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Als Raskolnikow am nächsten Morgen punkt elf Uhr in das Haus des -schen Polizeireviers, in die Abteilung des Untersuchungsrichters kam und sich bei Porfirij Petrowitsch anmelden ließ, war er sogar erstaunt, daß er so lange warten mußte: es vergingen mindestens zehn Minuten, ehe man ihn endlich eintreten ließ. Nach seiner Berechnung mußte man sich aber sofort auf ihn stürzen. Indessen stand er im Warteraum, und verschiedene Menschen, die sich um ihn gar nicht zu kümmern schienen, gingen an ihm vorbei, auf und ab. Im nächsten Zimmer, das wie eine Kanzleistube aussah, saßen einige Schreiber bei ihrer Arbeit, und es war ihnen anzusehen, daß keiner von ihnen auch nur eine Ahnung davon hatte, wer und was Raskolnikow sei. Mit unruhigen und argwöhnischen Blicken beobachtete er alles um sich her und spähte aus, ob nicht irgendwo ein Wachtposten stehe, ob ihn nicht irgendein geheimnisvoller Blick bewache, daß er nicht weggehe. Es war aber nichts dergleichen: er sah bloß beschäftigte Kanzleigesichter und auch andere Menschen, aber keiner kümmerte sich um ihn: er hätte leicht wieder weggehen können. Immer mehr befestigte sich in ihm der Gedanke, daß, wenn dieser geheimnisvolle Mensch von gestern, dieses aus der Erde hervorgestiegene Gespenst wirklich alles wußte und alles gesehen hatte, – man ihm, Raskolnikow, doch nicht gestatten würde, hier so zu stehen und zu warten. Und hätte man auch bis elf Uhr gewartet, bis es ihm selbst einfallen würde, herzukommen? Also hatte jener Mensch noch keine Anzeige erstattet, oder ... oder er wußte selbst nichts und hatte mit eigenen Augen gar nichts gesehen (wie hätte er auch etwas sehen können?); folglich war alles, was er gestern erlebt hatte, nur eine von seiner gereizten und kranken Phantasie übertriebene Vision. Nachdem er sich dies alles wieder überlegt hatte und sich auf einen neuen Kampf gefaßt machte, fühlte er plötzlich, daß er zitterte, und er empörte sich bei dem Gedanken, daß er aus Furcht vor dem verhaßten Porfirij Petrowitsch zittere. Das Schrecklichste für ihn war ein Wiedersehen mit diesem Menschen; er haßte ihn grenzenlos, maßlos und fürchtete sogar, sich durch diesen Haß irgendwie zu verraten. Und so groß war seine Empörung, daß sie das Zittern sofort unterdrückte; er schickte sich an, mit einer kalten und herausfordernden Miene einzutreten, und gab sich das Wort, möglichst viel zu schweigen, zu beobachten und zu horchen und, wenigstens dieses eine Mal, um jeden Preis, seine krankhaft gereizte Natur zu überwinden. In diesem Augenblick rief man ihn zu Porfirij Petrowitsch.

Es zeigte sich, daß Porfirij Petrowitsch gerade ganz allein in seinem Arbeitszimmer war. Das Arbeitszimmer war weder klein noch groß; es befanden sich darin ein großer Schreibtisch vor einem mit Wachstuch bezogenen Sofa, ein Pult, ein Eckschrank und mehrere Stühle – lauter Staatseigentum aus poliertem gelben Holze. In einer Ecke an der Hinterwand oder, besser gesagt, an einem Bretterverschlage war eine verschlossene Tür: also befanden sich wohl hinter diesem Verschlag noch andere Räume. Als Raskolnikow eintrat, schloß Porfirij Petrowitsch sofort die Tür, durch die er gekommen war, und sie blieben allein. Er empfing seinen Gast scheinbar außerordentlich lustig und freundlich, und Raskolnikow merkte erst nach einigen Minuten an einigen Anzeichen, daß er irgendwie verlegen war, als hätte man ihn plötzlich aus dem Konzept gebracht oder auf etwas Geheimem ertappt.

»Ah, Verehrtester! Da sind Sie ja ... in unserem Reiche ...« begann Porfirij, ihm beide Hände entgegenstreckend. »Nun, nehmen Sie Platz, Väterchen! Oder Sie haben es vielleicht nicht gern, daß man Sie Verehrtester und Väterchen nennt – so ›tout court‹? Halten Sie es, bitte, nicht für eine Familiarität! Hierher, auf das Sofa.«

Raskolnikow setzte sich, ohne die Augen von ihm zu wenden.

›In unserem Reiche‹, die Entschuldigung wegen der Familiarität, das französische »tout court« usw ... das waren lauter charakteristische Anzeichen. – Er hat mir beide Hände entgegengestreckt, doch keine einzige gegeben, hat sie rechtzeitig zurückgezogen, – ging es ihm mißtrauisch durch den Sinn. Sie beobachteten einander; kaum aber trafen sich ihre Blicke, als sie beide so schnell wie ein Blitz voneinander wegsahen.

»Ich bringe Ihnen das Papier ... wegen der Uhr ... hier ist es. Ist es richtig aufgesetzt, oder muß ich es umschreiben?«

»Was? Ein Papierchen? So, so, machen Sie sich keine Sorgen, es ist richtig,« sagte Porfirij Petrowitsch, als hätte er große Eile; erst nachdem er das gesagt hatte, nahm er das Papier in die Hand und sah es durch. »Ja, es ist richtig. Mehr ist nicht nötig«, bestätigte er, sich überstürzend, und legte das Papier auf den Tisch.

Später, nach einer Minute, als er schon von etwas ganz anderem sprach, nahm er es vom Tisch und legte es auf das Pult.

»Sie sagten, glaube ich, gestern, daß Sie mich fragen möchten ... in aller Form ... über meine Bekanntschaft mit dieser ... Ermordeten?« fing Raskolnikow von neuem an.

– Nun, wozu habe ich dieses ›glaube ich‹ eingefügt? – durchfuhr es ihn wie der Blitz. – Und warum mache ich mir solche Sorge darüber, daß ich dieses ›glaube ich‹ eingefügt habe? – durchzuckte ihn wie der Blitz ein zweiter Gedanke.

Und plötzlich fühlte er, wie sein Argwohn nur infolge der bloßen Berührung mit Porfirij, nur nach zwei Worten, nur nach zwei Blicken in einem Nu ins Ungeheure gewachsen war ... und daß dies gefährlich werden könne: die Nerven werden gereizt, die Erregung wächst an. – Schlecht! Schlecht! ... Ich werde mich wieder versprechen.

»Ja, ja, ja! Machen Sie sich keine Sorgen! Wir haben Zeit, wir haben Zeit«, murmelte Porfirij Petrowitsch, indem er vor dem Tische auf und ab ging, doch ohne jedes Ziel: bald wandte er sich zum Fenster, bald zum Pult, bald wieder zum Tisch; bald wich er den mißtrauischen Blicken Raskolnikows aus, bald blieb er unbeweglich stehen und sah ihn unverwandt an.

Einen seltsamen Eindruck machte dabei seine kleine, dicke, runde Figur, die wie ein Gummiball hin und her rollte und von allen Wänden und Ecken abprallte.

