kinder sind. Vor einigen Jahren, in der Provinz, als er eben seine Karriere begann, erlebte er zwei Fälle, wo die Tätigkeit sehr hochstehender Gouvernementsbeamten, an die er sich bis dahin geklammert hatte und die ihn protegierten, aufs grausamste entlarvt wurde. Der eine Fall endete für den Entlarvten mit einem besonderen Skandal, und auch der zweite hätte beinahe ein recht schlimmes Ende genommen. Aus diesem Grunde hatte sich Pjotr Petrowitsch vorgenommen, gleich nach seiner Ankunft in Petersburg festzustellen, was an den Gerüchten eigentlich sei, und nötigenfalls den Ereignissen zuvorzukommen und sich bei »unserer jungen Generation« einzuschmeicheln. In dieser Beziehung setzte er seine Hoffnungen auf Andrej Ssemjonowitsch und hatte schon gelernt, wie beim Besuche bei Raskolnikow, gewisse, anderen entlehnte Phrasen in vollendeter Form vom Stapel zu lassen ...

Selbstverständlich hatte er in Andrej Ssemjonowitsch sehr bald einen hohlen und einfältigen unbedeutenden Menschen erkannt. Dies hatte aber ihm weder seinen Glauben genommen noch ihn ermutigt. Selbst wenn er die Überzeugung gewonnen hätte, daß alle Progressisten die gleichen Narren seien, auch dann würde er sich nicht beruhigt haben. Für alle die Lehren, Ideen und Systeme (mit denen Andrej Ssemjonowitsch sofort über ihn herfiel) hatte er eigentlich nicht das geringste Interesse. Er hatte sein eigenes Ziel. Er wollte nur so schnell wie möglich feststellen: Was hier eigentlich los sei? Ob diese Menschen einen Einfluß haben oder nicht? Ob Grund zu Befürchtungen vorliege oder nicht? Ob man ihn entlarven werde, wenn er dies oder jenes unternehmen würde, oder nicht? Und wenn man ihn entlarven würde, so, in welcher Beziehung? und was für Dinge dabei besonders kompromittierend seien? Und noch mehr als das: kann man sich nicht irgendwie an sie heranmachen und sie bei dieser Gelegenheit anführen, wenn sie in der Tat irgendeine Macht besitzen? Soll man es, oder soll man es nicht? Ob es nicht ginge, durch ihre Vermittlung etwas in seiner Karriere zu erreichen? Mit einem Wort, er hatte Hunderte von Fragen vor sich.

Dieser Andrej Ssemjonowitsch war ein kachektischer und skrofulöser kleiner Mann, der irgendwo diente, lächerlich blond war und einen Kotelettenbart hatte, auf den er sehr stolz war. Außerdem hatte er immer Augenschmerzen. Er war ziemlich weichherzig, redete aber sehr selbstbewußt, manchmal sogar außerordentlich herausfordernd, was bei seiner kleinen Figur fast immer komisch wirkte. Bei Amalia Iwanowna zählte er zu den angesehensten Mietern, das heißt, er trank nicht und bezahlte die Miete pünktlich. Trotz dieser Eigenschaften war Andrej Ssemjonowitsch wirklich etwas dumm. Am Progreß und an »unserer jungen Generation« hing er aus bloßer Leidenschaft. Er war einer von der großen vielgestaltigen Legion hohler, kraftloser, unfertiger, doch eingebildeter Menschen, die nichts gelernt haben, sich aber an jede gangbare Modeidee hängen, um sie sofort zu banalisieren und alles, was sie in der aufrichtigsten Weise zu fördern glauben, in eine Karikatur zu verwandeln.

Übrigens konnte Lebesjatnikow trotz seiner eigentlich gutmütigen Natur seinen Zimmergenossen und einstigen Vormund Pjotr Petrowitsch wenig leiden. Dieses Verhältnis stellte sich von ungefähr ein und beruhte auf Gegenseitigkeit. Wie einfältig Andrej Ssemjonowitsch auch war, begann er allmählich einzusehen, daß Pjotr Petrowitsch ihn an der Nase herumführte und im geheimen verachtete, daß er »nicht der richtige Mensch« sei. Er versuchte, ihm das System Fouriers und die Theorie Darwins zu entwickeln, aber Pjotr Petrowitsch hörte ihm, besonders in der letzten Zeit, allzu sarkastisch zu, in der allerletzten Zeit schimpfte er sogar auf ihn. Er war nämlich instinktiv dahinter gekommen, daß Lebesjatnikow nicht bloß ein hohler und dummer Mensch, sondern auch ein Lügner war, daß er keinerlei irgendwie bedeutende Verbindungen, selbst in seinem eigenen Kreise, hatte und lauter Gerüchte aus dritter Hand wiedergab; daß er auch seine eigene Sache, die Propaganda vielleicht gar nicht verstand, da er schon gar zu verworren redete, also wohl kaum ein »Entlarvter« sein konnte! Wir wollen nebenbei noch bemerken, daß Pjotr Petrowitsch in diesen anderthalb Wochen (besonders im Anfange) die seltsamsten lobenden Außerungen von Andrej Ssemjonowitsch hinnahm, das heißt, daß er ihm nicht widersprach und schwieg, wenn Andrej Ssemjonowitsch ihm die Absicht zuschrieb, bei der Gründung einer neuen »Kommune« irgendwo in der Mjestschanskaja-Straße behilflich zu sein; oder zum Beispiel Dunjetschka nicht zu stören, wenn es ihr einfiele, gleich im ersten Monat nach der Hochzeit sich einen Geliebten anzuschaffen; oder seine künftigen Kinder nicht taufen zu lassen und dergleichen mehr. Pjotr Petrowitsch hatte, seiner Gewohnheit gemäß, gegen diese ihm zugeschriebenen Eigenschaften nichts einzuwenden, und nahm sogar alle die Lobsprüche hin – so angenehm war ihm jedes Lob.