»Wir haben Zeit, wir haben Zeit! ... Rauchen Sie nicht? Haben Sie nichts bei sich? Hier haben Sie ein Zigarettchen«, fuhr er fort, indem er dem Gast eine Zigarette reichte. »Wissen Sie, ich empfange Sie hier, meine Wohnung ist aber gleich hier hinter dem Verschlag ... es ist eine Dienstwohnung, ich wohne jetzt aber vorläufig in der Stadt. Es sind hier einige Reparaturen nötig. Nun ist fast alles fertig ... so eine Dienstwohnung ist eine feine Sache, nicht wahr? Wie meinen Sie?«

»Ja, eine feine Sache«, antwortete Raskolnikow und sah ihn fast spöttisch an.

»Eine feine Sache, eine feine Sache ...« wiederholte Porfirij Petrowitsch, als dächte er dabei an etwas ganz anderes. »Ja, eine feine Sache!« schrie er schließlich fast auf, indem er plötzlich Raskolnikow anblickte und zwei Schritte vor ihm stehen blieb.

Diese häufige, dumme Wiederholung, daß die Dienstwohnung eine feine Sache sei, widersprach in ihrer Banalität zu sehr dem ernsten, sinnenden und rätselhaften Blicke, den er jetzt auf seinen Gast richtete.

Dies aber stachelte die Wut Raskolnikows noch mehr auf, und er konnte sich unmöglich einer höhnischen und recht unvorsichtigen Herausforderung enthalten:

»Wissen Sie was?« fragte er plötzlich, indem er ihn fast frech anblickte und sich seiner Frechheit gleichsam freute. »Es gibt, glaube ich, so eine juristische Regel, so einen juristischen Kunstgriff – für alle Untersuchungsrichter, – zuerst von weither, mit Bagatellen, oder sogar mit etwas Ernstem, doch ganz Abseitsliegendem zu beginnen, um den zu Verhörenden sozusagen zu ermutigen oder richtiger zu zerstreuen, um seine Vorsicht einzuschläfern und ihn dann plötzlich auf ganz unerwartete Weise mit einer verhängnisvollen und gefährlichen Frage zu überfallen; stimmt das? Ich glaube, das steht auch heute noch in allen Vorschriften und Instruktionen als ein heiliges Gebot?«

»Ja, gewiß ... Sie glauben also, ich hätte Sie mit der Dienstwohnung ... wie?«

Als Porfirij Petrowitsch das sagte, kniff er die Augen zusammen und zwinkerte ihm zu; ein lustiger und verschlagener Ausdruck huschte über sein Gesicht, die Runzeln auf seiner Stirn glätteten sich, die Auglein wurden schmäler, die Gesichtszüge dehnten sich, und er brach plötzlich in ein nervöses, langandauerndes Lachen aus, das seinen ganzen Körper erzittern ließ; dabei blickte er Raskolnikow gerade in die Augen. Jener fing mit einiger Selbstüberwindung auch zu lachen an; als aber Porfirij ihn lachen sah und in so schallendes Gelächter ausbrach, daß er beinahe blau wurde, ließ Raskolnikow in seinem Widerwillen alle Vorsicht außer acht: er hörte zu lachen auf, runzelte die Stirne und sah Porfirij lange und gehässig an, ohne ihn während seines ganzen langen, anscheinend mit Absicht in die Länge gezogenen Lachanfalls aus den Augen zu lassen. Die Unvorsichtigkeit war übrigens beiderseits offensichtlich: es sah so aus, als lache Porfirij Petrowitsch über seinen Gast, der dieses Lachen mit Haß aufnahm, kümmere sich aber wenig um diesen Umstand. Das letztere war aber für Raskolnikow sehr vielsagend: er begriff, daß Porfirij Petrowitsch sich wahrscheinlich auch vorhin gar nicht verlegen gefühlt habe und daß im Gegenteil er selbst, Raskolnikow, in eine Falle geraten sei, daß hier unbedingt etwas dabei sei, was er noch nicht wußte, irgendein Ziel; daß vielleicht schon alles vorbereitet sei und sich im nächsten Augenblick zeigen und über ihn hereinbrechen werde ...

Er ging nun sofort auf die Sache los, indem er sich von seinem Platz erhob und seine Mütze nahm.

»Porfirij Petrowitsch«, fing er an, entschlossen, doch ziemlich gereizt, »Sie äußerten gestern den Wunsch, daß ich zu Ihnen zu irgendeinem Verhör komme. (Er betonte besonders das Wort ›Verhör‹.) Ich bin gekommen, und wenn Sie von mir etwas wollen, so fragen Sie mich, und wenn nicht, so gestatten Sie, daß ich weggehe. Ich habe keine Zeit, ich habe zu tun ... Ich muß zur Beerdigung eines verunglückten Beamten, von dem ... Sie auch schon wissen ...« fügte er hinzu, ärgerte sich aber gleich über diesen Zusatz und wurde infolgedessen noch gereizter. »Mir ist die Sache zu dumm, hören Sie, und zwar seit langem ... ich bin zum Teil deswegen krank gewesen ... mit einem Worte«, schrie er beinahe auf, da er fühlte, daß die Bemerkung über seine Krankheit noch überflüssiger war, »mit einem Worte: wollen Sie mich entweder vernehmen oder entlassen, und zwar sofort ... und wenn Sie mich vernehmen wollen, so nicht anders als in aller Form! Anders erlaube ich es nicht; und darum verabschiede ich mich einstweilen von Ihnen, da wir jetzt beide miteinander nichts zu schaffen haben.«

»Mein Gott! Was fällt Ihnen ein?! Worüber soll ich denn Sie vernehmen?« gackerte auf einmal Porfirij Petrowitsch, der plötzlich seinen Ton und seine Miene änderte und zu lachen aufhörte. »Regen Sie sich, bitte, nicht auf«, rief er, indem er wieder bald im Zimmer auf und ab lief und bald Raskolnikow zum Sitzen nötigte. »Wir haben ja Zeit, wir haben Zeit, und alles ist Unsinn! Im Gegenteil, ich freue mich so, daß Sie endlich zu uns gekommen sind ... Ich empfange Sie als einen Gast. Und dieses verfluchte Lachen müssen Sie mir schon verzeihen, Väterchen, Rodion Romanowitsch. Rodion Romanowitsch – so heißen Sie doch mit Ihren Vatersnamen? ... Ich hin so nervös, Sie haben mich durch Ihre geistreiche Bemerkung zum Lachen gebracht; zuweilen schüttele ich mich vor Lachen wie ein Stück Gummi, und das dauert eine halbe Stunde ... Ich bin leicht zum Lachen zu bringen. Bei meiner Körperfülle fürchte ich sogar einen Schlaganfall. Setzen Sie sich doch, was haben Sie denn? Ich bitte Sie, Väterchen, sonst muß ich glauben, daß Sie mir böse sind ...«

Raskolnikow schwieg, hörte zu und beobachtete, immer noch mit vor Zorn finsterem Gesicht. Er setzte sich übrigens hin, behielt aber die Mütze in der Hand.

»Ich will Ihnen etwas über mich selbst mitteilen, Väterchen, Rodion Romanowitsch, sozusagen zu meiner Charakteristik«, fuhr Porfirij Petrowitsch fort, indem er im Zimmer hin und her lief und wie früher den Blicken seines Gastes auszuweichen schien. »Wissen Sie, ich bin Junggeselle, ein ganz unbekannter Mensch, ohne gesellschaftlichen Schliff, ein abgeschlossener, reifer Charakter und ... und ... und haben Sie es schon bemerkt, Rodion Romanowitsch: wenn bei uns, das heißt in Rußland, und besonders in unseren Petersburger Kreisen, zwei kluge Menschen, die miteinander noch nicht gut bekannt sind, aber sich gegenseitig sozusagen achten, wie wir beide, zusammenkommen, so können sie eine geschlagene halbe Stunde kein Thema für ein Gespräch finden, – sie erstarren voreinander, sitzen da und genieren sich. Alle Menschen haben einen Gesprächsstoff, zum Beispiel die Damen ... auch die Salonmenschen aus den höheren Gesellschaftskreisen haben stets ein Gesprächsthema, c'est de rigueur; aber Menschen aus mittleren Schichten, wie wir beide – werden immer leicht verlegen und sind nicht gesprächig ... ich meine die denkenden Menschen. Woher kommt das nur, Väterchen? Haben wir keine gesellschaftlichen Interessen, oder sind wir so ehrlich, daß wir einander nicht betrügen wollen, – das weiß ich nicht. Nun, was glauben Sie? Legen Sie aber Ihre Mütze weg, es sieht so aus, als wollten Sie schon weggehen, ich muß mich genieren, wenn ich es sehe ... Ich bin im Gegenteil so froh ...«

Raskolnikow legte seine Mütze weg und hörte schweigend und ernst, mit finsterem Gesicht dem leeren und verworrenen Geschwätz Porfirijs zu. – Will er vielleicht wirklich meine Aufmerksamkeit mit seinem dummen Geschwätz ablenken? –

»Ich biete Ihnen keinen Kaffee an, denn es ist hier nicht der passende Ort dafür; aber so an die fünf Minuten kann ich doch mit einem guten Freunde sitzen, zum Zeitvertreib«, schwatzte Porfirij unermüdlich weiter. »Und wissen Sie, alle diese dienstlichen Pflichten ... aber nehmen Sie es mir, bitte, nicht übel, Väterchen, daß ich immer hin und her renne; entschuldigen Sie, Väterchen, ich fürchte sehr, Sie zu kränken; aber ich muß unbedingt Bewegung haben. Ich sitze immer auf einem Fleck und bin froh, wenn ich mal fünf Minuten herumgehen kann ... es sind die Hämorrhoiden ... ich habe immer die Absicht, mich mit Gymnastik zu behandeln; man sagt, daß in einer solchen Turnanstalt Staatsräte, Wirkliche Staatsräte und sogar Geheimräte gern über eine Schnur springen; so vorgeschritten ist die Wissenschaft in unserem Jahrhundert ... Was aber die hiesigen Pflichten betrifft, die Verhöre und alle Formalitäten ... Sie sprachen eben, Väterchen, von den Verhören ... so muß ich Ihnen sagen, Väterchen, Rodion Romanowitsch, daß so ein Verhör den Verhörer oft mehr verwirrt als den zu Verhörenden. Das haben Sie, Väterchen, eben sehr richtig und geistreich bemerkt. (Raskolnikow hatte nichts dergleichen bemerkt.) Man wird verwirrt, wirklich, man wird verwirrt! Und immer ein und dasselbe, ein und dasselbe, wie eine Trommel! Die Reform steht vor der Tür, wir werden wenigstens eine neue Benennung bekommen, he-he-he! Und was unsere juristischen Kunstgriffe betrifft – wie Sie es so geistreich genannt haben –, so bin ich vollkommen der gleichen Meinung. Aber wer von den Angeklagten, selbst von den dümmsten Bauern weiß nicht, daß man zunächst anfangen wird, ihn zum Beispiel mit abseitsliegenden Fragen einzuschläfern, wie Sie sich so glücklich ausgedrückt haben, um ihn dann plötzlich zu betäuben, wie mit einem Beilhieb auf den Scheitel, he-he-he! mit einem Beilhieb auf den Scheitel, wie Sie sich so treffend ausgedrückt haben! He-he! Sie haben also wirklich geglaubt, daß ich die Absicht hatte, Sie mit der Dienstwohnung ... he-he! Sie sind aber ein ironischer Mensch! Nun, ich rede nicht mehr davon! Ach ja, à propos, ein Wort ruft das andere herbei, ein Gedanke ruft den andern – Sie haben vorhin auch die Form erwähnt, wissen Sie? – die Form des Verhörs ... Ja, was ist die Form? Die Form ist, wissen Sie, in vielen Fällen ein Unsinn. Manchmal ist ein einfaches freundschaftliches Gespräch viel vorteilhafter. Die Form läuft nicht davon, in dieser Beziehung kann ich Sie beruhigen; und was ist auch im Grunde genommen die Form, ich bitte Sie? Man darf nicht den Untersuchungsrichter auf jedem Schritt an die Form binden. Die Tätigkeit des Untersuchungsrichters ist sozusagen eine freie Kunst ihrer Art, oder etwas von dieser Art. He-he-he! ...«

Porfirij Petrowitsch hielt inne und holte Atem. Er redete drauflos, unermüdlich; bald schüttete er sinnlose, leere Phrasen hin, bald ließ er rätselhafte Anspielungen fallen, um dann wieder mit albernem Geschwätz zu beginnen. Er lief schon fast hin und her, bewegte seine dicken Beinchen immer schneller und blickte fortwährend zu Boden; die rechte Hand hielt er im Rücken und machte mit der linken Bewegungen, die immer auffallend wenig zu seinen Worten paßten. Raskolnikow merkte plötzlich, daß er bei seinem Hin-und Herlaufen einigemal für einen Augenblick an der Tür stehen blieb und hinauszuhorchen schien ...

– Wartet er vielleicht auf etwas? –

»In dieser Beziehung hatten Sie vollkommen recht«, fing Porfirij wieder an, wobei er Raskolnikow lustig und ungewöhnlich treuherzig anblickte (so daß jener zusammenfuhr und sich sofort auf alles gefaßt machte) – »vollkommen recht, als Sie über die juristischen Formen so witzig spotteten, he-he! Diese tiefsinnig psychologischen Kunstgriffe – natürlich nur manche von ihnen – sind furchtbar komisch und vielleicht auch nutzlos, wenn sie durch die Form zu sehr beschränkt werden. Jawohl ... ich komme wieder auf die Form: wenn ich also in irgendeiner Sache, mit der ich betraut bin, den einen oder den anderen sozusagen für den Verbrecher halte, oder besser gesagt, des Verbrechens verdächtige ... Sie wollen doch Jurist werden, Rodion Romanowitsch ...?«