Pjotr Petrowitsch, der an diesem Morgen zu irgendeinem Zweck einige fünfprozentige Staatspapiere eingewechselt hatte, saß am Tisch und zählte die Banknoten und Schatzscheine nach. Andrej Ssemjonowitsch, der fast nie Geld hatte, ging im Zimmer auf und ab und tat so, als sähe er dieses Geld gleichgültig und sogar mit Verachtung an. Pjotr Petrowitsch konnte zum Beispiel um nichts in der Welt glauben, daß Andrej Ssemjonowitsch tatsächlich imstande sei, so viel Geld gleichgültig anzusehen; Andrej Ssemjonowitsch seinerseits dachte voll Bitterkeit, daß Pjotr Petrowitsch vielleicht wirklich imstande sei, so von ihm zu denken und sich vielleicht sogar über die Gelegenheit freue, seinen jungen Freund mit den aufgestapelten Banknotenpäckchen zu necken und zu reizen, indem er ihn an seine eigene Nichtigkeit und die Distanz zwischen ihnen erinnerte.

Er fand ihn diesmal ungewöhnlich gereizt und unaufmerksam, obwohl Andrej Ssemjonowitsch soeben versucht hatte, ihm sein Lieblingsthema von der Errichtung einer ganz neuen, besonderen »Kommune« zu erklären. Und die kurzen Einwendungen und Bemerkungen, die Pjotr Petrowitsch unter dem Klappern der Beinkugeln des Rechenbretts entschlüpften, atmeten eine ganz offene und absichtlich unhöfliche Verhöhnung. Aber der »humane« Andrej Ssemjonowitsch schrieb diese Stimmung Pjotr Petrowitschs dem Eindrucke des gestrigen Bruches mit Dunjetschka zu und brannte vor Ungeduld, schneller auf dieses Thema zu kommen: darüber hätte er manches Progressive und Propagandistische zu sagen, was seinen verehrten Freund trösten und »zweifellos« von Nutzen für seine weitere Entwicklung sein könnte.

»Was für ein Totenmahl veranstaltet jene ... Witwe?« fragte plötzlich Pjotr Petrowitsch, Andrej Ssemjonowitsch an der interessantesten Stelle unterbrechend.

»Als ob Sie es nicht wüßten! Ich habe ja mit Ihnen gestern darüber gesprochen und meine Gedanken über alle diese Gebräuche entwickelt ... Sie hat auch Sie eingeladen; ich habe es gehört. Sie haben mit ihr gestern selbst gesprochen ...«

»Ich hätte niemals erwartet, daß diese bettelarme Närrin das ganze Geld, das sie vom anderen Narren ... Raskolnikow bekommen hat, für das Totenmahl verschwenden wird. Ich habe mich sogar eben gewundert, als ich vorüberging: was für Vorbereitungen, was für Weine! ... Mehrere Menschen sind eingeladen, es ist weiß der Teufel was!« fuhr Pjotr Petrowitsch fort. Als er sich erkundigte und das Gespräch auf dieses Thema brachte, verfolgte er offenbar ein bestimmtes Ziel. »Was? Sie sagen, daß sie auch mich eingeladen hat?« fügte er plötzlich hinzu und hob den Kopf. »Wann war das? Ich erinnere mich gar nicht. Ich werde übrigens nicht hingehen. Was habe ich dort zu suchen? Ich habe ihr erst gestern im Vorbeigehen gesagt, daß sie, als arme Beamtenwitwe, die Möglichkeit hat, das Jahresgehalt als einmalige Unterstützung zu bekommen. Hat sie mich vielleicht deswegen eingeladen? He-he-he!«

»Auch ich habe nicht die Absicht, hinzugehen«, sagte Lebesjatnikow.

»Das will ich meinen! Nachdem Sie sie eigenhändig verprügelt haben. Sie müssen sich selbstverständlich genieren, he-he!«

»Wer hat verprügelt? Wen?« Lebesjatnikow fuhr auf und errötete sogar.

»Sie haben doch, ich glaube vor einem Monat, Katerina Iwanowna verprügelt! Ich habe es gestern gehört ... So sehen also die Überzeugungen aus! Mit der Frauenfrage hapert es. He-he-he!«

Und Pjotr Petrowitsch fing an, wie getröstet, mit dem Rechenbrett zu klappern.

»Das ist alles Unsinn und Verleumdung!« fuhr Lebesjatnikow auf, der immer fürchtete, an diese Geschichte erinnert zu werden. »Und es war gar nicht so! Es war anders! Sie haben es falsch gehört; es ist Klatsch! Ich habe mich einfach gewehrt. Sie stürzte sich zuerst auf mich mit ihren Krallen ... Den ganzen Backenbart hat sie mir ausgerauft ... Es ist doch hoffentlich einem jeden Menschen erlaubt, seine Persönlichkeit zu verteidigen. Außerdem werde ich es niemand erlauben, mir Gewalt anzutun ... Aus Prinzip. Denn das ist schon fast Despotismus. Was hätte ich denn tun sollen: ruhig vor ihr stehen? Ich stieß sie nur zurück.«

»He-he-he!« höhnte Luschin boshaft weiter.