»Ja, ich hatte die Absicht ...«

»Da haben Sie also ein kleines Beispiel für die Zukunft, das heißt, glauben Sie nur nicht, daß ich es wage, Sie zu belehren: Sie schreiben doch selbst so fabelhafte Aufsätze über das Verbrechen! Nein, ich erlaube mir nur, Ihnen als Tatsache, als Beispiel, anzuführen ... Wenn ich also den einen oder anderen für den Verbrecher halte – warum soll ich ihn, frage ich Sie, vor der Zeit beunruhigen, wenn ich auch Beweise gegen ihn habe? Den einen muß ich zum Beispiel so schnell als möglich verhaften lassen, ein anderer ist aber ganz anders geartet, warum soll er nicht noch etwas in der Stadt herumspazieren, he-he-he! Nein, ich sehe, Sie verstehen es gar nicht, darum will ich es Ihnen klarer darstellen: wenn ich ihn zum Beispiel zu früh einsperre, so gebe ich ihm damit vielleicht eine moralische Stütze, he-he! Sie lachen? (Raskolnikow dachte gar nicht daran, zu lachen: er saß mit zusammengebissenen Zähnen da und wandte seinen fieberhaften Blick nicht von den Augen Porfirij Petrowitschs.) Und doch ist es so, bei manchen Subjekten ganz besonders, denn die Menschen sind verschieden, über alles geht aber die Praxis. Sie werden jetzt sagen: Indizien; ja, nehmen wir sogar an, daß Indizien vorliegen, aber die Indizien, Väterchen, haben in den meisten Fällen zwei Enden, ich aber bin Untersuchungsrichter, also ein schwacher Mensch und muß gestehen: wie gern möchte ich meine Untersuchung mathematisch klar darstellen, einen Beweis erbringen, daß alles so klar sei, wie zweimal zwei vier ist! Daß es einer direkten und unbestreitbaren Deduktion gleiche! Wenn ich ihn aber vor der Zeit einsperre – und wenn ich auch noch so überzeugt bin, daß er es ist –, so kann ich mich vielleicht auch selbst der Mittel zur weiteren Überführung berauben, und warum? Weil ich ihm sozusagen eine bestimmte Position gebe, ihn sozusagen psychologisch bestimme und beruhige, und er sich dann vor mir in seine Schale verkriecht: er begreift schließlich, daß er ein Gefangener ist. Man sagt, daß in Sebastopol, gleich nach der Schlacht bei Alma, die klugen Leute furchtbare Angst gehabt hätten, daß der Feind die Stadt in offenem Sturm attackieren und nehmen würde; als sie aber sahen, daß der Feind eine regelrechte Belagerung vorzog und die erste Parallele aufstellte, so hatten sich die klugen Leute, wie man sagt, so furchtbar gefreut und vollkommen beruhigt; die Sache zieht sich also wenigstens noch zwei Monate hin, denn es dauert noch eine Weile, bis sie die Stadt durch eine regelrechte Belagerung nehmen. Sie lachen wieder, Sie glauben wieder nicht? Sie haben natürlich recht. Tausendmal recht! Das sind lauter Einzelfälle, ich bin mit Ihnen einverstanden; der von mir angeführte Fall ist tatsächlich ein Einzelfall! Es ist aber dabei folgendes zu beachten, mein bester Rodion Romanowitsch: den allgemeinen Fall, auf den alle juristischen Formen und Vorschriften passen, für den sie, wie sie in den Büchern stehen, berechnet sind, gibt es in Wirklichkeit gar nicht, denn jede Sache, ohne Ausnahme, sogar zum Beispiel das Verbrechen, wird, sobald es in Wirklichkeit geschieht, zu einem ausgesprochenen Einzelfall; zuweilen sogar zu einem solchen, der unter den vorhergehenden nicht seinesgleichen hat. In dieser Beziehung gibt es zuweilen sehr komische Fälle. Wenn ich manchen Herrn vollkommen in Ruhe lasse, ihn nicht verhafte und nicht belästige, aber dafür sorge, daß er jede Stunde und jede Minute wisse oder wenigstens vermute, daß ich alles weiß, daß ich alle Fäden aufgedeckt habe, ihn Tag und Nacht beobachte und bewache, und wenn er sich bewußt unter ewigem Verdachte und in ständiger Angst fühlt, so wird er, bei Gott, ganz verrückt; dann kann er auch selbst zu mir kommen und vielleicht noch etwas anstellen, was dem Zweimalzwei ähnlich sieht, was sozusagen ein mathematisches Aussehen hat – und das ist höchst angenehm. Das kann auch mit einem dummen Bauern geschehen, mit unsereinem aber, einem modern gebildeten und in einer bestimmten Richtung entwickelten Menschen erst recht! Darum ist es, mein Lieber, so wichtig, festzustellen, in welcher Richtung der Mensch entwickelt ist. Und erst die Nerven, die Nerven, die haben Sie ganz vergessen! Alle diese Menschen sind heutzutage krank, heruntergekommen und gereizt! ... Und wieviel Galle sie alle haben! Das ist doch, sage ich Ihnen, eine Goldgrube ihrer Art! Und was soll ich mich beunruhigen, wenn er ungefesselt in der Stadt herumspaziert!? Soll er nur vorläufig spazierengehen, soll er nur; ich weiß auch ohnehin, daß er mein Opferchen ist und nirgends durchbrennt! Wohin soll er auch durchbrennen? He-he! Vielleicht ins Ausland? Ins Ausland wird der Pole durchbrennen, doch nicht er, um so mehr, als ich ihn beobachte und auch Maßregeln ergriffen habe. Wird er vielleicht in die Tiefe des Vaterlandes fliehen? Dort leben aber die Bauern, die echten, einfachen, russischen Bauern; so ein modern gebildeter Mensch wird eher das Zuchthaus vorziehen, als mit solchen Ausländern, wie es unsere Bauern sind, zu leben, he-he! Dies alles ist aber Unsinn und nur äußerlich. Was heißt das: er wird durchbrennen? Das ist ja nur Form, und nicht Hauptsache; er wird mir nicht nur deshalb nicht durchbrennen, weil er nirgendhin durchbrennen kann, – er wird mir psychologisch nicht durchbrennen, he-he! Das ist doch ein netter Ausdruck! Er wird mir schon nach dem Naturgesetz nicht durchbrennen, selbst wenn er wüßte, wohin. Haben Sie mal einen Schmetterling vor einer Kerze gesehen? So wird auch er immer um mich wie um eine Kerze herumschwirren; seine Freiheit wird ihn nicht mehr freuen, er wird nachdenklich werden, sich verwirren, wird sich selbst wie in ein Netz verstricken und Todesangst leiden! ... Und noch mehr als das: er wird mir selbst eine mathematische Überraschung, wie zweimal zwei liefern, wenn ich ihm nur eine möglichst lange Spanne Zeit dazu lasse ... Und er wird immer, immer seine Kreise um mich ziehen, mit immer kleinerem Radius, und – hat ihn schon! Er wird mir direkt in den Mund fliegen, und ich werde ihn verschlucken, das ist schon sehr angenehm, he-he-he! Sie glauben es nicht?«

Raskolnikow gab keine Antwort. Er saß bleich und unbeweglich da und blickte Porfirij mit der gleichen Spannung ins Gesicht.

– Das ist eine gute Lehre! – dachte er erschauernd. – Das ist nicht mehr das Spiel der Katze mit der Maus, wie gestern. Er wird mir doch nicht nutzlos seine Kraft zeigen und ... mir etwas suggerieren; er ist viel zu klug dazu ... Er hat ein anderes Ziel, doch was für eins? Ach, Unsinn, Bruder, du schwindelst und willst mir nur Angst machen: Du hast gar keine Beweise, und der gestrige Mann existiert nicht! Du willst mich einfach aus dem Konzept bringen, mich vorzeitig reizen und in diesem Zustande einfangen; aber du irrst, es wird dir nicht gelingen! Aber warum suggeriert er mir alles mit solcher Energie? ... Er spekuliert auf meine kranken Nerven! ... Nein, Bruder, du irrst, es wird dir nicht gelingen, und wenn du auch etwas vorbereitet hast ... Nun, wollen wir sehen, was du vorbereitet hast.

Und er nahm alle seine Kräfte zusammen, um auf eine schreckliche und unbekannte Katastrophe bereit zu sein. Zuweilen spürte er Lust, sich auf Porfirij zu stürzen und ihn auf der Stelle zu erwürgen. Er hatte schon beim Eintreten diese Wut gefürchtet. Er fühlte, daß seine Lippen ausgetrocknet waren, daß sein Herz klopfte und daß an seinen Lippen der Schaum trocknete. Und doch entschloß er sich, zu schweigen und kein Wort vor der Zeit zu sprechen. Er begriff, daß dies die beste Taktik in seiner Lage sei, weil er sich auf diese Weise nicht bloß nicht versprechen könne, sondern im Gegenteil den Gegner durch sein Schweigen reizen könnte, so daß vielleicht jener sich versprechen würde. Jedenfalls hoffte er darauf.

»Nein, ich sehe, Sie glauben mir nicht, Sie denken, daß ich Ihnen harmlose Späße auftische«, fuhr Porfirij fort, immer lustiger werdend, vor Vergnügen ununterbrochen kichernd und dann wieder im Zimmer kreisend. »Sie haben natürlich recht; meine Gestalt ist schon von Gott selbst so geschaffen, daß sie nur komische Gedanken beim andern weckt; ein Hanswurst bin ich! Aber ich sage Ihnen noch einmal, entschuldigen Sie mich alten Mann, Väterchen, Rodion Romanowitsch; Sie sind noch ein junger Mensch, stehen sozusagen in der Blüte des Lebens, und darum schätzen Sie, wie unsere ganze Jugend, den menschlichen Verstand über alles. Die pikante Schärfe des Geistes und die abstrakten Vernunftschlüsse reizen Sie. Es ist genau so wie zum Beispiel mit dem früheren österreichischen Hofkriegsrat, soweit ich über die kriegerischen Ereignisse zu urteilen vermag: auf dem Papier hatten sie Napoleon geschlagen und gefangengenommen, in ihrem Schreibzimmer hatten sie alles auf die geistreichste Weise berechnet und ausgetüftelt – aber, sieh mal an: der General Mack ergibt sich mit seiner ganzen Armee, he-he-he! Ich sehe, ich sehe, Väterchen, Rodion Romanowitsch, Sie lachen über mich, daß ich, der ich Zivilist bin, lauter Beispiele aus der Kriegsgeschichte anführe. Aber was soll ich machen, es ist eine Schwäche von mir, ich liebe die Kriegswissenschaft und lese leidenschaftlich gern alle die Kriegsberichte ... ich habe entschieden meinen eigentlichen Beruf verfehlt. Ich hätte doch wirklich im Militärressort dienen sollen. Zu einem Napoleon hätte ich es vielleicht nicht gebracht, aber zu einem Major ganz sicher, he-he-he! Nun will ich Ihnen, mein Bester, die ganze Wahrheit vom Einzelfall enthüllen; die Wirklichkeit und die Natur sind wichtige Dinge, verehrter Herr, und schmeißen zuweilen die scharfsinnigste Berechnung um! Hören Sie nur auf mich alten Mann, ich meine es ernst, Rodion Romanowitsch (der kaum fünfunddreißigjährige Porfirij Petrowitsch schien bei diesen Worten tatsächlich gealtert zu sein: selbst seine Stimme hatte sich verändert, und er selbst war wie eingeschrumpft); außerdem bin ich ein aufrichtiger Mensch ... Bin ich aufrichtig oder nicht? Wie glauben Sie? Ich meine doch, ich bin durchaus aufrichtig, wenn ich Ihnen solche Dinge umsonst mitteile und dafür sogar keine Belohnung verlange, he-he! Ich fahre also fort: Scharfsinn ist meines Erachtens eine ausgezeichnete Sache; er ist sozusagen eine Zierde der Natur, ein Trost des Lebens; er kann zuweilen solche Rätsel aufgeben, daß so ein armer Untersuchungsrichter unmöglich dahinter kommen kann; der wird ja außerdem auch von seiner eigenen Phantasie hingerissen, was doch immer der Fall ist, denn er ist doch auch nur ein Mensch! Aber die Natur hilft dem armen Untersuchungsrichter, das ist das Unglück! Daran denkt aber nie die vom Scharfsinn hingerissene Jugend, ›die sich über alle Hindernisse hinwegsetzt‹ (wie Sie sich gestern so geistreich und scharfsinnig auszudrücken beliebten). Er wird vielleicht auch lügen, das heißt: der Mensch, der Einzelfall, das Inkognito wird lügen und wird es sogar ausgezeichnet und sehr schlau machen; nun sollte man meinen, er triumphiert und kann die Früchte seines Scharfsinns genießen, aber gefehlt! – an der interessantesten und skandalösesten Stelle fällt er in Ohnmacht. Allerdings ist er krank, in seinem Zimmer ist es wohl so dumpf, aber immerhin! Immerhin hat er einen Gedanken gegeben! Gelogen hat er unvergleichlich, hat aber nicht verstanden, die Natur mit in Betracht zu ziehen. Darin liegt eben die Tücke! Ein andermal läßt er sich von den Launen seines Scharfsinns hinreißen und beginnt, einen, der ihn verdächtigt, zum Narren zu halten: er erbleicht wie absichtlich, wie im Spiel, erbleicht aber gar zu natürlich, zu wahrheitsgetreu, und damit gibt er wieder einen Gedanken! Wenn es ihm zum erstenmal auch glückt, den andern zu betrügen, so kann sich der andere über Nacht die Sache überlegen, wenn er nicht zu dumm ist. Und so ist es auf Schritt und Tritt! Und noch mehr als das: Er fängt an, vorauszueilen, steckt überall seine Nase hinein, redet ununterbrochen davon, wovon er eigentlich schweigen müßte, läßt allerlei Andeutungen los, he-he! – kommt auch selbst und fragt: Warum nimmt man mich so lange nicht fest? He-he-he! Und das kann auch dem geistreichsten Menschen passieren, einem Psychologen und Literaten! Die Natur ist ein Spiegel, der beste Spiegel! Sieh nur hinein und erfreue dich, ja, so ist es! Warum sind Sie aber so blaß geworden, Rodion Romanowitsch? Ist es hier nicht zu dumpf, soll ich nicht das Fensterchen aufmachen?«

»Oh, bemühen Sie sich, bitte, nicht!« rief Raskolnikow und lachte plötzlich auf. »Bemühen Sie sich, bitte, nicht!«

Porfirij blieb vor ihm stehen, wartete eine Weile und fing selbst zu lachen an; Raskolnikow erhob sich vom Sofa und brach plötzlich seinen krampfartigen Lachanfall ab.

»Porfirij Petrowitsch!« sagte er laut und deutlich, obwohl er sich auf den zitternden Füßen kaum halten konnte. »Ich sehe endlich klar, daß Sie mich des Mordes an dieser Alten und ihrer Schwester Lisaweta verdächtigen. Meinerseits erkläre ich Ihnen, daß mir das alles schon längst zu dumm ist. Wenn Sie glauben, daß Sie ein Recht haben, mich gesetzlich zu verfolgen, so verfolgen Sie mich, – zu verhaften, so verhaften Sie mich. Aber daß man mir ins Gesicht lacht und mich quält, das erlaube ich nicht ...«

Plötzlich zitterten seine Lippen, seine Augen funkelten vor Wut, und die bisher zurückgehaltene Stimme klang hell und laut.