»Sie sind heute so streitsüchtig, weil Sie selbst erbost sind und sich ärgern ... Das alles ist aber Unsinn und hat mit der Frauenfrage gar nichts zu tun! Sie haben es nicht richtig verstanden; auch ich hatte geglaubt, daß, wenn man annimmt, die Frau sei dem Manne in allen Dingen, selbst in der Körperkraft (was bereits behauptet wird) gleich, auch darin Gleichheit herrschen müsse. Natürlich sagte ich mir nachher, daß es eine solche Frage eigentlich gar nicht geben darf, weil es auch keine Prügeleien geben darf, weil in der zukünftigen Gesellschaft Prügeleien undenkbar sind ... und weil es natürlich sonderbar wäre, die Gleichheit in der Prügelei zu suchen. Ich bin nicht so dumm ... obwohl das Prügeln vorläufig besteht ... das heißt, in Zukunft nicht mehr existieren wird ... aber jetzt noch vorkommt ... pfui Teufel! Wenn man mit Ihnen spricht, wird man ganz konfus! Ich gehe nicht zum Totenmahl, nicht weil es diese Unannehmlichkeit gegeben hat. Ich gehe einfach aus Prinzip nicht hin, um mich nicht an einem so gemeinen, abergläubischen Brauch wie ein Totenmahl zu beteiligen, das ist der Grund! Übrigens hätte ich auch hingehen können, um darüber zu lachen ... Leider werden aber keine Popen dabei sein. Sonst würde ich unbedingt hingehen.«

»Mit anderen Worten, Sie wollen fremdes Brot und Salz essen und gleich darauf spucken, ebenso auf die, die Sie eingeladen haben. Das wollten Sie doch sagen?«

»Durchaus nicht spucken, sondern protestieren. Ich verfolge einen guten Zweck. Ich kann dabei indirekt der Aufklärung und der Propaganda dienen. Jeder Mensch ist verpflichtet, der Aufklärung der anderen durch Propaganda zu dienen, und je schroffer er es tut, um so besser ist es vielleicht. Ich kann den Samen einer Idee in sie ausstreuen ... Aus diesem Samen kann eine Tatsache entstehen. Worin sollte da eine Beleidigung liegen? Zuerst werden sie sich beleidigt fühlen, später aber einsehen, daß ich ihnen nur Nutzen gebracht habe. Da hat man bei uns die Terebjewa beschuldigt (die jetzt in der Kommune ist), daß sie, als sie ihre Familie verließ und ... sich einem Mann hingab, ihren Eltern schrieb, daß sie nicht mehr unter Vorurteilen leben wolle und eine ›bürgerliche‹ Ehe eingehe; man sagte, es sei viel zu grob, seine Eltern so zu behandeln, sie hätte sie schonen und den Brief etwas milder abfassen können. Meiner Ansicht nach ist das alles Unsinn, und man soll gar nicht mild sein, im Gegenteil, gerade hier muß man protestieren. Die Warenz hat zum Beispiel sieben Jahre mit ihrem Manne gelebt, hat dann ihre zwei Kinder verlassen und ihrem Manne in einem Briefe ganz unzweideutig gesagt: ›Ich habe eingesehen, daß ich mit Ihnen nicht glücklich sein kann. Ich werde Ihnen nie verzeihen, daß Sie mich betrogen, indem Sie mir verheimlicht haben, daß es eine andere Gesellschaftsordnung in den Kommunen gibt. Ich habe es vor kurzem von einem großmütigen Mann erfahren, dem ich mich auch hingegeben habe und mit dem ich jetzt eine Kommune gründe. Ich spreche das offen aus, weil ich es für ehrlos halte, Sie zu betrügen. Bleiben Sie, wo Sie wollen. Hoffen Sie nicht, mich wiederzugewinnen; Sie kommen viel zu spät. Ich wünsche Ihnen Glück.‹ So soll man derartige Briefe schreiben!«

»Ist es dieselbe Terebjewa, von der Sie damals erzählten, daß sie in der dritten ›bürgerlichen‹ Ehe lebe?«

»Eigentlich erst in der zweiten! Und wenn es auch die vierte und sogar die fünfzehnte wäre, so macht das doch nichts! Wenn ich jemals bedauerte, daß meine Eltern gestorben sind, so sicher jetzt. Einigemal habe ich schon daran gedacht, wie ich sie mit einem Protest geohrfeigt haben würde, wenn sie noch am Leben wären! Ich hätte es absichtlich so eingerichtet ... Was ist so ein ›verlorener Sohn‹ dagegen, pfui Teufel! Ich hätte es ihnen schon gezeigt. Ich hätte sie in Erstaunen versetzt! Wirklich schade, daß ich niemand mehr habe!«

»Um ihn in Erstaunen zu versetzen? He-he! Nun, ganz wie Sie wünschen«, unterbrach ihn Pjotr Petrowitsch. »Sagen Sie mir aber folgendes: Sie kennen doch diese Tochter des Verstorbenen, die magere Kleine? Ist das wirklich wahr, was man von ihr erzählt, wie?«

»Was ist denn dabei? Meiner persönlichen Überzeugung nach ist es auch der normale Zustand der Frau. Warum auch nicht? Das heißt, distinguons. In der jetzigen Gesellschaft ist es natürlich nicht ganz normal, weil dieser Zustand ein erzwungener ist, aber in der zukünftigen Gesellschaft wird er freiwillig und folglich normal sein. Sie hätte auch jetzt schon das Recht dazu: sie hat gelitten, und das war ihr Fonds, sozusagen ihr Kapital, über das sie mit vollem Rechte verfügen darf. In der zukünftigen Gesellschaft werden solche Fonds natürlich nicht mehr nötig sein; doch ihre Rolle wird in einer anderen Hinsicht bestimmt und logisch und rationell bedingt sein. Was aber Ssofja Ssemjonowna persönlich betrifft, so betrachte ich für meine Person ihre gegenwärtigen Handlungen als einen energischen und personifizierten Protest gegen die Gesellschaftsordnung und habe vor ihr deswegen großen Respekt; ich freue mich sogar, wenn ich sie ansehe!«

»Man hat mir aber erzählt, daß Sie sie aus dieser Wohnung hinausgeekelt haben!«

Lebesjatnikow wurde sogar wütend.