»Das erlaube ich nicht!« schrie er plötzlich auf und schlug aus aller Kraft mit der Faust auf den Tisch. »Hören Sie es, Porfirij Petrowitsch? Ich erlaube es nicht!«

»Ach, mein Gott, was haben Sie wieder!« rief Porfirij Petrowitsch, der wirklich erschreckt schien. »Väterchen, Rodion Romanowitsch! Liebster! Väterchen! Was haben Sie nur?«

»Ich erlaube es nicht!« rief Raskolnikow noch einmal.

»Väterchen, seien Sie still! Man wird es ja hören und herkommen! Was sollen wir dann sagen, bedenken Sie es doch!« flüsterte Porfirij Petrowitsch ganz entsetzt, indem er sein Gesicht dem Raskolnikows näherte.

»Ich erlaube es nicht, ich erlaube es nicht!« wiederholte Raskolnikow mechanisch, aber plötzlich im Flüsterton.

Porfirij wandte sich schnell um und lief zum Fenster, um es zu öffnen.

»Frische Luft! Sie müßten auch etwas Wasser trinken, mein Liebster, es ist ja ein Anfall!«

Er stürzte schon zur Tür, um Wasser bringen zu lassen, aber in der Ecke fand sich zum Glück eine Wasserkaraffe.

»Väterchen, trinken Sie doch,« flüsterte er, mit der Karaffe zu ihm stürzend, »vielleicht wird es Ihnen helfen ...«

Der Schreck und selbst die Teilnahme Porfirij Petrowitschs waren so natürlich, daß Raskolnikow verstummte und ihn mit wahnsinniger Neugier zu betrachten begann. Das Wasser nahm er jedoch nicht an.

»Rodion Romanowitsch! Liebster! So können Sie noch den Verstand verlieren! Ach! Trinken Sie doch, trinken Sie doch wenigstens etwas!«

Er zwang ihn dabei, das Glas Wasser in die Hand zu nehmen. Jener führte es mechanisch an die Lippen, besann sich aber und stellte es angeekelt auf den Tisch.

»Ja, Sie haben einen kleinen Anfall gehabt. So werden Sie, mein Lieber, wieder die alte Krankheit kriegen!« gackerte mit freundschaftlicher Teilnahme Porfirij Petrowitsch, der übrigens noch immer fassungslos schien. »Mein Gott, wie kann man sich nur so gar nicht schonen? Auch Dmitrij Prokofjitsch war gestern bei mir – ich gebe zu, ich gebe zu, daß ich einen unangenehmen, schlechten Charakter habe, aber was Sie daraus für Schlüsse gezogen haben! ... Mein Gott! Er kam gestern zu mir, gleich als Sie gegangen waren, wir aßen zu Mittag, er redete und redete, ich starrte ihn bloß an; und ich denke mir ... du lieber Gott! War er etwa in Ihrem Auftrage gekommen? Setzen Sie sich doch, Väterchen, setzen Sie sich um Christi willen!«

»Nein, nicht in meinem Auftrage! Aber ich wußte, daß er zu Ihnen gegangen war und warum er gegangen war«, antwortete Raskolnikow scharf.

»Sie wußten es?«

»Ich wußte es. Was ist denn dabei?«

»Ja, Väterchen, Rodion Romanowitsch, ich weiß noch ganz andere Dinge von Ihnen; alles ist mir bekannt! Ich weiß ja, wie Sie eine Wohnung mieten gingen, spät am Abend, als es schon dunkelte; wie Sie klingelten und nach dem Blute fragten und die Arbeiter und Hausknechte ganz konfus machten. Ich verstehe ja vollkommen Ihren Seelenzustand, das heißt den damaligen ... So werden Sie sich aber einfach um den Verstand bringen, bei Gott! Der Kopf wird Ihnen schwindeln! Eine Empörung kocht in Ihnen, eine edle Empörung über die Beleidigungen, die Sie zuerst vom Schicksal und dann von den Beamten auf dem Polizeirevier erlitten haben; und darum werfen Sie sich hin und her, um alle sozusagen schneller zum Sprechen zu zwingen und damit allem ein Ende zu machen, denn Sie sind schon aller dieser Dummheiten und Verdächtigungen überdrüssig geworden. Es ist doch so? Ich habe doch die Stimmung erraten? ... Sie werden aber so nicht nur sich selbst, sondern auch den Rasumichin verrückt machen; er ist doch ein viel zu guter Mensch dazu, das wissen Sie selbst. Sie haben die Krankheit, er aber hat die Tugend, darum ist die Krankheit für ihn ansteckend ... Ich werde Ihnen, Väterchen, wenn Sie sich beruhigt haben, etwas erzählen ... Setzen Sie sich doch, Väterchen, um Christi willen! Bitte, ruhen Sie aus, Sie sind blaß wie ein Toter. Setzen Sie sich doch!«

Raskolnikow setzte sich; das Zittern hörte auf, und er fühlte am ganzen Körper Fieberhitze. Mit tiefem Erstaunen hörte er gespannt dem erschrockenen Porfirij Petrowitsch zu, der sich so freundschaftlich um ihn bemühte. Er glaubte aber keinem seiner Worte, obwohl er auch eine seltsame Versuchung empfand, ihm zu glauben. Die unerwarteten Worte Porfirijs über die Wohnung machten ihn ganz bestürzt: – Wie ist es nun, er weiß es also, das von der Wohnung? – dachte er plötzlich: – und erzählt es mir selbst! –

»Ja, wir hatten einen fast ebensolchen psychologischen Fall in unserer Gerichtspraxis, einen krankhaften Fall«, fuhr Porfirij sich überstürzend fort. »Da hat sich auch einer eines Mordes bezichtigt, und wie: eine ganze Halluzination tischte er auf, brachte Tatsachen, erzählte alle Umstände, machte alle und jeden ganz konfus, und was stellte sich heraus? Er selbst war ganz ohne Absicht und nur zum Teil mit die Ursache des Mordes gewesen; als er aber erfuhr, daß er den Mördern die Gelegenheit zum Morde gegeben hatte, wurde er schwermütig und melancholisch, bekam Halluzinationen, wurde ganz verrückt und redete sich ein, daß er der Mörder sei! Aber der Regierende Senat klärte schließlich die Sache ganz auf, und der Unglückliche wurde freigesprochen und in ärztliche Pflege gegeben. Dank dem Regierenden Senate! Ach ja, wie ist es nun, Väterchen? So kann man leicht ein Nervenfieber kriegen, wenn man schon solche Anwandlungen hat, seine Nerven zu reizen, nachts auszugehen, um die Klingel zu ziehen und nach dem Blut zu fragen! Die psychischen Zustände habe ich ja in der Praxis gut studiert. So hat der Mensch manchmal auch eine Anwandlung, aus einem Fenster oder von einem Glockenturme zu springen, es ist eine so verführerische Empfindung. Auch das mit der Klingel ... Es ist eine Krankheit, Rodion Romanowitsch, eine Krankheit! Sie haben angefangen, Ihre Krankheit allzusehr zu vernachlässigen. Sie hätten doch einen ordentlichen Medikus zu Rate ziehen sollen, was ist denn dieser Dicke wert! ... Sie phantasieren! Alles tun Sie im Fieber! ...«

Einen Augenblick lang drehte sich alles vor Raskolnikows Augen wie im Wirbel.

– Lügt er denn auch jetzt? – ging es ihm durch den Sinn, – auch jetzt? Es ist unmöglich, unmöglich! – Er stieß den Gedanken von sich, da er im voraus wußte, bis zu welchem Grade von Raserei und Wut ihn dieser Gedanke bringen könnte, und da er fühlte, daß er nahe daran sei, vor Wut verrückt zu werden.

»Es war nicht im Fieber, es war bei vollem Bewußtsein!« schrie er, indem er alle Kräfte seines Verstandes anspannte, um in das Spiel Porfirijs einzudringen. »Bei vollem Bewußtsein! Hören Sie es?!«

»Ja, ich verstehe und höre es! Sie haben auch gestern gesagt, daß es nicht im Fieber gewesen sei! Sie haben sogar besonders betont, daß es nicht im Fieber gewesen sei! Ich verstehe alles, was Sie nur sagen können! Ach ja! ... Hören Sie mal, Rodion Romanowitsch, mein Wohltäter, nehmen Sie zum Beispiel diesen Umstand. Wenn Sie in der Tat der Verbrecher oder in diese verfluchte Sache irgendwie verwickelt wären, würden Sie dann, ich bitte Sie, selbst betonen, daß Sie es nicht im Fieber, sondern bei vollem Bewußtsein getan hätten? Und dazu noch so trotzig mit solcher Hartnäckigkeit betonen, ich bitte Sie! Ich meine, Sie würden sich ganz anders verhalten. Wenn Sie sich irgendeiner Schuld bewußt wären, so müßten Sie unbedingt betonen, daß alles im Fieber gewesen sei! Nicht wahr? Es ist doch so?«

In dieser Frage glaubte Raskolnikow etwas Heimtückisches zu hören. Er rückte von Porfirij, der ihn schweigend, unverwandt und fragend beobachtete, zur Sofalehne zurück.

»Oder zum Beispiel das mit Herrn Rasumichin, das heißt, ob er gestern ganz von selbst kam oder auf Ihre Veranlassung? Sie müßten doch unbedingt sagen, daß er von selbst gekommen wäre, und verheimlichen, daß er es auf Ihre Veranlassung getan hätte! Sie verheimlichen es aber nicht! Sie betonen doch, daß er auf Ihre Veranlassung gekommen war!«

Raskolnikow hatte dies niemals betont. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken.

»Sie lügen immerfort!« sagte er langsam und mit schwacher Stimme, während sich seine Lippen zu einem krankhaften Lächeln verzerrten. »Sie wollen mir wieder zeigen, daß Sie mein ganzes Spiel durchschauen und alle meine Antworten im voraus wissen«, sagte er und fühlte selbst fast nicht, daß er seine Worte nicht mehr ordentlich abwog. »Sie wollen mich einschüchtern ... oder Sie lachen einfach über mich ...«

Er fuhr fort, ihn unverwandt anzusehen, als er das sagte, und plötzlich leuchtete grenzenloser Haß wieder in seinen Augen auf.

»Sie lügen immer!« rief er aus. »Sie wissen doch selbst sehr gut, daß es der beste Ausweg für den Verbrecher ist, nach Möglichkeit die Wahrheit zu sprechen ... nach Möglichkeit nicht zu verheimlichen, was man nicht verheimlichen kann! Ich glaube Ihnen nicht!«

»Wie Sie sich aber hin und her winden!« kicherte Porfirij. »Mit Ihnen kann man gar nicht fertig werden, Väterchen: eine Monomanie hat sich in Ihnen festgesetzt. Sie glauben mir also nicht? Ich aber will Ihnen sagen, daß Sie mir schon glauben, daß Sie mir schon einen Viertel Arschin glauben, und ich werde es bald erreichen, daß Sie mir einen ganzen Arschin glauben, denn ich habe Sie aufrichtig gern und wünsche Ihnen von Herzen alles Gute.«

Raskolnikows Lippen zitterten.

»Jawohl, das wünsche ich Ihnen, und ich will Ihnen endgültig sagen«, fuhr er fort, indem er Raskolnikows Arm leicht und freundschaftlich oberhalb des Ellbogens ergriff. »Ich will Ihnen endgültig sagen: geben Sie doch auf Ihre Krankheit acht. Außerdem haben Sie ja Besuch von Ihren Angehörigen; denken Sie doch auch an sie. Sie sollten sie beruhigen und zartfühlend behandeln, Sie machen ihnen aber nur Angst ...«

»Was geht Sie das an? Wie können Sie das wissen? Warum interessieren Sie sich so dafür? Folglich beobachten Sie mich und wollen es mir zeigen?«

»Väterchen! Das habe ich doch von Ihnen selbst erfahren, von Ihnen selbst! Sie merken ja gar nicht, daß Sie das alles in Ihrer Erregung mir und auch den anderen erzählen. Auch von Herrn Dmitrij Prokofjitsch Rasumichin habe ich gestern viele interessante Einzelheiten erfahren. Nein, Sie haben mich unterbrochen, ich aber will Ihnen sagen, daß Sie durch Ihren Argwohn bei all Ihrem Scharfblick selbst das gesunde Verhältnis zu den Dingen verloren haben. Nehmen wir als Beispiel wieder das mit der Klingel: so einen wertvollen Schatz, eine solche Tatsache (es ist doch eine ganze Tatsache!) habe ich, der Untersuchungsrichter, Ihnen mit Haut und Haaren ausgeliefert! Sehen Sie denn nichts darin? Wenn ich Sie doch nur ein wenig verdächtigte, dürfte ich so handeln? Im Gegenteil, ich müßte zuerst Ihren Argwohn einschläfern und durch keine Miene verraten, daß ich über diese Tat schon unterrichtet bin. Ich müßte Sie in eine entgegengesetzte Richtung ablenken und dann plötzlich wie mit einem Beilhieb auf den Scheitel (wie Sie sich selbst ausdrückten) betäuben: ›Was haben Sie, verehrter Herr, gestern in der Wohnung der Ermordeten gemacht, um zehn Uhr abends, oder vielleicht gar um elf? Und warum haben Sie an der Klingel gezogen? Und warum haben Sie nach dem Blute gefragt? Und warum haben Sie die Hausknechte konfus gemacht und aufgefordert, aufs Revier zum Polizeileutnant zu gehen?‹ So hätte ich vorgehen müssen, wenn ich auch den geringsten Verdacht gegen Sie hätte! Ich müßte Sie in aller Form vernehmen, eine Haussuchung bei Ihnen abhalten und Sie vielleicht auch verhaften ... Folglich hege ich doch nicht den Verdacht gegen Sie, wenn ich anders vorgehe! Sie aber haben jedes gesunde Verhältnis zu den Dingen verloren und sehen nichts, wiederhole ich!«

Raskolnikow fuhr am ganzen Körper zusammen, so daß Porfirij Petrowitsch es allzu deutlich merkte.