»Das ist auch so eine Klatschgeschichte!« schrie er. »Die Sache war ganz anders! Es war gar nicht so! Katerina Iwanowna hat diese ganze Lügengeschichte erfunden, weil sie nichts verstanden hat! Und ich hatte mich an Ssofja Ssemjonowna gar nicht herangemacht! Ich hatte mich bloß bemüht, sie aufzuklären, durchaus uneigennützig, um in ihr den Protest zu wecken ... Mir war es nur um den Protest zu tun, auch konnte Ssofja Ssemjonowna sowieso nicht mehr in dieser Wohnung bleiben!«

»Sie forderten sie also auf, in eine Kommune einzutreten?«

»Sie machen immer Witze, und zwar schlechte Witze, erlauben Sie mir zu bemerken. Sie verstehen nichts! In der Kommune gibt es solche Rollen nicht. Die Kommune wird ja gerade darum gegründet, damit es solche Rollen nicht gebe. In der Kommune wird diese Rolle ihren jetzigen Charakter verändern, und was hier dumm ist, wird dort klug sein, und was unter den jetzigen Verhältnissen unnatürlich, wird dort durchaus natürlich sein. Alles hängt vom Milieu und von der Umgebung des Menschen ab. Das Milieu ist alles, der Mensch selbst ist nichts. Mit Ssofja Ssemjonowna vertrage ich mich auch jetzt gut, was Ihnen als Beweis dienen kann, daß sie mich nie für ihren Feind und Beleidiger gehalten hat. Ich überrede sie jetzt, in eine Kommune einzutreten, doch auf einer ganz anderen Grundlage! Was lachen Sie darüber? Wir wollen unsere eigene besondere Kommune gründen, doch auf viel breiterer Grundlage als die bisherigen. Wir sind in unseren Überzeugungen weiter gegangen. Wir verneinen mehr! Wenn Dobroljubow aus dem Grabe auferstünde, würde ich mit ihm schon streiten! Den Belinskij würde ich schon ganz unterkriegen! Indessen fahre ich fort, die Aufklärung Ssofja Ssemjonownas zu fördern. Sie ist eine prächtige Natur!«

»Und diese prächtige Natur nutzen Sie auch aus, wie? He-he!«

»Nein, nein! Oh, nein! Im Gegenteil!«

»Sogar im Gegenteil! He-he-he! Das ist gut!«

»Glauben Sie mir doch! Aus welchem Grunde sollte ich es vor Ihnen verheimlichen, ich bitte Sie? Im Gegenteil, es kommt mir selbst merkwürdig vor: mir gegenüber ist sie ganz besonders scheu, keusch und schamhaft!«

»Und Sie klären sie natürlich auf, he-he-he! Sie beweisen ihr, daß jede Schamhaftigkeit Unsinn ist? ...«

»Durchaus nicht! Durchaus nicht! Oh, wie roh, wie dumm sogar – verzeihen Sie mir – fassen Sie das Wort Aufklärung auf! Sie verstehen gar nichts! O mein Gott, wie ... unfertig Sie noch sind! Wir streben nach der Befreiung der Frau, und Sie haben bloß das eine im Sinn ... Indem ich die Frage von der Keuschheit und Schamhaftigkeit der Frau als von Dingen, die an und für sich nutzlos und auf Vorurteilen begründet sind, übergehe, lasse ich ihre Keuschheit im Verkehr mit mir gelten, denn darin liegt doch ihr Wille, ihr ganzes Recht. Natürlich, wenn sie mir selbst sagte: ›Ich will dich haben‹, so würde ich es für ein großes Glück halten, denn das junge Mädchen gefällt mir sehr gut; aber jetzt, jetzt wird sie wohl von niemand höflicher, respektvoller und mit größerer Achtung vor ihrer Würde behandelt als von mir ... ich warte und hoffe, und das ist alles.«

»Schenken Sie ihr doch lieber etwas. Ich wette, daß Sie daran noch gar nicht gedacht haben.«

»Nichts verstehen Sie, gar nichts, das habe ich Ihnen schon gesagt! Ihre Lage ist natürlich derart, aber hier ist auch eine andere Frage! Eine ganz andere! Sie verachten sie einfach. Indem Sie eine Tatsache sehen, die Sie fälschlicherweise für verachtungswürdig halten, versagen Sie einem menschlichen Wesen ein humanes Verhältnis zu ihm. Sie wissen noch nicht, was das für eine Natur ist! Ich ärgere mich nur sehr, daß sie in der letzten Zeit fast ganz aufgehört hat, zu lesen, und sich von mir keine Bücher mehr holt. Früher hat sie es getan. Es ist auch schade, daß sie bei all ihrer Energie und Entschlossenheit zu protestieren – die sie schon einmal bewiesen hat –, noch immer wenig Selbständigkeit und sozusagen Unabhängigkeit besitzt, wenig Verneinungsgeist, um sich von manchen Vorurteilen und ... Dummheiten ganz loszureißen. Obwohl sie manche Fragen sehr gut begreift. So hat sie zum Beispiel ausgezeichnet die Frage vom Handküssen erfaßt, das heißt, daß der Mann die Frau beleidigt, wenn er ihr die Hand küßt, da er damit auf die Ungleichheit der Geschlechter hinweist. Über diese Frage wurde bei uns debattiert, und ich teilte es ihr sofort mit. Auch meine Ausführungen über die Assoziationen der Arbeiter in Frankreich hörte sie mit großem Interesse an. Jetzt erörterte ich vor ihr die Frage vom freien Eintritt in jedes Zimmer in der künftigen Gesellschaft.«