»Sie lügen immer!« rief er aus. »Ich kenne Ihre Absichten nicht, aber Sie lügen ... Vorhin haben Sie nicht in diesem Sinne gesprochen, und ich kann mich nicht irren ... Sie lügen!«

»Ich lüge?« fiel ihm Porfirij ins Wort, scheinbar erregt, doch mit der gleichen lustigen und spöttischen Miene; er schien sich nicht im geringsten darum zu kümmern, welche Ansicht über ihn Herr Raskolnikow hatte. »Ich lüge? ... Wie habe ich mich aber vorhin Ihnen gegenüber benommen (ich, der Untersuchungsrichter), – indem ich Ihnen selbst alles suggerierte, alle Mittel zur Verteidigung lieferte und Ihnen selbst die ganze Psychologie erklärte: ›Es war die Krankheit, ein Fieberwahn, ich war beleidigt; die Melancholie und die Beamten auf dem Polizeirevier‹, und dergleichen! Wie? He-he-he! Obwohl ich Ihnen bei dieser Gelegenheit sagen möchte, daß alle diese psychologischen Mittel zur Verteidigung, alle diese Ausflüchte und Finten wenig nützen und zwei Enden haben: ›Es war die Krankheit, das Delirium, Träume, es kam mir nur so vor, ich weiß nichts mehr,‹ – das stimmt alles, aber warum sind Ihnen, Väterchen, in der Krankheit, im Fieber gerade solche Träume gekommen und keine anderen? Es hätten ja auch andere kommen können? Nicht wahr? He-he-he!«

Raskolnikow blickte ihn stolz und mit Verachtung an.

»Mit einem Worte,« sagte er eindringlich und laut, indem er aufstand und Porfirij dabei ein wenig zur Seite stieß, »ich möchte wissen: halten Sie mich für endgültig frei von jedem Verdacht – oder nicht? Sagen Sie es, Porfirij Petrowitsch, sagen Sie es positiv und endgültig, und schnell, sofort!«

»Ist das ein Kreuz! Was Sie einem für Schwierigkeiten machen!« rief Porfirij mit vollkommen lustiger, verschlagener und durchaus nicht besorgter Miene. »Ja, was brauchen Sie das zu wissen, warum wollen Sie so vieles wissen, wenn man noch nicht mal angefangen hat, Sie irgendwie zu belästigen? Sie sind doch wie ein Kind: Sie wollen unbedingt, daß man Ihnen das Feuer in die Hand gibt! Und warum regen Sie sich so auf? Warum drängen Sie sich uns so auf, aus welchem Grunde? Wie? He-he-he!«

»Ich sage Ihnen noch einmal,« rief Raskolnikow, außer sich vor Wut, »daß ich es nicht länger ertragen kann!«

»Was denn? Die Ungewißheit?« unterbrach ihn Porfirij.

»Verhöhnen Sie mich nicht! Ich will es nicht! ... Ich sage Ihnen ja, daß ich es nicht will! ... Ich kann und will es nicht! ... Hören Sie! Hören Sie!« schrie er und schlug wieder mit der Faust auf den Tisch.

»Stiller doch, stiller! Man wird Sie hören! Ich warne Sie ernsthaft: Schonen Sie sich. Ich spaße nicht!« flüsterte Porfirij Petrowitsch; diesmal war aber in seinem Gesicht nicht mehr der frühere weibisch-gutmütige und erschrockene Ausdruck, im Gegenteil, jetzt befahl er streng, mit gerunzelten Brauen, als ließe er alle Geheimnisse und Zweideutigkeiten auf einmal fallen.

Das dauerte aber nur einen Augenblick. Der anfangs bestürzte Raskolnikow geriet plötzlich in echte Wut; aber seltsam: er folgte wieder dem Befehl, leiser zu sprechen, obwohl er auch in höchster Raserei war.

»Ich lasse mich nicht quälen!« flüsterte er wie vorhin und merkte zugleich mit Schmerz und Haß, daß er nicht umhin konnte, dem Befehle zu folgen, und dieser Gedanke versetzte ihn in eine noch größere Raserei. »Verhaften Sie mich, durchsuchen Sie mich, aber behandeln Sie mich nach der gesetzlichen Form, und spielen Sie nicht mit mir! Unterstehen Sie sich nicht ...«

»Kümmern Sie sich doch nicht um die Form«, unterbrach ihn Porfirij mit dem früheren verschlagenen Lächeln, indem er Raskolnikow mit scheinbarem Vergnügen betrachtete. »Ich habe Sie, Väterchen, ganz privat und freundschaftlich eingeladen!«

»Ich will Ihre Freundschaft nicht, und ich spucke auf sie! Hören Sie es? Und sehen Sie; ich nehme meine Mütze und gehe fort. Nun, was wirst du jetzt sagen, wenn du mich verhaften willst?«

Er ergriff seine Mütze und ging zur Tür.

»Wollen Sie denn nicht die kleine Überraschung sehen?« kicherte wieder Porfirij, indem er ihn wieder am Arm oberhalb des Ellbogens nahm und an der Tür festhielt.

Er wurde sichtlich lustiger und vergnügter, was Raskolnikow endgültig aus der Fassung brachte.

»Was für eine Überraschung? Was ist los?« fragte er plötzlich, stehen bleibend und Porfirij erschrocken anblickend.

»Die kleine Überraschung habe ich hier hinter der Tür sitzen, he-he-he! (Er zeigte mit dem Finger auf die verschlossene Tür in der rückwärtigen Wand, die in seine Dienstwohnung führte.) Ich habe Sie eingeschlossen, damit Sie nicht davonlaufen.«

»Was ist? Wo? Was? ...«

Raskolnikow ging zu der Tür und wollte sie öffnen, sie war aber verschlossen.

»Sie ist verschlossen, hier ist der Schlüssel!«

Und er holte in der Tat aus der Tasche einen Schlüssel hervor und zeigte ihn ihm.

»Du lügst immer!« schrie Raskolnikow, der sich nicht länger beherrschte. »Du lügst, verfluchter Hanswurst!« Und mit diesen Worten stürzte er sich auf Porfirij, der sich zur Tür retiriert hatte, aber gar nicht erschrocken schien.

»Ich verstehe alles, alles!« rief er, indem er auf ihn zusprang. »Du lügst und reizt mich, damit ich mich selbst verrate ...«

»Sie können sich doch nicht mehr verraten, Väterchen, Rodion Romanowitsch! Sie rasen ja schon. Schreien Sie nicht, sonst rufe ich Leute herbei.«

»Du lügst, nichts wird geschehen! Rufe nur deine Leute! Du wußtest, daß ich krank bin, und wolltest mich rasend machen, damit ich mich verrate, das ist deine Absicht! Nein, zeige mir Tatsachen! Ich habe alles verstanden! Du hast keine Tatsachen, du hast nur elende, wertlose Hypothesen im Samjotowschen Stile! ... Du kanntest meinen Charakter, du wolltest mich in Raserei versetzen, um mich dann plötzlich mit Popen und Delegierten zu überfallen ... Du wartest doch auf sie? Wie? Was wartest du? Wo? Zeig sie mir doch!«

»Was für Delegierte meinen Sie denn, Väterchen? Was so ein Mensch sich nicht alles einbildet! Nach den Vorschriften darf man gar nicht so vorgehen, wie Sie sagen, Sie verstehen überhaupt nichts von der Sache ... Und die Form wird uns nicht davonlaufen, Sie werden es selbst sehen! ...« murmelte Porfirij, an der Tür lauschend.

In diesem Augenblick ließ sich wirklich im anderen Zimmer dicht hinter der Tür etwas wie ein Geräusch vernehmen.

»Ah, sie kommen!« schrie Raskolnikow. »Du hast nach ihnen geschickt! ... Du hast sie erwartet! Du hast es berechnet ... Nun, zeig sie her alle: die Delegierten, die Zeugen, wenn du willst ... Zeig sie her! Ich bin bereit! Bereit!«

Hier trat aber ein sonderbares Ereignis ein, etwas beim normalen Gang der Dinge so Unerwartetes, daß weder Raskolnikow noch Porfirij Petrowisch auf einen solchen Ausgang hatten rechnen können.