»Was ist denn das?«

»In der letzten Zeit wurde über die Frage debattiert: ob ein Mitglied der Kommune das Recht habe, zu jeder Zeit in das Zimmer eines anderen Mitglieds, ganz gleich, ob eines Mannes oder einer Frau, einzutreten ... und es wurde beschlossen, daß es dieses Recht habe ...«

»Und wenn der oder die Betreffende in diesem Augenblick mit einer natürlichen Verrichtung beschäftigt ist He-he!«

Andrej Ssemjonowitsch wurde fast böse.

»Sie haben immer das eine im Sinn! Sie denken nur an diese verfluchten Verrichtungen!« schrie er gehässig. »Pfui, wie ärgere ich mich, daß ich, als ich Ihnen das System erklärte, so vorzeitig auf diese verfluchten Verrichtungen zu sprechen kam! Zum Teufel! Das ist immer der Stein des Anstoßes für alle Ihresgleichen! Das gemeinste ist, daß Sie darüber lachen, ehe Sie erfahren haben, worum es sich hier handelt. Als hätten Sie recht! Als wären Sie auf etwas stolz! Pfui! Ich habe schon einigemal behauptet, daß man diese ganzen Fragen den Neulingen erst am Schluß vorbringen darf, wenn sie von der Richtigkeit des Systems schon überzeugt sind, wenn der Mensch schon aufgeklärt ist und die richtige Tendenz hat. Sagen Sie mir, bitte, was finden Sie auch Beschämendes und Verachtungswürdiges zum Beispiel an einer Mistgrube? Ich bin als erster bereit, jede beliebige Mistgrube zu reinigen! Es ist auch nicht die geringste Selbstaufopferung dabei! Es ist einfach eine Arbeit, eine edle, für die Gesellschaft nützliche Tätigkeit, die jeder anderen Tätigkeit ebenbürtig ist und natürlich viel höher steht, als beispielsweise die Tätigkeit eines Raffael oder Puschkin, weil sie nützlicher ist.«

»Und edler, edler, he-he-he!«

»Was heißt edler? Ich verstehe solche Ausdrücke als Bewertung menschlicher Tätigkeit nicht. ›Edler‹, ›großmütiger‹ – das alles ist Unsinn, Dummheit, alte Vorurteile, die ich verneine! Alles, was der Menschheit nützlich ist, ist auch edel. Ich verstehe nur das eine Wort: nützlich! Sie können kichern, soviel Sie wollen, aber es ist doch so!«

Pjotr Petrowitsch lachte auf. Er hatte sein Geld schon nachgezählt und steckte es eben ein. Ein Teil davon blieb aber aus unbekannten Gründen noch immer auf dem Tische liegen. Diese »Frage von den Mistgruben« hatte schon einigemal, trotz ihrer ganzen Abgeschmacktheit, Mißverständnisse und Entzweiungen zwischen Pjotr Petrowitsch und seinem jungen Freund zur Folge gehabt. Die ganze Dummheit lag darin, daß Andrej Ssemjonowitsch ernsthaft böse wurde, Luschin aber sich dessen freute; diesmal wollte er aber Lebesjatnikow ganz besonders ärgern.

»Sie sind nur infolge Ihres gestrigen Mißerfolgs so böse und herausfordernd«, platzte endlich Lebesjatnikow heraus, der im allgemeinen trotz seiner ganzen »Unabhängigkeit« und aller seiner »Proteste« nicht wagte, Pjotr Petrowitsch zu opponieren, und ihm gegenüber den aus früheren Jahren angewöhnten Respekt beobachtete.

»Sagen Sie mir besser,« unterbrach ihn Pjotr Petrowitsch hochmütig und ärgerlich, »können Sie ... oder, besser gesagt, sind Sie mit der erwähnten jungen Person tatsächlich so intim bekannt, um sie sofort, für einen Augenblick zu mir in dieses Zimmer zu bitten? Mir scheint, sie sind schon alle vom Friedhof heimgekommen ... Ich höre sie dort herumgehen ... Ich muß sie sehen, ich meine diese junge Person.«

»Was brauchen Sie sie?« fragte Lebesjatnikow erstaunt.

»Ich muß sie sprechen. Heute oder morgen ziehe ich von hier aus und möchte ihr darum mitteilen ... Übrigens bitte ich Sie, während unserer Unterredung hierzubleiben. Es ist sogar besser so. Sonst wird man sich noch Gott weiß was denken.«

»Ich werde mir absolut nichts denken ... Ich habe nur so gefragt, und wenn Sie von ihr was wollen, so gibt es nichts Leichteres, als sie herkommen zu lassen. Ich gehe gleich hin, und Sie können überzeugt sein, daß ich nicht stören werde.«

Nach fünf Minuten kam Lebesjatnikow wirklich mit Ssonjetschka zurück. Sie trat äußerst erstaunt und wie immer sehr schüchtern ein. Sie war in solchen Fällen immer scheu und fürchtete alle neuen Menschen und neue Bekanntschaften; sie hatte sie schon als Kind gefürchtet, jetzt aber fürchtete sie sie mehr als je ... Pjotr Petrowitsch empfing sie »freundlich und höflich«, doch mit einem Anflug von einer lustigen Vertraulichkeit, die übrigens, seiner Meinung nach, einem so ehrenwerten und soliden Menschen im Verkehr mit einem so jungen und in gewisser Beziehung interessanten Wesen wie sie durchaus ziemte. Er beeilte sich, sie zu »ermutigen«, und bot ihr einen Stuhl am Tische ihm gegenüber an. Ssonja setzte sich, sah sich um, – sah auf Lebesjatnikow, auf das Geld, das auf dem Tische lag, und dann plötzlich wieder auf Pjotr Petrowitsch, von dem sie ihren Blick wie festgebannt nicht mehr wandte. Lebesjatnikow ging schon zur Tür, aber Pjotr Petrowitsch stand auf, forderte Ssonja durch einen Wink auf, sitzen zu bleiben, und hielt Lebesjatnikow an der Tür zurück.

»Ist Raskolnikow dort? Ist er schon gekommen?« fragte er ihn leise.

»Raskolnikow? Er ist schon dort. Warum fragen Sie? Ja, er ist schon dort. Soeben sah ich ihn kommen ... Warum?«

»Nun, dann bitte ich Sie ganz besonders, hier mit uns zu bleiben und mich mit diesem ... Fräulein nicht allein zu lassen. Die Sache ist ganz unbedeutend, aber man wird Gott weiß was sagen. Ich will nicht, daß Raskolnikow es dort erzählt ... Verstehen Sie, was ich meine?«

»Ich verstehe, ich verstehe!« rief Lebesjatnikow, dem plötzlich ein Licht aufging. »Ja, Sie haben recht ... Allerdings, Sie gehen nach meiner persönlichen Überzeugung in Ihren Befürchtungen viel zu weit, aber ... aber Sie haben doch ein Recht darauf. Ich bleibe gern hier. Ich will hier am Fenster stehen und werde nicht stören ... Meiner Ansicht nach haben Sie recht ...«

Pjotr Petrowitsch kehrte zum Sofa zurück, nahm Ssonja gegenüber Platz, sah sie aufmerksam an und setzte sich plötzlich eine außerordentlich solide und sogar etwas strenge Miene auf, als wollte er sagen: Bilde dir nur nichts ein, meine Liebe! – Ssonja verlor endgültig die Fassung.

»Erstens bitte ich Sie, Ssofja Ssemjonowna, mich bei Ihrer hochverehrten Frau Mama zu entschuldigen ... Es stimmt doch? Katerina Iwanowna vertritt doch bei Ihnen die Mutter?« begann Pjotr Petrowitsch sehr solid, aber doch recht freundlich.

Er hatte sichtlich die freundschaftlichsten Absichten.

»Jawohl, die Stelle der Mutter«, antwortete Ssonja hastig und scheu.

»Nun, wollen Sie mich also bei ihr entschuldigen, daß ich infolge unvorhergesehener Umstände gezwungen bin, der Einladung keine Folge zu leisten, und zu den Pfannkuchen, das heißt zum Totenmahl, nicht kommen werde, trotz der liebenswürdigen Aufforderung Ihrer Frau Mama.«

»Gut ... ich will es ihr sagen ... sofort.«

Und Ssonjetschka sprang hastig vom Stuhle auf.

»Es ist noch nicht alles«, hielt sie Pjotr Petrowitsch zurück, über ihre Einfalt und Unkenntnis der Anstandsregeln lächelnd. »Sie kennen mich zu wenig, liebste Ssofja Ssemjonowna, wenn Sie glauben, daß ich wegen dieser unbedeutenden und nur mich allein angehenden Angelegenheit eine Person wie Sie bemüht und zu mir gerufen hätte. Ich habe ganz andere Absichten.«

Ssonja setzte sich eilig hin. Die grauen und regenbogenfarbigen Banknoten, die noch auf dem Tische lagen, flimmerten wieder vor ihren Augen, sie wandte aber schnell ihr Gesicht von ihnen ab und richtete ihren Blick auf Pjotr Petrowitsch; es kam ihr plötzlich furchtbar unanständig vor, fremdes Geld anzusehen, besonders wenn sie es tat. Sie heftete ihren Blick auf das goldene Lorgnon Pjotr Petrowitschs, das er in der Linken hielt, und zugleich auf den außerordentlich hübschen, großen, schweren Ring mit gelbem Stein, den er auf dem Mittelfinger dieser Hand trug; doch sie wandte die Augen auch davon ab und richtete den Blick wieder auf Pjotr Petrowitsch, da sie nicht wußte, wohin sie sehen sollte. Nachdem er eine Weile noch solider als früher geschwiegen hatte, fuhr er fort:

»Ich hatte gestern Gelegenheit, im Vorbeigehen einige Worte mit der unglücklichen Katerina Iwanowna zu wechseln. Es genügten zwei Worte, um zu erfahren, daß sie sich in einem – widernatürlichen Zustande befindet, wenn man so sagen darf.«

»Jawohl ... in einem widernatürlichen«, bestätigte Ssonja hastig.

»Oder einfacher und verständlicher – in einem kranken.«

»Ja, einfacher und verständl ... jawohl, sie ist krank.«

»Nun also. Aus dem Gefühle der Humanität und ... sozusagen des Mitleides, möchte ich ihr nun meinerseits irgendwie behilflich sein, da ich ihr unvermeidlich trauriges Los voraussehe. Ich glaube, die ganze arme Familie lastet jetzt ganz auf Ihnen?«

»Gestatten Sie die Frage«, sagte Ssonja, indem sie sich plötzlich erhob: »Was haben Sie ihr gestern von der Möglichkeit einer Pension gesagt? Denn sie sagte mir schon gestern, Sie hätten es übernommen, ihr eine Pension zu erwirken. Ist es wahr?«

»Durchaus nicht, in gewisser Beziehung ein Unsinn. Ich habe nur auf einen einmaligen Unterstützungsbeitrag für die Witwe eines Beamten hingedeutet – natürlich, nur wenn eine Protektion vorhanden ist –, aber Ihr verstorbener Vater hat, soviel ich weiß, nicht nur die vorgeschriebene Frist nicht ausgedient, sondern in der letzten Zeit überhaupt nicht gedient. Mit einem Wort: es könnte wohl eine Hoffnung vorhanden sein, doch nur eine recht schwache, denn in diesem Falle liegen keinerlei Rechte auf die Unterstützung vor, sogar im Gegenteil. Sie aber denkt schon an eine Pension, he-he-he! Eine fixe Dame!«

»Jawohl, an eine Pension ... Denn sie ist leichtgläubig und gut und glaubt aus Güte alles und ... und ... sie hat mal einen solchen Verstand ... Jawohl, entschuldigen Sie ...« sagte Ssonja und erhob sich wieder zum Fortgehen.

»Entschuldigen Sie, Sie haben mich noch nicht zu Ende gehört.«

»Jawohl, ich habe noch nicht zu Ende gehört«, murmelte Ssonja.

»Also setzen Sie sich.«

Ssonja wurde entsetzlich verlegen und setzte sich zum drittenmal.

»Da ich Ihre Lage mit den unglücklichen kleinen Kindern sehe, möchte ich, wie gesagt, ihr nach Kräften behilflich sein, das heißt, wie man so sagt, nach Kräften und nicht mehr. Man könnte zum Beispiel zu ihren Gunsten eine Kollekte veranstalten, oder eine Lotterie ... oder etwas in dieser Art, wie es auch immer von Nahestehenden und sogar auch von fremden Menschen gemacht wird, die helfen möchten. Ich hatte eben die Absicht, Ihnen das mitzuteilen. Das ginge zu machen.«

»Jawohl, sehr gut ... Gott wird es Ihnen ...« stammelte Ssonja, Pjotr Petrowitsch unverwandt anblickend.

»Das ginge zu machen, aber ... davon reden wir später ... das heißt, man könnte auch heute anfangen, davon zu reden. Wir werden uns am Abend wiedersehen, uns einigen und sozusagen den Grund dazu legen. Kommen Sie zu mir so gegen sieben her. Andrej Ssemjonowitsch wird, hoffe ich, sich daran auch beteiligen ... Aber ... es gibt hier noch einen Umstand, den man vorher genau besprechen muß. Darum habe ich Sie auch, Ssofja Ssemjonowna, bemüht und herkommen lassen. Es ist nämlich meine Ansicht, daß man Katerina Iwanowna kein Geld in die Hand geben darf und daß es sogar gefährlich wäre; ein Beweis dafür ist das heutige Totenmahl. Obwohl sie keine Brotrinde für morgen hat und ... auch kein Schuhwerk und überhaupt nichts, kauft sie heute Jamaika-Rum und sogar, glaube ich, Madeira ... und Kaffee. Ich sah es im Vorbeigehen. Morgen werden Sie es alles bis zum letzten Bissen Brot wieder büßen müssen; das ist schon ganz dumm. Darum muß die Kollekte, meiner Ansicht nach, so gemacht werden, daß die unglückliche Witwe vom Gelde sozusagen nichts erfährt und nur Sie zum Beispiel allein davon wissen. Habe ich recht?«

»Ich weiß es nicht. Sie ist nur heute so ... ein einziges Mal im Leben ... sie wollte so gerne das Totenmahl machen, dem Toten die Ehre erweisen, sein Andenken ehren ... sie ist aber sehr klug. Übrigens, ganz wie Sie wollen, ich werde Ihnen sehr ... auch die anderen ... und Gott wird es Ihnen ... auch die Waisenkinder ...«

Ssonja kam nicht weiter und fing zu weinen an.

»So. Nun denken Sie daran; jetzt aber wollen Sie von mir für Ihre Verwandte fürs erste eine meinen Verhältnissen entsprechende Summe annehmen. Es wäre mir außerordentlich erwünscht, daß mein Name dabei nicht erwähnt werde. Hier ... da ich sozusagen eigene Sorgen habe, bin ich nicht imstande, mehr zu geben ...«

Und Pjotr Petrowitsch reichte Ssonja einen sorgfältig entfalteten Zehnrubelschein. Ssonja nahm das Geld, errötete, murmelte etwas und begann sich eilig zu verabschieden. Pjotr Petrowitsch begleitete sie schnell zur Tür. Sie sprang schließlich aus dem Zimmer, aufs tiefste erregt und abgequält, und kehrte in größter Verlegenheit zu Katerina Iwanowna zurück.

Während dieser ganzen Szene stand Andrej Ssemjonowitsch bald am Fenster und ging bald im Zimmer auf und ab. Als aber Ssonja fort war, ging er auf Pjotr Petrowitsch zu und reichte ihm feierlich die Hand.

»Ich habe alles gehört und gesehen«, sagte er, das letzte Wort besonders betonend. »Es ist edel, das heißt, ich wollte sagen, human! Sie wollten ihrem Dank ausweichen, ich sah es! Und obwohl ich, offen gestanden, für die private Wohltätigkeit nichts übrig haben kann, weil sie das Übel nicht radikal ausrottet, sondern noch mehr nährt, muß ich doch gestehen, daß ich Ihr Benehmen mit Vergnügen gesehen habe, ja, es gefiel mir sehr gut.«

»Ach, das ist alles Unsinn!« murmelte Pjotr Petrowitsch, ein wenig erregt und Lebesjatnikow etwas eigentümlich ansehend.

»Nein, es ist kein Unsinn! Ein Mensch, der wie Sie durch den gestrigen Vorfall beleidigt und gereizt ist und zugleich fähig ist, an das Unglück anderer zu denken, so ein Mensch ... begeht durch seine Handlungen einen sozialen Fehler, verdient aber jede Achtung! Ich hatte es von Ihnen gar nicht erwartet, Pjotr Petrowitsch, um so mehr, als nach Ihren Begriffen – oh, wie Ihre Begriffe für Sie störend sind! Wie regt Sie zum Beispiel der gestrige Mißerfolg auf!« rief der gutmütige Andrej Ssemjonowitsch, der wieder Sympathie für Pjotr Petrowitsch fühlte. »Und warum, warum wollen Sie unbedingt diese legitime Ehe, edler, lieber Pjotr Petrowitsch? Was brauchen Sie unbedingt diese Gesetzlichkeit in der Ehe? Nun, schlagen Sie mich, wenn Sie wollen, aber ich freue mich, freue mich, daß sie nicht zustande gekommen ist, daß Sie frei sind, daß Sie für die Menschheit noch nicht verloren sind, ich freue mich! ... Sehen Sie, nun habe ich mich ausgesprochen!«

»Weil ich in Ihrer illegitimen Ehe keine Hörner tragen und keine fremden Kinder züchten will – dazu brauche ich die legitime Ehe«, antwortete Luschin, nur um etwas zu sagen.

Er war mit irgendeinem Gedanken beschäftigt und nachdenklich.

»Kinder? Sie berühren die Kinderfrage?« fuhr Andrej Ssemjonowitsch auf wie ein Schlachtroß beim Klange der Kriegstrompete. »Diese Frage ist eine soziale und von höchster Bedeutung, das gebe ich zu; aber sie wird anders gelöst werden. Viele negieren vollkommen die Kinder, als etwas, was auf die Familie hindeutet. Von den Kindern wollen wir später reden und uns jetzt den Hörnern zuwenden. Ich muß gestehen, diese Frage ist meine Schwäche. Dieser abscheuliche, eines Husaren oder eines Puschkin würdige Ausdruck ist im künftigen Lexikon undenkbar. Was sind Hörner? Oh, diese Verirrung! Was für Hörner? Warum Hörner?,.. Welch ein Unsinn! Im Gegen teil, in der ›bürgerlichen‹ Ehe wird es sie gar nicht geben! Die Hörner sind nur eine natürliche Folge der legitimen Ehe, sozusagen eine Korrektur dieser Ehe, ein Protest, so daß sie in diesem Sinne gar nicht erniedrigend sind ... Und wenn ich einmal – nehmen wir mal diesen Unsinn an – eine legitime Ehe eingehe, so werde ich mich über Ihre dreimal verfluchten Hörner sogar freuen; ich werde dann meiner Frau sagen: ›Mein Freund, bisher habe ich dich bloß geliebt, jetzt achte ich dich aber auch, weil du es verstanden hast, zu protestieren!‹ Sie lachen! Das kommt, weil Sie sich von den Vorurteilen noch nicht losreißen können! Der Teufel noch einmal; ich verstehe ja sehr gut, warum es so unangenehm ist, in der legitimen Ehe betrogen zu werden: es ist aber nur die schändliche Folge der schändlichen Tatsache, wo beide Teile gleich erniedrigt sind. Wenn aber die Hörner ganz offen aufgesetzt werden, wie zum Beispiel in der bürgerlichen Ehe, so existieren sie nicht mehr, sind undenkbar und verlieren sogar die Benennung ›Hörner‹. Im Gegenteil, Ihre Frau zeigt Ihnen nur, wie sehr sie Sie achtet, indem sie Sie für unfähig hält, ihrem Glücke im Wege zu stehen, und für aufgeklärt genug, um an ihr wegen des neuen Gatten keine Rache zu nehmen. Hol's der Teufel – zuweilen denke ich mir, daß, wenn ich verheiratet wäre (ganz gleich, ob bürgerlich oder legitim), ich meiner Frau wohl selbst einen Geliebten zuführen würde, falls sie sich selbst lange keinen anschaffte. ›Mein Freund,‹ würde ich ihr sagen, ›ich liebe dich, will aber obendrein, daß du mich auch achtest, – hier!‹ Habe ich nicht recht?« ...

Pjotr Petrowitsch hörte zu und kicherte, doch ohne besondere Begeisterung. Er hörte sogar wenig zu. Er war wirklich mit anderen Gedanken beschäftigt, was auch Lebesjatnikow schließlich merkte. Pjotr Petrowitsch war nachdenklich, sogar aufgeregt, und rieb sich die Hände. Andrej Ssemjonowitsch erinnerte sich später dieses Benehmens und fand dafür auch eine Erklärung ...